Blaulichtmärchen - Helden machen keinen Feierabend!

GeschichteDrama / P18
19.06.2016
29.07.2017
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Keuchend holte ich Luft, mein ganzer Körper zitterte wie Espenlaub. In meinem Rücken spürte ich die kalte Wand und ich presste mich dagegen, auch wenn ich wusste, dass sie nicht nachgeben würde – ich saß in der Falle!

Bedrohlich ragte Carsten über mir auf, mit einem verächtlichen Grinsen kam er auf die zerschlissene Matratze zu, auf der ich schutzlos hockte und sah mich von oben herab an: „Jetzt schaust du wieder wie ein verletztes Reh, das gleich den Gnadenschuss versetzt bekommt. Süße, dir passiert nichts! Ich bin doch bei dir!“.

Atemlos starrte ich ihn an, meinen Ex-Freund, den Mann, mit dem ich einst eine Beziehung geführt hatte. Den Menschen, den ich wohl nie wirklich richtig gekannt hatte. Carsten war krank...und erschreckender Weise zu allem bereit.

Ich spürte jeden Knochen meines Körpers, seine Brutalität hatte mir den Atem geraubt. In den unzähligen Trainingseinheiten war ich doch immer auf so eine Situation vorbereitet worden...und jetzt kauerte ich hier und spürte die eiskalte Realität: Dass es für eine Frau von 1,70 kaum machbar war, gegen einen hochaggressiven 1,90-Riesen anzukommen, trotz jahrelanger Kampfsporterfahrungen in Abwehr- und Zugrifftechniken. Ohne meine Koppel, speziell ohne die Waffe, war ich doch extrem verwundbar.

Carsten legte den Kopf schief, ließ die Waffe in seiner Hand lässig schwingen und säuselte: „Hier kommt uns keiner mehr dazwischen! Ab jetzt sind wir wieder vereint...und bleiben für immer zusammen. Jetzt wird alles gut, Katja!“. Ich schluckte kräftig, noch immer am ganzen Körper zitternd, doch versuchte ich krampfhaft, beherrscht auf ihn einzureden, zu interagieren: „Carsten, lass mich gehen! Das führt doch zu nichts hier!“.

Ich wollte mutiger klingen, als ich es letztendlich tat. Wenn man plötzlich selbst das Opfer ist, sieht so ein Sachverhalt doch auf einmal ganz anders aus.

Carsten grinste abfällig, so, wie ich ihn noch nie zuvor hatte grinsen sehen und es erschreckte mich mehr als alles andere – er schien wirklich komplett nicht mehr zurechnungsfähig zu sein. Zu allem bereit.

Ich spürte wieder, wie mir die nackte, kalte Angst den Rücken hinaufkroch und fühlte mich so ausgeliefert wie noch nie in meinem Leben. Der Typ war völlig krank und brutal - wie sollte ich hier nur wieder herauskommen? Ich hatte nichts bei mir, um mich zu verteidigen, ich wusste ja nicht einmal, wo ich war...und ich würde kaum eine Chance gegen ihn haben, was auch immer er mit mir anstellen wollte. Ich konnte es mir denken und die Panik in mir wuchs.

„Süße, kein Grund, so ängstlich auszusehen! Ich werde dir deine Fehler der Vergangenheit verzeihen. Wichtig ist jetzt nur, dass wir zusammen sind. Und unsere Liebe jetzt besiegeln können, nur du und ich. Keiner wird uns hier stören. Wir haben alle Zeit der Welt, nur für unsere Liebe!“.

Ich hätte vor Panik losheulen können...doch in diesem Moment sah ich es – den flackernden Schein vom Blaulicht an der gegenüberliegenden Wand. Für mich war es der größte Hoffnungsschimmer, die reinste Erleichterung – die Kollegen! Killian! Mein  Killian! Jetzt war Hilfe da, ich war nicht mehr alleine!

Neuer Mut und Zuversicht durchströmten mich und ich wollte gerade auf Carsten einreden, um ihn abzulenken, als er an das Fenster stürzte und vor Wut laut aufbrüllte: „DIESE SCHEISSWICHSER!! DEINE SCHEISSKOLLEGEN SIND DA!! VERFLUCHTE BULLENSCHWEINE!!“.

Völlig außer sich lief er an der alten Fensterfront auf und ab: „Was machen wir jetzt?! Was machen wir jetzt?! Die wollen mich fertigmachen! Die wollen dich mir wegnehmen!! Dein Scheissbulle  will dich wohl retten kommen, was?! Aber nicht mit mir!! Der wird dich nicht kriegen!! Vorher bring ich uns alle hier um!“.

Er war wahnsinnig genug, seine Drohung in die Tat umzusetzen, soviel war mir klar. Zwar wusste ich nicht, ob die Waffe, die er dabei hatte, tatsächlich geladen war, doch war es jetzt der falsche Moment, um es drauf ankommen zulassen.

Ich überlegte, ob ich es riskieren konnte, zur Tür hinüber und dann ins Treppenhaus zu rennen, während Carsten noch immer aufgeregt an der Fensterfront stand und auf die oder den Polizeiwagen hinabstarrte...doch noch im selben Augenblick wurde die Tür mit voller Wucht aufgestoßen und Killian stürzte mit der MP in entschlossener Schießhaltung in den Raum: „POLIZEI!! RUNTER AUF DEN BODEN!!“.

Ein lauter Knall zerriss die Luft. Noch einer. Und noch einer. Wie ein Hammer, der auf Metall schlägt. Noch während Killian auf die Knie fiel, hatte auch er abgedrückt und Carsten wurde durch die Wucht oder vielleicht auch den Schock des Treffers rücklings an die Wand geschleudert.

Für den Bruchteil einer Sekunde stand die Welt still und ich dachte, das Schlimmste sei vorüber...doch ein genauerer Blick auf Killian genügte und ich wusste die Wahrheit: Sämtliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und obwohl er alle Kraft zusammen nahm und mir – als unsere Blicke sich trafen - beruhigend zunickte, so wie er es immer tat, ahnte ich die schreckliche Wahrheit bereits. Dazu musste ich nicht erst den dunklen Fleck sehen, der nun unter der Weste durch sein Shirt hindurchsickerte - er war getroffen worden, unmittelbar unter der Schutzweste in den Unterbauch.

Voller Entsetzen wollte ich zu ihm stolpern, ihm nahe sein, doch ein metallisches Klicken direkt an meinem linken Ohr ließ mich erstarren: „Du bleibst, wo du bist!“. Keuchend stand Carsten hinter mir und drückte den Pistolenlauf gegen meinen Hinterkopf. Ich hörte eine tiefe Genugtuung in seiner bebenden Stimme: „Jetzt seid ihr erledigt! Euch beiden kommt keiner mehr zu Hilfe...!“.
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