4 - Die Toni-Tribute

von Emares
GeschichteAllgemein / P16
18.05.2016
18.05.2016
6
10788
2
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Da stand er nun: Argus blickte auf den großen roten Knopf vor sich, der sich in der Fensterscheibe des Sprengturms spiegelte. Die Szenerie hinter dem Glas war in nächtliche Dunkelheit getaucht und nur wenige Lichter flackerten zwischen den Konturen der Landschaft.
Seit das Gerücht gestreut war, dass der Organon den Schrottplaneten Deponia sprengen wollte, um die Himmelsstadt Elysium auf den nächsten bewohnbaren Planeten Utopia zu katapultieren, war es zu Aufständen gekommen, zu Plünderungen und Kleinkriegen. Im Angesicht ihrer Vernichtung ließen viele Deponianer auch das letzte Bisschen der Ordnung fallen, das sie sich hier aufgebaut hatten. Selbst Nichtigkeiten wie eine dauerhaft geborgte Portion Zucker führten nun zu Blutfehden.
Aber das war ihm nun egal, hier gab es nur ihn und den Roten Knopf, in einer Welt aus Stahl und Plastik, welche gerade einmal notbeleuchtet wurde.
Er nahm seinen Helm, eine Mischung aus Offizierskappe sowie Schutzhelm, ab und setzte ihn neben sich auf den grünen Fliesenboden, das Ende wollte er in Farbe sehen. Auch seine Handschuhe streifte er ab wie den Kokon eines Schmetterlings. Er würde sie nicht mehr brauchen, sie behinderten nur noch seine Sinne.
Ein tiefes Einatmen, ein weites Schnaufen, dann ging er zielstrebig und ohne jeglichen Zeitverlust los, sodass sein Umhang hinter ihm her wehte und legte seine Hand auf den Roten Knopf. So warm dieser auch aussah, er war eiskalt. Diese Eindrücke verschoben kurz seine Aufmerksamkeit und er dachte an seine Organons: sie alle feierten nun den Abschluss ihrer jahrzehntelangen Arbeit. Mit Sekt und Häppchen und brüderlicher Wärme und er beendete es hier... ganz alleine!
Plötzlich packte eine Hand seine Andere. Das Gefühl von weichem Satin kitzelte auf der Haut, als die Finger sich sanft zwischen seine schmiegten. Hier waren nur er und der Rote Knopf... und Goal.
Er blickte sie an, als sie an ihm vorbei schritt und ihre Hand auf seine Wange legte. Er musste daran denken, wie er die junge Elysianerin wiederbelebt hatte, als sie eine tödliche Infusion bekommen hatte. Wie sie spuckte und würgte, und ihn mit schwachem Blick ansah, als er völlig verrotzt und verheult über ihr kniete. Das war der erste Moment, in dem sie ihn als Menschen wahrnahm, als verletzlich, als liebenswert.
Die kommenden Wochen päppelte er den kessen Rotschopf auf. Nur er, weil er zunächst befürchtete, dass sie ihn vor seinen Truppen lächerlich machen konnte, aber ohne es zu merken, kamen sie sich näher.
Als er sich schließlich traute, ihr seinen Plan zu offenbaren, Elysium zu erobern, konnte sie es ihm ausreden und er... schaffte es... sich in sein Schicksal zu fügen.
"Ich habe dir doch gesagt, dass ich bis zum Schluss bei dir bleiben würde", strich sie ihm über die Wange und führte ihren Finger zum Mund. Sie biss in ihren Handschuh und zog ihn aus, um ihre entblößte Hand auf seine Hand auf dem Roten Knopf zu legen.
"Bereit?", lächelte sie ihn an.
"Bereit!", schluckte er.
"Eins...", begann sie.
"Zwei...", sagte er voller Anspannung.
Drei, dachten sie, als sie gemeinsam den Knopf drückten und sich küssten.
So verharrten sie, als sie in der Explosion verdampften; es tat nicht weh, sie spürten nichts, nur bis zuletzt die Lippen des Anderen, in einem Moment der ewig zu dauern schien.
Das war das Ende des Organon, das war seine Bestimmung - er hatte nie eine Wahl gehabt.

Wie eine Sprungfeder schreckte Argus aus seiner kargen Liege ohne Sprungfedern auf. Er schnaufte und sprang auf, um zu dem Spiegel in der schmucklosen Kabine zu rennen, die er sein Quartier nannte. Er fasste sich an die Wange, sie war völlig verschwitzt.
Blinzelnd erkannte er langsam, dass alles nur ein Traum war, im Spiegel blickte ihn ein fremdes, doch vertrautes Gesicht an. Praktisch die selben Gesichtskonturen, nur keine dunkle Haut und keine dunkelbraunen Haare, sondern eine bleiche, blonde Fratze, wie sie jeder Organon-Klon aufwies.
Er erinnerte sich, die Invasion Elysiums war schiefgegangen, er war in einem stählernen Gefängnis aus hunderten Metern Höhe auf den kalten, harten Boden geprallt.
Und dann, als er sich letztlich mit dem Ende abgefunden hatte, wurde er gerettet – genauer sein Gehirn, welches fortan in dem Körper eines Organon-Soldaten weiterlebte.
Ein Dejavue, das er jeden Morgen beim Blick in den Spiegel hatte. Vielleicht war das seine Strafe, jeden Abend mit Selbstverleugnung einzuschlafen und jeden Morgen von der Realität mit einer Ohrfeige geweckt zu werden.
Weil er versagt hatte.

Oppenbott!“, schrie er, „Oppenbott, kommen Sie sofort zu mir!
Ein Schnaufen drang durch die Schiebetüre, bevor sie sich öffnete und ein blonder Mann in einem grauen Anzug mit grün grauer Krawatte eintrat.
Sie wünschen?“, sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken.
Oppenbott, ich hatte einen Albtraum!“, fauchte Argus ihn an.
Ich sagte Ihnen doch, mein Name ist Oppenmeier“, sagte er, wobei sich seine Brauen minimal zusammenzogen.
Jaja, Oppenbott. Jedenfalls war er furchtbar, ich war mit diesem Fräulein Goal zusammen und sie hat mich überredet, mit ihr zusammen dieses Drecksloch zu sprengen; und das ohne Elysium unterworfen zu haben... Ich, der niemals aufgibt und niemals kapituliert!“, ignorierte Argus ihn einfach.
Wirklich unfassbar, dass eine wunderschöne junge Frau Sie in ihr Herz schließen könnte!“, erwiderte Oppenmeier, der immer noch regungslos vor Argus stand.
Was?“, wandte Argus sich ihm zu.
Ich sagte: wir haben sie gefunden, sie halten sich beide in der Kühlschrankoase in der Alkaliwüste auf.“, lenkte Oppenmeier ab, während er Argus' Blick erwiderte und eine Braue unmerklich anhob.
Sehr gut...“, Argus begann, sich seine Organon-Uniform anzuziehen, weil er noch in seiner Rosa gestreiften Unterhose dastand, „Dann satteln sie meine Schlachtrösser!
Ihren Roller?“, hallte ihm ein Einwurf wie eine Backpfeife entgegen
Ja, verdammt, meinen Roller und jetzt raus hier!“, schnauzte Argus zurück
Sehr wohl!“, sagte Oppenmeier und zog sich zurück, wobei er, wieder nahezu unmerklich, ein Lächeln erkennen ließ.

Er hatte so vieles schon aufgeben müssen:
die erste und einzige große Liebe,
seine Männer,
seine Aussicht, diesen Drecksball zu verlassen und seine nichtige Herkunft endlich hinter sich zu lassen.
Er war alleine, einsam und seines Lebenszwecks beraubt, nur mit der Aussicht, noch tiefer fallen zu können. Beinahe hatte er seinen Lebenswillen verloren, doch das war sie: die Chance, auf die er so lange gewartet hatte. Nach all den Niederlagen bot sich ihm nun endlich die Möglichkeit, wieder zu alter Größe zurückzugelangen. Nun konnte er wieder ein mächtiger Mann werden, jemand, dessen Namen man nur unter Angst aussprach; jemand von Bedeutung.

Und das zauberte seit langem wieder ein Lächeln auf seine Lippen!
Review schreiben