Figure It Out - Effie and Haymitch

von Skyllen
GeschichteDrama, Romanze / P18
Effie Trinket Haymitch Abernathy Katniss Everdeen Peeta Mellark
11.06.2016
31.03.2020
25
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A/N: Hi und herzlich willkommen zu "Figure It Out"! Einige von euch kennen mich wahrscheinlich schon von der Leseprobe, die ich vor einigen Monaten bereits hochgeladen habe. Für einige von euch ist allerdings neu, dass ich ebenfalls auf Instagram (@catchingrevolution) und Tumblr (@clockworktributes) aktiv bin. Dort habe ich in den vergangenen Monaten, seit dem Veröffentlichen der Leseprobe, unregelmäßig Statusupdates über den Verlauf von "Figure It Out" informiert.
Ich war sehr überrascht über euer (nicht nur) positives Feedback und habe mich wirklich über alles sehr gefreut, weil ich dadurch gute Schlüße ziehen und Verbesserungen ausarbeiten konnte. Ich spiele schon seit einigen Wochen mit den Gedanken einfach anzufangen, meine FF zu veröffentlichen, auch wenn sie noch nicht fertig ist, aber daran arbeite ich ja gerade. Allerdings hat mich bis jetzt immer die Angst zurückgehalten, dass ich in einigen Kapitel dann noch den Plot später verändern könnte, falls sich in den neuen Kapiteln etwas ergibt. Ich glaube aber, dass nach meinem letzten totalen Eingriff in den Sommerferien (falls das hier jetzt irgendjemanden interessieren sollte), wo ich einen GROSSEN Teil von Effies Vorgeschichte verändert habe, nichts mehr ändern sollte. *bettel*
Tja, hier bin ich nun. Heute wird "Faded" einfach nur erneut hochgeladen, weil ich die Authors Note verändert habe. Ab heute werde ich aber alle zwei Wochen Freitags ein neues Kapitel hochladen. Einen "Figure It Out"-Friday also =D
Ich hoffe, ich habe euch mit meiner Logik jetzt nicht zu sehr verwirrt und wüsche den euen Lesern, viel Spaß und den alten Lesern eine großes "Welcome back"! ;)

Skyllen

WARNUNG: Effie und die meisten anderen Charaktere gehören nicht mir. Es werden allerdings schon bald einige neue Nebencharaktere hinzukommen. Es tut mir leid, falls jemandem von euch meine Darstellung von Effie nicht gefallen sollte. Ich habe manchmal selbst das Gefühl, die etwas zu OOC darzustellen, allerdings denke ich, dass Effie möglicherweise wirklich so in ihrem Kopf sein könnte. :)



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Faded

Unverwandt starre ich auf die dicht aneinanderreihenden Holzhäuser von Distrikt 12. Es ist so still, dass man eine Stecknadel könnte fallen hören. Ich kann mich gut an die Ernte letztes Jahr erinnern.

Eigentlich war es wie jedes andere Jahr auch. Kamerateams, die mich von allen Seiten begleiteten und eine Eskorte von Friedenswächtern, die jederzeit für mich zur Verfügung stand und der Bürgermeister, der mich immer persönlich empfing.

Doch dieses Jahr scheint alles anders. Die letzten Spiele haben etwas verändert. Im Kapitol interessieren sich die Leute nur für sich selbst und so wissen sie nichts von der Stimmung in den Distrikten, die vor allem während der Tour der Sieger deutlich wurde.

Als Eskorte von 12 fasst man über die Jahre auch den ein oder anderen Wortfetzen auf. Besonders, wenn der Mentor die meiste Zeit betrunken ist. Hier draußen gibt es viele Gegner des Kapitols. Die letzten 75 Jahre sind sie still gewesen, doch ich habe das Gefühl, als habe sich das in unserer jüngsten Vergangenheit geändert.

Um den Distrikt hat sich eine Nebelwand gebildet und es ist kühler als letztes Jahr. Als wüsste das Wetter, was uns heute erwartet. Bei dem Gedanken daran wird mir flau im Magen.

Aus der Ferne höre ich, wie sich die Tür des Zugs hinter mir schließt. Insgeheim sehne ich mich schon danach, später wieder einzusteigen und auf und davon zu fahren.

Mutterseelenallein stehe ich in schwarzen Highheels und einem wunderschönen orangenem Kleid auf dem verrotteten alten Bahnsteig von Distrikt 12. Wie ein Diamant umgeben von Steinen. Von den Kameraleuten keine Spur. Kein Blitzlichtgewitter. Nichts. Nicht einmal der Bürgermeister ist da, um mich zu empfangen. Ich bin entsetzt darüber, dass man die Eskorte der letzten Sieger so behandelt.

Einzig ein kleiner Trupp aus vier Friedenswächtern wartet auf mich. Sie tragen keine Helme und ich erkenne kaum eines der Gesichter wieder. Nur eine junge Frau mit schwarzen Haaren kommt mir bekannt vor. Keiner grüßt oder salutiert. Ohne zu zögern nehmen sie mich einfach in ihre Mitte und lassen mich einsteigen. Was für Manieren!

Und da weiß ich, dass es dieses Jahr anders zugehen wird. Sie haben ihr Schweigen gebrochen. Ich schließe die Augen und versuche mich an meine Anreise zu erinnern, aber mein Gehirn ist zu aufgewühlt, um einen klaren Gedanken fassen zu können.

Die Zugfahrt habe ich vollkommen still in meinem Abteil verbracht und habe vor mich hin gedöst. Das Einzige, das ich sehe, ist mein Notizbuch, doch auch diese Erinnerung scheint merkwürdig verschwommen. Die letzten Monate seit der Kundgabe des Jubeljubiläums sind wie in Trance für mich vergangen. Eigentlich hätte ich mich wie wild darauf freuen sollen, so wie alle es tun. Aber ich kann nicht. Jetzt, wo es plötzlich persönlich wird.

Sie müssen zurück in die Arena. Andere Gedanken finden in meinem Kopf keinen Platz. Natürlich weiß ich, dass es anders sein sollte. Ich darf nicht so für sie empfinden, aber ich kann nicht anders. All die Tribute, die wir verloren haben, bis das Schicksal es endlich gut mit uns gemeint hat. Natürlich kann ich sie nicht einfach gehen lassen.

Niemand kennt sie so, wie ich sie kenne. Sie denken, alles über sie zu wissen, doch das tun sie nicht. Sie wissen nicht wie es ist, Nachts von Haymitchs Schreien geweckt zu werden, wenn ihm der Alkohol im Zug ausgegangen ist und er sich durch seine Albträume quälen muss. Oder wenn Katniss um all die toten Kinder weint, die nicht anders waren als sie und sie trotzdem gezwungen war, sie zu töten. Peeta, der uns nichts von seinem Kummer aufbürden möchte und man doch den abwesenden Ausdruck in seinen Augen sieht, wenn er daran zurückdenkt. Nein, sie werden sie nie so verstehen, wie ich es tue.

Es war eine sehr schwierige Zeit. Für mich und Haymitch. Von Anfang an. Ich verstehe, dass es ihm nicht leicht gefallen ist, einer Frau zu vertrauen die aussieht wie die Menschen, die seine Familie ermordet haben. Aber es war auch für mich nicht leicht mich um die Kinder zu kümmern, während er sich in den Schlaf getrunken hat, weil er ihren Anblick nicht ertragen konnte und weil er die Hoffnung von Anfang an aufgegeben hatte. Und doch haben wir es irgendwie geschafft. Unser Verhältnis ist nicht das Beste, aber es gab Zeiten, in denen es schlimmer war.

In meinen ersten Jahren als Eskorte von 12 gab es zwischen uns beiden nichts als Auseinandersetzungen. Mir jedes Jahr aufs Neue dabei zuzusehen, wie ich versuchte, unseren Kindern wenigstens ein bisschen zu helfen, mussten ihm nicht gut bekommen sein. Vergeblich geholfen. Es gab Jahre als er mit seinen leeren Weinflaschen nach mir warf, doch er ist schnell erfindungsreicher geworden. Irgendwann fing er damit an, mich vor laufender Kamera zu blamieren. Es war unglaublich peinlich und er hatte endlich etwas gefunden, was ihn von seinen Schmerzen ablenkte, weil er es auf irgendeine Weise wirklich amüsant fand. Allerdings hatte er sich in einem Punkt getäuscht. Denn falls er gedacht hatte, ich würde aufhören und mir einen neuen Job suchen, dann hatte er sich wirklich die Falsche für seine Streiche ausgesucht.

Ich weiß nicht wann es anfing, aber irgendwann fingen wir an, unsere Auseinandersetzungen mit Worten auszufechten. Er tat alles, um mich zu verletzten, aber ich zeigte ihm nicht, dass mir seine Worte manchmal wirklich wehtaten. Seine Vorurteile. Sein ergötztes Wissen, über meine Beweggründe für die Hungerspiele zu arbeiten. Für Snow zu arbeiten, wie er es manchmal nannte, wenn er vollkommen den Verstand verloren hatte. Vielleicht hielt er mich damals wirklich für eine Verrückte aus dem Kapitol, die nichts besseres zu tun hatte, als sein Leben zur Hölle zu machen.

Heute ist es anders. Heute sind Haymitch und ich so etwas wie Freunde. Es muss merkwürdig sein, uns bei unseren Debatten zuzuschauen, denn diskutieren tun wir immer noch. Ich ermahne ihn und er provoziert mich, wo er nur kann. Aber heute kann man sagen, dass er mich nicht sofort den Löwen zum Fraß vorwerfen würde, könnte er über mein Schicksal entscheiden.

Und wie komisch unsere Beziehung auch ist und wie sehr er mich all die Jahre gequält hat, will ich nicht diejenige sein, die ihn zurück in die Arena schickt. Das würde ich mir nicht verzeihen. Doch genauso wenig würde ich es mir verzeihen, Peeta zurückzuschicken. Oder Katniss.

Ich weiß, dass ich es nicht ein zweites Mal ertragen werde. Der Geist der Spiele. Dunkel erinnere ich mich an meine Worte, mit denen ich Katniss letztes Jahr lächelnd auf die Bühne geholt habe, nachdem sie sich freiwillig für ihre Schwester gemeldet hatte.

Aber damals habe ich noch nicht gewusst, was hinter ihrer Fassade steckt. Ich habe nicht geahnt, dass sie alles dafür tun würde, um zu ihrer Familie zurückzukehren. Es war das erste Jahr, in dem Haymitch und ich uns nach all den vielen toten Tributen zusammengesetzt und uns wirklich gekümmert haben. Darum gekümmert haben, dass die beiden eine Chance haben. Es war eine herzzerreißende Zeit, aber wir haben sie überstanden. Wir alle vier. Diese Zeit hat uns aneinander gebunden. Ich kann sie nicht noch einmal gehen lassen. Es würde den letzten Rest meiner funkelnden Persönlichkeit in Tausend kleine Teile zerschmettern.

Als ich die drei zur Tour der Sieger wiedergesehen habe, war die Luft um Katniss und Peeta bereits anders. Die Spiele haben sie gezeichnet und ihnen ewige Narben zugefügt.

Es war das erste Mal, dass ich einen anderen Distrikt als 12 besucht habe und wir waren völlig überrascht, als die Tour bereits in Distrikt 11 einen bitteren Lauf genommen hat. Natürlich hatte er geahnt, wie die Stimmung in den anderen Distrikten war, aber auf so etwas war nicht einmal Haymitch vorbereitet gewesen. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, Chaff zu besuchen, weil sie uns sofort zurück zum Zug verwiesen haben.

Es musste etwas mit den schlechten Stimmungen in den Distrikten zu tun gehabt haben, als Peeta Katniss kurz darauf einen Heiratsantrag gemacht hat. Es fühlte sich nicht echt an. Besonders, weil sie sich im Zug nicht einmal in die Augen sehen konnten. Und ich kenne sie.

Haymitch meinte, alles wäre in bester Ordnung, aber das hat er schon immer gesagt. Vielleicht, weil er nicht dachte, dass ich mehr sein könnte, als eine Puppe des Kapitols. Auch wenn er sich getäuscht hat.

Auch ich habe mich im Laufe der Hungerspiele verändert. All die Jahre war ich drauf und dran alles zu tun, um eines Tages einen wohlgesinnteren Distrikt zugeteilt zu bekommen. Um meinen Eltern zu beweisen, dass ich mehr war, als nur das zweite Kind. Damals erschien es mir, wie die einzige Möglichkeit.

Allerdings habe ich schnell gemerkt, wie grausam die Spiele wirklich sind, den Sinn dahinter erkannt. Haymitch war mir nie eine große Hilfe, unsere Tribute aus der Arena zu retten. Ich scheiterte jedes Jahr aufs Neue, während er sich jedes Jahr aufs neue zudröhnte. Nach ein paar Jahren, war dies zu unserer Routine geworden. Ich wollte es nicht. Er zog mich nur tiefer in die Depression. Jedes Mal, wenn ich ihm in die Augen schaute, sah ich all den Schmerz, den er durch den Alkohol zu verdrängen versuchte. Ich war dankbar, dass ich meine Gefühle hinter der Wand aus Make-Up, bunten Kostümen und einem künstlichen Akzent verstecken konnte. Ich wüsste nicht, was sonst aus mir geworden wäre.

Irgendwann hörte ich auf, nach ihren Toden zu weinen, versteckte mich sogar vor mir selbst und das klappte besser, als gedacht.

Und plötzlich hatte sich alles verändert. Mit dem Moment, in dem sich Katniss für ihre Schwester gemeldet hatte, war uns klar, dass es anders ablaufen würde. Denn sie war anders. Sie war für jemanden gegangen, denn sie liebte. Jemanden, für den es sich lohnte zurückzukehren.

Auch in Haymitch schienen sie irgendetwas zu entfachen, denn plötzlich hörte er auf zu trinken, zumindest manchmal, und half ihnen. Es war, als wäre eine neue Ära angebrochen. Und es war das Jahr, in dem ich Haymitch zum ersten Mal wirklich kennenlernte. So wie er mich.

Es war für uns beide eine völlig neue Erfahrung, mit zwei beinahe erfahrenen Tributen zu arbeiten. Katniss, die alles dafür tat, nach Hause zurückzukehren, zeigte mir, dass das Leben jedes einzelnen Menschen trotzdem zu viel wert war, um in den Hungerspielen ein sinnloses Ende zu finden. Rue.

Ich habe sie so sehr in mein Herz geschlossen, wie ich es nie zuvor bei Tributen getan habe. Und heute ist der Tag, an dem ich über das Schicksal von zwei noch so jungen Menschen entscheiden werde. Entscheiden muss.

Seufzend hebe ich meinen Kopf und versuche an einem der Friedenswächter vorbei zu spähen. Von weit kann man das Gerichtsgebäude erkennen. Die aufgehende Sonne spiegelt sich in ihren dreckigen Fenstern.

Das Auto setzt sich ruckelnd in Bewegung. Es ist dasselbe Auto, mit dem ich schon viele andere Tribute zum Bahnsteig begleitet habe. In den Tod begleitet habe.

Verzweifelt starre ich auf meine Hände. Sie zittern. Was ist nur los mit mir? Erst jetzt sehe ich, dass sich mein Kleid beim Hinsetzten zerknittert hat. Es ist mir egal. Wie kann ich mir heute Sorgen um ein zerknittertes Kleid machen? Reiß dich zusammen, Euphemia! Was sollen deine Eltern über dich denken?

Keine fünf Minuten später halten wir vor dem Justizgebäude. Schweigend steige ich aus und betrete das Gebäude durch den Hintereingang. Ich habe zwei Stunden, bevor die Ernte beginnen und zwei Tribute fordern wird. Mir wird mulmig beim Gedanken dabei.

Wen wird es treffen? Katniss sowieso. Es muss ein Schock für sie gewesen sein. Für sie war die Arena weitaus schlimmer, als für Peeta. Peeta oder Haymitch? Haymitch oder Peeta?

Eigentlich besuche ich Haymitch vor der Ernte immer, um sicherzugehen, dass er etwas gebührendes trägt. Dieses Jahr ist es mir verboten irgendeinen von ihnen zu sehen bevor es losgeht. Ich weiß nicht wirklich, was das bringen soll, aber es ist nun mal das Gesetz. Wenn ich ehrlich bin, könnte ich niemandem von ihnen jetzt noch helfen. Stattdessen sollten sie mich lieber verabscheuen, so wie es sich gehört.



Die Sonne steht am Horizont und scheint eisern auf uns herab. Es ist heißer, als ich nach dem Nebel heute morgen erwartet habe. Die Bewohner von Distrikt 12 stehen schweigend und schwitzend unter der glühenden Mittagssonne. Von allen Seiten Maschinengewehre auf sie gerichtet. Wieder hört man nur meine Highheels, als ich das Podium vor dem Justizgebäude betrete. Es ist mir beinahe unangenehm.

Und da erst sehe ich sie. Das Wiedersehen nach mehreren Monaten trifft mich wie ein Schlag. Eingepfercht wie Tiere stehen sie in abgesperrten Bereichen. Katniss links und Haymitch und Peeta rechts von mir. Sie werfen mir Blicke zu. Starren durch mich hindurch. Nicht wütend, eher nachdenklich, als hoffe jeder von ihnen auf einen anderen Ausgang der Auslosung.

Sie rauben mir das letzte Stückchen Mut, an das ich mich geklammert habe. Unsicher schwanke ich zum Mikro und begrüße alle Anwesenden zur Ernte des Jubeljubiläums. Meine Goldperücke spiegelt sich im Mikro und für einen kurzen Augenblick sehe ich meine traurigen Augen. Was werden die Leute im Kapitol wohl über meine heutige Vorstellung denken? Was werden meine Eltern denken? Sie werden sicher enttäuscht von mir sein, so wie sie es immer sind...

Ich verzichte auf unnötiges Geplapper und gehe geradewegs auf die Loskugel der Mädchen zu. Katniss starrt emotionslos geradeaus. Ich werfe ihr einen nahezu mitleidigen Blick zu. Dann greife ich nach dem einzigen Zettel, falte ihn auseinander und lese Katniss' Namen vor. Meine Stimme ist leise und scheint von weit her zu kommen. Doch in ihr schwingt noch etwas anderes mit. Einspruch. Nein, ich bin nicht damit einverstanden. Mein erster Fehler.

Katniss tritt vor. Eine einzige Träne kullert ihr über die Wange. Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen, doch jeder weiß, dass das nicht geht. Es würde wie ein Verrat aussehen. Und meine Stimme war schon Verrat genug. Und jeder weiß, was mit Verrätern passiert. Seneca Crane ist das jüngste Beispiel.

Dann gehe ich hinüber zu der Kugel der Jungs. Ich werfe beiden einen kurzen Blick zu. Haymitch erwidert meinen Blick. Anders als sonst. Er sieht nicht besorgt aus, aber ein Funke spiegelt sich in seinen Augen. Abrupt reiße ich mich von seinen Augen los, lächele in die Kamera und falte den Zettel auseinander.

Für einen Augenblick scheint die Welt stillzustehen. Ich starre einfach auf den Zettel und ringe um Fassung. In meinem Inneren kämpfe ich gegen die Welle der Panik an, die mich zu überrollen droht. Nein nein nein! Ich würde ihn nur in Gefahr bringen, wenn ich meine Stimme nicht unter Kontrolle habe. Aber ich mache mir zu viele Sorgen, denn noch bevor ich Haymitchs Namen zu Ende lesen kann, hat sich Peeta bereits freiwillig gemeldet.

Es ist totenstill auf dem Platz. Ich stehe einfach nur da, darauf wartend, dass Peeta zu uns vortritt. Ich weiß nicht, ob ich erleichtert, oder bestürzt sein soll. Haymitch sieht wütend aus. Erhält Peeta am Arm fest und sagt irgendetwas zu ihm, doch meine Ohren nehmen nur ein aufgebrachtes Zischen auf.

Ich verstehe seine Wut nicht, er könnte daran doch sowieso nichts ändern. Es sieht beinahe so aus, als wollte Haymitch in die Arena gehen, obwohl das natürlich größter Schwachsinn ist. Haymitch verabscheut die Arena.

Nach kurzem Zögern schafft Peeta es, sich an Haymitch vorbei zu drücken und stellt sich rechts von mir und dreht sich den Leuten aus seinem Distrikt entgegen.

Ich weiß nicht, wie ich auf den Gedanken komme, doch plötzlich frage ich mich, wie es wäre, wenn das hier mein Distrikt wäre. Wenn ich in die Arena müsste. Wenn ich jeden dieser Leute persönlich kennen würde. Haben Katniss und Peeta eine Verantwortung über sie?

Die Leute starren die beiden einfach nur mit eisernem Schweigen an. Genau so wie letztes Jahr. Nicht bedauernd. Und doch drückt ihr Schweigen etwas aus. Denn etwas in ihren Augen brennt. Wie ein Feuer. Stolz. Mit einem Mal verstehe ich, dass sie mit ihrem Schweigen das Kapitol strafen. Sie drücken ihren Protest aus. Dann heben sie, beinahe synchron, ihre Hände und strecken den beiden ihre drei Finger entgegen. Es hat sich verändert. Dieses Jahr wird alles anders.

Und das macht mir wirklich Angst. Starr schaue ich in die Menschenmenge und presse unwillkürlich die Lippen aufeinander. Ich weiß nicht, was es ist, doch irgendetwas sagt mir, dass wir jetzt lieber gehen sollten.

Ich drehe mich zu den beiden um, damit sie sich gleich von ihren Familien verabschieden können.

In diesem Augenblick erscheint plötzlich der Oberste Friedenswächter. Zumindest trägt er seine Uniform, doch der Mann ist ein anderer. Harte Gesichtszüge, kurzgeschorene Haare. Eine Gier in seinen Augen.

Bevor Haymitch oder ich reagieren können, hat er die beiden am Arm gepackt und zerrt sie ins Gebäude. Er murmelt irgendetwas in der Nähe von Katniss, denn ich sehe, wie sich seine Lippen bewegen. Augenblicklich wirft sich Katniss gegen seinen Griff und starrt ins Publikum. Zu Prim.

„Nein“, fährt sie ihn mit einem Anflug von Panik in ihrer Stimme an. „Ich darf mich noch verabschieden!“ Rasch folge ich ihnen, drauf und dran etwas zu sagen, Katniss ruhig zu stimmen.

„Planänderung“, brüllt er beinahe so laut, dass die Menschen auf dem Platz, und Prim, es verstehen können. Dann bohren sich seine Augen plötzlich in meine. Sofort bleibe ich stehen und spüre das plötzliche Verlangen zu flüchten. „Sie werden sie sofort zum Zug nehmen“, kommandiert er mich und dreht sich auf dem Absatz um und verschwindet mit den beiden ins Gebäude. Prim beginnt zu schreien.

„Kein Widerspruch, Süße?“, höre ich Haymitchs Stimme neben mir. Seine Stimme klingt amüsiert, doch sein Gesicht ist ernst. Hinter uns schließen sich die Türen des Justizgebäudes mit einem berstenden Krachen.

Ich zucke genervt mit den Schultern. „Es ist auch schön dich zu sehen“, bemerke ich eisern und stolziere an ihm vorbei, Katniss und Peeta hinterher. Das er bisher bessere Manieren auf den Tisch gelegt hat, als der Oberste Friedenswächter, erwähne ich nicht. „Hier hat sich ja ganz schön was getan. Neuer Oberster Friedenswächter?“

Haymitch wirft mir einen warnenden Blick zu. „Romulus Thread. Wenn er dir etwas sagt, dann tu es einfach. Wir hatten schon genug Probleme mit ihm.“ Er holt mich schnell auf und läuft neben mir her, während wir den Gang zum Hinterausgang entlang laufen.

Keine harmlose Aussage, die er hier zum Besten gibt. Ich werfe ihm einen Blick zu und nicke, frage aber nicht weiter nach. Wir alle haben die Auspeitschung von Katniss Cousin im Fernsehen gesehen. Das ist der falsche Ort für ein solches Gespräch. Wir holen Katniss und Peeta schnell ein, die von einer totschweigenden Eskorte von Friedenswächtern umringt sind. Als wären sie Verbrecher.

Für einen Augenblick lasse ich meine Maske fallen und funkele Thread wütend an, der gestresst an uns vorbeirauscht. Ich öffne meinen Mund, um ihn zurechtzuweisen, doch Haymitch packt mich am Arm und stoppt mich in meiner Bewegung. Unbemerkt zieht er mich an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er erzürnt das Gesicht verzieht. Automatisch presse ich die Lippen aufeinander, damit ich ihn gleich nicht anfahre, wenn er mich anschnauzt. Es gehört sich nicht für eine Lady. Aber Thread hat kein Recht, sich in meine Arbeit einzumischen. Wann wir 12 verlassen, steht unter meiner Verantwortung.

Als wir das Gebäude verlassen, lässt sich Haymitch ein wenig zurückfallen, bevor er seinen Griff löst. „Mach so etwas nicht noch einmal“, zischt er. „Du bringst dich und den Rest von uns damit nur in Gefahr.“

Fassungslos drehe ich mich zu ihm um. „Bitte was?“ Meine Stimme schnellt zwei Oktaven in die Höhe und die Empörung ist nicht zu überhören.

„Du weißt ganz genau was ich meine, Effie“, gibt er barsch zurück und ich weiß, dass er es ernst meint, denn er nennt mich nur bei meinem Namen, wenn es ihm wirklich ernst ist. „Du kannst nicht einfach dort auf dem Podium stehen und der ganzen Nation deinen Verdruss mitteilen. Wo war dein Kopf, verdammt?“

Meine gesammelte Wut löst sich von jetzt auf gleich in Luft auf. Erstaunt treffen sich unsere Augen. Für einen Augenblick herrscht Stille. „Ich … - Es ging einfach nicht“, gebe ich zu.

Sein Blick wird ein wenig sanfter. „Sonst kannst du das doch auch.“

Unverstanden schüttele ich den Kopf. „Aber jetzt ist es anders. Es tut mir leid, ich wollte niemanden in Gefahr bringen.“ Wenn er es gesehen hat, dann haben es meine Eltern auch gesehen.

„Es geht nicht um uns, Süße. Wir sind sowieso so gut wie erledigt, aber was ist mit dir? Noch hast du eine weiße Weste und ich will, dass dem auch so bleibt.“ Mit diesen Worten kommen wir am Auto an und er schlüpft hinten in den Wagen.

Ich antworte nicht, werfe ihm nicht einmal einen Blick zu. Wenn ich den Mund aufmache sage ich vielleicht etwas, was ich später bereuen werde. Meine Gefühle würden mich übermannen. Noch nie zuvor habe ich mich selbst so verzweifelt gefühlt wie heute. Wie kann eine Frau, die alljährlich die Namen von zum Tode verurteilten Kindern zieht, eine weiße Weste haben?



Zurück am Bahnhof stoßen wir auf Katniss und Peeta. Auch jetzt stehen keine Kamerateams bereit. Niemand steht bereit, die armen durften sich nicht einmal von ihren Familien verabschieden. Wie viel Kraft es sie wohl kosten muss, nicht von den eigenen Gefühlen übermannt zu werden? Ich sehe, wie sie sich an den Händen halten und dem jeweils anderen stillschweigend Trost spenden. Es bricht mir beinahe das Herz. Jetzt muss ich erst recht für sie stark sein, sie brauchen Haymitch und mich wahrscheinlich mehr als jemals zuvor.

Sobald wir alle eingestiegen sind, setzt sich der Zug in Bewegung. Katniss und Peeta verschwinden in ihre Abteile. In Ruhe setze ich mich im Gemeinschaftsraum an den Tisch und werfe einen Blick auf unseren Zeitplan. In ungefähr zwölf Stunden werden wir im Kapitol eintreffen.

Ich höre, wie die Tür zum Abteil sich öffnet. Ohne meinen Blick von meinen Nägeln heben zu müssen, erkenne ich ihn an seinen schweren Schritten. Vielleicht denkt er, ich hätte ihn nicht kommen hören, denn er begrüßt mich. Dann bedient er sich am Alkohol. Ich seufzte laut, damit er meine Frustration hört. Jetzt hebe ich endlich den Kopf und stelle die kleine Flasche Nagellack auf den Tisch.

„Du weißt, dass du das nicht tun kannst. Denk an die beiden“, sage ich und schaue ihn an. Wie oft habe ich schon versucht, ihn vom Trinken abzuhalten? Er hat nie auf mich gehört und mir Bemerkungen an den Kopf geworfen, die ich nur mit Mühe runtergeschluckt habe.

Ich höre das Klappern einer Flasche und beobachte ihn dabei, wie er sich einen Drink einschüttet. Er hat ein wenig an Muskeln zugelegt und sieht gesünder aus. Was haben Peeta und Katniss bloß mit ihm gemacht?

Kraftlos lässt er sich auf der Couch nieder. Er trinkt in so hastigen Zügen, als wäre es das einzige, das ihn am Leben hält. Dann rümpft er die Nase und schaut das erste Mal direkt in meine Richtung. „Kannst du das nicht irgendwo anders machen? Ich will nicht an einer Kunststoffvergiftung sterben, nur weil du das nicht in deinem Abteil machst.“

Ich kneife die Augen zusammen und starre auf meine Nägel. Der Geruch des Nagellackes ist bissig, aber man gewöhnt sich daran. Haymitch muss immer übertreiben. „Du kannst ja wieder gehen“, erwidere ich spitz und greife wieder nach dem Nagellack.

Er murmelt etwas, das sich wie ein Nein anhört. Seine Stimme klingt weit entfernt. In Gedanken ganz woanders.

Ich packe meine Sachen zusammen und setze mich auf den Sessel neben die Couch. „Ihr habt einen Plan“, bemerke ich ruhig.

Haymitch hat sich auf dem Sofa ausgestreckt und öffnet kurz die Augen, um mich zu mustern. Dann, als würde ihm etwas missfallen, schließt er sie wieder und wartet wahrscheinlich darauf, dass ich ihn in Ruhe lasse, damit er schlafen kann. In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass er nicht gern im Dunkeln schläft. Plötzlich fällt mir auf, wie lange ich ihn eigentlich schon kenne. Zehn, elf Jahre? Wir haben uns beide sehr verändert.

Allerdings macht er mich immer noch wahnsnnig. Jedes Jahr aufs neue. Sogar nüchtern ist er ein Griesgram. Das war nicht immer so, flüstert eine Stimme in meinem Kopf, doch ich ignoriere sie.

„Du bist zwar ihr Mentor, aber du darfst nicht vergessen, dass ich ihre Betreuerin bin. Ich sollte also auch Bescheid wissen“, kläre ich ihn mit einem Hauch von Schärfe in meiner Stimme auf.

Müde schaut Haymitch mich an. Seine grauen Augen wirken beinahe verzweifelt. Eigentlich zeigt Haymitch Abernathy seine Gefühle nicht offen, das habe ich mit der Zeit ebenfalls gelernt. Die beiden haben ihn verändert. Sie haben ihm Hoffnung gegeben. Lass es gut sein, Süße“, meint er nur, bevor er aufsteht und das Abteil verlässt. Gibt er sich geschlagen?

Ich starre auf meine Hände und frage mich, was er wohl über mich denkt. Was er wohl damals über mich dachte. Die verrückte Frau aus dem Kapitol, die denkt sie wüsste, wie es ihnen geht. Ich habe kein Mitleid mit ihm. Dass er so geworden ist, ist er selber schuld. Aber ich zweifele daran, dass er es hätte verhindern können.



Als es Zeit fürs Abendessen ist, klopfe ich bei Katniss und Peeta. Haymitch wird schon von selbst auftauchen, wenn er hungrig ist.

Und das tut er tatsächlich. Schweigend sitzen wir am Tisch. Die Stimmung ist bereits gekippt und trotzdem versuche ich hier und da ein Gesprächsthema anzustoßen. Ohne viel Erfolg. Von Zeit zu Zeit ein Kommentar von Peeta, sonst nichts. Katniss ist mit ihren Gedanken ganz woanders und Haymitch benötigt all seine Kraft, um dem Alkohol zu widerstehen.

„Ich finde deine Frisur toll“, sagt Peeta, bemüht, unbeschwert zu klingen. Er möchte nicht daran denken, dass er seine Familie zurückgelassen hat. Wahrscheinlich weiß er, dass er nicht zurückkehren wird. Bedauern tut er es allerdings auch nicht.

Ich lächle ihn über den Tisch hinweg an. „Danke. Sie sollte extra zu Katniss' Brosche passen. Wenn wir noch ein goldenes Armkettchen für dich finden und für Haymitch vielleicht einen goldenen Armreif oder so was, dann sehen wir aus wie ein Team, dachte ich“, erzähle ich ihm und den anderen meine Vorstellung.

Ich halte das für eine großartige Idee“, sagt Peeta und klingt höchst interessiert. „Was meinst du, Haymitch?“ Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, ob Peeta das gerade ernst gemeint hat, oder es nur gesagt hat, um die Stimmung zu lockern. Erwartungsvoll blicke ich zu Haymitch. Bei ihm kann ich mir sicher sein, dass er die Wahrheit sagt.

„Von mir aus“, sagt er und ich merke, dass er immer noch dagegen ankämpft, sich dem Alkohol hinzugeben. Schweigend gebe ich dem Avox, der uns bedient, ein Zeichen, dass er mein Weinglas mitnehmen kann. Ein Team unterstützt sich doch gegenseitig, nicht wahr? Und bisher hatte ich Haymitch nie in diesem Zustand gesehen. Kurz werfe ich ihm einen Blick zu und sehen, wie er mich anstarrt. Nur für einen Augenblick, dann huscht sein Blick wieder auf sein Essen.

„Vielleicht können wir für dich ja auch eine Perücke bekommen?“, platzt es aus Katniss heraus. Ich höre sie heute zum ersten Mal sprechen und ihre Stimme macht einen leicht resignierten Eindruck. Allerdings verrät sie ihr kurzes Grinsen.

Haymitch ignoriert sie und macht sich, genauso wie die anderen, über seinen Nachtisch her. Im ersten Augenblick wundert es mich immer wieder, wie sie ihr Essen geradezu verschlingen, während ich es ganz gemächlich verspeise. Doch dann erinnere ich mich immer daran, dass sie solche Speisen nicht jeden Tag zu Gesicht kriegen und schäme mich für meinen Gedankengang.

Nachdem sie aufgegessen haben schlage ich vor, die Zusammenfassung der Ernte anzuschauen. Obwohl ich nicht einmal mit dem Hauptgang ganz fertig bin, werfe ich einen Blick auf meine Uhr, stehe ich auf und setzte mich auf die Couch. Die anderen folgen mir zögernd. Peeta hat einen Notizblock in der Hand. Daran erkenne ich, wie sehr sich diese Spiele von den anderen unterscheiden. Seine Finger umklammern den Block, wie ein lebenswichtiges Organ.

Die Zusammenfassung beginnt und selbst ich erkenne einige der Sieger wieder. Und es ist ein regelrechter Schock. Als Finnick plötzlich auf der Bühne steht, werfe ich Haymitch einen geschockten Blick zu, aber ich wage es nicht zu sprechen. Finnick kann unmöglich wieder in die Arena!

Ich lernte ihn kennen, ein Jahr nachdem er seine Spiele als jüngster Sieger aller Zeiten gewonnen hatte. Er war für sein Alter unheimlich gutaussehend und vor der Kamera ein wahrer Charmeur. Doch die Realität um ihn sah anders aus. Finnick ist einer der wenigen Freunde von Haymitch, die immer nett zu mir gewesen waren. Er ist ein guter Junge, doch sein Aussehen wurde ihm schnell zu Verhängnis. Nach seinem Sieg hing er viel mit Haymitch und Chaff rum, sodass ich einiges mitbekam. Er unterhielt sich gerne mit mir und bezog mich in ihre Gespräche ein.

Er hatte zwei Jahre, bis sie seinen Körper verkauften. Ich erinnere mich noch gut an den Abend, als er zu uns ins Penthouse kam, zitternd vor Angst und uns alles erzählte. Es war das erste Mal, dass mir das Grauen bewusst wurde , mit dem manche Sieger konfrontiert wurden. Haymitch wusste sofort, dass es keinen Weg gab, Finnick zu helfen. Er gab ihm Tipps, aber mehr konnten wir nicht für ihn tun. Automatisch habe ich mich gefragt, ob sie das mit Haymitch auch probiert haben. Ich weiß es nicht. Ich habe es bis heute nicht herausgefunden. Und ihn so etwas zu fragen, wäre äußerst unhöflich.

Er war damals erst Sechszehn. Jetzt, acht Jahre später, hat er sich mit seiner Situation zurecht gefunden, aber er hat es nicht verdient, zurück in die Arena zu müssen.

Haymitch erwidert meinen Blick und man kann ihm ansehen, dass er damit überhaupt nicht zufrieden ist. Für Finnick war Haymitch immer eine Orientierungsperson. Kein Vater, aber jemand, dem er vertrauen konnte.

Wir können nichts weiter tun, als das Geschehen getroffen weiter zu verfolgen. Es sind nur Aufzeichnungen, wir könnten sowieso nichts ändern. Und doch kann ich nicht anders, als mir den Mund fassungslos zu verdecken, als sich Mags für Annie Cresta meldet. Mags, eine weitere von Haymitchs Freunden. Zum Glück haben sich Katniss und Peeta vor uns auf das andere Sofa gesetzt. Sie sind zu sehr vom Bildschirm gebannt, um meine Reaktion zu bemerken.

Johanna Mason wird als einzige noch lebende Siegerin aus Distrikt 7 gezogen. Johanna hat sich mir gegenüber schon immer derb verhalten. Ich mag sie nicht sehr gerne.

Dann wird Chaff gezogen und ich bin mir sicher, dass das hier keine Zufälle sein können. Das hier ist Haymitchs Trupp. Sie sind seine Familie, ein Teil seines Lebens. Und so sehr Haymitch seine Gefühle auch leugnen mag, kann er nicht bestreiten, dass sie in den vergangenen Jahren nicht zu seinen engsten Bekannten geworden sind. Selbst ich habe das bemerkt.

Ich wage einen Blick zu ihm und sehe, wie ausdruckslos sein Gesicht ist. Kein Anzeichen von Schwäche. Natürlich nicht, das ist Haymitch. Er würde sogar in der Arena noch einen verhöhnenden Spruch auf den Lippen haben. Falls er wütend ist, versteckt er dies sehr gut. Er sieht beinahe zufrieden aus.

Die Hymne ertönt und der Bildschirm wird schwarz. Haymitch ist sofort auf den Beinen und trampelt aus dem Abteil. Vielleicht ist er wirklich wütend. Seufzend packe ich meine Sachen zusammen, wünsche Katniss und Peeta eine Gute Nacht und ziehe mich ebenfalls in mein Abteil zurück. Das wird eine lange Nacht.

Entkräftet lege ich mein Klemmbrett und die anderen Unterlagen auf den Nachttisch. Eigentlich sollte ich mich hinlegen und etwas schlafen, aber ich kann nicht. Ich habe bemerkt, wie die anderen drauf sind. Die Stimmung ist im Keller und es scheint, als gehe jeder von ihnen anders damit um. Sobald ich mich aufs Bett gesetzt habe, wird mir bewusst, dass ich niemals Schlaf finden werde. Es fühlt sich an, als würde mir das Kapitol mein Herz aus der Brust reißen.

Gerade hatte ich sie ins Herz geschlossen, habe sie bereits beinahe einmal verloren, dann wollen sie mir meine Familie wieder entreißen. Und das ist es, was mir Angst macht. Das Kapitol ist meine Heimat.

Ich stutze über mich selbst, wie leicht ich sie als meine Familie bezeichne. Aber es stimmt. Irgendwie. Und nachdem Katniss und Peeta die Arena überlebt hatten, dachte ich, sie endlich außer Gefahr zu wissen.

Quälend langsam schäle ich mich aus meinem Kleid und hänge es ordentlich in den reichlich gefüllten Kleiderschrank. Dann suche ich mir ein Nachthemd. Es ist tiefblau und reicht mir nur über die Knie. Meine Perücke nehme ich jedoch vorerst nicht ab, genauso wie mein Make-Up. Die anderen sollen mich nicht so sehen, falls ich zufällig jemanden auf dem Flur begegnen sollte.

Ich öffne die Tür und trete in den Gang hinaus. Meine nackten Füße tappen lautlos über den Teppichboden. Ich mag das kitzelnde Gefühl, das der Teppich auf meinen Fußballen hinterlässt, wenn ich sie über dem Boden gleiten lasse.

Es ist kühl um meine Beine, aber was mir am meisten zu schaffen macht ist meine Größe. Ohne Highheels bin ich mindestens einen ganzen Kopf kleiner und ich trage sie so oft, dass ich mich praktisch an die Größe gewöhnt habe. Es ist jedes Mal ein neuer kleiner Schock, wenn ich sie ausziehe.

Im Hintergrund höre ich einen kaum wahrnehmbaren Wind, wahrscheinlich, weil wir uns so schnell fortbewegen. Ich werfe einen Blick in Richtung Lobby und sehe, dass dort noch Licht brennt. Natürlich könnte ich mich umsehen und dazugesellen, aber heute ist mir nicht danach. Heute möchte ich lieber allein sein und meinen Gedanken folgen.

Und zufälligerweise kenne ich den perfekten Ort, wo ich dies ungestört tun kann.

Vorsichtig spähe ich in das letzte Abteil, bevor ich es leise betrete und die Tür schließe. Der Waggon ist am hinteren Ende abgerundet, und von allen Seiten sind Fenster eingemacht worden, sodass man ungestört nach draußen schauen kann. Lächelnd lasse ich mich auf die Sitzfläche fallen, winkele meine Knie so an, dass sie auf der Fläche Platz haben und schaue raus in eine dunkle Nacht.


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Könnt ihr euch vorstellen, dass Effie für ihre toten Tribute geweint hat, nachdem sie abgeschlachtet wurden? Ich schon. Effie ist von Natur aus eine sehr emotionale Person, der Job als Eskorte muss ihr sehr zusetzen, besonders, weil sie vorher dachte, es wäre sicher ein ganz toller Job. Mich würde eure Meinung dazu mal interessieren.
Eskorte habe ich übrigens aus dem Englischen. Dort wird Effies Job nämlich "escort" genannt.

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Schönes Wochenende!
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