Solang mein Herz deinen Namen trägt

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Candace Gertrud Flynn Ferb Fletcher Lawrence Fletcher Linda Flynn-Fletcher Phineas Flynn
18.06.2016
18.06.2016
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Unglaublich. Das ist das Wort, das die letzten drei Monate meines Lebens am treffendsten beschreibt. Einfach unglaublich. Unglaublich, wie viele wundervolle Momente ich seitdem mit ihm teilen durfte. Unglaublich, wie schön es sich anfühlen kann, Hals über Kopf verliebt zu sein. Wie einmalig es ist, dieses Kribbeln im Bauch zu spüren, wenn er sich in meiner Nähe aufhält. Wenn ich nachts in seinen Armen liege und er zärtlich über meine Haut streichelt. Wenn wir zusammen unter dem weiten Sternenmeer liegen und uns dicht aneinanderkuscheln. Wenn der warme Nachtwind durch unsere Haare weht und er mich mit Begeisterung aus seinen klaren, funkelnden Augen ansieht, in denen sich das gleißende Mondlicht reflektiert.
In solchen Augenblicken spüre ich auch ohne jedes Wort, wie viel ich ihm bedeute und wie sehr er mich liebt. Und auch wenn ich jeden Morgen in seinen Armen aufwache, kann ich es noch immer nicht glauben. Auch wenn dieser Tag nun schon drei Monate zurückliegt, kommt es mir immer noch so vor, als würde ich nur träumen. Als wäre alles um mich herum nur ein Teil meiner Fantasie. Seine Blicke. Seine Berührungen. Seine leisen Worte, die er jede Nacht in mein Ohr flüstert, bis ich einschlafe.
All das kann doch nur ein Traum sein, habe ich mir schon oft gedacht. Es kann nur ein schöner Traum sein, nur eine Illusion. Weil es doch so viel Glück auf einmal überhaupt nicht geben kann. Weil es einfach viel zu schön ist, um Wirklichkeit zu sein. Diese Liebe mit ihm geht so unendlich tief, ist viel zu kostbar und nah, als dass es sie wirklich geben könnte. Wie oft habe ich in der Nacht schon wachgelegen und mich zu ihm umgedreht? Wie oft habe ich schon geglaubt, dass ich lediglich träume? Wie oft habe ich nach seiner Hand gegriffen oder seine Wange berührt, um mich zu vergewissern, dass er wirklich da ist? Wie oft habe ich versucht, Worte für das zu finden, was er mir gibt? Für dieses unbeschreibliche Gefühl, das ich dank ihm erleben darf?
Ich glaube, ich kann es gar nicht zählen. Was er mir schenkt, lässt sich einfach nicht in Worte fassen. Für das, was uns beide seit diesem Abend verbindet, gibt es keine Erklärung. Es existiert einfach kein Begriff, mit dem sich auch nur ansatzweise beschreiben ließe, was ich empfinde. Natürlich, als Außenstehender würde man es sicher als Liebe bezeichnen. Man würde behaupten, dass wir zwei einfach verliebt ineinander sind und uns deswegen zueinander hingezogen fühlen.
Aber Ferb und ich wissen, dass dieses Wort bei weitem nicht ausreicht. Egal, wie unerklärlich und stark die Liebe auch ist. Was zwischen uns beiden existiert, das ist so viel mehr als nur Liebe. Es ist eine Seelenverwandtschaft, ein grenzenloses Vertrauen ineinander. Ein geradezu magisches Gefühl, eine Anziehung, gegen die jede irdische Kraft absolut machtlos ist. Es ist etwas Besonderes. Etwas Außergewöhnliches und Einmaliges. Eine Verbindung, die so stark und innig ist, dass keine Macht dieser Welt sie jemals abreißen, geschweige denn zerstören könnte. Eine Verbindung, die jegliche Grenzen und Ketten sprengen könnte, wenn es nötig wäre.
Und das spüren wir beide ganz genau. Wir spüren, dass wir füreinander bestimmt sind und dass nichts unser Glück jemals zerbrechen könnte. Egal, wie viele Steine man uns in den Weg legt, Ferb und ich werden sie alle überwinden. Wir haben uns versprochen, dass wir zueinander stehen, ganz egal, wie weit wir dafür gehen müssen. Und dieses Versprechen werden wir einhalten. Für alle Zeiten.

„Phin? Phin, mein Süßer“. Ich kann spüren, dass Ferb mir durch mein Haar streichelt und schlage schließlich meine Augen auf. „Guten Morgen, mein Engel“, sagt er und küsst mich sanft auf die Wange. „Hast du gut geschlafen?“. Ich gähne zur Antwort und lächle ihn dann an. „Morgen, Ferby“, erwidere ich, während ich mich ein Stück aufsetze, damit er seine Arme um mich legen kann, was er auch sofort tut. Dann küsst er mich noch einmal und erwidert mein Lächeln. Er zieht mich noch näher zu sich heran und beginnt damit, mir über den Kopf zu streicheln. Entspannt lehne ich mich wieder zurück und kuschle mich in seine Arme. „Ferby“, wiederhole ich zufrieden und schließe die Augen. Höre seinen gleichmäßigen Herzschlag. Fühle die Wärme seiner Haut in meinem Gesicht. Atme tief den Duft seines Parfums ein.
„Schlaf wieder ein, Phin“, flüstert Ferb leise in mein Ohr, während seine Finger durch mein Haar gleiten. Ich weiß, dass er es gut mit mir meint. Aber ich will jetzt nicht schlafen. Ich will wach bleiben, damit ich seine Nähe spüren kann. Diese vertraute, zärtliche Nähe, die nur er mir gibt. Diese Wärme, die mich jedes Mal durchfließt, wenn er mich berührt. Wenn er ganz nah bei mir ist und mich festhält. Seine starken, kräftigen Arme um mich legt und sich an mich schmiegt. Eine Wärme, die mich von innen heraus erfüllt und mir das Gefühl gibt, fliegen zu können. Mit ihm davonzufliegen – weit weg, hinauf zu den Sternen. Irgendwohin, ans Ende dieses Universums.
Ich weiß, wie sich das anhört. Ich weiß, dass dieses Gefühl nicht nachvollziehbar ist für jemanden, der es selbst noch nicht erlebt hat. Aber ich habe es erlebt. Und ich erlebe es jeden Tag aufs Neue. Mit ihm. Mit meinem Ferby. Meinem wunderbaren, über alles geliebten Ferby. Ich weiß, wie schön es sich anfühlen kann, verliebt zu sein. In jemanden so tief verliebt zu sein, dass man ihn niemals wieder gehen lassen will. Niemals mehr loslassen will. Sich wünscht, ihn für alle Zeit in den Armen zu halten. Wie gut es tut, in seiner Nähe zu sein. Ihn zu berühren. Ihn zu küssen. Zu streicheln. Mit ihm zu tanzen.
Ein glückliches Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus, während ich daran denke, wie oft Ferb und ich schon zusammen getanzt haben. Wie wir mitten in der Nacht in den Garten hinausgeschlichen sind und barfuß über das taubedeckte Gras getanzt haben. Ohne jede Musik. Einfach ganz nach Gefühl. Wie oft er schon zärtlich seine Hand in meine gelegt und mich dann eng zu sich herangezogen hat. Wie oft ich mich von ihm habe entführen lassen. In unsere eigene Welt. Eine Welt, die nur diejenigen finden können, die wirklich aus vollem Herzen lieben.
Und das tue ich. Ich liebe meinen Ferby über alles. Ein Leben ohne ihn könnte ich mir nicht mehr vorstellen. Seit der Blitz bei uns eingeschlagen hat, sind wir beide nahezu unzertrennlich. Nie würde ich auch nur einen Gedanken daran verschwenden, was wäre, wenn ich Ferb nicht mehr habe. Niemals würde ich zulassen, dass sich irgendjemand zwischen uns stellt oder gar versucht, uns auseinanderzubringen. Das würde ich verhindern. Das würde ich mit allen Mitteln verhindern.
Ferb gehört zu mir. Er ist meine große Liebe. Der einzige Mensch, den ich jemals auf diese Weise lieben könnte. Der Einzige, zu dem ich dieses grenzenlose Vertrauen habe. Der Einzige, der alles über mich weiß. Der all meine kleinen Geheimnisse kennt. Und der mich genau dafür liebt. Dafür, dass ich so bin, wie ich bin. Er ist derjenige, dem mein Herz jetzt gehört. Und daran wird niemals jemand etwas ändern können. Nicht die Zeit, nicht unsere Freunde und auch nicht unsere Eltern.
Unsere Eltern. Bei diesem Gedanken läuft mir unweigerlich ein Schauer über den Rücken. Auch wenn Ferb und ich jetzt schon drei Monate ein Paar sind, wissen die beiden immer noch nichts davon. Sie haben keine Ahnung, dass sich zwischen ihm und mir längst mehr als eine geschwisterliche Verbindung entwickelt hat. Dass wir uns ineinander verliebt haben. Richtig verliebt. Hals über Kopf. Dass wir nachts zusammen in einem Bett schlafen und uns eng zusammenkuscheln. Dass wir uns lange und intensiv küssen. Streicheln. Uns lieben.
Sie wissen nichts davon. Sie glauben, dass zwischen uns alles noch so ist, wie es schon immer war. Und das ist vermutlich auch besser so. Wenn sie es wüssten, würden sie uns vielleicht verstoßen. Uns mit Gewalt auseinanderreißen.
Weil sie es nicht verstehen könnten. Weil sie einfach nicht begreifen würden, was für eine tiefe und innige Verbindung Ferb und ich zueinander haben. Dass wir füreinander bestimmt sind. Dass wir ineinander unseren Seelenverwandten gefunden haben. Den einen Menschen, dem man ohne Scham alles anvertrauen kann. Der einen versteht und genauso nimmt, wie man ist. Den einen, mit dem man sein Leben teilen möchte. Weil man ihn liebt. Heiß und innig liebt.
Ein Seufzer dringt aus meinem Inneren, während ich darüber nachdenke. Mir ist klar, dass Mom und Dad nicht die Wahrheit erfahren dürfen. Dass sie niemals herausfinden dürfen, was zwischen Ferb und mir entstanden ist. Dass wir es geheimhalten müssen. Um uns zu schützen. Und unsere Liebe.
„Was ist los, mein kleiner Prinz?“, fragt Ferb mich sanft, als er meinen leicht betrübten Blick bemerkt. „Worüber denkst du nach?“. „Gar nichts“, antworte ich, da ich mit ihm nicht schon wieder eine Diskussion über unsere Eltern anfangen will. Zu oft haben wir dieses Thema in der letzten Zeit schon durchgekaut. Anders als ich ist Ferb der Ansicht, dass Mom und Dad es akzeptieren werden, wenn wir ihnen die Wahrheit über uns erzählen. Er glaubt, dass sie zwar anfangs geschockt sein werden, sich aber bestimmt für uns freuen, wenn sie erst einmal die genauen Hintergründe kennen.
Aber ich bin mir da nicht so sicher. Ich habe Angst davor, dass sie dann nichts mehr mit uns zu tun haben wollen, weil sie sich dann für uns schämen. Weil wir beide trotz allem noch Stiefbrüder sind. Und auch wenn es gesetzlich nicht verboten ist, moralisch ist das natürlich wieder eine vollkommen andere Frage. Immerhin kennen Ferb und ich uns schon seit Kindertagen an. Wir wissen absolut alles voneinander. Da ist nicht ein Detail in seinem Leben, das mir entgangen wäre, wie marginal es auch scheinen mag. Und genauso ist es bei ihm auch. Er kennt mich absolut in- und auswendig. Nicht nur alltägliche Dinge, wie beispielsweise mein Lieblingsgericht oder meine bevorzugten TV-Sender, sondern auch unzählige weitere Einzelheiten. So weiß er zum Beispiel haargenau, an welchen Körperstellen ich am kitzligsten bin oder dass mich der Song 'Memory' aus dem Musical 'Cats' jedes Mal Rotz und Wasser heulen lässt.
Wie unbedeutend es für einen Außenstehenden auch scheinen mag, gerade sein Interesse für solche Kleinigkeiten zeigt mir umso mehr, wie wichtig ich ihm bin. Wie wichtig ihm unsere Beziehung ist. Dass er fest hinter mir steht, egal, was auch passiert. Und genau dafür liebe ich ihn so sehr. Für seine offene und wunderbare Art, dieses Leben zu leben. Dieses Leben, das erst durch ihn zu etwas Außergewöhnlichem geworden ist. Erst durch ihn habe ich erfahren, wie sich Zärtlichkeit anfühlt. Durch ihn darf ich spüren, wie aufregend es sein kann, von jemandem auf diese Weise berührt zu werden. Was es heißt, begehrt zu werden.
Denn ich weiß, dass er mich begehrt. Das muss er mir nicht sagen. Das weiß ich auch ohne jedes Wort. Allein ein Blick von ihm erzählt mir mehr als tausend Worte. Ein einziger Blick genügt oft schon, um mir zu signalisieren, was er möchte. Was er braucht. Und dass er immer für mich da sein wird. Egal, was auch immer passiert. Ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann. In jeder Situation.
„Phineas?“. Ferb reißt mich aus meinen Gedanken, als er mir seine Hand auf den Bauch legt. „Woran denkst du?“. „Nichts weiter“, antworte ich beiläufig und blicke ihm ins Gesicht. „Nur an uns“. „An uns?“, fragt er überrascht und setzt sich ein Stück hoch. Ich tue es ihm gleich und rapple mich ebenfalls auf. „Phin, was ist los?“, möchte er wissen. „Was beschäftigt dich?“. „Nichts, gar nichts“, wiederhole ich und lege ein Lächeln auf. „Ich habe nur kurz an ein paar schöne Momente mit dir gedacht“. „Gibt es davon viele?“, möchte er wissen und grinst mich neckisch an. „Mehr als genug“, antworte ich und küsse ihn auf die Wange.
Dann drehe ich mich kurz um und werfe einen Blick auf den Digitalwecker, der neben meinem Bett steht. Kurz nach neun. An einem neuen, herrlichen Samstagmorgen. Ein neuer Tag, den ich mit meinem Ferby teilen kann. Wieder muss ich lächeln, während ich daran denke. Unterdessen rutsche ich im Bett ein Stückchen tiefer und presse meinen Rücken eng an Ferbs Oberkörper heran. „Ferby“, flüstere ich leise und werfe ihm einen Blick zu. „Bitte halt mich“.
Ferb legt seine Arme um meinen Bauch und lehnt seinen Kopf gegen meine Schulter. „So besser?“, fragt er, was ich mit einem kurzen Nicken bejahe. Langsam schließe ich die Augen und atme tief ein. Atme den süßlichen Duft seiner Haut. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, wachzubleiben, aber ich merke, dass ich noch immer etwas müde bin. „Schlaf ruhig“, wispert Ferb in mein Ohr, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Schlaf dich aus. Und wenn du wieder aufwachst, machen wir uns zusammen einen schönen Tag, okay?“. „Mhm“, antworte ich leise und kann ein Gähnen nicht unterdrücken. Eine Weile lausche ich noch seinen gleichmäßigen Atemzügen, bis ich schließlich wieder einschlafe.

„Jungs? Jungs?“. Eine leise Stimme reißt mich aus meinen Träumen und ich schlage meine Augen auf. Als ich verschlafen aufblicke, sehe ich meine Schwester Candace, die neben unserem Bett steht und mich anlächelt. „Guten Morgen, Schlafmütze“, meint sie und kichert. Ich gähne zur Antwort und drehe mich dann zu Ferb um, der noch immer die Arme um mich gelegt hat und seelenruhig schlummert. „Ferby“, hauche ich in sein Ohr. „Ferby, mein Schatz“. „Mmmmh“, stöhnt er leise, ehe er mich loslässt und sich aufsetzt. „Guten Morgen, Ferbylein“, sagt Candace und kichert wieder. „Gut geschlafen?“.
„Nenn mich nicht so“, erwidert Ferb und gähnt. „Wie spät ist es?“, will er dann von mir wissen, was mich unweigerlich zum Lachen bringt. Typisch Ferb. „Fast halb zwölf“, antwortet Candace an meiner Stelle und schmunzelt. „Oje“, meint er und bedeutet mir, aufzustehen. Grinsend leiste ich seiner Anweisung Folge, wohlwissend, dass er gleich eine besondere Überraschung erleben wird. Bisher scheint er allerdings nicht bemerkt zu haben, dass ihm am Unterleib ein entscheidendes Kleidungsstück fehlt.
Candace hingegen ist längst aufgefallen, was ich in meiner rechten Hand halte und sie zwinkert mir zu. „Ich muss wohl wieder eingeschlafen sein“, sagt Ferb und schüttelt den Kopf. „Ich habe... Phineas!“. Endlich hat er bemerkt, dass ich ihm wieder einmal seine Boxershorts geklaut habe und wirft mir einen finsteren Blick zu. Candace und ich können uns nicht mehr zurückhalten und brechen in lautes Gelächter aus. Ich halte meine rechte Hand hoch und wedle damit vor seiner Nase herum, ziehe sie aber zurück, ehe er nach mir greifen kann. „Du bist unmöglich!“, ruft er laut und zieht die Bettdecke über seine Hüften. Candace und ich klatschen uns gegenseitig ab und lachen. „Gib sie her“, fordert Ferb mich auf und versucht noch einmal, mich zu erwischen. „Hol sie dir“, antworte ich glucksend und werfe sie Candace zu. Diese läuft damit zur Tür hinüber und streckt Ferb spaßeshalber die Zunge raus. „Her damit, Candace!“, verlangt Ferb noch einmal, doch sie kichert nur. „Du willst sie?“, ruft sie ihm grinsend zu. „Dann hol sie dir“. Mit diesen Worten schwingt sie die Tür zu und verschwindet draußen im Flur. Mitsamt Ferbs Boxershorts.
Ich muss noch immer lachen und merke nicht, dass ich zu nah am Bett stehe. Ferb nutzt das aus, um mich am Arm zu packen und zieht mich schließlich zu sich hinein. „Jedes Mal dasselbe mit dir“, meint er, während er mich fest umklammert. „Bist du es nicht Leid, mir jeden Tag denselben Streich zu spielen, hm?“. Er drückt mich aufs Bett und nagelt mich mit beiden Händen fest. „Nein“, antworte ich kichernd, wohlwissend, dass ich gleich die Rache für meine Aktion bekommen werde.
„Böser Junge“, sagt Ferb in gespielt ernstem Tonfall. „Dann habe ich wohl keine Wahl. Ich muss dich bestrafen“. „Wie denn?“, frage ich so unschuldig wie möglich, obwohl ich genau weiß, was als nächstes folgt. „Mit einer... Kitzelattacke!“, ruft er aus und fängt an, mich heftig am Bauch zu kitzeln. Wir müssen beide lachen, während ich vergeblich versuche, ihn abzuwehren. „Ferb!“, kreische ich kichernd. „Lass das! Hör auf!“. Doch selbstverständlich spornt ihn das erst richtig an. Er drückt eine Hand sanft gegen meine Brust, während er mit der anderen von meinem Bauch abwärts wandert, bis er schließlich unten bei meinen nackten Füßen ankommt. „Strafe muss sein“, sagt er grinsend und kitzelt mich noch heftiger. „Ferb!“, rufe ich lachend und bemühe mich vergeblich darum, mich einigermaßen zu kontrollieren. „Strafe muss sein“, wiederholt er und sein Grinsen wird breiter. Wir wissen beide ganz genau, worauf es hinausläuft, wenn er noch länger so weitermacht. Ich starte einen neuen Versuch, ihn abzuwehren, habe aber wie immer nicht die geringste Chance gegen ihn. Er ist stärker als ich und das weiß er auch ganz genau.
Bereits nach kurzer Zeit spüre ich, dass er erreicht hat, was er will und auch ihm bleibt es selbstverständlich nicht verborgen. Er beugt sich ein Stück weiter zu mir herab und nimmt seine Hand von meiner Brust. Gekonnt lässt er sie an mir hinunterwandern und legt wieder sein verführerisches Lächeln auf. Dieses sexy Lächeln, das er nur dann hat, wenn er bekommt, was er will. Und er weiß ganz genau, dass er es bekommt. Er weiß, dass ich mich nicht wehre. Ich kann mich gar nicht dagegen wehren. Und ich will es auch nicht.

Später an diesem Tag sitzen Ferb und ich zusammen im Garten und kuscheln. Wir haben es uns unter dem großen Baum gemütlich gemacht und wie immer streichelt er zärtlich durch meinen Haarschopf. Nachdem er vorhin seinen Willen erhalten und mich ein weiteres Mal verführt hat, haben wir einstimmig beschlossen, das herrliche Sommerwetter auszunutzen und uns einen schönen Tag zu machen.
Zu unserem Glück sind Mom und Dad vor einer Stunde in die Stadt gefahren, um ein paar Besorgungen zu erledigen, sodass Ferb und ich ganz ungestört sind und uns dabei sicher sein können, dass wir nicht ertappt werden. Candace ist zwar noch zu Hause, denn sie lernt momentan fleißig für ihr Examen, doch das stört uns nicht weiter, da sie ohnehin über alles Bescheid weiß. Sie weiß alles über Ferb und mich, kennt alle Fakten, die mit unserer Beziehung zusammenhängen.
Und darüber bin ich ehrlich gesagt auch ganz froh. Nicht nur, weil sie es akzeptiert und die Sache für sich behält, sondern auch, weil ich dadurch jemanden habe, mit dem ich darüber reden kann. Es tut gut, sich mit jemandem austauschen zu können, von dem man verstanden wird und der einen nicht dafür verurteilt. Denn ich weiß genau, dass sie das niemals tun würde. Im Gegenteil: Sie fand es sehr mutig von mir, dass ich ihr damals die ganze Wahrheit gestanden habe. Und noch viel glücklicher war sie, als sie erfahren hat, dass Ferb und ich zusammen sind. Dass er meine Liebe erwidert und sich auf eine Beziehung mit mir einlassen will.
Ich konnte es damals selbst nicht glauben. Ich war selbst total überwältigt, als Ferb die Wahrheit herausgefunden hat und habe gedacht, dass jetzt endgültig alles vorbei ist. Dass er mich verabscheut und nichts mehr mit mir zu tun haben will. Doch stattdessen hat er mich fest in den Arm genommen und mir gesagt, wie unheimlich süß er es findet, dass ich so empfinde. Und dann hat er mich geküsst. Er hat mich wirklich geküsst. Nicht nur so nebenbei, sondern richtig. Direkt auf den Mund.
Ich war baff. Ich war ehrlich total baff. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass es ihm ähnlich geht wie mir, geschweige denn, dass er es jemals erwidern würde. Aber er hat es getan. Er hat sich tatsächlich auf eine Beziehung mit mir eingelassen. Er hat mir nicht vorgehalten, wie verrückt die ganze Sache ist, sondern es einfach mit mir versucht. Jeglicher Zweifel und Bedenken zum Trotz.
Auch wenn dieser Tag nun schon einige Zeit zurückliegt, kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen. Als hätte er erst gestern zärtlich meine Hand gestreichelt und mich mit diesem einzigartigen Lächeln angesehen. Als hätten wir uns gestern erst das allererste Mal geküsst. Als hätte er mir erst gestern diesen goldenen Anhänger geschenkt, den ich seitdem jeden Tag um meinen Hals trage. Damit ich niemals vergesse, wie viel er mir bedeutet. Damit unsere Liebe niemals vergeht und für alle Zeit so stark bleibt wie am ersten Tag.
Vorsichtig taste ich nach seiner Hand, die er sanft auf meinem Bauch abgelegt hat und umschließe sie fest. Möchte sie halten. Für immer festhalten. Ihn nie mehr loslassen. Niemals wieder gehen lassen. Langsam drehe ich mich um und blicke zu ihm hoch. Sehe das zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht. Den warmen Blick aus seinen kristallklaren Augen, mit dem er mich jedes Mal aufs Neue verzaubert. „Mein Ferby“, wispere ich leise und mache ihm unmissverständlich klar, was ich jetzt von ihm haben möchte.
Ferb löst den Griff um meine Hüften und setzt sich ein Stück auf. Ein Lächeln umspielt sein Gesicht und ohne dabei auch nur ein Wort zu verlieren, zieht er mich zu sich heran. Ich fühle seine Hand in meinem Haar, während ich darauf warte, dass er es tut. Dass er mich küsst. Lang und intensiv küsst. So wie damals. An jenem Abend, an dem unser Glück einmal begonnen hat.
Ich schließe meine Augen. Schalte die Welt um uns herum einfach aus. Höre auf zu denken und nähere mein Gesicht dem seinen immer mehr, bis ich schließlich seine Lippen spüre. Seine samtigen, weichen Lippen, die mich in einen neuen, atemlosen Kuss ziehen. Die so aufregend und süß schmecken wie nichts anderes auf dieser Welt. Ich fühle seine Zunge, die vorsichtig über meinen Mund gleitet. Fühle, wie sie sich langsam zwischen meine Lippen schiebt und in mich eindringt, bis unsere Zungenspitzen sich schließlich berühren. Wie sie zärtlich miteinander spielen und aneinander entlanggleiten. Wieder fühlt es sich an wie ein Rausch. Ein einmaliger und intensiver Rausch, der mich langsam mit sich zu ziehen scheint.
Ferb und ich sind so sehr auf unser Kussspiel fixiert, dass wir gar nicht bemerken, wie das Gartentor langsam aufschwingt. Erst ein lauter, erschrockener Schrei lässt uns unsere Streicheleinheit beenden. Hastig drehen wir uns um und erblicken unsere Freundin Isabella, die den Mund sperrangelweit geöffnet hat und ungläubig zu uns herüberschaut. Ich schlucke schwer, ehe ich Ferb einen beschämten Blick zuwerfe. Auch er scheint ziemlich geschockt darüber zu sein, dass wir ertappt worden sind.
Ich fühle, dass ich innerlich anfange zu zittern. Mehrere kalte Schauer laufen mir den Rücken hinunter, während ich darüber nachdenke, was ich als nächstes tun soll. Ferb will mir seine Hand auf die Schulter legen, doch ich wehre ihn rasch ab. Ich ertrage seine Berührung im Augenblick nicht. Ich bin nicht einmal in der Lage, irgendetwas zu sagen, geschweige denn, etwas zu tun. Wortlos starre ich zu Isabella hinüber, die mich ebenso schockiert anzusehen scheint wie ich sie.
„I-Isabella“. Erst nach ein paar Versuchen gelingt es mir, mich aus meiner Schockstarre zu lösen und etwas zu sagen. „Wir... wir...“. Wie soll ich ihr denn bitte erklären, was sie da gerade gesehen hat? „Phineas, was...?“, setzt sie mit zittriger Stimme an, bricht dann allerdings wieder ab. Ferb legt mir noch einmal die Hand auf die Schulter und bedeutet mir, aufzustehen. Zögernd erhebe ich mich schließlich und schlucke noch einmal schwer, während ich darüber nachdenke, wie ich Isabella alles erklären soll.
Einige Augenblicke lang, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen, stehen wir so da. Keiner von uns dreien spricht ein Wort, der Schock sitzt bei uns allen immer noch zu tief. Ich senke meinen Blick beschämt zu Boden, schaffe es nicht, sie anzusehen. Weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Soll ich auf sie zugehen? Soll ich ihr sagen, was Sache ist? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.
Reflexartig taste ich nach Ferbs anderer Hand und halte sie fest. Ich brauche jetzt seine Nähe. Ich habe Angst, ihn loszulassen. Habe Angst, dass er dann ins Haus geht und mich mit ihr alleinlässt. Dass es dann an mir liegt, die ganze Sache zu erklären. Und das will ich nicht. Ich kann es nicht. Ich kann ihr einfach nicht sagen, was los ist. Das schaffe ich nicht.
„Phineas...? Ferb...? Was...?“, setzt Isabella noch einmal an. „Wir... wir haben... wir...“, versuche ich zu erklären, doch mein Hals fühlt sich an wie zugeschnürt. Ich bringe keinen vernünftigen Satz zustande.
„Was war das?“, fragt Isabella endlich und ich kann sehen, dass sie genauso zittert wie ich. „Was hat das zu bedeuten, Phineas? Was sollte das?“. „Was... was hast du denn gesehen?“, frage ich sie schließlich und schlucke noch einmal schwer. Ich weiß, wie einfallslos das ist. Wie blödsinnig sich diese Frage anhört. Aber was soll ich denn bitte sonst sagen? „Du hast Ferb...“, fängt sie noch einmal an, unterbricht sich dann aber wieder. „Geküsst“, beendet Ferb ihren Satz und hält mich fester.
„Warum?“, fragt Isabella mich. „Warum hast du ihn geküsst? WARUM?“. Sie klingt hysterisch und schrill, darum bemüht, die Kontrolle nicht zu verlieren. „Ich...“, setze ich an. „Weil...“. Nein. Nein, es geht nicht. Ich kann es ihr nicht sagen. Ich darf es ihr nicht sagen. Unmöglich. „Weil wir zusammen sind“, höre ich Ferb sagen und hätte ihm im selben Moment am liebsten eine geklatscht. Warum zum Teufel erzählt er ihr das? Ist er komplett übergeschnappt? Ist ihm eigentlich klar, was er dadurch anrichtet? Dass er unsere Beziehung dadurch in Gefahr bringt? Ich drücke seine Hand fester, um ihm dadurch zu signalisieren, dass er die Klappe halten soll.
„Was seid ihr?“, hakt Isabella ungläubig nach. „Sag das nochmal, Ferb. WAS seid ihr?“. „Wir sind zusammen“, wiederholt er, woraufhin ich noch fester zudrücke. „Autsch!“, ruft er aus und löst sich aus meinem Griff. „Lass das“. Er blickt mir kurz in die Augen und zuckt zusammen, als er bemerkt, dass ich ihn finster anschaue. Dass ich innerlich koche vor Wut. Wie kann er denn nur so leichtsinnig sein? Hat er komplett den Verstand verloren? Will er unsere Liebe mit Gewalt kaputtmachen?
Zum ersten Mal in der Geschichte unserer Beziehung bin ich richtig sauer auf ihn. Am liebsten hätte ich mich auf ihn gestürzt und solange geschüttelt, bis er wieder zur Vernunft kommt. Wie oft habe ich ihm schon gesagt, dass ich nicht will, dass jemand von uns erfährt? Wie oft haben wir darüber diskutiert, dass niemand etwas von uns wissen darf? Wie oft habe ich ihn ermahnt, sich ja nicht aus Versehen zu verplappern und Stillschweigen darüber zu bewahren? Und das soll jetzt alles umsonst gewesen sein?!
„Ihr seid... zusammen?“, hakt Isabella noch einmal nach und schluckt. „Ja“, antwortet Ferb entschlossen und nickt. „Phineas und ich sind...“. „Halt die Klappe!“, rufe ich laut, da ich es nicht mehr länger aushalte. „Halt die Klappe, Ferb! Halt endlich die Klappe!“. Mit diesen Worten reiße ich mich von ihm los und laufe weg. Weg von ihm und Isabella, hinein ins Haus. Ich knalle die Balkontür hinter mir zu und flüchte ins Wohnzimmer.
Dort lasse ich mich aufs Sofa sinken, vergrabe meinen Kopf in einem Kissen und schreie. Schreie meine ganze Wut heraus. Und meine Enttäuschung. Meine Angst, dass jetzt alles vorbei ist. Dass Ferb und ich nicht länger zusammen sein können. Dass unser Geheimnis herauskommt. Unser schönes Geheimnis, das mir die glücklichste Zeit meines Lebens beschert hat. Das mir Wind unter meinen Flügeln gegeben und mich zum Himmel getragen hat.
Aber jetzt ist es vorbei. Isabella weiß jetzt alles. Und sie wird es weitererzählen. Sie wird zu unseren Eltern gehen und es ihnen sagen. Es ist aus. Ferb hat alles kaputtgemacht. Er hat die beste Zeit meines Lebens mit einem Schlag kaputtgemacht. Warum kann er nur seine Klappe nicht halten? All die Jahre war er immer so still. Und ausgerechnet dann, wenn es mal angebracht wäre, muss er alles ausplappern. Muss mich und unsere Liebe verraten. Das verzeihe ich ihm nie. Niemals.
Ich spüre Tränen in meinem Gesicht und schluchze. Ich hasse ihn dafür. Wie kann er mir das nur antun? Bin ich ihm so egal? Bedeutet ihm das, was wir haben, gar nichts mehr? Enttäuscht setze ich mich wieder auf und weine. Es tut weh. Es tut so weh. Ich fühle mich so verraten. Verraten von meiner großen Liebe.
„Phin?“. In meiner ganzen Aufregung habe ich gar nicht bemerkt, dass Ferb mir gefolgt ist und sich neben mich aufs Sofa setzt. „Phin, mein Schatz“, flüstert er sanft und will nach meiner Hand greifen, doch ich wehre ihn grob ab. „Lass mich in Ruhe!“, fauche ich wütend. „Du Verräter!“. „Phineas, mein Süßer“, sagt er und versucht noch einmal, mich zu berühren. „Fass mich nicht an!“, keife ich und schlage ihn beiseite. „Du Heuchler! Wie kannst du mir das antun, hä? Wie kommst du auf die meschuggene Idee, Isabella alles zu erzählen? Bist du noch ganz dicht?! Ist dir klar, was du damit anrichtest?!“. „Phin...“, versucht er es noch einmal. „Sei still!“, zische ich aufgebracht. „Ich dachte, dass du mich liebst. Dass du alles dafür tust, damit wir zusammenbleiben können. Stattdessen quatscht du alles aus. Verrätst unsere Liebe. Verrätst mich! Das ist nicht fair, Ferb! Das ist einfach nicht fair! Das ist hinterhältig von dir! Das verzeihe ich dir nie. Nie, hörst du?!“.
Tränen laufen über mein Gesicht, als ich Ferb endlich alles vor den Kopf geknallt habe, was ich denke. Dass er ein Verräter ist. Dass ich enttäuscht von ihm bin. So enttäuscht und verletzt darüber, dass er mir das antut. Dass er mich anscheinend gar nicht mehr liebt. Sonst würde er alles dafür tun, um unser Geheimnis zu schützen und nicht alles ausplaudern. „Phineas“. Wieder greift er nach meiner Hand und streichelt sie. Er rutscht ein Stück zu mir heran und legt seinen Arm um meinen Körper. „Phineas, hör zu. Ich weiß, dass du sauer bist. Ich kann es verstehen und vermutlich wäre ich an deiner Stelle genauso sauer. Aber...“. „Du liebst mich gar nicht mehr!“, platze ich hervor, als ich mich nicht mehr zurückhalten kann, bereue es aber im selben Augenblick.
„Phin, das ist doch nicht wahr“, erwidert Ferb und streichelt mir durch die Haare. „Du weißt, dass das nicht wahr ist. Du weißt, dass ich dich über alles liebe, mein Schatz. Wie wichtig mir unsere Liebe ist und dass wir für immer zusammenbleiben können“. „Warum tust du mir dann so etwas an?“, frage ich ihn unter Tränen. „Warum plapperst du alles aus, obwohl du weißt, dass es unsere Beziehung gefährdet?“.
„Weil ich dich liebe“, antwortet er mir und wischt meine Tränen weg. „Weil ich dich über alles liebe, mein kleiner Prinz. Weil ich fest hinter dir stehen und zu dir halten will, egal, was auch passiert. Ich weiß, dass es in meinem Leben nie mehr einen anderen als dich geben wird. Dass wir beide zusammengehören. Für immer. Deswegen will ich auch zu dir stehen. Ich will das mit uns nicht mehr länger verstecken. Du und ich – wir sind füreinander bestimmt. Egal, was andere davon halten oder was sie dazu sagen. Deshalb will ich auch nicht mehr so tun, als wäre zwischen uns gar nichts. Ich will, dass alle es erfahren. Dass sie erfahren, wie glücklich du mich machst. Wie froh ich bin, dich an meiner Seite zu haben. Ich möchte, dass sie wissen, wie einmalig das zwischen uns ist. Wie viel es mir bedeutet, mit dir zusammen zu sein. Nur darum habe ich Isabella die Wahrheit gesagt. Weil sie ruhig wissen soll, wie glücklich wir zusammen sind. Weil jeder es wissen soll. Ich weiß, dass du Angst hast, den Leuten die Wahrheit zu sagen. Ich kann es auch verstehen. Aber hast du es nicht langsam satt, es immer zu vertuschen? Bist du es nicht Leid, dich ständig zu verstecken und immer darauf aufpassen zu müssen, dass keiner dich erwischt? Möchtest du nicht auch endlich öffentlich dazu stehen, frei nach dem Motto: Es ist, wie es ist?“.
„Nun...“. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. „Aber ich möchte es“, setzt Ferb fort und lächelt mich an. „Ich möchte die anderen an unserem Glück teilhaben lassen. Weil ich weiß, dass mein Herz zu dir gehört und nur für dich schlägt. Darum bitte, Phineas, denk darüber nach. Nimm deinen Mut zusammen und lass uns endlich dazu stehen. Kümmer dich nicht ständig darum, was andere davon halten. Hab keine Angst davor, dass sie sich von dir abwenden. Glaub mir, diejenigen, denen du wirklich wichtig bist, werden es verstehen und akzeptieren. Und auf diejenigen, die sich deswegen aufregen oder es nicht akzeptieren können, kannst du getrost pfeifen. Die haben nämlich deine Freundschaft überhaupt nicht verdient. Und wenn sie glauben, darüber tratschen zu müssen, dann lass sie. Lass sie reden soviel sie wollen. Denn egal, was sie auch sagen, zwischen uns beiden wird das nicht das geringste ändern. Du bist und bleibst meine große Liebe. Für alle Zeiten“.
„Oh Ferb“, sage ich und lächle bewegt, während ich langsam erkenne, dass er vollkommen Recht hat. Ich darf nicht ständig auf die Meinung anderer hören. Ich muss endlich den Mut finden, hinter meiner Liebe zu Ferb zu stehen. Ich darf mich nicht länger hinter meinen Ängsten verstecken. So lange sind wir beide nun schon glücklich verliebt. So lange achten wir nun schon darauf, von niemandem gesehen oder erwischt zu werden. Aber irgendwann muss auch mal damit Schluss sein. Irgendwann muss ich einfach mal die Kraft dazu haben, um zu sagen: Ja, es ist so. Ja, Ferb und ich sind zusammen. Ja, wir beide lieben uns.
Vielleicht ist dieser Zeitpunkt jetzt gekommen, überlege ich. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, endlich die Karten auf den Tisch zu legen und klarzustellen, was Sache ist. Dass Ferb und ich ein Paar sind. Ein festes Paar. Dass wir uns richtig ineinander verliebt haben und glücklich zusammen sind. Vielleicht muss ich nur einmal meinen ganzen Mut zusammennehmen und hinter ihm stehen. Genau so, wie er auch hinter mir steht.
Ich tue es, beschließe ich selben Moment für mich. Ich bekenne mich endlich zu dem, was zwischen uns ist. Früher oder später kann ich es sowieso nicht mehr verheimlichen. Früher oder später wird man unser Geheimnis ohnehin aufdecken, egal, wie sehr wir es auch zu tarnen versuchen. Warum bringe ich es also nicht gleich hinter mich? Dann hat dieses ewige Versteckspiel endlich ein Ende. Dann können Ferb und ich endlich die gemeinsame Zeit genießen, ohne darauf achten zu müssen, ob uns jemand sieht. Dann können wir auch endlich zusammen ausgehen, so, wie wir es schon seit längerer Zeit geplant haben.
Worauf warte ich also noch? Isabella weiß jetzt ohnehin Bescheid. Und sie wird es mit Sicherheit weitererzählen. Deswegen macht es doch so oder so keinen Sinn mehr, sich noch länger zu verstecken. Irgendwann kommt die Wahrheit sowieso ans Licht. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich es Ferb schuldig bin. Ich bin es ihm schuldig, diesen Schritt zu machen. Hinter ihm zu stehen. Diesem Spiel endlich ein Ende zu setzen und Tatsachen einzuräumen. Nicht länger zu lügen, sondern endlich die ungeschminkte Wahrheit zu sagen. Ich schulde es ihm. Und mir selbst schulde ich es auch.
Auch ich habe es satt, so zu tun, als wäre da nichts. Als wäre alles wie immer. Ich habe genug davon, ihn stets heimlich zu küssen und mich in der Anwesenheit anderer stets von ihm zu distanzieren. Ferb ist mein Freund. Mein Lebensgefährte. Mein Liebling. Er hat es geschafft, sich einen Platz in meinem Herzen zu erobern. Ich liebe ihn so heiß und tief. Liebe es, seine Nähe zu fühlen. Seine Berührungen zu spüren. Seinen Blick. Seine Hand in meinem Haar. Fiebere sehnsüchtig jedem Kuss entgegen, an dem er mich teilhaben lässt. Bin verzaubert von jedem Lächeln, das er mir schenkt.
Wozu soll ich also noch länger warten? Was versuche ich durch mein ewiges Vertuschen zu erreichen? Was verspreche ich mir davon, unser Geheimnis auf immer und ewig für mich zu behalten? Warum habe ich solche Angst davor, den nächsten Schritt zu machen? Warum jetzt nicht da hinausgehen und Isabella alles sagen, egal, ob es ihr nun passt oder nicht?
Auch wenn sie es nicht versteht. Auch wenn sie nicht begreifen kann, dass es die Wahrheit ist. Ferb und ich lieben uns. Wir werden uns immer lieben. Sowohl er als auch ich wissen, dass nichts unsere Beziehung zerstören kann. Dass sie zu stark ist, als dass irgendjemand sie je kaputtmachen könnte. Dass jeder, der es auch nur ansatzweise versucht, kläglich scheitern wird.
„Ferb“, sage ich zu ihm und umklammere seine Hand, als mir bewusst wird, dass es jetzt kein Zurück mehr für uns gibt. Dass es an der Zeit ist, die Wahrheit zu sagen. Jetzt oder nie. „Ferb, du hast Recht“. „Was?“, fragt er vorsichtig nach und blickt mich erstaunt an. „Du hast Recht“, wiederhole ich entschlossen. „Es ist an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. Es ist Zeit, die Dinge klarzustellen“. „Phin“, wispert er überrascht, doch ich schüttle nur den Kopf. „Du hast absolut Recht“, wiederhole ich noch einmal. „Ich habe mich schon viel zu lange davor gedrückt, dazu zu stehen. Zu lange habe ich dagegen angekämpft. Zu lange habe ich mir selbst eingeredet, dass niemand etwas von uns erfahren darf, aus Angst, dass man uns dafür verspotten könnte. Aber ich weiß, dass das nichts bringt. Ich weiß jetzt, dass du absolut Recht hast. Ich darf nicht länger vor der Wahrheit davonlaufen. Ich darf mich nicht länger hinter meinen Befürchtungen verstecken. Ich muss endlich meinen ganzen Mut aufbringen und es sagen, wie es ist“.
„Phin, ich...“, will er erneut ansetzen, doch wieder unterbreche ich ihn. „Ich kann mich nicht für alle Zeit verstecken“, setze ich dann fort. „Irgendwann muss es endlich mal raus. Ich kann nicht zulassen, dass uns meine absurden Befürchtungen alles verderben. Ich kann nicht länger dieses Spiel spielen. Und ich kann auch nicht von dir verlangen, dass du es weiterhin tust. Ferby, wir sind jetzt drei Monate zusammen. Drei wunderbare Monate, in denen ich erst richtig erkannt habe, was im Leben wirklich zählt. In denen ich dank dir so viele neue Erfahrungen machen durfte, die ich nie für möglich gehalten hätte. In denen ich gelernt habe, dass wahre Liebe einen wie aus dem Nichts überrumpeln kann und man nicht in der Lage ist, sich dagegen zu wehren. Dass es nichts schöneres gibt, als mit vollem Herzen zu lieben und aus vollem Herzen geliebt zu werden“.
Ich unterbreche mich kurz und lege meine Hand an Ferbs Wange, ehe ich schließlich fortfahre. „Ferby“, flüstere ich mit einem Lächeln und streichle ihn. „Du bist das Wunderbarste, das Aufregendste und Beste, das mir in meinem Leben passieren konnte. Du bist der Mensch, bei dem ich mir sicher sein kann, dass er mich so liebt, wie ich bin. Derjenige, der alles über mich weiß. Der meine heimlichen Sehnsüchte und Träume so gut kennt wie kein anderer. Und der alles dafür tut, um sie zu verwirklichen. Du hast mir in all der Zeit schon so viel geschenkt, Ferby. Du hast mir so viele Dinge gegeben, die ich mir nicht einmal in meinen schönsten Fantasien hätte vorstellen können. Du bemühst dich jeden einzelnen Tag darum, mich glücklich zu machen und meine Wünsche wahr werden zu lassen. Und darum, Ferby, möchte ich auch endlich einmal deinen größten Wunsch wahr werden lassen“.
Wieder halte ich kurz inne, als ich bemerke, wie gerührt er von meinen Worten ist und rutsche näher an ihn heran. „Lass es uns tun“, sage ich dann. „Lass uns dieses Versteckspiel endlich beenden. Lass uns jetzt da rausgehen und ein für alle Mal die Karten auf den Tisch legen. Lass uns gemeinsam den Mut dazu haben und Isabella alles über uns erzählen. Und bitte, Ferby, vergiss nicht: Was auch passiert, ich bin da“.
Ich sehe eine kleine Träne in Ferbs Auge funkeln, als ich meine Ansprache zu Ende geführt habe und nehme ihn fest in den Arm. „Ich liebe dich“, flüstere ich in sein Ohr und streichle über seinen Kopf. „Ich werde dich immer lieben. Niemand trennt uns, Ferby. Niemand, das schwöre ich dir“.
Mit diesen Worten fasse ich ihn an die Hand und will hinausgehen, doch er hält mich sanft zurück und bittet mich, noch einmal kurz neben ihm Platz zu nehmen. „Phin“, sagt er dann und lächelt tief bewegt. „Das ist mutig von dir. Unglaublich mutig. Aber du musst das nicht tun. Du...“. „Doch, Ferb, ich muss“, antworte ich rasch, ehe er seinen Satz beenden kann. „Ich habe auch genug davon, mich ständig verstecken zu müssen. Ich will mit dieser Heimlichtuerei endlich Schluss machen. Ich will mit dir im Garten liegen und schmusen, ganz egal, wer gerade anwesend ist. Ich will mit dir in die Stadt gehen, Hand in Hand, damit alle auf den ersten Blick sehen, dass du zu mir gehörst. Ich will mit dir ausgehen, egal, wie viele Bekannte uns dabei über den Weg laufen. Mit dir im Kino sitzen und in der letzten Reihe bei einem romantischen Liebesfilm rumknutschen, so wie Candace das früher immer mit Jeremy gemacht hat. Ich will nicht mehr länger die Klappe halten. Ich möchte, dass jeder weiß, wie glücklich ich mit dir bin. Ich bin bereit dazu, diesen Schritt zu machen. Ich fühle mich endlich stark genug dafür, weil ich weiß, dass du an meiner Seite bist. Ich werde zu dir halten und bei dir bleiben, was auch kommt. Weil ich dich liebe, Ferby. Über alles“.
Ich sehe Tränen über Ferbs Wangen laufen, als ich ihm gesagt habe, was ich möchte und tupfe sie ihm sanft mit den Fingern weg. „Psst“, flüstere ich und lächle. „Nicht weinen, Ferby. Ist alles gut“. Ich streichle ihn zärtlich, bis er sich wieder etwas beruhigt hat und stehe dann auf.
„Komm“, sage ich sanft und nehme noch einmal seine Hand. „Lass es uns tun. Jetzt oder nie“. „Phin“, wispert er bewegt und umarmt mich fest. „Ich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“. „Sag nichts, Ferb“, antworte ich. „Bitte versprich mir nur etwas“. „Alles“, erwidert er und lächelt. „Alles was du möchtest“. „Wenn wir es jetzt tun“, entgegne ich und blicke in seine Augen. „Versprich mir, dass du meine Hand hältst“. „Versprochen“, antwortet er und hält mir seinen Arm hin, damit ich mich bei ihm einhaken kann. Dann atmen wir beide noch einmal tief durch und machen uns schließlich auf den Weg nach draußen.
An der Balkontür bleibe ich noch einmal stehen und sehe zu Ferb auf. „Jetzt oder nie“, sage ich noch einmal und wir treten gemeinsam in den Garten hinaus. In den leeren Garten. Isabella ist fort. Prüfend schaue ich mich nach allen Seiten um, bis mein Blick schließlich an dem offenstehenden Gartentor hängen bleibt. Sie ist gegangen. Geflüchtet. Geflüchtet vor der Tatsache, dass Ferb und ich zusammen sind.
Ein enttäuschtes Seufzen dringt aus mir heraus, während ich mir bewusst mache, dass es jetzt zu spät ist. Dass Isabella alles ausplaudern wird. Dass im Nu ganz Danville über Ferb und mich Bescheid wissen wird. Dass alle es erfahren und sich das Maul darüber zerreißen werden.
Und wenn schon, sage ich mir. Selbst wenn Isabella es überall herumerzählt – was ändert das zwischen Ferb und mir? Was ändert es, wenn die Leute über uns tratschen und sich darüber lustig machen, dass wir ein Paar sind? Was ändert es, wenn sie wissen, in welcher Beziehung wir neuerdings zueinander stehen?
Rein gar nichts, denke ich bei mir. Das verändert absolut gar nichts. Selbst wenn sie uns jetzt komisch anschauen, falls sie uns irgendwo zusammen sehen. Selbst wenn sie meinen, sich darüber aufregen zu müssen und uns deswegen auslachen. Wenn sie darüber tratschen und ihre Witzchen reißen. Das ist mir egal. Das ist mir sowas von egal. Wenn sie unbedingt meinen, uns deswegen als abstoßend abstempeln zu müssen, dann sollen sie das ruhig tun. Das kümmert mich nicht.
Nach einiger Zeit wird es ihnen sowieso zu langweilig werden, darüber zu diskutieren. Sie werden ein neues Thema finden, über das sie lästern können und das mit uns beiden wird irgendwann ein alter Hut sein. Der große Trubel wird sich wieder legen und man wird uns als festes Paar anerkennen. Man wird unsere Liebe akzeptieren und uns für unseren Mut vielleicht sogar bewundern. Dafür, dass wir fest zueinanderstehen.
Denn ich werde zu Ferb stehen. Egal, was uns auch erwartet. Er und ich werden zusammenhalten und unser Glück von niemandem kaputtmachen lassen. Keiner wird es schaffen, sich zwischen uns zu stellen. Das habe ich Ferb versprochen. Mir ist egal, was die anderen darüber denken. Ob sie darüber lachen oder uns verspotten. Ferb gehört zu mir. Er gehört an meine Seite. Er ist es, der immer zu mir hält und mich in all meinen Entscheidungen unterstützt. Der mir Halt gibt, wenn ich ihn brauche und sich in seiner Liebe zu mir durch niemanden beirren lässt. Und genau das werde ich auch nicht tun. Ich werde zu Ferb stehen. Zu unserer Liebe. Wir werden alle Steine, die man uns in den Weg legt, überwinden. Wir werden es schaffen. Gemeinsam.
„Ferby“, sage ich zu ihm, als ich mich umdrehe und blicke in seine Augen. Wieder schimmern ein paar kleine Tränen darin, die mich dazu veranlassen, ihn fest in den Arm zu nehmen. „Keine Angst, Ferby“, flüstere ich in sein Ohr und lächle ihn dann ermutigend an. „Isabella...“, setzt er an, doch ich lege ihm den Finger an die Lippen. „Lass sie“, erwidere ich und streichle dann seine Wange. „Sie braucht wahrscheinlich erst einmal Zeit, um über alles nachzudenken“. „Sie weiß es jetzt“, entgegnet er und seufzt leise. „Sie weiß alles. Und sie war ziemlich schockiert darüber. Sie...“. „Und wenn schon“, unterbreche ich ihn. „Wenn sie damit nicht zurechtkommt, ist das ganz allein ihre Sache. Wenn sie nicht damit fertig wird, dass wir beide uns lieben, dann tut es mir Leid für sie. Aber ich möchte, dass du weißt, dass es zwischen uns beiden nichts ändert, Ferby. Selbst wenn sie meint, es überall herumerzählen zu müssen, dann lass sie ruhig. Lass sie tratschen, so viel sie will. Du und ich, wir gehören zusammen. Egal, was andere davon halten. Wir sind füreinander bestimmt. Auch wenn sie es nicht verstehen“.
„Phin, ich...“, will er ansetzen, doch ich unterbreche ihn und lächle nur. „Schluss mit dieser Heimlichtuerei“, setze ich fort. „Schluss mit diesem ganzen Zirkus. Ferby, ich liebe dich. Und keine Macht der Welt könnte daran je etwas ändern. Ich weiß, dass ich lange gebraucht habe, um den Mut dazu zu finden, aber jetzt bin ich bereit, den nächsten Schritt zu gehen. Ich will unsere Liebe nicht mehr verheimlichen. Ich will, dass jeder es erfährt. Weil ich weiß, dass ich nur dich liebe, Ferby. Nur dich. Für immer“.
„Wirklich?“, fragt er bewegt, was ich mit einem kurzen Nicken bejahe. „Ich habe es satt“, antworte ich dann. „Du bist mein Ein und Alles, Ferby. Und es ist endlich Zeit, dass jeder erfährt, was zwischen uns ist. Wie glücklich ich bin, dich an meiner Seite zu haben“. Mit diesen Worten küsse ich ihn kurz auf die Wange und streife mit den Fingern durch sein seidiges Haar. „Bist du dir sicher?“, möchte er noch einmal wissen und wieder nicke ich nur. „Ja, Ferby“, antworte ich. „Absolut sicher“.
Er zögert einen Moment und schluckt, ehe er mich fragt: „Und was ist mit... Mom und Dad?“. „Mom und Dad?“, erwidere ich und atme überrascht auf, da ich daran gar nicht mehr gedacht habe. In dem ganzen Rummel um Isabella habe ich völlig vergessen, dass sie ja auch noch nichts von uns wissen. „Wenn sie herausfinden, dass wir...“, beginnt Ferb, hält dann allerdings inne. „Vielleicht...“, überlege ich laut vor mich hin. „Vielleicht...?“, fragt er und blickt mich erwartungsvoll an. „Vielleicht müssen sie das gar nicht herausfinden“, antworte ich. „Zumindest nicht, wenn wir es ihnen selbst sagen“.
„Wenn wir... was?“, möchte er wissen und scheint gar nicht fassen zu können, was ich gerade gesagt habe. „Wenn wir ihnen sagen, was Sache ist“, antworte ich und warte auf seine Reaktion. „Was Sache ist?“, fragt er und schluckt nervös. „Genau“, antworte ich. „Wir legen ganz einfach die Karten auf den Tisch, ehe sie es von irgendjemand anderem aufschnappen. Denn wenn Isabella es tatsächlich weitererzählt, wird es früher oder später ohnehin zu ihnen durchdringen. Deshalb halte ich es für geschickter, wenn sie es direkt aus erster Hand erfahren“.
Ferb bleibt stumm. Er scheint über meinen Vorschlag nachzudenken, allerdings habe ich das Gefühl, dass er sich ziemlich unsicher ist und Bedenken hat, ob wir damit wirklich das Richtige tun. Aber ich bin mir sicher. Ich bin sicher in dem, was ich mir da vornehme. Ich weiß genau, was ich will und habe endlich die Kraft gefunden, zu uns zu stehen. Auch gegenüber unseren Eltern. Auch auf die Gefahr hin, dass ich ihnen damit den Schock ihres Lebens versetze.
Aber es muss endlich sein. Wie lange wollen Ferb und ich uns ihnen gegenüber noch voneinander distanzieren? Wie lange wollen wir in ihrer Anwesenheit noch auf größtmöglichen Abstand gehen, wenn wir uns stattdessen eng zusammenkuscheln könnten? Wie lange wollen wir ihnen noch vorspielen, dass alles so ist wie immer?
Nie wieder, mache ich mir im gleichen Augenblick klar. Nie wieder will ich in ihrer Nähe darauf verzichten, Ferb zu streicheln. Nie wieder will ich ständig darauf aufpassen müssen, dass man uns nicht erwischt. Nie wieder will ich abends vor dem Fernseher nur seine Hand halten, obwohl ich ihm stattdessen einen Kuss geben könnte. Ich habe genug davon, ständig zu verzichten, nur weil ich nicht will, dass Mom und Dad etwas merken.
Im Gegenteil: Ich will, dass sie es endlich erfahren. Dass sie endlich erfahren, wie nahe Ferb und ich uns wirklich stehen. Wie es damals zwischen uns angefangen hat. Wie wir uns unsterblich ineinander verliebt haben. Ich will es ihnen endlich sagen. Will ihnen sagen, wie glücklich wir zusammen sind. Wie viel schöner unser beider Leben seitdem geworden ist. Wie viel wir aneinander haben.
Ferb und ich sind ein Paar. Ob es ihnen jetzt in den Kram passt oder nicht. Ob sie nun damit zurechtkommen oder nicht. Mir ist egal, ob sie uns deswegen anschreien oder uns Vorwürfe machen. Von mir aus können sie uns predigen solange sie wollen. Meinetwegen können sie uns auch rausschmeißen. Das ist mir sowas von egal. Denn was sie auch tun oder womit sie uns drohen, sie werden es nicht schaffen, Ferb und mich zu trennen. Auf keinen Fall. Das werde ich nicht zulassen. Ich werde mich wehren. Ferb und ich werden zusammenbleiben. Koste es, was es wolle.
„Phin?“. Ferb reißt mich aus meinen Gedanken und ich wende mich schließlich ihm zu. Ich will ihm in die Augen schauen, doch er weicht meinem Blick sofort aus und lässt den Kopf hängen. „Was ist los, Ferby?“, möchte ich wissen. „Alles okay?“. „Phin, ich...“, setzt er zu einer Antwort an, unterbricht sich jedoch wieder. „Was denn?“, frage ich nach und nehme seine Hand. „Was hast du?“. „Ich kann es nicht“, antwortet er leise und seufzt. „Ich kann es nicht“.
„Was kannst du nicht, Ferby?“, frage ich. „Mom und Dad“, erwidert er im Flüsterton. „Ich kann ihnen nicht die Wahrheit sagen“. „Aber Ferb“, entgegne ich verwundert. „Warum denn nicht?“. „Weil sie es nicht verstehen werden“, meint er und schüttelt betrübt den Kopf. „Sie werden sich furchtbar aufregen, wenn sie dahinterkommen. Sie werden es nicht akzeptieren können und versuchen, uns auseinanderzubringen“.
„Das werden sie nicht“, wehre ich beruhigend ab und streichle seine Hand, die ein bisschen zittert. „Das werden sie nicht, Ferby. Glaub es mir. Sie werden es verstehen. Sie werden es sicher verstehen“. „Und wenn nicht?“, hält er dagegen und schaut mich entmutigt an. „Was, wenn sie damit nicht zurechtkommen?“. „Sie werden damit zurechtkommen müssen“, versichere ich ihm. „Ob es ihnen passt oder nicht, sie werden es akzeptieren müssen“. „Aber wenn...“, fängt er an, doch ich lege ihm meinen Finger auf die Lippen.
„Ferby, mein Süßer, hör zu“, sage ich dann und lächle. „Ich will ihnen endlich die Wahrheit sagen. Ich will endlich mit diesem heimlichen Spiel aufhören. Ich will dich auch endlich in ihrer Anwesenheit küssen und streicheln dürfen und nicht nur dann, wenn wir beide allein sind. Ich will mit dir im Garten liegen und kuscheln. Mit dir im hellen Sonnenlicht über das Gras tanzen, so, wie wir es die ganze Zeit schon heimlich machen. Ich will, dass diese Distanz zwischen uns endlich ein Ende findet. Dass der letzte Stein endlich aus dem Weg geräumt ist. Deshalb will und werde ich Mom und Dad von uns erzählen. Weil ich weiß, dass auch sie nichts dagegen tun können. Weil ich spüre, dass unsere Liebe stark genug ist, diese Hürde zu überwinden. Weil ich jedes Mal verzaubert bin, wenn ich dir nur in die Augen schaue. Weil du mein Schatz bist, Ferby. Der wertvollste Schatz, den es für mich gibt. Und egal, was Mom und Dad denken oder sagen, du und ich gehören zusammen. Daran ändern auch sie nichts. Niemals. Das verspreche ich dir“.
„Danke, Phin“, haucht Ferb mir gerührt zu und nimmt mich ganz fest in die Arme. „Danke“. „Ich liebe dich, Ferby“, erwidere ich, als ich die Umarmung löse und lächle ihn an. „Egal, was auch passiert. Ich liebe dich. Mir ist egal, wie Mom und Dad das finden. Sie werden damit klarkommen müssen. Und wenn nicht, dann... dann ziehen wir einfach aus“. Ferb lacht, als ich diesen Satz ausgesprochen habe und küsst mich auf die Wange. „Danke“, wiederholt er und streichelt mich. „Wofür?“, will ich von ihm wissen. „Für deinen Mut“, antwortet er bewegt. „Für alles, was du für mich tust“. „Ich tue es aus Liebe“, erwidere ich mit einem Lächeln. „Weil mir nichts in meinem Leben wichtiger ist als du“.
„Phin“, wispert er und legt seine Arme um meine Hüften. Wieder zieht er mich in einen intensiven Kuss und ich kann spüren, dass sein Herz dabei lauter schlägt. Rasch schließe ich meine Augen und gebe mich dem Moment voll und ganz hin.
Erst nach einigen Minuten löst Ferb den Kuss und lächelt. „Phin“, sagt er dann und sein Blick wird ernst. „Wann... wann wollen wir es den beiden denn sagen?“. „Noch heute“, antworte ich fest entschlossen. „Beim Abendessen. Je schneller sie davon erfahren, desto besser“.

Eine Stunde später liegen Ferb und ich wieder zusammen im Garten und genießen den klaren Abend. Eine leichte Brise erfüllt die Luft und veranlasst mich dazu, mich enger an ihn heranzukuscheln. Wir haben unser Vorhaben noch einmal ausführlich besprochen und ich konnte ihn schließlich davon überzeugen, dass es das Beste ist, wenn wir unseren Eltern die Wahrheit sagen. Wenn diese Heimlichkeiten endlich ein Ende haben und sie alles über uns erfahren.
Erfahren, dass wir zusammen sind. Dass wir uns lieben. Und dass es nichts gibt, was sie dagegen tun könnten. Das lasse ich nicht zu. Nicht nach allem, was Ferb und ich schon zusammen erlebt haben. Nicht nach all den schönen Momenten, die ich bisher mit ihm teilen durfte.
Ein Lächeln legt sich auf mein Gesicht, während ich an all die schönen Erlebnisse denke, die wir schon zusammen hatten. An all die langen Nächte, in denen wir uns festgehalten haben. In denen wir zärtlich zueinander waren. An all die warmen Sommertage, die wir zusammen im Garten verbracht haben. An das Gefühl, morgens beim Aufwachen als erstes seine Nähe zu spüren. Seinen Atem im Nacken zu fühlen. Seinen Blick. Sein Lächeln, das mir jeden Tag aufs Neue bestätigt, dass ich das Richtige tue. Das mir auch ohne Worte erzählt, wie wichtig ich ihm bin. Wie gern er Zeit mit mir verbringt. Es genießt, jede Sekunde mit mir zu teilen.
Es kommt mir vor, als wären wir schon eine Ewigkeit ein Paar. Als wäre es niemals anders gewesen. Als hätte diese besondere Liebe zwischen uns schon immer existiert. Ich kann gar nicht glauben, dass es erst drei Monate sind. Dass wir erst drei Monate lang die Nächte miteinander teilen. Uns erst seit drei Monaten küssen und in den Armen halten. Dass wir beide nicht schon viel früher zusammengekommen sind.
Auch wenn ich nicht genau weiß, warum, aber es tut mir ein bisschen weh, darüber nachzudenken. Zu wissen, wie viel Zeit Ferb und ich vergeudet haben, bis unsere Herzen endlich zueinanderfinden konnten. Wie viele aufregende und besondere Tage wir schon hätten zusammen verbringen können. Wie viele einsame Nächte an mir vorbeiziehen mussten, bis Ferb endlich erfahren hat, was ich für ihn empfinde.
Irgendwie kommt es mir so vor, als wäre das meine Schuld. Als wäre ich dafür verantwortlich, dass es nicht früher zwischen uns passiert ist. Aber in gewisser Weise stimmt das natürlich auch. Wenn ich von Anfang an den Mut gehabt hätte, Ferb alles zu sagen, hätte unser Glück vielleicht schon vor langer Zeit seinen Lauf nehmen können. Wenn ich ehrlich zu mir selbst gewesen wäre und nicht versucht hätte, gegen meine Gefühle für ihn anzukämpfen. Wenn ich einfach dazu gestanden hätte, ohne mir selbst Vorwürfe zu machen. Wenn ich von Anfang an meinem Herzen gefolgt wäre, hätte der Blitz vielleicht schon früher eingeschlagen.
Nein, schimpfe ich mit mir selbst. Hör auf, so zu denken. Hör auf damit, an der Vergangenheit festzuhalten und darüber nachzudenken, was man hätte anders machen können. Sei glücklich darüber, dass du jetzt mit Ferb zusammen bist. Dass du durch ihn erfahren hast, wie wertvoll und atemberaubend die Liebe sein kann. Sei zufrieden damit, dass er sich auf eine Beziehung mit dir eingelassen hat. Dass er den Versuch gewagt hat. Dich geküsst hat. Dir so viele Dinge gezeigt hat, von denen du überhaupt nichts wusstest. Überleg nicht, was gewesen wäre, wenn. Sei glücklich, dass du jetzt die Möglichkeit hast, ihn zu lieben. Nutze sie. Sei für ihn da, wenn er dich braucht. Steh hinter ihm, wenn ihm der Mut fehlt. Bleib bei ihm, egal, was andere darüber denken. Halt ihn fest. Lass ihn nicht gehen. Nie mehr.
„Nie mehr“, sage ich zu mir selbst, als mir klar wird, dass meine innere Stimme Recht hat. Ferb gehört zu mir. An meine Seite. Allein die Vorstellung, einen Tag ohne ihn verbringen zu müssen, halte ich nicht aus. Es schmerzt zu sehr, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was mit mir passieren würde, wenn ich ihn verliere. Das würde ich nicht verkraften. Dadurch wäre meine gesamte Welt mit einem Schlag leer. Mein Herz würde bluten. Es würde daran zerbrechen. Und mit ihm auch ich.
Das darf nicht geschehen. Niemals darf ich zulassen, dass irgendetwas oder irgendjemand zwischen uns steht. Wir dürfen uns nicht verlieren. Wir gehören zusammen. Für immer zusammen. Und ich werde alles tun, damit sich daran nie etwas ändert. Ich werde kämpfen. Für uns. Für unsere Liebe. Für unser Glück und unsere Zeit. Wie weit ich dafür auch gehen muss.
„Was hast du gesagt, Phin?“, möchte Ferb wissen, der meine geflüsterten Worte anscheinend mitbekommen hat und wendet seinen Blick in meine Richtung. „Gar nichts“, antworte ich rasch und zugleich peinlich berührt, da ich eigentlich vermeiden wollte, dass er mich hört. „Was ist los?“, fragt er mich und legt seinen Arm sanft um meine Schulter. Schließlich ringe ich mich doch dazu durch, ihn in meine Gedanken einzuweihen und ihm jene Frage zu stellen, die mir schon seit einiger Zeit durch den Kopf geht.
„Für immer?“, frage ich ihn und schaue ihn erwartungsvoll an. Er scheint sichtlich verwirrt von meiner Frage und kann mir vermutlich nicht ganz folgen. „Für immer?“, wiederholt er dann und zieht verwundert eine Augenbraue hoch. „Du und ich, Ferby“, antworte ich ihm und lege meine Hand an seine Wange. „Ist das für immer?“.
Ein Lächeln zaubert sich auf sein Gesicht, welches mich vermuten lässt, dass er jetzt begriffen hat, worauf ich hinauswill. Er beugt sich nahe an mein Ohr heran, ehe er ganz sanft flüstert: „Für immer, Phin. Wie am ersten Tag“. „Wirklich?“, möchte ich noch einmal wissen und lege einen schüchternen Blick auf. „Wirklich, Phin“, antwortet er und streichelt meine Wange. „Du und ich gehören zusammen. Vergiss das nie. Ich werde dich immer lieben – solange mein Herz deinen Namen trägt“.
Mit diesen Worten legt er seine Arme um mich und zieht mich ganz nah zu sich heran. Dann küsst er mich zärtlich und wieder gebe ich mich seinem Kuss voll und ganz hin. Ich mache die Augen zu und genieße das Gefühl, seine samtigen Lippen zu spüren.
Wenn solche Augenblicke doch nur ewig halten könnten, denke ich glücklich und streife mit der Hand durch sein grünes Haar, das sich seidig und weich zwischen meinen Fingern anfühlt. Nach einigen Momenten löst Ferb den Kuss auf und grinst mich an. „Soll ich dir was sagen?“, fragt er dann und zwinkert. „Du machst das ausgezeichnet“. Daraufhin müssen wir beide lachen. Wir küssen uns ein weiteres Mal und bemerken zunächst gar nicht, dass Candace den Garten betritt.
Erst, als sie in die Hände klatscht, blicken wir auf und schauen zu ihr hinüber. Sie lehnt im Rahmen der Balkontür und grinst uns an. „Erstklassiger Kuss“, scherzt sie und lacht. „Dafür musstet ihr lange üben, schätze ich“. „Candace!“, rufe ich verlegen, auch wenn mir bewusst ist, dass sie es nicht ernst meint. „Entschuldigt, Jungs“, sagt sie schließlich und kommt zu uns herüber. „Ich konnte es mir nicht verkneifen“.
„Ja, offensichtlich“, erwidere ich und schüttle unbeholfen den Kopf. „Sorry“, sagt sie noch einmal und setzt sich dann zu uns ins Gras. „Schon gut“, antworte ich, da ich weiß, dass sie es nicht böse meint. Es ist einfach ihre Art, uns zu sagen, dass sie sich für uns freut. „Solltest du nicht oben sein und lernen?“, frage ich sie, im nächsten Moment tut es mir jedoch Leid, da sie keinesfalls das Gefühl bekommen soll, ihre Anwesenheit sei unerwünscht. „Ich musste mal raus“, antwortet sie. „Eine Pause machen. Diese ganze Lernerei ist ziemlich anstrengend“. Sie räuspert sich, ehe sie hinzufügt: „Tut mir Leid, wenn ich euch gestört habe. Das wollte ich nicht. Ich bin schon wieder weg“.
„Warte“, erwidere ich, als sie aufstehen will. „Du störst uns nicht. Es gibt da ohnehin etwas, worüber wir mit dir sprechen müssen“. Ich werfe Ferb einen raschen Blick zu, um ihm zu signalisieren, worauf ich anspiele und er nickt zustimmend. „So?“, fragt Candace überrascht, was ich mit einem Nicken bejahe. „Na, dann schießt mal los“.
„Es geht um Ferb und mich“, fange ich schließlich an zu erzählen. „Du weißt, dass wir uns gerne hierher zurückziehen, wenn wir ungestört sein wollen“. „Ja, das war nicht zu übersehen“, erwidert sie und grinst, ihr Blick wird jedoch schlagartig wieder ernst, als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkt. „Stimmt was nicht?“, möchte sie wissen und sieht mich erwartungsvoll an.
„Irgendwie ist das heute ziemlich blöd gelaufen“, antworte ich und senke den Blick. „Wie meinst du das?“, fragt sie irritiert. „Isabella hat uns erwischt“, antworte ich leicht betrübt. „Sie hat gesehen, wie wir uns geküsst haben“. „Ach du liebes bisschen“, ruft Candace aus und hält sich vor Schreck eine Hand vor den Mund. Ich seufze leise. „Sie war nicht gerade begeistert davon“, erzähle ich dann weiter. „Genauer gesagt weiß ich überhaupt nicht, was sie gedacht hat. Sie hat uns nur gefragt, warum wir uns geküsst haben“. „Und was hast du gesagt?“, will Candace wissen. „Gar nichts“, antworte ich. „Ich war zu geschockt, als dass ich hätte irgendetwas sagen können“. „Und dann?“, fragt sie weiter. „Ferb hat dann versucht, es ihr zu erklären“, antworte ich und seufze erneut. „Und in dem Moment bin ich ausgerastet. Ich wollte nicht, dass Isabella von uns weiß. Ich wollte verhindern, dass er es ihr erzählt. Ich habe ihn angeschrien, dass er seine Klappe halten soll und bin ins Haus gerannt“. Ich unterbreche mich und werfe Ferb einen schuldbewussten Blick zu, als mir wieder in den Sinn kommt, was ich ihm im Zorn alles an den Kopf geworfen habe, doch er lächelt nur und nimmt meine Hand, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Und weiter?“, fragt Candace gespannt. „Ich bin ihm hinterhergelaufen“, setzt Ferb an meiner Stelle fort. „Mein armer Phin hat furchtbar geweint, als ich bei ihm ankam. Ich habe ihm erklärt, warum ich Isabella die Wahrheit gesagt habe und dass ich hinter ihm stehen will, was auch passiert“.
„Habt ihr euch gestritten?“, will Candace wissen und Ferb und ich wechseln einen kurzen Blick. „Naja... ein bisschen“, antworte ich schließlich. „Ich war sauer auf Ferb, weil er alles ausgeplappert hat. Ich habe geglaubt, dass es unsere Beziehung kaputtmacht, wenn irgendjemand davon erfährt. Ich habe ihm Vorwürfe gemacht und sogar behauptet, dass er mich gar nicht mehr liebt“.
Beschämt senke ich meinen Kopf und seufze, als ich mir bewusst mache, wie unfair das von mir war und wie weh ich Ferb damit getan haben muss. Auch wenn er es nicht zugegeben hat, es hat ihn sicher tief gekränkt, dass ich an so etwas auch nur gedacht habe. Auch wenn ich wütend auf ihn gewesen bin, aber das hat er nicht verdient. Immerhin tut er wirklich alles dafür, um mir zu zeigen, wie viel ich ihm bedeute. Er ist sogar bereit, unseren Eltern gegenüber auszupacken und sie mit der Wahrheit zu konfrontieren. Alles nur für mich. Er will hinter mir stehen, für unsere Liebe kämpfen.
Und ich mache ihm daraus einen Vorwurf. Ich habe nichts besseres zu tun, als ihm an den Kopf zu knallen, dass er mich nicht mehr liebt. In diesem Moment schäme ich mich dafür. Dafür, dass ich mich in diese Sache so sehr hineingesteigert habe. Dass ich in meinem ganzen Entsetzen und meinen Befürchtungen gar nicht erkannt habe, welche Absichten Ferb wirklich damit hatte. Dass er es für mich getan hat. Nur für mich. Um mir zu zeigen, wie sehr er mich liebt. Um mir deutlich zu machen, dass es ihm egal ist, was andere darüber denken. Dass er zu mir steht, was auch immer passiert. In diesem Augenblick hätte ich mich am liebsten selbst geohrfeigt. Wie konnte ich nur je an Ferbs Liebe zweifeln? Was zum Teufel ist bloß in mich gefahren?
„Phineas?“. Candace reißt mich aus meinen Gedanken und nimmt meine Hand. „Alles in Ordnung?“. Ich seufze zur Antwort und blicke zu Ferb auf, dessen Lächeln sofort verschwindet, als er mir in die Augen schaut. „Was hast du, Phin?“, möchte er wissen und streichelt mich. „Stimmt etwas nicht?“. „Ferb, es... es tut mir Leid, was ich heute gesagt habe“, antworte ich schuldbewusst. „Dass ich behauptet habe, du würdest mich nicht mehr lieben. Das habe ich im Zorn einfach so dahergesagt. Ich wollte dir damit nicht wehtun. Ich...“.
„Psst“, unterbricht er mich und lächelt wieder. „Ist schon gut“. „Nein“, protestiere ich. „Das ist es nicht. Ich habe dir wehgetan, Ferby. Dabei ist es doch genau das, was ich niemals wollte. Ich wollte nicht so ausrasten. Ich weiß ja, dass du es nur für mich getan hast. Damit unserer Liebe nichts im Wege steht. Und ich schimpfe dich dafür auch noch aus. Ich mache dir auch noch Vorwürfe deswegen. Das tut mir so Leid, Ferby. Ich schäme mich ja so dafür“.
„Phineas“. Ferb nimmt langsam meine Hand und streichelt sie. Er schaut mir tief in die Augen und lächelt. „Du musst dich nicht schämen“, flüstert er dann und kuschelt sich an mich heran. „Ich habe dich mit meinem Vorhaben einfach überrumpelt. Ich hätte es zuerst mit dir besprechen müssen, ehe ich Isabella die Wahrheit gesagt habe, anstatt einfach so damit herauszuplatzen. Ich hätte dir die Zeit geben müssen, darüber nachzudenken. Es war nicht richtig von mir, dich einfach zu übergehen“.
„Nein, Ferby“, setze ich an. „Es ist meine Schuld. Ich...“. Ich unterbreche mich, als er mir seinen Finger auf die Lippen legt und mich anlächelt. „Lass gut sein, Phin“, erwidert er dann und küsst mich auf die Wange. „Auch wenn es vielleicht etwas unglücklich gelaufen ist, bin ich trotzdem froh, dass es endlich raus ist und sie jetzt die Wahrheit über uns kennt. Darum lass uns diese Sache einfach vergessen, okay?“. „Okay“, antworte ich zustimmend. „Wie gesagt, mein Ausraster tut mir unglaublich Leid. Ich hoffe, du bist nicht mehr sauer deswegen“. „Phin, mein Engel, ich war nie sauer auf dich“, erwidert er und streift mit seinen Fingern durch meine Haare. „Und jetzt lass uns das vergessen, ja?“. „Okay“, wiederhole ich erleichtert und blicke zu Candace hinüber.
Sie schmunzelt, ebenfalls froh darüber, dass Ferb und ich uns ausgesprochen haben. „Was für ein süßes Paar“, sagt sie dann und kichert. „Ich sollte unbedingt mal ein Foto von euch machen“. „Ein... ein Foto?“, frage ich erstaunt. „Wozu das denn?“. „Einfach so“, antwortet sie schulterzuckend. „Weil ihr so unglaublich niedlich zusammen ausseht“. Mit diesen Worten zückt sie ihr Handy und zwinkert uns zu.
Ferb und ich tauschen einen Blick aus, geschmeichelt von ihrer Aussage. „So“, fährt Candace fort und bedeutet uns mit einem Wink, in die Kamera zu sehen. „Bitte lächeln!“. Sie betätigt den Auslöser und betrachtet dann das Bild, das sie gerade von uns gemacht hat. „Nicht schlecht“, meint sie grinsend und zeigt es uns. „Wirklich, nicht schlecht“.
„Du warst schonmal fotogener“, sage ich spaßeshalber zu Ferb und stoße ihn sanft in die Seite. „Gleichfalls“, erwidert er, woraufhin wir beide lachen müssen.
Wir schauen uns kurz in die Augen und sein Blick verrät mir genau, worauf er jetzt hinauswill. Vorsichtig nähert er sein Gesicht dem meinen immer mehr und ignoriert dabei völlig, dass Candace noch immer anwesend ist und uns zusieht. Ich dagegen zögere. „Jetzt macht schon“, fordert sie uns auf und hält ihr Handy etwas höher. „Küsst euch endlich!“. „Was machst du da?“, frage ich irritiert und wende mich von Ferb ab. „Ich will diesen Augenblick für alle Zeit festhalten“, antwortet sie grinsend und bedeutet mir, wieder in Position zu gehen.
„Wer hat dir erlaubt, uns dabei zu fotografieren?“, will ich wissen und lache. „Ach kommt schon, Jungs“, entgegnet sie. „Nur EIN Knutsch-Foto. Bitte!“. „Was meinst du?“, frage ich Ferb, doch sein Blick verrät mir bereits die Antwort. „Na gut“, stimme ich Candace schließlich zu und schmiege mein Gesicht wieder dicht an Ferbs. Ich lächle schüchtern, fast wie damals, als wir uns das erste Mal geküsst haben, da es ungewohnt für mich ist, dabei beobachtet zu werden.
Schließlich blende ich Candace einfach aus und stelle mir vor, ich wäre mit Ferb ganz allein. Dann lege ich meine Lippen auf seine und küsse ihn lange und intensiv. Erst einige Augenblicke später löse ich mich von ihm und lächle. Entspannt und zufrieden lehne ich mich zurück und spüre, wie er seine starken Arme um meinen Körper legt. „Das Ding ist im Kasten!“, ruft Candace spaßeshalber und lacht. Wir lachen ebenfalls, während er damit beginnt, meinen Bauch zu streicheln.
Wenn es mir vor Candace nicht zu peinlich gewesen wäre, hätte ich am liebsten angefangen zu schnurren wie ein kleines Kätzchen. Ferb weiß einfach ganz genau, was mir guttut und gefällt. Er genießt es, mich zu streicheln und ich genieße es, von ihm gestreichelt zu werden. „Ferby“, wispere ich leise und mache meine Augen zu. Nach all den Geschehnissen des heutigen Tages bin ich ziemlich erschöpft. „Ich lasse euch dann mal wieder allein“, sagt Candace und steht auf. „Bis später, ihr zwei. Danke für das Foto. Oh – und Phineas – träum süß“.
Mit diesen Worten läuft sie zur Balkontür hinüber und ist kurze Zeit später im Haus verschwunden. Sofort schlage ich meine Augen wieder auf und grinse Ferb schelmisch an. „Funktioniert jedes Mal“, wispere ich mit einem leisen Kichern. „Jetzt sind wir endlich wieder ungestört“. „Böser Phin“, scherzt Ferb und zwinkert. „Entschuldige“, entgegne ich und nehme seine Hand. „Aber ich wollte einfach mit dir allein sein“. „Ich bin auch lieber mit dir allein“, erwidert er mit einem Lächeln und bedeutet mir, mich hinzulegen. „Dann kann ich mit dir Dinge tun, die ich mir sonst immer verkneifen muss“. Diese Aussage lässt mich noch einmal kichern. „Welche Dinge zum Beispiel?“, frage ich, auch wenn ich ganz genau weiß, worauf er damit anspielt und was er jetzt mit mir vorhat. „Zum Beispiel so etwas“, antwortet er in demselben sexy Tonfall, den er immer hat, wenn er mich verführen will und drückt mich sanft ins Gras. Dann legt er sich vorsichtig auf mich und fängt an, über mein Sweatshirt zu streicheln. „Ferby“, rufe ich gespielt vorwurfsvoll und grinse. „Hier im Garten?“. „Sieht doch keiner“, erwidert er und mit diesen Worten küsst er mich zärtlich am Hals. Sofort schließe ich meine Augen und lasse es passieren. Gebe mich ihm hin. Seinen Küssen. Fühle seine Hand, die sich langsam unter mein Shirt schiebt. Spüre, wie sie an meinem Bauch entlanggleitet, bis sie meinen Oberkörper einmal umkreist hat. Wie sie vorsichtig abwärts wandert und sich ihren Weg zu meiner Intimzone sucht. Ich atme den süßlichen Duft seiner Haut. Lausche seinem Herzschlag. Bin voll und ganz hingezogen von diesem Rausch, der mich durchflutet. Lasse mich auf das Spiel ein, das er jetzt mit mir spielen möchte.
Bemerke, dass er anfängt, meine Jeans aufzuknöpfen, während er mich sinnlich angrinst. Ich versuche erst gar nicht, ihn davon abzuhalten, da er zum einen sowieso keine Ruhe geben wird, bis er nicht bekommen hat, was er will und ich zum anderen auch Lust darauf habe. Ich genieße es jedes Mal über alle Maßen, mich von ihm verführen zu lassen. Den Wehrlosen zu spielen und ihm völlig erlegen zu sein. Ihm und seinen Reizen.
Behutsam schiebt Ferb meine Jeans ein Stückchen nach unten und beugt sich dann langsam über mich. Er nähert sein Gesicht dem meinen immer weiter, während er mit einer Hand damit beginnt, über meine Boxershorts zu streicheln. Er weiß genau, wie sehr mich das erregt und wie stark ich mich zusammennehmen muss, um mich zumindest einigermaßen kontrollieren zu können und meine Lust halbwegs in Zaum zu halten.
Mit einem Ruck zieht er sich sein Sweatshirt über den Kopf. Für einen kurzen Augenblick segelt es durch die Luft, ehe es schließlich neben uns im Gras landet. Dann macht er mir mit einem unmissverständlichen Blick klar, was er als nächstes von mir erwartet. Ohne zu zögern leiste ich seiner wortlosen Anweisung Folge und beginne damit, nun auch seine Jeans aufzuknöpfen. Vorsichtig schiebe ich sie ein kleines bisschen nach unten, als er nach meiner Hand greift und mir zu verstehen gibt, sie von ihm führen zu lassen.
Auch dieses Mal widerspreche ich ihm nicht und warte gespannt darauf, was er als nächstes vorhat. Ganz langsam legt er sie an seinen Intimbereich und lässt sie ein paar Male darüberstreifen. Dann führt er sie an seinen Bauch und signalisiert mir mit einem Blick, sie in seine Boxershorts gleiten zu lassen.
Ich sehe ihn kurz an und zögere, unsicher darüber, ob wir damit nicht doch einen Schritt zu weit gehen. Immerhin kann jederzeit jemand auftauchen und uns dabei ertappen. Doch er lächelt nur und nickt, macht mir klar, dass ich keine andere Wahl habe und schließlich gebe ich nach. Stück für Stück schiebe ich meine Hand immer tiefer, was Ferb unweigerlich dazu veranlasst, leise zu stöhnen.
Gekonnt fange ich damit an, ihn ganz langsam und vorsichtig zu streicheln, während er sich zurücklehnt und jede meiner Bewegungen in vollen Zügen genießt. „Weiter“ haucht er leise und ich wage mich noch ein Stück mehr vor. Weit genug, um eindeutig fühlen zu können, wie stark ich ihn bereits erregt habe. Um feststellen zu können, dass es in wenigen Augenblicken kein Halten mehr gibt, wenn ich meine Streicheleinheiten in diesem Tempo fortsetze. Dass er kurz davorsteht, seinen Höhepunkt zu erreichen.
Ich halte für einen Moment inne, um ihn nicht zu schnell darauf hinzuführen. Immerhin soll er sich entspannen und es so lange wie möglich genießen und auskosten können. Genau wie ich. So vorsichtig ich kann schiebe ich seine Boxershorts abwärts, darauf bedacht, nicht aus Versehen seinen Orgasmus herbeizuführen und ziehe sie im schließlich vollständig aus. Dann beuge ich mich mit einem Grinsen über ihn, bis mein Bauch die Spitze seines Steifen berührt und bewege mich so langsam wie möglich vor und zurück.
Ferb legt seine Hand auf meine Schulter, klammert sich daran fest, darum bemüht, trotz seiner immensen Erregung nicht allzu laut zu sein. An seinem Gesichtsausdruck erkenne ich jedoch, dass ihm dies bei weitem alles andere als leicht fällt und auch wenn ich alles daran setze, zu vermeiden, dass man uns erwischt, spornt mich das dazu an, meine Bewegungen zu beschleunigen.
„Phin“, stöhnt Ferb leise, während er darum kämpft, sich halbwegs zurückzuhalten und klammert sich fester an meine Schulter. „Gefällt dir das?“, frage ich ihn in bewusst provokantem Tonfall, wohlwissend, dass er nicht mehr lange durchhalten wird und erhöhe mein Tempo erneut. Zur Antwort gibt er mir ein lang gezogenes „Mmmh“ und presst meinen Körper enger an seine Brust. Ich mache einen weiteren Ruck nach oben und beuge mein Gesicht dicht an seines heran, als es ihm schließlich zu viel wird und er meinem Rhythmus nicht länger standhalten kann.
Ihm entrinnt ein lustvolles Stöhnen. Sein ganzer Körper beginnt zu zittern und ich drücke mich schnell gegen ihn. Fühle, wie er anfängt zu kommen. Spüre sein Sperma, das in mehreren gleichmäßigen Schüben gegen meinen Bauch spritzt. Ich bemerke seinen Blick, der mir zweifelsfrei sagt, wie sehr er diesen Augenblick genießt. Lausche auf seinen Herzschlag, der um einiges schneller geht als gewöhnlich. Koste diesen Moment voll und ganz aus. Diesen besonderen Moment, der sich so intensiv und berauschend anfühlt wie kein anderer jemals zuvor.
Ein zufriedenes Lächeln breitet sich dabei auf meinem Gesicht aus. Wir haben es wieder getan. Wieder haben wir dieses einzigartige Gefühl miteinander geteilt. Wieder haben wir uns beide auf diesen Rausch eingelassen, den jedes unserer Spiele mit sich bringt. Wieder habe ich es geschafft, ihn zu erregen und ihm das zu geben, was er haben wollte. Und wieder fühlt es sich so gut an. So verdammt gut. So besonders. Einmalig und intensiv. Richtig.
Es fühlt sich so richtig an, mit ihm zu spielen. Diese Momente zu genießen und hautnah zu erleben. Ihn meine Streicheleinheiten zu schenken und meine Küsse spüren zu lassen. Zärtlich mit ihm zu sein. Ihm ein Stück von der Wärme und Sicherheit zurückzugeben, die er mir jeden Tag schenkt. Mit der er mich immer wieder begeistert. Und verzaubert. Mir dadurch zeigt, wie viel ihm unsere gemeinsame Zeit bedeutet. Wie viel ich ihm bedeute.
Nein, sage ich mir. Es ist nicht falsch, das zu tun. Es ist nicht falsch, ihm durch meine Zärtlichkeiten zu zeigen, dass er meine Welt ist. Meine ganze Welt, die ohne ihn und seine Liebe kalt und dunkel wäre. Die ohne ihn keinen Grund hätte, weiter zu existieren. Ohne ihn auseinanderbrechen würde. Darum kann es nicht falsch sein, ihn zu lieben. Ihn so zu lieben, wie ein besonderer Mensch es nun einmal verdient. Ihn zu einem Teil von mir werden zu lassen. Unsere Seelen miteinander zu verbinden. Unser Leben. Seine Nähe zu suchen in der Dunkelheit jeder Nacht. Mit ihm zu verschmelzen, bis unsere Herzen im gleichen Rhythmus schlagen. Jeden Tag mit ihm als ein neues Geschenk zu empfinden und das Bestmögliche herauszuholen. Für ihn. Und unsere Liebe.
Eine Zeit lang bleiben wir noch aufeinander liegen, lauschen gegenseitig unseren Atemzügen. „Das war unglaublich“, flüstert Ferb in mein Ohr und küsst mich auf die Wange. „Einfach unglaublich“. Ich grinse, ein bisschen stolz darauf, dass ich meine Sache anscheinend wieder ganz gut gemacht habe. „Danke“, entgegne ich dann und greife nach meiner Jeans, in der ich immer ein paar Taschentücher mit mir herumtrage. Aus gutem Grund.
Nicht schlecht, Ferby, denke ich bei mir, als ich an mir herunterschaue und schmunzle. Wenn ich mich nicht täusche, war das ein neuer Rekord. Das hast du gut gemacht, mein Süßer. Du hast es drauf. Und zwar richtig.

Kurze Zeit später liegen Ferb und ich wieder unter dem großen Baum und schmusen. Wir haben sämtliche Spuren unseres Spiels beseitigt und uns ein paar frische Sachen angezogen. Nun, mehr oder weniger jedenfalls. Denn während ich mich komplett neu eingekleidet habe – neues Sweatshirt, neue Jeans und neue Boxershorts – ist Ferb lediglich in eine dunkelblaue Badehose geschlüpft und hat sich ein gestreiftes Hemd übergeworfen. Dies ist jedoch keineswegs ein Nachteil für mich. Ganz im Gegenteil: Es sieht sehr gut an ihm aus, wirkt elegant und sportlich zugleich. Vor allen Dingen aber macht es ihn sexy. Sehr sexy sogar.
Wieder lächle ich zufrieden, während ich meinen Kopf gegen seine Schulter lehne und mich von ihm streicheln lasse. Er versteht es wirklich, seine Hände über meine Haut gleiten zu lassen und mich damit zu verwöhnen. Mich mit jeder einzelner seiner Berührungen zu berauschen und mich dadurch erlegen zu machen. Aber das ist es ja, was ich so an ihm liebe. Sein Talent, mich auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen zu verzaubern.
„Ferby“, flüstere ich ihm zu, während er seine Hand über mein Gesicht streifen lässt und kichere verspielt wie ein kleines Kind. Er kann es, denke ich bei mir und grinse. Er weiß haargenau, wie er mich herumkriegen kann. Wie er es schafft, dass ich bewusst seine Nähe suche. Dass ich schwach werde.
Aber ich lasse es gerne zu. In seinen Armen bin ich gerne schwach. Ich genieße es viel zu sehr, mich von ihm streicheln zu lassen, als dass ich es je andersherum haben wollte. Ich will gar nicht derjenige sein, der verführt. Ich bin viel lieber der, der sich verführen lässt. Der es genießt, mit Zärtlichkeiten beschenkt zu werden. Ich will nicht in den Armen halten, sondern in den Armen gehalten werden. Nicht berauschen, sondern berauscht werden. Von ihm. Von seinen einzigartigen Berührungen. Von seiner Liebe.
Langsam rapple ich mich ein Stückchen hoch und werfe ich ihm einen kurzen Blick zu. Automatisch legt er seine Arme um meinen Körper und zieht mich so nah wie möglich zu sich heran. Behutsam streiche ich eine Haarsträhne aus seinem Gesicht und lächle. „Küss mich“, flüstere ich leise und schließe meine Augen, bis ich schließlich seine süßen Lippen auf meinen spüren kann. Ich halte ihn fest, presse seinen Körper nah an mich heran, während er mir seiner Hand durch mein Haar gleitet und mich immer tiefer in diesen Kuss hineinzieht.
So sanft, denke ich mir, als ich fühle, wie unsere Zungen sich gegenseitig streicheln. Genau wie ich es mag. Für einen Augenblick halte ich den Atem an, um den Kuss noch intensiver genießen und erleben zu können. Um mich noch mehr davon betäuben zu lassen. Wieder stelle ich die Welt um uns herum einfach aus und denke nur an den Moment. Träume mich weit weg von hier, irgendwohin ans Ende der Zeit. Lasse mich von Ferb entführen. In eine andere Dimension.
Zumindest so lange, bis ein lautes Geräusch mich zurück in die Wirklichkeit holt. Ein Schrei. Ein hoher, spitzer Schrei, ganz nah neben uns. Ferb und ich lösen den Kuss ruckartig und blicken auf. Wir sehen sie beide gleichzeitig. Wortlos steht sie da und starrt mit offenem Mund zu uns herüber. Mom.
Ich fühle einen kühlen Schauer über meinen Rücken laufen und schlucke schwer. Blinzle einige Male, in der Hoffnung, dass sie dann verschwindet. Dass ich mir das alles nur einbilde. Doch egal, wie oft ich es auch versuche, Mom steht immer noch da. Ungläubig starrt sie uns an, mit demselben ausdruckslosen Blick wie wir sie. Reflexartig taste ich nach Ferbs Hand und umklammere sie fest, während ich mich darum bemühe, meine innere Anspannung und mein rasendes Herz wieder unter Kontrolle zu bekommen.
„M-Mom...“, versuche ich schließlich zu sagen, doch meine Stimme klingt leise und brüchig, ist kaum zu vernehmen. Mein Hals fühlt sich an wie ausgetrocknet und ich schlucke einige Male, um dieses kratzige Gefühl loszuwerden. Ich komme mir vor wie in Trance, bin nicht fähig, mich zu bewegen oder irgendetwas zu sagen. Bin zu sehr beschäftigt, meine chaotischen Gedanken, die mir in diesem Augenblick durch den Kopf gehen, irgendwie zu ordnen. Ich nehme nicht einmal richtig wahr, dass Ferb seine Hände um mich legt und mich festhält.
Mein Gesicht fühlt sich brennend heiß an und mir ist klar, dass ich rot werde. Geschockt und beschämt zugleich senke ich meinen Blick auf den Boden, schaffe es nicht, Mom jetzt in die Augen zu sehen. Ich kann nicht einmal Ferb in die Augen sehen, bin zu sehr in diesem Schockzustand gefangen, als dass ich ihn jetzt ansehen, geschweige denn etwas zu ihm sagen könnte. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt tun soll oder was als nächstes passieren wird.
Denn auch wenn ich versuche, sie mit allen Mitteln zu unterdrücken, mit einem Schlag sind sie plötzlich wieder da. Die Ängste. All die Ängste vor genau dieser Situation, die jetzt gerade eingetreten ist. Auch wenn ich mir noch bis vor wenigen Augenblicken vorgenommen habe, zu Ferb und unserer Liebe zu stehen und unseren Eltern die Wahrheit zu sagen, fühle ich mich jetzt gar nicht mehr so stark.
Ferb entgeht meine Aufregung und Verunsicherung natürlich nicht und er versucht, mir sanft über meine Wange zu streicheln, um mich zu beruhigen. Doch ich blocke ihn ab. Ich ertrage es nicht, dass er mich jetzt anfasst. Ich ertrage es nicht, länger von ihm im Arm gehalten zu werden. Ich ertrage das alles nicht länger. Ich muss weg. Raus hier. Weit weg von Mom. Irgendwohin, wo niemand mich je finden kann.
Hastig will ich mich von Ferb losreißen und weglaufen, doch er hält mich sanft zurück. Mit einem kurzen Blick gibt er mir zu verstehen, dass es keinen Sinn macht, davor wegzulaufen. Dass ich mich nicht davor verstecken kann. Dass es jetzt an der Zeit für uns ist, die Karten auf den Tisch zu legen. Jetzt oder nie.
„Keine Angst“, flüstert er mir so leise ins Ohr, dass nur ich es verstehen kann und nimmt mich dann sanft an die Hand. Er hält sie fest, während wir zusammen ein paar Schritte auf Mom zugehen, die immer noch in ihrer Schockstarre verweilt. Wieder halte ich dabei den Blick zu Boden gesenkt, unfähig, ihr in die Augen zu schauen. Ich kann es einfach nicht, weil ich ganz genau weiß, was ich darin sehen werde.
„Mom“, beginnt Ferb schließlich und löst damit ihre Erstarrung auf. „Was...?“, ruft sie laut aus und fängt an zu zittern. „Was...? WAS...?“. „Mom, wir...“, will Ferb ansetzen, doch sie unterbricht ihn lautstark. „WAS WAR DAS?!“, kreischt sie aufgeregt. „Was habt ihr da gemacht?! Was sollte das?! WAS?!“.
„Mom, wir... wir müssen dir etwas sagen“, setzt Ferb erneut an und wirft mir dann einen raschen Blick zu. „Das war ein Kuss!“, kreischt sie schrill und schüttelt den Kopf, als könnte sie dadurch vergessen, was sie gerade gesehen hat. „Ein Kuss! Ihr habt euch... GEKÜSST!“. „Ja“, stimmt Ferb ihr in ruhigem, besänftigendem Ton zu. „Phineas und ich haben uns geküsst“. „Warum?!“, will sie wissen und lässt ihren Blick zwischen uns hin- und herwandern. „Warum habt ihr das gemacht?!“.
„Weil wir uns lieben“, antwortet Ferb sanft und legt seine Arme um meinen Körper, als er mein leichtes Zittern bemerkt. „Mom, ich bin schwul. Und Phineas auch. Wir beide haben uns ineinander verliebt“. Mein Herz rast, als er diese Worte ausgesprochen hat und ich fühle, dass mir langsam schummerig wird. Ich weiß nicht, wie lange ich noch die Kraft dazu habe, diese Situation zu ertragen. Wie lange mein Kreislauf noch dabei mitspielt.
„Was?“, fragt Mom ungläubig, während sie die Hände zu Fäusten ballt. „Was sagst du da, Ferb?“. „Phineas und ich sind ein Paar“, wiederholt er und verstärkt seinen Griff um meinen Körper. „Wir lieben uns“. „Ferb!“, ruft sie aus, als sie sich eine Hand vors Gesicht schlägt. Mit zusammengebissenen Zähnen warte ich darauf, dass sie uns anschreit. Dass sie uns dafür ausschimpft und ein Riesentheater veranstaltet. Doch stattdessen fängt sie seltsamerweise an zu lachen. Er und ich tauschen einen Blick, im Unklaren darüber, was sie daran so komisch findet.
„Das war toll!“, meint sie dann, während sie sich darum bemüht, sich wieder einigermaßen zu fangen. „Das habt ihr gut eingefädelt. Sagt schon, wie lange habt ihr für diesen Streich trainiert?“. „Streich?“, fragen Ferb und ich wie aus einem Munde und wechseln abermals einen vielsagenden Blick. „Ach Jungs“, entgegnet Mom mit einem Schmunzeln. „Jetzt sagt mir nicht, ihr hättet das alles nicht perfekt eingefädelt“. „Was?“, will Ferb verwirrt wissen. „Na, diesen Kuss und alles“, antwortet sie amüsiert. „Oh Mann, und ich habe noch für einen kurzen Augenblick gedacht, das wäre tatsächlich euer Ernst“.
Sie glaubt uns nicht, wird mir deprimiert klar. Sie ist davon überzeugt, dass Ferb und ich das alles geplant haben, um ihr einen Schreck einzujagen. Dass es sich lediglich um einen Spaß handelt. Dass wir ihr nur etwas vorgespielt haben.
Meine Ängste weichen augenblicklich der Wut, als ich darüber nachdenke. Wut gegenüber Mom, weil sie unsere Liebe für einen Scherz hält. Weil sie ernsthaft glaubt, Ferb und ich hätten diesen Kuss geplant und uns bewusst von ihr erwischen lassen. Weil sie es scheinbar für völlig ausgeschlossen hält, dass wir ihr gerade die Wahrheit sagen. Und auch wenn ich eigentlich vermeiden wollte, dass sie uns ausgerechnet beim Küssen erwischt, bin ich trotzdem unglaublich sauer.
Wie kann sie es eigentlich wagen, das ganze für einen Scherz zu halten? Wie kommt sie darauf, dass Ferb und ich sie lediglich auf den Arm nehmen? Welches Recht hat sie, zu behaupten, wir würden das alles nur vorspielen? Was denkt sie sich dabei?!
„Das war kein Streich“, rufe ich aus und setze ihrem Lachanfall damit ein abruptes Ende. „Ferb und ich sind wirklich zusammen“. Jetzt erst recht, Mom, denke ich bei mir, entschlossen dazu, nun endgültig die ganze Wahrheit auszupacken. Jetzt werde ich dir erst richtig unter die Nase reiben, wie glücklich Ferb und ich zusammen sind.
Eigentlich hatte ich ja vorgesehen, sie so sanft wie möglich an diese Tatsache heranzuführen. Eigentlich wollte ich ihr alles schonend und vorsichtig beibringen und versuchen, ihr unseren Standpunkt dazu nahezulegen. Aber mit ihrer Behauptung, dass wir diesen Kuss nur inszeniert hätten, ist sie definitiv einen Schritt zu weit gegangen. Weil sie tatsächlich glaubt, Ferb und ich würden so weit gehen, uns etwas derartiges auszudenken, nur um ihr einen Schreck einzujagen. Weil sie scheinbar gar nicht daran denkt, dass wir es auch ernst meinen könnten.
Doch genau das tun wir. Wir beide wissen ganz genau, welche Gefühle wir füreinander haben und dass diese keineswegs nur vorgetäuscht sind. Sie sind echt. Unsere Liebe ist echt. Unsere Beziehung ist echt. So lange haben wir beide aneinander vorbeigeredet, bis wir endlich erkannt haben, was zwischen uns wirklich ist. Dass wir Seelenverwandte sind. Partner. Liebende. So lange haben wir unsere Gefühle voreinander verleugnet, aus Angst, den anderen dadurch zu verlieren. So lange haben wir gebraucht, bis wir zusammenfinden und diese einmalige Beziehung beginnen konnten.
Da ist es doch wohl mehr als verständlich, dass ich aus der Haut fahre, wenn ausgerechnet Mom die Behauptung in den Raum wirft, wir würden es nur vorspielen. Einfach aus Spaß. Einfach, um sie zu erschrecken. Das ist nicht fair von ihr. Das ist überhaupt nicht fair. Das zahle ich ihr zurück, beschließe ich schweigend für mich. Das zahle ich ihr auf jeden Fall zurück. Indem ich ihr BEWEISE, dass Ferb und ich ein Paar sind. Dass unsere Herzen füreinander schlagen. Dass wir uns lieben. Dass wir die Wahrheit sagen.
„Was hast du gesagt, Phineas?“, fragt Mom, die durch meine Aussage anscheinend erste Zweifel an ihrer Theorie bekommen hat. „Wir haben dir keinen Streich gespielt“, antworte ich bestimmt, während Ferb neben mich tritt und meine Hand nimmt. „Ferby und ich lieben uns. Wir sind ein Paar. Seit drei Monaten“.
„Was?“, wiederholt sie, dieses Mal deutlich lauter, während sich ihre Miene langsam verfinstert. „Wie hast du deinen Stiefbruder gerade genannt?“. „Ferby“, erwidere ich und gebe ihm mit einem kurzen Blick zu verstehen, mich in meinem Vorhaben zu unterstützen. „So nenne ich ihn immer, seit wir zusammen sind“. „Was meinst du mit zusammen?“, hakt Mom noch einmal nach, die allmählich aber zu begreifen scheint, dass wir ernst meinen, was wir sagen.
„Ferb und ich sind seit drei Monaten ein Paar“, wiederhole ich noch einmal. „Wir lieben uns“. „WAS tut ihr?“, fragt Mom noch einmal, dieses Mal deutlich aufgebrachter als zuvor. „Wir LIEBEN uns“, rufe ich laut und ziehe Ferb demonstrativ näher zu mir heran. „Ein... ein Paar“, stottert sie perplex, noch immer darum bemüht, zu verstehen, was ich gesagt habe. „Ein Paar... ein Paar... ein Paar...“. Wieder und wieder murmelt sie diese Worte, während sie ihren Blick zwischen uns hin- und hergleiten lässt.
Für einen kurzen Moment fixiert sie sich auf mich, so als versuche sie, in meinen Augen die Wahrheit zu lesen. „Nein“, wispert sie dann und schüttelt noch einmal den Kopf. „Nein! Nein, das kann nicht sein! Nein! Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr! Nein! NEIN!“. „Doch, Mom“, erwidere ich bestimmt. „Doch, es ist wahr. Ferb und ich...“.
„Ihr könnt kein Paar sein!“, schreit sie mich aufgebracht an. Ihre Augen beginnen, vor Zorn zu funkeln. „Ihr seid Brüder! Das geht nicht! Das geht nicht!“. „Stiefbrüder, Mom“, korrigiere ich sie. „Ferb und ich sind lediglich Stiefbrüder“. „Was ändert das schon?!“, keift sie in Rage und verschränkt ihre Arme vor der Brust. „Es geht trotzdem nicht! Ihr seid dennoch Geschwister! Das ist strafbar, wisst ihr das eigentlich?!“.
„Das ist es nicht“, erwidert Ferb an meiner Stelle. „Phineas und ich sind nicht blutsverwandt. Wir haben keinerlei genetische Relationen zueinander“. „Das ist egal!“, schreit Mom ihn an. „Trotzdem seid ihr Brüder! Ihr...“. „STIEFBRÜDER, MOM!“, rufe ich noch einmal, fest dazu entschlossen, diese Sache endgültig mit ihr auszudiskutieren. „Nein!“, kreischt sie aufgebracht. „Nein, Schluss damit! Ihr werdet das beenden! Auf der Stelle!“.
„Nein“, erwidert Ferb, darum bemüht, ruhig und sachlich zu klingen. „Nein, Mom, das werden wir nicht. Wir...“. „Das werdet ihr!“, zischt sie. „Ich verbiete es euch! Ihr macht Schluss damit! Auf der Stelle!“. Ich sehe Tränen über ihre Wangen laufen und sie schüttelt immer wieder fassungslos den Kopf. „Ihr hört damit auf! Sofort!“.
„Ich liebe Ferb!“, sage ich noch einmal und schmiege mich nahe an ihn heran. „Und ich werde unsere Liebe nicht aufgeben. Weder für dich, noch für jemand anderen“. „Du kannst ihn gar nicht lieben!“, schleudert Mom mir entgegen. „Er ist dein Bruder! Du solltest dich schämen, dass du so etwas tust. Ausgerechnet du, Phineas! Dass du je zu so etwas Ekelhaftem im Stande bist, das hätte ich nie von dir gedacht! Du bringst Schande über uns! Ihr beide bringt Schande über uns!“.
Ich weine, als Mom diesen Satz ausgesprochen hat und klammere mich an Ferb fest, der mich sofort in den Arm nimmt und mich tröstend streichelt. Schluchzend vergrabe ich das Gesicht in seiner Schulter und er fährt mir beruhigend durch die Haare.
„Lass ihn los!“, keift Mom und rennt auf uns zu. „Lass ihn los! Du wirst Ferb nie wiedersehen! Nie wieder!“. Mit diesen Worten packt sie mich und will mich von ihm wegzerren, doch ich kämpfe dagegen an. „Lass los! Lass los!“, wiederholt sie und krallt ihre Fingernägel in meine Schulter. „Du siehst ihn nie wieder! Ich verbiete es dir!“.
„Hör auf, Mom!“, flehe ich sie wimmernd an und wehre mich, als mir langsam alles zu viel wird. Ich weiß, dass ich es nicht mehr lange ertrage, von ihr angeschrien zu werden. Kühle Tränen fließen über mein Gesicht. Ich versuche verzweifelt, gegen Mom anzukommen und klammere mich stärker an Ferb fest. „Lass ihn los, du Bastard!“, brüllt sie und verstärkt ihren Griff noch weiter. „Hör auf!“, rufe ich noch einmal und kann mich schließlich nicht mehr länger beherrschen.
Mit einem Ruck fahre ich herum und klatsche Mom meine Hand mit voller Wucht ins Gesicht, woraufhin sie von mir ablässt und rückwärts taumelt. Weinend schlinge ich meine Arme um Ferb, dem ebenfalls Tränen in den Augen stehen und wünsche mir, ihn niemals wieder loslassen zu müssen. Gleichzeitig plagen mich auch Schuldgefühle, weil ich Mom einfach geschlagen habe und ich drehe mich schließlich zu ihr um.
Winselnd hält sie sich ihre Wange und weicht zurück, als ich einen Schritt auf sie zugehen will. „Bleibt weg!“, faucht sie wütend und verletzt zugleich. „Bleibt weg von mir!“. „Mom, ich...“, setze ich unter Tränen an, doch sie lässt mich nicht ausreden. „Halt die Klappe!“, ruft sie laut. „Sei still! Sei endlich still!“.
Mit diesen Worten wendet sie sich von uns ab und stößt dabei direkt mit Dad zusammen, der gerade aus dem Haus kommt. „Was geht denn hier vor sich?“, fragt er verwundert und nimmt Mom, die immer noch weint, fest in die Arme. „Linda, mein Schatz, was ist denn passiert?“. „Lawrence, Gott sei Dank!“, ruft Mom aufgelöst und zeigt mit dem Finger in unsere Richtung. „Du musst mir helfen! Die Jungs... die Jungs!“. Sie stößt einen klagenden Schrei aus, während Dad noch immer versucht, zu begreifen, was überhaupt los ist.
„Was ist mit den Jungs?“, fragt er sie ruhig und streicht ein paar Mal über ihr Haar. „Sie... sie sind... verrückt geworden“, antwortet sie unter Tränen und wirft uns einen schmerzerfüllten Blick zu. „Was ist passiert, Liebling?“, will Dad wissen und sieht ebenfalls zu uns herüber. Er beißt sich auf die Lippe, als er bemerkt, dass ich ebenfalls weine und mich eng an Ferb festklammere.
„Sie... sie haben sich geküsst!“, ruft Mom aus und löst sich schließlich von ihm. „Stell dir vor, die beiden haben sich richtig geküsst! Geküsst, Lawrence! Phineas behauptet, sie seien zusammen und... und...“. Sie unterbricht sich, als Dad seine Hand auf ihre Schulter legt und ihr kurz in die Augen sieht. „Beruhige dich“, flüstert er besänftigend und sie blickt ihn verständnislos an. „Beruhigen?!“, faucht sie in Rage. „Ich soll mich beruhigen?! Ich erzähle dir gerade, dass Phineas und Ferb sich geküsst haben und du sagst mir, ich soll mich beruhigen?!“.
„Linda, Darling, sie sind verliebt“, erwidert er, woraufhin sie ihn ruckartig von sich weist. Fassungslos schaut sie ihm in die Augen, doch er weicht ihrem Blick schlagartig aus. „Du... du wusstest es“, mutmaßt sie schließlich. „Du wusstest die ganze Zeit Bescheid, oder?“. Dad nickt wortlos und wirft uns erneut einen Blick zu. Völlig überrumpelt starre ich ihn an und kann es überhaupt nicht glauben. Er schmunzelt. Er schmunzelt mich wirklich an. So als wäre er froh darüber, dass Ferb und ich zusammen sind. Als würde es ihm gar nichts ausmachen.
„Du hast es gewusst!“, ruft Mom noch einmal und wehrt ihn ab, als er sie in den Arm nehmen will. „Ja“, gibt er schließlich zu und seufzt leise. „Ja, ich habe es gewusst“. Ferb und ich sehen uns kurz an und an seinem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass er genauso überrascht darüber ist wie ich. „Warum hast du mir nichts gesagt?!“, zischt Mom völlig außer sich. „Du wusstest Bescheid und hast trotzdem nicht einen Ton gesagt!“. „Ich konnte nicht“, antwortet er leise und senkt beschämt seinen Kopf.
„Du hast es zugelassen!“, setzt Mom lautstark fort. „Du hast gewusst, was los ist und trotzdem nichts dagegen unternommen! Du hast sie weitermachen lassen mit diesem ekelhaften Spiel! Du hast sie weiß Gott was miteinander machen lassen! Wie konntest du nur? Wie konntest du?!“. „Mom, das zwischen uns ist kein Spiel“, versuche ich noch einmal, auf sie einzureden. „Halt den Mund!“, fährt sie mich an. „Halt den Mund, Phineas, bevor ich mich vergesse!“. Drohend hebt sie ihre Hand und macht einen Schritt auf mich zu, woraufhin ich verängstigt in Ferbs Arme zurückweiche.
„Linda, versteh doch...“. Dad versucht, sie ein bisschen zu beruhigen, doch sie lässt sich gar nicht darauf ein. „Wie lange hast du es gewusst?“, fragt sie ihn mit tränenüberströmtem Gesicht und packt ihn bei den Schultern. „Wie lange weißt du schon darüber Bescheid?! Woher weißt du überhaupt davon?!“. „Eine Zeit lang“, antwortet Dad leise. „Ich... ich habe gesehen, wie sie sich geküsst haben“. Er startet einen neuen Versuch, sie in den Arm zu nehmen, doch wieder blockt sie ihn ab. „Rühr mich nicht an“, faucht sie giftig und läuft dann völlig überfordert ins Haus.
„Linda, warte“, ruft Dad ihr nach, doch sie hört ihm gar nicht zu. Er seufzt enttäuscht und kommt dann zu uns herüber. Wieder weiche ich verängstigt zurück, darauf gefasst, nun auch von ihm eine Standpauke zu bekommen, doch stattdessen legt er seine Hand auf meine Schulter und lächelt wieder. „Dad“, wimmere ich unter Tränen und er schließt mich fest in die Arme. „Na, na“, wispert er mir zu und klopft mir einige Male auf den Rücken. „Ist ja gut“.
„Dad... wir... wir können dir das erklären“, will ich ansetzen, als er die Umarmung löst, doch er schüttelt nur den Kopf. „Ihr müsst nichts erklären, Jungs“, meint er dann und blickt zu Ferb. „Ich weiß alles über euch. Ich weiß, wie sehr ihr euch liebt und wie glücklich ihr zusammen seid“. „Dad, ich...“, versuche ich es noch einmal, doch mir fällt nichts ein, was ich darauf sagen könnte.
„Ich weiß, wie wichtig ihr füreinander seid“, setzt er fort und nimmt mich an die Hand. „Wie sehr ihr euch ineinander verliebt habt“. „Aber... woher...?“, frage ich und schlucke schwer, noch nicht im Klaren darüber, ob Dad lediglich versucht, uns zu beruhigen oder sich ehrlich darüber freut. „Ich habe gesehen, wie ihr euch geküsst habt“, antwortet er und lächelt. „Vor einigen Wochen. Im Garten. Ich habe nach euch gesucht, weil ich euch eigentlich etwas zeigen wollte. Da habe ich von der Balkontür aus gesehen, dass ihr sehr vertraut miteinander umgegangen seid. Ein bisschen zu vertraut, wie es mir vorkam. Natürlich wollte ich wissen, was wirklich dahintersteckt und habe euch eine Weile beobachtet. Und schließlich habe ich mitangesehen, wie ihr euch einen Kuss gegeben habt. Einen sehr langen Kuss sogar“.
Er seufzt, ehe er schließlich fortsetzt: „Natürlich war das zuerst mal ein etwas merkwürdiges Bild, das sich mir da geboten hat. Ich bin dann auch direkt gegangen und habe versucht, mich ein bisschen mit Arbeit abzulenken. Aber irgendwie habe ich diesen Gedanken nicht mehr aus den Kopf bekommen und angefangen, in alle möglichen Richtungen darüber zu spekulieren. Mir ist wirklich alles in den Sinn gekommen, zum Beispiel, dass ihr diesen Kuss nur zum Test gemacht habt, weil ihr wissen wolltet, wie es sich anfühlt und dass er rein gar nichts zu bedeuten hat. Doch auch wenn das für mich eine durchaus plausible Erklärung war, wurde ich trotzdem das Gefühl nicht los, dass da weitaus mehr dahintersteckt als nur das. Und schließlich hat sich dann herausgestellt, dass ich Recht hatte“.
„Wie... wie meinst du das?“, will ich wissen und schaue ihn verwundert an. „Eines Nachts“, antwortet er. „Als ich nicht schlafen konnte, da habe ich zufällig gesehen, wie ihr im Garten zusammen getanzt habt. Ich habe euch eine ganze Weile zugesehen und... nun ja... irgendwie fand ich es... wie soll ich sagen... romantisch“. „Romantisch?“, frage ich nach, was er mit einem Nicken bestätigt. „Ja“, meint er dann. „Es war schön, zu sehen, wie du dich von Ferb hast führen lassen. Wie eng ihr euch festgehalten habt. Und auch wenn ihr mich jetzt für altmodisch haltet, aber – Mondlicht, eine klare Sommernacht, ein warmer Nachtwind – das war einfach die ideale Kulisse für eine Romanze“.
Er zwinkert mir zu und ich blicke peinlich berührt zur Seite, da ich selbstverständlich nicht damit gerechnet habe, dass man uns bei unseren nächtlichen Tänzen beobachtet hat. „Ich glaube, in dieser Nacht habe ich nicht einen Augenblick lang geschlafen“, setzt Dad fort. „Ich musste immer wieder an diese Szene denken, wie du mit Ferb über das Gras getanzt hast. Lange habe ich hin und her überlegt, habe alle Anzeichen und Fakten zusammengetragen, die sich mir bis dahin aufgezeigt hatten. Schließlich habe ich dann einfach eins und eins zusammengezählt und von einer Sekunde zur anderen fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Meine beiden Jungs sind ein Pärchen. Ich glaube, nach dieser Erkenntnis war ich so glücklich wie schon lange nicht mehr“.
„Du... du warst... glücklich?“, will ich wissen, da ich nicht glauben kann, dass er das gerade wirklich gesagt hat. „Sehr glücklich sogar“, antwortet er mit einem Schmunzeln. „Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass meine beiden Jungs die Liebe ihres Lebens gefunden haben“. „Meinst du das ernst?“, frage ich ihn erneut und bemühe mich, meine Gefühle zu kontrollieren.
„Natürlich, Phineas“, antwortet er und legt seine Hand auf meine Schulter. „Ich freue mich sehr für euch beide. Und ich wünsche euch alles Glück dieser Welt für eure Liebe“. „Aber... aber Dad...“, erwidere ich und spüre wieder ein paar Tränen über mein Gesicht laufen. „Ferb und ich sind trotz allem Stiefbrüder. Wenn jemand erfährt, dass wir zusammen sind...“. „Was wäre daran so schlimm?“, entgegnet er und legt ein optimistisches Lächeln auf. „Würdest du dich dann nicht für uns schämen?“, frage ich schluchzend und beiße die Zähne zusammen. „Wären wir dann keine Schande für dich?“.
„Jungs“, erwidert er und nimmt mich noch einmal fest in die Arme. „Warum sollte ich mich denn bitte für euch schämen? Warum sollte ich denn nicht glücklich darüber sein, dass ihr euren Seelenverwandten gefunden habt, hm?“. Ich wimmere und senke meinen Blick zu Boden. „Phineas, sieh mich an“, setzt er fort und ich blicke ihm tränenblind in die Augen. „Phineas, du und Ferb, ihr seid doch keine Schande für mich. Warum sollte ich mich dafür schämen, dass ihr ein Pärchen seid? Würde das etwas an euren Gefühlen füreinander ändern?“.
„Ich...“, will ich ansetzen, doch Dad schüttelt nur den Kopf und gibt mir zu verstehen, jetzt nichts zu sagen. „Jungs, ich schäme mich keineswegs für euch“, fügt er hinzu und legt mir die Hand auf die Wange. „Ganz im Gegenteil: Ich bewundere euch für euren Mut und eure Ehrlichkeit. Ich bin stolz auf euch, weil ihr trotz allem fest zusammenhaltet und euch eure Liebe nicht ausreden lasst. Ganz ehrlich, Phineas, was andere darüber sagen, das kann euch vollkommen egal sein. Und mir ist es ebenso egal. Ich sehe doch, wie sehr ihr euch liebt und genau darum werde ich auch immer hinter euch stehen. Für mich spielt es keine Rolle, ob andere Leute das kritisieren oder nicht. Denn selbst wenn sie meinen, mich darauf ansprechen zu müssen, dann werde ich ihnen deutlich machen, wie ich dazu stehe. Ich werde sie wissen lassen, dass ich kein Problem damit habe“.
„Dad...“. Auch Ferb beginnt zu weinen, als Dad seine Ansprache beendet hat und umschließt ihn ebenfalls mit beiden Armen. „Jungs, ihr seid und bleibt meine Söhne“, fügt er hinzu und streichelt Ferb einige Male über den Rücken, um ihn wieder zu beruhigen. „Was zwischen euch ist, das kann ich nicht ändern. Ich kann es nur akzeptieren und euch dafür lieben. Und genau das werde ich auch immer. Ich werde euch immer lieben, egal, was auch passiert. Bitte vergesst das nie, ja?“.
„Oh... Dad...“, versuche ich zu sagen, doch mir versagt die Stimme. Ich bin immer noch zu überwältigt, zu berührt von Dads Worten und der Tatsache, dass er nichts gegen unsere Liebe einzuwenden hat. Dass er trotzdem noch zu uns hält. Uns trotzdem noch liebt. Uns keine Vorwürfe macht, sondern es bedenkenlos akzeptiert.
„Dad, wir...“, starte ich einen neuen Versuch, nachdem ich mich wieder einigermaßen beruhigt habe, doch er bedeutet mir, nichts zu sagen. „Habt keine Angst, Jungs“, flüstert er dann und streichelt meine Hand, die ein bisschen zittert. „Ich werde diese Sache in Ordnung bringen. Ich werde noch einmal mit Mom sprechen und sie zu Vernunft bewegen. Ich werde ihr klarmachen, dass das, was ihr macht, nichts Falsches oder gar Verbotenes ist und dass sie sich damit abfinden muss. Das wird wieder, Jungs, ganz bestimmt“.
„Danke, Dad“, flüstere ich tief berührt und drehe mich dann zu Ferb um, der noch immer Mühe damit hat, sich wieder zu beruhigen. Zärtlich lege ich meine Arme um seine Hüften, so, wie er es sonst bei mir macht und küsse ihm vorsichtig eine Träne weg. „Ich liebe dich“, wispere ich in sein Ohr, woraufhin er noch einmal schluchzen muss.
„Ich kläre das“, unterbricht Dad unsere Umarmung und ich wende mich wieder ihm zu. „Ich werde Mom deutlich machen, dass sie keine Wahl hat, als es zu akzeptieren“. „Danke, Dad“, wiederhole ich, tief bewegt von seinem Vorsatz und seinem Engagement, unsere Liebe zu erhalten. „Wir haben dich lieb“.
„Ich euch auch, Jungs“, erwidert er mit einem zuversichtlichen Lächeln und will sich auf den Weg ins Haus machen, hält jedoch noch einmal kurz inne und geht dann auf Ferb zu, der weiterhin mit Tränen kämpft. „Keine Angst“, sagt er zu ihm und klopft ihm noch einmal auf den Rücken. „Das wird wieder, Ferb. Ganz bestimmt“. „Dad...“, entgegnet Ferb und blickt ihm ängstlich in die Augen. „Bitte versprich mir, dass Phin und ich zusammenbleiben können. Versprich mir, dass du alles tun wirst, damit man uns nicht trennt. Wir lieben uns so sehr. Ich will ihn nicht verlieren. Ich...“.
„Keine Angst, Ferby“, erwidere ich an Dads Stelle und streichle über seine Hand. „Du wirst mich nicht verlieren. Das würde ich nie zulassen. Niemals, Ferby. Niemals, ich verspreche es dir“. Mit diesen Worten wende ich mich wieder an Dad, da ich in diesem Augenblick einen Entschluss gefasst habe: Ich werde kämpfen. Ich werde für Ferb und unsere Liebe aus eigener Kraft kämpfen. Ich werde Dad nicht allein zu Mom hineingehen lassen. Ich werde mitkommen und noch einmal versuchen, ihr meine Sichtweise näherzubringen. Und ich werde ihr klarmachen, dass sie keine andere Wahl hat, als unsere Liebe zu akzeptieren. Egal, wie weit ich dafür gehen muss.
Mit diesem Vorsatz gehe ich auf Dad zu und nehme ihn an die Hand. „Lass es uns hinter uns bringen“, sage ich zu ihm und drehe mich dann noch einmal zu Ferb um. „Ich liebe dich“, wispere ich mit einem Lächeln und bedeute ihm, hier auf uns zu warten. Dann hole ich noch einmal tief Luft und zusammen mit Dad mache ich mich schließlich auf den Weg ins Haus.

Aus der Küche sind laute Geräusche zu vernehmen, als Dad und ich durch die Balkontür ins Wohnzimmer treten. Mom scheint sich offensichtlich noch immer über das aufzuregen, was Ferb und ich ihr erzählt haben. Bei genauerem Hinhören stelle ich schließlich fest, dass sie anscheinend nicht allein im Zimmer ist. Candace ist bei ihr und versucht, sie wieder einigermaßen zu beruhigen.
Ein weiteres lautes Klirren veranlasst Dad und mich dazu, hastig in die Küche hinüberzulaufen, in der Mom gerade sämtliches Geschirr von der Anrichte gefegt hat. Candace steht neben ihr und versucht, besänftigend auf sie einzureden. „Mein einziger Sohn!“, kreischt Mom in Rage und zerdeppert mit voller Wucht einen weiteren Teller.
„Mom, bitte...“, startet Candace einen neuen Versuch und will ihr die Hand auf die Schulter legen, doch Mom schlägt sie grob beiseite. „Lass mich in Ruhe!“, faucht sie aufgebracht. „Wie konntet ihr mir das nur antun? Wie konntet ihr zulassen, dass mein einziger Sohn sich zu so etwas hinreißen lässt? Ihr wusstet es alle! Und keiner von euch hat ihn aufgehalten!“.
Ich bemühe mich, ihre Worte zu begreifen, was mir allerdings ausgesprochen schwerfällt. Wozu habe ich mich hinreißen lassen? Was meint sie damit? „Linda, mein Schatz“, setzt Dad an, als er in die Küche tritt und will sie in den Arm nehmen. „Fass mich nicht an!“, zischt sie zornig und verpasst ihm eine Ohrfeige. „Du bist an allem schuld! Du hast uns das angetan! Du!“. „Linda, bitte...“, beginnt Dad noch einmal, doch wieder wehrt sie ihn grob ab. „Lass mich los!“, schreit sie in Rage und schubst ihn heftig von sich weg. „Dein missratener Sohn ist doch an allem schuld! Er ist an allem schuld!“.
„Linda, wovon sprichst du?“, will Dad wissen und versucht vergeblich, sie etwas zu besänftigen. „Du hast ihn hierhergebracht!“, schleudert Mom ihm entgegen, ohne auf seine Frage auch nur ansatzweise einzugehen. „Du bist schuld, dass all das passiert ist! Du hast zugelassen, dass er meinen Jungen verführt! Nur wegen ihm ist er schwul geworden!“.
Ein Schauer überfällt mich, als Mom das sagt und ich trete schließlich auch in die Küche. „Mom“, weine ich aufgelöst, woraufhin sie auf mich zustürmt und mir um den Hals fällt. „Phineas“, ruft sie laut und schluchzt. „Phineas, mein Junge! Mein kleiner Junge!“.
Vergeblich versuche ich, mich aus ihrem Griff zu befreien und sie drückt mich nur noch enger an sich. „Mein kleiner Junge!“, wiederholt sie noch einmal. „Was hat Ferb dir nur angetan? Was hat er nur mit dir gemacht?“. „Mom“, rufe ich verzweifelt und schluchze. „Mom, bitte. Lass mich los“.
„Linda...“. Dad geht einen Schritt auf uns zu, doch sie weicht zurück und schleift mich hinter sich her. „Komm uns nicht zu nahe!“, faucht sie aufgebracht, während sie ihren Griff um mich weiter verstärkt. „Du hast schon genug angerichtet!“. „Mom“, versuche ich es noch einmal, als sie mir eine Hand auf die Wange legt. „Mein Junge“, schluchzt sie dann wieder. „Mein unschuldiger, kleiner Junge. Was hat man nur mit dir gemacht? Wozu hat Ferb dich nur angestiftet?“.
Ich begreife rein gar nichts mehr. Wovon spricht sie denn überhaupt? Warum behauptet sie, Ferb hätte mich zu irgendetwas angestiftet? Warum sagt sie solche Sachen? Was geht nur mit ihr vor?
„Mein armer Junge“, setzt sie fort, während sie mir in die Augen schaut und meine Wange streichelt. „Warum hast du dich von Ferb nur dazu zwingen lassen? Warum bist du nicht zu mir gekommen und hast mit mir darüber gesprochen? Warum hast du diese ekelhaften Spiele über dich ergehen lassen? Du hättest mir doch alles sagen können, anstatt dich auf seine Machenschaften einzulassen. Auf diesen widerlichen Kuss. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das für dich gewesen sein muss. Wie abstoßend. Was hat er noch mit dir angestellt, mein Junge? Hat er dich missbraucht? Hat dieser Widerling dich sexuell missbraucht?“.
„Mom“, heule ich und schreie, weil ich gar nicht begreifen kann, wovon sie da überhaupt spricht. Was fantasiert sie da bloß alles zusammen? Was will sie jetzt von mir hören? Warum verhält sie sich nur so merkwürdig? Was redet sie da von sexuellem Missbrauch? Ich begreife es nicht. Ich bin gar nicht in der Lage, es zu begreifen. Was um alles in der Welt ist nur mit meiner geliebten Mom los?
„Phineas, sieh mich an“, sagt sie und presst ihre Hände gegen meine Wangen. „Sieh mir in die Augen, mein Junge. Und sag mir die Wahrheit. Hat Ferb dich erpresst? Hattest du deswegen Angst, es mir zu sagen? Hat er dich angefasst? Hat er dir wehgetan? Hat er etwas Schlimmes mit dir gemacht? Du kannst es mir sagen, Phineas. Ich bin doch deine Mutter. Ich bin dir auch nicht böse, versprochen. Du kannst ja gar nichts dafür. Dich trifft gar keine Schuld. Ich werde deswegen auch nicht mit dir schimpfen. Aber bitte sag jetzt die Wahrheit. Sag mir, was Ferb dir angetan hat. Du musst ihn nicht länger schützen. Es ist alles wieder gut“.
Ich sinke auf die Knie. Weine. Schreie. Schluchze. Ich kann nicht begreifen, was Mom zu mir sagt. Ihre Worte ergeben überhaupt keinen Sinn. Sie fantasiert irgendetwas von Missbrauch und Erpressung. Was passiert nur mit ihr? Warum lässt sie mich nur nicht los?
„Linda, bitte!“, fleht Dad und versucht noch einmal, auf uns zuzugehen, doch wieder weicht Mom vor ihm zurück. „Bleib weg!“, schreit sie ihn an. „Bleib von uns weg! Du hast zugelassen, dass Ferb meinem Jungen so etwas Schreckliches antut. Du hast zugelassen, dass er ihn missbraucht. Dass er ihn für seine Zwecke ausnutzt. Du hast gewusst, dass Ferb ihn schlecht behandelt und trotzdem nichts unternommen! Du... du...!“.
„Mom“, wimmere ich und versuche, mich von ihr loszukämpfen. „Mom, was ist nur los mit dir?“. „Pssst“, erwidert sie und streicht durch meine Haare. „Hab keine Angst, mein Junge. Alles wird wieder gut. Du hast keine Schuld daran. Du bist ein braver Junge. Du bist ein ganz braver Junge“.
Langsam bekomme ich es wirklich mit der Angst zu tun. Mom dreht durch, schießt es mir durch den Kopf. Sie fängt an, den Verstand zu verlieren. Darum redet sie so wirres Zeug. Sie weiß überhaupt nicht mehr, was sie eigentlich sagt.
„Nein!“, rufe ich laut aus, da ich diese Situation nicht länger ertrage und verpasse ihr mit dem Ellenbogen einen Hieb in den Magen. Sie keucht und lässt von mir ab, was ich ausnutze, um mich vollständig aus ihrem Griff zu lösen. Schreiend und weinend ergreife ich die Flucht. Ich will nur noch so schnell wie möglich hier raus. Ich will zu Ferb. Ich habe Angst vor dem, was hier gerade passiert. Mom verliert ihren Verstand. Sie weiß gar nicht mehr, was sie tut. Sie fantasiert sich irgendeine Geschichte zusammen, die überhaupt keinen Sinn ergibt. Sie dreht durch. Sie dreht völlig durch.
„FERB!“, brülle ich laut, als ich die Balkontür erreiche und er kommt mir sofort entgegengelaufen. „Phin“, ruft er erschrocken, als er mein tränenüberflutetes Gesicht bemerkt und nimmt mich fest in die Arme. „Phin, mein Engel, was ist denn nur passiert? Was geht da drin vor sich?“. „Mom!“, schreie ich aufgelöst und halte mich an ihm fest. „Ich glaube, sie hat einen Nervenzusammenbruch“.
„Was?“, ruft er erschrocken, während sich in seinen Augen ebenfalls Tränen bilden. „Sie... sie redet völlig wirres Zeug“, antworte ich heulend. „Sie weiß überhaupt nicht mehr, was sie eigentlich tut. Eben hat sie mich festgehalten und irgendetwas davon geredet, dass du an allem schuld bist. Dass du mich missbraucht und verführt hättest und irgendwas. Sie hat keine Ahnung mehr, was sie überhaupt sagt. Das alles ist ihr viel zu viel“.
„Um Gottes Willen!“, keucht Ferb entsetzt und stürmt an mir vorbei ins Wohnzimmer. „Warte, nein!“, schreie ich ihm nach und laufe ihm hinterher. Bereits im Flur kann ich Mom schreien und weinen hören, während Dad irgendetwas zu Candace sagt. „Mom!“, ruft Ferb, als wir die Küchentür erreichen. „Mom! Mom!“. „Du!“, kreischt sie in Rage, als wir eintreten und mir bietet sich ein noch grauenhafterer Anblick als zuvor. Dad und Candace halten Mom mit all ihren Kräften fest. Sie wehrt sich heftig, versucht, um sich zu schlagen und sich aus ihrem Griff loszumachen. „Du Monster!“, schreit sie Ferb an, der daraufhin verängstigt zurückweicht und sich an mir festhält.
„Mom...“, winselt er aufgelöst, doch ihre Schreie und Rufe übertönen ihn. „Lass meinen Jungen in Ruhe!“, kreischt sie schrill, während Dad versucht, sie unter Kontrolle zu halten und zu beruhigen. „Verschwindet!“, ruft er uns über ihre Schreie hinweg zu. „Raus mit euch! Schnell!“.
Ferb rührt sich nicht, ist wie erstarrt, und beobachtet voller Entsetzen die schreckliche Szene. „Komm“, heule ich verzweifelt und packe ihn am Arm. „Nein!“, ruft Mom uns hinterher. „Nein! Mein Junge! MEIN JUNGE!“. „Candace, komm her und hilf mir“, höre ich Dad sagen, während ich mit Ferb nach draußen in den Garten flüchte. Ich laufe so schnell ich kann, hinaus durch das Gartentor, die Straße entlang, immer weiter und weiter, bis Ferb mich am Arm packt und mich zwingt, stehenzubleiben.
Ein erschütternder Schrei dringt aus meinem Inneren und ich sinke auf die Knie, während vor meinem inneren Auge die entsetzliche Szene aus der Küche auftaucht. Ich brülle so laut es nur geht, bis Ferb mich fest bei den Schultern packt und mich durchschüttelt. „Phineas!“, ruft er laut. „Phineas!“.
Das sind die letzten Worte, die ich höre, bevor ich auf dem Gehweg zusammenbreche.

„Phineas? Phineas, kannst du uns hören?“. Ich spüre, dass jemand mich sanft rüttelt, als ich wieder zu mir komme. „Phineas? Phineas!“. Benommen schlage ich schließlich die Augen auf und versuche, mich aufzurichten, werde jedoch augenblicklich von zwei Händen nach unten gedrückt. „Nicht aufstehen“, sagt derjenige zu mir und ich wende meinen Blick vorsichtig in seine Richtung.
„Ferby“, bringe ich schwach hervor und starte einen neuen Versuch, mich hochzusetzen. „Nicht aufstehen, Phin“, wiederholt er sanft und drückt mit beiden Armen langsam gegen meine Brust, um mich unten zu halten. „Bleib liegen. Du bist noch zu schwach dafür“. „F-Ferb“, wispere ich durcheinander und lasse meinen Blick zögernd durch den Raum wandern, um festzustellen, wo ich mich überhaupt befinde.
Im Wohnzimmer, wird mir klar, als ich mich nach allen Seiten umgesehen habe. Ich liege im Wohnzimmer auf dem Sofa. Aber wie bin ich hierhergekommen? Was ist überhaupt passiert? Angestrengt versuche ich, mich zu erinnern, als Ferb sich ans Fußende setzt und mich besorgt anschaut. „Alles in Ordnung mit dir?“, fragt er mich und greift behutsam nach meiner Hand. „Ferby...“, wiederhole ich und bemühe mich darum, meine Gedanken, die im Augenblick völlig verrückt spielen, irgendwie zu ordnen.
„Alles okay, Phineas?“, fragt nun auch Dad, der im Fernsehsessel sitzt und mir ebenfalls einen besorgten Blick zuwirft. Ich weiß nicht, was ich ihm auf diese Frage antworten soll. Im Moment ist nämlich überhaupt nichts in Ordnung. Ich kann mich weder daran erinnern, wie ich ins Wohnzimmer gekommen bin, noch wo ich vorher war, geschweige denn, was eigentlich mit mir passiert ist.
Alles, was ich noch vor Augen habe, ist Mom, die tobend und rasend die Küche kurz- und kleinschlägt. Mom. Oh nein, Mom! Wo ist Mom? Was ist mit ihr passiert? Hat sie sich inzwischen wieder beruhigt? Haben Candace und Dad es geschafft, sie ein bisschen zu besänftigen? Ist sie nebenan und denkt über die ganze Sache nach? Hat sie inzwischen eingesehen, dass Ferb und ich es ernst miteinander meinen?
Tausend Fragen gehen mir durch den Kopf und ich unternehme einen weiteren Versuch, mich hochzusetzen. Ferb will mich zwar erneut zurückhalten, doch ich wehre ihn sanft ab und richte mich auf. „Wo ist Mom?“, frage ich dann schließlich, während ich mich noch einmal nach allen Seiten umsehe. „Wo ist sie? Was ist mit ihr passiert?“.
Ferb versucht, mich in die Arme zu nehmen, doch ich blocke ihn ruckartig ab und blicke ihm in die Augen. „Ferb, wo ist sie?“, frage ich ihn und lasse meinen Blick zwischen Dad und ihm hin- und herwandern. „Wo ist sie?“.
„Phineas...“. Dad erhebt sich aus seinem Fernsehsessel und setzt sich zu uns aufs Sofa. Vorsichtig legt er seine Arme um mich und beginnt damit, mir über das Haar zu streicheln. „Wo ist Mom?“, frage ich noch einmal, während mir die ganze Szene, die sich am Nachmittag abgespielt hat, noch einmal durch den Kopf geht. „Sag es mir, Dad. Wo ist sie? Was habt ihr mit ihr gemacht?“.
„Sie oben im Schlafzimmer“, antwortet Dad leise, während ihm Tränen über seine Wangen kullern. „Der Arzt hat ihr ein Beruhigungsmittel gegeben, damit sie ruhig schlafen kann“.
„Der... der Arzt?“, frage ich nach. „Was... was für ein Beruhigungsmittel?“. Verwirrt wende ich mich an Ferb und bemerke, dass auch er weinen muss. „Ferby“, wispere ich und rutsche näher zu ihm heran. „Was ist passiert? Sag es mir“.
„Mom ist...“, beginnt Dad an seiner Stelle und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Mom geht es soweit gut. Sie braucht jetzt ganz viel Ruhe, damit sie sich über alles klar werden kann“. „Was heißt das?“, will ich wissen und springe auf. „Was wollt ihr mir damit sagen? Was ist mit Mom passiert? Wieso habt ihr einen Arzt gerufen?“.
„Sie konnte nicht mehr klar denken“, antwortet Dad und schluchzt. „Sie hatte keinerlei Kontrolle mehr über sich und ihre Gefühle. Candace hat einen Arzt angerufen, weil wir uns große Sorgen um ihren Gesundheitszustand gemacht haben. Sie war völlig außer sich, hat sich weder von mir, noch von Candace beruhigen lassen und immer wieder nach dir gerufen. Sie war in einer Art Psychose, völlig vertieft in ihre eigene Welt, hat auf nichts mehr reagiert. Sie hat vollkommen zusammenhangslose Dinge gesagt und ist sogar mit einem Küchenmesser auf Candace losgegangen. Wir hatten keine Wahl, wir mussten Hilfe holen“.
„Was?“, frage ich aufgelöst, während Dad mir alles erzählt. „Mom ist...? Sie hat...?“. Ich kann den Satz nicht zu Ende sprechen. Ein Küchenmesser. Mom hat Candace mit einem Küchenmesser angegriffen. Weil sie vollkommen überfordert mit der Situation war. Weil sie nicht mehr wusste, was sie überhaupt tut. Und das alles nur meinetwegen. Nur, weil sie die Wahrheit über Ferb und mich herausgefunden hat. Nur darum ist sie durchgedreht.
„Warum...?“, setze ich an und wische einige Tränen weg. „Warum habe ich das nicht mitbekommen?“. „Du bist zusammengebrochen, Phin“, antwortet Ferb mir und streift behutsam meine Wange. „Dein Kreislauf hat versagt. Als du raus auf die Straße gerannt bist, bist du ohnmächtig geworden und warst einige Zeit lang bewusstlos. Zum Glück konnte ich dich noch auffangen, bevor du gefallen bist. Ich habe dich sofort ins Haus gebracht und Dad Bescheid gegeben. Wir haben dich hier abgelegt und gewartet, bis du wieder zu dir kommst“.
„Ich... ich...“, beginne ich, während ich versuche, mich daran zu erinnern. „Mein kleiner Phineas“, flüstert Ferb aufgelöst und nimmt mich noch einmal in den Arm. „Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht“. „Um mich?“, winsle ich unter Tränen und wehre ihn heftig ab, während ich mir gedanklich bewusst mache, was ich getan habe. Dass ich schuld an Moms Zustand bin. Dass sie meinetwegen die Nerven verloren hat. Weil sie jetzt weiß, was zwischen Ferb und mir los ist. Weil sie nicht damit klarkommt, dass wir ein Paar sind. Weil ihr das alles viel zu viel ist.
„Ich bin schuld“, heule ich, als mir klar wird, was ich angerichtet habe. Weil ich derjenige war, der ihr das alles vor den Kopf geknallt hat. Ich war derjenige, der sie in diese Situation getrieben hat. Ich war derjenige, der sie geschlagen hat. Weil mir einfach die Hand ausgerutscht ist. Weil sie nicht aufgehört hat, mich anzuschreien und an mir zu zerren. Ich habe das alles ausgelöst, wird mir klar. Ich habe bei Mom einen Nervenzusammenbruch verursacht. Ich habe sie angeschrien, dass sie mich loslassen soll, als sie mich in der Küche verzweifelt im Arm gehalten hat.
Dabei wollte sie mich doch nur beschützen. Sie hat das alles gar nicht gesagt, um mir wehzutun, sondern nur, weil sie sich Sorgen um mich macht. Weil sie nicht verstehen kann, dass Ferb mir gar nichts Böses angetan hat und dass ich aus freien Stücken mit ihm zusammen bin. Sie kann nicht begreifen, dass wir uns ineinander verliebt haben und dass er mir überhaupt nichts Schlechtes will. Sie hat es nicht böse gemeint. Sie hat nur Angst. Angst um mich. Weil sie meine Mutter ist. Weil sie alles dafür tun würde, um mich vor Gefahren zu schützen.
Und ich habe sie einfach alleingelassen. Ich bin weggerannt und habe sie alleingelassen, als sie mich am dringendsten gebraucht hätte. Ich hätte mit ihr reden und ihr klarmachen müssen, dass ich gar nicht in Gefahr bin. Dass Ferb mir nichts tun will und sie sich keine Sorgen um mich machen muss. Ich hätte sie nicht einfach stehenlassen dürfen, sondern auf sie einreden müssen. Ich hätte ihr sagen müssen, dass alles gut ist und sie keine Angst um mich zu haben braucht. Stattdessen bin ich einfach geflüchtet. Habe gar nicht darauf gehört, als sie mir nachgerufen hat. Habe zugelassen, dass die Situation so eskaliert. Ich habe meine eigene Mutter im Stich gelassen. Ich bin ein schlechter Sohn. Ich sollte mich schämen.
„Es tut mir Leid, Mom“, heule ich laut und vergrabe das Gesicht in den Händen. „Ich bin ein schlechter Sohn. Ich habe dich im Stich gelassen“. „Phineas, wovon redest du da?“, fragt Ferb mich und greift nach meiner Hand. Tränenblind wende ich mich ihm zu, woraufhin er mich fest in die Arme schließt. „Ich bin ein schlechter Sohn“, wiederhole ich meinen Gedanken und schluchze. „Ich habe Mom das alles angetan. Ich habe sie alleingelassen“.
„Phin, was redest du nur?“, möchte Ferb noch einmal wissen und legt seine Hand auf meine Wange. „Wie kommst du denn nur auf solch abstruse Gedanken?“. „Mom ist meinetwegen ausgeflippt“, antworte ich winselnd. „Meinetwegen ist sie auf Candace losgegangen. Meinetwegen hat sie die Nerven verloren. Weil sie mich doch nur beschützen wollte. Sie wollte doch nur versuchen, mich vor Gefahren zu schützen. Und ich bin einfach weggerannt. Ich habe sie gar nicht beachtet, als sie mir hinterhergerufen hat. Ich habe sie in ihrem ganzen Schmerz alleingelassen. Ich hätte auf sie zugehen und mit ihr reden müssen. Ich hätte ihr verständlich machen müssen, dass mit mir alles in Ordnung ist. Ich hätte sie über alles aufklären müssen. Stattdessen habe sie in ihrer Ungewissheit zurückgelassen und bin abgehauen. Meinetwegen hat sie sich all diese Dinge ausgedacht. Weil sie Angst um mich hatte. Weil sie Angst hatte, dass mir etwas passiert. Ich hätte für sie da sein und ihr gut zureden müssen. Aber ich habe sie enttäuscht. Ich bin ein schlechter Sohn“.
„Phineas, das ist doch alles überhaupt nicht wahr“, schaltet Dad sich plötzlich ein, der völlig fassungslos von dem zu sein scheint, was ich da sage. „Was redest du denn da nur für einen Unsinn? Wie kommst du nur auf so merkwürdige Ideen? Du hast überhaupt keine Schuld an Moms Zustand. Du konntest doch nicht wissen, dass sie dermaßen über die Stränge schlägt. Du konntest nicht wissen, dass sie diese Sache so sehr mitnimmt. Du hast dir rein gar nichts vorzuwerfen, Phineas. Überhaupt nichts“.
„Aber... aber ich...“, protestiere ich unter Tränen. „Du bist kein schlechter Sohn“, erwidert er und lehnt meinen Kopf gegen seine Schulter. „Hör sofort auf, dir das einzureden. Du bist ein guter Junge, Phineas. Du hast alles getan, um Mom die Wahrheit so schonend wie möglich beizubringen. Dass sie sich so stark davor verschließt, dafür kannst du nichts. Und Ferb ebenso wenig. Es liegt ganz allein an ihr, damit umzugehen und es zu akzeptieren. Dabei kannst du ihr nicht helfen, auch wenn du es gerne möchtest. Nur sie selbst kann den Punkt finden, an dem sie erkennt, dass ihr zwei euch liebt. Sie allein kann es verarbeiten und damit leben. Darauf hast du keinen Einfluss. Du hast nichts falsch gemacht, als du ihr die Wahrheit gesagt hast“.
„Aber... ich bin einfach weggelaufen“, werfe ich ein. „Das war richtig“, erwidert Dad und streichelt mir sanft über den Kopf. „Das war völlig richtig von dir. Wenn du geblieben wärst, hätte sie vielleicht dich mit dem Messer angegriffen oder dich womöglich sogar verletzt. Es war vollkommen richtig, wegzulaufen. Mom war in diesem Augenblick unberechenbar“.
„Ich wollte ihr helfen, es zu verstehen“, weine ich und halte mich an ihm fest. „Du kannst ihr dabei nicht helfen“, antwortet er tröstend. „Ich weiß, dass du es so gerne möchtest, aber du kannst es nicht. Nur sie selbst ist in der Lage, es zu verstehen und zu akzeptieren. Deshalb hätte es auch nichts genutzt, wenn du auf sie eingeredet hättest. Sie hätte weiterhin an ihren zurechtgelegten Vorstellungen festgehalten und behauptet, Ferb würde dich zu all dem zwingen. Sie ist noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem sie begreifen kann, dass es allein deine Entscheidung war, eine Beziehung mit ihm einzugehen. Sie will es noch nicht wahrhaben“.
„Warum?“, frage ich ihn schluchzend. „Warum wehrt sie sich so dagegen? Was ist so falsch an der Sache zwischen Ferb und mir? Was ist falsch daran, in ihn verliebt zu sein?“. „Nichts“, antwortet Dad beruhigend und nimmt meine Hand. „Es ist rein gar nichts falsch an eurer Liebe. Es liegt nicht an euch. Es liegt an ihr. Sie kann nicht verstehen, warum du ausgerechnet Ferb liebst. Sie begreift nicht, dass du...“. Er unterbricht sich und blickt betrübt zur Seite.
„Dass ich... was?“, will ich wissen. „Dass ich was, Dad?“. „Dass du... schwul bist“, antwortet er schließlich nach kurzem Zögern. Ich atme schockiert auf. „Das... das ist es?“, bringe ich langsam hervor. „Es... es geht also gar nicht darum, dass Ferb und ich Stiefbrüder sind. Es liegt daran, dass ich schwul bin?“.
Dad antwortet nicht, sondern senkt seinen Blick zu Boden. „Darum geht es hier also“, wird mir schließlich nach einigem Überlegen klar. „Mom ist gar nicht ausgeflippt, weil sie nicht akzeptieren kann, dass Ferb und ich ein Paar sind, sondern weil ich ich mich in einen anderen Jungen verliebt habe“.
Während ich so darüber nachdenke, ergibt das alles plötzlich einen Sinn. Plötzlich scheint sich der Nebel zu lichten und all die Anspielungen, die sie mir gegenüber gemacht hat, bekommen eine ganz neue Bedeutung. Mom hat sich also gar nicht wegen Ferb aufgeregt. Sie hat die Nerven verloren, weil ihr klargeworden ist, dass ich schwul bin. Deshalb hat sie irgendetwas von widerwärtigen Machenschaften geredet. Deswegen hat sie immer wieder so akribisch betont, dass Ferb und ich Stiefbrüder seien. Deswegen hat sie behauptet, Ferb würde mich erpressen und meine Liebe zu ihm erzwingen. Ihr geht es gar nicht um die Ehre der Familie. Sie ist geschockt darüber, dass ich mich zu einem Jungen hingezogen fühle. Sie kommt nicht damit zurecht, dass ich schwul bin. Darum dreht es sich hier also die ganze Zeit. Darum sträubt sie sich so dagegen, die Wahrheit zu erkennen.
„Das kann nicht wahr sein!“, rufe ich aus, während ich fassungslos begreife, dass Dad mir die Wahrheit sagt. „Das ist nicht wahr! Nein, das ist nicht wirklich!“. „Phineas...“. Dad will mich besänftigen, doch ich bin viel zu aufgewühlt. Mit einem Ruck springe ich vom Sofa auf und stampfe mit dem Fuß mehrfach auf den Boden. „Nein!“, rufe ich immer wieder aus. „Nein! Nein! Nein!“. „Phin, bitte...“. Auch Ferb startet einen Versuch, mich wieder zu beruhigen, doch ich beachte ihn gar nicht. Ich bin immer noch viel zu geschockt über das, was ich gerade erfahren habe.
Ich kann noch gar nicht richtig glauben, dass Mom sich nur deswegen querstellt, weil ich schwul bin. Ich habe gedacht, es läge daran, dass Ferb und ich Stiefbrüder sind. Ich dachte, dass sie einfach ihre Probleme damit hat, dass ausgerechnet wir beide uns ineinander verliebt haben. Dass es ihr dabei um die familiäre Beziehung geht. Aber nie hätte ich damit gerechnet, dass sie sich nur wegen der Tatsache so aufregt, dass ich einen anderen Jungen liebe. Nie hätte ich von ihr ein derart konservatives, starrköpfiges Denken und Verhalten erwartet.
Mein ganzer Schmerz weicht mit einem Schlag unbändiger Wut. Ich bin so dermaßen wütend auf sie. Wie kann sie nur so ein Theater veranstalten? Wie kann sie die gesamte Küche kurz- und kleinschlagen und sich aufführen, als würde die Welt zusammenbrechen? Wie kann sie so weit gehen und sogar ihre eigene Tochter mit dem Messer angreifen? Und das alles nur, weil ich homosexuell bin? Nur, weil ich einen Freund statt einer Freundin habe? Das kann doch gar nicht wahr sein, rede ich mir ein. Das kann doch alles nicht wirklich wahr sein. „Nein!“, schreie ich noch einmal. „Nein, verdammt! Nein!“.
„Phin...“. Ferb steht ebenfalls auf und kommt auf mich zu. „Phin, mein Schatz, bitte beruhige dich“. Ganz behutsam schließt er mich in die Arme und bedeutet mir dann, mich wieder aufs Sofa zu setzen. „Beruhig dich, mein Engel“, sagt er noch einmal, während er seine Arme um mich legt. „Beruhigen?!“, fahre ich ihn aufgebracht an, lauter als eigentlich beabsichtigt. „Wie zum Teufel soll ich mich beruhigen? Ich erfahre gerade, dass Mom diesen Aufstand nur veranstaltet hat, weil sie nicht damit zurechtkommt, dass ich nicht auf Mädchen stehe. Sie schnappt allein wegen dieser Sache völlig über und geht sogar mit einem Messer auf Candace los. Und du verlangst von mir, dass ich mich beruhige?!“.
Aufgebracht löse ich mich aus Ferbs Griff und balle meine Hände zu Fäusten. Mom hat sie doch nicht mehr alle, schießt es mir durch den Kopf. Sie veranstaltet einen Zirkus, als würde davon die Welt untergehen, dass ich nicht auf Mädchen stehe. Wie kann sie nur so verbohrt sein?!
„Phin“. Ferb fasst mich erneut an die Hand und reißt mich dadurch aus meinen Gedanken. „Phin, es... es tut mir Leid. Ich wollte dich nicht noch zusätzlich aufregen. Ich weiß, dass die Situation im Moment nicht leicht ist. Ich weiß, dass du jetzt unglaublich sauer bist und Mom am liebsten zur Rede stellen möchtest. Ich bin auch sehr schockiert über ihr Verhalten. Dass sie so starrköpfig ist, das hätte ich nicht erwartet. Aber glaub mir, egal, was sie davon hält, ich stehe fest hinter dir. Weil ich dich liebe, Phin. Mehr als ich sagen kann“.
„Ich liebe dich auch, Ferby“, erwidere ich und kuschle mich zurück in seine Arme. „Tut mir Leid, dass ich dich so angefahren habe. Ich weiß doch, dass du mir nur helfen möchtest“. „Vergiss es, Phin“, entgegnet er, während er damit beginnt, mich zu streicheln. „Ich kann verstehen, dass du wütend bist. Ich bin auch sehr enttäuscht und verletzt darüber, was Mom uns alles an den Kopf geknallt hat. Ich würde sie auch am liebsten zur Rede stellen und sie fragen, was sie sich eigentlich einbildet. Aber das würde im Moment rein gar nichts bringen. Sie ist so verbohrt und in sich gekehrt, dass wir überhaupt nicht an sie herankommen. Vielleicht braucht sie einfach noch Zeit, um zumindest ein Stück weit damit fertigzuwerden. Um akzeptieren zu können, dass es ist wie es ist und dass sie daran nichts ändern kann. Sie nicht – und auch sonst niemand“.
„Ferby“, flüstere ich, gerührt von seinen Worten und küsse ihn auf die Wange. „Gebt ihr noch Zeit“, meldet sich Dad plötzlich zu Wort, der noch immer neben uns sitzt und schweigend unserem Gespräch zugehört hat. „Sie muss das alles erst einmal in Ruhe verarbeiten. Sie steht im Moment noch stark unter Schock und kann das alles noch nicht richtig begreifen. Sie ist noch nicht in der Lage dazu. Aber glaubt mir, Jungs, mit der Zeit wird sich das geben. Wenn sie erst einmal über alles intensiv nachgedacht hat, wird sie verstehen, dass zwischen euch beiden wahre Liebe entstanden ist. Sie wird es verstehen und mit Sicherheit auch akzeptieren, glaubt mir“.
„Bist du sicher?“, frage ich ihn, als ich mich zu ihm umdrehe und blicke in seine Augen. „Ganz bestimmt“, versichert er mir. „Wenn der richtige Zeitpunkt da ist, werde ich noch einmal versuchen, mit ihr zu sprechen und ihr klarzumachen, dass ihr nichts Falsches tut. Es ist nichts falsch daran, dass ihr euch liebt. Rein gar nichts. Bitte denkt immer daran, okay?“.
„Okay“, antworte ich und schließe ihn fest in die Arme. „Ich hab dich lieb, Dad“. „Ich euch auch, Jungs“, wispert er, meine Umarmung erwidernd. „Ich euch auch. Und daran wird sich auch niemals etwas ändern“.

Zwei Wochen. Zwei Wochen sind nun schon vergangen, seit Mom die Wahrheit über Ferb und mich erfahren hat. Seit zwei Wochen haben wir nicht ein Wort mehr miteinander gewechselt. Seit zwei Wochen bin ich im Unklaren darüber, wie sie mittlerweile dazu steht. Ob sie inzwischen verstanden hat, dass sie gegen unsere Liebe nichts tun kann oder sie es immer noch nicht wahrhaben will.
Seit zwei Wochen bemühen Ferb und ich uns darum, ihr möglichst aus dem Weg zu gehen, damit sie in Ruhe nachdenken kann und ziehen uns zurück, sobald sie ins Zimmer kommt. Wir wollen sie auf keinen Fall noch zusätzlich aufregen, obgleich es vor allem mir schwerfällt, mich zurückzuhalten und sie nicht einfach auf ihr übertriebenes und unangebrachtes Verhalten anzusprechen.
Nur zu gerne würde ich von ihr wissen, warum sie sich so schwer damit tut, die Tatsache zu akzeptieren, dass ich schwul bin. Zu gerne würde ich sie fragen, welches Problem sie darin sieht, dass ich mich nun einmal zu Jungs hingezogen fühle. Denn egal, was ich auch versuche, um mich in ihre Situation zu versetzen, ich kann und will sie einfach nicht verstehen. Warum regt sie sich so auf und veranstaltet ein Riesendrama, nur weil ich nun einmal nicht auf Mädchen stehe?
Sie hat bestimmt keine Ahnung, wie sehr sie mich dadurch verletzt. Egal, ob ihre Worte nur im Zorn dahergesagt waren und sie vielleicht überhaupt gar nicht gewusst hat, was sie eigentlich von sich gibt. Es tut trotzdem weh. Unglaublich weh. Und selbst wenn sie von sich aus zu einer Aussprache bereit wäre, bin ich nicht ganz sicher, ob ich ihr diesen Ausraster verzeihen könnte.
Ich meine, ich könnte ja noch nachvollziehen, wenn sie deswegen ausflippt, weil ich mit Ferb zusammen bin. Wenn sie nicht begreifen kann, dass ausgerechnet er der Junge ist, in den ich mich verliebt habe. Wenn sie ein Problem darin sieht, dass wir zusammen sind. Denn trotz allem sind wir beide immer noch Stiefbrüder. Das würde ich verstehen. Das würde ich ganz ehrlich verstehen. Es wäre zwar bei weitem auch nicht schön und würde mir mit Sicherheit auch wehtun, aber bestimmt nicht so sehr wie das.
Wie kann sie nur so verdammt stur sein? Wie kann sie so austicken und sich derart abstruse Fantasien zusammenspinnen? Wie kann sie Ferb beschuldigen, mich verführt und missbraucht zu haben? Und vor allem: Wie kann sie ihre eigene Tochter angreifen?
Das ist Wahnsinn. Das ist der reine Wahnsinn. Nichts, aber auch wirklich nichts auf dieser Welt könnte ein derartiges Verhalten rechtfertigen. Egal, ob sie nun Probleme damit hat, dass ich schwul bin. Egal, ob sie nicht damit klarkommt. Das ist trotzdem noch lange kein Grund, einfach mit einem Messer auf jemanden loszugehen. Schon gar nicht auf Candace. Sie kann überhaupt nichts dafür. Und ebenso wenig Ferb oder Dad. Wenn überhaupt, dann soll sie mir die Schuld an allem geben. Ich bin derjenige, mit dem sie die Sache ausdiskutieren kann. An mir kann sie ihre ganze Wut auslassen. Nicht an Candace. Nicht an Dad. Und schon gar nicht an Ferb.
Er kann überhaupt nichts dafür. Immerhin war ich derjenige, der sich in ihn verliebt hat. Und nicht umgekehrt. Ich war es doch, der gespürt hat, dass ich mich zu ihm hingezogen fühle. Dass ich weitaus mehr in ihm sehe als nur einen Stiefbruder. Ich war es, der sich so lange Zeit gefragt hat, was da eigentlich mit mir passiert. Ich habe doch damit zurechtkommen müssen, dass ich mich in Ferb verliebt habe. Ich habe nächtelang wachgelegen und zu ihm hinübergeschaut. Ihn heimlich beobachtet und dabei leise geweint. Ich musste mich damit auseinandersetzen und überlegen, wie es weitergehen soll.
Ferb kann nichts dafür. Ich habe ihm meine Liebe gestanden. Nicht er mir seine. Darum hat Mom auch kein Recht dazu, ihn derart zu beschuldigen und solche haltlosen Behauptungen aufzustellen, nur weil sie partout nicht kapieren will, dass es allein meine Entscheidung war. Sie hat nicht das Recht, ihm vorzuwerfen, er hätte mich zu sexuellen Handlungen gezwungen oder mich gar mit irgendetwas erpresst. Alles, was ich mit oder für Ferb tue, geschieht aus freien Stücken heraus. Ich mache es, weil ich es so will. Weil ich ihn liebe. Und nicht, weil er mich dazu anstiftet!
Mein armer Ferby. Wie sehr müssen ihn diese ganzen Vorwürfe von Mom mitnehmen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich es sein muss, solche Dinge an den Kopf geworfen zu bekommen. Das bricht ihm bestimmt das Herz. Auch wenn er so tut, als würde es ihn nicht weiter kümmern, was sie sagt und mir vorspielt, dass er damit klarkommt, ich weiß, dass er sehr wohl verletzt ist. Verletzt darüber, dass Mom ihm solch schreckliche Dinge zutraut. Ich kann fühlen, dass er das alles keineswegs so locker wegsteckt wie er mir glauben machen will.
Ich spüre seinen Schmerz. Seinen tiefsitzenden Schmerz, den er mit aller Gewalt vor mir verheimlichen will. Seit zwei Wochen. Zwei Wochen lang spielt er mir nun schon vor, dass er in der Lage ist, mit allem umzugehen. Zwei Wochen lang weicht er mir aus, wenn ich ihn darauf anspreche und frage, wie es ihm geht. Zwei Wochen hält er mir jetzt schon diese „Starker-Mann“-Maske vor, um nicht zugeben zu müssen, dass sein Herz blutet.
Aber ich durchschaue ihn. Ich weiß, wie es tief in seiner Seele aussieht. Ich sehe das Chaos, das in seinem Inneren herrscht. Ich kenne die Fragen, die ihn seit diesem Zwischenfall quälen. Ich höre das leise Winseln, das er nachts von sich gibt, wenn er glaubt, dass ich schon tief und fest schlafe. Ich weiß, dass er nicht so stark ist wie er es mir vormacht. Ich weiß, dass in ihm etwas zerbrochen ist. Dass er nur für mich den starken Mann spielt.
Doch das muss er nicht. Er muss nicht vorgeben, dass er mit der Situation umgehen kann, wenn sie ihn in Wahrheit innerlich zerreißt. Er muss mir nicht beweisen, dass er stark ist. Das weiß ich auch so. Er muss nicht alles hinunterschlucken und in sich hineinfressen, nur um mich nicht damit zu konfrontieren. Er darf weinen. Er darf seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Er darf sich in meine Arme kuscheln und seinen ganzen Schmerz herausweinen. Er darf mir alles sagen, was in ihm vorgeht und mich an seinen Gedankengängen teilhaben lassen. Er darf sich mir anvertrauen. Ich bin für ihn da, wenn er mich braucht. Genau, wie er auch für mich da ist.
Und genau das werde ich ihm jetzt sagen, beschließe ich im gleichen Moment für mich. Ich werde ihm sagen, dass er sich meinetwegen nicht verstellen muss. Dass er mir nicht vorspielen muss, alles wäre in Ordnung. Dass er mir alles sagen kann, was ihn beschäftigt und bewegt und ich immer ein offenes Ohr für ihn habe. Und mit diesem Vorsatz mache ich mich auf den Weg nach draußen.

„Ferby?“, rufe ich, als ich die Balkontür aufschwinge und in den Garten hinaustrete. „Hier“, antwortet er, während er sich von dem schattigen Platz unter dem Baum erhebt und auf mich zukommt. „Hey Phin“, sagt er und schließt mich in die Arme. Ich erwidere seine Umarmung kurzzeitig, ehe ich mich von ihm löse und einen Blick in sein Gesicht werfe. Er lächelt mich an, versucht wieder, seinen seelischen Schmerz dadurch vor mir zu verstecken und mir weiszumachen, dass alles gut ist.
Doch ich kenne die Wahrheit. Ich weiß, wie sehr ihn Moms Vorwürfe verletzt haben. Ich bemerke das feuchte Glitzern in seinen Augen, das er durch sein aufgesetzt fröhliches Lächeln zu kaschieren versucht. Mir fallen seine roten Wangen auf, die ebenfalls darauf schließen lassen, dass er geweint hat. Ich weiß, dass es ihm wehtut. Dass es ihm unheimlich wehtut, was Mom ihm an den Kopf geworfen hat. Und ich will mit ihm darüber sprechen. Ich werde nicht eher Ruhe geben, bis er zugibt, dass er es keineswegs so locker wegsteckt wie er mir weiszumachen versucht. Ich werde ihn trösten. Für ihn da sein. Ihm deutlich machen, dass auch starke Männer das Recht dazu haben, ihre Gefühle zu zeigen.
„Ferby“, flüstere ich schließlich und nehme ihn sanft an die Hand. „Es gibt da etwas, worüber ich mit dir sprechen möchte“. Mit diesen Worten führe ich ihn zurück zu dem schattigen Fleckchen unterm Baum und setze mich dann neben ihn ins Gras.
„Was ist los, mein Engel?“, möchte er von mir wissen und setzt wieder sein vorgetäuschtes Lächeln auf. „Worüber möchtest du dich unterhalten?“. „Über dich“, antworte ich und werfe erneut einen Blick in seine Augen. „Über mich?“, fragt er und zieht verwundert eine Augenbraue hoch, tut immer noch so, als wüsste er nicht, worauf ich damit anspiele. „Ferby, ich weiß, dass du stark bist“, setze ich fort, woraufhin er mich noch verwirrter anschaut. „Du bist sogar sehr stark, das hast du mir schon mehr als oft genug bewiesen. Aber auch starke Männer dürfen manchmal schwach sein“.
„Was meinst du damit?“, fragt er, offensichtlich noch immer ahnungslos, worauf ich hinauswill. „Du unterdrückst deine Gefühle, Ferby“, antworte ich und streichle seine Hand. „Du tust mir gegenüber immer so, als würde dich das, was Mom dir vorgeworfen hat, völlig kalt lassen. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Ich weiß, dass es dir wehtut, was sie dir alles an den Kopf geknallt hat, auch wenn sie vielleicht gar nicht wusste, was sie eigentlich sagt. Es tut dir genauso weh wie es mir wehtut. Aber du versuchst, mir vorzuspielen, dass du damit zurechtkommst. Du verdrängst deinen seelischen Schmerz darüber und schluckst ihn einfach hinunter. Das ist nicht gut, Ferby. Das ist ganz und gar nicht gut“.
„Wovon redest du, Phin?“, will er erneut wissen, seinen Kummer immer noch verleugnend. „Ferby“, antworte ich. „Es ist wahnsinnig lieb von dir, dass du meinetwegen deinen Schmerz und deine Wut unterdrückst, nur um mich nicht damit zu belasten. Aber das musst du nicht. Du musst nicht so tun, als wäre es in Ordnung für dich, dass Mom dir solch schlimme Dinge zutraut. Du musst nicht alles in dich hineinfressen, nur um mich zu schonen. Du darfst weinen, Ferby. Du darfst deine Gefühle herauslassen und mit mir darüber sprechen. Ich merke doch, wie sehr dich die ganze Situation mitnimmt. Ich spüre genau, wie weh dir das alles tut. Ich sehe es doch in deinen Augen. Ich sehe die vielen kleinen Tränen, die darin schimmern. Tränen, die nur darauf warten, dass du sie herauslässt. Dass du deinen ganzen Schmerz endlich herauslässt. Ich höre es doch, Ferby. Ich höre dein leises Weinen in der Nacht, wenn du glaubst, dass ich schon schlafe. Ich fühle deine Trauer über Moms unangebrachtes Verhalten. Ich kann nachvollziehen, dass es dich innerlich zerbricht, darüber nachzudenken“.
Ferb beißt sich auf die Lippe, kämpft mit aller Kraft gegen seine Tränen an, doch ich spüre, dass er sie nicht mehr lange zurückhalten kann. „Lass es zu, Ferby“, flüstere ich und streichle mit der Hand zärtlich über seine Wange. „Lass es zu. Wehr dich nicht dagegen. Lass deine Gefühle heraus. Lehn deinen Kopf an meine Schulter und wein dich bei mir aus. Unterdrück deinen Schmerz nicht mehr länger. Das tut dir nicht gut. Das macht dich innerlich kaputt. Glaub mir, manchmal müssen auch starke Männer weinen“.
„Phin“, wispert Ferb, als die ersten heißen Tränen seine Wangen hinunterlaufen und ich nehme ihn so fest ich kann in die Arme. Ganz behutsam streichle ich über sein Gesicht und ziehe ihn eng an mich heran. „So ist es gut, Ferby“, flüstere ich in sein Ohr. „Lass es raus. Lass alles raus“.
„Es tut weh, Phin“, schluchzt er aufgelöst und winselt leise. „Ich weiß, mein Schatz“, erwidere ich fürsorglich, ihn noch immer eng mit den Armen umschlungen. „Ich weiß. Was Mom dir vorgeworfen hat, ist unverzeihlich. Sie hatte überhaupt keine Ahnung, was ihre haltlosen Anschuldigungen in dir auslösen. Aber ich weiß es, mein Kleiner. Ich weiß, wie sehr du darunter leidest“. Ein weiteres Schluchzen dringt aus seinem Inneren, das seinen gesamten Körper zittern lässt und ich halte ihn noch enger.
„Alles wird wieder gut, Ferby“, wispere ich beruhigend und versuche, so zuversichtlich wie möglich zu klingen, auch wenn ich nicht genau weiß, ob ich dieses Versprechen einhalten kann. „Ich werde zu dir stehen, ganz egal, was uns auch erwartet. Ich liebe dich, mein Engel. Und ich werde mir unsere Liebe von nichts und niemandem wegnehmen lassen. Ich werde dafür kämpfen, dass Mom endlich einsieht, wie falsch sie sich dir gegenüber verhalten hat. Ich werde dich nicht alleinlassen, Ferby. Ich bin für dich da. Ganz fest versprochen“.
Wieder ein Schluchzer und ein weiteres Winseln, während ich mit den Fingern fürsorglich durch seinen grünen Haarschopf streichle. Dann presse ich meinen Körper an ihn heran, lege meine Hand um seine Hüfte und halte ihn ganz fest. Ich sage nichts mehr, weil ich genau weiß, dass meine Worte ihm nichts nützen. Ich kann ihm nicht sagen, dass er sich nicht so sehr in die Sache hineinsteigern soll, weil ich fühle, wie sehr sie ihm zu Herzen geht. Ich kann ihm nicht erklären, dass Mom das alles gar nichts ernst gemeint hat, weil es an der Lage nicht das Geringste ändern würde. Ich kann ihm den Schmerz darüber nicht nehmen.
Ich kann nur für ihn da sein. Ich kann ihn nur festhalten und vorsichtig streicheln. Ihn durch meine Nähe und meine Berührungen wissen lassen, dass er nicht allein ist. Dass ich ganz fest hinter ihm stehe, was immer auch passiert. Ihm zeigen, dass ich zu ihm halten will, egal, wie viele Hürden wir auch überwinden müssen. Auch wenn ich mir wünsche, dass ich mehr für ihn tun könnte als nur das. Ich kann ihm nur meine Liebe geben. Meine grenzenlose, endlos tiefe Liebe, die stark genug ist, alles zu überstehen. Das spüre ich ganz genau. Niemand wird uns das, was wir haben, kaputtmachen. Weder Mom, noch sonst irgendjemand.
„Phineas“, flüstert Ferb unter Tränen, während er sich langsam wieder etwas beruhigt. „Phineas... ich liebe dich“. „Ich liebe dich auch, Ferby“, flüstere ich zurück und küsse ihm ganz vorsichtig eine salzige Träne weg. „Ich werde dich immer lieben, ganz egal, was auch passiert. Daran musst du immer denken, mein Liebling. Okay?“.
„Okay“, antwortet er und versucht, über seine Tränen hinweg zu lächeln. Ganz vorsichtig wische ich mit dem Finger über seine Wangen und küsse ihn noch einmal zärtlich. „Mein Herz gehört zu dir, Ferby“, wispere ich in sein Ohr. „Es wird für alle Zeit zu dir gehören, solange ich lebe“. Mit diesen Worten lasse ich meine Hand langsam nach unten wandern und beginne dann damit, seinen Bauch ein bisschen zu streicheln, um ihn wieder zu beruhigen.
Eine Zeit lang liegen wir so da, eng umschlungen, sein Kopf auf meiner Schulter ruhend. Wieder versuche ich erst gar nicht, noch irgendetwas zu sagen, um die beruhigende Stille nicht zu unterbrechen. Ich weiß genau, dass es das ist, was er jetzt braucht. Er braucht meine Nähe. Meine Berührungen und meine Wärme. Ich weiß, dass ich ihm dadurch jetzt am meisten helfen kann. Indem ich ihn spüren lasse, dass ich da bin. Dass ich einfach nur da bin, um ihm beizustehen. Dass er mit seinem Schmerz nicht alleine ist. Dass wir beide es gemeinsam schaffen, was auch immer passiert.

Fast zwei Stunden später liegen Ferb und ich noch immer eng aneinandergekuschelt im Garten. Inzwischen ist er eingeschlafen, hat seinen Kopf gegen meinen Bauch gelehnt, die Arme um meinen Körper gelegt und atmet gleichmäßig und ruhig, während ich ganz langsam durch seine Haare streichle und ihn mit einem zufriedenen Lächeln beobachte.
So ist es gut, Ferby, denke ich bei mir und lege meine Hand vorsichtig in seine. Schlaf dich aus, mein Liebling. Du hast seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Seit Tagen wälzt du dich jede Nacht ruhelos im Bett hin und her, während du darauf wartest, dass dir endlich die Augen zufallen.
Doch natürlich ist mir klar, dass ihm das alles andere als leicht fällt. Ich kann mir vorstellen, wie schwierig es für ihn sein muss, abzuschalten und nicht mehr über Moms Reaktion nachzudenken. Ich kann nachvollziehen, dass ihn die Sache noch immer beschäftigt und er verzweifelt einen Weg sucht, sie einfach zu vergessen, auch wenn sowohl er als auch ich wissen, dass das unmöglich ist.
Was passiert ist, lässt sich einfach nicht vergessen. Wir beide können nicht so tun, als hätte dieses Szenario vor zwei Wochen niemals stattgefunden und einen auf heile Familie machen. Wir können nicht so tun, als wäre Mom nicht völlig ausgerastet und hätte vollkommen haltlose und an den Haaren herbeigezogene Behauptungen aufgestellt. Wir können nicht zu ihr gehen und sagen, dass alles okay ist und wir ihr diesen Ausraster verzeihen.
Nun, anders gesagt: Ich kann es nicht. Ich kann Mom nicht unter die Augen treten und ihr sagen, dass ich ihr alles vergebe. Ich kann nicht so tun, als wäre ich nicht mehr wütend auf sie, nur damit unsere kleine heile Welt wiederhergestellt ist. Ich kann ihr nicht vergeben. Noch nicht. Dafür hat sie sich einfach zu viel geleistet. Dafür ist viel zu viel passiert. Dafür hat sie mir zu weh getan. Uns beiden.
Was sie Ferb alles an den Kopf geworfen hat, egal ob sie nun geistig verwirrt war oder nicht, hat nicht nur ihn, sondern auch mich tief gekränkt und verletzt. Es wird mit Sicherheit noch einige Zeit dauern, bis ich in der Lage bin, mich auf ein klärendes Gespräch mit ihr einzulassen. Ein Gespräch, in dem ich ihr ein für alle Mal offenlege, was Sache ist. In dem ich ihr begreiflich mache, dass Ferb der Junge ist, mit dem ich zusammen sein will und dass weder sie noch irgendein anderer etwas gegen unsere Liebe ausrichten kann.
Vielleicht dann, wenn sie einsieht, was sie mit ihren Anschuldigungen angerichtet hat. Wenn sie erkennt, dass nicht wir diejenigen sind, die unsere Familie kaputtmachen. Wenn sie endlich versteht, dass Ferb und ich ein Paar sind. Wenn sie akzeptiert, dass ich nun einmal nicht auf Mädchen stehe. Dass er die Liebe meines Lebens ist. Wenn sie einen Schritt auf uns zugeht und uns dadurch beweist, dass ihr noch etwas an uns liegt. Dann vielleicht bin dazu bereit, ihr zu verzeihen.
Aber nicht vorher. Nicht, solange sie sich weiter weigert, die Wahrheit zu erkennen. Solange sie sich weiter gegen die Tatsache sträubt, dass ich schwul bin. Solange sie nicht auf mich zukommt und mich um eine Aussprache bittet. Solange haben wir uns nichts mehr zu sagen. Es ist an ihr, den ersten Schritt zu machen und die Hand zur Versöhnung zu reichen. Sie war es, die sich falsch verhalten hat, nicht wir. Ferb und ich haben nichts Unrechtes getan. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Absolut nichts.
Wir haben uns einfach ineinander verliebt. So tief und schön, wie wir es uns nie hätten träumen lassen. Wir sind glücklich zusammen. Unsagbar glücklich. Wir fühlen uns nun einmal zueinander hingezogen. Dafür können wir doch auch nichts. Es ist nun einmal passiert. Weder Ferb, noch ich hätten je damit gerechnet, dass es ausgerechnet zwischen uns beiden eines Tages einmal so heftig funken würde. Und nichtsdestotrotz – es ist geschehen. Es ist nun einmal geschehen.
Mir ist egal, was andere dazu sagen. Es kümmert mich nicht, ob sie hinter unserem Rücken darüber tratschen, dass wir beide ein Paar sind. Es ist mir egal, ob sie ein Problem damit haben, dass ich schwul bin. Dad hatte völlig Recht damit, als er uns gesagt hat, dass wir auf die Meinung anderer nichts geben sollen. Wichtig ist nur, wie wir selbst darüber denken. Und dass wir uns von niemand anderem etwas einreden lassen.
Darum werde ich auch immer fest hinter Ferb stehen. Ich werde zu ihm halten, vollkommen egal, ob andere das gut finden oder nicht. Denn selbst wenn sie glauben, mir auf die Nase binden zu müssen, wie seltsam das alles ist, werde ihnen klar und deutlich vermitteln, dass sie das rein gar nichts angeht. Niemand anderen hat es zu interessieren, mit wem ich zusammen bin. Das hängt ganz allein von mir ab. Es ist meine Entscheidung. Und genau das werde ich allen offenlegen, die glauben, es besser wissen zu müssen. Und wenn sie mich danach fragen, werde ich ganz einfach sagen: „Ja, es stimmt. Ferb und ich sind zusammen. Wir sind ein Paar. Wir lieben uns“.
Diejenigen, die das akzeptieren und damit leben können, werden auch weiterhin meine Freunde sein und all die anderen, die deswegen einen Aufstand machen und so tun, als würde davon die Welt untergehen, können sich meinetwegen sonstwohin schleichen. Denn auf Leute, die mir pausenlos weismachen wollen, dass ich etwas Falsches tue, kann ich gut und gerne verzichten.
Ich weiß genau, dass es nicht falsch ist. Absolut nichts ist falsch daran, in Ferb verliebt zu sein. Darum werde ich mir das auch von niemandem einreden lassen. Weder von einem meiner Freunde, noch von irgendjemand anderem. Und auch nicht von Mom. Mir ist egal, wie lautstark sie dagegen protestiert, Ferb und ich bleiben zusammen. Wir lassen uns diese Liebe nicht zerstören. Dafür ist sie viel zu wertvoll. Dafür lieben wir brauchen wir einander zu sehr. Und mein Herz sagt mir, dass sich daran niemals etwas ändern wird. Niemals.

Die Nacht ist bereits herangebrochen und eine warme Brise zieht durch die Luft, während Ferb noch immer in meinen Armen liegt und schläft. Sich ausruht und erholt. Ein zartes Lächeln umspielt sein Gesicht, was mich darauf schließen lässt, dass er von etwas sehr Schönem träumen muss. So ist es richtig, Ferby, denke ich bei mir, während ich eine seiner grünen Haarsträhnen vorsichtig durch meine Finger gleiten lasse. Schlaf dich aus, mein Kleiner. Das hast du dir mehr als verdient.
Während ich mit einem Schmunzeln auf den Lippen zu ihm hinunterschaue, lasse ich meine Gedanken ein bisschen umherschweifen und überlege. Überlege, ob es nicht doch etwas gibt, das ich für ihn tun kann. Etwas, das ihm seine Tränen und seinen Schmerz nimmt. Das ihn wieder glücklich und alle Sorgen der letzten Wochen vergessen macht. So gerne würde ich etwas finden, etwas, das all seine Ängste und Befürchtungen im Nichts auflöst. Das ihm Sicherheit gibt und den Optimismus zurückbringt, den ich so an ihm schätze und liebe. Sein Talent, in allem und jedem immer nur das Gute zu sehen.
Mein Ferby. Mein wunderbarer Ferby. Es tut mir so unendlich weh, mitansehen zu müssen, wie er darunter leidet. Zu sehen, wie sehr ihn die ganze Sache belastet und wie furchtbar er deswegen weinen muss. Wie sehr es ihn kränkt, dass Mom dazu in der Lage ist, an so etwas auch nur zu denken. Auch nur eine Sekunde lang mit dem Gedanken zu spielen, er hätte mich sexuell missbraucht. Wie psychisch krank muss ein Mensch eigentlich sein, um sich so etwas überhaupt vorzustellen? Um sich vorzustellen, mein über alles geliebter Ferby würde mich zu solch grauenerregenden Sachen zwingen?
Ich begreife es nicht. Ich begreife es einfach nicht und wünsche mir sehnlichst, dass es eine Möglichkeit gäbe, Mom endgültig davon zu überzeugen, dass wir nichts Falsches tun. Dass wir beide nun einmal verliebt sind und sie das wohl oder übel akzeptieren muss. Dass Ferb der Junge ist, der mein Herz schneller schlagen lässt, wenn ich nur an ihn denke. Dass es nicht verboten ist, ihn zu lieben. Nicht verboten ist, homosexuell zu sein.
Wieder fühle ich einen Schauer über meinen Rücken laufen, als ich daran denke. Darüber nachdenke, dass sie allein deswegen die Beherrschung verloren hat. Dass sie dermaßen ausgetickt ist, nur weil ich schwul bin. Weil ich nicht so bin, wie sie es sich von mir wünscht. Weil ich nun einmal nicht so sein KANN.
Ich kann mich nicht selbst belügen und meine wahre Sexualität verleugnen, nur um Mom glücklich zu machen. Ich bin schwul. Das habe ich mir auch nicht ausgesucht. Es ist nun einmal eine Tatsache. Ich stehe einfach nicht auf Mädchen. Ich habe nun einmal mehr Interesse am eigenen Geschlecht. Warum zum Teufel kann sie das nicht einfach akzeptieren? Warum macht sie so eine Welle um die ganze Sache? Warum dreht sie deswegen so am Rad? Warum denkt sie, Ferb hätte mich zu irgendetwas gezwungen?
Ich kapiere es einfach nicht. Es will mir partout nicht in den Kopf. Ich habe mich schließlich so entschieden. Ich war derjenige, der sich mit seiner Sexualität auseinandergesetzt und seine Gefühle ergründet hat. Ich habe bemerkt, dass die Jungs mir deutlich besser gefallen als die Mädchen. Weder Ferb, noch irgendein anderer hatte etwas damit zu tun. Ich habe schon länger gewusst, dass ich homosexuell bin. Lange Zeit, bevor das mit Ferb und mir überhaupt angefangen hat. Bevor ich mir überhaupt auch nur vorgestellt habe, dass aus uns beiden mehr werden könnte. Bevor ich bemerkt habe, dass ich mehr in ihm sehe als nur den Stiefbruder.
Wie kommt sie also bitteschön auf die absurde Idee, Ferb hätte mich in meiner Entscheidung irgendwie beeinflusst? Ich war es doch, der sich in ihn verliebt hat. Und nicht umgekehrt. Ich habe ihm meine Gefühle gestanden. Ich war es, der mit ihm zusammen sein wollte. Ich habe mich freiwillig auf diese Beziehung mit ihm eingelassen. Und nicht, weil er mich dazu gedrängt oder mich gar erpresst hat.
Mom muss damit aufhören, sich solche Dinge einzureden. Sie muss damit aufhören, meinen Ferby für alles verantwortlich zu machen und ihn als Sündenbock hinzustellen. Damit, ihn durch ihre Anschuldigungen zu verletzen und ihm das Herz zu brechen. Wenn sie schon jemanden braucht, an dem sie ihre Wut auslassen kann, dann doch bitte an mir. Wenn sie glaubt, mich anschreien und mit Vorwürfen bombardieren zu müssen, dann bitte. Nurzu. Von mir aus soll sie sich ruhig an mir austoben und abreagieren, wenn sie sich danach besser fühlt. Von mir aus soll sie sich mit mir darüber streiten, ob es nun richtig oder falsch ist, sich in den eigenen Stiefbruder zu verlieben.
Aber sie soll verdammt nochmal Ferb in Ruhe lassen. Sie soll endlich aufhören, ihn zu beschimpfen und damit zu drohen, ihn rauszuschmeißen. Denn damit erreicht sie nicht das Geringste. Ferb ist ein lieber Junge. Ferb hat nichts falsch gemacht. Er hat mich nicht dazu genötigt, ihn zu küssen oder mit ihm zu schlafen. Er hat nur die Gefühle, die ich ihm entgegengebracht habe, erwidert. Weil er dasselbe empfindet wie ich. Weil er sich in mich verliebt hat, genau wie ich mich in ihn.
Und genau das will und werde ich Mom klarmachen. Ich werde ihr sagen, wie falsch sie sich uns gegenüber verhält. Wie sehr sie mich und vor allem Ferb mit ihrem Verhalten verletzt. Dass sie sich was schämen sollte für das, was sie tut. Dass ich unglaublich wütend bin, weil sie doch tatsächlich die Frechheit besitzt, unsere Liebe als Lüge hinzustellen. Zu behaupten, wir hätten das alles geplant.
Eine Chance, beschließe ich in diesem Augenblick für mich. Ich gebe ihr noch eine allerletzte Chance, ihr Fehlverhalten wieder geradezubiegen und endlich zu akzeptieren, dass Ferb und ich ein Paar sind. Eine allerletzte Chance, endlich zu begreifen, dass wir nichts Verbotenes tun. Eine letzte Chance, sich mit uns auszusprechen und uns so zu nehmen, wie wir sind.
Wenn sie diese Chance nicht nutzt, das schwöre ich mir, dann ist der Ofen endgültig aus. Dann habe ich keine Mutter mehr. Dann werden wir den Kontakt zu ihr auf der Stelle abbrechen und von zu Hause ausziehen. Egal, wie weh es mir auch tun wird, sie aus meinem Leben zu streichen. Wenn sie es darauf ankommen lässt, werde ich ihr ein für alle Mal zeigen, auf welcher Seite ich stehe. Dann werde ich unsere Sachen nehmen und gehen. Für immer.
Ein lautes Gähnen reißt mich aus meinen Gedanken und ich senke meinen Blick auf Ferb hinab, der langsam die Augen aufschlägt und mich mit verschlafenem Blick anlächelt. „Guten Morgen, du Schlafmütze“, scherze ich und streichle vorsichtig über seine Wange. „Hey“, antwortet er mit einem weiteren Gähnen und setzt sich dann mit einem raschen Schwung hoch. Er küsst mich kurz auf die Wange und legt dann beide Arme um meine Hüfte.
„Wie lange habe ich denn geschlafen?“, möchte er wissen, während ich damit beginne, sein seidiges Haar zu streicheln. „Sehr lange“, antworte ich mit einer Geste Richtung Himmel, an dem bereits der silberne Vollmond thront, umgeben von einer Schar funkelnder und tanzender Sterne. „Oh“, ruft er überrascht, woraufhin ich unweigerlich lachen muss. „Keine Sorge, Ferby“, flüstere ich, noch immer mit den Fingern durch sein Haar gleitend. „Du hast nichts versäumt“.
„Doch“, antwortet er und zieht eine Schnute. „Dich, Phin“. Wieder muss ich lachen und gebe ihm einen Kuss. „Das ist süß von dir“, flüstere ich, während ich meinen Kopf auf seiner Schulter ablege und meinen Blick in den hell beleuchteten Nachthimmel hinaufwandern lasse. „Nur die Wahrheit“, erwidert er und zieht mich eng zu sich heran. „Ich liebe dich auch, Ferby“, flüstere ich, plötzlich selbst ziemlich müde und schließe für einen kurzen Moment die Augen.
Doch bereits im nächsten öffne ich sie wieder, als ich daran denke, dass ich ihn in meine Überlegungen bezüglich Mom einweihen und ihm von meinem Vorhaben, diese Sache durchzuziehen, egal wie sie dazu steht, erzählen wollte. Mit einem Ruck setze ich mich auf, woraufhin Ferb mich ein wenig überrascht anschaut. „Alles in Ordnung, Phin?“, möchte er wissen und ich greife reflexartig nach seiner Hand.
„Ferby“, beginne ich schließlich. „Während du geschlafen hast, da habe ich noch einmal ausführlich über die Sache mit Mom nachgedacht“. „Die Sache mit Mom?“, fragt er, offensichtlich überrascht, dass ich dieses Thema erneut anspreche. „Ja“, antworte ich mit einem zustimmenden Nicken. „Weißt du, wir sind uns doch wohl beide einig darüber, dass ihr Verhalten mehr als inakzeptabel war. Und wir sind uns auch einig, dass wir ihr nicht für alle Zeiten aus dem Weg gehen können, so wie wir es nun die letzten zwei Wochen gemacht haben. Darum habe ich beschlossen, noch ein allerletztes Gespräch mit ihr zu suchen. Ich möchte noch ein letztes Mal den Versuch machen, mich mit ihr auszusprechen und ihr unsere Sicht der Dinge näherzubringen. Ich will ihr bewusst machen, wie falsch sie sich uns und vor allem dir gegenüber verhalten hat und sie endlich zur Einsicht bewegen. Ich will ihr die Hand zur Versöhnung reichen und hoffe, dass es uns gelingt, diesen Streit endgültig aus der Welt zu schaffen. Ich will ihr klarmachen, wie sehr sie vor allem dich verletzt hat und dass ihre Anschuldigungen ohne Frage unterste Schublade waren“.
„Hältst du das für eine gute Idee?“, möchte Ferb wissen, nachdem er einen Moment lang über mein Vorhaben nachgedacht hat. „Ich will es versuchen“, antworte ich. „Ein letzter Versuch, mich mit ihr zu versöhnen. Entweder sie geht darauf ein und akzeptiert unsere Liebe endlich, oder sie ist für mich gestorben“. „Phineas“, ruft er, erschrocken durch meine Worte. „Es ist doch so, Ferb“, antworte ich und streichle beruhigend seine Hand. „Wenn sie sich weigert, es zu akzeptieren, wozu soll ich mich denn dann bitte noch bemühen? Warum soll ich mich dann weiterhin anstrengen und eine Versöhnung anstreben, wenn sie das gar nicht will? Glaub mir, wenn sie sich weiter gegen uns stellt, ist es das Beste, wenn wir fortan getrennte Wege gehen“.
„Aber was sollen wir denn dann tun?“, fragt Ferb unsicher und an seiner brüchigen Stimme erkenne ich, dass er kurz davorsteht, in Tränen auszubrechen. „Wir suchen uns eine eigene Wohnung“, antworte ich so zuversichtlich wie möglich. „Wir zeigen Mom, dass wir auch ohne sie bestens auskommen“. Ferb beginnt zu weinen und ich bereue es augenblicklich, diese Worte ausgesprochen zu haben, da ich ganz genau weiß, wie viel Mom ihm bedeutet. Für ihn ist sie seine richtige Mutter. Die Mutter, die er niemals hatte.
„Mom“, winselt er aufgelöst und hält sich an mir fest. „Psst“, wispere ich tröstend und klopfe ihm einige Male auf den Rücken. „Psst. Ist ja gut, Ferby. Ist ja schon gut“. Eine Zeit lang halte ich ihn schweigend im Arm und versuche, gegen meine eigenen Tränen anzukämpfen. Dann lege ich meine Hand an seine Wange, um seinen Blick auf mich zu lenken und streichle sie.
„Ferby, es... es tut mir Leid, was ich gesagt habe“, flüstere ich dann und schaue ihm beschämt ins Gesicht. „Das war nicht so gemeint. Ich wünsche mir ja auch, dass wir uns mit Mom wieder versöhnen. Ich weiß doch, wie viel sie dir bedeutet und dass du sie über alles liebst. Aber das ändert nichts daran, dass sie sich uns gegenüber mehr als daneben benommen hat. Natürlich will und werde ich alles daran setzen, dass wir uns wieder vertragen und ich bin auch gerne bereit, ihr zu vergeben. Aber nur, wenn sie es auch ist“.
„Phin...“, weint er und vergräbt seinen Kopf in meiner Schulter. „Phin, ich...“. „Psst“, flüstere ich verständnisvoll und streichle ihn. „Du musst nichts sagen, Ferby. Lass es einfach raus“.
„Es tut so weh, Phin“, wispert er aufgelöst. „All die Dinge, die Mom zu mir gesagt hat...“. „Ich weiß, Ferby“, erwidere ich fürsorglich. „Ich weiß. Es war falsch von ihr, dir so etwas vorzuwerfen. Es war falsch, dass sie so ausgerastet ist. Aber glaub mir, egal, was sie gesagt hat, sie hat es bestimmt nicht so gemeint“.
„Jungs?“. Eine Stimme schreckt uns beide auf und Ferb löst sich rasch aus meiner Umarmung. Wir sehen auf und erblicken Dad, der gerade in den Garten heraustritt. „Hier seid ihr“, sagt er lächelnd, als er zu uns herüberkommt, sein Blick wird jedoch schlagartig besorgt, als er bemerkt, dass Ferb weint.
„Was ist denn los, Jungs?“, fragt er und nimmt dann neben uns im Gras Platz. „Ferb, mein Junge, was hast du denn?“. „Mom...“, bringt Ferb aufgelöst hervor, woraufhin Dad sich auf die Lippe beißt und ihm eine Hand auf die Schulter legt. „Oh Ferb“, flüstert er und nimmt ihn fest in die Arme, was Ferb noch heftiger zum Schluchzen bringt. „Mein armer Junge“. „Dad“, heult Ferb laut und hält sich an ihm fest, als hätte er Angst, ihn loslassen zu müssen. „Mein armer Junge“, wiederholt Dad, der ihm einige Male über den Rücken streichelt, ehe er die Umarmung löst. Behutsam streicht er ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht und tupft dann seine Tränen mit den Fingern weg.
„Ist ja gut, mein Junge“, versucht er, ihn wieder zu beruhigen. „Ist ja gut. Ich weiß, wie sehr es dich verletzt, was in der letzten Zeit alles passiert ist“. „Dad...“, wimmert Ferb. „Dad, ich habe dich lieb“. „Ich dich auch, mein Kleiner“, flüstert Dad zurück und kuschelt sich mit ihm zusammen. „Mehr als alles andere auf der Welt. Bitte vergiss das nie, Ferb. Okay?“. Ferb nickt unter Tränen und gibt ihm einen Kuss auf die Wange.
„Oh Jungs“, seufzt Dad und bedeutet mir, mich ebenfalls zu ihnen zu kuscheln. Behutsam schmiege ich mich an Ferb heran und fange erneut an, ihn beruhigend zu streicheln. „Es wird wieder gut, mein Junge“, flüstert Dad ihm zu, woraufhin Ferb langsam den Kopf hebt. „Dad“, sagt er und wischt sich noch einmal die Tränen aus den Augen. „Versprichst du uns etwas?“. „Alles“, antwortet Dad und blickt ihm kurz in die Augen. „Versprich, dass du uns nicht alleinlässt“, bittet Ferb ihn aufgelöst. „Niemals“, erwidert Dad und legt ihm seine Hand an die Wange. „Niemals, Ferb. Versprochen“.
Mit diesen Worten zieht er uns beide eng zu sich heran und legt uns je einen Arm um die Schultern. „Ich liebe euch, Jungs“, flüstert er. „Ihr seid und bleibt meine Söhne. Ganz egal, was passiert, ich werde euch immer lieben. Bitte denkt immer daran, ja?“.
Ich fühle, dass auch mir ein paar Tränen über die Wangen kullern, als Dad diese Worte ausgesprochen hat und spüre, dass er mich noch fester in den Arm nimmt. „Psst“, flüstert er sanft. „Nicht weinen, Phineas. Alles wird wieder gut“. „Ich hab dich lieb, Dad“, flüstere ich ihm unter Tränen ins Ohr und er fährt mir einige Male durchs Haar. „Ich dich auch, mein Sohn“, antwortet er und ich halte für einen kurzen Augenblick den Atem an.
Überrascht setze ich mich hoch und blicke ihm in die Augen. „Was?“, frage ich nach. „Wie... wie hast du mich gerade genannt?“. „Mein Sohn“, wiederholt er und lächelt mich zuversichtlich an. Ich spüre, dass mein Herz für einen Moment schneller schlägt. Dad hat mich als seinen Sohn bezeichnet. Er hat mich tatsächlich gerade als seinen Sohn bezeichnet. Das hat er vorher noch nie gemacht. Natürlich redet er in der Mehrzahl immer von seinen Söhnen, aber nie zuvor hat er mich explizit so genannt.
„Dad...“, flüstere ich berührt und er wischt mir vorsichtig die Tränen aus dem Gesicht. „Psst“, wiederholt er, während er damit beginnt, mich beruhigend zu streicheln. „Ist ja gut, mein Junge. Ist ja schon gut“. „Dad, ich...“, wispere ich, darum bemüht, meine Fassung wiederzuerlangen. „Ich weiß... gar nicht... was ich sagen soll. Du... du hast mich als deinen Sohn bezeichnet“. „Natürlich habe ich das“, erwidert er und lächelt. „Du bist doch auch mein Sohn. Genau wie Ferb ebenfalls mein Sohn ist“.
„Aber...“, antworte ich. „Ich... ich bin doch gar nicht dein...“. „Psst“, flüstert er erneut und legt mir seinen Finger auf die Lippen, um mir anzudeuten, dass ich nichts mehr sagen soll. „Doch“, fügt er dann hinzu. „Doch, Phineas, das bist du. Ob wir nun blutsverwandt sind oder nicht, das spielt für mich gar keine Rolle. Für mich bist du genauso mein Sohn wie Ferb auch. Das war schon immer so und das wird auch immer so bleiben, mein Junge. Ich habe dich genauso lieb wie ich auch Ferb lieb habe. Und ich finde es ganz wundervoll, dass ihr zwei so fest zusammenhaltet und hinter eurer Liebe steht. Ich weiß, dass das angesichts der momentanen Situation bestimmt nicht immer leicht ist. Darum macht es mich umso glücklicher, dass ihr euch eure Liebe nicht ausreden lasst und zueinander steht. Ich bin so stolz auf euch, Jungs“.
„Dad...“, rufe ich schluchzend aus und auch Ferb beginnt wieder, mit seinen Gefühlen zu kämpfen. „Ich habe euch lieb, Jungs“, sagt Dad noch einmal und schließt uns beide erneut in die Arme. „Ich habe euch unendlich lieb. Und ich werde auch immer hinter euch stehen, egal, was auch kommt. Ich bin immer für euch da. Und wenn ihr mal Hilfe braucht, dann könnt ihr jederzeit zu mir kommen, das wisst ihr“.
„Danke“, entgegne ich und blicke zu Ferb. Vorsichtig greife ich nach seiner Hand und er erwidert meinen Blick, als ich ihn berühre. Ohne ein Wort gebe ich ihm zu verstehen, dass ich vorhabe, Dad in unseren Plan, noch einmal das Gespräch mit Mom zu suchen, einzuweihen und er nickt kurz, um mir dadurch mitzuteilen, dass er keinerlei Einwände dagegen hat.
„Äh... Dad...“, beginne ich dann zögernd und lege ihm die Hand auf die Schulter, um seine Aufmerksamkeit wieder auf mich zu lenken. „Es... es gibt da noch etwas, das wir gerne mit dir besprechen würden“. „Natürlich, Jungs“, meint er und wirft mir ein sanftes Lächeln zu. „Schießt los. Worum geht es?“. „Es geht... um Mom“, antworte ich zögernd und schlucke schwer. „Ferb und ich... wir haben einen Entschluss gefasst“.
„Einen Entschluss?“, fragt er und sein Blick wirkt besorgt und überrascht zugleich. „Mhm“, antworte ich zustimmend. „Wir haben beschlossen, noch einen letzten Versuch zu machen und uns mit ihr auszusprechen. Wir wollen ihr nicht ständig aus dem Weg gehen müssen und uns wieder mit ihr vertragen“. Ferb schafft es nicht mehr, seine Tränen zurückzuhalten, als ich diese Worte ausgesprochen habe und ich rutsche ein Stück zu ihm heran, um ihn zu beruhigen. Vorsichtig lege ich seinen Kopf auf meiner Schulter ab und streichle dann sanft sein Gesicht.
„Wir möchten noch einmal versuchen, ihr unsere Sichtweise der Dinge näherzubringen“, setze ich schließlich fort. „Denn die momentane Situation ist unerträglich für uns. Diese ständige Flucht, wenn Mom ins Zimmer kommt. Dieses kalte Schweigen, das zwischen uns herrscht. Seit zwei Wochen geht das jetzt schon so. Wir halten das nicht länger aus. Ich leide darunter und für Ferb ist es besonders schlimm“.
Ferb unterbricht mich durch ein Schluchzen und ich küsse kurz sein Haar, ehe ich dann fortfahre: „Es tut ihm noch immer weh, was Mom ihm alles vorgeworfen hat, auch wenn ihr vielleicht gar nicht klar war, was sie eigentlich sagt. Er leidet sehr darunter, dass sie ihm solch schreckliche Dinge zutraut. Aber vor allem hat er Angst, dass er sie verliert. Dass sie ihn rauswirft und nie wieder etwas von ihm wissen will“.
„Oh Ferb“, wispert Dad leise und umklammert seine Hand ganz fest. „Ferb, mein armer Junge“. „Dad...“, wimmert er, woraufhin er ihn in die Arme nimmt und ihm ein paar Mal auf den Rücken klopft. „Dad, ich habe nichts getan“, schluchzt Ferb leise und vergräbt seinen Kopf in Dads Schulter. „Das weiß ich doch, mein Junge“, erwidert Dad fürsorglich. „Das weiß ich doch. Ich weiß, dass du nichts falsch gemacht hast. Und Mom weiß das auch. Ganz tief drin weiß sie, dass du ein lieber Junge bist, Ferb. Dass du niemals etwas tun würdest, das uns verletzen könnte. Aber sie ist noch nicht bereit dazu, es sich selbst einzugestehen“.
„Dad...“, flüstert Ferb unter Tränen und schaut ihm kurz in die Augen. „Hat Mom mich denn noch lieb?“. „Natürlich, mein Kleiner“, antwortet er und tupft ihm mit den Fingern ein paar Tränen aus dem Gesicht. „Natürlich hat Mom dich noch lieb. Sie tut sich im Moment vielleicht schwer damit, es dir zu zeigen, aber glaub mir, sie hat dich noch genauso lieb wie früher“. „Wirklich?“, möchte Ferb noch einmal wissen und schluchzt. „Aber natürlich, mein Kleiner“, antwortet Dad zuversichtlich. „Du bist und bleibst ihr Sohn, Ferb. Sie wird dich immer lieb haben, egal was auch passiert“.
„Ich sie auch“, wispert Ferb leise. „Ich habe sie auch unendlich lieb. Und ich würde mir so sehr wünschen, dass sie endlich versteht, was zwischen Phineas und mir ist. Ich würde mir wünschen, dass sie unsere Liebe versteht. Gerne bin ich dazu bereit, alles, was gewesen ist zu vergessen und ihr zu verzeihen, wenn sie uns dafür akzeptiert. Wenn sie uns so akzeptiert, wie wir sind“.
„Oh Ferb“, entgegnet Dad, gerührt von Ferbs Worten und bemüht sich, ein zuversichtliches Lächeln aufzusetzen. „Mein tapferer, kleiner Junge“. „Ich will Mom nicht verlieren“, erwidert Ferb und versucht, sich wieder einigermaßen zu fassen. „Ich wollte sie niemals verletzen mit dem, was ich tue. Ich wollte nicht, dass sie deswegen böse auf mich ist. Ich habe nicht gewollt, dass die ganze Sache so aus dem Ruder läuft. Aber ich liebe Phin nun einmal. Ich liebe ihn so sehr, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann. Wenn Mom mich dazu zwingen würde, unsere Liebe aufzugeben, dann...“.
„So weit wird es nicht kommen“, unterbreche ich ihn und lege meine Hand zärtlich an seine Wange. „Das würde ich niemals zulassen, Ferby. Niemals würde ich zulassen, dass irgendetwas oder irgendjemand sich zwischen uns stellt. Niemals würde ich mich von irgendwem dazu bringen lassen, dich aufzugeben. Uns aufzugeben. Ich liebe dich über alles, mein Ferby. Und ich könnte es niemals verkraften, wenn ich dich eines Tages nicht mehr hätte. Darum werde ich auch alles in meiner Macht Stehende tun, damit das niemals geschieht. Damit wir für alle Zeiten einander nah sein können. Das zwischen uns ist einmalig, Ferby. Das spüre ich ganz genau und du spürst es auch. Darum wird es auch nie jemandem gelingen, uns zu trennen. Nie, das verspreche ich dir“.
Vorsichtig schließe ich Ferb in die Arme und streichle ein paar Mal über seinen Kopf. „Du bist mein Leben, Ferby“, fahre ich dann fort. „Meine ganz große Liebe. Und nichts auf dieser Welt könnte daran je etwas ändern. Darum lass es uns mit unserem Plan versuchen. Lass uns morgen zu Mom gehen und versuchen, mit ihr zu sprechen. Lass uns diesen Streit mit ihr vergessen und ihr die Hand zur Versöhnung reichen. Glaub mir, wenn sie erst erkennt, wie wichtig wir einander sind, dann wird sie es bestimmt verstehen und akzeptieren“.
„Bist du sicher?“, möchte er wissen und blickt mir unentschlossen in die Augen. „Ganz sicher“, antworte ich und versuche, zu lächeln. „Lass es uns versuchen. Den Versuch ist es allemal wert. Und erst, wenn wirklich alle Stricke reißen, dann greifen wir zu Plan B, in Ordnung?“.
„In Ordnung, Phin“, antwortet Ferb und bemüht sich darum, mein Lächeln zu erwidern. „Plan B?“, unterbricht uns Dad plötzlich, der selbstverständlich noch nichts von unserer alternativen Lösungsmöglichkeit weiß. „Was meint ihr damit?“. „Dad...“, beginne ich und wende mich wieder an ihn. „Ferb und ich... wir haben beschlossen, auszuziehen, wenn es mit der Versöhnung wider Erwarten nicht funktioniert“. „Ihr... wollt... ausziehen?“, fragt Dad nach, überrascht und ein bisschen schockiert zugleich.
„Ja“, antworte ich und seufze leise. „Wenn Mom sich wirklich durch nichts überzeugen lässt und weiterhin auf ihrem Standpunkt beharrt, dann bleibt uns keine andere Wahl. Wir wollen ihr nicht für den Rest unseres Lebens aus dem Weg gehen müssen, nur um sie nicht mit unserer Beziehung zu konfrontieren. Wir wollen und können nicht ewig so weitermachen wie die letzten zwei Wochen. Das halten wir nicht mehr aus. Wenn Mom mich wirklich vor die Entscheidung stellt, entweder sie oder Ferb, dann werde ich meine Sachen nehmen und mit ihm gehen. Auch wenn es mir wehtun wird, sie zurücklassen zu müssen. Aber besser so, als jeden Tag aufs Neue darauf zu hoffen, dass sie endlich ihre Meinung ändert und dann doch wieder enttäuscht zu werden. Besser, ich schließe dann endlich damit ab und beginne neu, als mich jeden Tag an Hoffnungen zu klammern, die im Endeffekt doch unerfüllt bleiben“.
„Oh Phineas“, wispert Dad leise und nimmt mich in den Arm. „Ich hab dich lieb, Dad“, flüstere ich in sein Ohr und klopfe ihm auf den Rücken. „Ich werde dich immer lieb haben. Und ich werde auch Mom immer lieb haben und alles dafür tun, damit wir uns wieder vertragen. Aber wenn es wirklich keinen anderen Weg mehr gibt, müssen Ferb und ich gehen. Bitte sei deshalb nicht böse auf uns“.
„Ach Jungs“, erwidert Dad und versucht, trotz Tränen in den Augen zu lächeln. „Ich bin euch doch nicht böse, Kinder. Ich finde es wunderbar, dass ihr so fest zusammenhaltet. Und ich verspreche euch, ich werde euch so gut ich nur kann unterstützen und euch dabei helfen, Mom zur Einsicht zu bewegen. Zusammen wird es uns bestimmt gelingen, sie davon zu überzeugen, dass ihr zwei zusammengehört“.
„Danke, Dad“, entgegne ich gerührt und nehme Ferb fest an die Hand. „Danke für alles“. „Ich liebe euch, Jungs“, antwortet er und streift meine Wange. „Und nichts auf dieser Welt wird daran je etwas ändern. Das verspreche ich euch“.

In dieser Nacht fällt es mir ziemlich schwer, in einen ruhigen Schlaf zu fallen. Immer wieder muss ich an das denken, was Dad im Garten zu uns gesagt hat. Immer wieder gehen mir seine rührenden Worte durch den Kopf. Sein Versprechen, zu uns zu halten und uns in unserem Vorhaben zu unterstützen, egal, was auch passiert. Seine ehrliche Begeisterung darüber, dass Ferb und ich ineinander unseren Seelenverwandten gefunden haben. Die Gewissheit, dass er uns trotz allem noch liebt und uns nicht im Stich lässt. Und die Gewissheit, dass er mit uns dafür kämpfen will, Mom endlich zur Einsicht zu bewegen. Damit sie endlich begreift, dass Ferb und ich uns lieben. Damit sie unsere Liebe endlich anerkennt und akzeptiert. Damit unsere Familie nicht kaputtgeht.
Wieder versuchen sich Schuldgefühle in mir hochzudrängen, während ich darüber nachdenke, doch ich schlucke sie hinunter und verbanne sie endgültig aus meinen Gedanken. Es ist nicht meine Schuld. Ich bin nicht schuld, dass Mom sich so stark vor der Tatsache verschließt, dass ich auf Jungs stehe. Das hat Dad mir mehrfach bestätigt. Er hat mir glaubhaft versichert, dass ich nichts für Moms Uneinsichtigkeit und Starrsinn kann. Er hat es mir ausgeredet, zu glauben, ich wäre ein schlechter Sohn.
Darum muss ich auch endlich damit aufhören, das selbst von mir zu denken. Ich muss aufhören, mir einzureden, dass ich für alles, was geschehen ist, die Schuld trage. Ich darf mich nicht länger mit Selbstvorwürfen quälen, die im Endeffekt rein gar nichts an der momentanen Situation verändern. Ich muss mich verdammt noch einmal zusammenreißen und stark sein. Für Ferb. Für uns beide.
Ich muss all meine Kräfte sammeln, um standhaft genug für unser morgiges Klärungsgespräch mit Mom zu sein. Muss mir überlegen, wie ich die Sache am besten beginne und wie es mir gelingt, ihre sämtlichen Zweifel an unserer Liebe, sowie den Vorwurf, dass wir ihr nur etwas vorspielen, ein für alle Mal vom Tisch zu fegen. Muss mich mental darauf vorbereiten, dass es zu einem weiteren Wortgefecht zwischen ihr und uns kommen kann, sofern sie nicht bereit dazu ist, uns von sich aus ruhig zuzuhören.
Vor allem aber muss ich Ferb schützen. Ich muss ihn davor bewahren, sich durch Moms Vorwürfe erneut in ein tiefes Loch fallen zu lassen. Ich muss ihm den Rücken stärken, falls Mom ihn erneut beschimpft und ihm Vorhaltungen macht. Muss ihm die Angst davor nehmen, ihr nach unserer letzten Auseinandersetzung gegenüberzutreten. Ihn durch mein Handeln spüren lassen, dass ich hinter ihm stehe. Hinter uns.
Ich darf es einfach nicht zulassen, dass er sich von Mom erneut verunsichern oder verletzen lässt. Nicht noch einmal. Er hat sich gerade erst von unserem letzten Streit und den damit verbundenen Vorwürfen erholt. Ein weiteres Mal würde er das nicht verkraften. Darum muss ich alles in meiner Macht Stehende tun, um das zu verhindern. Ich muss ihm Halt geben. Kraft. Mut. Ich muss ihm zeigen, dass ich da bin und zu ihm halte, egal wie auch immer das Gespräch ausgehen wird. Nur dann, da bin ich mir sicher, sind wir stark genug, es zusammen zu schaffen. Eine Weile überlege ich noch hin und her, wie ich anfangen und was ich sagen will, bis meine Müdigkeit schließlich die Oberhand gewinnt und mich doch noch einschlafen lässt.

Eine Weile später werde ich durch ein lautes Geräusch wieder aufgeweckt. Verschlafen rapple ich mich ein Stück auf und werfe einen flüchtigen Blick auf den Digitalwecker neben unserem Bett. 2:34 Uhr. Für einen Moment halte ich den Atem an und lausche. Bereits nach einigen Augenblicken vernehme ich es erneut. Ein lautes Poltern. Zuerst glaube ich, dass es von draußen kommt und vermute daher, es handle sich um einen Donnerschlag.
Doch als es wenige Zeit später erneut zu hören ist, wird mir bewusst, dass es sich nicht um ein Gewitter handeln kann. Das Geräusch kommt ganz eindeutig von unten. Von unten aus dem Haus. Aus der Küche. Aus unserer Küche. Was um alles in der Welt kann das sein? Mom? Candace? Dad? Oder vielleicht Perry? Hat Perry aus Versehen irgendetwas umgeschmissen, als er aufgestanden ist?
Noch während ich darüber nachdenke, erklingt ein weiteres Rumpeln. Tief und dumpf, als würde jemand mit einer Eisenstange gegen ein Holzbrett schlagen. Wieder lausche ich angestrengt, versuche, das Geräusch zu identifizieren. Doch ich kann diesen Ton beim besten Willen nicht zuordnen. So etwas habe ich vorher noch nie gehört, da bin ich mir absolut sicher. Was zum Teufel geht da unten bloß vor sich?
Vielleicht sollte ich besser Ferb wecken, überlege ich. Vielleicht sollte ich ihn mal lauschen lassen und sehen, was er davon hält. Aber andererseits gibt es doch bestimmt eine logische Erklärung dafür. Mit Sicherheit handelt es sich nur um Perry, der in der Küche versehentlich etwas umgeworfen hat. Oder es ist nur Dad, der mal wieder nicht schlafen kann und deshalb mitten in der Nacht anfängt, unten im Keller herumzubasteln.
Nein, sage ich mir selbst. So ein Quatsch. Selbst wenn es sich dabei um Dad handeln würde, würde er nie und nimmer solchen Lärm verursachen, der das gesamte Haus aufweckt, sondern darauf achten, möglichst leise und vorsichtig zu sein. Natürlich geht er, wenn er nicht schlafen kann, gern in den Keller und beginnt damit, an den verschiedensten Gerätschaften herumzuhantieren. Aber niemals würde er dabei solchen Krach machen. Das passt einfach nicht zu ihm. Außerdem kommt das Geräusch ja eindeutig aus der Küche, das kann ich ohne jeden Zweifel feststellen.
Vielleicht sollte ich aufstehen und einfach mal nachsehen, überlege ich. Vielleicht sollte ich runtergehen und schauen, ob auch wirklich alles in Ordnung ist. Mit Sicherheit gibt es eine ganz plausible Erklärung dafür, wer oder was dieses Geräusch verursacht. Absolut kein Grund, sich unnötig Sorgen zu machen.
Oder vielleicht doch? Was, wenn da gerade Einbrecher am Werk sind? Wenn sie sich durch eines der Küchenfenster Zutritt zum Haus verschafft haben und uns jetzt die ganze Bude ausräumen? Was soll ich dann bloß machen? Soll ich vielleicht doch besser Ferb wecken? Oder soll ich gleich zu Mom und Dad rübergehen?
Ganz ruhig, Phineas, schimpfe ich mit mir selbst. Lass jetzt ja nicht deine Fantasie mit dir durchgehen. Atme tief durch und bleib ganz ruhig. Bestimmt ist unten alles in Ordnung und es gibt keinen Grund, nervös zu werden.
Krach! Ein weiteres Mal rumpelt es in der Küche und ich höre, dass eine Tür zugeschlagen wird. Die Küchentür. Keine Panik, rede ich mir selbst gut zu. Bloß keine Panik. Du weckst jetzt erst mal Ferb auf. Bestimmt hat er eine Erklärung für diese seltsamen Geräusche.
„Ferb?“, wispere ich und stupse ihn vorsichtig an. „Ferby, wach auf“. Er rührt sich keinen Millimeter. „Ferb“, rufe ich etwas lauter und tippe seine Schulter an. „Ferb, wach auf. Ich glaube, unten ist jemand. Ich...“.
Ich unterbreche mich schlagartig, als von irgendwo ein anderes Geräusch zu vernehmen ist. Ein gleichmäßiges, rhythmisches Klicken. Schritte. Schritte unten im Hausflur. Das Knarzen einer Treppenstufe, die sich unter einem schweren Gewicht zu biegen scheint. Wer oder was auch immer da unten ist, es kommt die Treppe herauf.
„Ferb“, rufe ich lauter und fühle Panik in mir aufsteigen. Das können nicht Mom und Dad sein, wird mir bewusst. Dafür sind die Schritte zu schwerfällig, zu hart. Ich weiß, wie es sich anhört, wenn sie die Treppe heraufkommen. So jedenfalls nicht.
Oder mache ich mir gerade selber Angst? Handelt es sich vielleicht doch um Dad, der nach getaner Arbeit zurück ins Schlafzimmer gehen will? Rede ich mir nur etwas ein? Spielt meine lebhafte Fantasie mir mal wieder einen Streich?
Die Schritte scheinen immer näher zu kommen und von Mal zu Mal lauter zu werden, bis sie sich irgendwann anhören wie das Krachen eines einstürzenden Gebäudes. Wer oder was auch immer da draußen ist, er geht direkt auf unser Zimmer zu. „Ferb“, rufe ich wieder und rüttle ihn erneut an den Schultern. „Ferb, wach auf! Da draußen ist jemand! Ferb!“. Wie zum Teufel kann er das denn nur nicht hören?
Angst überflutet meinen gesamten Körper und treibt mir kalten Schweiß ins Gesicht. Ein weiterer Schritt ertönt, lauter und näher als alle anderen zuvor. Er steht vor unserem Zimmer, wird mir verängstigt klar. Der Einbrecher steht direkt vor unserem Zimmer. „Ferb!“, kreische ich in Panik, doch er scheint mich noch immer nicht zu hören. Wie tief kann man eigentlich schlafen?!
Mit einem Ruck setze ich mich hoch und rüttle ihn noch fester. „Ferb!“, rufe ich immer wieder. „Ferb! Wach endlich auf!“. Doch egal, wie laut ich schreie oder wie fest ich ihn schüttle, Ferb schläft seelenruhig weiter. Meine Atmung wird schwerfällig und ich beginne, von Kopf bis Fuß zu zittern. Ein neues Rumpeln lässt mich aufschreien und genau in diesem Moment fliegt mit einem heftigen Schwung die Zimmertür auf.
Mein Herz bleibt fast stehen, als ich die vermummte Gestalt erblicke, die in der Türschwelle steht. Ihr Gesicht wird von einer schwarzen Kapuze verdeckt und in ihrer rechten Hand hält sie ein Messer. Ein scharfes Küchenmesser, dazu da, um uns in Stücke zu schneiden. Um uns umzubringen.
„NEIN!“, brülle ich und packe Ferb um die Schultern. „WACH AUF!“, schreie ich in Panik, bis mein Hals sich rau und kratzig anfühlt. Die vermummte Gestalt tritt langsam ein, bewegt sich, das Küchenmesser über den Kopf erhebend, auf uns zu. „Hilfe!“, beginne ich zu rufen und schlage mir in Panik beide Hände vors Gesicht. „Hilfe! Nein! Nein, geh weg! Nein!“.
„Sterben“, raunt die Kapuzengestalt mit einer dunklen Stimme, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Kaum hat sie dieses Wort ausgesprochen, schwingt sie das Küchenmesser und rammt es mir in den Bauch. Ich schreie und winsle, warte darauf, dass der Schmerz einsetzt und ich anfange, zu bluten.
Doch nichts passiert. Zögernd öffne ich meine Augen wieder und sehe an mir herunter. Ich bin unversehrt. Das Messer hat mich verfehlt. Es hat mich tatsächlich verfehlt. Erleichtert atme ich auf und wende mich zu Ferb um, doch was ich sehe, lässt mein Herz einen Schlag aussetzen.
In seinem Bauch steckt die Messerklinge. Blut sickert durch sein Hemd, bis es seinen gesamten Oberkörper bedeckt. Blut läuft ihm aus dem Mund. Aus der Nase. Aus den Augen. Aus den Ohren. Blut, Blut, Blut. Überall Blut. Überall bilden sich rote Pfützen, während seine Augen sich langsam nach innen drehen und er sich mit einem Würgen an den Hals greift. „FERB!“, schreie ich verzweifelt und angsterfüllt zugleich. „FERB! FERB!“. Ich packe ihn bei den Schultern. Schüttle ihn. Schüttle ihn so heftig ich nur kann. Fühle, wie mir Blut ins Gesicht spritzt. So viel Blut. Ferbs Blut.
In diesem Moment beginnt die vermummte Gestalt zu lachen. Sie lacht hämisch und schrill, scheint stolz auf das zu sein, was sie gerade getan hat. Sie hat ihn umgebracht. Sie hat meinen Ferb umgebracht. Sie hat ihm ein Messer in den Bauch gestoßen und ihn getötet. „NEIN!“, schreie ich und springe aus dem Bett. Mit einem Schwung stürze ich mich auf sie und reiße ihr die Kapuze vom Kopf. Doch als ich sehe, wer sich darunter verbirgt, bleibt mir fast das Herz stehen. Es ist Mom.
Mom hat Ferb umgebracht. Sie hat ihn ermordet. Sie hat meinen Ferby ermordet. Sie hat die Liebe meines Lebens auf dem Gewissen. Und sie scheint auch noch stolz darauf zu sein. Ihr schadenfrohes Gelächter lässt eindeutig erkennen, wie sehr sie sich darüber freut, was sie getan hat. „Nein!“, rufe ich laut aus, springe mit einem Satz zurück ins Bett und beuge mich über ihn. „FERB!“, schreie ich ihn aufgelöst an. „FERB, NEIN!“. Moms Gelächter wird immer lauter und langsam scheint alles um mich herum vor meinen Augen zu verschwimmen. „NEIN!“, kreische ich wieder. „NEIN! NEIN! NEEEEEEIN!“.

„Phineas! Phineas, wach auf! Phineas!“. Irgendjemand rüttelt mich, bis ich schließlich meine Augen aufmache und mit einem lauten Schrei hochfahre. „Nein!“, rufe ich laut aus. „Ferb! Nein! Nein!“. Jemand packt mich um die Schultern und ich beginne, wie wild um mich zu schlagen. „Lass mich los!“, kreische ich außer mir. „Lass mich los!“.
„Phineas! Phineas, ich bin's! Phineas!“. Ferbs sanfte Stimme schafft es schließlich, mich wieder einigermaßen zu beruhigen. Ich atme einige Male tief durch und versuche, meinen wilden Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen. Nur ein Traum, wird mir klar. Das alles war nur ein schlimmer Albtraum. Mom hat Ferb gar nicht umgebracht. Sie hat ihm kein Messer in den Bauch gestoßen und ihn umgebracht. Ferb lebt. Er sitzt neben mir und lebt. Es geht ihm gut. Ich habe diesen ganzen Horror nur geträumt.
„FERB!“, brülle ich laut und falle ihm mit Tränen im Gesicht um den Hals. „Ferb, du lebst! Du lebst!“. Ein bisschen verwundert löst er sich aus meiner Umarmung und schaut mir in die Augen. „Natürlich lebe ich, Phin“, antwortet er dann, doch als er meinen angsterfüllten Blick bemerkt, beginnt er, zu verstehen. „Hast du schlecht geträumt, mein Engel?“, fragt er mich dann, woraufhin ich noch einmal schluchzen muss. „Ferb“, wimmere ich und halte mich an ihm fest.
„Pssst“, flüstert er beruhigend und fängt an, durch mein Haar zu streicheln. „Ist ja gut, Phin. Ist ja gut. Das war nur ein böser Traum. Ein ganz, ganz böser Traum. Alles ist gut. Du musst keine Angst haben. Ich bin ja da“.
Ich brauche noch einige Minuten, um mich wieder vollständig zu beruhigen. Noch immer blitzt das Bild von Mom vor meinem inneren Auge auf, die, als Sensenmann verkleidet, auf Ferb einsticht. „Keine Angst“, wiederholt er sanft und zieht mich eng zu sich heran. „Es ist alles wieder gut. Ganz ruhig“. Er streichelt mir vorsichtig die Tränen aus den Augen und lächelt mich dann zärtlich an.
„Das muss ja etwas ganz Schlimmes gewesen sein“, sagt er dann und bedeutet mir, mich an ihn heranzukuscheln. Langsam lege ich meinen Kopf auf seiner Schulter ab und bemühe mich, mich wieder zu fassen. Was für ein schrecklicher Traum. So grausam. So ekelerregend. So furchtbar. Unmenschlich. Absolut unmenschlich. Meine eigene Mutter ersticht, als Sensenmann verkleidet, meine große Liebe. Wie krank und grauenhaft kann das eigene Unterbewusstsein sein, um einem so etwas vorzuhalten?
„Ruhig, Phin“, wiederholt Ferb erneut. „Es ist vorbei. Was immer du geträumt hast, es ist jetzt vorbei“. Ich atme tief durch und schlucke ein paar Mal schwer, ehe ich mich schließlich aufsetze und Ferb noch einmal anschaue. „Grausam“, sage ich dann und schüttle heftig den Kopf, um dieses Bild aus meinen Gedanken zu verjagen. „Einfach grausam“. „Mein armer Prinz“, flüstert er und zieht mich noch enger an sich, hält dann jedoch kurz inne und schaut mich an.
Vorsichtig lässt er eine Hand an meinen Beinen entlangwandern und schlagartig wird mir klar, was ihn in diesem Moment so irritiert. Langsam hebe ich die Bettdecke an und blicke an mir herunter, um mich zu vergewissern. Oh nein, denke ich mir und fühle, dass ich rot werde. Wie peinlich. Absolut peinlich. Zuerst dieser Traum und jetzt auch das noch. Wie konnte mir denn nur so etwas geschehen? Bin ich nicht schon längst aus dem Alter raus, in dem einem solche Unfälle passieren?
„Oh nein!“, rufe ich dann verlegen und schiebe Ferbs Hand reflexartig beiseite. Doch entgegen meiner Erwartung lacht er mich nicht aus, sondern nimmt mich verständnisvoll in die Arme. „Ganz ruhig, Phin“, flüstert er dann, als er bemerkt, wie peinlich mir diese Situation ist. „Oh Mann“, erwidere ich verlegen und wäre am liebsten vor Scham im Erdboden versunken. „Ich... ich habe...“. „Das muss dir nicht unangenehm sein“, entgegnet Ferb und streichelt meine Hand. „So was kann jedem mal passieren. Du stehst im Moment einfach unter Stress. Da kann das schon mal vorkommen. Dieser Traum hat dich einfach sehr aufgewühlt. Da musste dein Körper wohl die Spannung abbauen und...“.
„Bitte, Ferb“, unterbreche ich ihn hastig. „Lass uns das nicht weiter ausführen, in Ordnung? Es ist mir so schon peinlich genug“. „Entschuldige“, entgegnet er und räuspert sich. „Ich wollte dich nicht noch zusätzlich in Verlegenheit bringen. Tut mir Leid“. „Schon gut“, antworte ich und schwinge mich aus dem Bett, um mir das Desaster genauer anzusehen. Meine gesamte Schlafanzughose wirkt, als hätte man sie ins Meer getaucht und genau so fühlt sie sich auch an.
„Oh Mist!“, rufe ich noch einmal und betrachte dann das bis vor kurzem noch frisch bezogene Bett. Auch hier hat meine kleine Flut Einzug gehalten und das gesamte Betttuch durchtränkt. In diesem Moment wäre ich am liebsten vor Scham explodiert. In meinem Alter ins Bett machen. Und dann auch noch in Ferbs Anwesenheit. Etwas Peinlicheres und Demütigenderes kann es für einen Teenager wohl kaum geben.
„Ferb... das... das tut mir Leid... ich...“, versuche ich zu erklären, doch er lächelt nur und bedeutet mir, nichts zu sagen. „Dafür musst du dich nicht entschuldigen“, erwidert er dann und erhebt sich ebenfalls aus dem Bett. „Das ist doch überhaupt nicht schlimm. Dieser Traum hat dich einfach erschreckt. Aber es war nur ein Traum. Nur ein ganz, ganz böser Traum“. Er kommt auf mich zu und nimmt mich noch einmal in die Arme.
„Du brauchst dich wirklich nicht zu schämen“, versichert er mir beruhigend. „Schon gar nicht vor mir. Mir ist das auch schon manchmal passiert“. „Wirklich?“, möchte ich wissen, unsicher darüber, ob Ferb mir die Wahrheit sagt oder ob er nur versucht, mich zu beruhigen. „Aber natürlich“, antwortet er und nickt zustimmend. „Glaub mir, das ist nichts, was dir unangenehm sein müsste. Außerdem – so eine kleine Flut kann auch ihre gewissen Reize haben“. Er zwinkert mir zu, als er diese Worte ausgesprochen hat, doch ich verstehe nur Bahnhof.
„Wie meinst du das?“, frage ich irritiert und ziehe eine Augenbraue hoch. „Das werde ich dir noch erklären“, antwortet er mit einem Lächeln. „Aber besser ein anderes Mal. Jetzt gehst du erst einmal duschen und ziehst dir frische Sachen an. In der Zwischenzeit werde ich das Bett neu beziehen und uns beiden Frühstück machen. Und danach erzählst du mir in aller Ruhe, was du geträumt hast, ja?“.
„In Ordnung“, antworte ich und lächle schüchtern, erleichtert darüber, dass Ferb die ganze Sache so locker auffasst und sich nicht über mich lustig macht. „Danke, Ferby“. „Ach was, ich bitte dich“, entgegnet er, mein Lächeln erwidernd. „Das ist doch selbstverständlich. Und bitte mach dir keine Sorgen, die Sache bleibt unter uns beiden, okay?“. „Okay“, stimme ich ihm dankbar zu und gebe ihm einen langen, tiefen Kuss. Eilig lege ich meine Arme um ihn und presse ihn an mich heran. Für einen kurzen Moment berühren sich unsere Intimzonen und ich kann fühlen, dass ihn mein Kuss anscheinend sehr stark erregt. „Ferby“, flüstere ich und ein Grinsen legt sich auf mein Gesicht. „Macht dieser Kuss dich so an?“.
„Nicht der Kuss“, antwortet er und zwinkert wieder. „Was dann?“, möchte ich wissen, neugierig und verwundert zugleich. „Etwas anderes“, antwortet er und nimmt mich zärtlich an die Hand. „So?“, frage ich kichernd. „Mhm“, antwortet er. Dann legt er beide Arme um meine Hüften und schaut mir kurz in die Augen. „Weißt du, Phin“, beginnt er. „Ich habe das Gefühl, du könntest ein wenig Ablenkung brauchen, um auf andere Gedanken zu kommen. Was hältst du davon, wenn wir zusammen duschen? Dann kann ich dir, wenn du magst, zeigen, was ich gerade so unheimlich erregend finde. Ich bin sicher, dass dir das auch gefällt“. Wieder zwinkert er mir zu und bedeutet mir dann mit einem Wink Richtung Tür, ihm ins Badezimmer zu folgen. „Ich finde die Idee gut“, antworte ich mit einem zufriedenen Grinsen. „Sehr gut sogar“.

Nachdem Ferb und ich zusammen geduscht haben, sehr lange und intensiv, machen wir uns zusammen daran, das Bett neu zu beziehen und sämtliche Spuren meines kleinen Unfalls zu beseitigen. Mein Traum beschäftigt mich zwar noch immer, allerdings habe ich mich fürs Erste dazu entschieden, nicht mehr weiter darüber nachzudenken und mich schon gar nicht großartig hineinzusteigern.
Auch wenn es erschreckend und unmenschlich war, was ich da geträumt habe, es war, ist und bleibt trotz allem nur ein Traum. Ich darf nicht damit anfangen, mich verrückt zu machen, nur weil mir mein Unterbewusstsein einen grauenhaften Streich gespielt hat. Ich muss mich auf das Wesentliche konzentrieren und darf mich nicht von irgendwelchen Hirngespinsten, die hinten und vorne keinen Sinn ergeben, irre machen lassen. Immerhin ist heute ein überaus wichtiger Tag für Ferb und mich.
Heute steht unser klärendes Gespräch mit Mom an. Heute wollen wir ihr ein für alle Mal klarmachen, wie wir zu der Sache stehen und damit sämtliche Zweifel endgültig aus der Welt schaffen. Heute wird sich für uns entscheiden, ob es noch eine Chance gibt, uns mit ihr wieder zu versöhnen und endlich von ihr akzeptiert zu werden, oder ob sie sich weiterhin gegen uns stellt und sich weigert, es einzusehen. Heute werden wir beide endgültig wissen, ob wir hier bleiben und unsere Familie zusammenhalten können, oder ob es besser ist, unsere Sachen zu nehmen und zu gehen.
So weh mir dieser Abschied auch täte und so schwer es mir auch fallen würde, mein Zuhause hinter mir zu lassen und neu anzufangen. Wenn es die einzige Möglichkeit ist, mit Ferb zusammenzubleiben, dann werde ich diesen Schritt machen. Dann werde ich die Tür hinter uns schließen und dieses Kapitel damit ein für alle Mal abhaken. Ich werde Mom zeigen, dass ich zu Ferb stehe, ganz egal, was sie davon hält oder wie sie darüber denkt. Ich werde mir mit ihm zusammen eine eigene Wohnung suchen, in der niemand uns mehr vorschreiben kann, was richtig und was falsch ist.
Und bis wir eine gefunden haben, werden wir vorübergehend schon irgendwo unterkommen. Bei einem unserer Freunde vielleicht. Oder bei Candace's Freund Jeremy. Zur Not von mir aus auch in irgendeiner Pension. Das Geld dafür werden wir schon irgendwie zusammenkriegen. Völlig egal, wer uns bei sich aufnimmt oder wo wir bleiben, alles ist besser als unsere momentane Situation. Nichts, aber wirklich gar nichts, könnte noch schlimmer sein als dieses eiskalte Schweigen, das zwischen Ferb, Mom und mir herrscht. Und ganz egal, was uns auch immer erwartet, zusammen werden wir es schaffen. Das spüre ich.

Später an diesem Tag ist es dann endlich so weit. Ferb und ich sitzen zusammen in unserem Zimmer und besprechen, wie wir am besten vorgehen und was genau wir Mom überhaupt sagen wollen. Wie wir ihr unmissverständlich vermitteln können, dass es uns ernst ist mit dem, was wir tun. Dass wir uns von unserer Liebe nicht abbringen und unser Glück von niemandem kaputtmachen lassen wollen. Dass wir gerne dazu bereit sind, die Vergangenheit zu vergessen und zu vergeben, wenn sie dafür endlich akzeptiert, dass wir zusammen sind.
Candace und Dad haben wir inzwischen in unser Vorhaben eingeweiht und sie sind gerne bereit dazu, uns nach Kräften zu unterstützen und dabei zu helfen, Mom zur Einsicht zu bewegen. Auch haben wir ihnen bereits mitgeteilt, dass wir ausziehen werden, sollte dieses Versöhnungsgespräch mit Mom erfolglos bleiben. Doch Dad hat uns gesagt, dass er es auf keinen Fall so weit kommen lassen wird und sein Möglichstes daran setzen will, damit alles wieder in Ordnung kommt. Er hat uns noch einmal gesagt, dass der Fehler nicht bei uns, sondern ganz allein bei Mom liegt und dass nicht wir, sondern sie die Konsequenzen für ihr starrköpfiges Verhalten tragen muss.
Als ich ihn darauf angesprochen habe, was er denn damit andeuten will, hat er uns seine Version dieses Plans offengelegt, uns zuvor aber versichert, dass er damit niemandem schaden, sondern uns allen helfen will, die Familie zusammenzuhalten. Dann hat er uns erklärt, dass es für Mom, sofern sie sich weiter weigert, die Tatsachen zu akzeptieren, das Beste ist, wenn sie sich eine Zeit lang in psychotherapeutische Behandlung begibt, um die Geschehnisse der letzten Wochen zu verkraften und zu verarbeiten. Er hat gesagt, dass sie, sofern sie sich noch länger davor verschließt, immer tiefer abrutscht und irgendwann vielleicht sogar eine Gefahr für sich und andere darstellen könnte. Und um ebendies zu verhindern, will er sie davon überzeugen, sich in eine psychiatrische Klinik zu begeben, in der man ihr unter Betreuung dabei hilft, all die Erlebnisse und Offenbarungen der letzten Zeit zu verstehen und zu verarbeiten.
Anfangs war ich völlig geschockt von diesem Vorhaben und habe mich geweigert, bei diesem Plan mitzumachen. Doch nachdem sowohl Dad, als auch Candace und Ferb eine Weile auf mich eingeredet und mir nochmals erklärt haben, dass es so das Beste für uns alle ist, habe ich mich schließlich, wenn auch mit gemischten Gefühlen, darauf eingelassen. Denn ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass sie Recht haben mit dem, was sie sagen: Wenn Mom sich zu sehr in die Sache hineinsteigert und sich alles zu stark zu Herzen nimmt, ist sie vielleicht irgendwann an einem Punkt, an dem ihre Psyche das nicht mehr verarbeiten kann und sie jegliche Kontrolle über sich und ihre Handlungen verliert.
Und genau das ist das, was ich mit allen Mitteln verhindern will. Ich will nicht, dass Mom meinetwegen noch einmal die Fassung verliert. Ich will nicht, dass sie sich so stark damit beschäftigt und dass ihr das alles so nahegeht. Ich will nicht, dass sie sich schlecht fühlt. Ich möchte, dass es ihr wieder gut geht. Ich möchte ihr dabei helfen, uns zu verstehen. Dabei helfen, sich wieder wohlzufühlen. Es schaffen, ihre Wahnvorstellungen, die aus ihrer Verschlossenheit heraus entstanden sind, zu besiegen. Ich möchte mich so gern wieder mit ihr vertragen. Ich will nicht mehr streiten und ihr vorwerfen, dass sie sich falsch verhält. Sie kann nichts dafür, dass sie so reagiert. Sie ist einfach noch nicht in der Lage, es richtig zu begreifen. Sie kann nicht verstehen, wie sich zwischen Ferb und mir Liebe entwickeln konnte.
Und genau dabei will ich ihr helfen. Ich will ihr erklären, wie es dazu kam und warum Ferb und ich so füreinander empfinden. Ihr deutlich machen, dass sich zwischen ihr und uns nichts ändert, nur weil Ferb und ich jetzt ein Paar sind. Ich will versuchen, auch sie ein Stück weit zu verstehen und mich in ihre Situation zu versetzen. In die Situation einer Mutter, deren Sohn sich in seinen eigenen Stiefbruder verliebt hat.
Natürlich verstehe ich, dass es ihr schwerfällt, das nachzuvollziehen. Natürlich ist es für jede Mutter bestimmt zunächst mal ein Schreckmoment, wenn ihr Kind sich plötzlich als homosexuell outet. Natürlich muss man sich als Elternteil bestimmt erst einmal daran gewöhnen, dass der Sohn statt einer Freundin einen Freund mit nach Hause bringen wird. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass sie es sich vielleicht anders gewünscht und mich gern an der Seite eines netten, jungen Mädchens gesehen hätte.
Aber diesen Wunsch kann ich ihr nicht erfüllen, so gern ich es auch möchte. Ich stehe auf Jungs. Dafür kann ich auch nichts. Es ist einfach so. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Und genau das muss ich Mom zu vermitteln versuchen. Ich muss ihr deutlich machen, dass es nicht an ihr oder ihrer Erziehung liegt, dass ich so bin. Es war ganz allein meine Entscheidung. Und ich habe mich nun einmal so entschieden. Mehr kann ich ihr dazu nicht sagen. Ich will nur, dass sie weiß, dass sie nichts dafür kann. Dass ich sie trotz allem, was gewesen ist, immer noch liebe. Und dass ihr gerne bereit bin, ihr alles zu verzeihen, wenn sie nur endlich versteht, dass ich bin wie ich bin und sie mich nicht ändern kann. Wenn es mir gelingt, sie dadurch zur Einsicht zu bewegen und Ferb und mich zu akzeptieren, dann kann alles wieder so sein wie früher. Das weiß ich ganz genau.

Zwei Stunden später wollen Ferb und ich unser Vorhaben in die Tat umsetzen. Wir haben unsere Vorgehensweise noch einmal mit Candace und Dad abgesprochen und die drei haben sich schließlich davon überzeugen lassen, dass es am besten ist, wenn ich zuerst versuche, allein mit Mom zu sprechen. Wenn ich auf sie zugehe und einfach geradeheraus darauf anspreche. Sie frage, ob sie überhaupt bereit dazu ist, mit mir zu reden.
Ich will ihr deutlich machen, wie wichtig es mir ist, mich wieder mit ihr zu vertragen. Ihr sagen, dass ich sie trotz allem, was geschehen ist, immer noch liebe. Sie wissen lassen, dass ich das alles nicht mache, um ihr wehzutun, sondern weil ich einfach so bin. Ich will versuchen, ihr alles von Anfang an zu erzählen. Zu erzählen, wie das zwischen Ferb und mir begonnen hat. Dass ich derjenige war, der sich in ihn verliebt hat und nicht andersherum. Ich will ihr bewusst machen, dass Ferb mir nichts getan hat. Dass er mich zu nichts gezwungen hat, was ich nicht wollte und dass es mir gut geht. Denn erst, wenn sie das richtig verstanden hat und damit aufhört, ihn für alles verantwortlich zu machen, können wir ein vernünftiges Gespräch miteinander führen. Vorher hat das keinen Wert.
Darum muss ich mich bemühen und mein Möglichstes versuchen, damit sie begreift, wie wichtig mir Ferb ist. Dass ich ihn liebe. Dass ich ihn mehr als alles andere liebe. Dass ich das nicht tue, um sie zu ärgern oder zu quälen, sondern weil ich mich verliebt habe. Weil ich mich richtig in ihn verliebt habe. Denn wenn sie endlich realisiert hat, dass ich nun einmal bin, wie ich bin und sich nicht länger davor verschließt, steht einer Versöhnung nichts mehr im Wege. Das weiß ich hundertprozentig.
Noch einmal atme ich ganz tief durch und drehe mich dann zu Ferb um, der auf dem Bett sitzt und mir einen unsicheren Blick zuwirft. Auch wenn wir unser Vorhaben nun mehrfach durchgesprochen haben, ist er sich immer noch unsicher, ob es wirklich eine gute Idee ist, mich allein mit Mom reden zu lassen. Er hat nach wie vor Bedenken, dass sie noch einmal ausrasten und mich womöglich ernsthaft verletzen könnte. Doch ich habe ihm bereits versichert, dass ich es nicht so weit kommen lassen und mein Vorhaben im äußersten Notfall abbrechen werde.
„Jetzt oder nie“, sage ich dann, mehr zu mir selbst als zu Ferb und gehe noch einmal auf ihn zu. Behutsam schließe ich ihn in die Arme und streichle kurz über seinen Rücken. „Ich liebe dich, Ferby“, flüstere ich in sein Ohr und küsse ihn zärtlich auf die Wange. „Was auch immer gleich passiert, ich liebe dich. Ich liebe dich über alles“. „Ich dich auch, Engel“, antwortet er mit zittriger Stimme und schaut mir dann für einen kurzen Moment in die Augen. Dann nimmt er mich vorsichtig an die Hand und wir machen uns zusammen auf den Weg nach unten.

Mein Herzschlag beschleunigt sich mit jedem Schritt, während Ferb und ich zusammen nach unten zu gehen, um noch einmal kurz mit Dad und Candace zu sprechen. Sie sind bereits in die Abfolge meines Plans eingeweiht und wir haben vereinbart, dass sie zusammen mit Ferb im Nebenzimmer warten, während ich versuche, Mom alles zu erklären. So können sie zum einen mithören und zum anderen sofort eingreifen, falls die Sache wider Erwarten außer Kontrolle geraten sollte.
Mit zögernden Schritten gehen wir schließlich in die Küche, wo die beiden bereits auf uns warten. Dad versucht, seine Aufregung mit einem aufgesetzten Lächeln zu überspielen und Candace tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. „Hey Jungs“, sagt Dad leise, um von Mom, die nebenan im Wohnzimmer ist, nicht gehört zu werden. Ich erwidere nichts darauf, sondern gehe einfach auf ihn zu und nehme ihn so fest ich kann in die Arme.
„Ich hab dich lieb, Dad“, flüstere ich in sein Ohr, bemüht, jetzt standhaft zu bleiben und ja nicht einzuknicken. „Ich dich auch, mein Junge“, erwidert er und versucht, seine Nervosität zu kaschieren, doch ich weiß, dass er mindestens genauso aufgeregt ist wie Ferb und ich. „Hast du dir das auch wirklich gut überlegt?“, möchte er dann wissen und blickt mir eindringlich ins Gesicht. Ich beantworte seine Frage mit einem Nicken. „Ich muss es versuchen“, sage ich dann und drehe mich zu Candace um. Auch sie schließe ich fest in die Arme und streichle sie. „Viel Glück, Bruderherz“, wispert sie mir sanft zu und ich muss schwer schlucken, um meine Tränen zu unterbinden. „Versuch dein Bestes. Und wenn was ist, wir sind gleich nebenan. Dir kann nichts passieren, okay?“.
„Okay“, antworte ich, löse mich von ihr und gehe dann auf Ferb zu. „Warte hier, Ferby“, flüstere ich, als ich ihn noch einmal in die Arme nehme. „Lass mich mein Glück versuchen. Vielleicht schaffe ich es, dass Mom endlich einsieht, wie falsch sie sich verhält. Und egal, was dabei rauskommt: Ich werde dich immer lieben, Ferby. Immer, vergiss das nie“. Mit diesen Worten nehme ich all meinen Mut zusammen und mache mich auf den Weg ins Wohnzimmer. Im Türrahmen drehe ich mich allerdings noch einmal um und werfe den dreien ein unsicheres Lächeln zu. „Ich liebe euch“, wispere ich und bemühe mich, meinen Herzschlag unter Kontrolle zu halten, was mir jedoch nicht gerade leicht fällt. „Wir dich auch, mein Junge“, antwortet Dad, mein Lächeln erwidernd. „Daran wird sie nie etwas ändern. Und nun geh schon, versuch dein Glück. Und wenn etwas ist, wir sind direkt hier nebenan“. „Danke“, entgegne ich und drehe mich wieder um.
Mit zögerlichen Schritten gehe ich dann ins Wohnzimmer hinüber, wo ich Mom vermute. Unterdessen lege ich mir gedanklich noch einmal alles zurecht, was ich ihr gleich sagen will. Sofern sie überhaupt bereit dazu ist, mit mir zu sprechen. Wenn nicht, dann habe ich zumindest mein Möglichstes versucht. Aber wenn sie mir die Chance gibt, es zu erklären, dann will ich ihr gerne auf all ihre Fragen Rede und Antwort stehen.
„Mom?“, rufe ich, als ich ins Wohnzimmer trete und blicke mich kurz im Raum um. Sie sitzt auf dem Sofa, gedankenversunken, und blättert in irgendeiner Zeitschrift herum. „Mom“, wiederhole ich und versuche, meine Aufregung zu verbergen. „Mom, kann... kann ich mit dir reden?“. Sie sieht kurz hoch, wendet sich dann jedoch sofort wieder ihrer Zeitschrift zu und ignoriert mich. „Mom, bitte“, wiederhole ich und unterdrücke mit aller Kraft meine Tränen. „Bitte lass mich mit dir sprechen. Bitte gib mir die Chance, alles zu erzählen. Bitte, Mom. Lass mich versuchen, dir alles zu erklären. Ich bin doch dein Sohn. Möchtest du nicht auch, dass wir uns wieder vertragen?“.
Mit einem Schwung knallt sie die Zeitschrift auf das Wohnzimmertischchen vor ihr und blickt mir dann für einen Moment in die Augen. „Bitte, Mom“, wiederhole ich mit brüchiger Stimme. „Bitte lass mich erklären...“. „Erklären?“, zischt sie schließlich und springt vom Sofa auf. „Was willst du mir denn bitteschön erklären?! Dass du auf Männer stehst?! Dass du eine dieser dreckigen Schwuchteln geworden bist?! Dass du es genießt, mich damit zu verletzen?! Ist es das, was du sagen willst?!“.
„Nein“, heule ich aufgelöst. „Nein, ich wollte doch nie...“. „WAS?!“, faucht sie aufgebracht. „Was wolltest du nie, hä?! Du wolltest nie schwul werden? Du wolltest keine Schande über uns bringen? Du wolltest mit Ferb gar nicht diese ekelhaften Machenschaften betreiben?!“. „Mom...“, winsle ich laut und sinke auf die Knie. „Mom, ich... ich kann doch auch nichts dafür, dass ich...“.
„Warum konntest du dir nicht eine vernünftige, anständige Freundin suchen wie jeder andere auch?“, schleudert sie mir zornig entgegen. „Warum musstest du anfangen, mit Ferb diese grausige Spiel zu spielen? Warum kannst du nicht einfach normal sein?!“. Ich schluchze laut und blicke tränenblind zu ihr auf. „Wie konntest du uns das antun, Phineas?“, setzt Mom aufgebracht fort. „Wie konntest du nur so ekelhafte Dinge tun? Wie konntest du Ferb küssen? Ihn küssen! Weißt du eigentlich, wie abstoßend das ist? Weißt du, wie weh du uns allen damit tust? Weißt du das?!“.
„Mom, ich... ich habe doch nicht... ich wollte doch nicht...“. „Du wolltest das alles nicht, jaja“, zischt sie kalt. „Du wolltest mir überhaupt nicht wehtun. Du wolltest überhaupt nichts! Verkauf mich doch nicht für dumm! Du hast genau gewusst, was du da tust! Du hast gewusst, wie widerlich das ist und trotzdem hast du weitergemacht. Du hast weitergemacht, anstatt zu mir zu kommen und mit mir zu sprechen. Du hast mit Ferb weiß Gott was getrieben, anstatt mir zu sagen, was los ist. Anstatt mir zu sagen, dass du krank bist, hast du einfach weitergemacht. Weißt du, wie sehr mich das verletzt hat?!“.
„Mom, ich bin... ich bin nicht krank... ich... ich...“, stottere ich unter Tränen, während ich gedanklich versuche, zu begreifen, wovon Mom überhaupt spricht. „Natürlich bist du krank“, erwidert sie, plötzlich mehr besorgt als aufgeregt. „Du bist sehr schwer krank. Aber du willst es einfach nicht verstehen. Du willst dir nicht von mir helfen lassen. Du versuchst, zu rechtfertigen, was du tust, aber das kannst du nicht. Du kannst nicht tun, als wäre es nichts. Phineas, ich weiß ja, dass du nichts dafür kannst, dass du so handelst. Ich weiß, dass diese böse Krankheit dich dazu zwingt. Sie zwingt dich, zu glauben, du wärst wirklich so. Du wärst wirklich in Ferb verliebt. Aber das bist du nicht. Das ist nur Teil deiner Fantasie. Teil der Krankheit, die dir vorspielt, du wärst schwul“.
„Nein!“, schreie ich und springe auf. „Nein! Hör auf, nein!“. „Phineas, es ist okay“, erwidert Mom und bemüht sich, ruhig zu bleiben. „Es ist okay, Phineas. Du musst nur endlich verstehen, dass du krank bist. Du musst es akzeptieren. Erst dann kann man dir helfen“.
„Nein!“, kreische ich wieder und stürze auf sie zu. „Nein, Mom! Hör auf damit! Hör auf, das zu sagen! Ich bin nicht krank! Das bin ich nicht! Nein!“. „Phineas, ruhig“, erwidert sie und greift nach meiner Hand, doch ich schlage sie grob beiseite. „Ich bin nicht krank!“, wiederhole ich aufgelöst. „Ich bin schwul! Nicht krank! Nein! Nein!“.
Wimmernd sinke ich auf die Knie und vergrabe den Kopf in der Sofalehne. „Phineas, es ist in Ordnung“, sagt Mom und streichelt über meinen Rücken. „Du kannst nichts dafür, dass du so bist. Aber wir heilen dich. Wir werden dich wieder gesund machen“. „HÖR AUF, MOM!“, brülle ich so laut ich kann. „Hör auf, das zu sagen! Schluss! Hör auf! Hör endlich auf! Ich bin nicht krank! Das bin ich nicht! DAS BIN ICH NICHT!“.
Ich kreische und weine, schluchze und wimmere. Mom spinnt, geht es mir durch den Kopf. Sie redet sich selbst ein, dass Schwulsein eine Krankheit ist. Dabei ist doch sie diejenige, die psychisch krank ist. Sie ist diejenige, die auf tausend Ideen kommt, nur weil sie partout nicht kapieren will, dass es Homosexualität gibt. Sie ist es, die ein Problem hat. Nicht ich. Sie legt sich tausend Dinge zurecht, nur um nicht akzeptieren zu müssen, dass ich schwul bin. Sie ist die Kranke – nicht ich!
„Mom, hör auf!“, schreie ich und sinke auf den Boden. „Bitte hör auf! Bitte!“. Ich schluchze verzweifelt und schlage beide Hände vors Gesicht. „Bitte!“, flehe ich. „Bitte hör auf!“. „Phineas?“. Dad kommt in den Raum gestürmt, gefolgt von Candace und Ferb. Er läuft auf mich zu und kniet sich dann neben mich. „Phineas, mein Junge. Was ist denn passiert?“. „Er ist krank“, antwortet Mom an meiner Stelle und bringt mich damit noch heftiger zum Schluchzen. „Er ist schwer krank. Er redet sich selbst ein, dass er schwul ist, aber das stimmt nicht. Seine Krankheit lässt ihn nur in dem Glauben, er sei es“.
„Linda, was...“, will Dad ansetzen, der ebenso wenig wie ich begreifen kann, was Mom da eigentlich von sich gibt. Behutsam nimmt er mich in den Arm und hilft mir dann dabei, wieder aufzustehen. „Ich bin nicht krank!“, rufe ich noch einmal und falle ihm schluchzend und wimmernd um den Hals. „Linda, was tust du nur?“, beginnt Dad, fassungslos von Moms Starrsinn und streichelt mich vorsichtig. „Warum behauptest du, unser Junge sei krank? Was ist nur in dich gefahren?!“.
„Er ist es“, beharrt Mom starrsinnig. „Er macht sich selbst etwas vor, indem er sich einredet, schwul zu sein. Aber das ist er nicht. Er bildet es sich nur ein“. „Linda, was sagst du da eigentlich?!“, schreit Dad fassungslos. „Unser Junge ist doch nicht krank! Er tut doch überhaupt nichts falsches!“.
„Doch!“, protestiert Mom aufgeregt. „Er leugnet seine Krankheit. Er will nicht wahrhaben, dass es so etwas überhaupt nicht gibt. Das ist alles Teil der Krankheit! Das muss Teil der Krankheit sein!“. „Linda, hör auf!“, schreit Dad und packt Mom bei den Schultern. „Hör auf, das zu sagen! Unser Junge ist nicht krank! Er ist nicht krank!“.
„Er ist es!“, beharrt Mom unter Tränen. „Er muss es sein! Er muss krank sein! Sonst würde er das nicht tun!“. Sie beginnt zu schluchzen und stützt ihren Kopf in die Hände. „Er ist nicht krank!“, wiederholt Dad und schüttelt sie heftig. „Hör endlich auf damit, dich davor zu verschließen. Phineas ist schwul. Das ist eine Tatsache. Du kannst ihn nicht ändern. Versteh das doch endlich!“. „NEIN!“, brüllt Mom aufgelöst. „Nein, das ist nicht wahr! Er kann nicht... Nein! NEIN!“.
Wieder schreie ich laut, fassungslos darüber, dass Mom sich sogar einredet, ich wäre krank, nur um die Wahrheit nicht erkennen zu müssen. „Phineas“, ruft Ferb und läuft zu mir herüber. Auch er scheint geschockt zu sein von dem, was Mom da behauptet. „Phin...“, flüstert er leise und schließt mich so fest er kann die Arme. „Ferby“, heule ich außer mir und kralle mich an ihm fest. „Mein Engel“, erwidert er und beginnt damit, mich zu streicheln. „Mein süßer Engel“. Vorsichtig küsst er mich auf die Wange und streift durch mein Haar. „Ich kann nicht mehr“, schluchze ich verzweifelt und enttäuscht über mein misslungenes Gespräch mit Mom. „Ich kann einfach nicht mehr, Ferby“. Ferb erwidert nichts, sondern hält mich nur eng an sich gedrückt, lässt mich spüren, dass er da ist.
„Linda“. Dad nimmt Mom an die Hand, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und zeigt dann mit dem Finger auf uns. „Linda, schau sie dir an“, setzt er dann bestimmt fort. „Schau sie dir an und sag mir, was du siehst. Sag mir, was du siehst, Linda“. Mom winselt zur Antwort und hebt dann ihren Blick in unsere Richtung. „Was siehst du, Linda?“, fragt Dad noch einmal und drückt ihre Hand. „Ich...“, antwortet Mom zögernd und wendet ihren Blick wieder ab. „Schau sie dir an!“, fordert Dad noch einmal. „Sag mir, was du dort siehst! Siehst du nur zwei Stiefbrüder? Oder siehst du ein verzweifeltes Pärchen, das Angst davor hat, sich zu verlieren? Sag es mir! Was siehst du?!“.
Mom beginnt, zu schreien. Ein lauter, wehmütiger Schrei dringt aus ihr heraus und schließlich gibt sie endlich Dads Frage nach. „Ein Pärchen“, antwortet sie unter Tränen. „Ich sehe ein Pärchen“. „Genau, Linda“, antwortet Dad ruhig und nimmt sie in die Arme. „Ein Pärchen. Ein frisch verliebtes Pärchen, das sich nichts mehr wünscht als Verständnis und Akzeptanz. Zwei Jungs, die so lange für ihre Liebe kämpfen mussten und Angst haben, sie wieder zu verlieren. Zwei Jungs, die sich Hals über Kopf ineinander verliebt haben und nichts mehr wollen als zusammen glücklich zu sein. Phineas und Ferb, die auch nichts dafür können, dass es so gekommen ist“.
Mom schluchzt wieder, scheint endlich einzusehen, dass Dad Recht hat. Seine Worte zeigen offenbar Wirkung. „Linda“, setzt Dad fort und schaut ihr in die Augen. „Dort drüben stehen zwei Jungs, die uns beide an ihrer Seite brauchen, um ihren Weg zu gehen. Unsere Jungs, Linda. Unsere verliebten Jungs“. „Lawrence!“, schluchzt Mom aufgelöst, die endlich begreift, dass Dad die Wahrheit sagt. Endlich scheint sie zu verstehen, wie wichtig Ferb und ich füreinander sind und dass es nicht falsch ist, was wir tun.
„Sie sind verliebt, Linda“, fügt Dad hinzu und bedeutet uns, zu ihnen zu kommen. „Die beiden sind so endlos verliebt wie ich es noch niemals gesehen habe. Darum lass ihnen doch ihr Glück. Zwing sie bitte nicht, einander aufzugeben. Sie lieben sich. Und sie lieben dich, Linda. Sie lieben dich über alles. Egal, was du dir auch eingeredet hast, es ist nicht wahr. Homosexualität ist nichts Schlimmes. Und es ist auch keine Krankheit. Es ist eine andere Art von Liebe. Und diese Liebe haben die beiden gefunden. Nimm ihnen das nicht weg. Lass ihnen die gemeinsame Zeit, die sie haben. Sie haben es verdient, dass du sie akzeptierst. Dass du ihre Liebe akzeptierst. Sie sind trotzdem noch unsere Kinder. Unsere verliebten Kinder“.
„Mom...“. Vorsichtig setze ich mich neben sie aufs Sofa und lege ihr meine Hand auf die Schulter. „Mom, bitte schau mich an“. Tränenblind blickt sie schließlich auf und schaut mir tief in die Augen. „Mom, Ferb und ich lieben uns“, erkläre ich ihr noch einmal. „Wir haben uns richtig ineinander verliebt. Bitte mach uns das nicht kaputt. Zwing uns nicht dazu, unsere Liebe aufzugeben. Wir können nicht ohneeinander leben. Ich brauche Ferb – und Ferb braucht mich. Wir sind eins. Bitte nimm uns das nicht weg. Bitte nicht, Mom“.
„Phineas“, antwortet sie schluchzend. „Phineas, mein Junge“. Sie schließt mich fest in die Arme und weint. „Ich liebe dich, Mom“, erwidere ich und küsse sie auf die Wange. „Wir beide lieben dich. Bitte, lass uns nicht mehr streiten. Wir möchten uns wieder mit dir vertragen“.
„Phineas... Ferb...“, erwidert sie und streckt eine Hand nach ihm aus, woraufhin er sich auch zu uns setzt. „Meine Jungs“, flüstert sie uns zu und presst uns beide fest an sich. „Meine armen Jungs“. „Wir lieben dich, Mom“, antworte ich und lege meinen Kopf auf ihre Schulter. „Wir lieben dich über alles. Und bitte, wenn du uns auch liebst, dann lass uns zusammen sein. Bitte, Mom. Ferb und ich lieben uns“.
„Natürlich liebe ich euch“, erwidert sie und lächelt unter Tränen. „Ich liebe euch mehr als alles andere, Jungs. Und ich weiß jetzt, wie falsch es von mir war, so stur zu sein und euch so sehr wehzutun. Ich weiß, ich hätte mich anders verhalten müssen. Ich hätte euch nicht vorwerfen dürfen, was zwischen euch ist, sondern mich für euch freuen. Ich weiß, dass ich nicht wiedergutmachen kann, was ich euch angetan habe. Aber wenn ihr eines Tages dazu bereit seid, lasst uns noch einmal von vorne beginnen. Bitte gebt mir die Chance, euch wenigstens jetzt zu akzeptieren. Ich will euch nicht verlieren, Jungs. Ihr seid doch meine Kinder. Ich brauche euch doch“.
„Wir brauchen dich auch, Mom“, flüstere ich mit einem Lächeln und streichle ihre Hand. „Darum lass uns das Vergangene vergessen und von vorne anfangen, okay?“. „Das würde ihr wirklich für mich tun?“, möchte sie gerührt wissen und erwidert mein Lächeln. „Natürlich“, antworte ich und werfe Ferb einen kurzen Blick zu. „Weil wir dich lieb haben, Mom. Mehr als wir es je sagen könnten“.

Es ist bereits kurz vor Mitternacht und ich liege noch immer wach. Nach allem, was heute passiert ist, fällt es mir verständlicherweise sehr schwer, in einen ruhigen, erholsamen Schlaf zu fallen. Zu viele Dinge gehen mir durch den Kopf. Ich bin viel zu aufgeregt, zu glücklich, als dass ich jetzt einschlafen könnte. Glücklich darüber, dass wir uns mit Mom endlich wieder versöhnen konnten. Dass wir uns über alles aussprechen konnten, was uns beschäftigt und berührt. Dass wir alle Missverständnisse, alle Ängste, Zweifel und Enttäuschungen endgültig aus der Welt schaffen und von vorne anfangen konnten. Und dass wir akzeptiert werden. Dass wir von Mom endlich als Paar akzeptiert werden.
Wir haben noch sehr lange mit ihr gesprochen, ihr geschildert, wie es zwischen uns beiden überhaupt angefangen hat. Ihr erzählt, was wir schon alles zusammen gemacht haben. Vor allem aber haben wir ihr deutlich gemacht, dass ein Leben ohneeinander für uns beide absolut unvorstellbar ist. Dass wir nicht auseinandergerissen werden wollen. Und sie hat es verstanden.
Sie hat endlich verstanden, dass das zwischen uns wahre Liebe ist und dass sie durch nichts und niemanden zerstört werden kann. Außerdem hat Mom auch gesagt, wie tapfer sie es von uns findet, dass wir so dafür gekämpft haben. Sie meinte, dass das ohne jeden Zweifel echte Liebe sein muss, wenn wir beide so viel in Kauf nehmen, um zueinander stehen zu können.
Darüber hinaus hat sie sich auch noch mehrfach bei uns für ihr starrköpfiges Denken und Verhalten entschuldigt und uns versichert, dass sie so etwas nie wieder tun wird und sich aus ehrlichem Herzen für uns beide freut.
Mehr haben wir uns nie gewünscht. Wir wollten nur von ihr verstanden werden. Wir wollten, dass sie begreift, wie ernst es uns miteinander ist und dass wir uns wirklich lieben. Und das hat sie. Auch wenn sie etwas länger dafür gebraucht hat, aber sie hat es begriffen. Und das ist alles, was zählt.
„Worüber denkst du nach, Engel?“, fragt Ferb mich, während er seine Finger zärtlich durch meinen roten Haarschopf gleiten lässt. „Nichts weiter“, antworte ich mit einem Lächeln und schmiege mich fest an ihn heran. „Ich bin nur so glücklich über den Ausgang unseres Gesprächs mit Mom“. „Ja, ich auch“, erwidert er und lächelt zurück. „Danke, dass du so zu mir gestanden hast“.
„Ferby“, erwidere ich und setze mich auf. „Das ist doch selbstverständlich. Du bist doch meine Liebe. Ich musste dich schützen und verteidigen. Und glaub mir, ich würde es jederzeit wieder tun“. „Danke, Phin“, antwortet er und küsst mich. „Ich liebe dich“. „Ich dich auch, Ferby“, antworte ich. „Ich werde dich immer lieben – solange mein Herz deinen Namen trägt“. Ich zwinkere ihm zu und er lächelt, weil er weiß, dass ich diese Worte von ihm habe. Er hat sie einmal zu mir gesagt und ich bin mir sicher, dass sie für alle Zeit Wahrheit bleiben werden.
Was auch geschieht, mein Herz gehört zu ihm. Es wird seinen Namen tragen. Für die Ewigkeit.
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