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Guilty Melody

von Smaraya
Kurzbeschreibung
SongficSchmerz/Trost / P12 / Gen
Gai Tsutsugami Hare Menjou Inori Yuzuriha Mana Ouma Shu Ouma
23.05.2016
03.02.2017
6
4.207
2
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24.05.2016 1.015
 
♦ ♦ ♦

Bios
- Mika Kobayashi -

Erinnerst du dich noch?
Erinnerst du dich noch an dein Wort,
das du mir gegeben hast?
Erinnerst du dich noch?
Erinnerst du dich noch an den Tag,
an dem du mir ...?


Wenn die Jahreszeit des Vergissmeinnichts kommt,
singe ich ein Lied.
Wenn die Jahreszeit des Vergissmeinnichts kommt,
rufe ich dich."


♦ ♦ ♦


Meine tiefste Verzweiflung


Das erste, was ich sah, als ich die Augen aufschlug, war ein wolkenverhangener, grauer Himmel. Ich hielt einen Augenblick lang inne und lauschte, doch kein Laut drang an meine Ohren. Diese vollkommene Stille schnürte sich wie ein enges Band um mein Herz und ich begann unwillkürlich zu zittern.
  Langsam richtete ich mich aus meiner liegenden Position auf, bis ich schließlich auf meinen Knien saß. Der Untergrund fühlte sich kalt und hart unter meinen Händen an und noch ehe ich meinen Blick vom Himmel in die Ferne richtete, hatte ich schon eine Vorahnung dessen, was ich gleich sehen würde.
  Kristalle.
  Scharfkantige, wuchernde, violette Kristalle.
  Von meiner erhöhten Position aus überblickte ich eine Stadt – vielleicht Tokyo –, die über und über damit überzogen war. Stellenweise kündete noch ein Stück Beton von dem Gebäude, das dort gestanden hatte. Aus dem violett schimmernden Kristallmeer ragten an manchen Stellen kristallene Türme empor, die sich wie unnatürlich dünne Bäume zum Himmel erstreckten und in den Wolken verschwanden.
  Die Welt und all das Leben in ihr war erstarrt, für immer in die Kristalle eingeschlossen.
  Vollkommene Stille.
  Mit regungslosem Gesichtsausdruck ließ ich meinen Blick über all das schweifen.
  Es ist gut so. Ich habe es für Shu getan.
  Es verging viel Zeit, bis ich endlich die Kraft fand, aufzustehen und mir einen Weg nach unten zu bahnen. Mit jedem Schritt auf dem unebenen Boden zersprangen kleinere Kristalle und gaben dabei ein klirrendes Geräusch von sich. Lächelnd stellte ich fest, dass die Stille doch nicht vollkommen war. Ich war das störende Element in dieser Welt – genauso wie ich es für die vorherige Welt gewesen war, die durch mich beinahe ihr Ende gefunden hätte.
  Aber sie hat nicht geendet. Shu hat sie gerettet und ich ihn. Es ist gut so.
  Während ich durch das Kristallmeer wanderte, verlor ich jedes Gefühl für Zeit. Es hätten Sekunden, Tage oder Jahre vergehen könnten, ich wusste es nicht. Mein einziger Gedanke galt Shu und dem verzweifelten Blick seiner braunen Augen, als ihm meine Entscheidung bewusst geworden war.
  Wir würden uns nicht wiedersehen und Shu würde nie erfahren, dass es mir gut ging, dass ich nichts bereute und dass auch er nichts bereuen musste.
  Doch das würde er sicherlich trotzdem. Wahrscheinlich machte er sich in diesem Moment schreckliche Vorwürfe, vielleicht weinte er gerade um mich …
  Und ich war nicht an seiner Seite, war nicht bei ihm, wie ich es ihm versprochen hatte.
  Mein Herz krampfte sich bei diesem Gedanken schmerzhaft zusammen.
  Du wirst dein Wort aber halten, oder, Shu? Du wirst mich niemals vergessen, nicht wahr?
  Während ich dem Weg weiter folgte, veränderte sich plötzlich die Umgebung. An was auch immer ich gerade dachte, in genau dieser Szene befand ich mich sofort. Allerdings waren es nur Bildausschnitte ohne Bewegung oder Laute.
  Nur einzelne, eingefrorene Erinnerungsfetzen.
  Ich ging durch das Wohnzimmer, in dem Funell auf dem Sofa döste und Harukas Kleidungsstücke überall auf dem Boden verstreut lagen.
  Ich ging durch das Büro, wo Gai mit geschlossenen Augen auf der Liege wartete, bis die Bluttransfusion zu Ende war.
  Ich ging durch das Klassenzimmer, in dem Yahiro, Hare und all die anderen mit fröhlichen Mienen auf den Beginn der Stunde warteten.
  Anfangs hatte ich noch jedes winzige Detail in mich aufgesogen, in banger Erwartung an den Moment, in dem die Szene wieder verschwand. Doch schon bald hatte ich erkannt, was diese Szenen wirklich waren: nichts weiter als Illusionen, die genauso leer waren wie diese ganze Welt es war. Nach dieser Erkenntnis nahm ich keinerlei Notiz mehr von diesen Erinnerungen, die mir schon bald mehr Kummer bereiteten als Freude.
  Lebe ich überhaupt? Oder bin ich auch nur eine Erinnerung?
  Und noch etwas machte mich ängstlich und traurig zugleich: In keiner Erinnerung kam Shu vor. So sehr ich mir sein Bild auch vor Augen rief, in jeder einzelnen Szene fehlte er.  
  Erinnert sich Shu vielleicht gar nicht mehr an mich …?
  Als wäre ich genau an dem Ort angekommen, den ich erreichen wollte, blieb ich schließlich stehen und setzte mich auf den harten Kristallboden. Der Himmel war immer noch grau und die tiefe Stille legte sich wie eine schwere Decke auf mich und nahm mir die Luft zum Atmen. Ich umklammerte so fest wie möglich meinen Oberkörper, doch das bedrückende Gefühl ließ nicht nach.
  Ich wünschte, du wärst bei mir, Shu. Wie kann ich dich nur erreichen?
  Ich schloss die Augen und horchte tief in mich hinein, doch ich fand nichts als Leere.
  Und Stille.
  Vollkommene Stille.
  Ohne mein Zutun begann ich plötzlich zu singen. Die Worte kamen über meine Lippen, ohne dass ich über sie nachdenken musste. Sie sprachen mir aus tiefster Seele und drückten meine Ängste und meine Verzweiflung aus, spendeten mir aber auf seltsame Art und Weise auch Trost.  
 
„Erinnerst du dich noch?
  Erinnerst du dich noch an dein Wort,
  das du mir gegeben hast?“

  Ich sang eine gefühlte Ewigkeit. Und dann noch eine. Und noch eine. Ich sang solange, bis ich glaubte, die Ewigkeit überwunden zu haben und ans Ende allen Seins angelangt zu sein, wo Shu auf mich warten würde.
  Als ich schließlich die Augen wieder aufschlug, saß ich inmitten einer Blumenwiese. Die undurchdringliche Wolkenschicht hatte sich aufgelöst und gab nun den blauen Himmel dahinter frei. Die Kristalle waren alle verschwunden und in der Ferne erhob sich Tokyo in seiner alten Pracht. Verwundert sah ich mich um, als mir plötzlich Tränen in die Augen schossen.
  Shu hatte mir geantwortet.
  Ich saß in einem Meer aus blauen Vergissmeinnicht.
  Shu würde mich niemals vergessen. Niemals.
  Eine heiße Träne rann über meine Wange, als die Sehnsucht mich wie eine Flutwelle überrollte und mit sich riss. Mein Ruf drang weit über die Ebene hinweg und ich wusste tief in meinem Herzen, dass er mich hören würde.
  „Shu …!“
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