Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Figure It Out - Effie and Haymitch

von Skyllen
Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Effie Trinket Finnick Odair Haymitch Abernathy Johanna Mason Katniss Everdeen Peeta Mellark
11.06.2016
31.07.2022
55
247.553
31
Alle Kapitel
144 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
02.09.2016 6.751
 
A/N: Hi und herzlich willkommen zu "Figure It Out"! Einige von euch kennen mich wahrscheinlich schon von der Leseprobe, die ich vor einigen Monaten bereits hochgeladen habe. Für einige von euch ist allerdings neu, dass ich ebenfalls auf Instagram (@catchingrevolution) und Tumblr (@clockworktributes) aktiv bin. Dort habe ich in den vergangenen Monaten, seit dem Veröffentlichen der Leseprobe, unregelmäßig Statusupdates über den Verlauf von "Figure It Out" informiert.
Ich war sehr überrascht über euer (nicht nur) positives Feedback und habe mich wirklich über alles sehr gefreut, weil ich dadurch gute Schlüße ziehen und Verbesserungen ausarbeiten konnte. Ich spiele schon seit einigen Wochen mit den Gedanken einfach anzufangen, meine FF zu veröffentlichen, auch wenn sie noch nicht fertig ist, aber daran arbeite ich ja gerade. Allerdings hat mich bis jetzt immer die Angst zurückgehalten, dass ich in einigen Kapitel dann noch den Plot später verändern könnte, falls sich in den neuen Kapiteln etwas ergibt. Ich glaube aber, dass nach meinem letzten totalen Eingriff in den Sommerferien (falls das hier jetzt irgendjemanden interessieren sollte), wo ich einen GROSSEN Teil von Effies Vorgeschichte verändert habe, nichts mehr ändern sollte. *bettel*
Tja, hier bin ich nun. Heute wird "Faded" einfach nur erneut hochgeladen, weil ich die Authors Note verändert habe. Ab heute werde ich aber alle zwei Wochen Freitags ein neues Kapitel hochladen. Einen "Figure It Out"-Friday also =D
Ich hoffe, ich habe euch mit meiner Logik jetzt nicht zu sehr verwirrt und wüsche den euen Lesern, viel Spaß und den alten Lesern eine großes "Welcome back"! ;)

Skyllen

DISCLAIMER: Die Geschichte ist ja mittlerweile schon 5 Jahre alt, weshalb sich der Schreibstil ab ca. Kapitel 15 um einiges verbessert lol. Außerdem: Effie und die meisten anderen Charaktere gehören nicht mir. Es werden allerdings schon bald einige neue Nebencharaktere hinzukommen. Es tut mir leid, falls jemandem von euch meine Darstellung von Effie nicht gefallen sollte. Ich habe manchmal selbst das Gefühl, die etwas zu OOC darzustellen, allerdings denke ich, dass Effie möglicherweise wirklich so in ihrem Kopf sein könnte. :)
-





Faded

Unverwandt starre ich auf die dicht aneinanderreihenden Holzhäuser von Distrikt 12. Es ist so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Die Erinnerungen an die letzte Ernte sind so präsent wie es in den vergangenen Jahren selten der Fall war. Es begann ganz gewöhnlich, wie jedes andere Jahr zuvor auch. Kamerateams, die mich von allen Seiten begleiteten, eine Eskorte aus Friedenswächtern, die jederzeit für mich zur Verfügung stand und der Bürgermeister, der mich immer persönlich empfing.

Doch dieses Jahr scheint alles anders zu sein. Die letzten Spiele haben etwas verändert. Im Kapitol interessieren sich die Leute nur für sich selbst und so wissen sie nichts von der Stimmung in den Distrikten, die vor allem während der Tour der Sieger deutlich wurde. Als Eskorte von 12 fasst man über die Jahre den ein oder anderen Wortfetzen auf. Besonders, wenn der Mentor die meiste Zeit betrunken ist. Hier draußen gibt es viele Gegner des Kapitols. Die letzten 75 Jahre sind sie still gewesen, doch ich habe das Gefühl, als habe sich das in unserer jüngsten Vergangenheit geändert.

Um den Distrikt hat sich eine Nebelwand gebildet und es ist kühler als letztes Jahr. Als wüsste das Wetter, was uns heute erwartet. Bei dem Gedanken daran wird mir flau im Magen. Aus der Ferne höre ich, wie sich die Tür des Zugs mit einem leisen Klicken hinter mir schließt. Insgeheim sehne ich mich schon danach, später wieder einzusteigen, um auf und davon zu fahren. Zurück in den sicheren Hafen des Kapitols.

Mutterseelenallein stehe ich in schwarzen Highheels und einem wunderschönen, orangenen Kleid auf dem verrotteten alten Bahnsteig von Distrikt 12. Wie ein Diamant umgeben von Steinen. Von den Kameraleuten keine Spur. Kein Blitzlichtgewitter. Nichts. Nicht einmal der Bürgermeister ist da, um mich zu begrüßen. Ich bin entsetzt darüber, dass man es überhaupt in Erwägung zieht, die Eskorte der neusten Sieger so zu behandeln.

Einzig ein kleiner Trupp aus vier Friedenswächtern wartet auf mich. Sie haben sich neben dem üblichen, schwarzen Auto postiert und betrachten mich aus wachsamen Augen. Keiner von ihnen trägt einen Helm und ich erkenne kaum eines ihrer Gesichter wieder. Nur eine junge Frau mit schwarzen Haaren kommt mir bekannt vor. Niemand grüßt oder salutiert. Sie nehmen mich in ihre Mitte, ohne zu zögern und lassen mich einsteigen. Was für Manieren

Und da weiß ich, dass es dieses Jahr anders zugehen wird. Sie haben ihr Schweigen gebrochen. Ich schließe die Augen und versuche mich an meine Anreise zu erinnern, aber mein Hirn ist zu aufgewühlt, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Die Zugfahrt habe ich vollkommen still in meinem Abteil verbracht und habe mir Mühe gegeben, so viel Schlaf wie möglich zu kriegen. Nicht aus Müdigkeit, sondern um meinen Gedanken zu entkommen, die in den Wochen seit Bekanntgabe des Jubeljubiläums keine Ruhe geben wollen. Das Einzige, was ich vor meinem geistigen Auge sehe, ist mein Notizbuch, aber auch diese Erinnerung scheint merkwürdig verschwommen. Die letzten Monate seit der Kundgabe sind wie in Trance für mich vergangen. Eigentlich hätte ich mich wie wild darauf freuen sollen, so wie meine Familie und alle Bekannten es tun. Ein Teil von mir, der die immerwährende, fröhliche Präsenz nach außen wart, tut dies auch. Doch die Effie, tief in mir drin, die nur selten das Licht der Welt sieht, kann sich nicht dazu aufraffen. Jetzt, wo es plötzlich persönlich wird.

