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The Aftermath

GeschichteHorror, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Aaron "Hotch" Hotchner David Rossi OC (Own Character)
20.06.2016
16.02.2020
6
14.835
2
Alle Kapitel
28 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
16.07.2016 3.158
 
Dank an Esther, Susen und Senti für die schönen Kommentare. Euch sei das nächste Kapitel gewidmet – ich hoffe, es ist in eurem Sinne. :)


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Kapitel 4.

Das Warten war das Schlimmste. Das Warten war immer das Schlimmste.

Darauf zu warten, dass die Wirkung eines Medikaments einsetzte, war in etwa so, wie dem Mond beim Aufgehen zuzusehen. Er stand nicht einfach plötzlich am Himmel. Er stieg langsam und stetig empor, und doch sah man keinen Unterschied, wenn man ihm während seiner Reise zusah und darauf wartete, dass er endlich am Himmel stand.

Und ebenso wenig fühlte man sich plötzlich und unvermittelt besser, nur weil man ein paar Pillen eingeworfen hatte.

Hotch wusste das. Und doch war genau diese Zeit des Wartens immer wieder die schlimmste. Man wusste, man hoffte, dass sich irgendetwas ändern würde. Doch welche Änderung auch immer eintrat – und ging man zu Clyde, stellte sich früher oder später eine Besserung ein –, man wurde ihrer nicht gewahr. Man fühlte sich nicht einfach besser oder fühlte plötzlich weniger, man stieg nicht einfach aus dem Gedankenkarussel  aus. Man war noch immer gefangen, und das Gefangensein schwand so leise, dass man das Gefühl hatte, es würde überhaupt nichts passieren.

Die Angst, dass Clyde ihm dieses Mal nicht bei der Flucht vor sich selbst helfen konnte, dass er seinen Dämonen weiterhin hilflos und ohnmächtig ausgeliefert bliebe, die Angst, dass das, was Lewis ihm gezeigt hatte, nicht bloß ein groteskes Gespinst ureigener, tiefster Ängste war, trieb ihn fast in den Wahnsinn.

Er versuchte, sich nicht auf das Warten zu konzentrieren, versuchte, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Er zwang sich, weder an Lewis, noch an sein Team zu denken, nicht an das Grauen, zu dem er in der Lage war und an die Enttäuschung, die er für alle darstellte. Er verdiente ihr Vertrauen nicht, verdiente nicht, dass sie sich auf ihn verließen. Er verdiente diesen Job nicht. Er war nicht gut darin, war kein guter Vater, war kein guter Ehemann gewesen. Es war nicht richtig. Er sollte nicht hier sein.
Er sollte nirgendwo sein.

Wehren Sie sich nicht, Agent. Sie wissen, Sie können sich nicht ewig wehren. Es wird leichter, wenn Sie aufgeben.

Je länger er wie erstarrt am Fenster stand und in die Nacht hinausstarrte, desto unruhiger wurde er, desto ohnmächtiger fühlte er sich. Er spürte, wie die Spannung in ihm immer größer wurde, spürte, wie alles in ihm schrie, wie alles darum bettelte, bersten zu dürfen. Doch er schaffte es nicht einmal, sich vom Fenster wegzudrehen.
Er war sich selbst ausgeliefert, ganz so, als wäre er nur eine der Stimmen, die in ihm schrien, nur einer von vielen. Er schrie, doch niemand hörte ihn, er konnte nichts tun. Seine Kehle war wund, seine Stimme dünn und schwach vom ewigen Schreien, und doch hörte ihn niemand. Er war sich selbst ausgeliefert, sich selbst, Lewis, Foyet, seinem Vater. Es war völlig egal, wie sehr er kämpfte, er konnte nicht gewinnen.

Er bemerkte nicht einmal, dass er mehr um Luft rang, als stetig zu atmen. Erst, als er mit sanfter Gewalt vom Fenster weggedreht wurde, erst, als Clyde vor ihm stand und ihn zwang, ihn anzusehen, konnte er sich zumindest etwas von den stummen Schreien in seinem Kopf losreißen.

„Alter, du bist ja richtig dran heute. Entspann dich, okay?“ Clyde stand direkt vor ihm und hatte sein Gesicht in beide Hände genommen. Seine Hände fühlten sich kalt und fremd an auf seiner erhitzten Haut, Clydes klarer, kühler Blick fixierte ihn und hielt ihn im Hier und Jetzt. „Was auch immer dich quält, es wird gleich besser.“

Tanzen Sie, Agent Hotchner. Tanzen Sie und geben Sie ihrer wahren Natur nach.  

Er zwang sich, Lewis‘ Stimme in seinem Kopf keine Beachtung zu schenken, zwang sich, sich auf Clydes Augen zu konzentrieren, die ihn fest und bestimmt ansahen, anstatt auf die Worte in seinem Kopf. Er konzentrierte sich auf die feinen Äderchen, die sich auf dem Weiß von Clydes Auge abzeichneten, und auf den hellen, beigen Ring, der die eigentlich graue Iris zur Pupille hin umschloss. Er konzentrierte sich auf das leichte Weiten und Zusammenziehen der Pupille, konzentrierte sich, ruhig und regelmäßig zu atmen und der aufkommenden Panikattacke keinen Raum zu geben. Er konnte das kontrollieren. Es war nicht real. Lewis hatte versucht, seinen Geist zu manipulieren, doch nichts von dem, was er gesehen oder getan hatte, war real. Er durfte dem keinen Raum geben. Es war nicht real. Lewis konnte nicht–

„Sieh‘ mich an und atme.“

Clyde riss ihn wieder zurück ins Jetzt.

„So ist es gut.“

Er zwang sich, ruhig ein- und auszuatmen. Clyde zählte leise, während er atmete, und auch wenn er sich fühlte, wie ein hilfloses Kind, erniedrigt und fremdbestimmt, so begann es doch zu wirken. Sein Herz stolperte nicht mehr und wenn ihm auch schwindelig war, so konnte er doch zumindest wieder halbwegs klar atmen.

Clydes Stimme war leise, als er kaum hörbar seufzte: „Was hat man dir bloß angetan...“

Beide wussten, dass es keine Frage war, die eine Antwort verlangte. Clyde wollte es nicht wissen und Hotch würde nicht darüber reden. Nicht hier, nicht mit ihm. Mit niemandem. Er konnte nicht darüber reden. Er war nicht hier, um zu reden.

Und trotzdem war da etwas in Hotchners Augen, das Clyde zutiefst berührte. Es war ein Ausmaß von Schmerz und Verzweiflung, welches er nur selten bei einem seiner Klienten gesehen hatte. Niemand, der hier her kam, war in sonderlich guter Verfassung. Niemand kam ohne gute Gründe zu ihm. Doch die stumme Pein, die Hotchs gesamte Präsenz durchzog – er fragte sich, wie niemand das bemerken konnte. Er wäre nicht hier, wenn das eigentliche Netz, das ihn hätte auffangen sollen, nicht kläglich versagt hätte. Ein Mann wie Aaron Hotchner wäre nicht hier, wenn es für ihn keinen anderen Ausweg mehr geben würde. Und so sehr er sich selbst auch als Geschäftsmann ansah und keinerlei moralische Bedenken über sein Handeln hatte, so spürte er in Hotchs Fall doch auch so etwas wie stille Wut in sich aufkeimen.  

Als er sicher war, dass Hotch sich einigermaßen beruhigt hatte, ließ er ihn wieder los und trat einen Schritt zurück. „Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?“ Bevor Hotch ansetzen konnte etwas zu sagen, hob Clyde abwehrend die Hände. „Ist mir völlig egal, aber das Zeug haut dich um, wenn du es auf nüchternen Magen nimmst, und ich habe keine Lust, dass du in meiner Wohnung austickst. Ich nehme das als Nein. Das heißt entweder du isst jetzt etwas, oder du verschwindest umgehend. Deine Entscheidung.“

Hotch seufzte stumm. „Okay.“

„Dann fühl dich ganz wie zuhause und nimm Platz, ich hole dir was. Vernünftig hydriert bist du vermutlich auch nicht, so abgefuckt wie du aussiehst.“

Es war leichter für ihn, sich auf das zu konzentrieren, was er konnte. Menschen einschätzen. Menschen Pillen verkaufen. Menschen das richtige Pillennehmen erklären. Es war leichter, sich nicht für seine Klienten zu interessieren und einfach nur seinen Job zu erledigen. Mitleid hatte keinen Platz in dieser Wohnung.

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Hotch zwang sich zum Essen. Nicht, weil ihm danach war oder weil die Vernunft es ihm gebot, sondern weil er nicht wusste, wo er ansonsten hinsollte. Clyde hatte ihm indirekt Obdach für die kommenden Stunden angeboten, und er war immerhin klar genug, um zu wissen, dass er diese Stunden besser nicht alleine draußen verbringen sollte. Und doch war jeder Bissen eine Qual für ihn.

Er erinnerte sich daran, dass Rossi für sie beide gekocht hatte. Und daran, wie er sein Essen verschmäht hatte. Er erinnerte sich an Rossis besorgten Blick, auch wenn dieser sich Mühe gegeben hatte, seine Sorge nicht zu offen zu zeigen und ihn möglichst normal zu behandeln. Er hörte Rossis Stimme nachhallen, sah sie beide draußen an der Ambulanz sitzen und erinnerte sich daran, wie Rossi ihn gedrängt hatte, über das zu reden, was in Dr. Regans Haus vorgefallen war.
Er war froh, hier zu sein und nicht länger bei Rossi.

Hier musste er sich nicht verstecken. Hier musste er nicht reden. Hier musste er nicht Supervisory Special Agent Aaron Hotchner sein und auch keines von Lewis Opfern.

Clyde kannte ihn nicht besser, als er sich selbst kannte. Er musste sich keine Gedanken darüber machen, was er über ihn dachte oder welches Urteil er über ihn fällte oder ob er ihn gerade analysierte – er wusste, dass er dem Anderen völlig egal war. Er war geduldet, vielleicht sogar ein bisschen willkommen, auf eine abstruse Weise, doch Clyde und ihn verband nichts, und sobald er die Wohnung wieder verlassen hätte, würde er aus Clydes Gedächtnis schwinden, wie ein leichter Schauer im darauf folgenden Sonnenschein.
Clyde urteilte nicht. Er erwartete nichts von ihm. Und er wollte ihm nicht helfen. Er ging einfach nur seiner selbstgewählten Profession nach. Clyde war Dienstleister und Hotch sein Kunde.
Mehr verband die beiden nicht.

Er konnte einfach hier sitzen, ohne irgendwelche Erwartungen erfüllen zu müssen. Er konnte sein, ohne allein zu sein.

Ein Hauch von Bitterkeit zog in ihm auf, als ihm bewusst wurde, wie tief er hatte sinken müssen, um nicht allein zu sein.



Eine halbe Stunde lang saß er reglos auf der Couch, verfolgte schweigend den Polittalk im Fernsehen und hörte den gelegentlichen Einwürfen und Kommentaren Clydes zu. Die Nachtwiederholung von Meet The Press lief, irgendeine Diskussion zwischen verschiedenen Politikern über Gesundheitsreformen unter Präsident Obama und Zuwanderung. Es verging kaum eine halbe Minute, in der Clyde nicht einen verächtlichen oder erbosten Kommentar beisteuerte. Obwohl er von der eigentlichen Diskussion in der Talkshow nicht viel wahrnahm, fragte sich Hotch stumm, wie ausgerechnet Clyde hier hatte enden können, er, der sich augenscheinlich so sehr über die Missstände im amerikanischen Gesundheitssystem aufregen konnte. Und er fragte sich, wie er selbst an einem Ort wie diesem hatte enden können.

Er schob diesen Gedanken beiseite und folgte Clyde mit seinem Blick, als dieser fluchend und gestikulierend in der Küche verschwand.

„Clyde?“

„Hm?“

„Danke.“ Hotch’s Versuch, möglichst normal und unbeschwert zu klingen, scheiterte. Doch zumindest klang er nicht mehr ganz so verzweifelt. Seine Stimme war etwas rau und hörbar angeschlagen, doch sie war nicht mehr so dünn und kraftlos.

Als nach und nach die Anspannung nachgelassen hatte, hatten Schwere und Erschöpfung ihren Platz eingenommen. Er konnte sich ebenso wenig konzentrieren wie zuvor, doch es hatte ihn beruhigt, einfach nur hier zu sitzen, mit einem beinahe Fremden. Es war surreal, es war falsch, doch es tat gut, für einen Moment nicht funktionieren zu müssen.

Clyde kam aus der Küche wieder und blieb nur eine Schuhspitze vor ihm stehen. Er sah zu ihm herab und stemmte die Hände in die Hüften. „Revanchier dich.“ Ein unverbindliches Lächeln lag auf seinen Lippen, doch sein Blick war ungewöhnlich schwer.

Für einen Augenblick zögerte Hotch. Doch dann schob er die Zweifel beiseite. Er war müde, er war verloren und hier, so unendlich weit weg von seinem normalen Leben, wollte er nur einmal niemandem Rechenschaft schuldig sein. Er wollte nicht darüber nachdenken, was er hier tat oder was sein Team dazu sagen würde, er wollte all das für ein paar Stunden vergessen. Er griff nach vorn, hakte seine Finger in den Gürtel des Anderen und zog ihn mit einem leichten Ruck zu sich nach vorn.

Mit einem überraschten Laut landete Clyde auf ihm, seine Knie gaben nach und fanden erst an der Kante der Sitzfläche der Couch Halt. Er schaffte es gerade noch, die Hände links und rechts von Hotch auf die Rückenlehne zu stützen, ansonsten wäre er unelegant und ungebremst auf Hotch gelandet. Als dieser ihn an seinem Shirt näher ziehen wollte, legte Clyde ihm eine Hand auf die Brust und brachte so etwas Abstand zwischen sie.

„So hatte ich das eigentlich nicht gemeint.“ Für einen langen Moment sah er Hotch schweigend an. „Hältst du das für eine gute Idee?“

Hotch erwiderte Clydes Blick still. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, wusste nicht, was er wollte oder wollen sollte oder was er tun sollte oder wie sein Leben am nächsten Tag weitergehen würde. Nichts von all dem hätte passieren dürfen. Doch nun war er hier, er wurde mit Erinnerungen überschwemmt, Erinnerungen, die ihn nur noch mehr verwirrten, die ihn von einem Gedankenstrudel in den nächsten rissen, und für eine Nacht wollte er nicht mehr er selbst sein müssen.

Ja, er wollte das. Er konnte nicht sagen, welcher Teil in ihm es wollte, oder wie sehr das er war, der es wollte. Doch er war sich sicher, dass er es wollte.

Er nickte schweigend und schob Clydes Hand von seiner Brust.

Er wollte vergessen. Er wollte nichts mehr, als die vergangenen Stunden zu vergessen. Er wollte Lewis vergessen und er wollte vergessen, wer er war und wer er sein musste. Und er wusste: Vergessen begann hier. Er hatte es gewusst, noch bevor er den Entschluss gefasst hatte, diese Wohnung erneut zu betreten.

Ein leichtes Lächeln umspielte Clydes Lippen, ein Funkeln, das bis in die Fältchen um seine Augen drang, und das langsam auch seine Augen selbst erreichte. Es verdrängte die Schwere, die in seinem Blick gelegen hatte. „Na dann...“ Er war noch nie ein Verächter guter Kost gewesen. Ihm war bewusst, dass Hotch nicht in bester Verfassung war, und er würde ihn zu nichts zwingen, was dieser nicht tun wollte. Doch solange er ihm klar seine Zustimmung signalisierte, würde er sein Angebot auch nicht ausschlagen.

Noch bevor er sich herunter beugen konnte, lehnte Hotch sich nach vorn und überbrückte so den letzten Abstand zwischen ihnen. Seine Hand hielt noch immer Clydes Handgelenk fest und zog ihn leicht nach unten, als ihre Lippen sich trafen. Der erste Kuss war hungrig, voll von kaltem, gewolltem Verlangen. Er war noch mehr Kopf als Körper, war mehr Verzweiflung als Lust.

Clyde löste sich aus Hotchners Griff und brachte sich in eine bequemere Position. Er drückte ihn mit sanfter Gewalt zurück auf die Couch, sodass Hotch tief in die viel zu weiche Rückenlehne sank und Clyde halb auf seinem Schoß kniete.

„Entspann dich“, hauchte er ihm nach vorn gebeugt ins Ohr. „Wenn du das wirklich willst, können wir uns Zeit nehmen. Ich will das hier genießen, und ich will, dass du das auch tust.“

Es fiel Hotch schwer, den ruhigen Worten des Anderen zu folgen. Er wollte nicht genießen. Er wollte einfach nur vergessen und Clyde war Vergessen, er war verbotenes, heimliches Vergessen, falsch, dunkel, und dennoch sehnte er sich nach der Nähe. Er sehnte sich nach ein paar Momenten reinen Vergessens, nach jemandem, der ihn hielt und der ihn nicht an gestern oder morgen erinnerte. Er wollte vergessen und nicht an das denken, was außerhalb dieser Mauern wartete. Er wollte einfach nur vergessen.

Er zog ihn näher zu sich, legte ihm die Hände in den Nacken und zog ihn in einen neuen Kuss. Er versuchte, die Stimmen in seinem Kopf auszuschalten, versuchte, sich auf Clyde einzulassen, mental und nicht nur körperlich. Er spürte, wie zart seine Lippen waren, er schmeckte sie, schmeckte ihn, und fragte sich für einen Wimpernschlag, wie er diesen Geschmack so lange hatte vergessen können. Er hatte ihn vergessen wollen, doch es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis die Erinnerungen wieder da waren, ganz so, als wäre es erst gestern gewesen und nicht schon drei Jahre her.

Als er nach Clydes Gürtelschnalle griff und begann, sie zu öffnen, umfasste dieser seine Hände, stand rückwärts auf und dirigierte ihn in Richtung Schlafzimmer. Er wusste, dass Hotch sich nicht mehr lange auf den Beinen würde halten können, und er wollte ihn später nicht mühsam ins Bett hieven müssen.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Hotch fühlte sich wie im Rausch.

Die Stimmen in seinem Kopf waren verstummt, die Bilder und Gedanken, sie waren alle verschwunden, verdrängt durch das überwältigende Gefühl von Hitze, von Erregung und dem Wissen, dass nichts von all dem je hätte passieren dürfen. Es war das Wissen, dass er nicht hier sein sollte, nicht hier bei ihm, mit ihm, und dass es doch das einzige Ort war, an dem er in diesem Augenblick sein wollte.

Vielleicht waren es nur neurochemische Reaktionen, die ihn so weit getrieben hatten, vielleicht war es die Verzweiflung, vielleicht war er nicht bei Verstand. In diesem Augenblick war es ihm egal.

Es war, als wären sie in ihrer ganz eigenen Welt, als wären sie in einer Seifenblase, die jederzeit zerplatzen konnte und die sie doch in ein schillerndes, surreales Glänzen hüllte. Sie umschloss sie, schirmte sie von der Außenwelt ab und ließ ihn für einen Augenblick das Unheil vergessen, welches außerhalb der Zimmertür lauerte. Er war ganz hier, war ganz bei Clyde, er fühlte ihn, er schmeckte ihn und sog seinen Duft ein, als hätte er nie etwas Lieblicheres verspürt. Er war ganz bei ihm, mit jeder Faser seines Körpers.

Er spürte das Blut in seinen Ohren rauschen, fühlte Clydes nackte, erhitzte Haut auf seiner, spürte dessen Atem an seinem Hals und jeden einzelnen Schlag seines Herzens in seiner Brust. Die Berührungen des Anderen brannten auf seiner Haut, sie hinterließen heiße Spuren, unsichtbar, dauerhaft, sie legten sich wie feine Schleier auf halbverheilte Wunden und schmiegten sich um seine raue, vernarbte Haut. Er empfing ihn wie ein alter Freund, vergessen war der Anlass seines Besuches, vergessen waren die Schatten und die Stimmen und die Angst.

Wenn er seine Augen öffnete, war alles verschwommen, ein Spiel aus Licht und Schatten und Bewegung, der er nicht folgen konnte. Schloss er seine Augen, tanzten tausend kleine Lichter im Schwarz. Alles drehte sich in seinem Kopf, es fiel ihm schwer, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Doch es war ein Gefühl, welches ihn willkommen hieß, er versank in dem Wissen, fallen zu dürfen, so wie er in den weichen Kissen versank.

Er versuchte, sich nur auf einen seiner Sinne zu konzentrieren. Mit tiefen Atemzügen sog er den Geruch des Anderen in sich auf, ein Geruch, der ihm so fremd und nach all der Zeit trotzdem so vertraut war.

Seine Fingerkuppen gruben sich stärker in Clydes Rücken. Sie suchten gleichzeitig Halt und banden ihn an sich, sie hinterließen ebenso Spuren der Erregung wie der Verzweiflung. Er biss sich auf die Unterlippe und stöhnte tief, als er ihn in sich spürte. Er schloss die Augen und konzentrierte sich nur noch auf seinen Körper, er konzentrierte sich auf Clyde, der ihm so nah war, Clyde, der ihn hielt, der ihn vergessen ließ.

Er ertrank in der Präsenz des Anderen, er erlaubte sich, völlig in ihr aufzugehen. Lewis war kaum mehr als eine verblassende Erinnerung, Reid und Morgan und Rossi, sie alle waren nicht mehr als im Dunkel verschwindende Schatten. Er war hier, es war real, er fühlte, er wusste, dass das hier real war, es war Realität, es war nichts, was Lewis ihm gesagt hatte, nichts, was sein Geist ihm vorspielte.

Das Gefühl von Haut unter seinen Fingern schwand. Die tanzenden Lichter hinter seinen geschlossenen Augenlidern nahmen ab und alles verschwamm in einem eindruckslosen, gleichmäßigen Nichts.

Er war hier. Er war real. Er war keine Gefahr, für niemanden.

Ruhe und Gleichgültigkeit umfingen ihn, als er im Dunkel der Nacht ertrank.




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