Wise as a Whisper

von Ashla
OneshotFantasy / P12
Elara Merandus Lucas Samos Mare Barrow Maven Calore Tiberian Calore Tiberias "Cal" Calore
01.06.2016
01.06.2016
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01.06.2016 4.304
 
»Wise as a Whisper« ist eine autorisierte Übersetzung aus dem Englischen.

Autor des Originals: Banana Kisses
Das Original: Bitte hier klicken!
Altersempfelung: P12
Protagonisten: Elara Merandus, Mare Barrow, Maven Calore, Cal Calore, Tiberias Calore
Kapitelanzahl: 1
Genre: Fantasy
Anmerkung(en): Es kommen Zitate aus dem ersten Buch in dieser FF vor!

Reviews sind gern gesehen. Falls ihr Verbesserungsvorschläge habt oder einen Rechtschreibfehler, etc. entdeckt, sagt mir Bescheid. :)


Mom, Dad, Shade, Bree, Gisa, Trammy … nein … NEIN, BITTE, GEHT NICHT-

Ich bahne mir einen Weg durch Mare Barrows Erinnerungen, ihre Albträume, und ihre ganze Person. Die kleine Blitzwerferin schläft tief und fest, und ihre Gedanken liegen offen für mich da, um sie zu entdecken und zu ergründen.

Das ist unmöglich, ertappe ich mich zu flüstern.

Das ist wundervoll, ertappe ich mich zu denken.

Die Verbindung zu ihr reißt ab, sehr zu meiner Verärgerung, und ich trete einen Schritt zurück. Ihr Geist ist jetzt wach. Ich sehe ihr dabei zu, wie sie sich benommen und stöhnend aufsetzt. Einen Moment später stützt sie sich auf dem Boden der Zelle ab und kommt auf die Füße.

»Ich würde mich ja verbeugen, aber dann falle ich wahrscheinlich um«, sagt sie.

Ich blicke sie amüsiert an. Sie haben eine Beherzte erwischt. Schließlich geht ihr auf, was sie da eigentlich gesagt hat und ihr Blick wird von panischer Angst überschattet. Ihr Geist ist schwach und leicht, zu bezwingen, ich kann kaum einen vergnügten Seufzer unterdrücken, als zurück in seine Tiefen dringe und das Mädchen auf die Knie zwinge.

»Also für mich sieht das wie eine Verbeugung aus«, erwidere ich und lege einen Finger an die Lippen.

Sie fällt nach vorne gegen die Gitterstäbe der Zelle und ihre Faust umklammert den Stahl. Ich überlege, ob ich ihr nicht ihre Hand herausreißen soll, so amüsant ihr Kampf auch ist. Mir gefiele es nicht, ihr die Gelegenheit zu bieten, zuzuschlagen.

»Was macht Ihr mit mir?«, krächzt sie.

»Jetzt nicht mehr besonders viel. Aber das hier -«, ich gehe zu ihr hinüber, lege einen Finger an ihre Schläfe und bemühe mich kaum, beim Gefühl ihres Schweißes das Hohnlächeln hinunterzuspielen. Ich sende eine Schmerzenswelle aus, und grinse, als sie gegen die Gitterstäbe stürzt. »Das soll dich davon abhalten, etwas Dummes zu versuchen«, füge ich hinzu.

»Zum Beispiel auf meinen eigenen Beinen zu stehen?«, gelingt es ihr, zu blaffen, trotz der sichtlichen Anstrengung, die es auf ihre Kehle ausübt. Ich fühle ihre Erschöpfung, als wäre es meine Eigene. Das Gefühl ärgert mich; eine der Kehrseiten meiner Fähigkeit. Obwohl es mir gelingt, die Gedanken um mich herum zu ignorieren, fühlt es sich immer so an, als wären sie diejenigen, die in meinen Geist eindringen, nicht anders herum.

»Zum Beispiel jemanden durch einen Stromschlag zu töten«, fauche ich zurück. Sie sieht mich an, dumm wie ein Esel. Ich bin kurz davor, die Augen zu rollen. Schließlich tritt sie näher heran, und ihr Gesicht ist angstverzerrt, das Gefühl strömt in Wellen von ihr aus. Ich erwidere dieses Gefühl ebenso so sehr, wie ich es hasse, das zuzugeben. Es gibt Gerüchte über Mutationen und die Ausbreitung von Kräften unter den königlichen Wissenschaftlern, doch ich hätte nie erwartet, dass eine mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattete Rote in meine eigene Arena plumpsen würde. Nun, denke ich mit einem höhnischen Lächeln, zumindest bin ich so um die Königinnenkür herumgekommen. Beim Blick auf dieses Samos-Mädchen - während ich die Show, die sie abzieht, so begleite -, werde ich ärgerlich. Sie ist natürlich eine Favoritin des Hofes, doch sie ist viel zu auffällig, viel zu laut. Eine Königin muss in der Lage sein, mit den Schatten zu verschmelzen.

In dem Versuch, meine Augen davon abzuhalten, ihren Blick schweifen zu lassen, zwinge ich mich, diese geschlossen zu halten. »Du bist keine Silberne. Deine Eltern sind Rote, du bist eine Rote, und dein Blut ist rot.« Ich trete einige Schritte näher heran, die Gedanken des Mädchens durchschwirren meine wie Wespen. »Du bist ein Wunder, Mare Barrow, eine Unmöglichkeit. Etwas, das nicht einmal ich verstehe, dabei habe ich alles von dir gesehen.«

»Das wart Ihr?« ruft sie, während ihre Hand nach oben wandert, um sich an den Kopf zu fassen. »Ihr wart in meinem Kopf? In meinen Erinnerungen? Meinen Albträumen?«

Der Ärger gleicht nun einer Bombe, bereit, hochzugehen. Sie ist sogar noch dümmer, als ich dachte. Was sagt dir das Wort ›Flüsterer‹, Mädchen?

»Wenn man weiß, wovor sich jemand fürchtet, kennt man ihn, und ich musste wissen, mit was für einer Sache wir es hier zu tun haben.«

»Ich bin keine Sache.«

Was für eine Einstellung! Ich muss beinahe lachen. Sie möchte wirklich ihre Zunge herausgeschnitten bekommen, oder?

»Was du bist, werden wir noch sehen. Aber für eins solltest du dankbar sein, kleine Blitzwerferin«, fauche ich, während ich sie durch die Gitterstäbe hinweg anstarre. Ich nehme ihr die Fähigkeit ihre Beine und ihren Oberkörper zu bewegen, sodass sie außerstande ist, sich zu rühren. Sie windet sich vor lauter Missmut. »Du hast das vor Hunderten von Silbernen getan, vor Leuten, die Fragen stellen werden, vor mächtigen Leuten«, flüstere ich ihr ins Ohr. »Das ist der einzige Grund, warum du noch am Leben bist.«

Als Antwort versucht sie ihren verfluchten Blitz heraufzubeschwören, doch ich verzerre ihre Wahrnehmung so, dass sie sich vor Schmerzen krümmt, bevor sie überhaupt einen Finger rühren kann. Eine Lachsalve entkommt meinen Lippen. Dieses Mädchen ist eine Plage, aber auch ein amüsantes Spielzeug … und vielleicht sogar eine Schachfigur. Die Adeligen, diese dämlichen Aristokraten, werden das alles glauben.

Doch die Begeisterung, die diese Idee in mir auslöst, schwindet bald, als ich daran denke, dass ich Tiberias davon überzeugen muss, zuzustimmen. Der Gedanke bereitet mir Kopfschmerzen. Mit ihm zu diskutieren ist, als wollte man eine Katze überreden, zu baden, und ich tendiere dazu, das so gut es geht zu vermeiden. Doch ich muss, denn er ist der König und ich bin nur seine königliche Gemahlin, dafür bestimmt, an seiner Seite hübsch auszusehen und ihm Erben zu schenken. Das ist das, zu dem ich erzogen worden bin, wofür ich in meiner eigenen Königinnenkür gekämpft habe, was ich jeden Tag meines Lebens zu vergessen versucht habe.

...


Ich bin überrascht, ihn in meinen Gemächern zu finden. Er durchsucht die vielen Lehrbücher, die auf meinem Schreibtisch liegen. Seine Anwesenheit ist störend und ich kann nicht anders, als mich zu sträuben, während ich im Türrahmen stehenbleibe.

»Tiberias, wonach suchst du?«, gelingt es mir, in ruhigem Ton zu sagen, statt zu schreien, was meine eigentliche Absicht war.

»Dem Mädchen.« Er sieht zu mit seinen Mitleid erregenden Augen zu mir auf, und ich spucke ihm beinahe ins Gesicht. »Ich nehme an, du hast dich auf angemessene Weise um sie gekümmert?«

»Das Mädchen ist wach«, blaffe ich. »Betäubt und unterwürfig, aber wach. Was kümmert dich das?«

Sein Hundewelpen-Blick wird hart. Ah; er kann es nicht leiden, wenn ich einen solchen Ton anschlage. Aber von jetzt an weiß er, dass ich nicht seine kostbare Coriane bin, ich werde niemals in seinen Armen dahinschmelzen, und er ist nichts als ein Phantom für mich-

»Julian hat mir ihrer Akten zur Verfügung gestellt«, sagt er, als er auf einen Stapel Papiere auf meinem Schreibtisch deutet. Ich runzele die Stirn. »In ihrer Heimat war sie eine ziemliche Unruhestifterin.«

»Das überrascht mich nicht.«

»Aber ihr Blut ist wirklich rot - die königlichen Wissenschaftler haben es mit ihrer DNA abgeglichen. Könnte das … Könnte das, was sie sagen, wahr sein?«

Ich zucke die Schultern. »Über Jahre haben sie uns mit umfangreichem Beweismaterial versorgt, die auf diese Möglichkeit hindeuten; vielleicht ist es höchste Zeit, dass du damit anfängst, dir ihre Warnungen zu Herzen zu nehmen.«

Tiberias seufzt. »Könntest du mir bitte den vierten Band der Lehrbücher über die Geschichte der Silbernen geben?«

Mein Blick wandert zu meinen kostbaren Büchern, und ich schaudere bei dem Gedanken, dass er sie angefasst hat. Sie waren ein Geschenk meines Vaters, eines, das ich niemals vergessen würde.

»Da drin wirst du nichts finden«, sage ich. Tiberias öffnet den Mund, aber ich unterbreche ihn schnell. »In Band Vier liegt der Schwerpunkt auf der Spaltung Nortas nobler Familien und dem Wuchs der Häuser.« Ich blicke auf meine Hände hinab. »Wenn dort irgendein Wort über beschenkte Rote geschrieben steht, müsste ich das schon wissen. In diesen Büchern steht nichts; ich habe jedes von ihnen mindestens sechs mal gelesen.«

Er runzelt die Stirn. »Was schlägst du vor, zu tun? Der Hofstaat ist schon in Aufruhr. Es wird nicht lange dauern, ehe sie anfangen, ihre eigenen Schlüsse aus den Ereignissen zu ziehen.«

Ich muss mir einen höhnischen Kommentar verkneifen. Also hat der große König Tiberias ausnahmsweise einmal keine Ideen. Er muss seine königliche Gemahlin bezüglich eines politischen Problems zu Rate ziehen - er verlässt sich auf mich. Dieser Gedanke muss ihn verrückt machen. »Es wäre nicht schwer, sie als jahrelang verschollene Adlige auszugeben«, sage ich, während ich meinen Blick auf die Zimmerdecke richte. »Die größte Herausforderung dürfte sein, diese Wilde dazu zu bringen, sich wie ein zivilisierter Mensch zu benehmen, aber ich denke, das könnte funktionieren.«

»Und wie? Das einzige Haus mit solcherlei Fähigkeiten ist tot.«

»Hatte Ethan Titanos nicht eine Tochter?«

Tiberias blinzelt. »Ja, die junge Mareena - möge sie in Frieden ruhen -, sie ist schon seit über fünfzehn Jahren fort. Du kannst den Hofstaat nicht Glauben machen, dass sie von den Toten auferstanden ist.«

Ich blende die Überlegenheit aus, die ich verspüre und die mein Gesicht aufzuhellen zu droht. »Durch einen schwerwiegenden Irrtum wurde Lady Titanos von Roten aufgezogen und kam an den Behörden vorbei in den Palast. Sie erhielt einen bescheidenen Job als Bedienstete, bis ihre Kräfte plötzlich auftauchten und ihr wahres Erbe als Silberne offenbarten; das der verlorenen Tochter Ethan und Nora Titanos'«, lächele ich, während ich auf meine Fingernägel hinuntersehe. »Ein annehmbares, kleines Lügenmärchen?«

Tiberias sieht auf zu mir, und sein Interesse überrascht mich. »Ja, das könnte funktionieren.« Er beginnt in gewohnter Manier auf und ab zu gehen, und ich setze mich auf meine Bettkante. »Aber das genügt nicht, um die Bürger von dieser verdammten Rebellion abzulenken.«

Ich schürze die Lippen, während ich über meinen Ehering an meinem Finger streiche. »Mach sie zur Prinzessin. Veranstalte zwei königliche Hochzeiten statt nur einer. Sicherlich hätte Maven nichts gegen eine Ehefrau.« Vor Begeistung fühlen sich meine Wangen ganz warm an.

Bei der Erwähnung des Namen meines Sohnes gleitet Tiberias Blick in die Ferne, als müsse er darum ringen, Mavens Gesicht in seinen Erinnerungen zu finden. Jetzt nimmt wahrhaftige Traurigkeit wie ein Knoten in meinem Bauch Form an, doch ich lächele sie weg und erhebe mich.

»Feierlichkeiten wie eine Hochzeit scheinen das Land immer moralisch aufzurichten.« Mein Mund verzieht sich zu einem gespielt schüchternen Lächeln. »Unsere sicherlich.«

Aufregung umhüllt sein Gesicht. »Das könnte ….« Er atmet tief ein. »Das könnte klappen. Das ist ein guter Plan.« Er sieht mich an, mit geweiteten und feurigen Augen und - ich wage es, das zu behaupten - es ist einschüchternd. »Vielen dank für deine Weisheit, Elara.«

Ein kleines Quieken entschlüpft meinen Lippen, als er meine Hand nimmt und einen Kuss auf meinem Handrücken platziert. Allein bei dem Gedanken, sie gezeigt zu haben, versuche ich schnell, meine Überraschung und Verlegenheit niederzuringen. Meine Wangen färben sich silbern, und ich wende empört den Blick ab. »Es ist nichts, Liebster, als meine Pflicht als Königin.«

...


»Sag mir, dass das nicht wahr ist!«, ruft Maven aus und weicht verärgert vor mir zurück. »Ich werde nicht- Ich kann nicht-«

Ich rolle die Augen, während ich meine Bürste zurück auf meinen Frisiertisch lege. Mein Haar fällt in losen Wellen über meine Schultern, was wohltuend ist nach einem Tag mit straffen Hochsteckfrisuren. »Maven, du hast gewusst, dass dieser Tag kommen würde.«

»Ich muss nicht heiraten. Ich bin nicht der Kronprinz und ich bin nur -«

»Als der Prinz ist deine Pflicht, den Frieden unserer Nation aufrechtzuerhalten«, erwidere ich. Trotz meiner Erschöpfung ist meine Stimme gleichbleibend und ruhig. Meine Geduld scheint unendlich zu sein, was Maven betrifft.

»Warum heiratet Cal sie nicht?«

Ich seufze und lege ihm eine Hand auf die Schulter. »Er wird Evangeline heiraten, um dem Hofstaat zu gefallen. Die Königinnenkür und die zwei königlichen Hochzeiten gewährleisten den Frieden, zumindest unter den Silbernen. Und was die Roten betrifft … nun ja, das Mädchen könnte uns helfen, diese törichten Rebellen aufzuspüren und ihnen allen dort den Garaus machen, wo sie hergekommen sind.«

Maven verzieht das Gesicht. »Wieso muss ich in deine politischen Pläne involviert werden?«

»Hör auf zu jammern«, sage ich und tätschele ihm den Kopf. »Du bist wirklich lästig, wenn du jammerst. Maven, das ist für deine Zukunft und die Zukunft Nortas.«

Er blickt zu mir auf und macht einen Hundewelpen-Blick, den er immer benutzt, um seinen Willen zu kriegen. »Mutter, ich will nicht.«

Bei Elara Merandus, seiner Mutter, zeigt das immer Wirkung, doch das gilt nicht für die Königin. Ich verenge die Augen, während ich meine Arme vor der Brust verschränke. »Maven, möchtest du nicht König sein?«

Maven zuckt zusammen, wie er es immer tut, wenn ich auf den Thron zusprechen komme. »Ich bin nicht der Erbe«, erwidert er.

