7 - Utopia

von Emares
GeschichteAllgemein / P12
Goal Rufus
26.05.2016
12.07.2016
8
17122
3
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Der warme Wind wehte ihr durch das Haar, als Zukunfts-Goal den Utopianern nachblickte, wie diese mit ihrer Zeitmaschine in einem Wurmloch verschwanden. Sie hatten ihr alles genommen: Jahre ihres Lebens, die Hoffnung, Elysium zu erhalten und Rufus; die Liebe ihres Lebens.
Sie wollte ihn retten, hatte das Umok, wie sie ihr Gefährt nannten, umgebaut, nachdem sie es gestohlen hatte und in der Zwischenzeit gestrandet war. Aber die Utopianer entdeckten ihren Versuch und drohten, sie beide zu töten, falls sie ihn nicht fallen ließe.
Ein Rufus vom Rücksitz platzte schließlich ins Geschehen und überzeugte sie beide, loszulassen, weil sie sich in einer Zeitschleife befanden, an deren Ende sie tot war und er simultan Deponia und Utopia zerstörte, um die hoffnungslose Situtation zu einem Ende zu bringen.
Außerdem hätte er sich einen Schnurrbart wachsen gelassen – das konnten sie beide nicht zulassen.
Ihr war kein Happy-End beschieden, nur die ultimative Option, dass sie beide losließen, die Möglichkeit einer provisorischen Aussprache. Und dennoch; es war längst nicht alles gesagt, was gesagt worden werden sollte.
     „Gab es noch einen Rufus, noch eine Goal? Hatten sie noch ein Happy-End in irgendeiner Zeitlinie erhalten!?“, waren Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, als die Elefanten, diese Schwachköpfe, in ihrem Toaster-ähnlichen Fahrzeug verschwanden. Aber es wäre egal.
Alle Zeitlinien, die für sie in Reichweite waren, alle Parallel-Universen, die entstanden, als diese unseligen Sprünge durch die Geschichte begannen, lagen entweder außerhalb ihrer Möglichkeiten, oder waren von den Konsistenzfeteschisten getilgt worden – sie würde es nie erfahren.
Ein tiefes Schnaufen durchzog ihre Lungen, als ihr die Sinnlosigkeit ihres Weiterlebens nun endgültig klarwurde. Sie hatten beide das kleinere Übel gewählt und dennoch fühlte sich dieser Sieg dadurch pyrrhisch und hohl an. Was ihr blieb, war nur die Existenz.
Und sie wusste nicht, ob sie diese überhaupt durchhalten konnte.
Auf Elysium hatte sie trainiert, war fit; aber das war Deponia: hier zu Überleben brauchte weniger physische Stärke, weniger Intellekt – man musste erfindungsreich, kreativ, improvisativ sein und... hinterhältig, wenn man alleine war.
Sie wandte sich vom Anblick der abgestürzten Raumsation ab, ihrer Heimat, die nun als Massengrab Freunde, Bekannte, Verwandte und treue Wegbegleiter umschlungen hielt, wie ein eisig kaltes Mausoleum. In der Abendsonne wirkte es fast schön, wie die ausgebrannten Türme der einst fliegenden Stadt aus dem Meer ragten. Nur würden die Deponianer bald beginnen, die Ressourcen für sich in Besitz zu nehmen, die diese Schatzkammer beherbergte. Auf diese Leichenfledderei konnte sie verzichten.
Mit beiden Händen packte sie den Überlebensrucksack, den die Elefanten ihr überlassen hatten. Sie hatte sich vor einiger Zeit Finger-lose Handschuhe besorgt, die etwas taktisch wirkten, auch wenn es mehr Mode war. Ihr elysianischer Anzug, ein weißer, Ärmel-loser Overall, hing ihr auf Höhe des Bauchnabels einfach über den Hintern. Den BH darunter hatte sie um ein blaugraues Unterhemd erweitert, in dem sie sich beweglicher fühlte. Obwohl der herabhängende Teil dagegen unpraktisch wirkte, wie eine zur Hälfte geschälte Banane, konnte sie sich nicht davon trennen. Die unfertige Lookänderung symbolisierte ihre Wandlung: gerade soweit verändert, dass sie ungeschliffener und rauer wirkte, aber nicht völlig von ihrer Vergangenheit entfernt.
Auch ihre Frisur hatte leiden müssen; während ihre feuerroten Haare einst über ihre Schultern flossen und dem flinken Mädchen hinterherwehten wie ein orangenes Banner, hingen nun nur noch zwei Stränen herunter, die das Gesicht einrahmten. Der Rest ihres Haupthaares war der Schere zum Opfer gefallen, nachdem sie Cletus angeschrien hatte. Ein Stirnband trennte die kurz geschorenen Haare über den Ohren von den kurz rasierten Haaren unter dieser Linie.
Er hatte sich als Rufus ausgegeben, um so nach Elysium zu kommen. Nachdem Rufus sich geopfert hatte, damit sie überlebte, wollte sie ihren ehemaligen Verlobten dafür leiden lassen, dass er es gewagt hatte, zu überleben und Rufus' Platz einzunehmen. In seiner Verzweiflung, Elysiums Untergang abzuwenden, hatte er sich schließlich in die Luft gesprengt. Im Sterben wollte er ihr gestehen, nicht ihr Geliebter zu sein, aber sie fauchte ihn in seinen letzten Sekunden nur an.
Bei der Explosion war ein Blitz neben ihr eingeschlagen und womöglich war es der Stress in dieser Situation, aber sie hatte einen Sterbenden in Grund und Boden gekeift.
Dieses Erlebnis war eine Wende in ihrem Leben, die neue Frisur sollte diese Wandlung symbolisieren, auch wenn sie bei rechtem Licht betrachtet einfach Mist war.

Das jedoch war nun nicht mehr ihre Sorge, der Wind fühlte sich gut auf ihrer Kopfhaut an und das nur, weil die Haare kurz und durchdringbar waren. Ein schönes Gefühl... irgendwie.
Sie ging einfach los, ohne Plan an der Küste entlang.
Wieder seufzte sie und atmete tief ein. Auf Elysium hatte sie saubere Luft zur Verfügung gehabt, frisch geschnittenes Gras konnte sie jederzeit zwischen ihren Zehen spüren, wenn sie wollte und klares Trinkwasser sprudelte in verschwenderischer Arroganz aus Springbrunnen.
Hier unten dagegen war das Grün spärlich, das Wasser rostrot und die Luft enthielt mehr kurzkettige Kohlenwasserstoffe, als das die Natur einmal vorgesehen hatte.
Die untergehende Sonne ließ die Temperaturen langsam absinken, von den typischen schweißtreibenden 35 – 40 °C am Tage auf angenehmere Nachttemperaturen.
Etwa acht Uhr musste es auf der Oberfläche jetzt haben. Da auf dieser Halbkugel gerade Sommer war, hatte sie demnach noch zwei bis drei Stunden die Abendsonne genießen können.
Also stapfte sie auch an der kleinen Siedlung, die in Metallrohre eines Müllhaufens geschmiedet war, welcher sich an der Küste befand, einfach vorbei.
     „Erst einmal will ich ihn finden“, dachte sie sich,
     „Ich werde ihn finden, mich von ihm verabschieden und ihn anständig begraben“, schließlich blieb sie für einen Moment stehen und schaute wieder zu ihrer alten Heimat,
     „und dann sehen wir mal weiter!
Es war mehr eine Ahnung, woher sollte sie auch wissen, wo er abgestürzt war, aber ihr Herz wies ihr den Weg durch die Unmengen an Schrott. Wie ein Geigerzähler fühlte es sich an, als klopfe es stärker, je näher sie ihrem Ziel kam. Er musste ja hier irgendwo sein; Elysiums Orbit war stationär, wo es abstürzte, musste schließlich auch alles gelandet sein, was von dort heruntergefallen war.
Alles... und jeder!

Vier Stunden später, sie war etwa 30 Kilometer gewandert, über Trampelpfade und mäßig freigeräumte Müllmassen, wurde es langsam aber sicher kalt. Eine unglaubliche Müdigkeit überkam sie und erinnerte daran, dass das Gefühl der Leere in ihrem Kopf nicht das einzige Befinden war, das ihr Körper simulieren konnte. Außerdem hatte sie tiefen Hunger.
Es nutzte nichts mehr, ihre Füße hätten sie kaum weitertragen können, so sehr sie sich dem traurigen Ziel auch entgegen sehnte. Außerdem drohte die Last ihres Rucksacks sie langsam aber sicher in die Knie zu zwingen – diese lächerlichen fünf Kilo. Sie setzte den Rucksack ab, um den Overall nach oben zuzuziehen und blickte sich um:
Ein kleines blaues Licht in der dunklen Einöde deutete auf Menschen hin. Vorsichtig stapfte sie in die Richtung. Ein dunkler Arkadengang trug die Last eines umgestürzten Schaufelbaggerrades und dazwischen funkte eine kleine Lampe über einer Tür den Schriftzug „Hotel altes Schächtelchen“ an.
Instinktiv ergriff sie die Klinke des Eingangs, doch dann stoppte sie. War das der richtige Weg?
Sie wusste nicht, ob sie irgendjemandem hier trauen konnte. Natürlich war sie auf nette Deponianer gestoßen: Doc, Bozo, Toni z.B.. Aber es war auch klar, dass diese Welt nicht nur gute Menschen bewohnten. Und überhaupt; hatte sie einen Plan? Sie hatte keinen blassen Schimmer, was sie hier tat.
     „Kommen Sie rein oder machen Sie die Türe frei“, hallte seine schrille Frauenstimme von innen und weckte sie aus ihrer Lethargie. Sie trat ein.

Drinnen saß eine kleine alte Frau mit einem Kopf-großen Dutt in einem glänzenden Ballkleid hinter einem schmutzigen Tresen. Goal blickte sich um und erkannte, dass flackernde Glühbirnen an den Stahlträgern den kreisrunden Saal schlecht erhellten. Aktphotos der alten Frau waren zwischen den Stützen angebracht, rechts neben der Türe hing das älteste, noch grau und im Uhrzeigersinn wurde die zunächst junge Frau immer ein Jahrzehnt älter. Sie drehte den Kopf und es wirkte so, als schmelze die Duttträgerin, was Goal erschauern ließ.
     „Wollen Sie die ganze Zeit da stehen und zittern?
Sie schüttelte den Kopf und ging an den Tresen. Coolness vortäuschend lehnte sie sich darauf vor,
     „Ich brauche ein Zimmer, aber zu erst muss ich dringend etwas essen!
Unbeeindruckt wandte sie Alte sich auf sie zu:
     „Wie wollen Sie das denn bezahlen, Schätzchen!?“, sperrte sie ihr linkes Auge weit auf.
Goal kramte etwas aus dem Hosenlatz ihres Anzuges. Dann legte sie drei Glaschips, zwei rote, einer blau, auf den Tisch.
     „Der Rest ist für Sie!
     „Was soll denn das sein!?“, hob sie einen Roten auf und Goal erwiederte:
     „Elysianische Spaßpunkte, eine der Währungen der fliegenden Stadt.
Ihr gegenüber zuckte nur mit den Schultern und warf das Glasspielzeug einfach achtlos hinter sich, sodass es durch den Raum prasselte.
     „Da muss ich Sie enttäuschen: seit das Ding abgestürzt ist, wimmelt es an unseren Stränden nur so von diesen Teilen. Das ist hier nichts wert!
Schlagartig wurde Goal klar, dass sie nicht nur alleine war, sondern auch über überhaupt keine Möglichkeit verfügte, Rufus' Wunsch nachzukommen, auf Deponia ein anständiges Leben zu verbringen. Wahrscheinlich war ihre einzige Chance, in einer Siedlung oder einem Dorf Obdach zu suchen und zu hoffen dass ihr dies nicht übel bekam. Ein enormes Risiko in einer fremden Welt – die einzige Ortschaft, die sie kannte und wo sie hoffen konnte gut behandelt zu werden; insbesondere wegen deren Verpflichtungen Rufus gegenüber, war Kuvaq. Und das lag etwa 5 Wochenmärsche entfernt.
Sie verlor augenblicklich ihre Lässigkeit, blickte die Wirtin mit halb offenem Mund an, dann langsam zum Fußboden, wieder schnell in ihre Augen. Sie blinzelte, schließlich drehte sie sich langsam, mit einer leichten Kopfwendung beginnend, zum Ausgang und stapfte mit herunterhängenden Schultern darauf zu.
Die Frau am Tresen runzelte die Nasenflügel, dann verfluchte sie ihre mitfühlende Art und rief:
     „Moment – kommen Sie noch einmal zurück!
Sie bewegte sich zurück.
     „Dieses Stirnband... es gefällt mir. Überlassen Sie es mir und Sie dürfen eine Nacht in der Himmelssuit verbringen und ich fülle Ihren Überlebensrucksack auf!
Auch wenn die gerade gezeigte Langsamkeit ihrer Bewegung das nicht ahnen ließ, stockte Goal trotzdem. Dieses Stirnband hatte Cletus-Rufus ihr auf Elysium geschenkt, als er sich noch Hoffnungen machte, mit seiner Ex-Verlobten doch wieder zusammen zu kommen. Auch wenn sie es damals einfach in eine Ecke ihres Zimmers geworfen hatte, wurde es nach seinem Tod dennoch ein Teil ihrer Frisur – es gefiel ihr gar nicht, war aber eine Art Sühne.
War sie wirklich bereit, sich davon zu trennen? Abzuschließen mit den Ereignissen auf Elysium, mit Cletus' Tod und somit dem Tod fast all ihrer Freunde? Und war sie bereit, sich vom letzten Style zu trennen, in dem Rufus sie gesehen hatte, bevor er in den Tod zu stürzte?
Es brauchte ein tiefes Einatmen, dann stimmte sie traurig zu, zog es über ihren Kopf aus und gab es der Frau. Diese sagte ihr, es gebe um 08:00 Uhr Frühstück, die Toilette sei im Erdgeschoss und ihr Zimmer befinde sich im obersten Geschoss. Goal ließ ihren Rucksack unten und ging in ihr Zimmer, in dem ein altes Sprungfederbett zwischen alten Kartons und Gerümpel stand.
Review schreiben