Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wie Spuren im Schnee

von Nuwanda
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Charlie Dalton John Keating Knox Overstreet Neil Perry Richard Cameron Todd Anderson
25.05.2016
02.08.2016
4
8.927
4
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
02.08.2016 4.039
 
Es war noch dunkel, als Charlie erwachte. Er wusste nicht recht, ob er wirklich geschlafen hatte, zumindest erinnerte er sich, öfters wach gewesen zu sein, was zum einen dem unbequemen Liegen aber nicht zuletzt auch natürlich seinen Grübeleien zu verdanken gewesen war.

Warum zum Teufel fühlte er so? Seine Gedanken waren ihm nicht nur unangenehm, verdammt, sie  waren ihm regelrecht zu wider. Er hatte sich immer für die Männlichkeit in Person gehalten, und nun hegte er Gefühle für einen anderen Mann ? Was war mit ihm los? Er war zwar innerlich stets bestrebt gewesen, alles andere zu sein, zu denken und zu fühlen, als das, was sein Vater und die Gesellschaft von ihm erwarteten, doch in dieser Hinsicht wünschte er sich mit einem Mal nichts sehnlicher, als konform zu sein. Und doch kam er nicht umhin, sich den Regungen und Gedanken immer wieder hinzugeben. Er kam kaum dagegen an...


Neil war ihm hier in dessen direkter Gegenwart selbstverständlich noch weniger aus dem Kopf gegangen als gewöhnlich. Es hatte Charlie fast verrückt werden lassen, dieser Anblick, von dem er sich kaum hatte loseisen können:

Der schlafende Neil, ihm halb zugewandt , sein Gesicht so ebenmäßig makellos im gedämpft schimmernden Licht. Ruhig und gleichmäßig seine Atemzüge, die Bettdecke war ihm halb vom Körper gerutscht, hatte den Blick freigegeben auf seine schmale Statur und die Stelle bloßer Haut an seinem Bauch, an der das weiße Unterhemd seinen Dienst versagt hatte, ihn zu verhüllen.

Wie schwer war es Charlie gefallen, aufzustehen und seinen Freund wieder zuzudecken. Doch er sollte sich ja nicht gar im Schlaf verkühlen. Die Nächte wurden schließlich immer kälter...

Charlie war sich wirklich nicht sicher, wie er eine weitere Nacht in diesem Zimmer überstehen sollte. Doch andererseits, wie sollte er Neil erklären, warum er doch lieber wieder drüben schlafen wollte? Er grinste verschmitzt, mit einem Mal war er der schroffen Matratze unter ihm wirklich dankbar. Ja, das wäre ein Argument.

Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und sah auf seine Armbanduhr. Kurz vor fünf. Er musste vor dem Wecken durch Hager in gut einer Stunde wieder auf seinem Zimmer sein, um ihr geheimes Unterfangen nicht aufliegen zu lassen. Also erhob er sich so leise wie möglich von seinem Nachtlager und bewegte sich mit bedachten Schritten über die knarzenden Dielen hinüber in Richtung Tür.
Als habe er es geahnt, konnte er erneut nicht vermeiden, dass sein Blick sich Neils Erscheinung einverleibte. Es war zu fesselnd, wie ein Sog, jeder Widerstand beinahe schmerzhaft. Oh nein, er könnte hier kein weiteres Mal nächtigen! Auf gar keinen Fall. Charlie musste feststellen, dass seine Gedanken in den letzten Stunden immer intensiver geworden waren, je mehr er sich gegen sie aufgelehnt hatte.
Er ballte seine Hände zu Fäusten, bohrte die Fingernägel in die Handflächen und zwang sich, seine Augen eisern auf die Tür zu richten. Es wurde wirklich Zeit jetzt.
Er war nur froh, dass Neil anscheinend noch nichts von seinen abstrusen Regungen gemerkt hatte. Nun gut, dass die Sache mit Todd ein Problem darstellte, hatten sie besprochen und er hatte seine Bereitschaft zur Besserung gezeigt. Neil verdeutlicht, dass er ihm wichtig war, aber hoffentlich verständlich gemacht, dass dieses Wichtigsein rein freundschaftlicher, brüderlicher Natur sei.
Doch seine wahren Gefühle.....Charlie seufzte leise in sich hinein.Wenn erst offen läge, was sich in seinem Kopf abspielte, würde es seinen täglichen inneren Kampf nur weiter erschweren, und womöglich am Ende sogar ihre Freundschaft kosten. Es ins Lächerliche zu ziehen, schien ihm da also eine gute Taktik zu sein. Solange Neil über seine überzogenen Anzüglichkeiten lachte, würde er wohl keinen Verdacht schöpfen.

