Seven days

von Julirot
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
16.05.2016
10.05.2017
8
16074
2
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Hallo,
dies ist die erste Geschichte mit eigenen Figuren, die ich hier veröffentliche. Die Idee hatte ich schon vor vielen Jahren und vor ein paar Wochen ist mir die unvollendete Rohfassung wieder in die Hände gefallen. Und dann entwickelte es ein Eigenleben und ich begann weiter zu schreiben. Herausgekommen ist eine Geschichte, die sieben Kapitel haben soll. Und heute präsentiere ich euch das erste davon. Ich bin gespannt wie es ankommt. Sagt mir ob es euch gefällt und ob ihr gerne weitere Kapitel lesen wollt.
Also dann, genug der Vorrede. Viel Spaß.
LG
Julirot



****************************

Kapitel 1 - Begegnungen


Sie hatte es eilig, deswegen fuhr sie zu schnell. Sie wollte nach Hause. Ihre Familie wartete auf sie. Sie hatte heute länger als sonst gebraucht, um aus der Stadt heraus zu kommen. Die Straßen waren verstopft. So war das immer, so kurz vor Weihnachten. Eigentlich hatte sie nur ein paar Geschenke besorgen wollen, war dann aber noch von einer Bekannten aufgehalten worden, so dass es bereits dunkel war als sie endlich das Einkaufszentrum verließ. Marie fluchte leise vor sich hin als sie ein herannahendes Auto blendete.
„Mistkerl“, schimpfte sie. Sie ärgerte sich, dass sie nicht schon längst eine neue Brille gekauft hatte. Mit ihrer alten war sie ziemlich nachtblind.
'Nur noch ein paar Kilometer', dachte sie. Dann konnte sie sich daheim vor den Kamin kuscheln. Sie gab noch ein wenig mehr Gas und steuerte den Geländewagen sicher um eine Kurve. Sie war heute mit dem Auto ihres Vaters unterwegs. Ihr eigenes war seit einigen Tagen in der Werkstatt. Offensichtlich hatte sich eine ganze Marderfamilie daran gütlich getan. Zum Glück gab es Ihren Vater, der ihr stets aus Notsituationen heraushalf. Er war einfach der Beste. Mit viel handwerklichem Geschick und jahrelanger Erfahrung, schaffte er es immer wieder sie zu retten. Sie lächelte als sie an ihn dachte. Ein Gefühl der Wärme strömte durch sie hindurch, was jäh unterbrochen wurde als sie mit einem Mal aus ihren Gedanken gerissen wurde. Vor ihr stand, mitten auf der Straße, ein Mann. Sie trat auf die Bremse, doch der Wagen reagierte auf der vereisten Straße kaum. Sie schrie auf, riss das Steuer nach rechts und landete ziemlich unsanft in einer Schneewehe. Irgendetwas knirschte und knarrte. Marie öffnete ganz vorsichtig erst das eine dann das andere Auge und schaute aus dem Fenster. Sie sah nichts außer schwarze Nacht. Langsam öffnete sie die Tür und stieg aus. Sie versuchte sich zu orientieren und dabei nicht die Fassung zu verlieren. Sie sah den Mann, den sie offensichtlich angefahren hatte, mitten auf der Straße liegen und ihr Herz begann wie wild zu klopfen. Was war passiert? Lebte er noch? Es war wie in einer dieser kitschigen Filme, bei denen man sich vor dem Fernseher immer fragte, ob die Hauptfigur noch ganz bei Trost war und man ganz genau wusste, gleich würde etwas Schlimmes passieren. Langsam lief sie zu ihm und kniete sich in den Schnee. Sie hielt die Luft an und hob wie in Zeitlupe die rechte Hand, legte sie ihm auf die Schulter und wartete ein paar Sekunden. Ihr Herz schlug ihr bis zum Halse und sie zitterte leicht, was nicht nur an den eisigen Temperaturen lag. Ruckartig drehte sie ihn zu sich herum und starrte in ein junges, ziemlich zerschundenes Männergesicht. Er hatte die Augen geschlossen und bewegte sich nicht.
„Hallo Sie.“ Marie kam sich ziemlich albern vor. Sie legte ihren Kopf auf seine Brust und horchte angestrengt. Was sollte sie nur tun?
„Wachen Sie auf.“ Sie rüttelte ihn ganz leicht, aber er zeigte keine Reaktion. Panik begann in ihr aufzusteigen und sie suchte fieberhaft nach ihrem Handy. Ihre Hände waren eiskalt, so dass sie das Gerät erst einmal fallen ließ bevor sie in der Lage war eine Nummer zu wählen. „Mist, verdammt“, fluchte sie. Sie spürte Tränen über ihr Gesicht laufen. Das Telefon schien kaputt zu sein. Es sagte keinen Piep. Jetzt begann der junge Mann sich zu bewegen. Er stöhnte und hob eine Hand an den Kopf. Marie blickte auf und als er seine Augen aufschlug und sie ansah, bekam sie eine Gänsehaut. So viel Trauer lag in seinem Blick, dass sie schnell wegschauen musste.
„Mir geht es gut“, meinte er.
„Das glaube ich nicht“, sagte Marie und ihre Zähne begannen zu klappern. Wieder versuchte sie den Notruf zu wählen. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest.
„Bitte nicht.“
„Wieso nicht? Sie sind verletzt. Ich habe Sie offensichtlich angefahren. Verstehen Sie denn nicht, ich muss das doch melden.“
„Nein haben Sie nicht und Sie müssen das auch nicht melden“, murmelte er.
„Das sehe ich anders.“ Marie schaute ihn beinahe zornig an. Er verzog den Mund zu einem zaghaften Lächeln, welches ihm aber gründlich misslang und versuchte sich aufzurichten. Dabei stöhnte er vor Schmerz. Marie begann zu ahnen, dass diese Verletzung nicht allein von dem Zusammenstoß mit ihrem Auto kommen konnte, zumal sie sich nicht mal sicher war, ob sie ihn überhaupt getroffen hatte.
„Helfen Sie mir mal“, meinte er und zog sich mühevoll auf die Beine. Marie nahm seinen Arm und stützte ihn so gut sie konnte. Er war ziemlich groß, viel größer als sie selbst und eigentlich hätte sie beunruhigt sein müssen, aber seltsamerweise fühlte sie sich ganz wohl bei ihm, hier mitten in der Nacht. Es begann zu schneien und dicke Flocken fielen auf sie beide herab, verfingen sich in ihren Haaren und legten sich auf ihre Gesichter.
„Wo wollen Sie hin?“ fragte Marie, während er prüfte wie es um ihn bestellt war. Er hob nacheinander die Hände und hielt sie sich in einer seltsamen Geste vors Gesicht, so als wollte er herausfinden ob er noch richtig sehen konnte.
„Ich …“ Weiter kam er nicht. Es war offensichtlich, dass der junge Mann ein wenig verwirrt war und nicht so genau wusste was er tat. Marie beobachtete ihn noch ein paar Sekunden und ging im Geiste ihre Möglichkeiten durch. Sie war keine Frau, die schnelle Entscheidungen traf, jedenfalls war das bisher immer so gewesen. Doch hier, an diesem verschneiten Abend, mitten auf der Landstraße mit einem wildfremden Mann, schien ihr das plötzlich besser zu gelingen als jemals zuvor.
„Sie kommen mit“, meinte Marie bestimmt und zog ihn in Richtung Auto. Er schaute sie überrascht an, ließ es aber geschehen. Offensichtlich hatte er keine Kraft mehr Widerstand zu leisten. Marie öffnete die Autotür und er ließ sich problemlos auf den Beifahrersitz hieven. Dankbar lehnte er sich zurück. Marie stieg ihrerseits auf den Fahrersitz und legte den Rückwärtsgang ein. Der Wagen fuhr ohne Probleme aus der Schneewehe und zurück auf die Straße. In diesem Moment war sie sehr dankbar, dass sie mit dem Geländewagen unterwegs war und nicht mit ihrem eigenen Auto. Der Kleine hätte diesen Zusammenstoß mit der Schneewehe wahrscheinlich nicht so gut verkraftet.
„Ein Scheinwerfer scheint kaputt zu sein“, meldete sich der Mann neben ihr und deutete nach vorne. Und jetzt sah Marie, dass die Straße auf der einen Seite dunkler war als auf der anderen.
„Zum Glück hat der Wagen zwei“, entgegnete sie und legte den Vorwärtsgang ein.
„Ja zum Glück“, murmelte er und ließ seine Hand wieder kraftlos nach unten sinken. Sie fuhr los, ganz langsam in Richtung Heimat. Ihr Beifahrer hatte die Augen wieder geschlossen und schien zu schlafen oder zu dösen. Marie warf ab und zu einen verstohlenen Blick auf ihn und begann zu überlegen was sie jetzt mit ihm anfangen sollte. Offensichtlich war ihm sehr daran gelegen, dass sie keinerlei Polizei einschaltete.
‚Hatte er etwa etwas zu verbergen?‘ Sie begann sich zu fragen was zum Teufel sie hier gerade trieb. Und doch hatte sie das sichere Gefühl genau das Richtige zu tun.
‚Wie ein Verbrecher sieht er nicht aus’, dachte sie und bog in die Einfahrt zum Haus ihrer Eltern ein. Marie wohnte im Gästehaus, welches ein wenig abseits vom Haupthaus stand. Sie war dort eingezogen nachdem sie sich von ihrem Freund getrennt und er sie aus der gemeinsamen Wohnung hinaus geschmissen hatte. Dies war jetzt ungefähr ein halbes Jahr her. Aber Marie war immer noch nicht wirklich darüber hinweggekommen, dass sie plötzlich ohne Wohnung, ohne Möbel, ohne Erspartes und ohne Freund dastand. Das einzige, was sie noch hatte, als sie auf die Straße gesetzt wurde, waren ihre Klamotten, Ihre Pflanzen und ihr Auto. Sie war zu ihren Eltern geflüchtet und hatte sich wie ein verwundetes Tier wochenlang im Gästehaus verkrochen. Sie war unfähig zu arbeiten oder Freunde zu treffen. Sie fühlte sich unendlich allein und traurig. Erst nach und nach hatte sie wieder die Kraft gefunden nach draußen zu gehen und am Leben teilzunehmen. Sie schaffte es, ihrer Mutter im Garten zu helfen und ab und zu einen Spaziergang zum Strand zu unternehmen. Arbeiten konnte sie immer noch nicht. Und heute war sie das erste Mal allein in die Stadt gefahren, um Besorgungen zu machen. Sie war sehr stolz auf sich, dass ihr das gelungen war, aber sie fühlte sich auch ziemlich müde. Sie parkte den Wagen in der Garage und half ihrem fremden Gast heraus. Sie würde sich eine Erklärung für ihren Vater einfallen lassen müssen falls der Wagen doch einen größeren Schaden als den kaputten Scheinwerfer genommen hatte. Dies würde sie jedoch erst morgen begutachten können, denn hier im Dunkeln konnte sie absolut nichts sehen.
„Marie bist du das?“ war die Stimme ihrer Mutter an der Einfahrt zu hören. Marie erstarrte. Wie sollte sie erklären, dass sie einen ziemlich wild aussehenden Mann im Schlepptau hatte, von dem sie noch nicht einmal den Namen wusste.
„Warten Sie hier“, flüsterte sie ihm zu und lehnte den Fremden gegen die Hauswand. Dann lief sie ihrer Mutter entgegen und setzte ein entwaffnendes Lächeln auf.
„Ja ich bin’s.“
„Wie war der Ausflug?“ erkundigte sich ihre Mutter und schaute neugierig zum Auto hinüber. Marie zog sie in Richtung Haus und meinte:
„Ich bin ziemlich müde und außerdem möchte ich die Geschenke, die ich gekauft habe gleich noch reinbringen.“
„Brauchst du Hilfe?“
„Nein so schwer sind sie nicht.“
„Na gut. Hauptsache du bist wieder zurück und es ist alles in Ordnung. Bei dem Wetter draußen rumzufahren…“ Sie schüttelte mit dem Kopf. Es war offensichtlich, dass sie sich permanent Sorgen um ihre Tochter machte, seit diese wieder hier eingezogen war.
„Bis dann Mama und gute Nacht.“ Marie küsste ihre Mutter und wartete bis diese sich ins Haus zurückgezogen hatte. Ihr Vater schien noch nicht zu Hause zu sein, stellte Marie mit einem Blick auf den leeren Platz in der Garage fest, der für den Kombi, den sonst ihre Mutter immer benutzte, reserviert war. Ihr Vater war immer viel unterwegs und ihre Mutter viel allein. Marie riss sich aus ihren Gedanken und ging zurück zu ihrem eigentlichen Problem. Der junge Mann hockte auf dem Boden offensichtlich unfähig sich auf den Beinen zu halten.
'Hoffentlich ist ihm wirklich nichts weiter passiert', schoss es ihr durch den Kopf. Sie hakte ihn wieder unter und marschierte entschlossen auf ihr Haus zu. Sie schloss auf und führte ihn in die Küche. Dort stand ein großer Korbsessel, den Marie schon seit ihrer Kindheit besaß und der sehr bequem war. Er stand am Fenster direkt neben der Heizung und war ihr Lieblingsplatz zum lesen.
„Sie können sich dort hinsetzen“, sagte sie und nahm ihm den schweren Mantel ab. Darunter trug er einen dicken Rollkragenpullover aus feiner Schurwolle und Jeans. Beides war jedoch ziemlich schmutzig und auch die Stiefel, die er trug waren schlammig. Sie musterte ihn von oben bis unten und er folgte irritiert ihrem Blick.
„Tut mir leid für den Dreck“, meinte er und versuchte sich die Boots von den Füßen zu ziehen. Als er sich bückte, überkam ihn ein leichter Schwindel und er fiel beinahe in den Korbsessel. Marie hielt ihn am Arm fest und half ihm sich hinzusetzen. Dann zog sie ihm die Stiefel aus und stellte sie fein säuberlich unter den Tisch. Er beobachtete sie.
„Möchten Sie einen Tee?“ fragte sie und schaute ihn an. Er nickte. Sie drehte sich herum und öffnete den Küchenschrank, schaute hinein und sagte:
„Ich habe Pfefferminz, Schwarztee, Kräutertee, grünen Tee ...“
„Schwarzer Tee, am besten Earl Grey, wäre toll“, unterbrach er sie.
„Oh ... gut, das ist auch meine Lieblingssorte.“ Sein Blick war nicht zu deuten also drehte sie sich schnell wieder um. Sie nahm einen Teebeutel aus der Verpackung und hängte ihn in eine Tasse, die sie aus dem fertigen Geschirrspüler nahm. Dann setzte sie den Wasserkessel auf den Herd und machte Wasser heiß. Als sie damit fertig war und den Tee aufgegossen hatte, merkte sie, dass sie selbst noch ihren Mantel anhatte. Schnell zog sie ihn aus und fragte sich was sie so verwirrte, dass sie sich selbst darüber vergaß. Der Tee war durchgezogen und sie reichte ihm die Tasse, die er dankbar mit beiden Händen umschloss. Er pustete in die Tasse und sie stellte ihm verlegen Zucker und Milch auf den Tisch.
„Danke“, sagte er und seine Stimme war rau und vibrierte leicht. Er nahm einen Schluck Milch und einen Teelöffel Zucker und rührte dann gedankenverloren in der Tasse. Marie setzte sich ihm gegenüber und beobachtete jede seiner Bewegungen ganz genau. Sie waren ein wenig schwerfällig, so als hätte er Schmerzen, die er vor ihr zu verbergen versuchte. Eine Weile saßen sie so zusammen und sagten kein Wort. Plötzlich fragte er:
„Dürfte ich ...“
„Ja?“ fragte sie schnell und wusste nicht ob sie ihm in die Augen sehen sollte. Sie wollte es nicht zugeben, aber er machte, dass ihre Knie anfingen zu zittern und das ganz bestimmt nicht aus Angst.
„Ich meine … es ist bestimmt ziemlich viel verlangt, aber dürfte ich vielleicht ein Bad nehmen?“ fragte er höflich und senkte den Blick vor ihr, was ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Er wirkte auf sie so verlassen, so voller Wehmut, dass sie Mitleid mit ihm bekam.
„Ja klar“, stimmte Marie ein wenig zu schnell zu und war sich im nächsten Augenblick gar nicht mehr so sicher ob sie einen wildfremden Mann in ihre Wanne lassen wollte. Und dennoch wusste sie, sie würde es tun.
„Ich lasse Ihnen Wasser ein“, sagte sie hastig und flüchtete ins Badezimmer, dankbar etwas zu tun zu bekommen und dieses erwartungsvolle Herumsitzen aufgeben zu können. Irgendetwas in seinem Blick ließ sie jedes Mal von neuem zusammenzucken. Sie war sich nicht sicher, aber auf irgendeine Weise berührte er sie zutiefst. Sie drehte den Wasserhahn auf und schüttete etwas von ihrem Badezusatz ins Wasser. Dann legte sie frische Handtücher auf den Hocker neben die Wanne und stellte Haarwäsche und Duschbad daneben. Schließlich ging sie wieder nach draußen und bedeutete ihm, dass das Badezimmer ihm gehöre. Er lächelte sie an, stellte die Tasse auf den Tisch und erhob sich schwerfällig. Dann ging er ins Bad und schloss die Tür. Marie stand wie erstarrt in ihrer Küche und schaute ihm nach, versuchte ihre wilden Gedanken ein wenig zu ordnen und begann schließlich neuen Tee zu machen und noch etwas von dem Eintopf, den sie heute Mittag gekocht hatte, zu erwärmen. Dann holte sie Holz von der Veranda und zündete den Kamin im Wohnzimmer an. Sie zog die Jalousien herunter und stellte Tee und Eintopf auf den kleinen Tisch im Wohnzimmer. Dann fiel ihr ein, dass der Fremde ja gar nichts weiter zum Anziehen dabei hatte und wie aufs Stichwort steckte er seinen Kopf zur Badezimmertür heraus und fragte nach einem Bademantel oder ähnlichem. Marie war zunächst sprach- und planlos. Sie schüttelte nur mit dem Kopf wie um ihm klar zu machen, dass sie keinerlei Männersachen im Haus hatte. Dann fiel ihr ein, dass irgendwo noch ein paar alte Klamotten von ihrem Bruder herumliegen mussten. Er hatte Arbeitssachen hier gebunkert falls er mal zu Hause war und nichts Passendes dabei hatte.
„Einen Moment“, rief sie dem Fremden zu und holte einen Pulli und eine Hose und fand auch noch ein paar dicke Socken. Das alles reichte sie durch einen Spalt in der Tür wobei sie es tunlichst vermied ihn genauer zu betrachten und ging dann wieder zurück ins Wohnzimmer. Sie war ziemlich unsicher, was sie tun sollte, also blickte sie eine Weile ins Feuer und erschrak dann umso heftiger als er sie schließlich von der Tür aus ansprach:
„Sie sind etwas weit, aber in Ordnung.“ Marie drehte sich ruckartig herum und starrte ihn an. Er zupfte an den Ärmeln des Pullis herum und sah aus als wüsste er nicht so genau was er tun sollte. Marie bedeutet ihm sich zu ihr an den Tisch zu setzen und schob ihm die Teetasse und die Suppe hin. Er begann schweigend zu essen. Sie nahm sich ihre eigene Suppe und tauchte langsam den Löffel hinein.
„Wie heißen Sie?“ fragte Marie unvermittelt, weil sie das Schweigen zwischen ihnen nicht mehr aushielt.  Er starrte sie an und sie merkte, dass es ihm unangenehm war über sich zu sprechen. Dennoch sagte er:
„Mein Name ist Leo. Tut mir leid, dass ich mich nicht vorgestellt habe.“
„Leo und weiter?“ Sie hob eine Augenbraue.
„Leonhard“, sagte er nach kurzem Zögern und schwieg dann wieder beharrlich. Marie merkte, dass für ihn offensichtlich die Vorstellungsrunde hier zu Ende war und sie wohl im Moment nichts weiter über ihn erfahren würde. Also begann sie von sich zu sprechen.
„Ich bin Marie. Marie Schmidt“, setzte sie verlegen hinzu. Er löffelte schweigend seine Suppe, schaute sie aber aufmerksam an.
„Ich hoffe Sie fühlen sich besser“, meinte sie. Er nickte.
‚Das kann ja ein sehr unterhaltsamer Abend werden’ dachte Marie und seufzte. Er schien zu merken, dass er sie nicht einfach so abspeisen konnte und sagte:
„Schönes Häuschen haben Sie.“
„Es ist das Gästehaus meiner Eltern. Ich wohne hier seit ein paar Monaten, genau genommen seit 5 Monaten, sieben Tagen und ein paar Stunden, seit mein Freund mich ohne alles vor die Tür gesetzt hat…“ Sie biss sich auf die Lippen und schwieg abrupt. Warum konnte sie niemals ihre große Klappe halten. Das war schon immer ihr Fehler gewesen. Zu reden ohne nachzudenken. Dies war ihr jedoch in letzter Zeit kaum passiert. Heute das erste Mal seit ihr Ex sie so gedemütigt hatte. Lange Zeit hatte sie mit einer Sprachlosigkeit kämpfen müssen, die sie bis dato nie gekannt hatte. Sie konnte nicht reden, sie konnte nicht denken und alles war ihr zu viel gewesen. Sie konnte es auch keinem erklären. So zog sie sich tief in ihr Innerstes zurück und grübelte vor sich hin. Über das Warum.
„Wollen wir nicht Du sagen?“ fragte er schließlich. Marie musste plötzlich lachen und verschluckte sich dabei beinahe an ihrer Suppe.
„Habe ich was falsches gesagt?“ fragte er erstaunt und schaute sie fragend an. Sie schüttelte mit dem Kopf.
„Nein, es ist nur, ich erzähle Ihnen von meinem verkorksten Leben und Sie bieten mir das Du an.“
„Dir“, sagte er.
„Was?“ fragte sie verständnislos.
„Du erzählst mir von deinem verkorksten Leben.“
„Okay, du scheinst also doch nicht auf den Mund gefallen zu sein.“
„Nein, nur auf meinen Hintern“, konterte er und Marie fragte sich woher dieser plötzliche Humor kam. Machte es die gemütliche Atmosphäre, die diese Vertrautheit zwischen ihnen schuf? Sie aßen weiter.  
„Leo?“
„Ja?“
„Was hast du da draußen gemacht?“ Er erstarrte mit der Tasse in der Hand auf halbem Wege zum Mund und sie merkte wie er ihr wieder entwich.
„Tut mir leid“, meinte Marie schnell. „Aber ich bin nur neugierig. Immerhin habe ich dich heute auf der Straße aufgelesen und mitgenommen und ich weiß absolut gar nichts über dich.“
„Es ist dein gutes Recht zu fragen eben weil du mich von der Straße aufgelesen hast, aber ich kann es dir nicht sagen...noch … nicht.“
„Okay.“ Sie ließ es vorerst gut sein und schaute ihn genauer an. Sein linkes Auge hatte eine leicht blaue Färbung und auf der Stirn hatte er eine Platzwunde. Jetzt wo er sich gewaschen hatte, sah er schon wieder etwas besser aus, aber die Wunden schienen recht frisch zu sein.
‚Aber definitiv nicht von meinem Auto’, dachte Marie bei sich.
„Soll ich mir das mal ansehen?“ fragte sie und deutete auf seine Stirn. Er nickte. Sie stand auf und holte Verbandszeug aus dem Badezimmer. Sie sah seine Sachen fein säuberlich auf dem Hocker zusammengelegt und hatte zuallererst den Gedanken sie in die Waschmaschine zu stecken. Sie ließ es jedoch bleiben und ging stattdessen zurück ins Wohnzimmer. Er hatte seine Suppe aufgegessen und saß nun zurückgelehnt auf dem Stuhl, die Teetasse in der Hand und sah sie an. Sie zog sich ihren Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber. Sie merkte wie er leicht zusammenzuckte als sie die Platzwunde desinfizierte und ein wenig Creme darauf gab. Sie versuchte so sanft wie möglich vorzugehen, um ihm nicht unnötig weh zu tun. Seine Haut fühlte sich weich an und es verursachte ihr ein Prickeln in der Magengrube als sie ihn berührte. Sie arbeitete schweigend und zum Schluss klebte sie ein Pflaster quer über seine Stirn.
„So nun siehst du schon gar nicht mehr so schrecklich aus.“ Sie grinste ihn an und er hielt ihre Hand fest. Sie erstarrte.
„Danke“, sagte er leise und schaute ihr in die Augen. Maries Herz setzte einen Schlag aus und sie entzog ihm rasch ihre Hand.
„Ich … ich muss mich noch mal bei meinen Eltern blicken lassen. Sonst wundern die sich bestimmt. Wenn du möchtest, kannst du es dir hier auf dem Sofa bequem machen. Der Fernseher steht da drüben. Hier ist die Fernbedienung.“ Sie drückte sie ihm hastig in die Hand und nahm ihre Jacke und den Schlüssel und stürmte zur Tür.
„Ich bin bald wieder da“, versprach sie im Hinauseilen und drückte die Tür ins Schloss. Draußen lehnte sie sich gegen die Tür und versuchte ihr schnell schlagendes Herz wieder unter Kontrolle zu bekommen. Was geschah nur mit ihr. Wieso konnte er mit seinen blauen Augen nur so tief in ihr Innerstes sehen? Sie holte tief Luft und machte sich auf den Weg in Richtung Haupthaus.
Review schreiben