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Glutsplitter

von Ronsen
GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Het
13.06.2016
13.04.2021
16
25.913
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Ammon schürte die Glut. Das große Feuer musste brennen, Tag für Tag. Schwerer, schwarzer Qualm sickerte durch eine große Öffnung in der Höhlendecke hinaus in die klare Luft von Himmelsrand. Die gewaltige Rauchsäule war bis nach Falkenring hin sichtbar. So wusste der Jarl des südlich gelegenen Fürstentums, dass der Bergbau wie planmäßig ablief. Uhland Glutsplitter, Pächter und Namensgeber der Mine, ging dieser Pflicht bereits seit vielen Jahren nach. Das Eisenbergwerk war ein Familienbetrieb. Ammon Glutsplitter war Uhlands einziger Sohn und rechtmäßiger Erbe der Anlage. Sehr zum Leidwesen des alten Uhland, denn Ammon war alles andere als ein großartiger Bergmann. Für einen Nord war er zum Beispiel äußert klein gewachsen. Mit gerade einmal fünf Fuß Länge vom Scheitel bis zur Sohle war er kleiner als so mancher Halbwüchsiger. Und sogar viel kleiner als seine Schwester.
„Das hat er von seiner Mutter“, pflegte der alte Uhland stets zu sagen. Ammon kannte seine Mutter nicht. Sie hatte sich das Rüttelfieber von seiner kleinen Schwester Toni eingefangen, da war Ammon kaum zwei Jahre alt.
„Aber jetzt hat es sich ja ausgerüttelt“, fügte Uhland an, wenn er von den guten alten Zeiten berichtete und rieb sich mit der dicken Pranke eine Träne aus den Augen. Dann sah er sich seinen Sohn an, sein rotblondes Haar und die Sommersprossen. All dies hatte Ammon von seiner Mutter geerbt, aber gerade die kleinen roten Pünktchen waren unter den Nord eher etwas für die Frauen.
„Die bekommen kleine Angsthasen“, wusste Uhland, „Sie bleiben am Körper, wenn man an chronischer Gänsehaut leidet.“
Natürlich wusste es Ammon es besser. Sein Spitznamen Angsthase Ammon haftete ihm jedoch genauso chronisch an wie die Sommersprossen in seinem Gesicht. Toni war in der Hinsicht äußerst kreativ. Sie kam ständig mit neuen Wortkreationen und ihr Einfallsreichtum war erstaunlich. Wenn sie ihn damit nur nicht immer durch den Honigmet ziehen würde.
Ammon arbeitsscheu, Außenseiter-Ammon und Ammon, der Alphabet (weil Analphabeten die normaleren Nord sind), waren nur einige ihrer Kreationen. Aber ganz Unrecht hatte sie natürlich nicht. Er empfand nicht dieselbe Freude am Zerschlagen von Steinen wie sein Vater oder seine Schwester. Stattdessen grub er sein Gesicht gerne in alte Bücher, die er dann und wann erstanden hatte, wenn er mal in der Hauptstadt war, um einen Erzkonvoi zu begleiten. Und seit er dereinst mit dem Hofmagier Farengar von Weißlauf gesprochen hatte, war es um ihn ohnehin geschehen. Wenn er sich schon nicht körperlich oder verbal gegen andere wehren könnte, wieso denn nicht mit der Macht seines Geistes? Sein Vater war diesbezüglich äußerst skeptisch.
„Es ist keine Schande, wenn man Bücher lesen kann“, hatte er einmal gesagt, „Wer sich mit Schrift und Arithmetik auskennt, kann ein guter Schatzmeister sein.“
Uhland sah darin einen Profit für die Geschäfte mit der Mine, also durfte Ammon in seiner Freizeit Bücher lesen. Aber bloß keines über Hokuspokus. Glücklicherweise konnte sein alter Herr die Titel der Bücher selbst nicht lesen und so konnte Ammon seiner Leidenschaft zumindest im Stillen nachgehen und von einer Zukunft außerhalb der Mine träumen, wenn Vater doch nur einen anderen Erben für den Familienbetrieb fand.
Möglich wäre das sogar. Dafür müsste Toni nur heiraten. Doch das war leichter gesagt als getan. Die anderen Arbeiter in der Glutsplittermine waren hauptsächlich arme Knochen und Tagelöhner; niemand, der Toni das Wasser reichen konnte. Und sie kam ja auch nicht draußen in der Welt herum, um einen richtigen Abenteurer kennenzulernen. So blieb eben alles beim Alten. Ammon schürte das Feuer, Toni schlug das Erz und piesackte ihn dann und wann und Uhland stapfte schwerfällig durch die Kavernen und sinnierte von der guten alten Zeit.

Doch es gab da noch jemanden in Ammons Leben, eine Rothwardonin, die ihm vom ersten Tag ihrer Begegnung an den Kopf verdreht hatte. Senna von Hammerfall. Ammon war natürlich genauso wenig ein Frauenheld, wie Toni elegant war, doch er hatte die Gunst des Zufalls (oder war es die Gunst der Götter?) am Schopfe gepackt, als er ihr eines kühlen Abends beim Holzfällen draußen vor der Mine über den Weg gerannt war. Gehüllt in Kerkerfetzen und völlig außer Atem von einer langen Hatz ahnte der junge Nordmann, dass sie womöglich aus den Gefängniszellen des nahegelegenen Ortes Helgen geflohen war. Als sie ihn das erste Mal erblickte, erschien Senna ihm wie eine verschreckte Katze. Wohl wissend, dass in Helgen ein äußerst dünnhäutiger Henkersmeister lebte, hatte Ammon sie besänftigt, ihr gut zugeredet und schließlich Schutz in der Mine angeboten.
Seinem Vater Uhland hatten sie erzählt, dass Senna eine Arbeit bei ihnen suchte und mit einem halben Gehalt konnte sich der alte Nord an ihr eine tüchtige Hilfskraft erkaufen. Dass sich Ammon und Senna verliebten, schien er zwar nicht gut zu heißen, denn es gehörte sich nicht, Met und Schwarzbier zu vermischen. Andererseits hatte er bereits befürchtet, dass Ammon eine einsame Jungfer blieb und er keinen Enkel mehr bekam. So konnte das Erbe der Glutsplitter-Familie am Ende womöglich doch noch gewahrt bleiben und unter all den Umständen war der bereits in die Jahre gekommene Uhland schließlich doch milde gestimmt.

Gegen Abend hatte sein Vater Ammon zum Wasserholen geschickt. Die Glutsplittermine besaß ihre ureigene Quelle, welche sich dank eines kleinen Wasserfalls in der untersten Minenebene zu einem idyllischen See verwandelte. Der junge Nordmann fühlte sich ausgelaugt von den Strapazen des Tages und überlegte, ob noch Zeit für eine kurze Abkühlung war. Als er mit seinem schweren Blecheimer unten angekommen war, stellte er fest, dass er nicht der Einzige mit dieser Idee war. Seine Liebste Senna schwamm im tiefen Bereich des kleinen Sees, ihr Kopf schaute heraus, doch durch das glasklare Wasser hindurch konnte Ammon selbst bei dem wenigen Licht, das abends noch durch die Höhlendecke drang, die anmutigen Konturen ihres aufregenden Körpers erkennen. Ihr kurzes, schwarzes Haar stand in alle Richtungen ab, während sie zum Wasserfall herüber kraulte. Als sie sich darunter stellte und der Wasserstrahl ihren Körper umspielte, war es um Ammon geschehen. Seine Augen leuchteten auf, sein Mund war plötzlich völlig ausgetrocknet und der Eimer in seiner Rechten schwer wie Blei. Zum Glück war er noch in der Lage, ihn langsam abzusetzen. Hätte er ihn jetzt fallen gelassen, wüsste die ganze Mine Bescheid. Er entschied sich, noch einen Moment zu verweilen und sich an ihrem Antlitz zu ergötzen, ehe er sich zu ihr gesellte. Doch soweit sollte es nicht kommen. Sie waren nicht allein.

„Ammon, der Anschmachter“, rief Toni den beiden vom Ufer aus zu. Sie erschraken gleichermaßen. Senna blickte finster zu ihr herüber, ohne sich schamvoll ins Wasser zurückzuziehen. Ammon kam sich gleich doppelt ertappt vor. Als hätte Senna die ganze Zeit gewusst, dass er sie beobachtete.
„Was willst du hier, Toni?!“, rief Ammon seiner Schwester inzwischen genervt zu, „Merkst du nicht, dass du störst?“
Toni amüsierte sich ganz köstlich an seiner Schmach. Sie wusste genau, wie furchtbar peinlich ihm eine Angelegenheit wie diese war und labte sich daran, als wäre es die größte Belohnung nach einem anstrengenden Tag wie diesem.
„Ich habe Hunger, was denkst du denn? Vater sagt, ich soll dir in den Arsch treten, wir brauchen das Wasser zum Kochen.“
„Wie wär’s mal mit Fasten, Schwesterherz?“
„Das sind alles Muskeln“, sie spannte ihren vor Schweiß glänzenden Oberkörper an, „Etwas, was dir fremd ist.“
„Ja ja, du bist der Mann in unserer Familie. Wird Zeit, dass du dir einen Bart wachsen lässt.“
Senna hatte sich inzwischen wieder angezogen und ging zwischen die beiden Zankäpfel.
„Da hast du deinen Eimer“, rief sie und drückte Toni das schwere Blechgefäß in die Hand. Die beiden Frauen schenkten sich herausfordernde Blicke. Die Rothwardonin war sogar noch ein wenig kleiner als Ammon und gegen eine Hünin wie Toni fehlte ihr mehr als ein Kopf. Genug, um sie während dieser angespannten Szene vor dem Pfeil zu bewahren, der nur haaresbreit an ihr vorbei ging und sich stattdessen in Tonis Schulter bohrte.

Ammon blickte entsetzt in Richtung des Schützen. Von oben herab kamen mehrere grobschlächtige Männer, die in Felle und Lederrüstungen gekleidet waren. Ihre Köpfe waren von dunklen Kapuzen bedeckt und zwei von ihnen zielten mit Langbögen auf Ammon und die beiden Frauen. Ein eiskalter Schauer überkam den jungen Bergmann, wie Tropfsteinwasser, das seinen Nacken hinabrann. Instinktiv schob er sich selbst schützend vor Senna, in diesem Moment blendete er alle anderen Gedanken und Sorgen aus.
„Die Flossen hoch und keine falsche Bewegung. Ihr seid jetzt unsere Gefangenen!“
Die zähe Toni knirschte vor Schmerzen und hielt sich ihre blutdurchtränkte Schulter.
„Vollidiot! Wie soll das bitte gehen, wenn ihr mir den Arm halb abschießt?!“
Die Banditen blickten einander an, vermutlich verunsichert von der Aufmüpfigkeit der hünenhaften Nordländerin. Einer von ihnen trat hervor und warf die Kapuze zurück. Er offenbarte ein fürchterlich vernarbtes Gesicht, als hätte man seinen Kopf in die Glut des Höhlenfeuers gedrückt.
„Cass“, herrschte er einen seiner Kumpane mit einer tiefen Reibeisenstimme an, „Leg sie in Ketten! Die Mine ist unser.“
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