Sein Blick fiel auf den Schreibtisch. Er schmunzelte, griff kurzentschlossen zu Stift und Papier, fragte sich noch, ob er sich nicht damit selbst geißelte, entschied sich dagegen und schrieb.


"Bis später, Cheri."



Er drehte sich um, faltete den Zettel im Gehen zusammen und trat an Neils Bett heran. Ein eigenartiges Kribbeln durchzog ihn, als er das Papier halb unter das Kopfkissen schob. Er ließ seine Hand einen Moment verweilen, spürte den sanften Atem auf der Haut, ehe er sie abrupt zurück zog. Zu stark wurde das Verlangen, sie durch Neils dichtes braunes Haar und über seine Wange gleiten zu lassen.

Charlie straffte die Schultern, schloss kurz die Augen und verließ dann das Zimmer, ohne sich ein weiteres Mal umzudrehen.

****

Der Lautstärkepegel im Klassenzimmer war rekordverdächtig.
Das Scharren der alten Holzstühle auf dem Fußboden vermischte sich mit dem wirren Durcheinander an Stimmen.
Laut riefen sich die Jungen alle möglichen Albernheiten und Gemeinheiten an den Kopf, Papierkügelchen wurden geschnipst und Bücher und Hefte geordnet.

Charlie betrat den Raum mit gemischten Gefühlen. Er hatte leichte Kopfschmerzen und der Stapel an Büchern, die er durch die Gegend schleppen musste, wog gefühlt eine Tonne.
Die Nacht, und erst recht der Morgen, waren nicht ganz so gelaufen, wie er sich das gewünscht hatte. Davon einmal abgesehen, dass ein gelungener Morgen sich für ihn generell anders gestaltete, als es der hiesige Lehrplan vorsah, war die ganze Situation, in der er sich befand, für ihn höchst verwirrend.
Was hatte ihn eigentlich dazu gebracht, sich dazu hinreißen zu lassen, Neil dieses Briefchen zu schreiben?
War ihm die Taktik, seine Lage zu veralbern heute früh noch als sinnvoll erschienen, beschlichen ihn nun allmählich Zweifel daran. Hatte er es womöglich doch übertrieben? Andererseits, was sollte er sonst tun? Er wusste sich keinen wirklichen Rat.

Er wusste nur eines. Entweder er zog dieses Schauspiel jetzt mit Bravour weiter durch, oder er würde schneller auffliegen, als ihm lieb war.
So blieb er dabei: weiterhin stur die lächerliche Schiene zu fahren, war mit größter Wahrscheinlichkeit noch immer der unauffälligste Weg.

Wenn Charlie geahnt hätte, welch verwirrende Gefühle er durch seine Art bei Neil schon ausgelöst hatte, er hätte sich das vermutlich alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen.


Schon im Waschraum am Morgen dieses Tages hatte Charlie sein Spielchen weitergetrieben. Er hatte sich betont anzüglich verhalten. Eine übertriebene Schau abgeliefert und Neil ständig mit französischem Geplänkel aufgezogen. Dieser hatte erst belustigt, dann leicht irritiert und zu guter Letzt genervt den Kopf geschüttelt.
Charlie hatte noch immer die hochgezogenen Augenbrauen in dem skeptischen Gesicht vor Augen.
Auch die Worte klangen noch in seinem Kopf nach.

'Charlie was zum Teufel ist los mit dir? Du benimmst dich so seltsam!'

Ja, er benahm sich komisch, das wusste er selber. Doch niemand sagte ihm, wie er aus diesem selbstgeschaufelten Loch der Gefühle wieder hinaus kam. Dass er keine Hilfe erwarten konnte, war ihm natürlich klar. Das würde ja implizieren, dass jemand Bescheid wusste. Und das wäre ohne Zweifel das Schlimmste.
Lieber würde er sein Leben lang an eine klapprige Pritsche neben Cameron gefesselt sein, als das jemand heraus bekam, wie es ihm wirklich ging.

