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Unterwegs

OneshotHumor / P6
Brianna "The Breeze" Caine Soren Diana Ladris Drake Merwin
18.05.2016
21.04.2017
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„Ich habe jetzt schon keine Lust mehr“, stieß Diana leicht entnervt aus, als sie sich erschöpft auf ihren Sitz des Reisebusses fallen ließ. „Überhaupt nicht.“
 „Auf die Fahrt?“, fragte Caine, der gerade dabei war, ihre Taschen oben zu verfrachten.
 Diana sah mit angesäuertem Gesicht zu ihm hoch, die Beine übereinander geschlagen. „Auf den ganzen Ausflug“, spuckte sie.
 Caine hielt kurz inne und sah zu ihr runter, bevor er etwas schief lächelte. Konnte ich mir auch denken, sollte das wohl heißen.
 „Ich wette mit dir, es bleibt nicht dabei, dass sie uns nur im Bus nach ganz vorne gesetzt haben“, sprach Diana weiter. „Wenn wir erst einmal in dem Museum sind, lassen sie uns drei keinen einzigen Schritt alleine gehen. Wir werden heute den ganzen Tag beobachtet werden, damit wir keinen Unfug bauen“, zischte sie und zitierte somit perfekt ihre Aufsichtsperson, den Geschichtslehrer, der ihnen gestern ihre Sitzplätze mitgeteilt hatte.
 „Dann müssen wir uns eben von unserer besten Seite zeigen“, erwiderte Caine bloß. „Und wo wir gerade von uns dreien sprechen – wo steckt Drake?“, fragte er und sah sich kurz im Bus um, während er weiter mit den Taschen beschäftigt war.
 Die restlichen Schüler des Geschichtskurses waren gerade dabei, sich auf ihre Plätze zu begeben – nicht weniger angepisst, als Diana, aber wirklich zu protestieren versuchte keiner.
 „Der müsste gleich kommen“, sagte Diana und ließ sich tiefer in ihren Sitz sinken. Die Bauchschmerzen machten sie verrückt. „Der kommt doch immer zu spät – vor allem in letzter Zeit“, knurrte sie noch, wofür sie eine gehobene Augenbraue von Caine erntete.
 „Heute ein wenig schlecht gelaunt?“, fragte er halb aus Spaß und drückte ein letztes Mal gegen ihr Gepäck, damit es oben blieb und ihnen während de Fahrt nicht womöglich noch die Köpfe einschlug.
 „Nicht der Rede wert“, entgegnete Diana etwas bissig. Sowas nennt man Periode, fügte sie im Kopf hinzu.
 „Verstehe“, antwortete Caine. „Willst du am Fenster sitzen?“
 Das wäre ungünstig gewesen, denn Diana war sich sicher, während der Fahrt hin und wieder aufs Klo zu müssen. Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“
 „Okay.“
 Caine setzte sich neben sie und streckte die Beine aus: er erschien heute irgendwie entspannt und das regte Diana nur noch mehr auf, so mies, wie sie selbst sich fühlte.
 Kaum hatte sie das gedacht, entdeckte sie etwas Blondes aus dem Augenwinkel und als sie den Kopf zur Seite drehte, hatte Drake sich schon längst in die Sitzreihe neben ihrer gesetzt. Er legte seine Tasche vor die Sitze und lehnte sich selbst mit dem Rücken gegen das Fenster, bevor er die Beine mitsamt den Schuhen auf den leeren Platz neben sich zog. In dieser Hinsicht hatte Drake es gut. Er konnte sich immer entspannt zurück lehnen, wenn sie unterwegs waren, weil es genug Platz für ihn gab – denn wenn der Reisebus auch nur einen einzigen Platz zu viel hatte, war klar, welcher Sitz leer bleiben würde.
 Nämlich der neben Drake Merwin.
 „Hast du schon wieder verschlafen?“, hörte Diana Caine zur Begrüßung fragen, als er Drake ebenfalls registriert hatte.
 Drake zuckte die Schultern, das Gesicht müde vor Schlafmangel. „Ein wenig“, gestand er gähnend. „Ich bin wieder eingeschlafen, nachdem du mich geweckt hast.“
 „Was für eine Überraschung“, schnaubte Diana leise, denn immerhin war es nicht das erste Mal, dass Drake das passierte, allein in dieser Woche. Sie war aber eigentlich nicht wirklich auf Stress mit ihm aus, sondern wollte bloß ihrem Ärger etwas Luft machen – was Drake, trotz seinem Mangel an Schlaf und Intelligenz, offenbar zu bemerken schien.
 „Hat da jemand seine Tage?“, fragte er, wirkte selbst aber nicht wirklich danach, als würde er einen Streit vom Zaun brechen wollen. Dieses eine und einzige Mal wollte er sich offenbar wirklich nur verteidigen.
 „Halt die Klappe“, sagte Diana und drehte sich weg, die Hände vor der Brust verschränkt. „Versuch nicht, das jetzt auf mich zu schieben, nur weil du nie rechtzeitig aufstehen kannst.“
 „Aber jetzt mal ehrlich …. Was ist los mit dir in letzter Zeit?“, schaltete sich jetzt Caine ein und sah über Diana hinweg zu Drake. „Es stimmt nämlich. Seit ungefähr einer Woche ist es unerträglich geworden, du verschläfst ständig und bist den ganzen Tag über müde.“
 „Ich weiß nicht, was los ist“, seufzte Drake und lehnte sich weiter zurück, seinen Hinterkopf presste er an das Fenster. Dann winkte er ab. „Aber das geht eh bald wieder vorbei. Ganz bestimmt.“
 „Vielleicht kannst du ja während der Fahrt etwas schlafen“, sagte Caine. „Genug Platz hast du ja.“
 Drake gähnte wieder. „Mal schauen. Allerdings solltest du dir schnell aus dem Kopf schlagen, irgendwas aufnehmen zu wollen.“ Diana begriff erst, dass Drake nicht mehr mit ihnen sprach, als er seinen Arm durch die Lücke seiner beiden Sitzrücken steckte und der Person, die eine Reihe hinter ihm saß, etwas aus der Hand zerrte: es war ein Diktiergerät.
 Die Wanze.
 „D-Drake“, stotterte der Junge hinter ihm, die Stimme etwas heiser vor Angst. „Ich wollte wirklich nicht …“
 „Wenn du hoffst, dass ich schnarche, kannst du das getrost vergessen“, sagte Drake etwas gechillter, als er es vermutlich sonst getan hätte, bevor er einmal ausholte und das Diktiergerät einfach in eine der hinteren Reihen warf.
 Damit hätte das Ganze gegessen sein sollen, aber dieses Mal schien einer von Drakes eher kleineren Wutausbrüchen tatsächlich Konsequenzen mit sich zu bringen.
 Man hörte heftiges Husten, gefolgt von einem leicht angewiderten Raunen durch die Menge.
 „Bah, ist ja ekelhaft.“
 „Ou man, was für eine Scheiße …“
 „Was ist los?“
 „Michael wurde von irgendwas am Kopf erwischt, während er getrunken hat.“
 „Haha, er hat hier alles voll gespuckt.“
 „Scheiße, is ja ekelhaft.“
 Und dann, die aufgebrachte Stimme eines Mädchens, die sich über alle anderen hinwegsetzte: „Ich werde hier sicher nicht sitzen, wenn der ganze Platz vollgespuckt ist.“
 Diana und Caine wechselten einen kurzen Blick.
 „Würde ich auch nicht.“
 „Was war das eben eigentlich?“
 „Ich weiß nicht, ob ein anderer Platz überhaupt noch frei ist …“
 „Brianna, setz dich einfach mit nach vorne, wenn dich das bisschen Wasser so sehr stört“, seufzte der Lehrer, der hinten wegen eines kaputten Gurtes mitgeholfen hatte. Sowas musste wegen Sicherheitsregeln immer sofort gemeldet werden und er war bis eben noch damit beschäftigt gewesen, hinzubiegen, was auch immer dort kaputt gewesen war.
 Diana schielte zu Drake rüber, der mit zusammengekniffenen Augen nach hinten starrte, in die Richtung, in die er das Gerät geworfen hatte.
 „Das ist nicht einfach nur Wasser“, rief Brianna gerade aufgebracht über die Schulter, als sie in Dianas Blickfeld auftauchte und sich somit zu ihnen in die vordersten Reihen gesellte. Brianna blieb stehen, weil sie den leeren Sitz entdeckte, zu dem der Lehrer sie geschickt hatte. Dann entdeckte sie auch Drake, der etwas böse zu ihr hinauf starrte. Es dauerte noch ein paar Sekunden, bis sie eins und eins zusammenzählen und begreifen konnte, dass sie neben ihm sitzen sollte. Sofort presste sie die Lippen zusammen. „Ooou, nein“, sagte sie gedehnt, „sicher nicht.“ Sie drehte sich mit Schwung um, um zurück zu ihrem vollgespuckten Platz zu fliehen, als die Stimme des Lehrers wieder ertönte.
 „Mein Gott, Brianna, jetzt setz dich einfach hin und mach keinen Aufstand. Du wirst vorne sitzen bleiben.“
 „Aber …“ Sie versuchte noch etwas schwach zu protestieren, aber sie wusste genauso wie jeder andere im Bus, dass das nicht ziehen würde, nicht bei ihrem Geschichtslehrer.
 „Kein aber. Jetzt mach doch bitte einfach“, murrte dieser von hinten aus. Sein Ton verriet bereits, dass er nicht mit sich reden lassen würde.
 Mit zusammengepressten Lippen und trotziger Langsamkeit fuhr Brianna wieder herum, zurück zu Drake, der nicht weniger genervt dreinschaute, als das Mädchen, aber auch nichts sagen konnte, weil es dieses Mal ohne jeden Zweifel seine eigene Schuld gewesen war, in was er sich da reingeritten hatte und er es auch nicht leugnen konnte.
 Diana grinste in sich hinein. Ausschlafen konnte er jetzt vergessen.
 „Dann setz dich eben hin“, knurrte Drake und nahm die Füße von dem Sitz, ehe er auf den Platz am Gang rückte. Offenbar wollte er sich durch Brianna nicht von Caine und Diana abschneiden lassen. Wie süß.
 Mehr als angepisst ließ sich Brianna auf den Fenstersitz neben Drake fallen. „Hätte ich doch nur den Mund gehalten …“, murmelte sie noch.
 „Ja, hättest du mal“, stimmte Drake ihr zu, wofür er einen bösen Blick erntete. Er achtete nicht darauf, sondern beugte sich runter, um seine Tasche zu packen und ebenfalls in einem der oberen Fächer zu verfrachten.
 Diana sah ihm amüsiert dabei zu.
 „Dafür wirst du büßen“, zischte Drake der Wanze über seinen Sitz hinweg zu, bevor er sich wieder hinsetzte und die Beine ausstreckte. Diana konnte den Jungen nicht sehen, vermutete aber, dass die Wanze gerade weiß wie eine Wand war.
 „Stimmt bei irgendwem sonst noch irgendwas mit ihren Gurrten nicht?“, hörte Diana den Geschichtslehrer fragen, der gerade auf dem Weg nach vorne war, um seinen eigenen Platz neben dem Fahrer zu besetzen. „Denn wenn nicht, kann es endlich losgehen.“
 Leises Gemurmel erhob sich, aber niemand meldete etwas.
 „Dann nehme ich mal an, dass alles stimmt“, sagte der Lehrer, ehe er an Dianas Reihe vorbei ging. „Wir fahren dann jetzt los.“

 Diana musste zugeben, dass alles recht harmlos begonnen hatte. Sie hatte erwartet, dass Drake und Brianna sich streiten würden, aber während das Mädchen noch zu beleidigt war und angesäuert vor sich hin schmollte, war Drake in einen Zustand gefallen, den Diana als dösen bezeichnen würde: er saß schweigend da und hatte die Augen geschlossen, um zumindest ein wenig von dem Schlaf nachzuholen, den er heute Nacht offenbar nicht gehabt hatte.
 Auch sonst war alles recht glatt verlaufen: Es hatte noch keine allzu großen Streitereien in den hinteren Sitzreihen gegeben, niemand hatte irgendwas nach jemand anderem geworfen. Caine nervte sie nicht, sondern hörte ganz für sich allein Musik durch seine Kopfhörer, während Dianas Hintermann – von dem sie eigentlich erwartet hatte, dass er die ganze Fahrt über gegen ihren scheiß Sitz treten würde – kaum etwas von sich bemerken ließ. Es sah also tatsächlich nach dem Start von einer, mehr oder weniger, erfolgreichen Klassenfahrt aus.
 Ungefähr bis zu dem Moment, in dem Diana etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Fahrt ihre Tasche öffnete und eine erschreckende Feststellung machte: Sie hatte die Binden vergessen.
 Gereizt biss sie die Zähne zusammen.
 Das durfte doch nicht wahr sein.
 Sie drehte ihren Kopf zur Seite und musterte den schlafenden Drake mit zusammengekniffenen Augen. Als sie sich sicher war, dass er nichts mitbekommen würde, lehnte sie sich etwas nach vorne. „Brianna“, raunte sie leise.
 Das Mädchen hörte auf, aus dem Fenster zu starren und blickte gelangweilt zu ihr rüber.
 „Binden.“ Diana formte das Wort lautlos mit den Lippen. „Hast du welche?“
 Glücklicherweise hatte das Mädchen sie verstanden. Brianna nickte, griff nach ihrer Tasche, öffnete diese und fischte nach kurzem Suchen ein kleines, weißes Päckchen heraus. Genau wie Diana es vorhin gemacht hatte, beäugte auch sie Drake mit leichtem Misstrauen in ihren Augen, bevor sie sich vorsichtig über ihn lehnte und Diana das weiße Päckchen entgegen hielt.
 Diana streckte schnell die Hand danach aus, aber ihre Finger hatten nicht einmal die Chance, es zu berühren, ehe eine ganz gewisse Person sich dazu entschied, genau in diesem Moment die Augen aufzuschlagen.
 „Ou, ich wusste es“, sagte Drake mit einem müden Grinsen, als Diana die Binde gerade hinter ihren Rücken schob.
 Mit der anderen Hand befreite sie sich von ihrem Gurt. „Halt die Klappe“, sagte sie, ehe sie aufstand und in Richtung Klo huschte. „Das geht dich nichts an.“
 „Klar.“
 „Wohin geht sie?“, hörte Diana Caine fragen, als sie sich gerade durch den Gang schob. Er hatte ihr Verschwinden offenbar bemerkt und die Kopfhörer herausgenommen.
 „Ein paar Dinge klären, die für uns Jungs ein wenig zu hoch sind“, erklärte Drake lediglich.
 Er nervte selbst, wenn ihm die Kraft zum richtigen Streiten fehlte.

 Etwa zehn Minuten später stand Diana mit klitschnassen Schuhen an der klemmenden Toilettentür und starrte zu dem Wasser an ihren Füßen herunter, während sie überlegte, wie es zu dieser Situation überhaupt hatte kommen können.
 Es hatte alles ganz normal damit begonnen, dass sie die zwar mehr oder weniger saubere, aber auch dunkle und enge Toilette des Busses betreten hatte. Die Glühbirne funktionierte nur minimal, weswegen Diana auch nur sehr spät festgestellt hatte, dass hier etwas Entscheidendes fehlte: nämlich eine Mülltonne.
 Viel zu genervt, um überhaupt über eine andere Option nachzudenken, hatte sie alles, was sie hatte entsorgen müssen, auf direktem Weg in die Toilette befördert und abgespült, ohne groß nachzudenken. Selbst, als das Klo begonnen hatte, eher seltsame Geräusche von sich zu begeben und langsam überzulaufen, hatte es sie nicht besonders interessiert – ganz anders hatte die Sache aber schon ausgesehen, als sie zu ihrem Platz hatte zurückkehren wollen und dabei festgestellt hatte, dass sich die Tür nicht öffnen ließ, weil irgendwas am Schloss nicht stimmte.
 Und das Wasser lief immer und immer weiter.
 Diana biss die Zähne zusammen und rüttelte weiter an der Tür, die kalte Nässe an ihren Füßen wurde immer deutlicher und da der Raum nicht gerade groß war, dauerte es nicht lange, bis das Wasser weiter aufsteigen konnte.
 Was für eine Scheiße.
 Sie hätte ja irgendwen rufen können, aber der besonders eitle Teil ihres Egos riet ihr davon ab. Diana wollte das nicht tun.
 „Mist“, fluchte sie noch einmal und drückte erneut, auch dieses Mal erfolglos. Die Tür blieb zu.

 In der Zwischenzeit passierte es nun schon zum dritten Mal, dass Drake gegen Brianna kippte.
 Das Mädchen schob ihn mit aufsteigender Aggressivität weg und fragte sich kurz, ob er das mit Absicht tat, aber Drake schien tatsächlich in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein. Das wunderte sie kaum – er hatte die ganze letzte Woche über immer sehr müde gewirkt und war ständig geistesabwesend im Unterricht gewesen. Es hatte weniger Schlägereien gegeben, die auf seinen Kopf gewachsen waren. Er ließ sich nicht mehr so leicht provozieren.
 Das passte Brianna gar nicht – vor allem, weil sie immer noch sauer war, weil sie wegen ihm hier sitzen musste.
 Als er ein weiteres Mal gegen sie kippte, platzte ihre Geduld. Sie ließ ihn zwar auf ihrer Schulter liegen, griff aber ohne groß zu überlegen in ihre Tasche, die sie immer noch auf dem Schoß hatte und holte einen schwarzen Edding hervor. Sie biss auf den Decke und zog einmal kräftig, um das Schreibutensil benutzungsfähig zu machen und linste kurz zu Drake rüber.
 Seine Atmung war regelmäßig und ruhig. So ruhig, dass es schon fast ungewohnt für ihn war. Hoffentlich schlief er wirklich tief.
 Brianna griff vorsichtig nach seinem Handgelenk und hob es an, ehe sie seinen Ärmel etwas runter krempelte. Sie kaute auf dem Deckel in ihrem Mund herum, während sie die (noch) reine Haut betrachtete und überlegte. Es dauerte nicht lange, bis sie wusste, was sie machen wollte.
 Es war schwer, in einem fahrenden Bus darauf zu achten, ordentlich zu schreiben und gleichzeitig nicht den Psychopathen zu wecken, den man gerade bekritzelte, aber irgendwie gelang Brianna beides und als sie fertig war, konnte sie zufrieden ihr Werk begutachten.
 Diana, stand in säuberlichen Buchstanden auf dem Handgelenk. Und daneben, ein kleines Herz.
 Brianna bis sich auf die Lippe, um nicht zu kichern, ehe sie Drakes Ärmel wieder hoch krempelte, ihren Edding wegpackte und den Jungen dann anschließend von sich stieß. Er wachte immer noch nicht auf.
 Hoffentlich würde er ihr Meisterwerk erst entdecken, wenn sie weit weg war.            
 Dieser Gedanke ging ihr gerade durch den Kopf, als plötzlich in den hinteren Reihen etwas wie ein angewiderter Schrei ertönte, der von nichts Gewöhnlichem hätte ausgelöst werden können. Brianna drehte sofort den Kopf herum und sogar Caine, der eigentlich seine Kopfhörer an gehabt hatte, tat es ihr gleich.
 Es vergingen einige Sekunden, in denen nichts geschah – und dann erschien Diana in Briannas Blickfeld.
 Mit ihren, seltsamerweise, nassen Schuhen in der Hand. Sie lief in Socken.
 „Was ..?“, begann Caine und wollte offenbar dieselbe Frage stellen, wie Brianna auch, aber Diana schnitt ihm mit einer genervten Handbewegung das Wort ab.
 „Ich war im Klo eingesperrt. Die Tür hat geklemmt. Die Wanze hat sie von außen geöffnet, weil er offenbar auch mal musste. Er hat auch aufgeschrien, nicht ich.“ Diana ließ ihre Schuhe einfach unter ihren Sitz fallen, bevor sie sich müde durch das Haar fuhr und zu Caine sah. „Sag Drake, dass er die Wanze nicht mehr verprügeln braucht. Der hat seine Straffe schon bekommen. Sein Dicktiergerät ist ihm vor Schreck direkt ins Wasser gefallen.“
 „Ins Wasser? Welches Wasser?“, fragte Caine mit gerunzelter Stirn.
 Aber Diana schüttelte nur den Kopf. „Frag mich bitte nicht.“
 Und dann geschah es: Brianna sah es kommen, weil sie die perfekte Sicht hatte. Der Bus bog in eine etwas schärfere Kurve und Drakes Tasche, die er nicht ganz so ordentlich oben verfrachtet hatte, kippte in unglaublicher Langsamkeit nach unten – direkt auf Dianas Kopf zu, die aber viel zu mitgenommen wirkte, als dass sie es hätte bemerken können.
 Caine bemerkte es aber. Brianna sah, wie er reflexartig die Hand nach der fallenden Tasche ausstreckte, obwohl er viel zu weit weg saß, um diese jemals zu fangen, aber irgendwas geschah trotzdem. Irgendwie kam es tatsächlich dazu, dass die Tasche mitten im Fall einfach ihre Flugrichtung änderte und nicht auf Dianas Kopf, sondern direkt auf den schlafenden Drake krachte.
 Dieser fuhr ruckartig aus dem Schlaf und griff sich an die schmerzende Schulter. „Scheiße“, stieß er.
 Caine ließ seine Hand erleichtert sinken.
 Brianna sah mit geweiteten Augen zu den Dreien. Was … war da gerade geschehen?
 „Selber Schuld, wenn du deine Tasche nicht ordentlich hinlegen kannst“, sagte Diana zu Drake und lächelte sogar ein wenig. Dafür, dass sie nur in Socken dastand, erlaubte sie sich recht viel.
 „Fick dich“, entgegnete Drake nur genervt und sah mit einem Seufzen zu einigen seiner Sachen herunter, die aus seiner Tasche gefallen waren und nun auf dem Boden verstreut lagen. „Was für eine Scheiße.“
 „Hey“, sagte Caine auf einmal. „Was ist das?“
 „Was ist was?“
 „Das da“, sagte Caine und wies auf etwas neben Drakes Füßen. „Diese Tabletten.“
 „Ach“, murmelte Drake und hob das Päckchen auf. Es war nicht beschriftet oder Ähnliches, sondern einfach komplett weiß. Kleine, runde Pillen waren darin zu sehen. „Das sind meine Beruhigungsmittel, die ich morgens einnehmen muss.“
 „Du Vollidiot“, stöhnte Caine und wies dann anklagend auf Drake. „Das sind nicht deine Pillen. Das sind meine Schlaftabletten“, erklärte er. „Und ich habe mich schon gefragt, ob ich sie tatsächlich alle verbraucht hätte.“
 „Das sind deine?“, fragte Drake verblüfft, plötzlich nicht mehr ganz so schläfrig.
 „Du hast die Packungen vertauscht. Kein Wunder, dass du die letzte Woche über ständig so müde warst, wenn du sie immer morgens eingenommen hast“, seufzte Caine träge und schüttelte den Kopf, als hätte er sein Kind gerade bei etwas ganz Dummen erwischt.
 Drake hatte wohl schon eine Antwort parat, zu der er aber nicht kam, weil Diana ihm unvermittelt die Packung aus der Hand nahm. Alle Umstehenden beobachteten perplex, wie sie sich eine Pille heraus nahm und ohne jegliche Flüssigkeit einfach runterschluckte.
 Caines Mund klappte etwas auf. „Diana, du … Ich glaube …“
 Aber Diana wollte nicht wissen, was er glaubte. „Sei still“, sagte sie, als sie sich wieder hinsetzte und die Augen zumachte. „Sei einfach still. Ich hätte heute gar nicht erst aufstehen sollen“, murmelte sie.
 Und weil sie sich in ihrem Versuch, zu schlafen ausnahmsweise gegen Caine lehnte, sagte dieser auch nichts dazu.
 „Ich werde mir von der Krankenschwester wohl neue Beruhigungsmittel holen müssen“, hörte Brianna Drake leise murmeln, als er sich wieder in eine Sitzposition begab, in der er mehr oder weniger schlafen konnte. Seine Sachen ließ er achtlos auf dem Boden liegen. „Vielleicht lasse ich mich bei der Gelegenheit auch mal abchecken. Irgendwie … bin ich nicht ganz auf der Höhe“, sagte er noch, aber Brianna bezweifelte, dass Caine ihm noch zuhörte. Er war wohl viel zu froh über den Umstand, Diana so nah an seiner Seite zu haben.
 Sie selbst verkniff sich ein Schmunzeln.
 Hoffentlich würde Drake Dianas Namen auf seinem Handgelenk nicht entdecken, bevor er zur Krankenschwester ging. Sie konnte sich schon bildlich vorstellen, wie es ihn in Rage versetzen würde, wenn Frau Temple es vor ihm finden und ihn deswegen dann schief ansehen würde.
 Nach diesem Gedanken war Brianna zufrieden. Ihr war es dann auch egal, was sie glaubte, vorhin gesehen zu haben. Das hatte sie schon ganz vergessen.
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