Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Broken

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P6 / Het
Lightning / Claire Farron Serah Farron Snow Villiers
27.05.2016
06.06.2016
4
7.493
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
06.06.2016 1.212
 
Etwas in ihr war dabei sich zu verändern. Lightning spürte wie ein Teil von ihr mit dem prasselnden Regen fortgespült wurde.
Wie lange sie letztendlich planlos durch die Straßen der Stadt gelaufen war, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht waren es nur wenige Minuten gewesen. Vielleicht aber doch eher Stunden. Vielleicht war nach ihrem Zusammenbruch sogar so gut wie keine Zeit vergangen und sie hatte sich bloß eingebildet, alleine in den Schatten der Nacht durch die Gegend zu irren.
Ob nun wenig oder viel Zeit vergangen war, spielte für sie jedoch sowieso keine Rolle. Genauso wie alles andere in ihrem Leben keine Rolle mehr spielte. Es mochte unfair gegenüber Serah klingen, aber es war derzeitig das, was sie fühlte. Sie fühlte sich leer. So leer, dass sie nicht mal bemerkte wie ihr Körper vor Kälte zu zittern begonnen hatte, da ihre Kleidung längst vollkommen vom Regen durchnässt war.
Auf den Straßen hielt sich kein Mensch mehr auf. Nicht mal einem Soldaten der Schutzgarde, eine von vielen speziellen Einheiten von Guardian, begegnete sie auf ihrem Weg ins Nirgendwo. Einzig das stetige Geräusch des Regens war ihr Begleiter.
Irgendwann weigerte sich ihr Körper dagegen, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Übel nehmen konnte sie es nicht ... Ihr selbst würde ohne ein einigermaßen anständiges Ziel auch die nötige Motivation dazu fehlen, mangelnde Kraft mit Hilfe von Reserven zu unterstützen.
... Was für einen Schwachsinn dachte sie da eigentlich?
Auf einer nahegelegenen Bank sank sie schließlich nieder und ließ ihren Blick durch die Umgebung schweifen. Gebäude. Überall ringsherum gab es nichts anderes außer hohe Gebäude, von denen Lightning sich aus einem ihr schleierhaften Grund bedroht fühlte, ganz zu Schweigen von den zahlreichen dunklen Gassen zwischen den Häusern. Diese gewaltigen Bauwerke erweckten sonst nicht den Eindruck in ihr, sie könnten mit jedem Augenschlag auf sie herab stürzen und unter sich begraben.
Um diesem Gefühl zu entkommen, senkte sie den Kopf und sah lieber auf den Boden. Ihr war eh nicht danach, sinnlos durch die Gegend zu starren. Wie gesagt, sie fühlte sich leer und genau das konnte sie nicht verstehen.
Warum empfand sie nichts mehr? Warum schrie sie nicht weiter herum, was Wut und Verzweiflung ausdrücken würde? Warum schlug sie nicht noch mal kräftig gegen den Boden, um sich dadurch zu entkräften und durch den Schmerz in ihren Händen ihre verletzten Gefühle zu übertönen? Und ... Warum vergoss sie keine Tränen, die Trauer zeigen würden?
Vermutlich weil all das nichts an der Tatsache ändern würde, dass es vorbei war. Nichts von alldem würde etwas ändern oder sie ausreichend davon ablenken können. Alles wäre umsonst.
Verzerrt drang der Klang einer Stimme an ihr Ohr, aber sie nahm es nicht wirklich wahr, bis ganz in ihrer Nähe erneut jemand ihren Namen sagte, diesmal etwas lauter. „Lightning?“
Zögernd hob sie den Kopf an, ihr Blick war abwesend. Irgendjemand stand direkt vor ihr und hatte sich leicht zu ihr runter gebeugt. Durch den Regen konnte sie die Person jedoch  nicht erkennen, er verschleierte ihr Sichtfeld völlig.
„...“ Die Person schwieg kurz, ehe sie wieder die Stimme erhob. Scheinbar konnte man ihr deutlich ansehen, dass etwas nicht in Ordnung war, daher sparte ihr Gegenüber sich diese Frage. „Kann ich dir irgendwie helfen?“
Dieses Mal konnte Lightning anhand der Stimme erkennen, wer sie da gerade ansprach, auch wenn sie nach wie vor kaum etwas erkannte: Noctis.
Seine Stimme ... Es klang komisch, doch auf eine seltsame Weise schien seine Stimme sie ein wenig aus der Schlucht zu ziehen, in die sie gedanklich gestürzt war. Zwar blieb das Gefühl der Leere, aber ihr Verstand hatte die Rückkehr in die Realität geschafft. Plötzlich waren die zuvor als gefährlich empfundenen Gebäude für sie nichts weiter als gewöhnliche Bauwerke. Und nun spürte sie auch die Kälte, die ihren Körper schon seit einer Weile überfallen hatte.
Dennoch ... wusste sie nicht, was sie nun tun sollte. Ihr fehlte jeglicher Antrieb, selbst für eine Antwort auf die Frage von Noctis. Wortlos senkte sie stattdessen wieder den Kopf.
Schweigen drängte sich zwischen Lightning und Noctis. Anfangs konnte sie seinen Blick auf sich noch deutlich spüren, bis ihr Verstand langsam drohte tiefer zurück in die Schlucht zu fallen, weit abgeschieden von der Wirklichkeit. Ruckartig richtete sich ihre Aufmerksamkeit dann jedoch auf Noctis, der die lang anhaltende Stille zwischen ihnen brach.
„Schon gut. Wenn du lieber allein sein willst, werde ich gehen“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Ich habe kurzfristig die Schicht von jemandem aus der Schutzgarde übernommen ... Falls du es dir also doch anders überlegst, ich werde hier in der Gegend sein.“
Auf einmal schien das bisher geräuschvolle Prasseln des Regens nur noch halb so laut zu sein wie vorher, denn als er seinen ersten Schritt machte, um zu gehen, klang es für sie ohrenbetäubend laut. Obwohl es nicht sein konnte, nahm sie das Geräusch seines Schrittes so überdeutlich wahr, dass es ihr Kopfschmerzen bereitete.
Bevor sie überhaupt darüber nachdenken konnte, hatte sie auch schon den Arm ausgestreckt und mit der Hand nach dem unteren, linken Ärmel seiner Jacke gegriffen. Ohne vom Boden aufzuschauen, hielt sie ihn fest. Dabei bemerkte sie, dass sie ziemlich entkräftet war. Wäre sie geistig anwesender gewesen, hätte sie sich gefragt, wodurch sie sich überhaupt so ausgelaugt hatte.
Wieder eroberte sich Schweigen für einen kleinen Augenblick die Atmosphäre. Kurz darauf setzte Noctis sich in Bewegung, jedoch nicht, um zu gehen. Er nahm neben Lightning auf der Bank Platz, woraufhin sich ihr Griff um seinen Ärmel lockerte und sie losließ. Wenige Augenblicke später spürte sie, wie er etwas behutsam um ihre Schultern legte. Zaghaft tastete sie mit den Händen danach und stellte fest, dass er ihr seine Jacke umgelegt hatte, die wesentlich wasserfester war als ihre Bluse.
Lightning hob den Kopf an und blickte mit halb geschlossenen Augen zu ihm. Jetzt, wo er noch näher bei ihr war, konnte sie ihn auch besser erkennen. Als sich ihre Blicke kreuzten, nickte sie ihm dankend zu, statt etwas zu sagen, und er nickte zurück. Danach lenkte sie ihren Blick zurück Richtung Boden und zog die Jacke enger um sich.
Die ganze Zeit über blieb Noctis schweigend neben ihr sitzen. Seine Pose dabei konnte sie sich nur allzu gut vorstellen: Beine übereinander geschlagen und Arme verschränkt, den Blick leicht nach unten gerichtet. Ob es an seiner Nähe lag, dass sie sich nicht mehr so leer fühlte wie zuvor? Mit Sicherheit sagen konnte sie es nicht, doch seine Anwesenheit bewirkte auf jeden Fall etwas. Und was es auch war, es half ihr ein wenig.
Zeit verging. Wie viel Zeit genau, konnte Lightning mal wieder nicht einschätzen.
Damit sich ihre Gedanken nicht ein weiteres Mal in irgendwelche Abgründe verlieren konnten, konzentrierte sie sich auf den Regen. Je länger sie dem Regen lauschte, desto mehr überrollte sie allmählich die Müdigkeit, doch sie wollte nicht schlafen. Mühevoll versuchte sie die Augen offen zu halten. Ihre Angst vor dem Erwachen am nächsten Morgen war zu groß, weil nichts mehr so sein würde wie es vorher war.
Dauerhaft konnte sie sich allerdings nicht gegen die Müdigkeit wehren. Irgendwann fielen ihr letzten Endes doch die Augen zu und das letzte, woran sie sich erinnerte, war, trotz des ungemütlichen Wetters, die Wärme von Noctis' Schulter, an der sie einschlief.
Das Rauschen des Regens begleitete sie sogar noch bis in ihren traumlosen Schlaf und trug den Klang einer unvermeidlichen Veränderung in sich.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast