Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The Aftermath

GeschichteHorror, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Aaron "Hotch" Hotchner David Rossi OC (Own Character)
20.06.2016
16.02.2020
6
14.835
2
Alle Kapitel
28 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
09.07.2016 3.240
 
Wow, vielen lieben Dank für das tolle Feedback! :-) Die Geschichte entwickelt sich, sie nimmt in meinem Kopf Formen an, die ich selbst nicht erwartet hätte – und sie überrascht mich selbst immer wieder. Ich habe Pläne und am Ende ist dann doch alles ganz anders. Obwohl das kommende Kapitel sich letztendlich anders gestaltete, als ursprünglich gedacht, bin ich ziemlich zufrieden und hoffe, ihr seid es auch.
Viel Spaß beim Lesen,
- starkeeper


~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~


Kapitel 3

Dr. Regan?

Die Tür war offen, als er das Haus betrat. Die Waffe im Anschlag ging er vorsichtig durch die Tür, sah sich mit schnellen, springenden Blicken in dem fremden Haus um. Es war still, und er rief ihren Namen noch einmal. Vielleicht war sie nicht zuhause, vielleicht wäre –

Agent Hotchner? Ich habe den Anruf von Agent Rossi bekommen. Er hat mir alles erzählt.

Doktor, Sie sind in Gefahr. Peter Lewis –

Ich weiß. Es ist alles in Ordnung, Agent.

Wo sind Sie?

Im Arbeitszimmer. Kommen Sie. Ich habe auf Sie gewartet.

Während er ihrer Stimme ins Arbeitszimmer folgte, dachte er angestrengt darüber nach, dass etwas an all dem falsch war. Etwas stimmte nicht.

Dr. Regan war eine zierliche, kleine Frau, die bald das Rentenalter erreichen würde. Als er das Zimmer betrat, stand sie lächelnd neben einem kleinen Telefontischchen. Der Hörer war abgenommen und lag neben dem Telefon auf dem Tisch, er hörte ein leises Freizeichen. Es schien ganz so, als habe sie nur auf ihn gewartet, als hätte sie gewusst, dass er kommen würde und wann.

Es ist so schön, dass Sie endlich da sind, Agent Hotchner. Kommen Sie, sehen Sie. Er möchte, dass Sie sich das ansehen.

Sie lächelte. Dann sah er das Messer in ihrer Hand, und als sein Geist endlich begriff, was überhaupt vor sich ging, war es bereits zu spät.

Sie führte die Hand zu ihrem Hals und drückte den kalten Stahl mit einer schnellen Bewegung durch die dünne Haut. Blut quoll aus der Wunde.

Er wollte nach vorne springen, wollte sie von der Tat abhalten, doch er war wie gelähmt und konnte sich nicht bewegen. Er konnte nur reglos zusehen, wie sie sich lächelnd das Messer in den Hals stach, wie sie ihn anlächelte, als sie kurz darauf zu Boden fiel, wie sie noch immer lächelte, als sie gurgelnd nach Luft rang, als ihr Körper für einen Augenblick lang unkontrolliert zuckte. Sie sah friedlich aus, als sie ihr Leben beendete, friedlich und zufrieden. Und auch als sie tot am Boden lag, lächelte sie ihn noch immer mit denselben unwissenden Augen an, friedlich, gebrochen, verrückt.

Er stand da und konnte sich nicht bewegen.

Im nächsten Augenblick hörte er einen Schuss und sah Reid zu Boden gehen, sein Gesicht blutverschmiert, in der Stirn ein klaffendes Loch, durch das ein Teil seines Gehirns quoll. Zwei weitere Schüsse, und Rossi und Morgan gingen vor seinen Augen zu Boden. Überall war Blut, ihr Blut, auf dem Boden, an den Wänden, in seinem Gesicht. Er stand reglos da, unfähig, sich zu bewegen, unfähig, in die Situation einzugreifen.

Rossi rang nach Luft, doch er hörte, wie er an seinem eigenen Blut erstickte.

Es ist deine Schuld, Aaron.

Es war Morgans Stimme. Tote, offene Augen starrten ihn an, vorwurfsvoll, enttäuscht, verächtlich.

Deine Schuld. Sieh hin. Du hättest sie retten können. Du hättest uns retten können. Doch stattdessen hast du uns getötet. Du warst nicht schnell genug. Du hast sie auf dem Gewissen, Aaron. Du hast uns auf dem Gewissen.

Reid regte sich nicht mehr, sein Gehirn quoll aus dem zerstörten Schädel. Rossi hustete Blut. Seine Lungen versagten bereits den Dienst, er kannte das Geräusch, er kannte das Gefühl, er wusste, wie es sich anfühlte, wenn die Lunge sich mit Blut statt mit Luft füllte und wenn man ertrank, ohne im Wasser zu sein.

Sieh hin, Aaron!

Tote, dunkle Augen starrten ihn an, vorwurfsvoll, anklagend.

Sieh in deine Hände!

Gewaltsam riss er den Blick von den vier Toten los, richtete den Blick auf seine blutverschmierten Hände. Die Waffe in seiner Rechten qualmte noch, er spürte, wie warm sie sich in seiner Hand anfühlte.

Sie genau hin! Es ist deine Schuld. Du hast uns umgebracht. Du hast sie umgebracht. Sieh genau hin, sieh, was du mit ihnen gemacht hast.

Ein Schatten löste sich aus dem hinteren Teil des Raumes. Langsam und bedächtig trat die Gestalt hervor, Schritt für Schritt, leise lachend und applaudierend.

Jetzt weiß ich, was Sie fürchten, Agent Hotchner.

Lewis sah ihn an, lächelnd und anerkennend.

Jetzt weiß ich, wie Sie tanzen.



Schweißgebadet schreckte er aus dem Schlaf. Sein Herz schlug so hart, dass er sich für einen Moment lang schmerzhaft die Hände auf die Brust drückte, und krampfhaft versuchte, kontrolliert Luft zu holen.

Er sah an sich hinab, doch er sah nichts als seine zitternden Hände. Es war nur ein Traum gewesen. Es war nicht real.

Er ließ sich zurück ins Bett fallen und vergrub das Gesicht unter den zitternden Händen. Er war nicht real gewesen, nichts von all dem. Er lag im Gästezimmer von Rossis Villa und hörte sogar durch die nur angelehnten Türen das leise Schnarchen seines Kollegen.

Es war nicht real gewesen.

Er zwang sich, ruhig zu atmen.

Es war nicht real gewesen.

Er brauchte einige Minuten, um seinen Puls wieder auf Normalniveau zu reduzieren und um wieder Herr seines Körpers zu werden. Es war alles nur ein Traum gewesen.

Leise stand er auf und suchte seine Sachen zusammen. Es war vielleicht nicht real gewesen, doch er wusste, dass es real hätte sein können. Er wusste, wie gefährlich er sein konnte. Und Rossi schlief, er könnte sich nicht gegen ihn wehren, wenn er die Kontrolle über sich verlieren würde.

Er musste gehen. Er durfte nicht länger hier blieben. Er war noch immer nicht Herr seiner Sinne, er hatte keine Kontrolle über das, was Lewis mit hm gemacht hatte. Er durfte nicht hier bleiben.

Leise zog er sich an und verstaute seine wenigen Habseligkeiten, die er dabei hatte, in den Taschen seiner Jacke. Doch dann überlegte er, wo er hingehen sollte, und legte Handy und Portemonnaie wieder zurück auf den Nachttisch.

Er durfte nicht länger hier bleiben. Nichts von dem, was er gesehen hatte, durfte Realität werden. Er war eine Gefahr, für sie alle.

Leise und von Rossi unbemerkt verließ er das Haus. Als die Nachtluft ihm entgegen schlug, atmete er erleichtert auf. Doch er wusste, welche Schrecken im Schatten lauerten, und welche Schrecken in ihm selbst schliefen.

Er hatte sich tanzen sehen.

~ ~ ~ ~ ~

Der Spaziergang an der kalten, klaren Nachtluft hatte seinen verirrten Geist etwas beruhigt. Er war kaum einer Menschenseele begegnet und hatte mechanisch einen Fuß vor den anderen gesetzt, hatte sich ganz auf das Gehen als solches konzentriert und versucht, den Gedanken und Bildern keinen Raum zu geben. Bis zu einem gewissen Grad hatte es funktioniert, die Bilder waren verschwunden, doch Lewis‘ Stimme hatte ihn permanent begleitet. Leise und wie ein halb vergessenes Lied aus früheren Zeiten, Worte ohne Inhalt, doch seine Stimme hatte wie eine automatische Bandansage unaufhörlich durch seinen Kopf gehallt.

Er wusste nicht, wie lange er jetzt bereits reglos in dem Flur gestanden und das Namensschild angestarrt hatte. Er versuchte, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, und nun kreisten sie ununterbrochen um die Frage, was für Menschen noch gänzlich unversteckt und offen unter ihnen lebten, vor Aller Augen und doch vom System unbemerkt. Menschen wie Lewis, der dem System viel zu lange durch das Raster gefallen war. Oder Menschen wie Clyde.

Durchschnittliche Wohngegend, dritter Stock, neutrales Namensschild, normale Nachbarn. Er fragte sich, wie Lewis gewohnt hatte. Das hier war keine heruntergekommene Seitengasse, kein verdrecktes Treppenhaus, es gab kein Gebrüll im Flur. Es war hell und freundlich, ruhig und gehoben. Eine ganz normale Wohnung in einem ganz normalen Haus unter ganz normalen Menschen. Er selbst hätte hier wohnen können. Jeder von ihnen könnte hier wohnen. Jeder.

Oder jemand wie Clyde Miska.

Niemand wusste, was hinter verschlossenen Türen vor sich ging. Wer dort wohnte. Welche Abgründe sich hinter den Türen oder in den Menschen auftaten.  
In Menschen wie Clyde.
In Menschen wie Lewis.
In Menschen wie ihm selbst.

Sie können nicht davor weglaufen, Agent.

Er wollte nur noch vergessen. Wollte Lewis‘ Stimme aus seinem Kopf verbannen, die Bilder, die Worte, die Eindrücke und das Wissen um das, wozu er in der Lage war. Er wollte all das vergessen, wollte den Job und das Team und Jack vergessen. Für eine Nacht wollte er alles vergessen. Er wollte nur noch vergessen.

Nervös tippte er mit dem Zeigefinger gegen sein rechtes Bein. Er sollte nicht hier sein. Es war falsch, er wusste es, er sollte nicht hier sein. Im Moment sollte er nirgendwo sein, und am allerwenigsten hier.

Hören Sie auf, sich zu wehren. Es ist sinnlos.

Er hatte sich geschworen, nie wieder herzukommen. Es war ein Fehler gewesen. Er hatte es sich geschworen und er hatte doch gleichzeitig gewusst, dass er wiederkommen würde. Er hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, hatte geradezu darauf gewartet. Er hatte es immer gewusst. Aber er hatte nicht mit Lewis gerechnet.

Sie können nicht weglaufen.

Er musste diesen Tag vergessen. Und Vergessen begann hier.

Ich gewinne.

Er würde dafür sorgen, dass Lewis Unrecht behielt. Er musste es. Alles, was passiert war – oder nicht passiert war, alles, was hätte passieren können, was Lewis ihn hatte sehen lassen, alles was passieren könnte – das war nicht er. Er war das nicht. Lewis wusste gar nichts. Er wäre dazu nicht in der Lage, er könnte nie–

„Aaron!“

Überraschung stand in das Gesicht des Mannes geschrieben, als dieser ihm die Tür öffnete. Ehrliche Überraschung, die allerdings nur den Bruchteil eines Augenblickes währte, um dann einem gleichgültigen, beinahe herablassenden Blick Platz zu machen. „Alter, du siehst beschissen aus, hat dir das kürzlich jemand gesagt?“

Ich gewinne.

„Du weißt, wie spät es ist, oder?“

Für einen kurzen Augenblick schloss er angestrengt die Augen. Er erinnerte sich nicht daran, die Klingel betätigt zu haben. Doch er musste es, denn sonst würde Clyde jetzt nicht vor ihm stehen. Wann hatte er–?

Das nervöse Tippen seiner Hand nahm nicht ab. Diese Aussetzer mussten aufhören. Außerdem konnte er nicht länger hier im Flur stehen. Irgendjemand könnte ihn sehen und er sollte nicht hier sein. Er sollte nicht hier sein, und doch war dies der einzige Ort, an den er hatte gehen können.

„Ich bin nicht zum Reden hier.“

Der Mann zuckte mit den Schultern. Er hatte in etwa Hotchners Größe und Statur, längere dunkle Haare und war einige Jahre jünger als dieser. Er sah ihn gleichgültig an. „Natürlich nicht. Ich nehme selbstverständlich an, du bist ebenso wenig aus beruflichen Gründen hier.“

Er spürte, wie Clyde ihn für einen sehr langen Moment aufmerksam musterte, und er fühlte sich mehr als unbehaglich damit. Sie standen sich keine Minute gegenüber und schon fühlte er sich nackt und durchschaut. Schutzlos. Verloren. Gleichzeitig wusste er, dass er hier finden würde, was er bei Rossi nicht hatte finden können. Und er wusste, dass er hier für niemanden eine Gefahr darstellte.

Clyde schüttelte leicht den Kopf und trat zur Seite. „Du siehst richtig abgefuckt aus. Komm rein.“

Er fragte nicht, was er um diese Uhrzeit hier machte, und auch nicht, warum er nach all den Jahren plötzlich wieder vor seiner Tür stand. Keine Fragen zu stellen war Clydes Spezialität. Er scherte sich nicht um die Belange seiner Klienten, er war Geschäftsmann. Für die Umstände seiner Besucher interessierte er sich nur selten.

Als er die Tür hinter ihm verschlossen hatte, blickte ihn offen fragend an. „Du bist nicht zum Reden hier, also kommen wir gleich zur Sache. Was brauchst du?“

Hotch zuckte mit den Schultern. Er wusste es nicht. Er wusste nicht einmal genau, warum er hier war, oder wann er entschieden hatte, herzukommen. Er wusste nicht, ob er hier sein sollte. Alles, was er wusste, war, dass er vergessen wollte, was passiert war. Er wollte einfach nur vergessen. Er wollte wieder Herr seiner Sinne sein, er wollte die Kontrolle über sich selbst zurück.

„Hey, ich bin nicht dein Therapeut, aber du musst mir schon in etwa sagen, was ich für dich tun kann. Ich habe viele Talente, Hellsehen zählt nicht dazu. Das richtig harte Zeug schmähst du ja sicher immer noch, nehme ich an – eine Fehlentscheidung, wenn du mich fragst, was du natürlich nicht tust – aber du musst mir wenigstens einen Ansatzpunkt geben, was in deinem hübschen Kopf vor sich geht, sonst kann ich dir nicht helfen.“

Er stand mit verschränkten Armen vor ihm und starrte ihn eindringlich an. Für Hotch war es, als würde er ihm direkt in die Seele blicken. Er fühlte sich nackt und ausgeliefert, und doch war da auch so etwas wie ein leises Gefühl von Aufregung in ihm, ein leichtes, elektrisches Kribbeln, das ihm durch die Finger den Arm hochkroch.

„Clyde, es war ein scheiß Tag, ich will einfach nur schlafen und vergessen und die Bilder aus meinem Kopf bekommen, okay?“

Ein leichtes Lächeln umspielte die Augen des Anderen. „Siehst du, ist doch nicht so schwer... Schlafen, vergessen und Kopfkino. Was hattest du beim letzten Mal?“

„Ich weiß es nicht mehr.“

„Egal. Wir finden schon etwas Passendes...“ Er wandte sich zu dem Medizinschränkchen, das an der gegenüberliegenden Seite des kleinen Bades hing, und begann, die Dosen darin zu durchsuchen.

Hotch stand noch immer mit einigem Abstand im Flur und beobachtete ihn schweigend durch die offene Tür. Es war surreal: Er, ein Anwalt, FBI-Agent und Profiler, stand hier, in einer Wohnung die durchschnittlicher und normaler nicht hätte sein können, und die es doch nicht war, und war bereit nahezu alles zu tun, um zu vergessen, was in den letzten Stunden vorgefallen war. Er, der sonst so beherrscht war, der immer die Kontrolle hatte, vertraute seinem eigenen Geist nicht mehr. Und ausgerechnet er ging zu jemandem wie Clyde.

„Woher hast du eigentlich–?“

Clyde unterbrach ihn. „Schon vergessen? Ich stelle dir keine Fragen, du stellst mir keine Fragen, das ist der Deal. Wir wollen doch beide nicht, dass uns deine kleinen Besuche Probleme bereiten, oder?“ Es war ein freundlicher, unverbindlicher Ton, doch die Ansage war klar und deutlich. Etwas versöhnlicher fügte er hinzu: „Ich weiß, dass du aus reiner Neugier fragst. Aber lass das sein. Es ist nicht wichtig. Zermater‘ dir dein hübsches Agentenhirn nicht mit solchen banalen Fragen. Du bist hier, du brauchst etwas, ich habe es. Ende der Geschichte.“

Hotch lehnte leicht gegen die Wand und beobachtete Clyde weiter schweigend. Er wusste, dass er Arzt war oder Apotheker, zumindest arbeitete er im medizinischen Bereich. Vermutlich kam er an so ziemlich alles ran, was an Medikamenten auf dem Markt war.

„Also, was hättest du gern? Perazin? Levomepromazin? Haloperidol? Gib‘ mir ein paar Details. Sind die Bilder in deinem Kopf nur unschöne Erinnerungen oder hörst du auch Stimmen? Reden wir hier nur von einem scheiß Tag oder von einer akuten Psychose?“ Er drehte sich kurz zu ihm um und begann, für einen Augenblick herzlich zu lachen. „Oh Aaron, mach doch nicht so ein Gesicht. Du siehst ja aus, als wäre es eine Schande, hier zu sein. Wir wissen beide, dass du kein Heiliger bist, also hör auf, unrealistische moralische Erwartungen an dich zu haben.“

Er war immer ein Mann der Extreme gewesen, er hatte die Welt immer bevorzugt in Gut und Böse unterteilt, in Recht und Unrecht. Doch es gab so viel Grau in dieser Welt, und er war schon lange niemand mehr, der sich nur auf der hellen, auf der guten und richtigen Seite aufhielt, so sehr er das auch immer versucht hatte.

„Panikattacken?“

Er biss sich kurz auf die Unterlippe. Am liebsten wäre er einfach wieder gegangen. Gegangen, gelaufen, weg von hier, weg von sich selbst, soweit wie ihn seine Füße trugen. Doch er wusste nicht, wohin er sonst sollte.

„Ja“, meinte er schließlich mit zusammengebissenen Zähnen.

„Traumatische Erlebnisse?“

„Ja.“

„Flashbacks?“

„Ja.“

„Siehst du, so schwer ist das nicht.“ Clyde hatte sich wieder dem Medizinschränkchen zugewendet.

„Schlafstörungen“, fügte Hotch müde hinzu. Er wollte einfach nur durchschlafen, schlafen, ohne zu träumen, ohne mit falschen Erinnerungen überflutet zu werden.

„Mhm.“

Er verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein und verschränkte die Arme. „Gib mir einfach was, das schnell wirkt und das mich für ein paar Stunden ausknockt.“

„Kein Stress deinem Meister. Lass mal sehen, was wir für dich haben...“

Sie werden tanzen, Agent Hotchner.

Er wollte das nicht. Er hatte nichts von all dem gewollt.


Was machst du hier, Aaron?

Es war Haleys Stimme, die sich zu Lewis gesellte. Für einen Moment stockte ihm der Atem und sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

Was machst du hier?

Er konnte sie vor sich sehen. Traurig, besorgt, und sie war so wunderschön. Gott, er vermisste sie so sehr.

Er hatte die Augen geschlossen und kämpfte mit der Traurigkeit, die sich seit Jahren tief in seinem Innersten festgesetzt hatte und die ihn wach hielt, Nacht für Nacht, er kämpfte mit Traurigkeit und Hilflosigkeit und Wut. Er war machtlos gegenüber diesen Gefühlen, war wie ein Kind, das sich im Dunkeln fürchtete und doch niemanden hatte, zu dem es gehen und bei dem es sich verstecken konnte. Er konnte all dem nicht nachgeben, er musste dagegen ankämpfen und –

Er spürte eine Hand auf seiner Wange, kühl, fern, spürte, wie ihm sanft eine einzelne Träne von der Haut gewischt wurde.

Du fehlst mir so, Haley...

„Mein Gott, wer hat dich so gebrochen...“

Unvermittelt wurde er in die Realität zurückgeworfen. Clyde stand vor ihm, kaum eine Armlänge entfernt. Ein Hauch Mitleid schimmerte in seinen klaren, grauen Augen. Es war seine Hand, nicht Haleys, die kühl auf seiner Wange lag, der Hauch einen Berührung, der Hauch einer Emotion, die nicht zwischen den beiden Männern sein sollte.

Bevor er zurückweichen konnte, zog Clyde die Hand wieder zurück und hielt ihm eine kleine Pillendose hin. „Hier, das sollte genau das sein, was du brauchst.“ Er wandte sich ab und ging ins Wohnzimmer, ohne ihn noch weiter zu beachten. Der kurze Moment des Mitleids war so schnell wieder verflogen, wie er gekommen war, und Clyde war wieder durch und durch Geschäftsmann.

Hotch brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen. Die Erinnerung an Haley hatte ihn unvorbereitet getroffen wie ein Schlag ins Gesicht, wenngleich ihn die Trauer tagtäglich verfolgte. Er schüttelte den Kopf, versuchte, die aufgestauten Gefühle wieder beiseite zu schieben. Dann blickte er auf das braune Plastikröhrchen in seiner Hand und seufzte tonlos. Er folgte Clyde ins Wohnzimmer. „Wie viel?“

Clyde stand an der halb vom Wohnraum abgetrennten Küchenzeile und füllte gerade ein Glas mit Wasser. Mit dem Rücken zu Hotch gedreht lachte er leise. „Bitte, Aaron... Wir wissen beide, dass du dir jeden Preis leisten könntest, den ich dir nennen würde – und ebenso, dass ich auf dein Geld nicht angewiesen bin. Sieh‘ es als Gefälligkeit unter Freunden.“

Eine Gefälligkeit unter Freunden... Ein kurzer Schauer lief Hotch den Rücken herab. Clyde Miska gehörte definitiv nicht zu den Personen, die er zu seinen Freunden zählen würde.

„Außerdem“, fuhr Clyde fort und man hörte, wie sehr er die Situation trotz allem genoss, „ist es ausreichend Genugtuung für mich, dass jemand wie du hier ist. Also lass stecken.“ Er kam wieder ins Wohnzimmer und drückte Hotch das Wasserglas in die Hand. „Übertreib es nicht.“

Es war abstrus. Das alles war abstrus. Er musste daran denken, was das Team sagen würde, wenn sie hiervon wüssten. Er würde seinen Job verlieren. Er würde alles verlieren.

Ein kurzer Moment tiefster Bitterkeit stieg ihn ihm auf. Es war nicht so, als hätte er nicht bereits alles verloren. Er fragte sich, wie tief er noch fallen konnte.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast