Gefrierbrand

OneshotAngst, Horror / P18
Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
30.05.2016
30.05.2016
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Gefrierbrand


„Die größte Krankheit der Seele – das ist die Kälte.“
- George Benjamin Clémenceau (1841 – 1929)

Ein lautes Zischen. Ein Rauschen, ein unaufhörliches Rauschen. Lärm, ohrenbetäubender Lärm. Ein lautes Zischen, wieder und wieder und wieder.
Die Geräuschkulisse wächst zu einem grotesken Orchester, zu einem krachenden Crescendo, kreischenden Geigen, brüllenden Trompeten. Die Ohren schmerzen, aber die Hände können nicht auf sie gedrückt werden. Es gibt keinen Schutz.
Das Orchester wird lauter, immer lauter, ein lautes Zischen.
Der Körper schmerzt, die Kälte zerquetscht ihn. Die Haut wird von ihr durchzogen, wie rostige Nägel, die in einem Brett stecken und für immer dort bleiben. Eisige Hitze schwirrt über der Haut, die an einigen Stellen knackt und aufreißt. Der Körper schmerzt.
Das Orchester wird unterbrochen, es mischen sich andere Geräusche dazu. Ein Trampeln bahnt sich den Weg durch die Ohrmuschel, vorbei an den Knöchelchen und geht direkt in das Wahrnehmungszentrum, das nur sehr langsam funktioniert. Es ist wie ein alter Wagen, der zu lange in einer unbeheizten Garage herumgestanden hat und einfach nicht anspringen will.
Verzweiflung über das laute Zischen, das immer noch im Hintergrund zu hören ist. Das Trampeln wird lauter und seine Frequenz steigt. Menschen, die vor ihm auf und ab laufen. Menschen, die ihn ohne Gnade ans Laufen bringen wollen.
Die oberste Hautschicht reißt, als eine warme Hand darauf abgelegt wird. Stechender Schmerz entsteht und rast in sein Wahrnehmungszentrum, um ihn vor einer Gefahr zu warnen. Überlebenswille, rasende Wut und das lauter werdende Orchester in seinem Ohr...
Ein lautes Zischen kündigt das Ende des Vorganges an. Das letzte Zischen. Der Geruch von Rauch und Kühlmittel dringt in seine Nase und verursacht ein flaues Gefühl in seinem leeren Magen. Absolute Leere, nicht nur die des Magens. Sein Geist ist auch leer, es regen sich nur der Wille die Trampelnden anzusehen und das Orchester verstummen zu lassen.
Mehr warme Hände auf seiner Haut, die unaufhörlich zerreißt und wie ein zerklüftetes Meer aus tiefen Abgründen aussehen muss. Äußerlich entstellt und innerlich ausgeleert. Nur das Orchester und das Trampeln sind da, sind in seinem Kopf und werden dort bleiben.
Noch mehr Trampeln, es sind Schritte. Mehr Schritte, immer mehr Schritte.
Stimmen kommen dazu, sie sprechen über ihn. Über seinen Zustand und seine Vorbereitung für den nächsten Schritt. Er kann die Augen nicht öffnen, die sind verklebt und verstecken seinen Geist hinter Finsternis.
Realisierung. Sein Geist versteht endlich, was nun passieren wird. Das langsame Herz schlägt holprig und unregelmäßig, es hat keine Kraft. Es ist beinahe eingerostet, wird nicht wirklich gebraucht, ist vollkommen überflüssig.
Die Stimmen befinden sich direkt über ihm und er kann sich das erste Mal bewegen. Seine Stirn wirft Falten, denn ein grelles Licht wird direkt auf seine geschlossenen Augen gerichtet, die sich wild in alle Richtungen drehen, um nicht beschädigt zu werden.
Flucht. Lauf, lauf, lauf!
Er kann nicht laufen, er ist unter den warmen Händen gefangen. Seine Haut zerspringt und gibt sein bloßes Fleisch preis. Er ist ungeschützt, ein Neugeborenes ohne Schuld und ohne liebende Mutter, die sich für ihn aufopfert.
Er wird geschunden werden, das weiß er. Sein zerstörter Körper wird noch weiter beschädigt, immer weiter und ohne Rücksicht.
Die Kälte auf seiner Haut wird wässrig und läuft in dicken Tropfen über seinen von einer Gänsehaut geplagten Körper. Die Tropfen laufen nach unten zu seinen Füßen, die nackt auf einem kalten Untergrund stehen.
Wasser sammelt sich an und bildet eine Pfütze. Auch sein Gesicht ist nass und endlich kann er die Augen öffnen.
Sie werden bedeckt von einem schmierigen Film, der die Welt verschleiert. Er kann nichts erkennen, nicht einmal wie viele Trampelnde geschäftig um ihn herum laufen. Sie haben zu sprechen aufgehört und sich um ihn versammelt.
Kraftlos lässt er sich bewegen und wegführen. Seine Arme und Beine werden umher geschoben und letztlich mit dicken Gurten fixiert, das spürt er mehr als deutlich. Dann bewegt sich sein ganzer Körper, ohne dass er sich selbst anstrengen muss. Er wird transportiert.
Die Lichter ziehen an ihm vorüber, nur selten wird die Dunkelheit von ihnen unterbrochen. Er hat Angst. Was passiert mit ihm?
Ein lautes Quietschen und plötzliches, gleißendes Licht. Die Augen schließen sich und tun weh, brennen wie Feuer. Tränen bahnen sich ihren Weg unter den geschundenen Lidern hervor. Das Licht brennt, macht es aus...
Sein Körper wird aufgerichtet und von großen, warmen Händen gepackt. Er kann nichts sehen, das Licht schmerzt so sehr. Er sitzt und wird wieder befestigt. Sein Herzschlag galoppiert nun schneller und wird unruhig. Sein Atem geht zischend und rasselnd. Etwas wird in seinen Mund gesteckt, es schmeckt nach Gummi.
Kaltes Metall wird auf sein Gesicht gedrückt. Er kneift die Augen zusammen und versucht die Panik zu unterdrücken. Er wehrt sich. Mit aller Kraft wehrt er sich gegen die Angst und seine Gefangenschaft, doch gibt es kein Entkommen.
Niemals würde er entkommen.
Schmerz, Stiche, Prickeln und Nadeln in seiner Haut. Der ganze Körper bebt und wird vom Strom malträtiert. Die Feuchtigkeit leitet die Stromschläge hervorragend und lässt die Gliedmaßen vibrieren. Die Muskeln krampfen und reißen kaum erkennbar unter seiner Haut.
Er wird Schmerzen haben, die er vergessen soll. Er wird jede Bewegung mit ihnen aushalten müssen. Sogar seine Gesichtszüge zucken.
Die Zähne knirschen, weil sie so fest aufeinander gebissen werden. Der Geschmack von Gummi und Blut flutet seinen Mund. Er ekelt sich und ihm wird schlecht, während er sich auf den nächsten Stromschlag vorbereitet. Doch trifft ihn auch dieser mit einer unerwarteten Wucht. Er schreit. Laut, lauter, noch lauter.
Dann hört es plötzlich auf. Stille, Angst und Schweiß. Ein lautes Zischen und wieder Schritte.
Jemand nähert sich und murmelt leise. Er kann ihn kaum hören, denn seine Ohren dröhnen von seinen eigenen Schreien, die in ihm widerhallen. Ihr Echo erfüllt den ganzen Raum, der immer noch vor seinen Augen verborgen ist.
Er öffnet die Lider und erblickt den grauen Boden zu seinen Füßen. Die Stimme wird lauter und er spannt jeden seiner schmerzenden Muskeln an. Eine Kette unzusammenhängender Wörter...
„...солдат“
Leere und Gehorsam.

Anmerkung: Ein kleiner Oneshot für Zwischendurch. Ich habe versucht mir vorzustellen, wie es sich für Bucky/den Winter Soldier anfühlen könnte, wenn er aufgetaut und zum Löschen gebracht wird. Eure Meinung ist natürlich auch wieder gefragt!
LG, Erzaehlerstimme
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