Ich lege eine Hand an seine Wange und streiche ihm eine Haarlocke aus dem Gesicht. Er erschaudert. »Das ist deine Chance«, flüstere ich und halte seinen Blick auf mich gerichtet. »Du kannst die Roten niederzwingen und Cal und deinen Vater.«

»Nein, Mutter.«

»Du willst das. Ich sage dir: Das ist alles, was du je gewollt hast. Ich kenne dich so gut wie meine eigene Westentasche.«

Maven schaut zu Boden, und ballt seine Hände zu Fäusten. »Aber es ist falsch«, murmelt er. »Und ich-«

Ich küsse sanft seine Stirn, dringe in seine Gedanken und flüstere tröstende und ermutigende Worte, während ich ihm den Hass und den Neid zeige, von dem ich weiß, dass er ihn im Herzen trägt. »Du wärst der wundervollste König der Welt und dieses Mädchen ist der Schlüssel für dich, das zu erreichen.«

Er starrt mich an, sein Blick ist leer.

»Denkst du nicht, Schatz?«

»Wie denn?« Er löst sich aus seiner Starre, und sein Zorn kehrt zurück. »Soll ich mich mit ihr anfreunden, sie formen, sie umwerben-«

»Gewinne ihr Vertrauen. Sie könnte etwas über die Rebellen wissen. Wenn sie dich einlädt, irgendwo hinzugehen, begleite sie. Wenn sie dich in ihre Geheimnisse einweiht, schwöre ihnen Treue. Erzähl mir alles, was du herausfindest.« Ich senke meine Stimme zu einem Flüstern. »Und dort draußen, vor ihnen allen, gib vor, nichts zu wissen. Wenn dein Vater dir sagt, dass du sie heiraten sollst, tue so, als wärst du schockiert und entrüstet«, flüstere ich.

Er sieht aus, als wäre ihm unwohl zumute - gar, als fühle er sich schuldig. Mein Sohn ist schon immer so schuldlos gewesen… »Maven, du wirst groß«, sage ich, während ich ihn in meine Umarmung ziehe. Ihn in meinen Armen zu haben, fühlt sich wohtuend und natürlich an. Es ist das einzige Glück, das ich in den öden Mauern des Palastes finde. »Ich werde nicht für immer für dich da sein können … wenn ich fort bin, willst wirklich den Rest deines Lebens im Schatten deines Bruders leben?«

Er schüttelt den Kopf. »Nein.«

Ich seufze. »Schatz, ich weiß, wie schwer es für dich war, seit dieser Junge gestorben ist…«

»Thomas«, unterbricht Maven mich und rückt von mir ab. Er sieht auf seine Füße hinunter. »Du hast ihn sterben lassen.«

Der anklagender Ton in seiner Stimme lässt mir das Herz schwer werden. Ich hasse es, wenn er wütend auf mich ist. »Sein Leben war deinem nicht würdig.«

Er schüttelt den Kopf, während er auf die Tür zugeht. Ich weiß, dass er Freiraum braucht, aber ich möchte ebenso wenig, dass er geht. Unsicherheit und Zorn und eindeutige Enttäuschung strömt in Wellen von ihm aus. »Maven?«

Er wendet sich zu mir, sein Gesichtsausdruck ist so kalt wie Eis. Dieser Blick trifft mich ins Mark, dennoch beflügelt es mich ohne Ende. Es ist das Gesicht meines willensstarken, kleinen Sohnes. »Ja?«, fragt er.

»Ich liebe dich. Egal, was mit dem Hofstaat ist, selbst, wenn du versagst - das wird sich niemals ändern.«

Jetzt spüre ich die Wärme, die seine Gedanken durchströmt, und er erwidert mein Lächeln auf seinem Weg nach draußen. »Ich liebe dich auch, Mutter.«

...


Im Thronsaal ist es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Ausnahmsweise einmal trommelt Tiberias nicht mit seinen Fingernägeln auf die überaus nervtötende Weise auf der Armlehne herum, und sieht besorgt aus. Ich spüre seine Angst, die beinahe meine widerspiegelt.

Die Wächter treten zuerst ein und stellen sich neben der Tür auf, ihre Gewehre im Anschlag, für den Fall, dass die kleine Blitzwerferin irgendetwas Unüberlegtes tut. Lucas Samos kommt mit besagtem Mädchen an seiner Seite herein, wie immer der geborene Gentleman. Aus dem Meer aus Arroganz ist Lucas ist einer der wenigen bewundernswerten Mitglieder des Hauses Samos, klug genug, zu wissen, wo sein Platz hier bei Hof ist. Seine Scherze entlocken mir hin und wieder ein kleines Lachen.

Das Mädchen kommt vor uns zum Stehen, ihren Kopf hoch erhoben und ihr Blick hält meinem Stand. Wir spielen ein stummes Tauziehen; obwohl das Mädchen zu knien weiß, steht es mit trotzigen Gedanken aufrecht.

»Mache einen Kniefall, Mädchen«, sage ich.

»Nein, das werde ich nicht tun«, entgegnet sie, und ich merke, dass mein Gesicht vor Ärger silbern anläuft.

»Gefällt dir deine Zelle, Mädchen?« Tiberias legt lächelnd den Kopf schief. Im Angesicht der Niederen im Raum kann er dem Gefühl nicht widerstehen, sich für etwas Besseres zu halten. Ich balle die Fäuste.

»Was habt Ihr mit mir vor?«, krächzt das Mädchen. Sie sieht so erbärmlich und klein aus - sie tut mir beinahe leid. Es muss schrecklich sein, vor dem hoch aufragenden König von Norta zu stehen.

»Ich hab's ja gesagt, sie ist eine Rote durch und durch -«

Er wimmelt mich ab. Wut krallt sich in mir fest, danach lechzend, entfesselt zu werden, dennoch zwinge ich ein Lächeln auf mein Gesicht und falte meine Hände vor dem Körper. Arroganter, kleiner-

»Was ich am liebsten mit dir tun würde, ist leider unmöglich«, schnauzt Tiberias.

Arroganz durchflutet die Gedanken des Mädchens. »Tja, mir tut es nicht leid, dass ihr mich nicht töten könnt.«

Tiberias lacht leise. »Davon, dass du so clever bist, haben sie nichts gesagt.« Er holt ihre Akten hervor und wirft sie auf den Boden. Sie flattern umher wie Schneeflocken im Sturm. »Mare Molly Barrow, geboren am 17. November des Jahres 302 der neuen Zeitrechnung. Eltern Daniel und Ruth Barrow«, verkündet er und wirft dabei nicht einen Blick auf die Akten. »Du hast keine Arbeit und bist deshalb an deinem nächsten Geburtstag zur Einberufung vorgesehen. Du gehst nur unregelmäßig zur Schule, deine Noten sind schlecht und du hast ein Strafregister, mit dem du in den meisten Städten im Gefängnis landen würdest. Diebstahl, Schmuggel, Widerstand gegen die Staatsgewalt, um nur einiges zu nennen. Kurz: Du bist arm, unhöflich, unmoralisch, dumm, heruntergekommen, verbittert, stur und eine Schande für dein Dorf und mein Königreich.«

Korrekt, korrekt, korrekt. Ich fühle mich wie eine Lehrerin, die Tests benotet.

»Und dennoch bist du auch etwas Anderes. Etwas, das ich nicht begreifen kann. Du bist eine Rote und eine Silberne zugleich, ein Kuriosum mit tödlichen Konsequenzen, von denen du keine Vorstellung hast. Also, was soll ich jetzt mit dir machen?«

»Ihr könntet mich freilassen. Ich würde kein Wort sagen.«

Ich krümme mich förmlich vor Lachen. Woher kommt dieses Mädchen nur? Noch nie in meinem Leben bin ich jemandem begegnet, der so ahnungslos ist! »Und was ist mit den Hohen Häusern? Werden die ebenfalls Stillschweigen bewahren? Werden sie die kleine Blitzwerferin in der roten Livree einfach vergessen?«, lache ich.

Tiberias wird nachdenklich, als würde er meine Lösung hinterfragen.

