bending truth

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
Jasper Frost Prinzessin Eleanor Henstridge
16.05.2016
16.05.2016
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Hello, my lovelies. :3
Das kleine Schmuckstück hier ist eigentlich schon seit fast zwei Monaten fertig, aber irgendwie hab ich nie die Zeit gefunden, es hochzuladen.
Anyways, heute ist es dann soweit.

Der OneShot ist für mich pures Herzblut; ich hab vier Tage dran geschrieben und noch weitere drei Tage mit Verfeinern verbracht.
Ich hab schon mehrere solcher "Monsterprojekte" in Angriff genommen, aber der meiste Aufwand steckt tatsächlich in diesem hier.

Von daher - ich würde mich auf jeden Fall sehr über Reviews freuen. Gerne auch konstruktive Kritik.
Aber fühlt euch nicht gezwungen, mein Schätzchen hier macht mich selber eh schon ganz glücklich in seinem fertigen Zustand. :D

Ich muss vorweg allerdings eine Spoilerwarnung aussprechen - wer Staffel 2 nicht kennt und sich nicht spoilern lassen will, sollte aufhören zu lesen. Und zwar jetzt.
Die Spoiler sind zwar subtil gehalten und Ereignisse nicht großartig beschrieben, aber trotzdem - der OS setzt erst nach 2x10 an.
Also, damit es keiner überliest:

(SUBTILE) SPOILER IM RAHMEN VON THE ROYALS 2x01 BIS 2x10


Anschließend nur noch eines:
Der OS ist mehr oder weniger 'ne Songfic. Der Text ist zwar nicht explizit im Text aufgeführt, aber doch verarbeitet.
Vorher mal in das Lied reinzuhören, empfiehlt sich also. :)
Mercury - Sleeping at Last
https://www.youtube.com/watch?v=GYM_eR-cIu8

Als Hintergrundmusik beim Lesen macht sich eigentlich alles vom ruhigeren Schlag ganz gut, empfehle aber Folgendes:
Moving On (Official Lost Soundtrack) - Michael Giacchino
https://www.youtube.com/watch?v=0nfloYaf9YQ
(Und zwar am Besten auf Spotify, dort ist die Qualität deutlich besser. :D)

Und jetzt:
Viel Spaß beim Lesen! c:
~Denny

PS: Eventuelles OOC-Verhalten entschuldige ich mal sicherheitshalber. Ich kann das selber immer nur halbwegs einschätzen. :D

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    Jasper Frost & Eleanor Henstridge
              BENDING TRUTH


Die letzten Töne des Liedes klangen dumpf in meinen Ohren, dann herrschte Stille. Einfach nur bedrückende Stille, die sich wie ein dicker Mantel um mich zu legen schien. Einen Moment lang starrte ich bloß unbeweglich auf die Themse, die sich dunkel vor meinen Augen einen Weg durch das nächtliche London grub. Dann zog ich mir die Kopfhörer aus den Ohren und der Lärm einer schlafenden Großstadt erreichte mich wieder – wenige Autos auf den Straßen in der Ferne; laut rufende Leute, die in den Morgen hinein feierten und hin und wieder die dazugehörige Musik. Der Fluss unter mir glitt bloß ruhig dahin, das Plätschern und das Schlagen des Wassers an die begrenzenden Steinmauern waren eine willkommene Abwechslung zu all der Hektik in meinem Leben.
Ich ließ meine Füße weiterhin über die Kante über dem Fluss baumeln, auf der ich saß und von wo aus ich stur auf die andere Seite der Stadt starrte – und das seit inzwischen zwei Stunden. Ich konnte wirklich dankbar sein, dass mich um drei Uhr morgens scheinbar niemand hier beachtete, da alle zu betrunken waren und zu sehr umherwankten, um mich überhaupt zu bemerken. Oder sie waren schlichtweg mit ihren kichernden Begleitungen zu sehr beschäftigt, sahen mich in der Dunkelheit nicht und machten sich schon im Laufen am Körper der anderen Person zu schaffen – 95% der Fälle, die vorbeigekommen waren, waren selbstverständlich sturzbetrunken gewesen.
Vor gar nicht allzu langer Zeit wäre ich ähnlich gewesen.
Heute aber saß ich die halbe Nacht am Flussufer, hörte Musik – von der mir niemand glauben würde, dass ich sie wirklich hörte – und hing meinen Gedanken nach.
Nach einer Weile, in der ich bloß weiterhin die dunkle, vor mir liegende Welt betrachtet hatte, gelauscht hatte, erhob ich mich von meinem Platz und lief den Weg entlang. Ich hatte kein Ziel vor Augen, ich wollte bloß nicht wieder in den Palast zurück. Unwillkürlich dachte ich einen Moment daran, wie ich damals ebenso ziellos nachts durch die Stadt gelaufen war. Damals, als er mich mehr oder weniger auf Schritt und Tritt verfolgt hatte.
Mein Ex-Bodyguard. Jasper Frost.
Ich wünschte mir häufig, ich könnte ihn einfach für immer aus meinem Kopf, meinen Gedanken, verbannen, aber das schien einfach unmöglich zu sein. Ich erinnerte mich an nahezu alles, was je zwischen uns passiert war.
Ich schüttelte den Kopf, zwang mich dazu, auf andere Dinge zu achten. Auf die noch erleuchteten Schaufenster, an denen ich vorbeilief. Auf die versperrten Eingänge, da die Läden geschlossen waren.
Ich erinnerte mich an seine Lügen, an seinen Verrat. An all den Schmerz, den er mir gebracht hatte.
Meine Augen suchten nach anderen Anhaltspunkten, versuchten die Gedanken zu verbannen, doch das verschlimmerte es nur.
Ich erinnerte mich an alle Arten von Schmerzen. An die bittersüße Art, die ich geliebt hatte und die unverzeihliche Art. Weil ich ihm nicht verzeihen wollte. Nein, nicht weil ich es nicht wollte, sondern weil ich es nicht konnte.
Meine Hände in den Taschen meiner Lederjacke vergraben, schlenderte ich den Weg entlang, lief durch die vereinzelten Lichter der Straßenlaternen. Die einzigen Dinge, die mich heute Nacht überhaupt wahrgenommen hatten; die wussten, dass ich hier war. Dass ich existierte.
Ich erinnerte mich an seine Berührungen, seine Hände auf meiner Haut und das Prickeln, das sie mit sich gebracht hatten. Ich erinnerte mich an seine warmen, gierigen Lippen auf meiner Haut, auf meinen eigenen Lippen, die niemals genug von ihm hatten.
Die Läden zogen sich die gesamte Passage entlang, Schaufenster um Schaufenster, Straßenlaterne um Straßenlaterne, Lichtabschnitt um Lichtabschnitt. Sie reihten sich allesamt aneinander, zogen an mir vorbei, wie der Fluss auf meiner anderen Seite, wie die schier endlosen Erinnerungen, die aneinander hingen und mir hinterher schlichen, mich jagten.
Ich erinnerte mich an seinen warmen Blick, wenn er für einen Moment nur für mich da war und seine Worte ernst meinte. An seinen beinahe gebrochenen Blick, wenn er mich brechen sah. Wenn ich ihn von mir gestoßen hatte, auch wenn er mir noch so offensichtlich verfallen war und alles bereute, was er mir je angetan hatte.
Ich wandte mich dem Fluss zu, klammerte mich an das Geländer, das sich an dieser Stelle befand und starrte auf die gegenüberliegende Seite. Ich konnte mich diesen Gedanken nicht hingeben, ich würde schwach werden, ich würde mich von dem Gedanken trennen, dass ich ihn nicht mehr wiedersehen wollte.
Ich erinnerte mich an seine Stimme, manchmal kühl, manchmal voller Wärme, manchmal angenehm rau, manchmal kurz vorm Brechen.
Ich durfte nicht schwach werden. Ich durfte nicht. Ich musste einfach stark bleiben und ihn vergessen. Meine Finger schlossen sich fester um das kalte Geländer, ich zitterte, kämpfte mit den Tränen.
Ich erinnerte mich daran, wie sich meine Hand in seiner angefühlt hatte. Sicher, Halt gebend. Einfach richtig.
Verzweifelt versuchte ich, nicht mehr daran zu denken. Aber es funktionierte nicht. Überhaupt nicht. Es war hoffnungslos. Ich war hoffnungslos, hatte es zugelassen, dass er sich bei mir einschlich. Es war doch eigentlich krank, wie hatte das mit uns angefangen? Auf einer Basis von Lügen. Spiele, Täuschungen, beinahe Missbrauch. Wenn man so darüber nachdachte, was er mir alles angetan hatte, könnte es eine Art von Stockholm-Syndrom sein, dass ich Gefühle für ihn entwickelt hatte.
Verbittert starrte ich auf das Wasser. Ich erkannte mich manchmal selbst kaum wieder. Ein Teil von mir wünschte sich immerhin gerade, dass ich niemals schwimmen gelernt hätte. Ich hätte über das Geländer klettern und springen können. Und Ende. Aber das war nicht der Schlüssel zum Glück, zur Besserung. Das war bloß ein Fluchtgedanke und eigentlich nur ein Teil meiner dunkelsten Seite. Der Wunsch, dass alles ein Ende hatte. Dass es Signale geben würde, dass es bald vorbei war. Doch diese Signale würde ich wohl nie bekommen, sie existierten gar nicht. Und das würden sie wohl auch nie.
Ich wünschte, ich würde etwas Anderes fühlen; dass ich Jasper nicht solche Gefühle entgegenbrachte, wie ich es offensichtlich tat, auch wenn ich es mir selbst nicht eingestehen wollte und konnte. Ich verbog die Wahrheit, ignorierte sie, drehte sie so, wie sie mir besser gefiel – und belog mich dadurch im Grunde selbst. Ein Teil von mir wusste das, doch ich ließ das nicht an mich heran.
Alles, was ich bewusst an mich heran ließ, war die Tatsache, dass ich nichts davon ungeschehen machen konnte, was passiert war. Nichts von dem, was er getan hatte und nichts davon, was ich getan hatte. Ich konnte es nicht rückgängig machen, konnte nicht einfach zurückspulen und vergessen, dass er mich verletzt hatte und ich ihm ebenfalls Unrecht getan hatte. So einfach war es nicht und würde es wohl auch nie sein.
Während mein Blick über die andere Seite von London strich, dachte ich daran, wie ich es zu Beginn mit Jasper insgeheim doch genossen hatte. Ich hatte seine Spielchen genossen, hatte mich aus meiner eigenen, nicht immer besonders angenehmen in seine düstere, wohltuende Melodie ziehen lassen, hatte meinen persönlichen Missklang für die finstere Harmonie seines Auftretens eine Weile aufgegeben. Ich wäre ihm gefolgt, an beinahe jeden Ort, ich hätte ihm bedenkenlos mein Leben anvertraut – was ich später auch getan hatte, wenn auch zu dem Zeitpunkt eher gezwungenermaßen – und im Endeffekt hatte mich das genau hierhin gebracht.
