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The Aftermath

GeschichteHorror, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Aaron "Hotch" Hotchner David Rossi OC (Own Character)
20.06.2016
16.02.2020
6
14.835
2
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28 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
16.02.2020 2.190
 
2020-02-16: Und es geht hier mal weiter. :D Danke Sandsturm für den Ansporn!

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Kapitel 6.


„DU VERDAMMTER PENNER!“

Schmerz riss ihn aus dem Nichts, begleitet von einem schier ohrenbetäubenden Lärm. In der einen Sekunde schlief er noch wie ein Toter, in der nächsten knallte er unvermittelt auf den Boden und schlug sich den Hinterkopf an der Wand an.

Noch bevor er die Möglichkeit hatte, seinen benommenen Geist ins Hier und Jetzt zu führen, hagelte ein Sturm von Flüchen auf Hotch ein, ausgespiene Worte wie Schläge ins Gesicht, in einem Tempo und einer Lautstärke, dass er zu Beginn nicht ein einzelnes Wort wirklich greifen konnte und völlig überfordert war.

„WAS ZUM TEUFEL IST LOS MIT DIR?!“

Hotch rieb sich über die Augen, versuchte, die Benommenheit zu vertreiben und wieder Gefühl in seinem Körper zu erlangen, Gewalt über seine Bewegungen, irgendeine Art Kontrolle über sich, doch er hatte kaum die Hand zum Gesicht führen können und lag wie gelähmt auf dem Boden und starrte nur zur Quelle allen Übels. Sein Gehirn brauchte schier endlose Momente, Augenblicke gefüllt mit haltlosen Beschimpfungen, um im Ansatz zu realisieren, wo er war.

Clyde…

Clyde stand vor ihm. Clyde, der wie vom Teufel besessen aus dem Bett aufgesprungen war, er stand auf der anderen Seite des Raumes an die Wand gelehnt und hielt sich mehr schreck- als schmerzverzerrt den blutenden Arm. Bevor er aus dem Bett getaumelt war, musste Clyde ihn selbst mit Gewalt aus diesem befördert haben, doch Hotch verstand noch immer nicht, was überhaupt passiert war. Im ersten Moment wusste er nicht einmal, warum er hier war. Sein Kopf war wie leergefegt, da war nicht ein einziger Gedanke, da war nichts, rein gar nichts, nur das dumpfe Pochen in seinem Hinterkopf und das Klingeln in seinen Ohren und die verschwommen vor seinen Augen tanzenden Lichter und-

„Du Pisser kommst hier her, lässt dich von mir ficken und stichst mich dann ab!?“

Es war Unglaube, kalter, überraschter Unglaube, völlig vor den Kopf gestoßen, der aus den ausgespienen Worten des Anderen sprach.
Hotch verstand nicht.

„Was zum verfickten Teufel ist falsch mit dir?!“

Hotch versuchte, die Benommenheit abzuschütteln und sich von der Wand abzustützen. Er erinnerte sich nicht einmal genau, wie er überhaupt hierher gekommen war, geschweige denn, was in den letzten Stunden hier passiert war. Als er versuchte, aus seiner Zwangslage herauszukommen, bemerkte er erst das Messer, das er mit der Linken fest umklammert hielt, als wäre es sein Ticket in die Freiheit, seine einzige Garantie zu überleben, sowie das Blut, das seine Hand wie auch Teile des Bettes bedeckte.

„Was…“, brachte er undeutlich hervor.

„Nichts was, du Wichser“, schrie Clyde ihn an, während das Blut durch seine Adern rauschte und ihm schwindelig vor Schreck und Schmerz war. Sein rechter Arm brannte wie Feuer, seine Hand konnte er kaum schließen. „Lass das scheiß Messer fallen!“

Immerhin war das Bett zwischen ihnen beiden und Hotchner wirkte auch nicht so, als würde er ihn in diesem Moment noch einmal attackieren wollen - doch das hatte er bis eben auch gedacht, als sie beide mehr oder weniger ruhiggestellt geschlafen hatten. Was zum Henker war in ihn gefahren?

Nur langsam drang die Tragweite der Situation in Hotchs Bewusstsein vor. Er wollte den Worten des Jüngeren Folge leisten, wollte das Messer, das doch nicht in seiner Hand sein konnte und es trotzdem war, wegwerfen, weil er nicht verstand, was überhaupt passiert war - doch er konnte sich nicht bewegen. Er saß nur da, rücklings an die Wand gelehnt, unsanft von Clyde aus dem Bett gestoßen, ungläubig und verständnislos, und starrte auf das Messer in seiner Hand und das Blut und darauf, wie die Zeit stillstand.

Das alles machte keinen Sinn…
Nichts hiervon machte Sinn…

Lass los, Aaron

Als wäre das Messer in seiner Hand plötzlich ein ätzendes Stück Metall, öffnete er ruckartig die bis eben gekrampften Finger und riss die Hand zu sich. Mit dem Flüstern in seinem Kopf kamen mit einem Schlag die Erinnerungen an den letzten Tag zurück, sie ergossen sich über ihm wie siedend heißes Öl und verbrannten jedes bisschen Benommenheit und jedes bisschen Leere in seinem Kopf und ersetzten sie mit klebrigem, schwarzen, schweeren Teer.

Lass los, Aaron, grinste es ihm höhnisch entgegen, ganz leise, beherrscht, belustigt, zufrieden, lass los, ganz genau so, ganz genau so machst du es richtig.

Wie ein Gedanke aus einem fernen Traum schoss es ihm in den Kopf, wie eine längst vergessene Wahrheit, wie ein Schatten, der kaum Kontur hatte und plötzlich Gestalt annahm: Er war eine Marionette.

Wir wissen beide, dass es so richtig ist.

Eine leblose Marionette.

Wir wissen beide, dass das du bist.

Nur eine Spielfigur.

Lass los, Aaron.

Er war nicht Herr seiner Selbst. Er war es nie gewesen.

Tanze.

Der schmerzverzerrte Ausdruck in Clydes Gesicht verwandelte sich in ein spitzes, hohles Grinsen, seine Augen in schmale, dunkle Punkte, seine Züge in die von Lewis.

Ein Ruck fuhr durch Hotchners Körper und ließ ihn wie besessen vom Boden aufspringen. Er taumelte ein paar Schritte zur Seite, wich ebenso von Clyde zurück, wie dieser an der gegenüberliegenden Raumseite augenblicklich von ihm wegwich.

„Was hast du…“, stammelte Hotch, wurde aber ebenso wütend wie auch hörbar angsterfüllt von Clyde unterbrochen.

„Was habe ich? Die Frage ist doch, was für ein Scheiß geht bei dir ab, verdammt?“ Er sah zur Tür und versuchte abzuschätzen, ob Hotchners plötzlicher Bewegungsdrang für ihn eine erneute Gefahrensituation darstellte, oder ob der Andere nun endlich wieder klar genug im Kopf war, um irgendwas hiervon zu begreifen. Wie hatte er sich derart irren können? Wie hatte er Hotchner derart falsch einschätzen können, dass der ihn mitten im Schlaf versuchte abzustechen? Was war passiert zwischen dem Moment, in dem sie beide…

Statt wie erstarrt auf dem Boden zu sitzen, stand Hotch nun ebenso bewegungsunfähig an die Wand gedrückt dar, den Blick abwechselnd zwischen Clyde und dem Messer auf dem Boden hin- und herirren lassend. In seinem Kopf zuckten Bilder und Stimmen, Erinnerungen, an die er sich doch nicht erinnerte, Dinge, von denen er nicht wusste, ob sie wahr oder nur geträumt waren.

Tanzen Sie, Agent, hallte es leise in seinem Kopf, wieder und wieder und wieder, sodass er verzweifelt die Handballen gegen die Schläfen presste.

Kaum hatte er die Augen geschlossen, sah er Dr. Regan vor sich, kaum eine Armlänge entfernt. Er sah sie lachen, fröhlich, in sich ruhend, zufrieden, und dann sah er dabei zu, wie sie sich ein Messer in den Hals drückte, er sah, wie die Klinge die Haut durchglitt wie durch ein warmes Stück Butter. Dasselbe Messer, das noch eben vor ihm auf dem Boden gelegen hatte, dasselbe Messer, das er eben noch in seinen Fingern gespürt hatte, dasselbe Messer, mit dem er selbst eben…

Tanzen Sie!

„Nein!“ Als würde er jemanden vor sich wegstoßen, schlug Hotch mit der leeren Hand in die Luft vor ihm.

Clyde beobachtete ihn mit einer Mischung aus Schreck und Entsetzen und wich bei Hotchners ruckartigen Bewegung noch ein Stück weiter von ihm weg. Zum Teufel, er war für so einen Scheiß nicht gemacht! Er vertickte Pillen, aber er war niemand, der körperliche Gewalt einsetzte oder einstecken konnte. Er pflegte nicht umsonst nur ein ganz bestimmtes Klientel zu bedienen!

„Raus!“, schnauzte er Hotch an, klang aber nicht mehr ganz so sicher wie noch kurz zuvor, als Schreck und Adrenalin ihn die Situation für einen Moment sehr einseitig hatten betrachten und ihn sich selbst überschätzen lassen. Jetzt schwang jede Menge Furcht in seiner Stimme mit, die er nur schwer unterdrücken konnte. Er bückte sich, griff nach Hotchners feiner Anzughose, die auf seiner Seite des Bettes lag, und schleuderte sie über das Bett hinweg zum Anderen. „Sieh zu, dass du verschwindest!“

Hotch folgte seinen Worten wie in Trance. Es war, als stünde er neben sich, neben beiden, und wusste nicht, was hier überhaupt gerade geschah. Wie fremdgesteuert zog er sich Hose und Hemd an, verschmierte dabei das Blut an dem feinen Stoff, und starrte die ganze Zeit über nur betreten zu Boden. Hatte er gerade wirklich den Anderen… Aber wenn nicht er, was war dann passiert? Er würde nie-

„Alter, sieh zu, dass du verschwindest“, drängte Clyde erneut. Mittlerweile klang er nur noch müde, die Aggressivität war fast völlig aus seiner Stimme gewichen. Sicher, er beobachtete noch immer jede von Hotchners Bewegungen ganz genau, aber der bewegte sich derart langsam, dass er nicht glaubte, dass er ihn noch einmal attackieren würde. Hotchs müden Versuch, sich zu erklären, wimmelte er energisch ab.

„Clyde, ich-“

„Verschwinde einfach!“

Clyde folgte Hotch, der Schuhe und Jacke noch in beiden Händen trug und nur mit Hemd und Hose bekleidet vor ihm her Richtung Tür ging. Als wäre er ein verflossener Liebhaber von Clyde oder jemand, den er gerade beim Seitensprung erwischt hatte. Wäre Clyde nicht so fertig gewesen von dem, was hier gerade abging, dann hätte er über das Klischeehafte der Situation herzlich gelacht.
Aber er lachte nicht.
Und Hotchner ebensowenig.

„Clyde“, setzte Hotch noch einmal an, nur um wieder lautstark von ihm unterbrochen zu werden.

„Spar dir deine Erklärung und verpiss dich endlich!“

Auf der gegenüberliegenden Flurseite öffnete sich eine Wohnungstür. „Junger Mann, nicht um diese Uhrzeit“, zeterte ein älterer Nachbar von Clyde.

Der schenkte ihm wenig Beachtung und starrte stattdessen noch immer eiskalt erwischt Hotch an, der nur wenige Armlängen von ihm entfernt unschlüssig im Flur stand. Die ungefragte Einmischung des Herrn von Gegenüber ließ in ihm für einen Augenblick die Wut wieder hochkochen. Das unkontrollierte Pochen seines eigenen Herzen ignorierend funkelte er Hotch an. „Du bist doch krank, Mann!“

Wenn dieser Albtraum endlich ein Ende hätte, würde er heute sein eigener Kunde werden. Wann hatte die Nacht eine so beschissene Wendung genommen?

Der Nachbar von Gegenüber beschwerte sich erneut über die nächtliche Störung, sodass Clyde für einen kurzen Augenblick sein gutes Elternhaus vergas und ihn ebenso ungehalten anfuhr und zurechtwies, er solle gefälligst wieder schlafen gehen.

Hotch hatte das Ganze wie neben sich stehend angesehen, angehört, irgendwie physisch erduldet, ohne eingreifen zu können, selbst wenn er es gewollt hätte. Clyde nahm ihm die Entscheidung ab, sich zu einer Reaktion durchringen zu können, und schlug ihm schließlich einfach die Tür vor der Nase zu. Auf ein erneutes Aufbegehren des Nachbarn hin drang ein dumpfer Fluch von der anderen Seite der geschlossenen Tür, dann wurde es bei Clyde still.

Hotch selbst konnte sich noch immer nicht bewegen. Erst, als der ältere Herr ihn ungehalten fragte, ob er da noch lange Wurzeln schlagen wolle, zwang er sich zum Gehen.


Das Blut rauschte ihm noch immer in den Ohren, als Clyde sich kurz darauf schwer von innen gegen die Wohnungstür lehnte. Was zum Teufel war hier gerade passiert? Er sah an seinem Arm hinab, der zwar noch immer brannte wie Feuer, aber nicht mehr sehr stark zu bluten schien. Scheinbar hatte er im Schlaf günstig gelegen, und er wollte sich gar nicht ausmalen, wo er jetzt wäre, wenn Hotchner nur ein Müh weiter oben oder unten zugestochen hatte. Wann war er überhaupt an das Messer gekommen?

Wie hatte er sich so in der Einschätzung des Anderen irren können? Wie hatte er ihn derart fatal fehleinschätzen können, wie hatte ihm entgehen können-

Das war der Grund, weshalb er seine Klienten nie zuhause bediente. Jedenfalls nie länger als ein „hier ist dein Stoff, jetzt verschwinde wieder“. Zum Teufel, was hatte ihn geritten, dass er von seiner allerwichtigsten Regel abwich? Warum hatte er-

Er stieß entnervt die Luft aus und sich von der Tür ab. Verflucht sollte sein Berufsethos sein - und ob man das bei ihm als solchens bezeichnen konnte oder nicht, die Diskussion führte er mit niemandem. Hotchner steckte mitten in einer handfesten Psychose, anders konnte er sich seinen Ausbruch zumindest nicht erklären, und er hatte ihn geradewegs unter Medikamenteneinfluss vor die Tür gesetzt. Gut, grundlos war das nun wirklich nicht gewesen, aber er sollte verdammt sein, wenn er…

Er öffnete die Tür wieder und sah den leeren Flur hinunter. „Aaron!“, rief er, erntete dafür aber einzig ein erneutes Unmutsgeständnis seines ewig nervenden Nachbarn.

„Herr Smith, gehen sie wieder schlafen“, sagte Clyde mit unterdrückter Wut zu dem älteren Herrn. Mit dem Schlüssel in der Hand machte er sich auf den Weg den Flur runter.

„Mein Name ist nicht Smith“, moserte der Nachbar, was Clyde nur ein entnervtes „Mir egal“ entlockte. Er hatte zu viele Fehler begangen in dieser Nacht, vielleicht würde er wenigstens einen wieder beheben können.

Als ihm draußen angekommen kalte Nachtluft entgegenschlug, war Clyde schlagartig erschöpft. Hotchner war weit und breit nicht zu sehen, und verdammt, warum sollte er sich darum überhaupt Gedanken machen? Er war immerhin nicht derjenige, der gerade versucht hatte, jemanden abzustechen. Er war nicht der, der wie ein Wahnsinniger auf jemanden losgegangen war, er war nicht…

Es waren nicht seine Pillen, die den Anderen hatten austicken lassen, redete er sich in Gedanken ein. Es lag nicht in seiner Verantwortung, was Hotchner jetzt machen würde. Zum Teufel, er war kein Asyl für vom Leben Gefickte, er war Dienstleister, so wie jeder andere Dealer auch. Don‘t shoot the messenger.

Was für eine abgefuckte Nacht.

Er spürte Schwindel, als er wieder in das Mehrparteienhaus ging.
Und er wusste nicht, ob der nur vom Blutverlust herrührte.



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