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Wie Spuren im Schnee

von Nuwanda
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Charlie Dalton John Keating Knox Overstreet Neil Perry Richard Cameron Todd Anderson
25.05.2016
02.08.2016
4
8.927
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26.05.2016 1.827
 
"Mr Anderson!"
Es klopfte heftig an die Zimmertür, bevor sie ohne Hereinbitten schwungvoll aufgestoßen wurde. "Mr Anderson, wenn Sie nicht bald fertig werden, muss ich Sie bitten, zum Bahnhof zu laufen. Ich bin schließlich nicht Ihr Chauffeur auf Geheiß." Mit strenger Miene drehte sich Dr Hager um und ließ die Türe demonstrativ hinter sich offen stehen, ehe er gegenüber in seinem Zimmer verschwand.

Todd hatte die Schultern eingezogen und schnaufte so leise es ihm möglich war, sagte jedoch nichts. Er strich sich eine blonde Strähne aus den Augen und blickte kurz zu seinem Zimmergenossen Neil Perry herüber, der an der Fensterbank lehnte und sich schmunzelnd die Hand vor den Mund hielt.
"Du hast gehört, beeil dich!", forderte er Todd amüsiert grinsend auf. "Mr Hager kennt in puncto Unpünktlichkeit keinen Spaß."

"Ist ja schon gut, ich hab alles. Sind ja auch bloß drei Tage." Todd warf einen Seidenschal auf die akkurat zusammengelegten Wäschestücke in seinem Koffer und schloss den ledernen Deckel. Erst dann gestand auch er sich ein kleines Lächeln zu.

"Ja eben, wird schon vorbei gehen. Und komm schon, es ist dein Bruder, der heiratet. Das erlebt man nicht alle Tage."

"Tze..Wenn ich Jeffrey's Frau wenigstens leiden könnte, wäre das bestimmt ein Anfang, den Besuch bei meiner Familie und die anstehenden Feierlichkeiten nicht als völligen Alptraum zu wähnen."

"Ist sie so furchtbar?"

"Furchtbar?" Todd zog die Augenbrauen hoch und legte dann theatralisch eine Hand an sein Kinn. "Hm, nein...Lass es mich so ausdrücken: Maysie Louise Carmichael - pardon- Anderson, ist so ziemlich die unausstehlichste Person, die mir je untergekommen ist. Und dass ich sehr viele Leute nicht mag, kann ich nicht gerade behaupten. Aber sie behandelt mich wie einen Fünfjährigen, sie nimmt nichts für voll, was ich sage und bezeichnet mich grundsätzlich als "der Kleine". Sie ist außerdem furchtbar oberflächlich und hat die schrillste Stimme der Welt." Todd verdrehte die Augen und schnürte missmutig seinen Rucksack zu.

"Klingt ja grauenvoll! Also nun tust du mir fast leid, zu fahren." Neil verschränkte die Arme vor der Brust und schaute ihn mitleidig an, jedoch konnte sich der belustigte Ausdruck noch immer nicht vollständig aus seinem Gesicht verabschieden.

"Was solls. Da muss ich wohl durch. Ist ja schließlich nur mein Bruder, der sie heiraten muss."
Nun konnte Todd nicht mehr umhin, als sich von Neils hartnäckigem Grinsen anstecken zu lassen. "Aber danke für dein aufrichtiges Mitgefühl, Neil." Ihr Gelächter durchbrach ein lautes, tiefes Räuspern aus dem Korridor.
"Nun gut, ich werd dann wohl mal", seufzte Todd und warf sich seinen Rucksack über die Schulter, dessen blau rotes Schottenkaro die exakt gleichen Farben wie die Krawatte seiner adretten Schuluniform aufwies. In die silbernen Verschlüsse war in filigraner Kleinarbeit das Wappen ihrer Schule, der noblen Welton Academy, eingraviert worden. Eine Scheußlichkeit unter den Rucksäcken, falls man Rucksäcke beurteile müsse.

"Dekadenz auf Reisen" wie ihr Mitschüler und Neils bester Freund Charlie Dalton ihre von der Schule gestellten Anzüge und farblich abgestimmten Gepäckstücke bezeichnete, nicht ohne dabei abfällig hämisch das Gesicht zu verziehen. Jedes Mal, wenn es zu Besuch nach Hause ging, egal, wie weit der Weg dort hin sein mochte, reiste man selbstverständlich stets in voller Welton Montur. "Tragen Sie Welton mit Stolz! Es ist ein Privileg, hier sein zu dürfen, Gentlemen. Vergessen Sie das niemals!" Nein, mit diesen und anderen immer wieder auftauchenden Floskeln würde ihr Schulleiter Mr Nolan wohl für alle Ewigkeit dafür sorgen, dass es an dieser Akademie niemand auch nur wagte, diese Tatsache zu vergessen.

Todd griff seinen -natürlich passenden- Lederkoffer und wandte sich zur Tür. Neil stand vom Fensterbrett auf und schritt auf ihn zu.
"Na dann, gute Reise." Zunächst durch Todds irritierten Blick kurz zögernd, aber dann beherzt, umarmte er ihn zum Abschied.

"Na,ich komm doch Sonntag Abend schon wieder, Neil." Todd kicherte verhalten.

"Trotzdem, wer weiß, ob deine Schwägerin dich heil wieder hier her zurück kommen lässt, nachdem was du erzählst..." Neil löste die Umarmung und klopfte ihm noch einmal aufmunternd an die Schulter.

"Wir werden sehen", lachte Todd und ging einen weiteren Schritt auf die Tür zu, meinte er doch, wieder ein deutliches Räuspern gehört zu haben. Er hob die Hand. "Machs gut, Neil."

" Ach, eine Sache noch, Todd, hätte ich fast vergessen", flüsterte Neil nun, als solle es den Ohren des ungeduldig warteten Mathematiklehrers verborgen bleiben.
"Wäre es in Ordnung, wenn Charlie für die drei Tage hier im Zimmer übernachten würde? Cameron ist derzeit, wie du weißt, wieder besonders anstrengend und Charlie wäre wirklich mal froh, von ihm wegzukommen."

Mit einem Hauch kindlicher Erwartung blickten Neils große, braune Augen Todd entgegen. Er schluckte.
"Ähm....klar." Er bemühte sich, die Verwunderung in seiner Stimme zu verbergen. Damit hatte er nicht gerechnet. Er konnte nicht leugnen, dass es sich ein wenig eigenartig anfühlte. Doch er fühlte sich öfters mal eigenartig, also sei's drum. Er drängte die Gedanken fürs Erste beiseite. Er musste schließlich los.

"Wirklich? Das ist echt nett von dir, du hast bestimmt was gut bei ihm." Neils Augen leuchteten auf. "Und keine Angst, er wird nur auf meinem Bett eine rauchen." Die letzten Worte formulierte er fast tonlos. Der gute Hager hatte seine wachsamen Ohren und Augen schließlich überall.

"Klar.." Todd straffte die Schultern und legte ein selbstsicheres Lächeln auf, bevor er auf den Flur trat. "Überhaupt kein Problem."


***



Gedankenverloren ließ Todd seinen Blick aus dem Zugfenster schweifen. Er hatte mehrfach angesetzt, seine Lektüre weiterzulesen, doch die Zeilen waren jedes Mal schon nach kurzer Zeit vor seinen Augen verschwommen. Minutenlang hatte er auf das Papier gestarrt, ohne dass auch nur ein Wort von dem Geschriebenen in sein Bewusstsein übergegangen war . So hatte er es irgendwann aufgegeben und Dorian Gray in seinem Schottenrucksack verschwinden lassen.

Die Abenddämmerung tauchte die vorbeiziehende Landschaft aus Hügeln und Wäldern in einen heimelig malerischen Goldton. Der Oktober zeigte sich von seiner schönsten Seite und hätte ihn eigentlich fröhlicher stimmen sollen, wäre er nicht gerade auf dem Weg zu seinem verhasstesten Ereignis des Jahres gewesen. Doch er musste feststellen, dass es nicht nur die Aussicht darauf war, die seine Stimmung trübte. Sondern dass ihn Neils Frage von vorhin mehr beschäftigte, als sie es sollte. Warum bloß?


Es hatte ihm einen Stich versetzt. Neil war seit langem der Erste gewesen, der Todd angenommen hatte, wie er war, von Anfang an. Auf ihn zugegangen war, ihm einfach offenherzig seine Hand hingestreckt hatte. Ja, Neil Perry war jemand, den Todd wirklich als seinen Freund bezeichnen konnte. Und dafür war er mehr als dankbar.

Aber Charlie war schon vor ihm da gewesen. Neil und er waren Freunde, die besten, seit Jahren. Wie Brüder, wie Pech und Schwefel. Zwei, die sich blind verstanden, auch ohne Worte. Und dass, obwohl sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Neil, der angepasste, harmoniebedürftige, folgsame Sohn und Schüler, der stets bestrebt war, auf den ihm von seinem strengen Vater vorgezeichneten Wegen zu wandeln.
Und Charlie, der Freigeist und Draufgänger, der den Eindruck machen konnte, regelmäßige Grenzüberschreitungen und Verstöße gegen die Schulordnung  wie die Luft zum Atmen zu brauchen und der sich mit Tadeln und Moralpredigten Nolans nahezu kleiden konnte. Nicht nur einmal hätte man ihn schon der Schule verweisen können, wäre sein Vater nicht der größte Gönner der Akademie. Und Gönner brachte man doch selbstverständlich nicht in Versuchung, ihre Wohltätigkeit zu überdenken.

Dennoch war es genau diese Verschiedenheit, die ihre Verbindung ausmachte. Sie ergänzten einander, forderten sich heraus. Die Art, wie Charlie Neil mitreißen konnte, auch mal über sich und alle Folgsamkeit hinauszugehen oder wie Neil Charlie auch schon vor mancher allzu großen Dummheit bewahrt hatte. Sie gaben sich stets Rückendeckung. Komme da, was wolle.

Und Todd konnte dem nur demütig und fasziniert zuschauen. Er wurde das Gefühl nicht los, noch immer der Neue zu sein und sich ein Stück weit einfach hineingedrängt zu haben. Obwohl er wusste, dass er niemals das für Neil sein könnte, was Charlie war. Und er beabsichtigte es auch gar nicht, war er doch so froh, in Neil seinen Freund zu wissen. Das war mehr, als er je hätte erwarten können.

Warum also schmerzte ihn der Gedanke, dass die beiden sich in seiner Abwesenheit das Zimmer teilten? War es nicht verständlich? Oder gönnte er es ihnen etwa nicht? Das wäre doch mehr als albern und kindisch. Warum stellte er sich bloß an wie ein kleines Mädchen, dass nicht mehr mitspielen durfte? Neil hatte gewiss keine böse Absicht dahinter gehabt, etwa dass er froh wäre, ihn los zu sein. Und Charlie wohl auch nicht, obwohl Todd sich noch immer nicht sicher war, dass dieser ihn gut leiden konnte. Eine gewisse Distanz war seit Todds Ankunft in Welton zwischen ihnen bestehen geblieben, trotz dass sie gut miteinander auskamen und bei ihren Clubtreffen auch miteinander lachen konnten. Eine eigenartige Distanz, die unausgesprochen blieb.
Wahrscheinlich war es wohl nur wieder sein nicht gerade großes Selbstvertrauen, welches ihn Gespenster sehen ließ. Aber manchmal hatte Todd das Gefühl, dass noch immer der gleiche abschätzende Blick auf ihm ruhte, mit dem Charlie ihn bei ihrer ersten Begegnung bedacht hatte.


"Nächster Halt, Hartford Main Station", schallte die Stimme des Schaffners durch das Abteil und riss Todd aus seinen Gedanken. Er schreckte auf und rieb sich die Augen. Hastig packte er seine restlichen Habseligkeiten und stopfte sie unordentlich mit in den Rucksack. Seine Fahrt und auch, so beschloss er, die seiner Grübeleien, endete hier. Er musste aussteigen. Und sich von nun an darauf konzentrieren, das hinter sich zu bringen, weswegen er angereist war.

Der Zug wurde langsamer und fuhr ruckelnd und mit quietschenden Bremsen in den Bahnhof ein, an dessen Gleisen auch um diese Zeit noch reger Betrieb herrschte. Aber was erwartete man anderes vom Zentralbahnhof der Hauptstadt von Connecticut?

Die Tür wurde geöffnet und Todd quetschte sich mit Mühe und Not an den rücksichtslos drängelnden Passanten vorbei. Er suchte sich einen relativ ruhigen Winkel abseits der Trassen hielt Ausschau nach seiner Familie. Er entdeckte jedoch niemanden, auch nicht nachdem sich der meiste Trubel gelegt und sich die Menschentrauben aufgelöst hatten.
Doch, da. Jemand kam auf ihn zu. Ein schlanker, älterer Mann, edel uniformiert und mit Schirmmütze, hob zum Gruß die Hand. Todd lächelte verlegen, als dieser seinen Koffer entgegennahm.

"Verzeihen Sie, Mr Anderson, aber der Verkehr war ein wenig dichter als erwartet. Ich hoffe Sie hatten eine angenehme Reise. Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter lassen sich entschuldigen, sie sind noch sehr beschäftigt mit den Vorbereitungen für die anstehenden Feierlichkeiten."

"Danke Milton, ich verstehe." Er senkte den Blick, sichtlich bemüht, seine Enttäuschung zu verbergen. Schweigend folgte er dem Chauffeur seiner Familie zum Wagen vor dem Bahnhofsgebäude.

Ja, er verstand, natürlich verstand er. Wie immer. Es gab schließlich auch viel zu tun.
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