Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The Aftermath

GeschichteHorror, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Aaron "Hotch" Hotchner David Rossi OC (Own Character)
20.06.2016
16.02.2020
6
14.835
2
Alle Kapitel
28 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
31.07.2016 1.509
 
Kurzes, aber dunkles Kapitel. Nichts für zartbesaitete Gemüter.

Ich freue mich über die nach wie vor steigenden Favozahlen, würde mich aber weit mehr über das eine oder andere verbalisierte Feedback freuen. ;-) Wäre lieb, wenn ihr an das Lesen noch zwei Minuten für ein kurzes Review ranhängen würdet.


~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~


Kapitel 5.

Er schlief nicht sehr tief. Er schlief nie sehr tief, schon lange nicht mehr. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann er das letzte Mal am Abend ins Bett gegangen und am Morgen wieder aufgestanden war, ohne nicht mindestens drei Mal in der Nacht aufzuwachen.

Er wollte schlafen. Er wollte wirklich schlafen. Er sehnte sich nach dem Schlaf. Sein Körper schrie mit jeder Faser seiner Selbst nach dem Schlaf. Er schrie danach, mehr als zwei drei Stunden am Stück zu schlafen – doch sein Geist hatte sich an den Schlafmangel gewöhnt.
Er sehnte sich nach dem Schlaf, aber er vermisste ihn nicht. Er hatte gelernt, ihn nicht zu vermissen.

Schlaf war gefährlich. Zu schlafen bedeutete, nicht wachsam zu sein. Und er konnte es sich nicht leisten, nicht wachsam zu sein.

Er schlief immer nur mit einem Auge. Er lauschte auf das kleinste Geräusch, achtete auf jede Bewegung und nahm Veränderungen in der Helligkeit eines Raumes selbst dann noch wahr, wenn er eigentlich schlief. Er war trainiert, trainiert darauf, seine Umgebung aufs Genaueste wahrzunehmen und auf Veränderungen in Sekundenschnelle zu reagieren. Und all das war nicht möglich, wenn er tief und fest schlief.

Er schlief nicht besonders tief. Er tat es nie. Er glaubte nicht, dass er es je wieder tun würde.

Er war zehn und hatte sich geschworen, nie wieder mit beiden Augen zu schlafen. Nicht in diesem Haus.



Schritte vor der Tür ließen ihn in Windeseile aus dem leichten Schlaf schrecken. Noch waren die Schritte leise, gedämpft, weit entfernt – sechseinhalb Meter, er kannte die Entfernung genau. Er wusste genau, an welcher Stelle die Schritte welchen Klang hatten. Heute waren es die grauen Wollpantoffeln, die mit der abgelaufenen Gummisohle, am linken Schuh mehr als am rechten. Jetzt waren es noch sechs Meter. Fünfeinhalb.

Ein Teil von ihm lag wie erstarrt im Bett, angsterfüllt, unfähig, sich zu bewegen. Es waren die Momente, in denen er nicht mehr hier sein wollte, überall, nur nicht hier, nicht weiter in diesem Haus – wenn es der einzige Ausweg war, dann wäre er auch lieber tot als weiter–

Drei Meter.

Die Zeit lief ab. Er zwang sich, sich zu bewegen. Lautlos glitt er aus dem Bett, landete bäuchlings auf dem Boden und schob sich in einer fließenden Bewegung unter das Bett. Er atmete kaum, war so still wie nur möglich. Jede Faser seines Körpers war gespannt, alles war wachsam. Er zählte die Sekunden, schloß für einen kurzen Augenblick die Augen und presste die Lider aufeinander - er betete, dass er nur träumte, betete, dass all das nur seiner Einbildung entsprang, betete, wie jedes Mal–

Die Tür wurde geöffnet und die Schritte verstummten.

Für einen Moment hielt er die Luft an und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Er versprach, alles zu tun, alles was nötig war, um dieser Hölle zu entfliehen. Er würde alles tun, wenn nur diese Nächte dann ein Ende hätten, wenn er nur nicht wieder– Er versprach es jedes Mal, doch wer auch immer dort oben war, er hörte ihn nicht.

Die Schritte setzten wieder ein. Von seinem Versteck aus konnte er die Pantoffeln sehen, er konnte die Füße sehen und die dazugehörigen Knöchel. Was nutzte ein Versteck, wenn man sich dort nicht verstecken konnte? Was nutzte ein Versteck, wenn alle wussten, dass man sich dort versteckte?

Was nutzte ein Zuhause, wenn man dort nicht sicher war?

Die Schuhe blieben vor seinem Bett stehen, kaum einen halben Meter von seinem Gesicht entfernt. Stille folgte. Stille und Warten. Warten auf eine Reaktion seinerseits, auf ein Flehen oder Betteln oder ein Aufgeben.

Er spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Dieselbe Panik, die die ganze Zeit über in ihm gewesen war, still, kalt und eisern. Doch jetzt fühlte er, wie sie sich aus dem kalten Verlies in ihm losriss, wie sie heiß und explosiv in ihm aufstieg und ihn entzwei zu reißen drohte.
Er stand das nicht noch einmal durch, nicht schon wieder. Er wollte das nicht. Er wollte nicht hier sein, nicht bei ihm, nicht unter diesem Bett. Er wollte das alles nicht und er wusste nicht, wie er dem jemals würde entfliehen können.

Panisch sah er sich unter dem Bett um, doch es war zu dunkel, um etwas zu sehen. Außerdem konnte er den Blick nicht von den Pantoffeln abwenden, er konnte seinen Kopf nicht drehen, war wie erstarrt und sah mit großen, hilflosen Augen in das dunkle Zimmer. Seine Hände tasteten den Boden neben ihm ab, irgendetwas suchend, das ihm helfen würde, irgendetwas, das ihn aus dieser Situation und seinem Leben würde fliehen lassen. Ganz egal, was es war.

Seine Hände kamen zum stoppen, als seine Fingerspitzen gegen etwas Kaltes stießen. Zunächst erkannte er nicht, was es war. Er fuhr mit den Fingern um den Gegenstand und sog dann scharf die Luft ein, als er einen stechenden Schmerz in seinem Zeigefinger spürte. Ein Messer, schoss es ihm durch den Kopf. Aber was machte... Wie kam ein Messer unter sein Bett?

Als hätte er sich daran verbrannt, zog er seine Hand zurück und presste sie sich auf die Brust. Mit fest geschlossenen Augen und rasendem Herzen wartete er, er atmete, und er wünschte sich, dass er nur träumte.

Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch sein Gehirn begann ihm vorzugaukeln, dass er in dieser Nacht unter dem Bett bleiben durfte. Manchmal, wenn er so wie heute schnell genug war, lachte der Mann nur und ließ ihn unter dem Bett liegen. Er lachte und ging wieder. Manchmal hatte er Glück. Manchmal war er schnell genug.

Doch er wusste, dass das nicht der Grund war. Er kannte den Grund, warum der Mann manchmal einfach wieder ging. Er hatte es schon lange verstanden.
Es war die Ungewissheit, in der er ihn ganz bewusst ließ. Die falsche Hoffnung. Er sorgte dafür, dass ihm nie der Atem ausging. Er sorgte dafür, dass er nicht aufgeben konnte. Dafür, dass er langsam brach, und nicht mit einem Mal.

Der Mann. Er weigerte sich, ihn seinen Vater zu nennen. Er war sein Erzeuger, mehr nicht. Er war nie mehr gewesen. Und Hass war alles, was er selbst für ihn empfand. Zutiefst empfundener Hass und nackte Angst und kalte Verzweiflung.

Der letzte Funke Hoffnung in ihm wurde jäh zertreten, als der Mann sich runterbeugte und mit der Hand unter das Bett griff.

Er drückte sich noch ein bisschen näher an die Wand, doch es war kaum Platz genug, um sich überhaupt unter dem Bett zu verstecken – fliehen konnte er nicht, das wusste er. Die Hand packte ihn am Oberarm, sie zerrte an ihm und versuchte, ihn aus seinem nutzlosen Versteck zu ziehen.

Mit einem letzten Stoßgebet griff er nach dem Messer. Er wusste nicht, was er tat. Sein Kopf war wie ausgeschaltet, er dachte nicht mehr, einzig sein Körper reagierte in einem letzten verzweifelten Impuls, in einem letzten verzweifelten Aufbäumen.

Er presste die Augen zusammen und stach blind zu.


Was folgte, war Stille. Momente vergingen, lang wie Minuten, wie Stunden. Momente, in denen nichts zu passieren schien.

In Wirklichkeit dauerte es nur den Bruchteil einer Sekunde, bis sich der schmerzhafte Griff um seinen Arm löste, nur eine Sekunde, bis der Mann vor ihm mit einem wütenden Schmerzlaut rückwärts stolperte. Es dauerte nur eine Sekunde, bis er selbst unter dem Bett hervorgekrochen kam, bis er aufsprang und das blutige Messer mit beiden Händen fest umklammert in Abwehrhaltung vor sich hielt.

Der Mann war nach vorn gebeugt, er hielt mit der Rechten sein blutendes Bein umfasst und sah mit einem wutverzerrten Blick zu ihm.

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er sah, wie sich der Mund des Mannes bewegte, wusste, dass da Worte sein sollten, doch er hörte nur seinen eigenen Herzschlag und wie das Blut viel zu schnell durch seinen Körper rauschte. Sein Blick war verengt, sein ganzer Körper war auf Flucht und Verteidigung programmiert, doch zwischen ihm und der Tür stand noch immer der Mann.

Plötzlich wurde das Messer in seinen Händen schwerer. Als er auf seine Hände sah, setzte sein Herz für einen Schlag aus. Statt des blutigen Messers hielt er eine Pistole in den Händen, und statt seiner eigenen nackten Füße waren da schwarze Schuhe aus Leder und der Saum einer feinen Anzughose.

Er stand noch immer im Zimmer eines Zehnjährigen, sah noch immer seinem Peiniger in die Augen, doch er war älter. Er war erwachsen. Er trug einen feinen Anzug und Bartstoppeln und er wusste, dass er selbst einen Sohn hatte.

Er war Agent beim FBI und er zielte mit seiner Waffe auf den Mann, der sein Erzeuger war.
Er zielte auf den Mann, der sein Vater hätte sein sollen.
Er war kein hilfloses Kind mehr.
Er konnte all dem endlich ein Ende bereiten.

Lass los, Aaron.

Er sah dem Mann stumm in die Augen und drückte ab.



.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast