Quindecim

GeschichteAngst, Freundschaft / P12
20.05.2016
07.12.2017
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Schon wieder dieser Traum. Immer derselbe. Immer wieder sehe ich diese zwei Fahrstühle, Quallen und Puppen. Puppen, ähnlich wie Schaufensterpuppen, nur mit mehr beweglichen Gliedern und in günstigen Momenten, konnte man die spinnfaden dünnen Fäden sehen, die die Puppen bewegten.
Vor genau einem Jahr hatte ich versucht mich umzubringen. Meine Mutter hatte mich noch rechtzeitig im Badezimmer mit aufgeschnittenden Pulsadern endeckt.
Danach hieß es für mich eine Menge Therapistunden und Selbsthilfegruppen. Obwohl ich diese Treffen hasste, ging ich hin. Schon alleine meiner Mutter wegen.
Ich weiß nicht warum, aber seit diesem Vorfall hatte ich nicht mehr den Drang mich umzubringen. Das Leben machte mir wieder Spaß und ich konnte meine Schlittschuh-Vergangenheit erfolgreich abschließen. Das einzige, was mich an diesen Vorfall noch erinnerte waren die zwei dünnen Narben, die sich auf meinen Handgelenken abzeichneten und diese immer wiederkehrenden Träume.
Es war, als ob ich diesen Ort kennen würde. Immer waren es nur kurze aufblizende Bilder, nie wirklich Szenen. Wie verschwommenen Erinnerungen, die mir meinen Schlaf raubten und mich Nacht für Nacht wach hielten.
Es war nicht wie bei einem Alptraum. Es waren schöne Erinnerungen und ich spürte den Drang, diesen Ort aus meinen Träumen aufsuchen zu wollen.
Ich behielt die Träume für mich, da ich wusste, dass es nichts nützen würde mit meinen Eltern oder dem Therapeuten darüber zu reden.
Diese Nacht war die Sehnsucht besonders schlimm gewesen.
Ich versuchte das letzte Bld, welches ich gesehen hatte, festzuhalten. Zum erstenmal hatte ich es gesehen.
Ein Lächeln.
Ein einfaches Lächeln, welches mein Herz höher schlugen ließ, obwohl ich nichtmal ein Gesicht dazu gesehen hatte.
Ehe ich mich versah, war ich aus meinem Bett gesprungen und zog mir schnell irgendwelche Klamotten über.
Immer noch hatte ich das Bild geistig vor Augen und bevor ich mein tun realisieren konnte, stand ich schon in der kühlen Nachtluft. Wie von selbst ging ich die Straßen Richtung Innenstadt. Es war früh am Morgen und die ersten Pendler und Frühaufsteher begegnten mir, doch ich nahm sie gar nicht richtig war. Immer weiter ging ich, bis ich in einer Sackgasse gelandet war. Was tat ich hier eigentlich? War ich noch bei allen guten Geistern? Ich musste verrückt geworden sein.
Ich wollte mich schon wieder auf den Weg nach Hause machen, um noch ein bisschen Schlaf zu bekommen, bevor ich zur Arbeit gehen musste, doch plötzlich hörte ich ein komisches Zischen.
War das etwa ein Aufzug?
Verwirrt betrachtete ich die dicke Backsteinwand vor mir. Vorsichtig ging ich näher und befühlte den kühlen Stein unter meinen Fingern. Die Mauer schien schon sehr alt. Die Zeit hatte sie gezeichnet, denn an manchen Stellen brökelte der Stein und eine dicke Moosschicht bedeckte eine Seite der Mauer.
Schon wieder dieses Geräusch.
Woher kam es?
Es klang, als wäre hinter der Mauer ein Aufzug.
Vorsichtig legte ich mein Ohr an die Mauer und horchte.
Tatsächlich!
Hinter der Mauer musste ein Aufzug sein.
Meine Neugier war geweckt.
Ich schaute an der Mauer hoch. Sie war circa 3 Meter hoch. Der Himmel hatte schon eine leicht rosa Färbung angenommen.
Ich ging an die dicke Mosswand und riß kurz daran. Das Moos war wirklich dicht und würde mein Gewicht bestimmt halten. Wenn nicht, würde ich halt eine schmerzhafte Begegnung mit dem Boden machen. Doch meine Neugier siegte.
Ich griff ins Moos und zog mich hoch, bis ich Halt mit den Füßen fand. Dann konnte ich mich weiter hochziehen, bis ich den Rand erreicht hatte. Mit letzter Kraft zog ich mich auf die Mauer und atmete erstmal durch. Dann wagte ich ein Blick und endeckte Überraschendes.
Nichts.
Einfach nur ein Innehof umgeben von Häusern.
Kein Aufzug oder ähnliches, was diese komischen Geräusche verursacht hätte können. Verwirrt und entäuscht begann ich den Abstieg.
Unten angekommen, klopfte ich mir den Dreck von meinen Klamotten und horchte nochmal.
Nichts auffälliges. Nur der morgendliche Straßenlärm drang an mein Trommelfell.
Enttäuscht drehte ich mich um und ging die Gasse entlang.
"Hey, lange nicht mehr gesehen."

Erschrocken drehte ich mich um.
Da wo eben noch eine dicke Mauer war, war jetzt ein offener Aufzug. In diesem Aufzug stand ein junger Mann. Er wirkte irgendwie fehl am Platz, in seinem Anzug und seinen grün gelben Haaren. Seine Piercings in der Nase und am Ohr, machten das Bild perfekt.
Wie erstarrt blickte ich ihn an. Träumte ich etwa noch?
Doch sowas hatte ich noch nie geträumt und es fühlte sich auch viel zu echt an. Prüfend kniff ich mir kurz in den Arm und spürte den kurzen Schmerz. Sicher war sicher.
"Worauf wartest du noch? Steig endlich ein."
Wie von selbst trugen mich meine Beine zum offenen Aufzug. Dieses vertraute Gefühl schlich sich in meine Brust und mein Herz schlug vor Aufregung schneller.
Wieso kam mir das so bekannt vor?
Ehe ich diese Frage beantworten konnte, stand ich auch schon im Aufzug. Der komische Mann stellte sich neben mich und die Türen schlossen sich vor meinen Augen. Jetzt gab es kein zurück mehr.
Neben der Tür waren viele silberne Knöpfe die, wie ich schnell feststellte, bis 90 gingen. Wie konnte ein Aufzug über so viele Stockwerke gehen?
Reiß dich zusammen. Hier stimmte eine Menge nicht.
Ich schluckte meinen Zweifel runter und die Freude breitete sich wieder in meinem Körper aus.
Der Mann drückte auf einen Knopf und der Aufzug fuhr nach oben. Wo auch immer oben war.
Nach kurzer Zeit hielt der Aufzug an und die Türen glitten offen.
"Quindecim"
Der Mann streckte seine Hand aus und wartete bis ich ausstieg. Ich trat in einen dunklen Gang, welcher hinten einen Knick machte. Der Gang wurde in dämmerlichen Licht gehalten und am Ende sah man Wasser mit Pflanzen.
Ich ging den Gang entlang und hörte nur noch, wie der Aufzug sich wieder schloss und davon fuhr.
Ich bog um die Ecke und sah eine einladene Bar vor mir. Ich hatte keine Zeit mich umzugucken, denn mein Blick wurde von der Person hinter der Bar gefangen. Er hatte schneeweißes Haar und trug eine typische Barkeeperuniform. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, da er sich gerade verbeugte.
"Willkommen im Quindecim. Ich bin ihr Barkeeper Decim."
Dann richtete er sich auf und schaute mir direkt in die Augen. Ich sah förmlich wie er erstarrte und seine außergewöhnlichen Augen sich vor Schrecken oder Überraschung - da war wich mir nicht ganz sicher - weiteten. Sein Mund öffnete sich leicht, doch er blieb stumm. Auch ich konnte ihn nur anstarren. Irgendwie kam er mir bekannt vor, doch ich wusste nicht woher. Warum starrte mich dieser Mann so komisch an? Hatte ich etwa irgendetwas im Gesicht?
Ich hatte keine Lust mehr auf diese Spielchen. Mit sicheren Schritten ging ich auf einen Barhocker zu und ließ mich nieder.
"Was können Sie mir so empfehlen?"
Noch immer starrte er mich stumm an. Den ganzen Weg hatte er mich mit seinen Augen verfolgt, doch die Überraschung blieb in seinem Blick.
"Hallo? Hören Sie mich? Ich würde gerne etwas trinken. Das hier ist doch eine Bar oder irre ich mich?"
Langsam wurde ich ungeduldig. Ich schnippste mit den Fingern vor seinem Gesicht herum. Plötzlich löste sich seine Starre und sein Blick wurde nichtssagend. Eine tolle Wendung. Innerlich verdrehte ich die Augen, aber ich versuchte höflich zu bleiben. Lächelnd wartete ich auf seine Antwort. Seine Miene blieb wie sie war.
"Ich kann Ihnen die Empfehlung des Hauses anbieten."
"Ja, doch das hört sich gut an. Das nehme ich."
Endlich löste sich sein Blick von mir und er wendete sich dem Mixen eines Getränkes zu.
Ich ließ meinen Blick schweifen. Die Bar war größer als gedacht. An der hohen Decke hingen Kristallkronleuchter und rießige Aquarien mit fast dursichtigen Quallen standen im Raum. Ein Teil des Raumes sah aus wie eine kleine Konzerthalle mit einem Podest und einem schwarzen Flügel. Auf mehrern Zuschauerplätzen saßen sogar welche.
Moment.
Bei genauerer Betrachtung erkannte ich, dass das Puppen waren. Puppen?
Bevor ich weiterdenken konnte, stellte mir der Barkeeper mit dem komischen Namen Decim ein blaues Getränk vor die Nase.
Unter seinen strengem Blick nahm ich es in die Hand und nippte kurz dran.
"Es schmeckt fantastisch."
Eine wohlige Wärme breitete sich in meinem Körper aus, während ich weiter an dem Getränk nippte. Ich konnte nicht einmal sagen, wonach es schmeckte. Immer noch schaute mich der Barkeeper mit ausdrucksloser Miene an.
"Es tut mir leid."
Bevor ich seine Worte verstand, wurde mir schwarz vor Augen.
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