50 years later...

von PaJoMe
OneshotAllgemein / P12
Andrej "Tschick" Tschichatschow Maik Klingenberg
26.06.2016
26.06.2016
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Nun gut, da wir für die Schule aufschreiben sollten, was 50 Jahre nach dem Versprechen auf dem Berg passiert, dachte ich, ich veröffentliche diese Geschichte auch hier~
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Keuchend stand ich auf dem Gipfel, aber das erwartete Déjà-Vu Gefühl blieb aus. Es war der 17. Juli, im Jahr 2060. Das einzige, was nicht so war wie damals, war die Uhrzeit. Ich war nämlich viel zu früh, es war gerade mal um drei nachmittags, und natürlich war keine Spur von den Leuten zu sehen, mit denen ich damals einmal Spaß gehabt hatte. Rückblickend kam ich mir echt dumm vor, dass ich wirklich bei dieser Aktion mitgemacht hatte. Mit meinen Erfahrungen jetzt hätte ich das nie gemacht, aber eigentlich bereute ich die Entscheidung auch nicht. Wie wir, das Trio aus Tschick, Isa und mir, Maik, uns damals geschworen hatten, war ich nun hier. An dem Ort, an dem wir vor fast genau fünfzig Jahren dieses Versprechen gemacht hatten. Meine Erinnerungen an den Tag waren praktisch verschwunden, der einzige Grund, warum ich ihn nicht vollkommen vergessen hatte, waren die zwei Briefe, die mich immer begleitet hatten. Nach jedem Umzug waren sie in einer neuen Wohnung an die Wand geklebt worden, nur um diesen wichtigsten aller Tage nicht zu vergessen. Die Briefe stammten von Isa und Tschick, beide wiesen auf eben das heutige Datum hin.
Eigentlich war es sinnlos hier zu warten, denn vermutlich war ich der einzige Depp, der sich an die ganze Geschichte erinnerte. Innerlich redete ich mir ein, dass ich viel zu früh war, und deswegen natürlich keiner der anderen hier war. Trotzdem, nach fast neunzehn Jahren Briefkontakt mit Isa, und immerhin zehn Jahren mit Tschick, war unser Band zueinander komplett abgebrochen. Obwohl ich jedes Mal, wenn mein Blick auf einen der Briefe fiel, an Tschick und Isa denken musste, war die Erinnerung so verblasst, dass ich Angst hatte, die Beiden nicht einmal wiederzuerkennen. Vermutlich malte sich mein Unterbewusstsein alles in hübschen Farben aus, obwohl es doch eigentlich nie so toll gewesen war. Oder die Beiden waren eigentlich echt froh gewesen, dass sie mich los waren. Ängste dieser Art ließen mich schon seit einer Woche nicht mehr vernünftig schlafen. Da konnte ich mir noch so viel einreden.
Der Ort an dem ich saß, hatte sich genauso viel verändert, wie ich mich. Die kleine Holzhütte existierte noch, auch unsere Namen waren mit viel Fantasie noch zu lesen. Direkt neben der Hütte, stand jedoch eine viel größere Hütte, in der nun ein Restaurant war. Oder eine „Alm zum Gipfelkreuz“, wie das große Schild davor erklärte. Allerdings war sie, aus welchen Gründen auch immer, geschlossen. Deswegen war ich wirklich allein.
Je mehr Zeit verging, desto mehr Zweifel bekam ich. Schließlich erklärte ich mir selbst halblaut, dass, selbst wenn die anderen nicht kommen würden, es sich auf jeden Fall gelohnt hatte, hierher zu kommen. Um Erinnerungen aufleben zu lassen, und um etwas Sport zu treiben. Ich hatte keine Ahnung mehr, wie lange wir damals für den Aufstieg gebraucht hatten, aber heute waren es wohl mehr als vier Stunden gewesen. Irgendwann, als es kurz vor fünf war, der eigentlichen Zeit unseres Treffens, fing ich an zu überlegen, ob Isa und Tschick überhaupt noch lebten. In fünfzig Jahren konnte viel passieren, und bei der draufgängerischen Art der beiden…
Diesen Gedanken wurde ich nicht mehr los, bis mir jemand auf die Schulter tippte. Ich drehte mich um, und blickte einer älteren Frau ins Gesicht, die offenbar ihre Mühen gehabt hatte, den Aufstieg zu schaffen. Dass sie mir irgendwie bekannt vorkam, bemerkte ich erst, nachdem sie gesprochen hatte.
„Maik?“, fragte sie vorsichtig. Das traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Mir war natürlich schlagartig klar, wer das nur sein konnte, und irgendwie verwirrte es mich. Isa sah nämlich komplett anders aus als vor fünfzig Jahren. Natürlich war das mehr als logisch, aber sie war eben nicht nur viel älter geworden, sondern ihr komplettes Bild hatte sich verändert. Was mir als Erstes auffiel, war, dass ihre Klamotten viel ordentlicher waren. Weiter kam ich mit Denken nicht, da sie mich schon längst umarmt hatte, und mir auffiel, dass mein Mund offen gestanden hatte. „Isa…“, flüsterte ich heiser, und umarmte sie genauso heftig zurück, während mir Tränen in die Augen stiegen. „Und ich dachte schon, du hättest es vergessen!“, lachte sie. „Ich? Ich dachte du hättest es vergessen!“, gab ich etwas empört zurück. „Meine Güte, ich will gar nicht wissen, was bei dir alles passiert ist! Aber ich bin dafür, auf Tschick zu warten!“, erklärte ich schnell. Isa dachte kurz nach, dann nickte sie und kramte in ihrer Tasche. Grinsend hielt sie mir dreißig Euro unter die Nase. Verwirrt starrte ich darauf. „Was?“, war meine wenig intelligente Reaktion. „Komm schon du Idiot, das sind die dreißig Euro, die du mir damals geborgt hast!“, schnaubte sie. Irgendetwas in meinem Gehirn machte Klick, und ich erinnerte mich flüchtig an die Situation, in der sie uns verlassen hatte. „Eh… Ich brauch die nicht, du kannst sie behalten.“, murmelte ich, mehr verlegen darüber, dass ich wirklich alles vergessen hatte. Mein Gehirn hing sowieso noch dabei fest, diese erneute Begegnung zu verarbeiten. „Nimm sie.“, sagte Isa, und drückte mir die Scheine in die Hand. „Ich hatte es dir versprochen.“ Ich nickte nur.
Obwohl wir eigentlich meinten, dass wir auf Tschick warten wollten, tauschten wir im Endeffekt doch viel über unser Leben aus. Nicht weil wir ungeduldig waren, sondern weil Tschick einfach nicht kam. „Vergiss den Idioten, ich bin ja da.“, erklärte Isa, als schon fast eine weitere Stunde vergangen war. „Es ist trotzdem frustrierend…“, murmelte ich. Hinter uns ertönten Männerstimmen, und als wir uns umdrehten, standen da zwei Herren in unserem Alter, die sich an der Hand hielten. „Scheiß Schwuchteln“, flüsterte Isa grinsend. Obwohl man gedacht hätte, dass sich ihr Wortschatz mit dem Alter gebessert hätte, war alles beim Alten geblieben. „Begrüßt man so alte Freunde?“, rief der Mann mit dem irgendwie ausländisch aussehenden Gesicht.
Und da war der zweite Schock an meinem heutigen Tag. Irgendwie erkannte ich keinen von meinen Freunden wieder. „Tschick!“, rief ich komplett perplex. „Hey! Eigentlich Andrej, aber für euch meinetwegen immer noch Tschick.“, grüßte er zurück. Jetzt konnte ich mich wirklich nicht mehr halten und fing an loszuheulen, während ich zu Tschick ging, um ihn zu umarmen. „Komm schon, wir sehen uns fünfzig Jahre nicht, und du heulst einfach?“, grinste er, obwohl ich genau wusste, dass er auch Tränen zurückhielt. Auch Isa kam an, und nachdem wir uns begrüßt hatten, stellte Tschick uns seinen Begleiter vor. „Das ist Marco, mein Mann. Und halt einfach die Klappe Isa!“ Er hatte genau gesehen, wie Isa sofort einen Kommentar loswerden wollte, aber sie verkniff es sich.
Weil er viel zu spät dran war, er meinte, er hätte sich die Zeit falsch gemerkt, musste er anfangen, seine Geschichte zu erzählen. Von Anfang an betonte er, dass es eigentlich total unspektakulär war, aber trotzdem war es unglaublich interessant zu hören, was passiert war. Nach verschiedensten Ereignissen, auf die Tschick nicht näher einging, hatte er schließlich eine Ausbildung in einem Restaurant begonnen, und dort dann schließlich auch Arbeit gefunden. Nach ein paar Jahren war ihm ein gewisser Kunde immer öfter aufgefallen, da er fast jede Woche als Gast kam. Auch anderen Mitarbeitern war der Stammkunde aufgefallen, und Tschick hatte schließlich angefangen immer mehr mit ihm zu reden, und irgendwie endeten die beiden dann als Paar. Jetzt waren sie verheiratet und arbeiteten nun zu zweit in dem Restaurant, in dem sie sich kennengelernt hatten.
Tatsächlich erzählte Tschick nicht wirklich viel mehr als das, weil er meinte, der Rest wäre noch langweiliger. Danach war Isa an der Reihe, und ich hörte dieselbe Geschichte erneut, weswegen ich mich weniger darauf konzentrierte, als auf ihre Art selbst. Es tat wirklich gut diese alten Freunde wieder um sich zu haben. Tschick hatte sich in seinem Kleidungsstil in keiner Form geändert, Isa trug, wie bereits erwähnt, nun ordentlichere Sachen. Das kam allerdings auch daher, dass sie nun Lehrerin war. Wie sie das eigentlich geschafft hatte, verriet sie nicht, aber innerlich taten mir die Kinder fast ein wenig Leid. Was man von Isa am meisten lernte, waren Schimpfwörter.
Schließlich musste ich erzählen, und um ehrlich zu sein, hätte ich es am Liebsten nicht getan. Das erste was Tschick fragte, war: „Wo hast du denn Tatjana gelassen?“, und das war gerade der Punkt, zu dem ich nicht kommen wollte. Also fing ich damit an, wie ich Finanzberater wurde, weil mein Vater mir irgendwelche Karrieren organisiert hatte, und ich immerhin gutes Geld damit gemacht hatte. Zu Tatjana hatte ich noch lange Kontakt gehabt, und tatsächlich waren wir im Alter von etwa dreißig für sehr lange Zeit zusammen gewesen. Tschick grinste kontinuierlich, als ich das erzählte, bis ich kurz und schmerzlos zusammenfasste, wie sie mich betrogen hatte und dann einfach wegzog. Bevor irgendeiner der anderen etwas dazu sagen konnte, fuhr ich schnell damit fort zu erzählen, wie ich mein Leben danach komplett verändert hatte und nun selbstständiger Künstler war. Als ich endete, herrschte Schweigen.
„Tut mir Leid für dich, falls dir das hilft.“, murmelte Isa schließlich. Ich zuckte mit den Schultern, denn helfen tat es nicht, aber es tat gut, solche mitfühlenden Worte von ihr zu hören. „Es ist lange her, also naja. Und im Endeffekt hat sie mich irgendwie zu meinem heutigen Job geführt, immerhin habe ich ja damals für sie so toll gemalt.“ Tschick sagte gar nichts, und Marco saß sowieso schon die ganze Zeit stumm da, weil er vermutlich die Stimmung durch seine Anwesenheit nicht stören wollte. Musste schon komisch sein zu einem Treffen von Leuten mitzukommen, die sich fünfzig Jahre nicht gesehen haben und sich jetzt ihr Leben erzählten.
Schließlich folgten noch ein paar Belanglosigkeiten, zum Beispiel, dass Isa mit einem Reisebus hierher gefahren war, so einer, mit dem sie damals auch weggefahren war. Und dass Tschick faulerweise mit einem Auto gefahren war. Dann plötzlich, zeigte Tschick uns seinen Arm, auf dem fein säuberlich: „AT MK IS 10“ eintätowiert war. Ich heulte schon wieder, während wir zu der kleinen Holzhütte liefen, und es verglichen. Isa schwor, sich genau dasselbe Tattoo stechen zu lassen, und ich überwand mich auch. Immerhin war das wirklich ein tiefes Zeichen der Freundschaft.
Gemeinsam ritzten wir direkt unter die alten Buchstaben die neue Version ein: „AT MK IS 60“. Wir hätten auch unsere vollen Namen schreiben können, da Tschick tatsächlich an vernünftiges Werkzeug gedacht hatte, aber wir entschieden uns dagegen. Nebenbei schrieb Marco auch „AT MB 25-∞“ an eine Seite der Hütte, wie wir später erfuhren, war das das Tattoo von Marco und Tschick.
Wir saßen ewig dort und erzählten uns kleinere Geschichten aus unserem Leben. Irgendwann tauschten wir auch unsere neuen Adressen aus, und das stille Versprechen, den Kontakt diesmal für immer aufrecht zu erhalten, legte sich auf uns.
"Wie wäre es, wenn wir uns in zehn Jahren noch einmal treffen? Genau hier?“, fragte ich. Die anderen nickten nur.
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