6 - Die Toni-Tribute schöne neue Welt

von Emares
GeschichteAllgemein / P16
20.05.2016
20.05.2016
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Gleich würde sie da sein! Die junge, blond gelockte Frau mit den Sommersprossen im Gesicht stand geduldig im Aufzug zum Ältestenrat. Sie hatte gerade ihre Uniform, einen blauen Overall mit dunkelblauen Stiefeln und Handschuhen, sowie einer orangenen Warnweste aus der Reinigung geholt und genoss das Gefühl der sauberen Kleidung auf ihrer frisch geduschten Haut.
Toni war erst vor einigen Tagen auf Elysium angekommen. Einiges war passiert: sie war als Diplomatin im Sinne der notgelandeten Stadt auf Deponia unterwegs gewesen. Der ehemalige Widerstand gegen den Organon, welcher sich zu Elysiums Ordnungsmacht gewandelt hatte, war in zwei Lager zersplittert – einer kleinen Fraktion um Argus, den ehemaligen Führer des Organon, der im Hochboot nach Elysium abgestürzt und in den Körper eines niederrangigen Klons gezwungen war und eine große Fraktion unter der Kontrolle von Argus' drei Klonen.
Der größere Widerstand hatte Wenzel entsandt, einen jungen Mann aus ihrem Heimatdorf, um seine unverschämten Forderungen nett zu verpacken. Nach einiger Zeit kamen sie sich näher und verlobten sich. Dann trat der Original-Argus auf den Plan, den sie wegen seiner helleren Haut und den blonden Haaren nicht direkt erkannte. Er stellte eigenmächtig Verhandlungen an und sie war geneigt, eher ihm, als Vertreter eines harmloseren Übels Zugeständnisse zu machen.
Doch dann kam es anders: Wenzel plapperte aus, dass Elysium auch notgelandet noch in der Lage war, mit der Zerstörung der Heimatwelt nach Utopia geschleudert zu werden. Original-Argus sah seine Chance, seine Männer doch noch in die neue Welt zu schicken
Sie erschoss ihn, schweren Herzens. Sie verstand seine Beweggründe und er erinnerte sie an ihren einstmals geliebten Exfreund, der sich geopfert hatte, um sie alle zu retten. Aber sie konnte nicht zulassen, dass er ihr eigenes Volk einäscherte. Blutüberströmt starb er in ihren Armen, was tiefe Narben auf ihrer Seele hinterließ.
Schließlich scheiterten die Verhandlungen mit der kleineren Widerstandszelle, Toni wurde schwer am Bauch verletzt und ständige Flashbacks quälten sie. Sie war selbstmordgefährdet und immer häufiger erschien der getötete Argus in ihrem Kopf.
Bei den weiteren Kontakten mit der großen Rebellenarmee überwand einer der Argus-Klone ihre Blockade und küsste sie. Wenzel kündigte die Verlobung auf und irgendwie war sie nun mit Argus, dem scheinbar warmherzigeren der verbleibenden zwei Klone verbandet.
Zurück auf Elysium hatte sie sich erst einmal die Zeit genommen, ihre Verwundung fachgerecht verarzten zu lassen und sich intensiv zu waschen. Aber jetzt musste sie Bericht erstatten.

Die Fahrt in dem blauen Lift mit vielen goldenen Schnörkeln schien gar endlos. Während sie nachdachte, verbrannte die Zigarette in ihrem Mund ungenutzt.
Nun gut“, sie verschränkte die Hände hinter ihrem Rücken.
Endlich!“, der Original-Argus, ein junger Mann in Grüner Uniform mit schwarzen Handschuhen plus schwarzer Hose und dunklen Stiefeln sowie Schulterpanzern, mit flacher Nase und blonden Haaren im Militärschnitt, stand neben ihr. Er hatte die Fäuste freudig erhoben und wippte nervös auf und ab, wobei sein lilaner Umhang wie ein Wasserfall floss.
