Menschliche Gefühle

von Hobbit91
OneshotRomanze / P12
17.06.2016
17.06.2016
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San lag wach in der Wolfshöhle und fragte sich, was nur mit ihr los war. Warum hatte sie diesen Menschen gerettet und ihn dann auch noch hierher gebracht? Warum bangte sie gerade um sein Leben, wo sie die Menschen doch so sehr hasste? Eigentlich war sie auch auf ihn hier wütend, da er sie davon abgehalten hatte, ihre Erzfeindin zu töten. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Wieso hatte er sich für sie in Gefahr begeben? Sie verstand es nicht. Und was sie auch nicht verstand war die Tatsache, dass er so völlig anders als die anderen Menschen war. Er entsprach überhaupt nicht diesem Bild, das sie sich in all den Jahren von den Menschen gemacht hatte.

San hatte sich auf die Seite gelegt, um ihn besser betrachten zu können. Langsam und vorsichtig streckte San eine Hand nach dem jungen Mann aus, der schlafend neben ihr lag. Doch bevor sie ihn berühren konnte, hielt sie inne. Die Hand blieb über dem Gesicht des Schwerverwundeten schweben. Was tat sie da eigentlich gerade? Wieso verspürte sie das Bedürfnis, ihn zu berühren? Was waren das überhaupt für Gefühle, die in ihr tobten? Solche Gefühle hatte sie zuvor noch nie gehabt.

Die Wolfsprinzessin zog ihre Hand wieder zurück und fragte sich, was das alles sollte. Wenn sie nun anfing, solche Gefühle für einen Menschen zu hegen, dann bedeutete das vielleicht, dass sie selbst immer menschlicher wurde und das durfte einfach nicht sein. Diese Gefühle durfte sie nicht zulassen, denn sie gehörte nicht zu denen! Die Wölfe waren ihre Familie und ihre Heimat war der Wald. Die Menschen waren ihre Feinde, da diese eine Gefahr für ihre Familie und ihre Heimat darstellten. Und doch war dieser junge Mann so vollkommen anders als die anderen.

Lebte er eigentlich noch? Ashitaka lag für Sans Begriffe viel zu ruhig da. Die Wolfsprinzessin legte ihr Ohr an seine Brust und lauschte. Sie brauchte Gewissheit. Und ja, sie hörte einen Herzschlag. Er war zwar etwas schwach, aber er war da. Ashitaka war stark. Er würde es wahrscheinlich überstehen. Sie würde schon dafür sorgen, dass er durchkam. Aber was würde danach geschehen? Würde er wieder in die Stadt zurückkehren? Was kümmerte es sie überhaupt, was dieser Mensch danach tat oder wohin er ging? Einiges, lautete die schlichte Antwort, denn dieser junge Mann bedeutete ihr etwas, auch wenn sie es nicht so recht wahrhaben wollte.

Die Wolfsprinzessin fragte sich, ob ein Leben an seiner Seite vielleicht möglich gewesen wäre, wenn sie nicht in einer solchen schweren Zeit leben würden. Möglicherweise hatte sie selbst nur noch wenige Tage zu leben. Der Kampf gegen die Menschen war nicht mehr fern und wenn es soweit war, dann würde sie für den Waldgott und ihre Heimat in die Schlacht ziehen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass sie dabei sterben würde. Für sie stand auf jeden Fall fest, dass sie sich für den Kampf entscheiden würde. Sie wusste eben, was ihre Pflicht als Wölfin war, als die sie sich immer noch bezeichnete.

San richtete sich etwas auf und sah in Ashitakas Gesicht. Vielleicht hatte sie nur noch wenig Zeit, um sich um ihn zu kümmern, weshalb er also schnell wieder genesen musste. Gegen den Fluch jedoch, der den jungen Mann langsam zerfraß, konnte sie nichts unternehmen. Es hatte den Anschein, als wäre ihnen beiden nur ein sehr kurzes Leben vom Schicksal zugedacht worden.

Plötzlich öffnete Ashitaka seine Augen, in denen ein fiebriger Glanz lag. Allerdings schien er Sans Gesicht ganz genau erkennen zu können, denn nun hob er einen Arm an und legte seine Hand auf die Wange der Wolfsprinzessin.

„San“, hauchte der junge Mann. Er versuchte die Augen offen zu halten, damit er sie weiter ansehen konnte, doch da verließen ihn seine Kräfte auch schon wieder und seine Hand drohte von Sans Wange zu rutschen, was die Wolfsprinzessin jedoch zu verhindern wusste. Sie legte ihre Hand auf seine und hielt diese somit an Ort und Stelle.

Für einige Minuten hockte sie so da mit Ashitakas warmer Hand an ihrer Wange. Mit ihrer anderen Hand näherte sich San wieder dem Gesicht des jungen Mannes. Und dieses Mal hielt sie nicht inne. Stattdessen strich sie ihm durch die Haare und über die verschwitzte Stirn.

Ashitaka gab ein leises Geräusch von sich. Es war jedoch nicht gewiss, ob der junge Mann diese Berührungen bewusst wahrnahm oder einfach nur träumte.

Er muss einfach wieder gesund werden, dachte San. Sie spürte, dass es nicht gut um ihm stand, denn sie fühlte die heiße Stirn unter ihrer Handfläche, doch sie weigerte sich, ihn aufzugeben.

Schließlich legte sich auch San wieder hin, wobei sie dieses Mal jedoch keinen so großen Abstand ließ. Nun lag San so dicht bei ihm, dass sich ihre Körper fast berührten.

San spürte, wie sie langsam aber sicher einzunicken drohte, doch sie kämpfte dagegen an. Sie durfte nicht einschlafen, weil sie über ihn wachen musste. Und sie wollte ihn sich weiter ansehen. Ja, auch das.
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