»Du kennst meinen Rat, Tiberias«, sage ich. »Auf diese Weise würden beide Probleme gelöst.«

»Ja, Elara.« Er blickt zu mir auf und nickt. Ich blinzele. »Wir können dich nicht töten, Mare Barrow.«

Noch nicht, beschwöre ich in Gedanken. Wenn sie das hier versaut, werde ich nicht zögern, ihr Leben selbst zu beenden.

»Deshalb werden wir dich vor den Augen aller verstecken, so dass wir dich beobachten, dich schützen und dabei alles tun können, um dich zu verstehen.«

»Vater!«, ruft Cal, und ich zucke beinahe zusammen. Die Stille im Raum ist so wohltuend, aber natürlich muss der Knallkopf meinen inneren Frieden wieder einmal zerstören. Verdammter Sohn von Coriane…

Maven packt Cals Arm und zieht ihn zurück. Die Unterbrechung durch meinen Stiefsohn kümmert den König nicht. »Du bist nicht länger Mare Barrow, eine Tochter aus Stilts«, sagt Tiberias.

»Und wer bin ich dann?«

Die Rede spielt sich schon in meinem Kopf ab, bevor Tiberias überhaupt den Mund aufmacht. »Dein Vater war Ethan Titanos, General der Eisernen Legion, der im Kampf gefallen ist, als du noch ein Kleinkind warst. Ein Soldat, ein Roter, hat dich an Kindes statt aufgenommen und dich im Dreck großgezogen, ohne dir jemals von deinen wahren Eltern zu erzählen. Du bist in dem Glauben aufgewachsen, du seist ein Nichts, aber nun, durch einen glücklichen Zufall, wurdest du errettet. Du bist eine Silberne, eine Dame aus einem untergegangenen Hohen Haus, eine Adelige mit großen Fähigkeiten und eines Tages eine Prinzessin von Norta.«

Der Mund des Mädchens klappt auf und wieder zu wie der eines Fisches. »Eine Silberne - eine Prinzessin?«

Mavens Frau, die Braut meines Sohnes. »Du wirst meinen Sohn Maven heiraten, und du wirst diese Rolle perfekt spielen - ohne Wenn und Aber«, sagt er anstatt mir. Ich starre auf meine Füße hinunter und beiße mir auf die Zunge. Mare Barrows Gesicht verzieht sich vor Verwirrung und Schock, ihre Gedanken schreien Protest. Ich bemühe mich, nicht beleidigt und abwehrend zu sein. Ist es für eine kleine Göre wie sie nicht ein Traum, der in Erfüllung geht, einen Prinzen zu heiraten, die Zukunft-

»Das verstehe ich nicht«, sagt Maven plötzlich, und mein Blick richtet sich auf ihn und seine inszenierte Zurückhaltung. Kein Zweifel, seine wahren Gefühle helfen, dennoch kann ich nicht bestreiten, dass er in seinen Schauspielerkünsten völlig aufgeht. »Sie ist - warum -?«

»Kein Wort mehr! Du wirst gehorchen«, fauche ich, und Maven tritt einen Schritt zurück. Gut. Tue so, als wärst du entrüstet, aber nicht zu sehr - übertreibe es nicht.

»Das erscheint mir … ein bisschen viel der Ehre«, sagt das Mädchen, »Ihr wollt mich doch eigentlich gar nicht zu einer Dame machen, von einer Prinzessin ganz zu schweigen.« Die Verzweiflung in ihrer Stimme passt zu den Schreien in ihren Gedanken.

Tiberias lächelt. »Oh, das will ich sehr wohl, meine Liebe. Hier und heute bekommt dein primitives kleines Leben zum allerersten Mal einen Sinn. Wir befinden uns in der Frühphase einer vermaledeiten Rebellion. Terroristen oder Freiheitskämpfer oder wie auch immer sich diese roten Dummköpfe nennen, verüben Bombenanschläge im Namen der Gleichheit.«

»Die Scharlachrote Garde«, schaltet sie sich ein. »Sie haben einen Anschlag -«

»Auf die Hauptstadt verübt, genau«, sagt Tiberias schulterzuckend. Mir, andererseits, ist dieser Umstand nicht mehr als gleichgültig. Also weiß das Mädchen wirklich etwas. Ich suche in ihren Gedanken nach irgendeiner Information, doch die klitzekleinste Spur ist schon verschwunden. Ich schnaufe. Wenn sie will, ist sie gut darin, sich vor dem Eindringen in ihre Gedanken zu schützen.