Während er diese trüben Gedanken noch wälzte, erblickte er Neil. Der saß gebeugt über seinem Schreibpult, ein Schreibheft aufgeschlagen vor sich, den Füllfederhalter in der Hand.

Charlies Körper reagierte, wie verselbstständigt, nicht mehr auf die Befehle seines Gehirns. Anstatt sich selbst auf seinen Platz in der letzten Reihe zu begeben, schritt er betont lässig zu seinem Freund und lehnte sich grinsend gegen das Pult.

"Na, Cheri, schon wieder so fleißisch?" Ohne wirklich darüber nachzudenken, zog er Neil dessen Aufzeichnungen unter den Händen weg und warf betont interessiert einen Blick darauf.

"Oh la la, 'ast du eine Gedischt für misch geschrieben?"

Er wusste, dass er hier erneut sehr provokativ eine weitere Runde einläutete, doch mit der nun folgenden heftigen Reaktion seitens Neil hatte er nicht gerechnet.
So stolperte er sogar ein kleines Stück zurück, als dieser seine Stimme erhob.



"Was ist bitte dein Problem, Charlie? Kann man nicht mal einmal kurz seine Ruhe haben? Ich versuche hier grade zu arbeiten, falls du das nicht mitbekommen haben solltest. Das ist verdammt wichtig für mich. Und du bringst mich wieder völlig aus dem Konzept. Ich hatte gerade einen fabelhaften Satz im Kopf und nun ist er weg! Was stimmt denn im Augenblick nicht mit dir?"
Neils Gesichtsausdruck hatte sich verfinstert. Er riss Charlie das Heft aus der Hand und starrte ihn wütend an. Doch schließlich hob er seufzend die Schultern und schien selbst überrascht von seinem Ausbruch.

Fast schon resigniert blickte er Charlie entgegen.
"Charlie, komm schon, findest du das nicht allmählich sehr albern?", fragte Neil leise und verzog halb tadelnd, halb entnervt die Mundwinkel.


Peinlich berührt starrte Charlie nur irritiert zurück.
"Oh, entschuldige bitte vielmals..."
Seine Stimme durchzog ein bissiger Unterton. Er schüttelte entgeistert den Kopf, stieß sich abrupt vom Pult ab und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Tze..Seit wann bist du so humorlos? Färbt Todd etwa schon auf dich ab, oder wie?"
Worte, die schneller seinen Mund verließen als sein Gehirn sie hatte verarbeiten können. Er spürte die Beklemmung, die seinem Innersten entsprangt und durch Neil wie ein lockerer Stein losgetreten worden war, Beklemmung, die sich in Wut kleidete und sich aus ihm herauszuschälen drohte. Er war nicht im Stande, dieses Gefühl aufzuhalten. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und funkelten seinem Freund nun böse entgegen.


"Was soll das denn schon wieder? Du kannst es wirklich nicht lassen, oder? War das etwa nur leeres Gerede gestern Abend?", spie Neil ihm im Flüsterton der Entrüstung entgegen, während er sich rasch zu allen Seiten umblickte. Dem eifrigen Geplauder im Raum nach zu urteilen, schienen ihre Schulkameraden von ihrer Auseinandersetzung jedoch nichts mitbekommen zu haben.

Charlie entgegnete keine Silbe, hatte seinen düsteren Blick an ihm festgeheftet, den Neil nicht minder stark und eisern erwiderte. Scham, Enttäuschung, Wut und Stolz spiegelten sich in ihren Gesichtern. Noch nie zuvor waren sie sich in solcher Art begegnet.

Die schlagartig einkehrende Stille um sie herum durchbrach ihre Starre, angeführt von einer fröhlichen und zugleich respekteinflößenden, gepfiffenen Melodie. Der staccatolastige , eingängige Ausschnitt aus dem Finale von Tschaikowskis "Ouvertüre 1812".

Das Pfeifen schritt durch den Raum, an den sich folgsam besetzenden Schülerpulten vorbei und verstummte direkt neben ihnen. Ihr Blicke lösten sich voneinander und trafen auf das freundlich lächelnde Gesicht ihres Englischlehrers.

"Gentlemen?"

