The Aftermath

GeschichteHorror, Schmerz/Trost / P18 Slash
Aaron "Hotch" Hotchner David Rossi OC (Own Character)
20.06.2016
16.02.2020
6
14.835
2
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28 Reviews
Dieses Kapitel
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20.06.2016 1.948
 
Liebe Leser,

ich gestehe: das hier ist mir irgendwie aus den Händen geglitten. Was ursprünglich als Teilkapitel einer anderen, längeren Geschichte gedacht war, wurde nun doch zum Standalone. Es tut mir aufrichtig leid, was ich hier mit Hotch mache (naja, zumindest im Prinzip, aus schriftstellerischer Perspektive – ach, lassen wir das).

Als ich die Folge Mr. Scratch zum ersten Mal sah, hat sie mich ganz schön verstört. Aber trotz inhaltlicher Schwächen schreit sie förmlich danach, weitergeschrieben zu werden! Nachdem ich die Folge nun gefühlt zwanzig Mal gesehen habe (ich sehe mich währenddessen noch immer paranoid um...), hat sich Hotch verselbstständigt. Bedenkt man, dass die anderen Opfer alle über Stunden unter dem Scopolamin/Sevofluran-Cocktail gelitten haben, so scheint Hotch mir sich im Film etwas zu schnell wieder gefasst zu haben. Das sei hiermit berichtigt.

Aber seid versichert – es wird mindestens ein zweites Kapitel folgen – eventuell auch noch mehr, das wird sich beim Schreiben zeigen. Ich hoffe, euch ein wenig Lesevergnügen (oder in diesem Fall Lesebeklemmung? Leseschrecken?) bereiten zu können. Über Feedback, Wünsche, Ängste, Anregungen oder sonstige Betroffenheitsbekundungen freue ich mich immer sehr. :-)

Viel Vergnügen beim Lesen!
- starkeeper


Edit 2020: Nach 3,5 Jahren geht es hier dank eines sehr lieben Reviews tatsächlich endlich mal weiter. :D Ich mag die Geschichte wirklich mega gern und weiß auch durchaus, wohin ich sie inhaltlich führen will - sie ist von der Stimmung her aber nicht ganz einfach zu schreiben. Drum hat's gedauert, aber ihr seht, was unerwartetes Feedback alles bewirken kann. ^.^ Danke, Sandsturm!

Ich hoffe, der eine oder andere von euch mag hier noch weiterlesen bzw. neu einsteigen, und ich würde mich wahnsinnig über Feedback von euch freuen.

Zu Mr. Scratch: diese Geschichte spielt nach wie vor lediglich nach Folge 10x21. Ich weiß, dass Scratch/Lewis später noch wiederkamen, aber die Folgen habe ich noch nicht gesehen und fand auch einfach die Prämisse von 10x21 spannend genug, um hier weiterzuspinnen.

Ich freue mich auf euer Feedback in dieser für meine Schreibgewohnheiten so anderen Geschichte!
Viel Spaß beim Lesen!
Eure starkeeper

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The Aftermath

Die Seele ist an ihren Körper gefesselt und mit ihm verwachsen, gezwungen die Wirklichkeit durch den Körper zu sehen wie durch Gitterstäbe, anstatt durch ihre eigene ungehinderte Sicht. - Plato


Sein Herz hämmerte ihm gegen die Brust, gewaltsam und ohrenbetäubend, unkontrolliert, hilflos und angsterfüllt. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen, sah Menschen umher irren, Lichter, Töne, alles verschwommen, undeutlich, abgeschottet. Wie durch einen Schleier, wie unter Wasser. Er ertrank und er konnte nichts dagegen tun.

Kontrolle.  

Er hatte die Kontrolle verloren, über seinen Körper und über seinen Geist.
Er hatte Dinge gesehen.
Er hatte Dinge getan.
Über keines von beidem hatte er die Kontrolle gehabt.

Sein Herz schlug so stark, dass ihm Brust und Magen krampften. Er schmeckte Magensäure, konnte kaum atmen und kämpfte gegen den Brechreiz an. Er ertrank, doch sein Körper war wie erstarrt. Er wollte schreien, zwang sich, sich zu bewegen. Aufstehen. Atmen. Kontrolle. Er musste aufstehen. Er musste hier weg, er hatte Reid erschossen. Reid! Hatte er Reid erschossen? Aber hatte er nicht gerade noch dort gestanden und mit ihm gesprochen? Und Rossi. Er hatte zugelassen, dass Reid und Rossi, und dann Morgan– Morgan rang nach Luft, spuckte Blut, und dann der Schuss und– Er hatte– Er musste–

Sein Körper gehorchte ihm nicht. Alles, was er spürte, war Taubheit. Benommenheit. Leere. Er konnte sich nicht bewegen, konnte kaum atmen. Alles drehte sich und war doch wie eingefroren. Die Menschen um ihn herum waren verschwommen, sie bewegten sich wie im Schleier. Stille, ohrenbetäubende, schreiende Stille, in der ihn niemand hörte. So viele Menschen, und niemand hörte ihn.
Er fühlte sich leer, er fühlte sich unglaublich leer.

Er war nicht mehr als ein Beobachter seiner selbst. Seit Stunden? Minuten? Wie viel Zeit war vergangen? Zeit war für ihn zu einer ungreifbaren Konstante geworden. Er stand neben sich, sah, was geschah, doch er konnte nicht eingreifen, er konnte sich nicht wehren.

Er hatte Dinge gesehen.

Er hatte Dinge getan.

Er...


„Hotch.“

Er blinzelte. Wo war er? Was war passiert? Er – Der Krankenwagen. Er saß in der Tür des Krankenwagens und er atmete, er atmete klare, kalte Nachtluft. Sie waren gekommen. Am Leben. Er hatte nicht–

Er atmete tief ein. Nichts war passiert. Sie waren am Leben. Dr. Regan. Regan war tot. Aber sein Team, sie waren am Leben. Sie waren hier und am Leben. Er musste sich beruhigen. Er musste die Kontrolle über sich wiedererlangen.

„Hotch, sprich mit mir.“

Rossi stand vor ihm, Rossi, er war am Leben, seine Stimme war eindringlich, er stand genau vor ihm, keinen Meter entfernt.

Er hatte den Sanitätern gesagt, er sei in Ordnung, doch das war er nicht. Er war nicht in Ordnung. Nichts war in Ordnung, nichts von all dem.

Ich gewinne.

Rossi. Lewis. Salbei. Salbei und ein Flüstern. Er hörte Lewis‘ flüsternde Stimme. Über allem hörte er sein leises, hohes Flüstern. Es übertönte den Lärm, der ihn umgab, es übertönte Morgan und Reid – Reid, den er gerade getötet hatte – und Rossi, über allem lag dieses leise, hohe Flüstern und der Geruch von Salbei und Unheil.

„Hotch!“

Er spürte eine Hand auf seinem Arm. Rossis Hand, warm und schwer und überhaupt nicht kalt und feucht und rau wie die von Lewis. Lewis, der nicht hier war. Rossi war hier, nicht Lewis. Er versuchte, sich im Jetzt zu halten, zwang sich, den Kopf zu heben und Rossi anzusehen. Rossi, dessen Tod er gerade zugelassen hatte. Seinen und Reids und Morgans. Sie waren alle tot. Er hatte sie getötet. Er hatte es zugelassen. Salbei und ein Flüstern. Salbei. Kälte.

Ich gewinne.

„Nein!“, keuchte er. Nein. Er war gefährlich. Sie waren tot und er war verantwortlich. Es war seine Schuld. Sie waren tot. Er war ein Mörder. Ihr Mörder. Er war ihr Mörder. Er hatte sie umgebracht. Er hatte zugelassen, dass– Er hatte abgedrückt und–

„Hotch, sprich mit mir. Sieh mich an, sprich mit mir. Du musst darüber sprechen, noch heute. Jetzt, wenn alles noch frisch ist. Erzähl mir, was passiert ist.“

Er hatte es ihm schon einmal gesagt, dass er darüber reden musste. Doch er wollte nicht. Er konnte nicht. Es ergab keinen Sinn, nichts davon machte Sinn. Er hatte sie umgebracht und jetzt–

„Hotch.“

„Es macht keinen Sinn...“ Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Tief und leer, verwundbar, verwundet und starr vor Angst. Angst vor der Dunkelheit. Angst vor Peter Lewis und vor sich selbst. Vor allem vor sich selbst. Er hatte Angst vor dem, was er zu tun im Stande war. Lewis hatte es ihm gezeigt. Er hatte es gesehen, er hatte gesehen, was er getan hatte. Aber er hatte nicht– Sie waren alle da und– Er hatte Angst, dass wahr wurde, was er getan hatte. Er hatte Angst, dass das die Realität war und er sich das Hier und Jetzt nur einbildete. Er hatte Angst vor sich selbst. Lewis hatte ihm gezeigt, wozu er in der Lage war.

Wieder war seine Brust wie zugeschnürt. Er konnte kaum atmen, spürte, wie er zu hyperventilieren begann.

„Es muss keinen Sinn machen.“

Da war wieder Rossis Stimme, ruhig und erdend. Aber war das real? Es fühlte sich genauso real an wie das, was er gerade durchlebt hatte. Es war ebenso real wie der Moment, in dem er abgedrückt hatte. Woher sollte er wissen, wem er glauben konnte? Wie konnte er sich selbst glauben?

„Ist Reid okay?“ Er hörte sich fragen und wusste im selben Augenblick, dass er diese Worte nicht zum ersten Mal sagte. Hatte er ihn schon einmal gefragt, gerade eben? Wie viel Zeit war vergangen?

„Es geht ihm gut.“

Er spürte Rossis Hand auf seiner Schulter. Er spürte den Druck, den sie ausübte, spürte, wie sie ihn im Hier und Jetzt halten, wie sie ihn beruhigen wollte.

„Aaron, sieh mich an. Dr. Regan ist tot, aber dem Team geht es gut. Reid geht es gut. Sieh mich an und sprich mit mir. Konzentrier dich.“

Regan hatte sich in den Hals gestochen. Er wusste es, er erinnerte sich, er war dabei gewesen, kaum zwei Meter von ihr entfernt. Sie hatte sich in den Hals gestochen. Er hatte sie retten wollen. Er war ihr so nah gewesen, er hatte sie retten wollen, hätte sie retten können, doch sie war tot. Er erinnerte sich, sie hatte friedlich und zufrieden ausgesehen, als das Messer ihren Hals durchbohrte. Dasselbe Messer, das Lewis ihm kurz darauf gegeben hatte. Lewis. Mr. Scratch. Er ließ Menschen Dinge sehen. Er hatte ihn Dinge sehen lassen.
Sehen Sie Mr. Scratch?
Doch er sah nur ein Monster, und das war er selbst.

„Jack. Jack muss zu Jessica.“ Seine Hände zitterten. Sein Sohn. Sein Sohn durfte nicht bei ihm bleiben, er war gefährlich, er hatte es gesehen, er war gefährlich, für sie alle. Wie konnte er sich selbst glauben?, er war gefährlich, man musste Jack vor ihm beschützen, er– „Dave, Jack muss-“

„Ist okay, Aaron.“

Er klang so verständnisvoll. Warum klang er so verständnisvoll? Er sollte kein Verständnis mit ihm haben. Er durfte es nicht. Er war nicht besser als die Männer und Frauen, die sie sonst hinter Gitter brachten. Er durfte kein Verständnis für ihn haben, er war gefährlich, er–

„Jack ist in Sicherheit. Sieh mich an. Was ist passiert, Aaron?“

Er konnte nicht darüber reden. Er konnte nicht. „Nein, ich– Bitte Dave, nicht jetzt.“ Erst musste er verstehen, was passiert war. Er musste verstehen, warum er selbst– Er...

„Doch. Jetzt. Versuch nicht, es zu verstehen, aber du musst darüber reden, solange alles noch frisch ist.“

„Bitte, Dave.“ Er hörte sich reden, hörte, wie brüchig seine eigene Stimme klang und wunderte sich, warum er sich selbst nicht wiedererkannte. Es war, als stünde er neben sich, doch er war nicht er selbst. Er war ein ganz anderer. Angsterfüllt und gebrochen, das war nicht er. Er hätte nicht– Er würde nicht– Nicht sein Team. Er würde nicht–

Rossi seufzte. Er nickte. „Okay, aber fahr wenigstens mit ins Krankenhaus, okay?“

Ins Krankenhaus?  Er schüttelte energisch den Kopf. Sofort drehte sich wieder alles, ihm war schlecht, alles drehte sich und er schloss angespannt die Augen.

„Aaron, du hast eine leichte Gehirnerschütterung und der Sanitäter sagt, dass die Wirkung des Sevoflurans noch einige Stunden anhalten kann. Du solltest wirklich-“

„Nein.“ Er würde nicht ins Krankenhaus fahren. Salbei und Flüstern, Lewis Stimme, sein Flüstern, er wusste, dass genau das dort auf ihn warten würde. „Nein, ich werde nicht ins Krankenhaus fahren.“

Ein Mann passierte die beiden und für einen kurzen Moment lang glaubte er, Lewis zu sehen. „Dave bitte, ich-“

Rossi unterbrach ihn. „Ist okay.“ Er klang noch immer verständnisvoll. Ruhig und verständnisvoll, ruhig und so leise. Er war so leise. Lewis Flüstern hallte über allem.

Er presste sich den Handballen gegen die Stirn, schloss für einen langen Augenblick die Augen. „Bitte, sprich nicht so leise.“

Die Hand löste sich von seinem Arm. Sofort öffnete er die Augen, um sich zu vergewissern, dass nicht wieder alles nur seiner Einbildung entsprach. War er wieder–? Doch Rossi war noch da, er stand noch immer vor ihm, sah ihn ebenso eindringlich und ruhig und verständnisvoll an, wie die ganze Zeit, verständnisvoll und besorgt, mit warmen, dunklen Augen, und er sprach nun lauter.

„Komm. Lass uns nach Hause fahren. Du bleibst heute Nacht bei mir, in Ordnung?“

Zuhause. Jack war zuhause. Er konnte nicht–

„Jack–“

„Er bleibt bei Jessica. Es wird alles gut, Hotch. Nichts wird passieren. Jack geht es gut, genauso wie dem Team. Komm, lass uns hier verschwinden.“

Es wird alles gut.

Es wird alles gut.

Er senkte den Blick und nickte leicht.

Es wird alles gut.

Wie sehr wollte er das glauben. Doch er war nur ein Schatten seiner selbst, erschrocken, verängstigt und gebrochen.

Es wird alles gut.

Ich gewinne.



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