Ich löste meine Hände von dem Geländer und trat langsam ein paar Schritte zurück, wandte mich von dem Fluss ab, setzte meinen Weg langsam fort. Die nächtliche Ruhe umfing mich nach wie vor sanft, die Dunkelheit griff aus jeder von den Straßenlaternen nicht mehr berührten Ecke nach mir und flüsterte inzwischen bereits auf mich ein, dass es keinen Sinn hatte, gegen irgendetwas anzukämpfen. Ich wusste das oder ahnte es zumindest. Es machte keinen großartigen Sinn, immer weiterzulaufen, immer weiter dagegen anzukämpfen, immer wieder die Wahrheit zu verdrehen, in eine Richtung zu fliehen, plan- und ziellos. Ich musste aufhören, meine Gedanken von Jasper fernhalten zu wollen, wenn es doch eigentlich sinnlos war. Je mehr ich versuchte, mich dagegenzustemmen, gegen den Strom zu schwimmen, desto stärker riss die Strömung bloß an mir und drohte, mich quälend langsam zu ertränken. Ich musste aufhören, meine Augen gegenüber der Wahrheit zu verschließen, das konnte nicht ewig funktionieren und womöglich würde es mir mit der Zeit mehr schaden als alles andere. Es zerriss mich immerhin jetzt schon fast, ließ mich nach Fluchtmöglichkeiten suchen, die inzwischen offenbar sogar dem Tod gleichkamen, obwohl es sinnlos war, davor fliehen zu wollen, dass ich ihm verfallen war – ungewollt.
Ich spürte, wie die äußere Dunkelheit meine innere Finsternis vorantrieb, sie langte nach meinem Herzen, kroch immer höher. Ich war zu verbissen darauf konzentriert, ihn nicht mehr an mich heranzulassen, daher kam diese innere Finsternis wieder zum Vorschein und nutzte ihre Chance. Das war früher einer der Momente gewesen, in denen ich zu den Drogen gegriffen hatte, um all das auszusperren – aber ich war mitten in London. Ich konnte diesmal nicht davor fliehen. Ganz egal, wie sehr ich es wollte.
Meine Beine kamen mir immer schwächer vor unter der seelischen Last, die ich mir selber aufbürdete, meine Schritte wurden schleppender, langsamer, unsicherer. Als ich eine Gestalt erblickte, die sich über das Geländer zum Fluss lehnte erblickte, stockte ich einen Moment, lief dann jedoch weiter, mein Herzschlag begann zu rasen. Ich würde mich jetzt nicht einschüchtern lassen, weil jemand mitten in der Nacht einfach nur dastand, in einem schwarzen Mantel in einer relativ schlecht ausgeleuchteten Ecke. Ich war die Prinzessin, ich hatte immerhin Bodyguards – die nicht hier waren, wie mir im nächsten Moment wieder klar wurde. Ich war komplett schutzlos, wenn etwas passieren sollte.
„Brillant, Eleanor, toll hinbekommen“, murmelte ich ganz leise und setzte meinen Weg selbstbewusst fort, meine Schuhe machten im Normalfall nur kaum Geräusche, doch heute schienen sie mir lauter denn je zu sein.
Je näher ich der Person kam, desto kräftiger schlug mein Herz, desto lauter rauschte das Blut in meinen Ohren und übertönte die Ruhe der Stadt. Als wir fast auf gleicher Höhe waren, blickte die Person kurz auf, wandte mir für einen flüchtigen Blick den Kopf zu und konzentrierte sich dann wieder auf die Themse. Ich atmete erleichtert auf und betete, dass nichts passieren würde, als der Kopf der Person urplötzlich wieder zu mir herumfuhr.
Ich zuckte zusammen, hielt in der Bewegung inne und fing den Blick meines Gegenübers auf, erkannte die Gesichtszüge im Dämmerlicht, stolperte benommen zwei Schritte rückwärts.
„Eleanor?“, hallte die raue Stimme zu mir hinüber und ich konnte nicht anders reagieren, als ihn perplex anzustarren. Ich konnte nicht antworten, ich war überfordert mit der gesamten Situation. Die ganze Zeit wehrte ich jegliche Gedanken ab, wies alles von mir und plötzlich stand er vor mir. Das konnte unmöglich real sein. „...Prinzessin?“ Er machte ein paar Schritte in meine Richtung und musterte mich, während ich nur da stehen konnte und mich fragte, ob mein Gehirn mir Streiche spielte.
Jasper stand jetzt direkt vor mir, ich hatte mich immer noch nicht gerührt, und hob langsam eine Hand, griff sich eine meiner Haarsträhnen und zwirbelte sie um seine Finger. Ein sanftes Lächeln zog sich langsam über sein Gesicht; einer der seltensten Anblicke überhaupt, wenn man Jasper kannte. Seine blaugrünen Augen wanderten hoch zu meinen grünen Augen und ich schluckte schwer. Ich wusste, er würde mir nichts tun – vorausgesetzt, das hier passierte gerade wirklich – aber ich wusste trotzdem nicht, was ich davon halten sollte.
„Bitte lass mich auf Droge sein“, murmelte ich beinahe flehend, während ich in Jaspers Augen blickte, mich nicht losreißen konnte und versuchte, Ordnung in meine Gedanken zu bekommen.
Jasper lachte auf, ein raues, angenehmes Lachen und blickte mich anschließend schmunzelnd an. „Das müssten aber verdammt gute und vor allem starke Drogen sein, Prinzessin.“
„Wieso?“
„Ich glaube nicht, dass sie dir Folgendes so gut vorgaukeln könnten.“ Jasper beugte sich rasch vor und umschloss meine Lippen mit seinen. Sanfter, als er es jemals zuvor getan hatte. Sehnsüchtiger. Ich fühlte mich beinahe wie im freien Fall oder als wäre ich kurz davor, süchtig zu werden. Nach ihm. Schon wieder.
Jasper brachte schneller wieder Abstand zwischen uns, als mir lieb war; schneller, als ich meine Kontrolle aufgeben konnte. Ich wusste, dass ich loslassen konnte, sollte. Dass Jasper mir zeigen würde, dass es keinen Sinn hatte, die Wahrheit weiterhin zu verdrehen, sodass ich ihn von mir stoßen musste.
All dieses Chaos, dass das bisherige Leben bei mir zurückgelassen hatte, konnte ich vielleicht mit seiner Hilfe ordnen und loslassen, wenn ich ihm eine zweite Chance gab. Ich erinnerte mich daran, dass ich Beck gegenüber gesagt hatte, dass ich vielleicht einfach dieses Chaos war, dass mich das ausmachte und sonst im Grunde nichts.
Aber Beck hatte womöglich recht, dass es auch anders gehen konnte. Ich war vielleicht verdreht und laut und wild, aber das war nicht alles, was mich ausmachte. Genauso wenig machte mich nur mein Lebensstil aus; Drogen, Alkohol, teure Klamotten, Diamanten, das Partyleben – das war zwar ein Teil von mir, aber nicht alles.
Ich war so viel mehr als das.
Ich erwiderte Jaspers Blick nach wie vor und ließ mich einfach fallen, ließ all die Last fallen, ließ mit ihr meine innere Finsternis los, verlor mich nur in seinen Augen.
„Jasper Frost“, flüsterte ich in die Stille zwischen uns und seine Augen schienen einen Moment heller zu schimmern als zuvor. „Was machst du hier?“, fragte ich dann unvermittelt und verschränkte die Arme locker vor der Brust.
Jasper schmunzelte kurz, diese Frage hatte uns schon häufiger begleitet und zum ersten Mal wirkte sie nicht zweideutig, hatte keinen besonderen Hintergrund. „Ich bin oft hier. Hatte aber nicht erwartet, dich jemals hier zu sehen.“
„Du warst also die ganze Zeit in London?“
Der ehemalige Bodyguard zuckte mit den Schultern. „Du wolltest mich offensichtlich nur nicht mehr im Palast sehen, von London war nie die Rede.“
Schweigen trat zwischen uns und ich nickte nur langsam. Wir schlichen nun beide um eine passende Antwort herum, wie ein Tiger, der sich an seine Beute heranpirschte. Wir suchten die richtigen Worte, um die Stille zu überbrücken, um diesen Moment zu beenden, doch wir schwiegen uns weiterhin an, den Blickkontakt teilweise aufrechterhaltend, teilweise auch in die Dunkelheit starrend.
„Ich sollte wohl besser Nachhause gehen“, durchbrach ich die Stille nach einer Weile, mein Gegenüber reagierte kaum. Ich atmete tief durch und zwang mich förmlich dazu, die Worte auszusprechen. „Leb' wohl, Jasper.“
Es gab keine Zukunft, ich hatte keinen Grund mein inneres Chaos loszulassen, da er mir keinen gab. Es sollte offenbar nicht sein, warum sollte ich dann noch Zeit mit ihm verschwenden?
Ich setzte mich in Bewegung, von ihm weg, in Richtung des Tunnels, der mich zum Palast bringen würde, auch wenn beides ein ganzes Stück entfernt lag.
„Du fehlst mir“, hörte ich plötzlich seine Stimme hinter mir her jagen, die Worte versuchten mich zu fassen und Halt zu finden, flehten um Beachtung. Ich verlangsamte meine Schritte und hielt an. Ich spürte die Stille wieder, hatte zum Teil Angst, loszulassen und zum Teil auch davor, dass ich es jetzt tat und wenn ich mich umdrehte, war er vielleicht bereits verschwunden. Dann wäre die Stille das Letzte, was mich mit ihm verband und ich hasste diese Art von der Stille. Die Stille, die entsteht, wenn jemand etwas sagte, worauf es keine passende Erwiderung gab. Aus welchem Grund auch immer es keine gab. Es war die Art von Stille, die ich sonst mit Alkohol und Drogen erstickte.
Ich zögerte, wog ab, ob ich gehen sollte oder nicht, ob ich loslassen sollte oder nicht. Ich fragte mich, ob er dort noch stand, die Worte immer noch in seinem Kopf nachhallend.
Ich fragte mich, ob es das Risiko wert war.
Loslassen war nicht einfach. Jetzt einfach zu gehen allerdings auch nicht.
Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Doch ich spürte seinen Blick immer noch in meinem Rücken.
Er war noch immer da.
„Ach, verdammte Scheiße“, fauchte ich, fuhr herum und blickte ihn direkt an, lief mit entschiedenen Schritte auf ihn zu und sah die Überraschung in seinen Gesichtszügen, griff nach dem Stoff seines Mantels und zog ihn zu mir hinab, um den geringen Größenunterschied zu überbrücken und dann spürte ich bloß noch meine Lippen auf seinen.
Ich fiel, unaufhaltsam, gab die Kontrolle auf; ließ alles los, was mich zurückhielt und fiel einfach in seine düstere Harmonie, wie so oft zuvor. Und es fühlte sich richtig an, es fühlte sich verdammt richtig an, ihm auf seinen dunklen Pfaden ein Stück weit zu folgen; so weit, wie er mich eben auf diesen Pfaden führen und ich ihm folgen wollte.
Als ich mich von ihm löste, bebte meine Atmung förmlich, Jasper grinste fast schon triumphierend und seine Augen blitzten, sein warmer Atem strich zart über meine Haut. „Ganz sicher, dass du nicht high bist?“, raunte er mir entgegen und ich setzte ein zufriedenes Lächeln auf.
„Nein.“
„Heißt das, dass du dich morgen vielleicht schon gar nicht mehr an das hier erinnerst?“ Jasper klang plötzlich ernst und ich beugte mich wieder ein Stück näher zu ihm, meine Lippen schwebten knapp über seinen.
„Wie könnte ich denn jemals die Droge vergessen, von der ich abhängig bin, Jasper?“, flüsterte ich mit einem frechen Grinsen, legte so viel Gefühl in die Aussprache seines Namens, wie ich aufbringen konnte, woraufhin Jasper bloß leise lachte. „Andererseits, vielleicht bin ich auch wirklich high und halluziniere gerade bloß, also...“
„Halt die Klappe, Eleanor“, schnitt er mir das Wort ab und presste seine Lippen einfach wieder auf meine.
So standen wir dann da. Umgeben von Dunkelheit und Ruhe, allein und doch eben zusammen.
Bereit, Orte für den jeweils anderen zu betreten, von denen wir bisher vielleicht noch gar nichts wussten.
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