Ich werde in die Thronkammer Elysiums kommen!“, er grinste wie ein Honigkuchenpferd. Es machte sie noch nervöser. Er erschien immer klarer, was sie als schlechtes Zeichen für ihre Gesundheit interpretierte.
Halte dich bitte etwas zurück, OK?“, sagte sie zu ihm, wobei sie ihren Rücken gerade machte und die Füße weiter auseinander stellte. Sie zog tief an ihrer Fluppe und atmete ausladend durch die Nasenlöcher aus, was entfernt an einen feuerspeienden Drachen erinnerte.
Aber immer doch!“, presste Argus seinen Mund zu einem süffisanten Lächeln zusammen.

Als die Aufzugtüre sich mit mit einem Klingeln öffnete, zogen dichte Rauchschwaden durch die Öffnung.
Hah!“, schritt Argus demonstrativ mit seinem rechten Stiefel in den Raum. Sein Grinsen wirkte fast schon manisch, da blickte er auf. Es wich einem erstaunten Maulaffenfeilhalten; der Saal war kreisrund und mit blaugrünen Wänden eingegrenzt, in die Hohlräume eingelassen waren, welche wohl gotische Säulen imitieren sollten. Links vom Aufzug waren Abschnitte des Bodens mit Rollrasen versehen. Rechts befand sich ein Becken mit bunten Bällen. Ein Steg führte in die Mitte zu einer Anordnung von alten Sesseln. Überall waren Palmen und tropische Pflanzen aufgestellt.
Was ist denn das?“, drehte Argus sich verwundert zu Toni um,
Wo ist der Marmorboden? Warum sind die Wände nicht mit Elfenbein und Gold verziert?
Er zeigte auf die Sessel:
Da sollte ein Thron aus Silber stehen!
Dann wies er auf eine Fruchtbar neben dem Aufzug:
Dort gehört ein freudloser Sekretär hin!
Schließlich wedelte er langsam mit den Armen um sich.
Und wo sind die Ältesten? Ich sehe nur einen bärtigen Fettsack auf einer Hängematte und ein debiles Seniorenorchester!
Toni seufzte und setzte sich in Bewegung über den Steg.
Das... das sind die Ältesten!“, dachte sie, als sie auf die Gruppe alter Leute im Zentrum der Räumlichkeiten zuging. Alte Männer in bunten Freizeitkleidern saßen auf den Sesseln, während ein anderer alter Mann mit strammer Haltung zu ihnen sprach.
Er hatte einen typischen elysianischen Anzug an. Ein weißer Overall ohne Ärmel bedeckte den Unförmigen Körper, blaue Stiefel und weißblaue Handschuhe bedeckten Hände und Füße. Zusätzlich hatte er mit blauem Bergkristall verzierte Schulterstücke und einen weißblauen Kapitänshut, der seinen Kopf über die Augen bedeckte und unter dem seine langen Ohrläppchen hervorlugten. Er gestikulierte wild mit seiner rechten Hand, die Linke ruhte auf einem elfenbeinfarbenen Säbel, der hin- und herwankte.
Ah, die Frau Botschafterin!“, unterbrach der mittlere alte Mann den elysianischen Militär.
Wir reden gerade über unser weiteres Vorgehen. Herr Zielwasser schlägt vor, dass wir die Klonanlange mit Gewalt einnehmen“, fuhr der alte Mann mit rosa Hasenohren auf seiner Glatze fort. Argus stellte sich schräg hinter sie, betrachtete die Szenerie misstrauisch.
Sie wollen unsere verbleibenden Truppen aufteilen, um Deponia in einen offenen Krieg zu stürzen?“ Toni positionierte sich mit weitem Stand und auf die Hüften gestemmten Händen frontal vor den Rat.
Durch Ihre Ratschläge haben wir bereits eintausend Soldaten verloren!“, schnauzte der General sie an.
Und ihr Verlust macht mich tief betroffen. Ich werde diese Schuld Zeit meines Lebens nicht zurückzahlen können.“, verschränkte sie ihre Arme wieder hinter sich.
Aber Sie irren sich, wenn Sie glauben, mit diesem Wahnsinn irgend etwas zu ändern.
Glauben Sie etwa, weil Sie das Oberkommando über den Organon erhalten haben, könnten Sie uns kluge Ratschläge erteilen?“, rümpfte ihr Konterpart die Nase,
Sie haben viel durchgemacht, vielleicht sollten Sie kürzer treten und die Erwachsenen machen lassen“, verspottete er sie.
Argus schlenderte seitlich an dem Mann vorbei, wobei er die Kopfbewegung einer Eule nachmachte, während sein Umhang wie Flügel hinter ihm herzog. Er machte eine halbe Runde um ihn und blieb links neben ihm stehen.
Du solltest ihm dein Messer in den Kopf rammen!“, grinste er frech.
Toni schloss ihre Augen und senkte den Kopf.
Nicht jetzt“, dachte sie.
Komm schon“, neigte er leicht den Kopf, „Ich weiß, dass du tief in dir drin diesen Wunsch hegst!
Er machte Hackbewegungen mit der Hand gegen den Hut seines Gegenübers, dann wies er mit beiden Händen in Wellenbewegungen auf die „gotischen Säulen“ hin.
Und diese debilen Gestalten schmeißt du ganz einfach über die Brüstung.
Toni musste lächeln, ein kleines Bisschen mochte sie seinen absurden Humor. Und in der Tat: ein kleiner Teil von ihr hatte wirklich oft das Bedürfnis geäußert, mit einem stumpfen Gegenstand auf diese selbsternannten Herren einzuschlagen.
Ich habe mein ganzes Leben auf Deponia verbracht“, hob sie ihren Kopf, „Wir Deponianer haben im Schmutz überlebt, als Sie noch dachten, der Planet wäre unbewohnt!
Dann bauen wir um: die Pflanzen lassen wir, die haben irgendwie was!“, schaute er sich um.
Diese albernen Gummibälle ersetzen wir dann wahlweise durch ein Haifischbecken oder Altöl und platzieren einen Käfig darüber.“ Er drehte sich wieder zu der Sitzgruppe:
Und hier kommen zwei ganz große Throne hin, einer für dich, einer für mich!
Aber...“, sie stockte, denn Argus plapperte einfach weiter.
In die bauen wir Knochen ein. Dann weiß jeder Besucher gleich, wie der Wind weht.
Jetzt ist aber gut“, fauchte sie ihn mental an, woraufhin der beleidigt eine Schnute zog und sich in Luft auflöste.
Sie wissen nichts über meine Welt!“, wandte sie sich ihrem Ankläger zu.
Wenn wir jetzt nicht zuschlagen, werden wir es nie wieder können!“, entgegnete dieser.
So sehr ich auch einen gut geführten Streich zu schätzen weiß“, kaute sie auf ihrer Zigarette,
Es würde zu nichts führen!“ In einer eleganten Drehung zeigte sie ihrem Publikum sowohl die kalte Schulter als auch den Rücken.
Greifen wir die Klonanlage an, verlieren wir zu viele Männer. Selbst wenn wir sie einnehmen könnten, würde der größere Teil der Rebellen unsere Schwäche ausnutzen, bevor wir auch nur in die Lage kämen, die Zahl unserer Truppen zu vervielfältigen
Eine weitere halbe Umdrehung und sie sah die Ältesten ernst an:
Dann hätte der größere Widerstand alles: die Kontrolle über Elysium, den Organon, die Klonanlagen und damit die Alleinherrschaft über Deponia – und ich werde nicht zulassen, dass das passiert!
Was schlagen Sie dann vor?“, wollte ein dunkelhäutiger Ältester wissen.
Toni zog an dem fast abgebrannten Stummel in ihrem Mund, dann eröffnete sie wieder das Wort:
Ein Attentat auf Donna, die die Klonanlagen jetzt führt!“, sagte sie, wobei dicke Nebenwolken aus ihrem Mund krochen.
Alle Anwesenden stockten.
Ein politisches Attentat? Das ist nicht nach der Art Elysiums!“, protestierte Zielwasser.
Nein, Ihnen liegt es mehr, Ihr eigenes Volk in die Luft zu sprengen und eine eigentlich feindliche Invasionsarmee gegen Ihre Brüder einzusetzen.“, zischte sie ihn an.
Wenn sie weg ist, übernimmt automatisch ihre rechte Hand die Kontrolle und das ist ein Mann, der vernünftig mit sich reden lässt!
Und Sie wollen dann mit am Verhandlungstisch sitzen!?“, drängte der alte Mann wieder ins Gespräch.
Nein“, entgegnete sie, als sie den Stummel ausspuckte und am Boden zertrat,
Ich werde mit dem anderen Widerstand verhandeln!
Ein Raunen ging durch den Saal, die Ältesten warfen ihr vor, dass sie noch vor kurzem gesagt hatte, man könne dieser Fraktion nicht trauen.
Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“, spottete sie,
Die Triade hat sich zu einem Duo geschrumpft. Einer der Beiden scheint eine Schwäche für mich zu haben und da kann ich ansetzen.“, sie packte ein weiteres Tabakröhrchen aus und zündete es an.
Wenn und ich betone, wenn es uns gelingt, beide Widerstandsgruppen zu mäßigen, dann und nur dann können wir es schaffen, diesen Konflikt friedlich beizulegen und als die stabilisierende Kraft auf Deponia aufzutreten, für die Sie sich halten!
Und wenn Sie sich wieder an den Verhandlungstisch setzen; wer soll dann bitte dieses Attentat ausführen!?“, hob der General zurechtweisend seinen Zeigefinger.
In einer Bewegung schloss sie die Augen, legte ihre linke Hand auf ihre Hüfte, die Zigarette in der Rechten neben sich haltend und drehte dem Rat den Rücken zu.
Na Sie!“, stolzierte sie, wie ein Pfau mit dem Hintern wackelnd, zum Lift, „So bekommen Sie dann auch noch die Gelegenheit, etwas Blut fließen zu lassen!
Während es bei Zielwasser nur noch für ein mürrisches Grunzen reichte, erhob sich der Rat.
Also gut“, richtete sich ein rothaariger, dicker Mann an Toni, „Sie sollen Ihre Gelegenheit bekommen. Hiermit verleihen wir Ihnen die nötigen Vollmachten und geben Ihnen einen Monat Zeit!
Das habe ich auch nicht anders erwartet!“, neigte sie leicht den Kopf zur Seite. Dann trat sie in die Kabine und schlug mit der linken Faust auf die Knöpfe des Aufzuges.
Als sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte und der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte, ließ sie sich rückwärts gegen die Türe stürzen und sackte in die Knie.
Geschafft!“, ließ sie ihren Kopf in den Nacken fallen,
Ich kann also doch noch alles ins Reine bringen!
Ein Kichern ertönte und sie sah erschreckt vor sich. Argus kniete vor ihr und grinste sie an.
Und wenn es nicht klappt, bringen wir sie eben alle um!
Du hast mich da drin mit deinen blöden Witzen ganz schön in Verlegenheit gebracht!“, fauchte sie ihn an.
Welche 'Blöden Witze'!?“, blickte er sie verständnislos an.
Sie schubste den fiktionalen Charakter, welcher daraufhin selbst an der gegenüberliegenden Wand auf dem Hintern landete.
Halt dich zukünftig etwas zurück, klar?“, richtete sie sich auf.
Du scheinst wieder zu vergessen, dass ich nur in deinem Kopf existiere!“, lehnte er sich an der Wand an.
Sie entgegnete nichts, verließ einfach nur stillschweigend den Raum, als die Türe sich öffnete.
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