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Wenn der Tag zerbricht

von Anthea
OneshotDrama, Angst / P12 Slash
Old Shatterhand Winnetou
30.05.2016
30.05.2016
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Ich war plötzlich hellwach. Zunächst wußte ich nicht, was mich geweckt hatte… die Nacht war still, aber nicht ungewöhnlich, der Wind hatte sich zudem auch fast gelegt. Mein erster Blick zur Seite offenbarte allerdings sofort, was mich aus dem Schlaf hatte auftauchen lassen. Er hatte sein Lager verlassen, war aufgestanden, obwohl es nicht die Stunde seiner Wache war. Die Saltillo-Decke lag ordentlich gefaltet an dem Platz, den er sich zum Schlafen erwählt hatte – dicht neben mir, wie es seine Gewohnheit seit vielen Jahren war. Wir ritten nun schon so lange Zeit zusammen, waren einander so eng verbunden, daß wir wirklich eins waren - wie Intschu-tschuna damals prophezeit hatte. Ich konnte spüren, wenn sich etwas veränderte, wenn seine Gegenwart sich von mir entfernte.

Ich fand ihn unweit von unserem Lager an eine mächtige Kiefer gelehnt. Ein Bein hatte er angewinkelt und den Fuß gegen den breiten Stamm gestellt, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick ging hinaus in die Nacht, aber ich war mir sicher, er sah nicht nur die Prärie vor uns. Seine Augen blickten durch Zeit und Raum – wohin vermochte ich nie zu sagen, wenn sein Geist auf Wanderschaft ging. Sein herrliches, blau-schwarzes Haar hing ungebändigt weit auf seinen Rücken hinab, einige Strähnen fielen zum Teil in sein fein geschnittenes, schon aristokratisch anmutendes Antlitz. Dennoch konnte ich im Licht des Mondes, der hinter den Wolken hervor gekommen war, tiefe Schatten unter seinen Augen sehen, die Sorgen in seine Haut gegraben hatten.

Er mußte mich nicht ansehen, um zu wissen, daß ich an seine Seite getreten war… leise begann er zu sprechen: „ Mein Bruder fühlt wenn Winnetous Geist unruhig ist…“ Ich wußte, er erwartete von mir keine Antwort, also lehnte ich mich mit meiner Schulter neben ihn an den alten Baum, schwieg und wartete, was er zu sagen hatte. Es war, als wüßte mein Geist bereits, daß der seine nun sprechen mußte.

„Winnetou ist so unsagbar müde… Mein Bruder, ich bin müde geworden… beinahe fühlt es sich an, als hätte sich der Rabe des Alters auf meinen Schultern niedergelassen.“ Erschrocken sah ich ihn an… er war gerade einmal fünfunddreißig Jahre alt, und sprach davon müde zu sein? Wohl wahr, unsere Reisen waren niemals ungefährlich, wir trafen immer auf Zwist zwischen Rot und Weiß oder auch zwischen roten Völkern, und mußten jeden Tag aufs Neue unsere Kräfte dafür einsetzten, das Böse nicht überhand nehmen zu lassen, aber wir verlebten doch auch schöne Zeiten, ritten auf die Jagd, ließen unsere Hengste im wilden Galopp über die Prärie jagen, sahen den Kindern im Pueblo beim Spielen zu…

Winnetou sprach nun leise, beinahe tonlos weiter: „Winnetous Kanu ist nicht mehr fest verankert. Ich kämpfe jeden Tag aufs Neue gegen die Strömung, die mich zu den Sternen tragen will. Einzig das Wissen, daß mein Bruder am Ufer auf mich wartet, läßt Winnetou nicht aufgeben.“ Kurz hob er den Blick, sah mich an, bevor er sich wieder der Weite der Prärie und der Nacht zuwandte. Seine Stimme war kaum zu hören… „Winnetou weiß sehr wohl, daß sein Volk untergehen wird. Aber nicht nur die Apachen, alle roten Männer werden das Leben verlieren, das sie kannten. Es wird nur mehr eine vage Erinnerung sein, so wie der Traum verblaßt, wenn der Tag erwacht. In manchen Nächten, wenn die Stunden am dunkelsten sind, hört Winnetou die Sterne rufen. Scharlih, sie rufen nach mir… und ich denke darüber nach, ob es nicht besser wäre für mein Volk, würde ich dem Ruf meiner Ahnen folgen… würde ich sie nicht immer weiter in den Kampf um ein besseres Leben führen, der so aussichtslos scheint? Wäre mein Volk nicht glücklicher, würde es in Frieden leben, wäre es auch auf einem ihnen fremden Land?“

Gerade als er tief Atem holte, um sich zu mir umzuwenden, mich direkt anzusehen, krachte ein Schuß; zerriß die Nacht. Die Welt zerbarst, alles stand still, fühlte sich zäh an - wie unter Wasser - und dennoch waren die Einzelheiten so unendlich klar. So sehr mein Geist es auch forderte, ich vermochte nicht mich schnell genug zu bewegen. Winnetou erstarrte neben mir, ehe seine Knie nachgaben, und er ohne einen Laut zusammenbrach. Ich konnte seine schlanke Gestalt gerade noch vor einem harten Aufprall bewahren. Mit meinem Bruder in den Armen sank ich zu Boden. Instinktiv zog ich ihn hinter die große Kiefer, wo uns der mächtige Stamm zumindest ein wenig Schutz böte. Weit entfernt hörte ich Emery brüllen, er hätte das Mündungsfeuer östlich von uns gesehen. Mein Geist wollte in diesem Augenblick nicht an die Gefährten, die Westmänner und Apachen-Krieger, denken. Mein Blick war unverwandt auf das schöne Gesicht meines Bruders geheftet, in dem sich nun deutlich Schmerz abzeichnete. Wie in einem bösen Traum gefangen, schloß ich ihn fester in meine Arme, mein Blick hielt den seinen fest, wollte ihn nicht loslassen. Ich konnte nicht denken, nicht atmen, nicht fühlen… mir war kalt, und gleichzeitig rann mir der Schweiß in heißen Bächen den Rücken hinab. Meine Lippen formten Worte ehe mein Geist sie fertig gedacht hatte… „Winnetou, mein Bruder… ich liebe dich…“

In diesem Moment schloß Winnetou die Augen…
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