****

Mit finsterer Mine ließ Charlie sich auf seinem Platz nieder. Missmutig starrte er auf sein Pult und verlor sich in den Maserungen des Holzes, aus dem es gefertigt war.
Er hatte es wohl eindeutig übertrieben und brauchte dringend eine andere Strategie, um von seinen wahren Gefühlen abzulenken. Verdammt, wenn Neil nun erst recht dahinter kam... Doch was sich noch schlimmer anfühlte als die Sorge darum, war, dass sie nun wegen diesem albernen Mist Streit hatten. Und dass Charlie wieder einmal in die Todd-Kerbe geschlagen hatte, entgegen seinem Vorhaben, sich zu bemühen, entgegen seines Versprechens, das er Neil am Abend zuvor gegeben hatte... Er hätte sich ohrfeigen können...

"Mr Dalton?"

Keatings Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und ließ ihn zusammen fahren. Der Englischlehrer stand direkt vor ihm, wie lange schon, vermochte Charlie nicht zu sagen. Er hob den Blick.

"Mr Keating?" Leichte Röte schoss ihm in die Wangen.

"Entschuldigen Sie, ich habe grundsätzlich nichts gegen tiefe Besonnenheit, die mitunter enorme Kreativität hervorbringen kann. Aber mir drängte sich bei Ihrem Anblick doch eher der Eindruck auf, dass ich Sie mit meinen bisherigen Ausführungen womöglich gelangweilt habe", sagte der Lehrer herausfordernd, aber ruhig.
Sein prüfender Blick jagte einen kurzen Schauer über Charlies Rücken. Er war wie die meisten seiner Mitschüler begeistert und fasziniert von Keating, seit der ersten Unterrichtsstunde. Endlich mal ein Lehrer, bei dem Charlie nicht das Gefühl hatte, in einem intellektuellen Folterkeller zu sein. Der dem Drill des Lehrplanes entsagt hatte und es die Schüler mit dem Zerreissen eines Lehrbuches über das diktierte Verständnis der Dichtkunst hatte zelebrieren lassen. Aber dennoch war Keating ihm immer auch ein wenig unheimlich gewesen. Verborgene Talente, die er scheinbar blind erkannte, seine Zitate, die wie oft schon die exakte Antwort auf Gedanken und offene Fragen gewesen waren, die Charlie bewegt hatten. Und dann dieser direkte, gerade, fast allwissende Blick. Ja, Charlie hatte schon öfters gedacht: dieser Mann konnte wohl sogar in Seelen blicken. Und obwohl er wusste, dass das natürlich ausgemachter Unsinn war, war dieses Gefühl nun stärker als je zuvor...

"Absolut nicht...ich.." Charlie schluckte, straffte dann jedoch die Schultern und setzte sein unschlagbares Charlie-Dalton-Grinsen auf.
"Entschuldigen Sie, Sir. Ich bin ganz da."
Er war dankbar, dass ihm trotz allen Wirrungen noch immer die Fähigkeit erhalten geblieben war, innerlich einen Schalter umzulegen. Ärger und Emotionen herunter zu schlucken und seinen Text aufzusagen, wenn es darauf ankam. Charlie Dalton, den nichts erschüttern konnte.

"Sehr gut, Mr Dalton, es freut mich immer besonders, wenn meine Schüler dem Unterricht als Einheit von Körper, Geist und Seele beiwohnen wollen ."
Die anfängliche Skepsis war aus Keatings Blick gewichen und er lächelte nun ebenfalls, die sarkastische Untermalung seiner Aussage erntete ringsherum ein verhaltenes Kichern, als er wieder nach vorn in Richtung Tafel schritt.

Erleichtert atmete Charlie aus und lehnte sich zurück. Kurz ließ er seine Augen auf dem Platz schräg vor ihm ruhen. Wie als hätte Neil es gespürt, wandte er sein Gesicht und warf ihm einen kurzen, verstohlenen Blick über die Schulter zu, bevor er dann demonstrativ seine Aufmerksamkeit nach vorn richtete. Doch Charlie hatte nicht übersehen, dass in den dunklen Augen nichts Versöhnliches lag, sondern nach wie vor Verärgerung glimmte. Er merkte, wie es ihm einen Stich versetzte. Verdammt, warum schaffte Neil es immer wieder, seine Fassade bröckeln zu lassen? Charlie biss sich auf die Lippen. Er musste dagegen ankämpfen. Dieser Gefühlsirrsinn musste doch mal ein Ende finden! Er holte tief Luft und stieß sie gleich darauf verdattert wieder aus, als er Keating vorn auf dem Lehrerpult erblickte.


"Wieso stehe ich hier oben, wer weiß es?" * Es war mucksmäuschenstill, alle Augen waren verblüfft und gespannt nach vorn gerichtet.

"Um größer zu sein!"*, gab Charlie grinsend von sich. So war es recht. Ankämpfen. Wieder umschalten, seine Rolle spielen. Verdammt, er wäre nicht Charlie Dalton, wenn er vor solch irrwitzigen Gefühlen so einfach einknicken würde!

"Nein.."*, entgegnete Keating und betätigte mit dem Fuß die neben ihm auf dem Pult stehende, berühmt berüchtigte Tischglocke, so wie er es stets neckend zu tun pflegte, wenn einer der Schüler eine falsche Antwort gab.
"Danke fürs Mitspielen, Mr Dalton!"*
Das "...und danke für Ihre Aufmerksamkeit!" klang unausgesprochen nach.

Charlie nahm es schmunzelnd entgegen, doch schaute dann zu Boden. Noch immer hatte er das Gefühl, seinem Lehrer nicht das Geringste vormachen zu können.

"Ich habe mich auf den Schreibtisch gestellt, um mir klar zu machen, dass wir alles auch aus anderer Perspektive betrachten müssen"*, fuhr Keating fort und blickte kurz in die Runde, vergrub dann die Hände in den Hosentaschen und drehte sich demonstrativ umherschauend um sich selbst herum.
"Von hier oben sieht die Welt wirklich anders aus"*, stellte er fest. "Glauben Sie mir nicht? Dann steigen Sie selbst hier hoch!"*, forderte er die Klasse nun mit einer einladenden Armbewegung auf. "Na kommen Sie...Kommen Sie!"*

Nacheinander erhoben sich alle, mit teils noch skeptischen Gesichtern, von ihren Plätzen und gingen auf den Schreibtisch des Lehrers zu. Neil und Charlie waren als erstes aufgesprungen, was zur Folge hatte, dass sie nun gemeinsam auf der Tischplatte standen.


Kurz ließ Neil seinen Blick durch den Raum schweifen, um der gestellten Aufgabe Keatings nachzugehen, ehe er betreten zu Charlie herüber schielte.
Natürlich! Souverän lächelnd wie eh und je, verschwendete dieser nicht einmal einen Wimpernschlag in seine Richtung, sondern wandte sich mehr noch demonstrativ von ihm ab. Wie stur er wieder war, ganz und gar Charlie! Als sei es zu erwarten gewesen... Dennoch konnte Neil nicht dagegen an, dass die Kälte, die von Charlies Auftreten ausging, in ihm sofort auf Gegenwehr stieß. Hatte er sich gerade noch bewusst gemacht, wie albern und kindisch das doch alles gewesen war- dieser Sturheit konnte und wollte er nicht nachgeben. Dann eben nicht!
Enttäuscht biss er sich auf die Zunge und stieg vom Pult herunter. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Charlie es ihm nachtat.
Stumm und mit halben Ohr den Ausführungen von Keating lauschend, ließ sich Neil wieder auf seinem Platz nieder. Er drehte sich nicht noch einmal zu seinem in der hintersten Reihe sitzenden Freund um. Nein, stur sein könnte er dann auch!
Nach und nach fanden sich alle wieder an ihren Pulten ein. Ein leises Raunen war nicht zu überhören, doch legte es sich bald wieder und die Aufmerksamkeit richtete sich erneut auf Keating.


"So, Gentlemen, die erste Lektion wäre erledigt: Sie haben Ihren Blickwinkel geändert und alles von einer anderen Warte aus betrachtet. Jedoch Sie alle von ein und demselben Ort aus. Vergleichsweise unspektakulär und unpersönlich dazu, was Ihre nächste Aufgabe sein wird.
Obwohl Sie sich nun alle gesittet auf Ihren Plätzen eingefunden haben, möchte ich Sie abermals bitten, aufzustehen und den Platz eines Anderen hier zu belegen. Den Platz desjenigen, dessen Sicht Sie nun übernehmen werden. Für den Rest dieser Unterrichtsstunde."
Wieder schickte er eine auffordernde Geste in den Raum und zwinkerte den Schülern ermutigend zu.

In der Klasse bildete sich ein heilloses Durcheinander. Einige der Jungen verständigten sich stumm, welche Plätze sie tauschen würden, anderen schien es eher gleichgültig zu sein und sie nahmen sich der nächstbesten, freien Bank an.
Auch Neil stand auf und ließ seinen Blick durch die Reihen wandern, sah dass Meeks und Pitts sowie Knox und Cameron an den jeweils entgegengesetzten Tischen Platz gefunden hatten. Kurz überlegte er noch , was davon freiwillig und was Schicksal gewesen sei, als sein Blick auf Charlies Tisch fiel. Er war leer. Sogleich suchten Neils Augen den Raum nach Charlie ab und ließen ihn den Atem anhalten, als sie diesen entdeckten: Am leerstehenden Pult von Todd Anderson.

Neil brauchte eine Weile, bis er wahrnahm, dass er der Letzte war, der sich noch nicht wieder hingesetzt hatte, dass er wie angewurzelt vor seinem Tisch stand, perplex und ein wenig teilnahmslos. Er spürte die Blicke, die sich nach und nach auf ihn richteten. Keating kam ein paar Schritte auf ihn zu.

"Mr Perry, gibt es ein Problem?"

"Oh..Nein, nein, kein Problem, Sir." Er schaute leicht beschämt zu Boden und ging eilig zu Charlies Pult herüber. Er fragte sich, ob das Ganze hier einen tieferen Sinn haben könnte.
Keatings Unterrichtsmethoden mochten originell sein, jedoch bisher nie belanglos.
Dafür war es Mr Keating. Dieser referierte nun mit eindringlichen Worten weiter, während er die Reihen auf und ab ging.

"„Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung“, so sagte Antoine de Saint-Exupéry."
Keating lächelte in die Runde. "Sie sehen, Gentlemen, ich bediene mich heute sogar den Franzosen, womit wir beim Thema bleiben würden."

Die Klasse kicherte verhalten. Neil schluckte nur und starrte auf seine Hände. Das hier hatte einen tieferen Sinn. Keinen Zweifel.

"Um die Sicht Ihres Mitschülers zu übernehmen", fuhr der Lehrer fort, "müssen Sie Ihre eigene auf ihn beiseite legen, was jedoch zunächst erfordert, sich dieser bewusst zu sein. Wie sehen Sie einander? Haben Sie sich je gegenseitig wirklich angesehen, sich Gedanken gemacht um den jenigen, der hier tagtäglich mit Ihnen in der Klasse sitzt? Ich bin mir durchaus klar, dass die meisten von Ihnen mit nahestehenden Kameraden den Platz gewechselt haben, in der Annahme, dass es ein Leichtes sein müsse, die Welt durch dessen Augen zu sehen. Doch prüfen Sie diese Vermutung. Womöglich mag es eine ebenso große Herausforderung darstellen, wie die Warte einer Ihnen eher distanziert gewogenen Person zu besetzen, wenn nicht mitunter eine noch größere!"

Keating sah die allgemeine Verunsicherung in den Gesichtern seiner Schüler aufflammen.

"Nur Mut, Gentlemen, dies ist keine Prüfung von meiner Seite, keine Klausur, die ich bewerten werde. Es soll Ihnen allein dienen. Lassen Sie Ihre Gedanken fließen, machen Sie sich Notizen, für sich selbst versteht sich. Doch lassen Sie sich darauf ein: Wer ist dieser Junge, in dessen Bank ich sitze? Wie sehe ich ihn? Was treibt ihn an? Und dann: Wie sieht er diese Welt? Wie sieht er mich?" Er blickte schmunzelt auf die Uhr. "Noch gute zwanzig Minuten, die Herren. Denken Sie, fühlen Sie, sehen Sie. Schauen Sie den anderen nicht nur an. Seien Sie dieser Andere."

Damit nickte er der Klasse zu und ging mit hinter dem Rücken verschränkten Händen zu den Fensterbänken herüber, nicht ohne einen kurzen, wissenden Seitenblick auf einen still nachdenklichen Charlie Dalton zu werfen.

****

Charlie atmete tief durch. Um ihn herum war wieder Stille eingekehrt. Man hörte nichts, bis auf das vereinzelte Rascheln von Papier und das kratzende Geräusch von Bleistiften. Schließlich ergriff auch er Zettel und Stift, die er sich von seinem Tisch mitgenommen hatte und begann mit seinen Notizen.


