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Mutterqual

von Trivia
Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Tragödie / P16 / Gen
Aiden Jodie Holmes
16.05.2016
16.05.2016
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1.069
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16.05.2016 1.069
 
Man würde sie mir gleich wegnehmen.

Lange hatte ich selbst versucht, mich auf diesen Moment vorzubereiten. Mit jedem Tritt, den ich in meinem Bauch verspürt hatte, mit jeder Bewegung, hatte ich mir selbst immer wieder gesagt, dass dieses unendliche Gefühl von Liebe nicht von Dauer sein dürfte. Dass ich versuchen musste, rational zu denken.
Aber eine werdende Mutter dachte nicht rational. Niemals. Es war ein Urinstinkt, der sich nicht einfach abstellen ließ. Schon gar nicht, weil eine Geheimorganisation beschlossen hatte, dass man niemals Mutter sein würde.
Und trotz dieser kläglichen Versuche, mich auf diesen ungeheuren Moment vorzubereiten, hätte ich niemals auch nur erahnen können, wie schlimm es wirklich sein würde.
Nun lag ich hier, auf dem Bett des Kreissaals. Eigentlich war es kein richtiger Kreissaal. Eher ein kalter, kleiner Raum in einem Labor. Nicht einmal zugedeckt hatten sie mich, obwohl sie sehen mussten, wie sehr ich fror. Die Wehen wurden immer stärker. Am liebsten hätte ich sie einfach abgestellt, damit diese beiden Kinder niemals ihren Platz unter meinem Herzen verlassen würden. Damit sie bei mir blieben. Ich schloss die Augen und versuchte mich noch ein letztes Mal, trotz der Schmerzen, auf die Bewegungen in mir zu konzentrieren. Es würde das letzte Mal sein, dass ich meine Kinder spürte.

Mitten in diesem Gedanken erfasste mich eine so starke Wehe, dass ich den Schmerz das erste Mal aus mir herausschrie. Sofort kamen sie zu mir ans Bett, diese Monster in ihren Kitteln. Als Menschen wollte ich sie nicht bezeichnen, weil ein Mensch nicht zu solch einer Grausamkeit fähig gewesen wäre. Sie zerrten an mir, drückten meine Arme auf das kalte Gestell des Bettes. Sie sprachen nicht mit mir.
Ich war für sie keine Frau, die dabei war, Zwillinge zu gebähren. Ich war für sie eine Gefahr für meine Kinder, die sie mir wegnehmen würden, weil ich anders war – und weil sie insgesamt hofften, dass die Babys genau so waren, wie ich. Damit sie diese zwei unschuldigen Wesen erforschen konnten. Meinen Jungen und mein Mädchen. Aiden und Jodie.
Heiße Tränen stiegen in mir auf, während die Monster meine Beine auseinanderdrückten. Ja, ich hatte den beiden bereits Namen gegeben, auch wenn ich tief in meinem Inneren wusste, dass ich dies niemals hätte tun sollen.

Eine erneute Wehe schüttelte meinen Körper und ließ mich erneut aufschreien. Der Schmerz war fast betäubend und ich hatte das Gefühl, als ob sich alles um mich herum drehen würde.
Ich merkte, wie sie an etwas zogen, konnte spüren, das eines der Kinder den Weg nach draußen gefunden hatte – doch ich konnte nichts hören. Warum hörte ich keine Schreie? Ich schrie noch lauter, als ob ich den ersten Schrei meines Sohnes dadurch hätte ersetzen können.
Doch in meine Schreie mischte sich kein Weinen eines Säuglings.
Nur die Stimme eines der Ärzte erklang plötzlich. "Der Junge ist tot. Die Nabelschnur hat sich ungünstig um seinen Hals gewickelt."
Eine unendliche Kälte stieg in mir auf. Mein kleiner Aiden war tot. Ich konnte nichts anderes denken, während die Schmerzen der Wehen mich fast um meinen Verstand brachten. Doch dann keimte plötzlich ein anderer Gedanke in mir auf: Wenigstens musste er nicht leiden. Wenigstens würde er niemals ein so schweres Leben führen müssen wie ich. Der Gedanke wuchs und wurde schließlich zu einer ganz anderen Art von Hoffnung: Vielleicht war das Mädchen auch tot. Dann müsste auch sie nicht leiden.
Der Gedanke erschrak mich so sehr, dass ich fast die Schmerzen vergaß. Eine Mutter durfte so niemals denken! Und gleichzeitig sagte eine kalte Stimme in mir: "Du bist auch keine Mutter, Norah. Du bist nur ein Monster, welches zwei Kinder gebährt. Aber eine Mutter wirst du niemals sein".

In diesem Moment spürte ich, wie auch das kleine Mädchen das Licht der Welt erblickte – und ihr erster Schrei war deutlich zu hören.
Alles, was ich mir in den ganzen Monaten versucht hatte, einzureden, wurde im Bruchteil einer Sekunde zunichte gemacht. Ich schrie meinen ganzen Schmerz aus mir heraus, doch es waren nicht mehr die Wehen, die dafür verantworlich waren: Es war meine ganze Pein, der ganze Druck, der sich in der Zeit in mir angestaut hatte: Das da war mein kleines Mädchen. Meine kleine Jodie!

Ich sah, wie das hilflose Geschöpf fast schon achtlos an eine Krankenschwester weitergereicht wurde.
"Ich will mein Baby!! Gebt mir mein Baby!!", hörte ich mich selbst fast schon unmenschlich schreien. All die Wut und Verzweiflung brach mit einem Mal aus mir hervor. Das hier war nicht richtig! Ich war die Mutter dieses Kindes, und auch wenn ich anders war und sie es vielleicht auch sein würde, war ich es, die sie groß ziehen musste. Ich kämpfte mit Händen und Füßen, versuchte mich zu wehren. Ich wollte nur zu meiner kleinen Jodie. Ein normales Leben führen. Sie lieben, wie es nur eine Mutter tun konnte.

Sie packten mich von allen Seiten und stießen mich zurück auf das Bett. Fesselten mich sogar, damit ich mich nicht noch einmal losreißen konnte. Hinter meinem Tränenschleier sah ich, wie die Krankenschwester das Zimmer mit meinem Kind verließ. Jodies Schreie vermischten sich zunächst noch mit meinen und waren schließlich ganz verklungen.
"Wir müssen sie ruhig stellen!", hörte ich einen der Ärzte sagen. Gleich darauf spürte ich eine Nadel in meiner Vene. Hilflos sackte ich in mich zusammen. Es war alles verloren. Ich hatte es gewusst und doch nicht begreifen können. Es war der schlimmste Moment in meinem Leben und es sollte wohl das letzte sein, was ich jemals empfinden würde. Denn das hatten sie mir schon vor Monaten gesagt: Sie würden mir ein Mittel inizieren, durch welches ich mein Bewusstsein niemals zurückerlangen würde.
Die Wirkung des Beruhigungsmittels setzte ein. Meine Muskeln entspannten sich. Es war vorbei, und das Gefühl war fast schon befreiend. Ein Leben ohne meine Tochter erschien mir nun ohnehin sinnlos. Ich konnte nur noch hoffen, dass sie für meine Jodie eine wundervolle Familie finden würden. Und dass die Forscher sie in Ruhe lassen würden. Zumindest, solange sie noch ein Kind war.
Und mein kleiner Junge.. mein kleiner Aiden... vielleicht würde ich ihn irgendwann wiedersehen. Irgendwann, in der Infrawelt, wenn sie mich eines Tages doch töten würden.

Mein letzter Gedanke bestand nicht mehr aus Schmerz. Fast schon wurde mir leicht ums Herz, als ich dachte: "Meine liebste Jodie. Mein kleiner Aiden. Mum hat euch lieb. Mum wird euch immer lieben..."

Dann ummannte mich die Dunkelheit.
Und ich würde ihr nie wieder entkommen.
 
 
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