Jäger und Gejagte

OneshotSuspense / P16
Black Widow / Natasha Romanoff OC (Own Character) Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
08.06.2016
08.06.2016
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2036
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Jäger und Gejagte


Irgendwo vor Odessa, Oktober 2009

Der Atomingenieur saß auf dem Beifahrersitz und schien seelenruhig zu schlafen. Er machte ihr alle Ehre und stellte sich wirklich ganz passabel an, dafür dass er eigentlich getötet werden sollte. Ein versuchtes Attentat hatte er schon überlebt und nun war er in ihrem Gewahrsam, um aus seinem Heimatland heraus geschafft zu werden.
Natasha richtete ihren Blick wieder auf die schlecht befestigten Straßen, auf denen sie seit Stunden durch die Ukraine fuhren. So löchrig wie der Teer, war auch der Informationsfluss, der sie noch erreichte. Ein kläglicher Rest Aufklärungsarbeit von S.H.I.E.L.D., der sie hier in der Einöde leider nur noch sporadisch einholte.
Ein Seufzen entrang sich ihrer Kehle und sie spürte die ständige Anspannung, die sie seit fast zwei Wochen einschnürte und alle Kraft kostete. Es war schon nicht leicht gewesen überhaupt in den Iran einzureisen, ohne dabei auffällig zu wirken.
Es wieder hinaus zu schaffen war mindestens genau so schwierig gewesen, aber sie hatten es geschafft. Afarid lebte noch und sie atmete ebenfalls. Wobei sie mittlerweile zugeben musste, dass sie hinter jedem Felsen einen potenziellen Attentäter vermutete, der ihnen den Garaus machen sollte.
Sie wusste nicht einmal, warum genau Afarid auf der Abschussliste stand oder wer diese Liste führte, sie wusste nur, dass sie ihn beschützen und aus dem Iran über Europa wegbringen sollte. Fury hatte nur kryptische Anweisungen hinterlassen und deshalb saßen sie jetzt auch in einem Auto, das aus dem letzten Loch pfiff und nicht in einem schicken Helicarrier.
Ein zweiter, kurzer Blick rüber zu ihrem schlafenden Beifahrer ließ sie unruhig in ihrem Sitz herumrutschen, denn die Verantwortung, die sie für ihn trug, wurde gerade deutlich schwerer. Dieser Mann musste überleben und sie musste alles dafür tun.
Es war Natashas Auftrag, also würde sie ihn erfüllen – nach bestem Wissen und Gewissen. Bisher war sie noch nicht zu ungewöhnlichen Maßnahmen gezwungen worden und sie hoffte für sie beide, dass das so blieb. Schusswunden und Elektroschocker konnte sie vertragen, das gehörte zum Geschäft, aber sie wollte wenigstens dieses eine Mal ohne Zwischenfall davonkommen.
Afarid wollte das sicher auch und sie war ihm einen ruhigen Ausgang seiner Rettungsaktion schuldig. Er hatte genug durchgemacht und er wusste bis vor Kurzem nicht einmal, dass er überhaupt auf jemandes Abschussliste stand.
S.H.I.E.L.D. hatte es geahnt und dann waren auch schon geheime Pläne aufgetaucht, die Fury von irgendwo her hatte besorgen können. Höchstwahrscheinlich mit halb legalen Mitteln und es war ihr auch Recht, es nicht so genau zu wissen.
Je weniger sie über die Details wusste, desto weniger konnte sie im Falle einer Gefangennahme verraten. Dafür war sie Fury dankbar, er sorgte immer dafür, dass alles seine Richtigkeit hatte. Er hatte seinen Auftrag, sie hatte ihren. Und der belief sich darauf Afarid weiter Richtung Westen zu bringen.
Er hatte Frau und Kinder zurückgelassen und die dachten vermutlich, er sei tot. Bei dem Gedanken an das Foto von ihnen, das Afarid ihr am Abend zuvor in ihrem Versteck gezeigt hatte, wurde ihr ein wenig schlecht, sie fühlte sich richtig mies, weil sie ihm nicht mit einhundert prozentiger Sicherheit versprechen konnte, dass er das hier lebend überstand.
Natasha wollte es, er wollte es auch, aber garantieren konnte das niemand. Denn wer auch immer Afarid tot sehen wollte, er scheute keine Kosten und Mittel, das hatte ihr die Betrachtung des ersten entschärften Sprengsatzes verraten, der unter dem Auto des Atomingenieurs angebracht, aber entdeckt worden war.
Kopfschüttelnd lenkte sie den Wagen weiter über den holprigen Untergrund und sah in alle Spiegel, um die Straße hinter sich im Blick zu behalten. Es war niemand hier, nicht einmal verwilderte Tiere trieben hier ihr Unwesen.
Und es war ruhig, für Natashas Geschmack sogar zu ruhig. Grabesstille um sie herum in diesem unbewohnten Teil der Ukraine, der scheinbar nur bergab zu verlaufen schien. Sie näherten sich dem Schwarzen Meer.
Die Landschaft fiel an manchen Stellen in unangenehme Tiefen ab und unwillkürlich begann sie sich vorzustellen, wie es sich anfühlte eine solche Klippe hinunterzufallen. Es war ein Alptraum und sie schüttelte sich bei dem Gedanken.
Doch sie durfte den Teufel nicht an die Wand malen, denn bisher war alles gut verlaufen und das würde es weiterhin, das musste es. Afarid sollte leben und sie würde dafür sorgen. Sie würde ihn mit ihrem Leben beschützen.
Konzentriert fuhr sie knapp zwei Minuten weiter, als Afarid aufwachte und sich neben ihr streckte. Er öffnete eine Wasserflasche, die in seinem Fußraum lag, trank einen Schluck und reichte ihr die Flasche ohne ein 'Guten Morgen' oder sonstige Kommunikation herüber. Er war der angenehmste Auftrag, den sie je zu erfüllen hatte.
Gedankenverloren nahm sie die Flasche entgegen und setzte sie an ihre Lippen, da ertönte ein lauter Knall, gefolgt von einem Zischen. Ein Reifen war geplatzt. Dann ein zweiter Knall und Natasha sah am Straßenrand, was sie die ganze Zeit befürchtet hatte – ein Schütze, der auf ihre Reifen schoss.
Der Wagen strauchelte unkontrolliert über die Straße und sie riss am Lenkrad herum, um irgendwie die Richtung zu ändern. Doch blieben ihre Versuche erfolglos, der Wagen raste immer weiter nach rechts auf einen Abhang zu.
Der Inhalt der offenen Wasserflasche ergoss sich über dem Armaturenbrett und der Bordelektronik. „Festhalten!!!“ brüllte sie in Afarids Richtung und drückte sich mit beiden Armen am Lenkrad tiefer in ihren Sitz.
Ihr Beifahrer klammerte sich an der Türverkleidung fest und sie sah den Straßenrand näher kommen. Der Abgrund tat sich vor ihnen auf und sie konnte genau beobachten, in welche Tiefen sie nun stürzen würden.
Ruhig bleiben, bloß nicht die Nerven verlieren...
Natasha kniff die Augen zusammen und ließ das Unvermeidliche geschehen. Sie versuchte ihre Muskulatur so locker wie möglich zu lassen, damit nichts reißen konnte, doch packte sie in diesem Moment Todesangst und blanke Panik vor dem Aufprall.
Tatenlos zuzusehen wie der Wagen abstürzte, war der absolute Horror und sie musste sich dazu zwingen weiter nach einer Fluchtmöglichkeit zu suchen, damit Afarid und sie das hier unbeschadet überstehen konnten.
Ihr Magen hob sich unangenehm an, als das Fahrzeug den Boden unter den Reifen verlor und in den Fall überwechselte. Der Boden näherte sich in rasender Geschwindigkeit und sie stemmte ihr gesamtes Gewicht mit ihren ausgestreckten Armen vom Lenkrad weg.
Der Aufprall ließ alle Scheiben zerbersten und löste die Airbags im vorderen Bereich des Fahrzeugs aus. Splitter und Steine flogen durch den Innenraum und schnitten ihre Haut auf. Der metallische Geruch von Blut und der Gestank von Benzin ließen ihre Augen tränen und sie konnte sich nur mit Mühe bei Bewusstsein halten.
Ein paar Sekunden konnte Natasha sich gar nicht bewegen. Nur mühevoll befreite sie ihre Hände unter dem Airbag und löste den Anschnallgurt. Ein kurzer Blick zu Afarid bestätigte ihr, dass er noch lebte – Erleichterung.
Keuchend robbte sie aus dem Fahrzeug, das auf dem Dach gelandet war und zog sich durch den Dreck in die Freiheit. Ihr Körper schmerzte und sie spürte schon die ersten Blutergüsse, die sie auf jeden Fall davontragen würde.
„So eine Scheiße“, murmelte sie kaum hörbar und rappelte sich stöhnend auf. Ihre Knie waren aufgeschürft, die Jeans an diesen Stellen völlig zerrissen und verbrannt. Torkelnd schleppte sie sich auf die andere Seite des Wagens, um Afarid aus ihm herauszuziehen.
Vor der eingequetschten Tür ging sie in die Hocke, um ihn zuerst anzusehen. „Können Sie sich bewegen?“ fragte sie zaghaft und er drehte langsam den blutüberströmten Kopf zu ihr, um zu nicken.
Natasha atmete tief durch und kniete sich in den Staub.
„Ok, dann werde ich Sie jetzt da rausholen“, sagte sie mehr zu sich als zu ihrem Schützling und begann an der Autotür herumzureißen. Nach einigen kraftvollen Versuchen gab die Öffnung endlich nach und ließ sich mit großem Widerstand öffnen.
Vorsichtig packte sie Afarid am unteren Rücken und zog ihn aus dem Wagen hervor. Als er endlich vollständig befreit war, blieb er reglos am Boden liegen und begann zu beten. Sie wünschte, dass sie in diesem Moment auch an einen Gott hätte glauben können, doch war ihr mehr als bewusst, dass es hiermit noch nicht überstanden war.
Der Schütze musste noch irgendwo hier sein und er würde sicherlich überprüfen, ob seine Aufgabe erfüllt war. Fast schon reflexartig zog sie ihre Waffe, die sie immer am Körper trug, um wenigstens das Gefühl zu haben, sich verteidigen zu können.
Sie half Afarid auf die Beine und sie stützten sich gegenseitig, um aufrecht stehen zu können. Das Funkgerät, mit dem sie seit Tagen Kontakt zu S.H.I.E.L.D. gehalten hatte, steckte noch an ihrem Gürtel, doch zuerst musste sie sich beide in Sicherheit bringen.
„Natasha!“ rief Afarid plötzlich und blieb stehen, da sah sie es auch – der Schütze näherte sich gerade mit angelegter Waffe.
Ohne groß über ihre Entscheidung nachzudenken, stellte sie sich vor den Atomingenieur, um ihn vor möglichen Kugeln zu verbergen. Mit zitternder Hand erhob sie die Waffe, die den maskierten Angreifer keineswegs abschreckte. Er kam immer näher und sie konnte das erste Mal betrachten, was sie selbst bis heute für einen Mythos gehalten hatte.
Sein linker Arm war aus Metall und mit einem roten Stern verziert – es gab ihn wirklich. Der Winter Soldier existierte. Und er jagte ihr eine Scheißangst ein.
„Bleib stehen!“ rief sie ihm auf russisch zu und richtete die Waffe noch genauer aus, um ihn treffen zu können. Doch statt ihrer Aufforderung Folge zu leisten, drückte er ab und traf ihren Bauch. Dann geschah alles in Zeitlupe.
Sie ging wieder in die Knie und versuchte den Soldaten ins Visier zu nehmen, doch drehte der sich bereits um, um so plötzlich zu verschwinden, wie er aufgetaucht war.
Hinter sich hörte sie ein leises Keuchen. Sie drehte sich um, eine Hand flach auf ihren blutenden Bauch gedrückt, und erblickte Afarid, den die Kugel auch getroffen hatte. Sie war glatt durch sie hindurch gegangen, aber hatte ihr eigentliches Ziel nicht verfehlt. Seine Wunde befand sich ebenfalls im Bauchbereich, doch war die Kugel steckengeblieben und hatte sicherlich noch mehr Schaden in ihm anrichten können als in ihr.
Sie fiel auf ihn drauf, weil sie keine Kraft mehr hatte.
„Bleiben Sie bei mir, Afarid! Bleiben Sie bei mir!!!“ brüllte sie immer wieder und zerrte das Funkgerät von ihrem Gürtel, um unverständliche Befehle hinein zu rufen. Sie wusste nicht, ob S.H.I.E.L.D. wirklich verstand, was sie wollte, aber es war ihr gerade auch egal.
Denn sie hatte versagt. Sie war von einem Geist überrascht worden, ein Mythos hatte auf sie geschossen. Und er hatte sie die ganze Zeit gejagt, ohne dass sie es gemerkt hätte. Natasha sank auf ihren Rücken in den Dreck und starrte in den bewölkten Himmel.
Der Jäger war schon längst verschwunden.

Anmerkung: Das ist mein erster Versuch aus Natashas Sicht zu schreiben und mich würde sehr interessieren, was ihr davon haltet! Die Geschichte hier ist die kurze Andeutung aus „Captain America II: The Winter Soldier“, die Natasha zum Besten gibt, als sie Steve erzählt, sie wüsste, wer Fury getötet habe. Da hat sich doch glatt die Kreativität zu Wort gemeldet und das ist das Ergebnis. Auch zu der Idee an sich würde ich mich über Feedback freuen. :)
LG, Erzaehlerstimme
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