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vertraute Lüge, fremde Wahrheit: Zweifel, Angst, Zuversicht?

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Harry Möller Katja Metz
08.06.2016
23.06.2016
3
3.820
 
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3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
08.06.2016 1.578
 
Hallo ihr Lieben,

ein neues Genre für mich - eine hoffentlich schön zu lesende Geschichte für euch :)

Ich überlege noch, ob es bei diesem Oneshot bleibt, oder ob es noch ein Kapitel über ein mögliches Gespräch zwischen Katja und Harry geben wird.

Lasst mir doch eure Meinung zu diesem Thema da :)

Liefs

Mijnlevenisvanmij

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So war es also gekommen. All die Jahre hatte er als treuer und loyaler Freund an der Seite ihrer Mutter gestanden. Hatte ihr  durch die Zeit der Trauer und des Schmerzes geholfen. Hatte so viele Gespräche mit ihr geführt, wenn sie nicht mehr weiter wusste und ihr immer wieder Mut gemacht.
Als sich die Schlinge um seinen Hals enger gezogen hatte, log er einen Selbstmord vor, nur um von sich abzulenken.

Er war immer ein großes Vorbild für sie gewesen. Der Partner ihres heißgeliebten Vaters. Ihr Ersatzpapa – irgendwie.
Noch nie war sie von einem Menschen derart enttäuscht gewesen. Warum hatte sie all die Jahre nichts gemerkt? Warum war der Tod ihres Vaters nach so langer Zeit auf einmal so präsent und warum brach alles über ihr zusammen?

Die ganzen Gefühle, die sie über die Zeit sorgsam immer weiter in ihr Unterbewusstsein gedrängt hatte, kamen nun an die Oberfläche und drohten aus ihr herauszubrechen.

Was war sie nur für eine schlechte Polizistin? Ihr hätte doch irgendwas auffallen sollen?

Katja seufzte und trank einen Schluck aus ihrem Glas. Nach dem Dienst war sie zu Big Harry gefahren. Wie auch sonst hätte sie diesen beschissenen Tag ausklingen lassen sollen?

Vor ihr standen drei leere Gläser und fünf Kurze, die sie innerhalb der letzten Stunde getrunken hatte. In Ihrem Kopf drehte sich alles. Nachdem sie ihr viertes Glas leergetrunken hatte, legte sie ihren Kopf auf den Tisch und träumte vor sich hin.
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"14. Kommissariat Beck?", Nicki, die Nachtschicht hatte, ging gutgelaunt ans Telefon. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich jedoch schlagartig als sie hörte worum es ging.
"Was? Ja, natürlich. Ich schicke sofort jemanden. Danke fürs Bescheid sagen!"
Schnellen Schrittes betrat sie den Aufenthaltsraum, indem um diese Uhrzeit ungewöhnlich viel los war. Die Kollegen hatten sich zu einem gemeinsamen Abendessen getroffen.

"Harry, Ben, kommt ihr bitte mal kurz?"
Als die drei den Raum verlassen hatten begann Nicki aufgeregt zu erzählen:
"Ihr müsst schnell zu Big Harry fahren. Katja geht es nicht gut. Er hat angerufen. Sie ist total betrunken und trinkt immer weiter. Ihr müsst dahin und sie heimbringen!"
Ben und Harry sahen sich kurz besorgt an, verabschiedeten sich von Nicki und fuhren im Eiltempo in Richtung Kneipe. So eine Aktion sah Katja überhaupt nicht ähnlich.
"Ich mache mir wirklich Sorgen um sie.", Ben schaute zu Harry, die ihren Blick konzentriert auf die Straße gerichtet hatte.

"Ja, ihr ging es in den letzten Tagen schon nicht gut, aber du weißt ja, wie sie ist. Sie spricht nicht darüber. Gestern Abend habe ich probiert mit ihr zu reden, aber sie hat natürlich abgeblockt. Wahrscheinlich hätte ich dranbleiben sollen. Das alles nimmt sie wirklich mehr mit als gedacht."

"Du hast es versucht. Und wenn Katja nicht will, dann will sie nicht. Das wissen wir doch alle."

"hm. Vielleicht kriegen wir ja jetzt was aus ihr raus."

Inzwischen hatte Harry das Auto vor Big Harrys Kneipe geparkt. Als die beiden durch die Türe gingen wurden sie schon von Big Harry erwartet.

"Gut, dass ihr da seid, ich glaube sie ist echt fertig. So habe ich das Mädel noch nie gesehen.", er deutete auf den Tisch hinten in der Ecke.

"Katja, Mensch, was machst du denn?", Ben nahm ihr das Glas aus der Hand und setzte sich neben sie.
"Mein Vater war korrupt.", lachte sie und sah ihn an.
"Du bist total betrunken.", Ben versuchte sie zum Aufstehen zu bewegen, doch sie zog ihren Arm weg.

"Lass mich mal machen.", wandte sich Harry an Ben.

"Katja, wir gehen jetzt nachhause und dann legst du dich ins Bett und schläfst erstmal ne Runde. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.", versuchte Harry es auf die sanfte Tour.

"Von wegen!", motzte Katja und hielt sich mit den Händen an der Tischplatte fest. "Ich gehe hier nicht weg. Ich kann alleine bestimmen, wann es genug ist. Und auf mich aufpassen kann ich auch. Es interessiert euch doch sonst auch nie, wie es mir geht. Nur wenn es peinlich für euch wird, weil eure Kollegin sich hier volllaufen lässt, greift ihr ein um den guten Ruf der Polizei zu wahren! Dass ich nicht lache! Die Polizei, dein Freund und Helfer. Korrupte Arschlöcher, allesamt!"

Nach den richtigen Worten suchend schaute Harry fragend zu Ben. Dieser zuckte mit den Schultern und schaute sie entschuldigend an.

Die Polizistin setze sich neben ihre Kollegin und streichelte ihr über die Schulter. Normalerweise hätte Katja jetzt ihren Arm weggezogen und das Thema gewechselt. Stattdessen sah sie nun zu Harry auf und lächelte sie an.

Anscheinend war jetzt der Punkt gekommen, an dem Katja Nähe zulassen und ihre Gefühle eingestehen konnte.

"Süße, natürlich interessiert uns, wie es dir geht. Aber weißt du, du machst es uns oft nicht ganz einfach. Wenn man mit dir reden will, blockst du meistens ab und sagst, dass es dir gut geht. Dann willst du in Ruhe gelassen werden und das respektieren wir. Aber wir sind immer für dich da – sonst wären wir jetzt nicht hier. Was hältst du davon, wenn wir dich nachhause bringen und dann über alles reden?"

Während Harry auf sie einredete, bildeten sich Tränen in Katjas Augen. Zum einen, weil endlich jemand für sie  da war und zum anderen, weil sie ganz genau wusste, was Harry damit meinte, dass sie immer alle wegstoßen würde. Eigentlich wollte sie das nicht, aber sie konnte nicht anders. Sie hatte Angst, vor den anderen ihre Schwäche zu zeigen und außerdem wollte sie keinem mit ihrem Gefühlschaos auf die Nerven gehen. Sie wollte respektiert werden und ihre Arbeit gut machen. Bis jetzt hatte sie den Eindruck, dass sich das gegenseitig ausschloss – war es wirklich so?

Harry, die die Tränen in Katjas Augen bemerkt hatte, nahm ihre Kollegin und gute Freundin vorsichtig in den Arm, obwohl sie damit rechnete, dass Katja jeden Moment zurückweichen würde. Das tat sie nicht.
"Hey, nicht weinen. Wir kriegen das schon wieder hin, ja?"
Die blonde Polizistin nickte zaghaft und ließ sich nun von Ben und Harry zum Auto bringen.

"Soll ich noch mit hochkommen?", fragte Ben, als er das Auto vor Katjas Wohnung parkte.

"Ich glaube, ich schaffe das alleine. Vielleicht ist es für Katja auch leichter, wenn sie nur mit einem von uns reden muss. Das ist schließlich das erste Mal für sie.", lächelte Harry ihren Kollegen an, bevor sie Katja aus dem Auto half und sie nach oben brachte. In der Wohnung angekommen, bugsierte sie ihre Kollegin aufs Sofa und brachte ihr eine Flasche Wasser.

"So, die trinkst du jetzt und dann geht es dir auch schon wieder ein bisschen besser."

"Es tut mir leid.", flüsterte Katja leise und eine Träne löste sich aus ihren Wimpern.
"Was denn?", fragte Harry sachte und strich ihr über die Haare.
"Alles!", schluchzte sie.
Ohne weiter nachzufragen nahm Harry sie in den Arm und strich ihr über den Rücken.

"Es war alles ein bisschen viel für dich in letzter Zeit. Du dachtest, du musst es mit dir alleine ausmachen, das ist auf Dauer unmöglich. Glaub mir, es wird dir besser gehen, wenn du darüber reden kannst und deine Gefühle zulässt.", sie legte ihren Kopf an Katjas und schloss die Augen.

Katjas Schluchzen wurde immer stärker; sie konnte nichts dagegen tun. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Und obwohl sie sich noch etwas unwohl fühlte, bei dem Gedanken, dass sie sich vor ihrer Kollegin gerade so gehen ließ, spürte sie, wie befreiend das Weinen war. Dankbar drückte sie sich noch ein bisschen mehr an Harry, schloss die Augen und ließ es einfach zu. Ihre Gedanken hörten nach und nach auf zu kreisen und irgendwann überfiel sie eine tiefe, aber wohlige Müdigkeit. Sie merkte, wie ihr Atem immer gleichmäßiger ging.

"Katja?", flüsterte Harry. "Schläfst du?", lächelnd löste sie sich vorsichtig aus der Umarmung, und sah Katja an. Sie schlief wirklich. Vorsichtig, um sie ja nicht zu wecken, legte sie sie aufs Sofa und deckte sie mit einer Wolldecke zu.

Nachdenklich musterte sie ihr Gesicht. Obwohl ihre Augen vom vielen Weinen geschwollen und ihre Haut rot war, konnte man deutlich den entspannten Gesichtsausdruck sehen. Ihre Lippen lagen weich aufeinander und wirkten nicht so verbissen, wie in den letzten Tagen. Ihr ganzer Körper schien entspannter, gelockerter. Sie musste nun nicht mehr um den Erhalt irgendeiner Schein-Fassade kämpfen, das hatte sie unglaublich viel Kraft gekostet.

Hoffentlich würde Katja morgen, in nüchternem Zustand, mit ihr über alles sprechen können. Sich ihre Trauer und ihre Wut von der Seele reden und spüren, wir gut es tat, die Hilfe und Fürsorge ihrer Freunde anzunehmen. Was sie vorhin gesagt hatte, tat Harry weh, auch wenn sie wusste, dass Katja es in betrunkenem Zustand gesagt hatte. Hatte sie wirklich das Gefühl, dass nie jemand für sie da war? Dass sie mit niemandem reden konnte und dass es allen egal war, wie es ihr ging? Sie war eine ihrer besten Freunde, etwas ganz besonderes. Vielleicht sollte sie ihr das bei Gelegenheit einmal sagen?
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