"TODD"
schrieb er in großen Buchstaben oben auf das Blatt. Starrte das Wort einige Augenblicke einfach bloß an, als forderte er es auf, ihm einen Text darunter zu setzen. Oder die richtigen Gedanken in seinen Kopf zu legen. Er seufzte leise.

Warum saß er eigentlich hier?
Für Neil. Weil er ihm weh getan hatte vorhin wieder, und er wollte Neil nicht mehr weh tun. Weil Todd für Neil wichtig war, und Todd konnte schließlich überhaupt nichts dafür, was in Charlie vorging.
Und vor allem saß er hier, weil die endlich aufhören mussten, diese Vorgänge. Alles musste wieder so werden, wie es war. Sie sollten verdammt nochmal alle Freunde sein, manche vielleicht nicht die dicksten, aber auf keinen Fall würde hier irgendwer mehr als nur Freunde sein. Das war doch einfach nur krank! Schluss damit!
Charlie straffte die Schultern. Ja, das hier war bestimmt der erste Schritt in die richtige Richtung.

Er setzte den Stift erneut an und richtete seinen inneren Blick auf Todd Anderson. Zögerlich tropften die Gedanken auf das Papier...



"Er war der Neue hier, kannte niemanden, hatte Glück, dass er schnell Anschluss gefunden hatte.
Doch er ist noch scheu, schüchtern, vor uns anderen und den Lehrern, steht im Schatten seines großartigen Bruders, der hier Jahrgangsbester war. Bestimmt nicht so leicht.
Wirkt als hätte er Angst, etwas falsch zu machen. "



Er?

"Schauen Sie den anderen nicht nur an. Seien Sie dieser Andere" , tauchten Keatings Worte in Charlies Gedächtnis auf. Er schrieb weiter. Und es begann zu fließen.


"Ich bin froh, dem Club anzugehören, nicht allein zu sein. Und ich bin froh, einen so tollen Mitbewohner wie Neil zu haben. Der sofort auf mich zu gegangen ist, mich mitgerissen hat.
Naja...wenn man es so sieht, bin ich schon lockerer geworden.
Ein wenig. Fühle mich wohler hier... Ich bin dankbar für Neil. Er hilft mir, mich hier zu bewegen. Er macht mir Mut. Er bringt mich zum Lachen. Ich brauche ihn. Er ist mein bester Freund. Er macht Welton so viel erträglicher. Ich bin froh ihn zu haben. Er hält zu mir, möchte mich dabei haben, auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass es nicht allen Recht ist. Dass es Charlie nicht recht ist. Dabei hab ich doch gar nichts gegen ihn. "



Charlie hielt inne, seine eigenen Worte überwältigten ihn. Seine Gedanken. Seine Erkenntnisse. Die, dass er ungerecht war, Neil für sich beanspruchen zu wollen. Wo er Todd doch so gut tat. So wie er ihm selbst gut tat. Wie ungerecht und egoistisch, dass er das niemand anderem gönnen wollte.
Und die Erkenntnis, dass er und Todd sich möglicherweise gar nicht so unähnlich waren. Doch diese zweite Erkenntnis weiter auszubauen... Das wagte er dann doch nicht mehr.


*****

Die Schulglocke klingelte und kündigte die nächste Stunde an. Latein bei Mr McAllister. Keating verabschiedete sich mit knappen Worten von der Klasse verließ mit zufriedenem Gesichtsausdruck den Raum.

Wortlos und mit nachdenklichen Gesichtern, ging jeder der Jungen wieder auf seinen eigenen Platz zurück. Charlie setzte sich und erblickte einen kleinen, weißen Zettel, der zusammengefaltet unter dem Lehrbuch heraus lugte. Verdutzt zog er ihn hervor und faltete ihn auseinander.
Die Botschaft war nicht umfangreich, aber eindringlich.



Pardonne-moi .



Verzeih mir. Das war alles. Doch mehr als genug.

Und das Lächeln, welches Neil ihm nun mit einem kurzen Blick über die Schulter entgegenbrachte, ließ alles, was Charlie sich in den letzten Minuten an Willensstärke und Gefühlsverleugnung aufgebaut hatte, wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen. Und während er den Zettel wieder unauffällig unter seinen Büchern verschwinden ließ, kam er nicht umhin, es zu erwidern.



__________________________________________________
* Original Zitate des Films
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast