Es läuft alles nicht nach Plan

GeschichteDrama, Romanze / P16
der Merowinger Persephone
21.05.2016
13.04.2018
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21.05.2016 3.628
 
Es läuft alles nicht nach Plan

oder

Wie aus Pythia Persephone wurde

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~ 1. Teil ~


Hallo zusammen,

diese Geschichte ist ein Betrag zu dem Projekt  "Lebensfenster - 18 Schlagworte". Als Protagonistin habe ich Persephone aus "Matrix" gewählt und werde zu jedem der vorgegebenen Wörter aus der Liste einen One Shot schreiben.

Viel Spaß beim Lesen.

LG
Hermia
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"Die Matrix ist älter als du denkst."

Der Architekt zu Neo in "Matrix Reloaded"

***

1. Der Name


Seine erste Welt war vollkommen gewesen, schön und friedlich, aber die biologischen Zweibeiner, die sich selbst Menschen nannten, waren dennoch niemals zufrieden. Die Maschinenwesen verstanden sie einfach nicht und auch für ihn selbst, einem perfekt laufenden Programm, dem Schöpfer dieser ersten, vollkommenen Welt, waren die nackten Affen ein Rätsel. Aufgrund dessen hatten die Konstrukteure der Maschinenwelt nun SIE entwickelt und zu ihm geschickt, sahen in IHR die Lösung all ihrer Probleme mit den Menschen.

Der Architekt beäugte voller Zweifel die schöne, junge Frau mit den langen, schwarzen Haaren und den großen, dunklen Augen. Wie sollte dieses unerfahrene Ding in der Lage sein, die permanent unzufriedenen nackten Affen ruhigzustellen?

"Was soll ich mit dir bloß anfangen?", grummelte der Architekt.

Die junge Frau sah ihn mit ruhigem Blick an und erwiderte selbstsicher: "Meine Programmierung enthält das gesamte psychologische Wissen der Menschheit und außerdem bin ich ausgestattet mit einer hohen Intuition."

"Intuition?"

"Aber selbstverständlich! Einer so unberechenbaren Spezies wie den Menschen wird man kaum mit mathematischen Gleichungen Herr werden können, sondern nur, indem man sich auf sie einlässt, sich in sie einfühlt und ihnen mit Verständnis begegnet."

"Mit Verständnis?", echote der Architekt ungläubig und starrte das neue Programm fassungslos an. "Du bist eine Künstliche Intelligenz und kein Mensch!"

Siegessicher lächelte die dunkelhaarige Schönheit ihn an und erwiderte: "Aber ich wurde mit all dem ausgestattet, was auch einen Menschen auszeichnet. Sie werden gar nicht merken, dass ich ein Programm bin, das sie unter Kontrolle hält."

"Ach ja?", höhnte der Architekt. "Und wie willst du das anstellen?"

"Ganz einfach: Ich übernehme den Platz des Orakels von Delphi, der seit der Erschaffung der Matrix nicht besetzt wurde."

"Solch einen Unsinn habe ich noch nie gehört! Das ist völlig unlogisch!"

"Siehst du, Architekt, das ist eben der Unterschied zwischen dir und mir", erklärte die Schöne ein wenig hochmütig. "Aufgrund deiner Unfähigkeit, die Menschen zu verstehen, bist du nicht in der Lage, mit ihnen fertigzuwerden. Aber ich weiß genau, dass sich die Menschen danach sehnen, jemanden aufsuchen zu können, den sie um Rat fragen. Das scheint ein besonderes Anliegen dieser Spezies zu sein und deshalb erscheint es mir sinnvoll, den Platz eines Orakels einzunehmen. Wie du weißt, befinden wir uns derzeit in der Matrix auf der historischen Stufe der antiken Welt, in der man noch nichts über Psychologie wusste. Du wirst sehen, wie gut ich mit den Menschen fertig werde. Die Unruhen sind bald vorbei, das verspreche ich dir."

"Wer bist du, dass du dir anmaßt, mich dermaßen zu belehren?"

"Mein Name ist Pythia - so wie damals die Priesterin des Heiligtums von Delphi hieß."

***



2. Der erste Satz


Seit geraumer Zeit hatte es sich in der ganzen, gebildeten Welt des Mittelmeerraumes herumgesprochen, dass es im Haupttempel von Delphi eine schöne, junge Hohepriesterin mit der Gabe des zweiten Gesichtes gab. Ihr Name war Phythia und sie hatte von den Tempeldienern verkünden lassen, dass jeder zu ihr kommen könne, der Rat und Hilfe benötige. Ihr erster öffentlicher Auftritt war für den heutigen Morgen bei Sonnenaufgang angekündigt worden und deshalb hatten sich auf dem Platz vor dem Haupttempel in Delphi viele Menschen eingefunden, die neugierig auf sie warteten. Unter ihnen befanden sich auch der junge Aidoneus und sein Freund Radamas, die seit langem darüber rätselten, warum ihnen ihre eigene Welt so fremd und unvertraut vorkam. Sie waren beide in Athen als Söhne hochangesehener Männer geboren worden und aufgewachsen, man ließ ihnen eine gute Bildung zuteil werden und eigentlich könnten sie ein schönes Leben führen, doch sie waren trotzdem nicht zufrieden; und als Radamas beim letzten Gastmahl des Proconsuls von Athen die philosophische Frage aufwarf, was Freiheit sei und ob man das Leben eines Athener Bürgers wirklich als freies Sein bezeichnen könne, war er von den Beamten seines Gastgebers verhaftet und verhört worden. Erst als diese sich davon überzeugt hatten, dass er wirklich nur eine philosophische Diskussion im Sinn gehabt hatte, ließ man ihn frei - mit der Verwarnung, in Zukunft besser darauf zu achten, was er für Reden führte.

Diese überzogene Reaktion des Proconsuls war für Radamas und Aidoneus ein weiterer Beweis dafür, dass man etwas vor den Bürgern verbarg und es besser sei, darüber nicht öffentlich zu sprechen. Seitdem war es ihr Ziel, hinter dieses Geheimnis zu kommen.

"Meinst du, dass wir diesem Orakel trauen können?", murmelte Aidoneus seinem Freund zweifelnd zu. "Vielleicht steht sie ja auch in den Diensten des Staates."

"Unsinn, sie ist ein Orakel und dient einzig und allein den Göttern, was auch unser Staat anerkennt und ihr deshalb besondere Privilegien zukommen lässt", gab Radamas zurück. "Sie empfängt jeden, der ihren Rat benötigt, allein in ihrer Kammer, und alles, was du mit ihr besprichst, bleibt unter euch."

"Wollen wir hoffen, dass du recht behältst", erwiderte sein Freund, in dessen Antlitz jedoch immer noch Zweifel standen.

In der Ferne hörte man einen Hahn krähen und die Menge, die vor dem Tempel stand, wurde allmählich unruhig. Am Horizont erschien ein rötlicher Schimmer und im gleichen Augenblick traten Tempeldiener aus dem Gotteshaus hervor und verkündeten mit lauter Stimme: "Ruhe, gebt Ruhe! Es erscheint Pythia, die Hohepriesterin von Delphi, die über das zweite Gesicht verfügt!"

Gespannt blickte Aidoneus auf das Hauptportal des Tempels, dessen Tore sich jetzt weit öffneten. Heraus trat eine, in ein leuchtend weißes Gewand gehüllte Gestalt, und er hielt vor Bewunderung den Atem an. Noch nie im Leben hatte er eine so schöne, junge Frau gesehen.

Die ersten Strahlen des Sonnenlichtes fielen in diesem Moment auf Pythia und ließen sie gleichsam wie eine goldene Göttin erscheinen. Die Menge stieß ein unüberhörbares Raunen voller Ehrerbietung aus und auch Aidoneus konnte sich dem nicht entziehen. Pythia war von überirdischer Schönheit, eine Auserwählte der Götter!

Die junge Hohepriesterin blickte voller Wohlwollen über die Menge und lächelte. Dann breitete sie die Arme aus und rief laut: "Kommt alle zu mir, die ihr mühsam und beladen seid!"

***


3. Ein Spielzeug


Selbstzufrieden kehrte Pythia nach ihrem ersten öffentlich Auftritt in ihre Gemächer zurück. Es war genauso, wie sie es erwartet hatte. Nachdem sie den Menschen vor dem Tempel ihre Hilfe angeboten hatte, war die Menge in lauten Jubel und Applaus ausgebrochen und sie hatte das ganze Spektakel eine Weile beobachtet und es richtiggehend genossen. Ihre Schöpfer aus der Maschinenwelt konnten zufrieden sein, hatte sie doch die in sie gesetzten Erwartungen vollständig erfüllt. Sie war sich sicher, dass der vor ihrem Erscheinen drohende Aufstand bald im Sande verlaufen würde, sobald sie ihren ersten Klienten klargemacht hätte, dass dies gegen den Willen der Götter verstieß. Die "Götter" waren in diesem Falle die Wesen aus der Maschinenwelt, aber davon wussten die Menschen nichts. Auf der anderen Seite konnte sie in den Einzelsitzungen erfahren, wonach genau jeder ihrer Klienten sich sehnte und dann dafür sorgen, dass seine Bedürfnisse soweit wie möglich erfüllt würden. Wer zufrieden war, hatte kein Interesse daran, zu rebellieren.

Es klopfte zaghaft an die Tür und Pythia rief: "Herein!"

Eine der Tempeldienerinnen erschien in der Öffnung.

"Verzeiht, Herrin", sagte sie in entschuldigendem Ton. "Aber hier draußen ist ein Mann, der darauf besteht, Euch unbedingt persönlich zu sprechen. Ich soll Euch ausrichten, dass er der Architekt sei."

"Welch eine Überraschung", erwiderte Pythia und musste unwillkürlich grinsen. "Bitte ihn herein. Ich möchte gerne mit ihm unter vier Augen sprechen."

Die Tempeldienerin verneigte sich und einen Moment später trat der Architekt, gekleidet in das Gewand eines Athener Bürgers, herein. Er deutete eine leichte Verbeugung gegenüber Pythia an und meinte: "Ich gratuliere dir zu deinem ersten Erfolg, meine Liebe."

"Vielen Dank! Ich weiß deine Anerkennung zu schätzen."

"Nun, tatsächlich hätte ich niemals für möglich gehalten, wie leicht die biologischen Zweibeiner zu täuschen sind", gab er zu und lächelte etwas. "Natürlich bin ich daran interessiert, dass du die nackten Affen auch weiterhin ruhig hältst und habe dir deshalb ein kleines Geschenk mitgebracht, das dich - so hoffe ich - darin unterstützen wird."

"Ein kleines Geschenk?", wunderte sich Pythia.

"Oh ja, hier ist es", antwortete der Architekt und überreichte ihr eine mittelgroße Schachtel.

Neugierig nahm die junge Frau sie entgegen und öffnete sie. Drinnen befand sich eine Kristallkugel. Verwundert nahm Pythia diese heraus, betrachtete sie stirnrunzelnd und sah den Architekten danach erstaunt an.

"Wozu soll das gut sein?", fragte sie. "Ich benötige keine Kristallkugel, um intuitiv arbeiten zu können."

"Das weiß ich", erwiderte ihr Gegenüber. "Aber die nackten Affen werden dir die Gabe der Hellsichtigkeit eher abnehmen, wenn du mit diesem Spielzeug arbeitest. Sonst fangen sie womöglich noch an zu hinterfragen, wie du in die Zukunft blicken kannst."

"Die Zukunft wird von der Gegenwart und den Handlungen der Menschen im Hier und Jetzt bestimmt", erklärte Pythia hochmütig. "Mit einer guten Menschenkenntnis stellt es keine große Schwierigkeit dar, zu erkennen, was einen erwartet."

"Glaub mir, Pythia, die Kristallkugel wird deine Arbeit immens erleichtern, auch wenn wir beide wissen, dass es im Grunde nichts weiter als eine Art Spielzeug ist. Gegen ein bisschen Show ist doch nichts einzuwenden, so lange es der Kontrolle der Menschen dient, nicht wahr?"

"Also schön, ich werde dieses Theater mitmachen, wenn du es unbedingt für nötig hältst. Schließlich haben meine Schöpfer gesagt, ich solle tun, was du für richtig hältst und auf dich hören."

"Braves Mädchen", lobte der Architekt und wirkte äußerst zufrieden. "Dann wünsche ich dir viel Spaß mit deinem neuen Spielzeug. Mach es gut."

Nach diesen Worten verließ er das Gemach der Hohepriesterin und schloss die Tür hinter sich, eine ärgerlich dreinblickende Pythia zurücklassend, die voller Verachtung die Kristallkugel in ihren Händen betrachtete...

***


4. Ein Freund


Seit ihrem ersten öffentlichen Auftritt suchten täglich viele Menschen Rat und Beistand bei Pythia, dem Orakel von Delphi. Sie war immer freundlich zu ihnen, schenkte ihren Sorgen und Nöten Gehör und jeder, der sie aufsuchte, hatte das Gefühl, von ihr vollkommen verstanden zu werden. Die allgemeine Unruhe, die vor dem Erscheinen Pythia's geherrscht hatte, verschwand und es breitete sich wieder mehr Zufriedenheit aus.

Gerade dieser Umstand beunruhigte Aidoneus, der die schöne, junge Hohepriesterin nicht vergessen konnte, seit er sie das erste Mal gesehen hatte, und immer noch voller Bewunderung an sie dachte. Überzeugt davon, dass sie eine reine Seele besaß und tatsächlich nur das Beste für die Menschen im Sinn hatte, die zu ihr kamen, um sich Rat und Hilfe zu erbitten, hielt er es für möglich, dass sie unwissentlich zum Werkzeug des Staates gemacht wurde, der nach seiner Meinung immer noch alle Bürger Griechenlands kontrollierte. In den letzten drei Monaten waren immer wieder Personen verschwunden, die in ihrem Bekanntenkreis oder auch in der Öffentlichkeit Zweifel an der Rechtschaffenheit des derzeitigen politischen Systems geäußert hatten. Es war richtig auffällig, aber niemand sprach darüber. Es gab eine kurze Meldung, dass dieser oder jener plötzlich verschwunden war und damit hatte es sich. Als er seinen Vater einmal darauf ansprach, wies dieser ihn streng darauf hin, dass diese Angelegenheiten Aufgaben des Staates seien und nicht seine. Er solle sich lieber auf seine Laufbahn als Verwaltungsbeamter des derzeitigen Quästors für Steuerangelegenheiten konzentrieren. Das war auch so etwas, was Aidoneus nicht passte: Ein Anwärter auf einen Beamtenposten in einem Regierungssystem zu sein, das er aus tiefster Überzeugung ablehnte. Gewiss, die Römer hatten sein Volk vor fünfzehn Jahren besiegt und seitdem das politische Leben in seiner Heimat bestimmt, aber es musste ja nicht so bleiben.

Heimlich hatte er sich immer wieder mit Gleichgesinnten an bestimmten Orten getroffen, um gemeinsam zu überlegen, was sie gegen die römische Besatzungsmacht unternehmen könnten, und er hatte mit der Zeit immer mehr Anhänger gewonnen. Sie hatten sogar schon damit begonnen, einen konkreten Schlachtplan gegen das römische Staatssystem auszuarbeiten... und dann war plötzlich Pythia aufgetaucht und seitdem kamen immer weniger Leute zu ihren heimlichen Treffen. Nach Aidoneus' Meinung lag das genau in der Absicht der Staatsführung, die das Auftreten der schönen Hohepriesterin für ihre persönlichen Zwecke ausnutzte.

"Ich sollte Pythia vielleicht warnen", dachte Aidoneus und beschloss, die Hellseherin endlich einmal selbst aufzusuchen. Bislang hatte er davon Abstand genommen, weil sie jeden Tag zahllose Bittsteller empfing. Doch jetzt war er mal an der Reihe.

Am anderen Morgen machte er sich bereits vor Sonnenaufgang auf den Weg zum Haupttempel von Delphi. Der Gedanke, die schöne, junge Frau wiederzusehen, ließ sein Herz schneller schlagen. Doch er wusste ja, dass sie tabu war und dass er sich selbst beherrschen musste. Eine Hohepriesterin war eine respektable Person, der man Ehrerbietung entgegenzubringen hatte. Schließlich gehörte sie zu den Menschen, die die besondere Gabe besaßen, Kontakt mit den Göttern aufzunehmen.

Aidoneus erreichte das Tor des Haupttempels von Delphi mit dem ersten Hahnenschrei und wurde auch sogleich hereingelassen.

"Willkommen", begrüßte ihn eine der Tempeldienerinnen freundlich. "Ihr wollt gewiss mit dem Orakel sprechen, nicht wahr?"

"Ich bitte um die Ehre, von Pythia angehört zu werden", bestätigte der junge Mann die Frage.

"Dann folgt mir bitte!", forderte die Tempeldienerin ihn auf und schritt voran. Sie führte ihn zu einer großen, mit herrlichen Ornamentenschnitzereien verzierten Tür und fuhr fort: "Die Hohepriesterin ist bereit, Euch zu empfangen. Mögen die Götter mit Euch sein."

Aidoneus bedankte sich und öffnete dann zaghaft die Tür.

"Kommt ruhig herein", hörte er da die freundliche, warme Stimme von Pythia. Erneut fühlte er, wie rasch sein Herz klopfte. Er nahm einen tiefen Atemzug und trat dann in den Raum. Seine Augen fanden die schöne Frau sofort und blieben wie gebannt an ihr haften. Mit offenem Mund starrte er sie an, als hätte er noch nie eine andere Person gesehen.

Pythia lachte ein wenig, als sie ihn beobachtete.

"So tretet doch endlich näher, Aidoneus", forderte sie ihn erneut auf.

Der Angesprochene riss sich zusammen und ging dann auf sie zu.

"Verzeiht mir, Herrin, aber Eure Schönheit überwältigte mich", erklärte er in entschuldigendem Ton. "Ich kann mir nicht helfen, aber ich bewundere Euch, seit ich Euch das erste Mal gesehen habe."

Pythia lächelte geschmeichelt.

"Wie freundlich Ihr seid", erwiderte sie mit liebevoller Stimme. "Aber Ihr habt den weiten Weg zu mir gewiss nicht gemacht, um mir Eure Bewunderung zu schenken."

"Nun ja, wer würde Euch nicht bewundern?", meinte Aidoneus, der seine Augen nicht von ihr abwenden konnte. "Ihr seid das vollkommene Abbild der Tugend und Schönheit. Und ich bin davon überzeugt, dass auch Euer Inneres vollkommen rein ist."

"Ihr seid also tatsächlich nur zu mir gekommen, um meine Schönheit zu preisen und mich mit Komplimenten zu überhäufen, Aidoneus?", fragte sie kokett und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

"Nein, Herrin, aber ich kann nicht anders", antwortete er. "Doch darüber hinaus möchte ich Euch warnen, denn ich bin davon überzeugt, dass Ihr ohne Euer Wissen benutzt werdet, um die Menschen von ihrem eigentlichen Ziel abzulenken."

"Oh, das klingt interessant", gab Pythia zurück. "Bitte, nehmt doch Platz, Aidoneus."

Sie wies auf einen bequemen Sitz vor ihrem Sessel hin und er ließ sich endlich darauf nieder, die Augen immer noch wie gebannt auf die junge Frau gerichtet.

"Ihr wollt mir also erzählen, dass ich benutzt werde?", griff sie den Faden, den ihr Besucher ihr hingeworfen hatte, erneut auf.

"Ja, Herrin."

"Aber wer sollte mich benutzen und wozu? Mir ist der Sinn des Ganzen unbegreiflich."

"Nun, seitdem uns die römischen Besatzer besiegt haben, tun sie alles, um uns kleinzuhalten", begann Aidoneus mit ernster Stimme. "Die Staatsmacht regiert mit harter Hand und ich bin davon überzeugt, dass man uns auch nicht immer die Wahrheit sagt."

"Wie kommt Ihr darauf?", erkundigte sich Pythia interessiert.

"Nun, es verschwinden einfach Menschen und sie werden sehr schnell vergessen. Niemand scheint daran interessiert zu sein, was mit ihnen geschehen ist, und man darf auch nicht darüber sprechen. Ist das nicht recht merkwürdig?"

"Zumindest scheint es so. Aber ich versichere Euch, dass all das seine Richtigkeit hat, Aidoneus. In meinem Inneren sehe ich, dass die Leute, die verschwanden, Böses im Sinn hatten und daher aus Sicherheitsgründen in Gewahrsam genommen wurden. Es geht ihnen gut. Man hat sie nur entfernt, damit sie kein Unheil anrichten können."

Der junge Mann sah sie überrascht an.

"Wie könnt Ihr in dieser Sache so sicher sein, Pythia?"

"Nun, ich besitze die Gabe des zweiten Gesichtes und sehe mehr als die äußere Wirklichkeit."

"Tatsächlich?"

"Ihr zweifelt doch nicht etwa an meiner Fähigkeit, Aidoneus?"

Die junge Hohepriesterin blickte ihn so treuherzig an, dass er von ihrer Aufrichtigkeit überzeugt war und unwillkürlich lächelte. Dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, natürlich nicht, Herrin! Allerdings fällt es mir schwer zu glauben, dass all die verschwundenen Personen schlechte Absichten gehabt haben sollen. Einige davon waren meine Freunde."

"Eure Freunde haben Euch getäuscht. Sie ließen es an der nötigen Demut gegenüber den Göttern fehlen - und die Götter bestrafen jede Art von Respektlosigkeit."

"Nein, das kann ich einfach nicht glauben! Meine Freunde waren stets sehr gottesfürchtige Männer. Allerdings waren sie nicht dazu bereit, sich den römischen Besatzern zu unterwerfen, die nichts auslassen, um uns zu demütigen, wo immer sie können."

"Wenn ein Beamter des Staates dies tatsächlich tut, dann wird er bestraft werden", erklärte Pythia. "Ich versichere Euch, dass eine Unterdrückung der Bürger weder im Sinne dieses Staates noch im Sinne der Götter ist. Seid deshalb unbesorgt, mein junger Freund, Ihr werdet Gerechtigkeit erfahren."

"Aus Eurem Mund klingt es, als wäre all das selbstverständlich", erwiderte Aidoneus. "Aber ich erlebe jeden Tag aufs Neue, wie römische Beamte uns zu demütigen suchen. Und da Ihr davon überzeugt zu sein scheint, dass der Staat zu allen Bürger gerecht ist, fürchte ich sehr, dass die Regierung Euch bereits für ihre Zwecke instrumentalisiert hat, ohne dass Ihr es wisst, Herrin. Bitte, seht Euch vor den Machenschaften der Beamten vor, Pythia."

Die junge Hohepriesterin blickte ihn überrascht an. Dieser Mann war so ganz anders als all ihre bisherigen Klienten. Er schien aufrichtig um sie besorgt zu sein. Seine Fürsorge rührte sie.

"Ich versichere Euch, dass ich mich von niemandem instrumentalisieren lasse", erklärte sie dann, obwohl sie es besser wusste. "Meine Fähigkeit des zweiten Gesichtes schützt mich vor jeglichen Manipulationsversuchen. Doch sie vermag leider nicht zu erkennen, aus welchem Grunde Ihr es für nötig haltet, mich zu warnen."

"Liebste Pythia, Eure Bescheidenheit ehrt Euch und bestätigt mir nur wieder einmal, von welch unschuldiger Reinheit Eure Seele ist", gab Aidoneus zurück. "Mit Eurer Aufrichtigkeit habt Ihr mein Vertrauen gewonnen und ich werde für immer Euer Freund und Beschützer sein."

"Mein Freund und Beschützer?"

"Ja, erlaubt mir bitte, Euer Freund und Beschützer zu sein."

Solch eine Leidenschaft für ihre Person hatte Pythia keineswegs erwartet, als sie ihre Aufgabe antrat. Diese Entwicklung versprach sehr interessant zu werden und außerdem musste sie sich eingestehen, dass die Bewunderung, die ihr aus den Augen des jungen Aidoneus entgegenblickte, ihr überaus schmeichelte. Eigentlich sollte sie als Programm mit einer sehr hohen KI sich davon nicht beeindrucken lassen, aber es ließ sie nicht kalt. Schließlich war sie fast so etwas wie ein Mensch, besaß sogar sehr komplizierte Gefühlsmodule, ohne die sie gar nicht in der Lage wäre, intuitiv die Seelenlage eines Menschen zu erfassen.

Interessiert betrachtete sie Aidoneus. Vermutlich war er der leidenschaftliche, junge Mann, der insgeheim ahnte, dass die Welt, in der er lebte, nur eine Illusion war, und der die griechische Freiheitsbewegung initiiert hatte. Er sehnte sich nach Freiheit und er wollte die Wahrheit wissen. Dieser hübsche, junge Mann also war es, den es zu stoppen galt.

Pythia spürte ein tiefes Bedauern bei dem Gedanken, dass Aidoneus wohl bald tot sein würde. Die Wesen aus der Maschinenwelt duldeten keine Rebellen und der Auftrag der KI-Agenten lautete, jeden zu eliminieren, der die Sicherheit der Matrix bedrohte. Auch sie musste eigentlich dabei helfen, dass niemand die künstlich geschaffene Welt des Architekten bedrohte. Doch allein der Gedanke, Aidoneus etwas anzutun, rief Abscheu in ihr hervor.

Vor ihr stand ein aufrichtiger, junger Mann, der zudem überaus attraktiv war. Er hatte es nicht verdient zu sterben!

Pythia richtete ihre dunklen Augen voller Wohlwollen auf Aidoneus, der sie die ganze Zeit schweigend beobachtet hatte. Doch nun ließ er sich vor ihr auf die Knie sinken und sah zu ihr auf.

"Bitte, wollt Ihr erlauben, dass ich Euer Freund und Beschützer bin?"

"Ja, ich hätte Euch gerne als Freund."

Der junge Mann ergriff Pythia's Hand, führte sie zu seinen Lippen und drückte vorsichtig einen Kuss darauf, ehe er erneut in das Antlitz der jungen Hohepriesterin schaute.

"Ich verspreche, dass ich als Euer Freund stets für Euch einstehen werde, Pythia."

Sie lächelte ihn strahlend an und nickte.

"Bitte, erhebt Euch jetzt, Aidoneus, und kehrt nach Hause zurück. Erfüllt Eure Pflichten und lebt nach den Gesetzen der Götter. Das ist mein Ratschlag für Euch. Lebt wohl!"

***
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