»Und du«, fährt Tiberias fort und lehnt sich vor, »du könntest uns vielleicht dabei helfen, sie zu beseitigen.«

»Indem ich verheiratet werde mit Eurem Sohn - Entschuldigung, wie heißt Ihr noch gleich?«

Mavens Gesicht läuft vor Wut silbern an, und ich stehe kurz davor, dasselbe zu tun. »Mein Name ist Maven.«

Sie weiß etwas, sage ich zu ihm, und er nickt kaum merklich - unser Zeichen. Tue so, als wärst du aufgewühlt. Spiele den Dummen. Du versteht das alles nicht. Sorge dafür, dass du sie auf dem falschen Fuß erwischst.

Maven sieht auf, größer werdende Verwirrung zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. »Und ich verstehe immer noch nicht«, sagt er, wie ein begriffsstutziges Kind.

»Vater will sagen, dass sie eine besondere Chance für uns darstellt«, sagt Cal und ich kann nicht anders, als über den herablassenden Ton in seiner Stimme zu spotten. »Wenn die Roten begreifen, was sie ist - eine Silberne kraft ihrer Herkunft, eine Rote kraft ihrer Erfahrung -, wenn sie sehen, dass sie eine von uns sein wird, dann können wir sie ruhig halten. Das ist wie eines der alten Märchen: Ein Mädchen aus dem einfachen Volk wird Prinzessin. Sie wird ihre Heldin sein. Die Leute können zu ihr aufschauen anstatt zu den Terroristen. Sie ist eine Ablenkung

Und für mich der Schlüssel zur verdammten Garde. Ich schaue zu Tiberias hinüber, der zustimmend nickt.

»Und wenn wir es geschickt anstellen, werden die Hohen Häuser mit dieser Geschichte ebenfalls zufrieden sein. Du bist die verloren geglaubte Tochter eines Kriegshelden. Welch größere Ehre können wir dir angedeihen lassen?«

»Das ist keine Bitte, Lady Titanos«, sagt Tiberias. »Sie werden sich in diese Aufgabe fügen, und zwar so, wie es sich gehört.«

Einhändig raffe ich meinen Rock und trete näher an sie heran, während ich sie herablassend ansehe. »Sie werden hier wohnen, wie es die Tradition für königliche Bräuche gebietet, Lady Titanos. Ich werde über Ihren Tagesablauf bestimmen, und Sie werden in allem unterrichtet, was notwendig und möglich ist, damit Ihr Auftreten … sich als angemessen erweist. Du wirst auf Schritt und Tritt kontrolliert. Von jetzt an lebst du auf Messers Schneide. Ein Fehltritt, ein falsches Wort, und du wirst es zu spüren bekommen!«

»Und was ist mit meinem Leben -?«

Ich lache spöttisch. »Welches Leben? Mädchen, du bist Hals über Kopf in ein Wunder gestolpert.«

Mit einem Mal stürmen Cals Gedanken auf mich ein, voller Verachtung und Missbilligung. Ich widerstehe dem Drang, ihn zu schlagen. »Sie meint ihre Familie. Mare … das Mädchen hat eine Familie.«

»Ach, das«, schnaubt Tiberias, während er sich zurück auf seinen Thron fallen lässt. »Wir werden ihnen wohl ein Kostgeld zukommen lassen und so ihr Schweigen sicherstellen.«

»Ich will, dass meine Brüder aus dem Krieg nach Hause entlassen werden. Und mein Freund, Kilorn Warren. Er soll nicht eingezogen werden«, sagt sie.

Es braucht einen Moment, bis Tiberias antwortet, seine Gedanken sind im Einklang mit den meinen. Was sind ein paar Rote Soldaten in einem Meer austauschbarer Krieger? »Erledigt.«

Erledigt. Das Wort ist so einfach und prägnant, und dennoch bedeutet es alles. Mein Plan funktioniert. Ich habe das Mädchen im Griff, ebenso wie die Wache und den Hofstaat und die Krone.
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