Sie müssen zurück in die Arena. Andere Gedanken finden in meinem Kopf keinen Platz. Natürlich weiß ich, dass es anders sein sollte. Ich darf nicht so für sie empfinden, aber ich kann nicht anders. All die Tribute, die wir verloren haben, bis das Schicksal es endlich gut mit uns gemeint hat. Natürlich kann ich sie nicht einfach gehen lassen.

Niemand kennt sie so, wie ich sie kenne. Die Menschen im Kapitol, die sich gegenseitig abschlachten würden, nur um eine Minute den Raum mit einem Sieger zu teilen, denken, alles über sie zu wissen. Aus den zahlreichen Interviews, bunten Magazinen oder diversen Galas und offiziellen Veranstaltungen. Sie haben ja keine Ahnung. Sie wissen nicht, wie es ist, nachts von Haymitchs Schreien geweckt zu werden, wenn ihm der Alkohol im Zug ausgegangen ist und er sich durch seine Albträume quälen muss. Oder wenn Katniss um all die toten Kinder weint, die nicht anders waren als sie und sie trotzdem gezwungen war, sie zu töten. Peeta, der uns nichts von seinem Kummer aufbürden möchte und man doch den abwesenden Ausdruck in seinen Augen sieht, wenn er daran zurückdenkt. Nein, sie werden sie nie so verstehen, wie ich es tue. Dabei bin ich selbst nicht mal in der Lage, einen Großteil ihres Schmerzes nachzuvollziehen.

Die letzten zehn Jahre haben einiges von mir abverlangt. Es war eine sehr schwierige Zeit. Für mich und Haymitch. Dabei hatte damals alles so gut für uns begonnen. Doch die 64. Hungerspiele sind ein Jahr, an das ich heute kaum noch zurückdenke, zu dem mir der Großteil jeglicher Erinnerungen fehlt. Aus gutem Grund, flüstert eine Stimme in meinem Kopf, die mich davor warnt, diesen Pfad meiner Vergangenheit jetzt zu bestreiten. Ich verstehe, dass es Haymitch nicht leichtgefallen ist, einer Frau zu vertrauen, die aussieht wie die Menschen, die seine Familie ermordet haben und für das viele Leid in seinem und vieler anderer Leben verantwortlich sind. Ich war jung, naiv und hatte Großes vor. So wie jede Frau, die Betreuerin eines Distrikts werden möchte.

In meinen ersten Jahren als Eskorte von 12 gab es zwischen uns beiden nichts als Auseinandersetzungen. Mir jedes Jahr aufs Neue dabei zuzusehen, wie ich versuchte, unseren Kindern jegliche Hilfe zukommen zu lassen, die in meiner Macht stand, muss ihm nicht gut bekommen sein. Vergebliche Hilfe. Nach unserem ersten gemeinsamen Jahr hat Haymitch lange versucht, mich loszuwerden. Es gab Jahre, in denen er mit seinen leeren Weinflaschen nach mir warf oder jegliche öffentliche Auftritte sausen ließ, aber er ist schnell erfindungsreicher geworden, als er merkte, dass er mich nicht so leicht zu meinem Rücktritt drängen könnte. Irgendwann fing er damit an, mich vor laufender Kamera zu blamieren. Es war unglaublich unangenehm und er hatte endlich etwas gefunden, was ihn von seinen Schmerzen ablenkte, weil er es auf irgendeine Weise tatsächlich amüsant fand. Der Säufer aus 12 und seine verzweifelte Eskorte. Allerdings hatte Haymitch sich in einem Punkt getäuscht: Denn falls er gedacht hatte, ich würde kündigen und mir einen neuen Job suchen, dann hatte er das Holz, aus dem ich geschnitzt bin, unterschätzt.

Irgendwann fingen wir schließlich an, unsere Auseinandersetzungen mit Worten auszufechten. Haymitch tat alles, um mich zu verletzten, aber ich zeigte ihm nicht, dass mir seine Worte manchmal wirklich wehtaten. Seine Vorurteile. Sein ergötztes Wissen, über meine Beweggründe für die Hungerspiele zu arbeiten. Für Snow zu arbeiten, wie er es manchmal nannte, wenn er vollkommen den Verstand verloren hatte. Vielleicht hielt er mich damals wirklich für eine Verrückte aus dem Kapitol, die nichts Besseres zu tun hatte, als sein Leben zur Hölle zu machen.

Heute ist es anders. Heute sind Haymitch und ich so etwas wie Freunde. Auch wenn ich sehr vorsichtig mit diesem Begriff umgehe. Haymitch und ich haben eine schwierige Vergangenheit und über einige der Dinge, die er getan hat, um mich zu verletzten, kann und will ich nicht hinwegsehen. Auch wenn ich sie tief in einer Schublade meines Gedächtnisses begraben habe. Mittlerweile liegen so viele Jahre dazwischen, dass wir beide heute einfach so tun, als wäre dieses eine Jahr nie geschehen. Als wären die 65. Hungerspiele unser gemeinsamer Anfang gewesen. Und obwohl heute ein stabiles Gerüst des Vertrauens zwischen uns herrscht, muss merkwürdig sein, uns bei unseren Debatten zuzuschauen, denn diskutieren tun wir immer noch. Ich ermahne ihn und er provoziert mich, wo er nur kann. Doch heute kann man sagen, dass er mich nicht sofort den Löwen zum Fraß vorwerfen würde, könnte er über mein Schicksal entscheiden.

Und wie komisch unsere Beziehung auch ist und wie sehr er mich all die Jahre gequält hat, will ich nicht diejenige sein, die ihn zurück in die Arena schickt. Das würde ich mir nicht verzeihen. Doch genauso wenig würde ich es mir verzeihen, Peeta zurückzuschicken. Oder Katniss.

Ich weiß, dass ich es nicht ein zweites Mal ertragen werde. Der Geist der Spiele. Dunkel erinnere ich mich an meine Worte, mit denen ich Katniss letztes Jahr lächelnd auf die Bühne geholt habe, nachdem sie sich freiwillig für ihre Schwester gemeldet hatte. Damals habe ich noch nicht geahnt, was hinter ihrer Fassade stecken würde. Ich habe nicht geahnt, dass sie alles dafür tun würde, um zu ihrer Familie zurückzukehren. Es war das erste Jahr, in dem Haymitch und ich uns nach all den vielen toten Tributen zusammengesetzt und uns wirklich gekümmert haben, dass die beiden eine Chance haben. Es war eine herzzerreißende, nervenzerreibende Zeit, aber wir haben sie überstanden. Wir alle vier. Diese Zeit hat uns zusammengeschweißt. In Haymitch und mir hat sie einen alten Funken wiedererweckt, mit dem ich bis heute noch immer nicht wirklich etwas anzufangen weiß.

Allerdings habe ich schnell erfahren, dass der Triumph unseres Sieges, nicht von Dauer sein würde. Als ich die drei zur Tour der Sieger wiedergesehen habe, war die Luft um Katniss und Peeta bereits anders. Sie sind nicht mehr dieselben Kinder, die vor etwas mehr als einem Jahr die Arena betreten haben. Die Spiele haben sie gezeichnet und ihnen ewige Narben zugefügt.

Die Tour der Sieger war das erste Mal, dass ich einen anderen Distrikt als 12 besucht habe. Selbst Haymitch, den sonst kaum etwas beeindruckt, war überrascht, als sie bereits in Distrikt 11 einen bitteren Lauf nahm. Falls er geahnt hatte, wie die Stimmung in den anderen Distrikten sein würde, war er nicht auf das vorbereitet gewesen, was uns für den Rest der Tour begleitete. Ihm war nicht einmal die Zeit geblieben, seinen Freund Chaff zu besuchen, weil die Friedenswächter uns nach Ende der offiziellen Veranstaltung sofort zurück zum Zug eskortiert hatten.

Es musste etwas mit den schlechten Stimmungen in den Distrikten zu tun gehabt haben, als Peeta Katniss kurz darauf einen Heiratsantrag machte. Es fühlte sich nicht echt an. Besonders, weil sie sich im Zug nicht einmal in die Augen sehen konnten. Und ich kenne sie. Haymitch meinte zwar, das alles in bester Ordnung wäre, aber das hat er schon immer gesagt. Vielleicht, weil er nicht dachte, dass ich mehr sein könnte als eine Puppe des Kapitols. Auch wenn er sich getäuscht hat.

Auch ich habe mich im Laufe der Hungerspiele verändert. All die Jahre war ich drauf und dran alles zu tun, um eines Tages einen wohlgesinnteren Distrikt zugeteilt zu bekommen. Um meinen Eltern zu beweisen, dass ich mehr war als nur das zweite Kind. Ich wollte den Erfolg, brauchte ihn, um mich in meiner Karriere bestätigt zu fühlen, brauche es heute immer noch. Doch damals erschien es mir, wie die einzige Möglichkeit, mich zu beweisen. Nur die wenigsten schaffen es durch die Auswahlverfahren, bis sie sich selbst Betreuerin eines Distrikts als Teil der Hungerspiele nennen dürfen.

Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass die Spiele mehr sind als eine weitere Show, die sich in das Abendprogramm im Fernsehen einreiht. Bis heute frage ich mich, wie es mir früher entgehen konnte, wie ich so blind sein konnte. Haymitch war mir nie eine große Hilfe, unsere Tribute aus der Arena zu retten. Ich scheiterte jedes Jahr aufs Neue, während er sich jedes Jahr aufs Neue zudröhnte, um seinen Dämonen zu entkommen. Rückschlag um Rückschlag wurde schnell zur Routine. Ich wollte es nicht, gab mir Mühe dagegen anzukämpfen, härter zu arbeiten, aber ohne einen engagierten Sieger an meiner Seite, konnte ich von Sponsoren nicht viel erwarten. Haymitchs Verhalten zog mich tiefer in meine eigene Depression. Jedes Mal, wenn ich ihm in die Augen schaute, sah ich all den Schmerz, den er durch den Alkohol zu verdrängen versuchte. Ich war dankbar, dass ich meine Gefühle hinter der Wand aus Make-Up, bunten Kostümen und einem künstlichen Akzent verstecken konnte. Ich wüsste nicht, was sonst aus mir geworden wäre.

Und dann veränderte sich mit den 74. Hungerspielen plötzlich alles auf einen Schlag. Ein tiefes Ausatmen, nachdem man unter Wasser viel zu lange die Luft angehalten hatte. Mit dem Moment, in dem sich Katniss für ihre Schwester meldete, war uns klar, dass es anders ablaufen würde. Denn sie war anders. Sie war für jemanden gegangen, denn sie liebte. Jemanden, für den es sich lohnte, zurückzukehren. Auch in Haymitch schienen sie irgendetwas zu entfachen, denn mit einem Mal trank er weniger und beteiligte sich. Es war, als wäre eine neue Ära angebrochen.

Es war für uns beide eine völlig neue Erfahrung, mit zwei beinahe erfahrenen Tributen zu arbeiten. Katniss, die alles dafür tat, nach Hause zurückzukehren, zeigte mir, dass das Leben jedes einzelnen Menschen trotzdem zu viel wert war, um in den Hungerspielen ein sinnloses Ende zu finden. Rue. Ich habe sie so sehr in mein Herz geschlossen, dass es mich ein wenig an mein erstes Jahr erinnert, in dem diese Zuneigung sich in den ersten, eisigen Schmerz verwandelt hatte.

Heute ist der Tag, an dem ich über das Schicksal von zwei noch so jungen Menschen entscheiden werde. Entscheiden muss.

Seufzend hebe ich meinen Kopf und versuche an einem der Friedenswächter vorbeizuspähen. Von weit kann man das Gerichtsgebäude erkennen. Die aufgehende Sonne spiegelt sich in seinen dreckigen Fenstern. Das Auto setzt sich ruckelnd in Bewegung. Es ist dasselbe Auto, mit dem ich schon so viele andere Tribute zum Bahnsteig begleitet habe. In den Tod begleitet habe.

Mit zusammengepressten Lippen starre ich auf meine Hände und versuche, die Verzweiflung zurückzuhalten. Sie zittern. Was ist nur los mit mir? Erst jetzt sehe ich, dass sich mein Kleid beim Hinsetzten zerknittert hat. Es ist mir egal. Wie kann ich mir heute Sorgen um ein zerknittertes Kleid machen? Reiß dich zusammen, Euphemia! Was sollen deine Eltern über dich denken?

Keine fünf Minuten später halten wir vor dem Gerichtsgebäude. Schweigend steige ich aus und betrete das Gebäude durch den Hintereingang. Ich habe zwei Stunden, bevor die Ernte beginnen und zwei Tribute fordern wird. Mir wird mulmig bei dem Gedanken daran. Wen wird es treffen? Katniss sowieso. Es muss ein Schock für sie gewesen sein. Für sie war die Arena weitaus schlimmer als für Peeta. Peeta oder Haymitch? Haymitch oder Peeta?

Eigentlich besuche ich Haymitch vor der Ernte, um sicherzugehen, dass er etwas Gebührendes trägt. Dieses Jahr ist es mir verboten irgendeinen von ihnen zu sehen, bevor es losgeht. Ich weiß nicht wirklich, was das bringen soll, aber es ist nun mal das Gesetz. Wenn ich ehrlich bin, könnte ich niemandem von ihnen jetzt noch helfen. Stattdessen sollten sie mich lieber verabscheuen, so wie es sich gehört.



oOo




Die Sonne steht am Horizont und scheint eisern auf uns herab. Es ist heißer, als ich nach dem Nebel heute Morgen erwartet habe. Die Bewohner von Distrikt 12 stehen schweigend und schwitzend unter der glühenden Mittagssonne. Von allen Seiten Maschinengewehre auf sie gerichtet. Wieder hört man nur meine Highheels, als ich das Podium vor dem Gerichtsgebäude betrete. Es ist mir beinahe unangenehm.

Und da erst sehe ich sie. Das Wiedersehen nach mehreren Monaten trifft mich wie ein Schlag. Eingepfercht wie Tiere stehen sie in abgesperrten Bereichen. Katniss links und Haymitch und Peeta rechts von mir. Sie werfen mir Blicke zu. Starren durch mich hindurch. Nicht wütend, eher konzentriert und abwesend, als hoffe jeder von ihnen auf einen anderen Ausgang der Auslosung.

Sie rauben mir das letzte Stückchen Mut, an das ich mich geklammert habe. Unsicher schwanke ich zum Mikro und begrüße alle Anwesenden zur Ernte des Jubeljubiläums mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Heute liegt es mir schwerer auf den Lippen als sonst und ich hoffe, dass die Kameras es nicht bemerken. Meine Goldperücke spiegelt sich im Mikro und für einen kurzen Augenblick sehe ich meine traurigen Augen. Was werden die Leute im Kapitol wohl über meine heutige Vorstellung denken? Was werden meine Eltern denken? Was wird Snow denken?, fragt eine Stimme die sich mehr nach Haymitch anhört als nach meiner eigenen.

Ich verzichte auf unnötiges Geplapper und gehe geradewegs auf die Loskugel der Mädchen zu. Katniss starrt emotionslos geradeaus. Ich werfe ihr einen nahezu mitleidigen Blick zu, so viel, wie ich mir vor dem Publikum erlauben darf. Dann greife ich nach dem einzigen Zettel, falte ihn auseinander und lese Katniss' Namen vor. Meine Stimme ist leise und scheint von weit her zu kommen. Doch in ihr schwingt noch etwas anderes mit. Einspruch. Nein, ich bin nicht damit einverstanden. Mein erster Fehler.

Katniss tritt vor. Eine einzige Träne kullert ihr über die Wange. Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen, aber jeder weiß, dass das nicht geht. Es würde wie ein Verrat aussehen. Und meine Stimme war schon Verrat genug. Und jeder weiß, was mit Verrätern passiert. Seneca Crane ist das jüngste Beispiel.

Dann gehe ich hinüber zu der Kugel der Jungs. Ich werfe beiden einen kurzen Blick zu. Haymitch erwidert meinen Blick. Anders als sonst. Er sieht nicht besorgt aus, aber ein Funke der Verärgerung spiegelt sich in seinen Augen. Hör auf, dich so blöd anzustellen, versucht er mir zu sagen. Abrupt reiße ich mich von seinen Augen los, lächele in die Kamera und falte den Zettel auseinander.

Für einen ewiglangen Moment scheint die Welt stillzustehen. Ich starre einfach auf den Zettel und ringe um Fassung. In meinem Inneren kämpfe ich gegen die Welle der Panik an, die mich zu überrollen droht. Nein nein nein! Ich würde ihn nur in Gefahr bringen, wenn ich meine Stimme nicht unter Kontrolle habe.

Doch ich mache mir zu viele Sorgen, denn noch bevor ich Haymitchs Namen zu Ende lesen kann, hat sich Peeta bereits freiwillig gemeldet.

Es ist totenstill auf dem Platz. Ich stehe einfach nur da, darauf wartend, dass Peeta zu uns vortritt, zu verdatternt, um etwas zu dem Geschehen zu kommentieren. Ich weiß nicht, ob ich erleichtert, oder bestürzt sein soll. Haymitch sieht wütender aus als zuvor. Er hält Peeta am Arm fest und murmelt irgendetwas in sein Ohr, aber in meinen Ohren pulsiert es zu stark, als dass ich etwas verstehen könnte.

Ich kann Haymitchs Wut nicht nachvollziehen. Er kann an Peetas Meldung sowieso nichts mehr ändern. Einmal gemeldet gibt es kein Zurück mehr. Es sieht beinahe so aus, als würde Haymitch in die Arena gehen wollen, obwohl das natürlich absurd ist. Haymitch verabscheut die Arena.

Nach kurzem Zögern schafft Peeta es, sich an Haymitch vorbeizudrücken und stellt sich rechts von mir auf, um sich den Menschen aus seinem Distrikt entgegenzustellen. Ich weiß nicht, wie ich auf den absurden Gedanken komme, doch plötzlich frage ich mich, wie es wäre, wenn das hier mein Distrikt wäre. Wenn ich in die Arena müsste. Wenn ich jede dieser Leute persönlich kennen würde. Haben Katniss und Peeta eine Verantwortung über sie?

Die Leute starren die beiden einfach nur mit eisernem Schweigen an. Genauso wie letztes Jahr. Nicht bedauernd. Und doch drückt ihr Schweigen etwas aus. Denn etwas in ihren Augen brennt. Wie ein Feuer. Stolz. Mit einem Mal verstehe ich, dass sie mit ihrem Schweigen das Kapitol strafen. Sie drücken ihren Protest aus. Dann heben sie, beinahe synchron, ihre Hände und strecken den beiden ihre drei mittleren Finger entgegen. Es hat sich verändert. Dieses Jahr wird alles anders.

Und das macht mir wirklich Angst. Starr schaue ich in die Menschenmenge und presse unwillkürlich die Lippen aufeinander. Ich weiß nicht, was es ist, doch irgendetwas sagt mir, dass wir jetzt lieber gehen sollten. Ich verabschiede mich von Distrikt 12 und wünsche ihnen fröhliche Hungerspiele. Als die Kameras ausgehen, drehe ich mich zu Katniss und Peeta, um sie zu ihren Familien zu begleiten. Die Verabschiedung ist der letzte Punkt auf der Liste, bevor es zurück zum Zug geht.

In diesem Augenblick erscheint plötzlich der Oberste Friedenswächter. Zumindest trägt er seine Uniform, doch der Mann darin ist ein anderer. Harte Gesichtszüge, kurzgeschorene Haare. Eine Brutalität in seinen Augen, die mich unwillkürlich in meinem Schritt verharren lässt. Bevor Haymitch oder ich reagieren können, hat er Katniss und Peeta am Arm gepackt und zerrt sie ins Gerichtsgebäude. Er murmelt irgendetwas in Katniss‘ Ohr, denn ich sehe, wie sich seine Lippen bewegen. Augenblicklich wirft sich Katniss gegen seinen Griff und starrt ins Publikum. Zu Prim.

„Nein“, fährt sie den Friedenswächter mit einem Anflug von Panik in ihrer Stimme an. „Ich darf mich noch verabschieden!“ Rasch folge ich ihnen, drauf und dran etwas zu sagen, Katniss ruhig zu stimmen. Natürlich darf sie sich verabschieden.

„Planänderung“, brüllt der Mann so laut, dass die Menschen auf dem Platz inklusive Prim, die in der ersten Reihe steht, es verstehen können. Dann bohren sich seine Augen mit einem Mal in meine. Wieder bleibe ich stehen und spüre das plötzliche Verlangen einen Schritt zurückzumachen. „Sie werden sie sofort zum Zug begleiten“, fordert er mich und dreht sich auf dem Absatz um und verschwindet mit den beiden ins Gebäude. Prim beginnt zu schreien.

„Kein Widerspruch, Süße?“, höre ich Haymitchs Stimme neben mir. Seine Stimme klingt amüsiert, doch sein Gesicht ist ernst. Hinter uns schließen sich die Türen des Gerichtsgebäudes mit einem berstenden Krachen.

Ich zucke genervt mit den Schultern. „Es ist auch schön dich zu sehen“, bemerke ich eisern und stolziere an ihm vorbei, Katniss und Peeta hinterher. Dass er bisher bessere Manieren auf den Tisch gelegt hat als der Oberste Friedenswächter, erwähne ich nicht. „Hier hat sich ja ganz schön was getan. Neuer Oberster Friedenswächter?“

Haymitch wirft mir einen warnenden Blick zu. „Romulus Thread. Wenn er dir etwas sagt, dann tu es einfach. Wir hatten schon genug Probleme mit ihm.“ Er holt mich schnell auf und läuft neben mir her, während wir den Gang zum Hinterausgang entlanglaufen. Für den Tag der Ernte wirkt er überraschend nüchtern.

Keine harmlose Aussage, die er da zum Besten gibt. Ich werfe ihm einen Blick zu und nicke, harke aber nicht weiter nach. Wir alle haben die Auspeitschung von Katniss Cousin im Fernsehen gesehen. Das ist der falsche Ort für ein solches Gespräch. Wir holen Katniss und Peeta schnell ein, die von einer totschweigenden Eskorte von Friedenswächtern umringt sind als wären sie Verbrecher.

Für einen Augenblick lasse ich meine Maske fallen und funkele Thread wütend an, der mit dunkler Miene an uns vorbeirauscht. Ich öffne meinen Mund, um ihn zurechtzuweisen, doch Haymitch packt mich am Arm und stoppt mich in meiner Bewegung. Unbemerkt zieht er mich an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er erzürnt das Gesicht verzieht. Automatisch presse ich die Lippen aufeinander, damit ich ihn gleich nicht anfahre, falls er mich anschnauzt. Es gehört sich nicht für eine Lady. Aber Thread hat kein Recht, sich in meine Arbeit einzumischen. Wann wir 12 verlassen, steht unter meiner Verantwortung.

Stattdessen bekomme ich von Haymitch eine Standpauke zu hören. Als wir das Gebäude verlassen, lässt er sich ein wenig zurückfallen, bevor er seinen Griff löst. „Mach so etwas nicht noch einmal“, zischt er. „Du bringst dich und den Rest von uns damit nur in Gefahr.“

Fassungslos drehe ich mich zu ihm um. „Bitte was?“ Meine Stimme schnellt zwei Oktaven in die Höhe und die Empörung ist nicht zu überhören.

„Du weißt ganz genau was ich meine, Effie“, gibt er barsch zurück und ich weiß, dass er es ernst meint, denn er nennt mich nur selten bei meinem Namen. „Du kannst nicht einfach dort auf dem Podium stehen und der ganzen Nation deinen Verdruss mitteilen. Wo war dein Kopf, verdammt?“

Meine gesammelte Wut löst sich von jetzt auf gleich in Luft auf. Erstaunt treffen sich unsere Augen. Für einen Augenblick herrscht Stille. „Ich … - Es ging einfach nicht“, gebe ich zu.

Sein Blick wird ein wenig sanfter. „Sonst kannst du das doch auch.“

Unverstanden schüttele ich den Kopf. „Aber jetzt ist es anders. Es tut mir leid, ich wollte niemanden in Gefahr bringen.“ Wenn er es gesehen hat, dann haben es meine Eltern auch gesehen.

„Es geht nicht um uns, Süße. Wir sind sowieso so gut wie erledigt, aber was ist mit dir? Noch hast du eine weiße Weste und ich will, dass dem auch so bleibt.“ Mit diesen Worten kommen wir am Auto an und er schlüpft hinten in den Wagen.

Ich antworte nicht, werfe ihm nicht einmal einen Blick zu. Wenn ich den Mund aufmache, sage ich vielleicht etwas, das ich später bereuen werde. Meine Gefühle würden mich übermannen. Noch nie zuvor habe ich mich selbst so verzweifelt gefühlt wie heute und nach zehn Jahren als Betreuerin von Distrikt 12 ist diese Aussage eine Hausnummer. Wie kann eine Frau, die alljährlich die Namen von zum Tode verurteilten Kindern zieht, eine weiße Weste haben?



oOo




Zurück am Bahnhof stoßen wir auf Katniss und Peeta. Auch jetzt stehen keine Kamerateams bereit. Niemand steht bereit. Die armen Kinder durften sich nicht einmal von ihren Familien verabschieden. Wie viel Kraft es sie wohl kosten muss, nicht von den eigenen Gefühlen übermannt zu werden? Ich sehe, wie sie sich an den Händen halten und dem jeweils anderen stillschweigend Trost spenden. Es bricht mir beinahe das Herz. Jetzt muss ich erst recht für sie stark sein, sie brauchen Haymitch und mich wahrscheinlich mehr als jemals zuvor.

Sobald wir alle eingestiegen sind, setzt sich der Zug in Bewegung. Katniss und Peeta verschwinden in ihre Abteile. In Ruhe setze ich mich im Gemeinschaftsraum an den Tisch und werfe einen Blick auf unseren Zeitplan, bevor ich mich meinen Nägeln widme. In ungefähr zwölf Stunden werden wir im Kapitol eintreffen.

Ich höre, wie die Tür zum Abteil sich öffnet. Ohne meinen Blick von meinen Nägeln heben zu müssen, erkenne ich Haymitch an seinen schweren Schritten. Vielleicht denkt er, ich hätte ihn nicht kommen hören, denn er begrüßt mich. Dann bedient er sich am Alkohol. Ich seufzte laut, damit er meine Frustration hört. Jetzt hebe ich endlich den Kopf und stelle die kleine Flasche Nagellack auf den Tisch.

„Du weißt, dass du das nicht tun kannst. Denk an die beiden“, sage ich und schaue ihn an. Wie oft habe ich schon versucht, ihn vom Trinken abzuhalten? Haymitch hat nie auf mich gehört und mir Bemerkungen an den Kopf geworfen, die ich nur mit Mühe unerwidert lassen konnte.

Ich höre das Klappern einer Flasche und beobachte Haymitch dabei, wie er sich einen Drink einschüttet. Er hat ein wenig an Muskeln zugelegt und sieht gesünder aus. Was haben Peeta und Katniss bloß mit ihm gemacht? Kraftlos lässt er sich auf der Couch nieder. Er trinkt in so hastigen Zügen, als wäre es das einzige, das ihn am Leben hält. Dann rümpft er die Nase und schaut das erste Mal direkt in meine Richtung. „Kannst du das nicht irgendwo anders machen? Ich will nicht an einer Kunststoffvergiftung sterben, nur weil du das nicht in deinem Abteil machst.“

Ich kneife die Augen zusammen und starre auf meine Nägel. Der Geruch des Nagellackes ist bissig, aber man gewöhnt sich daran. Haymitch muss immer übertreiben. „Du kannst ja wieder gehen“, erwidere ich spitz und greife wieder nach dem Nagellack.

Haymitch murmelt eine Erwiderung, die sich wie ein Nein anhört. Seine Stimme klingt weit entfernt. In Gedanken ganz woanders. Ich packe meine Sachen zusammen und setze mich auf den Sessel neben die Couch. „Ihr habt einen Plan“, bemerke ich ruhig.

Haymitch hat sich auf dem Sofa ausgestreckt und öffnet kurz die Augen, um mich zu mustern. Dann, als würde ihm etwas missfallen, schließt er sie wieder und wartet wahrscheinlich darauf, dass ich ihn in Ruhe lasse, damit er schlafen kann. In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass er nicht gern im Dunkeln schläft.

Über die Jahre habe ich vieles über ihn erfahren. Manches hat er mir erzählt, andere Dinge sind ihm unfreiwillig über die Lippen gegangen. Allerdings macht er mich nach all der Zeit immer noch wahnsinnig wie am ersten Tag. Jedes Jahr aufs Neue. Sogar nüchtern ist er ein Griesgram. Das war nicht immer so, flüstert eine Stimme in meinem Kopf, doch ich ignoriere sie.

„Du bist zwar ihr Mentor, aber du darfst nicht vergessen, dass ich ihre Betreuerin bin. Ich sollte also auch Bescheid wissen“, kläre ich ihn mit einem Hauch von Schärfe in meiner Stimme auf. Haymitch lässt mich gerne an der Seitenlinie stehen, weiht mich selten in seine Pläne ein. Wenn er denn überhaupt Pläne hat.

Müde schaut Haymitch mich an. Seine grauen Augen wirken beinahe verzweifelt. Eigentlich zeigt Haymitch Abernathy seine Gefühle nicht offen, das habe ich mit der Zeit ebenfalls gelernt. Katniss und Peeta haben ihn verändert. Sie haben ihm Hoffnung gegeben. „Lass es gut sein, Süße“, meint er nur, bevor er aufsteht und das Abteil verlässt. Gibt er sich geschlagen?

Ich starre auf meine Hände und frage mich, was er wohl über mich denkt. Was er wohl damals über mich dachte. Die verrückte Frau aus dem Kapitol, die denkt sie wüsste, wie es ihnen geht. Ich habe kein Mitleid mit ihm. Es ist seine eigene Schuld, dass er zu dem Mann geworden ist, der er heute ist. Allerdings zweifele ich daran, dass er es hätte verhindern können.



oOo




Als es Zeit fürs Abendessen ist, klopfe ich bei Katniss und Peeta. Haymitch wird schon von selbst auftauchen, wenn er hungrig ist. Und das tut er tatsächlich.

Schweigend sitzen wir am Tisch. Die Stimmung ist bereits gekippt und trotzdem versuche ich hier und da ein Gesprächsthema anzustoßen. Ohne viel Erfolg. Von Zeit zu Zeit ein Kommentar von Peeta, sonst nichts. Katniss ist mit ihren Gedanken ganz woanders und Haymitch benötigt all seine Kraft, um dem Alkohol zu widerstehen.

„Ich finde deine Frisur toll“, sagt Peeta, bemüht, unbeschwert zu klingen. Er möchte nicht daran denken, dass er seine Familie zurückgelassen hat. Wahrscheinlich weiß er, dass er nicht zurückkehren wird. Bedauern tut er es allerdings auch nicht.

Ich lächle ihn über den Tisch hinweg an. „Danke. Sie sollte extra zu Katniss' Brosche passen. Wenn wir noch ein goldenes Armkettchen für dich finden und für Haymitch vielleicht einen goldenen Armreif oder so was, dann sehen wir aus wie ein Team, dachte ich“, erzähle ich ihm und den anderen von meiner Vorstellung.

„Ich halte das für eine großartige Idee“, sagt Peeta und klingt höchst interessiert. „Was meinst du, Haymitch?“ Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, ob Peeta seine Worte ernst meint oder sie nur gesagt hat, um die Stimmung zu lockern. Er ist gut darin, einem ein gutes Gefühl zu geben. Erwartungsvoll blicke ich zu Haymitch. Bei ihm kann ich mir sicher sein, die Wahrheit zu hören.

„Von mir aus“, murmelt er und ich merke, dass er immer noch dagegen ankämpft, sich dem Alkohol hinzugeben. Schweigend gebe ich dem Avox, der uns bedient, ein Zeichen, dass er mein Weinglas mitnehmen kann. Ein Team unterstützt sich doch gegenseitig, nicht wahr? Und bisher habe ich Haymitch nie in diesem Zustand gesehen. Kurz werfe ich ihm einen Blick zu und sehe, wie er mich anstarrt. Nur für einen Moment, dann huscht sein eigener Blick wieder auf sein Essen.

„Vielleicht können wir für dich ja auch eine Perücke bekommen?“, platzt es aus Katniss heraus. Ich höre sie heute zum ersten Mal sprechen und ihre Stimme macht einen leicht resignierten Eindruck. Allerdings verrät sie ihr kurzes Grinsen.

Haymitch ignoriert sie und macht sich, genauso wie die anderen, über seinen Nachtisch her. Im ersten Augenblick wundert es mich immer wieder, wie sie ihr Essen geradezu verschlingen, während ich es ganz gemächlich verspeise. Doch dann erinnere ich mich immer daran, dass sie solche Speisen nicht jeden Tag zu Gesicht kriegen, und schäme mich für meinen Gedankengang.

Nachdem sie aufgegessen haben, schlage ich vor, die Zusammenfassung der Ernte anzuschauen. Obwohl ich nicht einmal mit dem Hauptgang fertig bin, werfe ich einen Blick auf meine Uhr, stehe ich auf und setzte mich auf die Couch. Die anderen folgen mir mit langsamen Schritten. Peeta hat einen Notizblock in der Hand. Daran erkenne ich, wie sehr sich diese Spiele von den anderen unterscheiden. Seine Finger umklammern den Block, wie ein lebenswichtiges Organ.

Die Zusammenfassung beginnt und selbst ich erkenne einige der Sieger wieder. Und es ist ein regelrechter Schock. Als Finnick mit einem Mal auf der Bühne steht, werfe ich Haymitch einen ungläubigen Blick zu, aber ich wage es nicht zu sprechen. Finnick kann unmöglich wieder in die Arena!

Ich lernte ihn kennen, ein Jahr nachdem er seine Spiele als jüngster Sieger aller Zeiten gewann. Er war für sein Alter unheimlich gutaussehend und vor der Kamera ein wahrer Charmeur. Doch die Realität um ihn sah anders aus. Finnick ist einer der wenigen Freunde von Haymitch, die immer nett zu mir waren. Er ist ein guter Junge, aber sein Aussehen wurde ihm schnell zu Verhängnis. Nach seinem Sieg hing er viel mit Haymitch und Chaff herum, sodass ich einiges mitbekam. Das Kapitol ließ ihm zwei Jahre, bis sie seinen Körper verkauften. Ich erinnere mich noch gut an den Abend, als er zu uns ins Penthouse kam, zitternd vor Angst und uns alles erzählte. Es war zwar nicht das erste Mal, dass mir das Grauen bewusstwurde, mit dem manche Sieger konfrontiert wurden und doch war es etwas anderes, es in Finnicks Gesicht zu sehen, anstatt es aus zweiter Hand zu hören. Haymitch wusste sofort, dass es keinen Weg gab, Finnick zu helfen. Er war damals erst 16. Jetzt, acht Jahre später, hat er sich mit seiner Situation irgendwie zurechtgefunden, auch wenn wir kaum darüber reden. Finnick hat es nicht verdient, zurück in die Arena zu müssen.

Haymitch erwidert meinen Blick und man kann ihm ansehen, dass er mit der Entwicklung der Ernte nicht zufrieden ist. Für Finnick war Haymitch immer eine Art Orientierungsperson. Kein Vater, aber jemand, dem er vertrauen konnte. Und nun, wo Haymitch bereits zwei eigene Kinder im Rennen hat, wird er hilflos dabei zusehen müssen, wie ein weiterer seiner Schützlinge geradewegs dem Tod entgegensteuert.  

Wir können nichts weiter tun, als das Geschehen getroffen weiterzuverfolgen. Es sind nur Aufzeichnungen, wir könnten sowieso nichts ändern. Und doch kann ich nicht anders, als mir den Mund fassungslos zu verdecken, als sich Mags für Annie Cresta meldet. Mags, eine weitere von Haymitchs Freunden. Zum Glück haben sich Katniss und Peeta vor uns auf das andere Sofa gesetzt. Sie sind zu sehr vom Bildschirm gebannt, um meine Reaktion zu bemerken.

Johanna Mason wird als einzige noch lebende Siegerin aus Distrikt 7 gezogen. Die junge Frau hat sich mir gegenüber schon immer derb und unangemessen verhalten. Ich mag sie nicht sehr gerne, aber das ändert nichts daran, dass ich Mitleid für sie verspüre.

Dann wird Chaff gezogen und ich bin mir sicher, dass das hier keine Zufälle sein können. Das hier ist Haymitchs Trupp. Sie sind seine Familie, ein Teil seines Lebens. Und so sehr Haymitch seine Gefühle auch leugnen mag, kann er nicht bestreiten, dass sie in den vergangenen Jahren zu seinen engsten Bekannten geworden sind. Ich wage einen Blick zu ihm und sehe, wie ausdruckslos sein Gesicht geworden ist. Kein Anzeichen von Schwäche. Natürlich nicht, das hier ist Haymitch. Er würde sogar in der Arena noch einen verhöhnenden Spruch auf den Lippen haben. Falls er wütend ist, versteckt er dies sehr gut. Er sieht beinahe zufrieden aus, was mir ein wenig Sorge bereitet.

Die Hymne ertönt und der Bildschirm wird schwarz. Haymitch ist sofort auf den Beinen und trampelt aus dem Abteil. Keiner von uns macht sich die Mühe, es anzusprechen. Seufzend packe ich meine Sachen zusammen, wünsche Katniss und Peeta eine Gute Nacht und ziehe mich ebenfalls in mein Abteil zurück. Das wird eine lange Nacht.

Entkräftet lege ich mein Klemmbrett und die anderen Unterlagen auf den Nachttisch. Eigentlich sollte ich mich hinlegen und schlafen, aber ich kann nicht. Ich habe bemerkt, wie die anderen drauf sind. Die Stimmung ist im Keller und es scheint, als gehe jeder von ihnen anders damit um. Sobald ich mich aufs Bett gesetzt habe, wird mir bewusst, dass ich niemals Schlaf finden werde. Es fühlt sich an, als würde mir das Kapitol mein Herz aus der Brust reißen.

Gerade hatte ich sie ins Herz geschlossen, habe sie bereits beinahe einmal verloren, dann wollen sie mir meine Familie wieder entreißen. Nichts als das sind sie, meine Familie. Denn wenn man im Angesicht des Todes steht, entstehen Bindungen, die tiefer gehen, als Freundschaften es jemals sein könnte. Und das ist es, was mir Angst macht: Das Kapitol ist meine Heimat, aber weder Katniss, Peeta noch Haymitch werden jemals dazugehören können.

Quälend langsam schäle ich mich aus meinem Kleid und hänge es ordentlich in den reichlich gefüllten Kleiderschrank. Das Nachthemd, das ich mir aussuche, ist tiefblau und reicht mir etwas weiter als über die Knie. Meine Perücke nehme ich jedoch vorerst nicht ab, genauso wie mein Make-Up. Die anderen sollen mich nicht so sehen, falls ich zufällig jemanden auf dem Flur begegnen sollte.

Ich öffne die Tür und trete in den Gang hinaus. Meine nackten Füße tappen lautlos über den Teppichboden. Ich mag das kitzelnde Gefühl, das der Teppich auf meinen Fußballen hinterlässt, wenn ich sie über dem Boden gleiten lasse. Es ist kühl um meine Beine, aber was mir am meisten zu schaffen macht ist meine Größe. Ohne Highheels bin ich mindestens einen Kopf kleiner und ich trage sie so oft, dass ich mich praktisch an die Größe gewöhnt habe. Es ist jedes Mal ein neuer kleiner Schock, wenn ich sie ausziehe.

Im Hintergrund höre ich einen kaum wahrnehmbaren Wind, wahrscheinlich, weil wir uns so schnell fortbewegen. Ich werfe einen Blick in Richtung Lobby und sehe, dass dort noch Licht brennt. Natürlich könnte ich mich umsehen und dazugesellen, aber heute ist mir nicht danach. Heute möchte ich lieber allein sein und meinen Gedanken folgen.

Und zufälligerweise kenne ich den perfekten Ort, wo ich dies ungestört tun kann.

Vorsichtig spähe ich in das letzte Abteil, bevor ich es leise betrete und die Tür schließe. Der Waggon ist am hinteren Ende abgerundet, und von allen Seiten sind Fenster eingemacht worden, sodass man nach draußen schauen kann. Lächelnd lasse ich mich auf die Sitzfläche fallen, winkele meine Knie so an, dass sie auf der Platz haben und schaue hinaus in eine dunkle Nacht.




-
Könnt ihr euch vorstellen, dass Effie für ihre toten Tribute geweint hat, nachdem sie abgeschlachtet wurden? Ich schon. Effie ist von Natur aus eine sehr emotionale Person, der Job als Eskorte muss ihr sehr zusetzen, besonders, weil sie vorher dachte, es wäre sicher ein ganz toller Job. Mich würde eure Meinung dazu mal interessieren.
Eskorte habe ich übrigens aus dem Englischen. Dort wird Effies Job nämlich "escort" genannt.

Ich würde mich sehr über jegliche Art von Reviews freuen! Falls ihr über die FF am Laufen bleiben wollt (wenn ich z.B. eine Woche mal nicht posten kann aus welchem Grund auch immer, oder ähnliches), dann werde ich euch über Tumblr (@clockworktributes) und vielleicht über Instagram (@catchingrevolution) auf dem Laufenden halten.
Ihr könnt mir dort natürlich jederzeit auch Fragen stellen!

Schönes Wochenende!
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast