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Hopes and Dreams

von Amaineko
OneshotFamilie, Übernatürlich / P12
Access Time Chiaki Nagoya Fynn Fish Marron Kusakabe Miyako Toudaiji
15.05.2016
15.05.2016
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Hallo zusammen,
hier findet ihr meinen Beitrag zum Wettbewerb Das Glück von KarateChaotenforever.

A/N:
Die Geschichte beginnt eine Woche nach Fynns Enttarnung.
Die Namen, sowie der bisherige Storyverlauf, sind an den Manga angelehnt.

Meine Vorgaben:
Spruch: „Das sind die Starken der Welt: die unter Tränen lachen, eigene Sorgen verbergen, und andere glücklich machen.“ (Unbekannt)
Extra-Vorgabe: Ein Charakter soll zusammenbrechen.

Viel Spaß beim Lesen! Wer ein Review hinterlassen möchte, gerne, ich freue mich!


o.O.o.O.o



Draußen regnet es in Strömen.
Wie benommen sehe ich von meiner Couch aus den vielen Tropfen zu, wie sie sich auf meinem Balkon sammeln und dann das Regenrohr hinunterstürzen.
Fynn hat es gehasst, wenn ich sie im Regen losschickte, um auf Dämonenjagd zu gehen.
Meine kleine Fynn…
Sie ist schon seit einer Woche fort.
Mir ist kalt und ich ziehe meine Beine näher an mich heran, um mein vereistes Herz zu wärmen. Doch es ist und bleibt ein fester Eisklumpen.
Wie automatisiert werfe ich einen Blick auf meinen Anrufbeantworter.
Alles ist dunkel.
Das Lämpchen leuchtet nicht.
Niemand ruft mich an.
„Ach Fynn…“
Ich lasse mich seitlich auf die Couch fallen und eine Träne läuft mir in die Haare, als ich an Fynn denke, die mich die ganze Zeit betrogen hat.
Alles Lüge.
Jedes einzelne Wort.
Auf dem Couchtisch liegt, einsam und verlassen, das Amulett, mit dem ich während meiner Einsätze die Dämonen aufspürte. Natürlich leuchtet es gerade nicht, schließlich befindet sich kein Dämon in meiner Wohnung.
Nein.
Ich bin alleine.
KLOPF.
Ich schrecke auf und sehe mich verwirrt um.
KLOPF. KLOPF.
Jemand steht vor meiner Wohnungstüre. Ich kann das Licht durch den Spalt unter der Türe sehen, nur unterbrochen von zwei gleichförmigen Schatten, die wohl Schuhe sind.
„Marron, bist du da?“
Miyako. Ich will nicht, dass sie sieht, wie ich weine.
„Marron, meine Eltern sagen, du sollst rüber kommen, wir haben so viel zu essen, dass wir die ganze Polizeiwache davon ernähren können.“
Ich will nicht zu Miyako und ihrer Familie gehen. Ich möchte viel lieber allein sein.
Doch ich stehe etwas unbeholfen auf, ziehe mir meine Schlappen an die Füße und gehe zur Tür.
„MARR-"
„Hallo Miyako! Du brauchst nicht so zu schreien, das ganze Haus hat dich schon gehört!“, sage ich und grinse meine beste Freundin frech an.
Miyako sieht ziemlich beleidigt aus.
„Und warum muss ich dann dreimal klopfen und schreien? Was hast du denn gemacht, wenn ich fragen darf?“
Ich strecke ihr die Zunge raus. „Das geht dich gar nichts an.“
Miyako will protestieren, doch ich ziehe einfach die Tür hinter mir zu und schiebe sie laut lachend vor mir her in ihre Wohnung.
Meine Tränen bleiben auf meiner Couch. Niemand wird sie jemals zu Gesicht bekommen.
Ich bin stark. Bereit. Unbesiegbar. Schön. Entschlossen. Mutig.
Falsch. Ich bin nur noch Marron Kusakabe.
Jeanne, die Kamikaze-Diebin, gibt es nicht mehr.
Schnell blinzele ich die Tränen weg, damit Miyako nichts mitbekommt, und lache weiter. Nach einer Weile lacht Miyako mit und alles ist wie immer.


o.O.o.O.o


„Miyako…?“
„Was ist denn, Marron?“, stöhnt Miyako und hält sich den Bauch.
Wir sitzen, beziehungsweise liegen, in Miyakos Zimmer, Miyako auf ihrem Bett, ich quer über dem Teppich, nachdem wir wegen dem vielen Essen, das Miyakos Mutter Sakura aufgetischt hat, fast geplatzt sind.
„Sag mal… Wieso hast du Chiaki eigentlich nicht eingeladen? Ich dachte, du magst ihn?“
Meine beste Freundin dreht den Kopf zur Seite und sieht mich ungläubig an.
„Bist du blind oder was?“
„Wieso?“ Ich verstehe kein Wort.
„Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock, dass Chiaki nicht mich will, sondern dich!“
Ich laufe puterrot an und versuche, mich aufzusetzen, doch mein vollgefressener Magen hindert mich daran.
„Du bist doch verrückt, Miyako!“, sage ich zur Decke. „Dieser Playboy Chiaki kann mir den Buckel runter rutschen! Ich will garantiert nichts von ihm!“
Für meinen Gefühlsausbruch ernte ich nichts weiter als einen misstrauischen Blick und ein „Na wenn das so ist“. Sie glaubt mir nicht.
Ist das Pochen meines Herzens so offensichtlich?
Miyako, ich will dir doch nur helfen! Chiaki… Es ist so viel zwischen Chiaki und mir passiert. Ich mag ihn immer noch, aber wie kann ich wissen, ob ich ihm… vertrauen kann?
Fynn habe ich auch vertraut, und – ich breche den Gedanken lieber ab.  
„Ich weiß doch, dass du seit der ersten Sekunde in ihn verliebt bist, also sag es ihm einfach“, flüstere ich in die Stille.
„Bist du sicher?“
„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ Ich schenke ihr mein aufrichtigstes Lächeln und tatsächlich sieht Miyako jetzt ein bisschen glücklicher aus als vorher.
„Danke, Marron…“
„Und, wann sagst du es ihm?“ Ganz schnell sitze ich dann doch aufrecht und ignoriere das Ziehen in meinem Magen. Jetzt ist es an Miyako, rot zu werden.
„Bist du verrückt? Das muss gut geplant werden!“
„Ach, Käse.“ Ich ertappe mich dabei, wie ich vor Aufregung anfange, breit zu grinsen. Miyako hat es verdient, glücklich zu sein! „Du musst es ihm einfach sagen. Selbst wenn du es vorher planst, wird sowieso alles ganz anders kommen, das kannst du mir glauben.“
Gerade will Miyako antworten, da klopft es an der Türe und Sakura tritt ein. Sie sieht ganz aufgeregt aus, ihre Wangen sind gerötet und fleckig, als ob sie geweint hätte.
„Was ist passiert, Mama?“
Sakura wischt sich die Haare aus dem Gesicht und schaut mich direkt an. Ich mag Sakura sehr, aber ihr erregter Blick macht mir Angst. Normalerweise ist sie die Ruhe in Person.
„Es tut mir Leid, euch zu stören, aber – Marron, du musst unbedingt mitkommen.“
„Wieso nur Marron?“, mault Miyako, weil ihre Mutter sie gar nicht beachtet, aber sie erhebt sich trotzdem von ihrem Bett.
„Beeil dich, Marron!“
„Ich – ich komme schon!“ In Wahrheit brauche ich Miyakos Hilfe, um vom Teppich aufzustehen, doch dann laufe ich los und folge Sakura in Richtung Wohnungstüre, Miyako dicht auf meinen Fersen.
Sakura wartet mit ihrem Mann Himuro im Flur und unterhält sich mit zwei anderen Personen, die mir irgendwie bekannt vorkommen…
Abrupt bleibe ich stehen.
Hinter mir höre ich, wie Miyako überrascht die Luft anhält und die Hände vor den Mund schlägt.
Ich sehe die beiden Menschen an. Die beiden Menschen sehen mich an.
Wie kann das sein? Träume ich?
Miyako, zwick mich doch mal… will ich sagen, aber die Worte bleiben mir im Halse stecken.
Die Frau lächelt mich liebevoll an. Der Mann hat den Arm um ihre Hüfte geschlungen.
„Marron, Liebes. Es ist so schön, dich wieder zu sehen.“
Kein Brief.
Keine Nachricht.
Jahrelang.
Und jetzt stehen sie hier vor mir, als ob sie nie weg gewesen wären.
Ich schluchze laut auf und werfe mich in Mamas Arme. Papa streichelt mir sanft über den Kopf.
Ich bin das glücklichste Mädchen auf Erden.


o.O.o.O.o


Ich habe dieses Gefühl…
Was immer ich mir vornehme, es funktioniert, und ein solch intensives Gefühl durchströmt mich, dass ich denke, ich habe die ganzen letzten Jahre etwas verpasst, etwas, von dem ich nicht wusste, dass es existiert.
Seitdem meine Eltern wieder Teil meines Lebens sind, kann nichts und niemand mir etwas anhaben.
Dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit, das Jeanne wie einen Talisman in sich trug,  das Jeanne so stark machte und Marron nur umso schwächer zurückließ.
Nun trägt auch Marron diesen Talisman in sich.
Ist das etwa Glück?
Ich kann es nicht hundertprozentig beantworten, aber ganz abwegig ist es wohl nicht, denn es fühlt sich so… richtig an.
Wahrscheinlich muss ich erst noch realisieren, dass ich wieder eine heile Familie habe.
Es ist immer noch, auch nach mehr als einer Woche, ungewohnt, wenn ich morgens vom frischen Duft von Kakao geweckt werde, der durch die Wohnung zieht. Dass ich, wenn ich von der Schule nach Hause komme, nicht mehr in den Briefkasten sehen muss, geblendet von der trügerischen Hoffnung, eines Tages Post von meinen Eltern zu bekommen. Dass ich, wenn ich dann meine Wohnung betrete, mit einem lebendigen Lächeln begrüßt werde, wie Miyako, die ich jahrelang, still und heimlich, um dieses Gut beneidet habe.
Es klingelt an der Türe und ich sprinte los, bis ich merke, dass ich mich nicht beeilen muss. Mama steht in der Küche und ist viel schneller an der Türe als ich.
Leise lächelnd schüttele ich den Kopf. Ich muss mich wirklich noch daran gewöhnen, nicht mehr alleine zu leben.
Erst jetzt merke ich, wie köstlich es in der ganzen Wohnung riecht. Ein Blick in die Küche verrät mir, dass Mama hunderte kleine Sushis zubereitet hat. Schon läuft mir das Wasser im Mund zusammen und ich muss mich ernsthaft zusammenreißen, nicht eines (oder mehrere) zu naschen.
„Marron, Miyako und ihre Eltern sind da!“
„Das sehe ich doch“, sage ich unverblümt, nachdem ich mich schweren Herzens vom Sushi abwende. „Entschuldigung“, füge ich schnell hinzu, als Mama mich böse anguckt, weil ich so frech geantwortet habe.
„Vielen Dank für die Einladung, Korron“, sagt Sakura, die meine Bemerkung netterweise übergeht. „Das Essen sieht köstlich aus.“
„Ja, es ist viel zu lange her, nicht wahr?“, erwidert Mama mit einem Grinsen. „Ich hoffe, Sushi ist für euch in Ordnung… Nach all dem Fastfood in Amerika brauchte ich mal wieder etwas typisch Japanisches.“
„Kein Problem. Wo ist eigentlich Takumi?“
„Er kommt gleich nach Hause, er hatte vorhin noch ein Vorstellungsgespräch bei einem Architekturbüro.“
Davon hat Papa gestern erzählt. Dabei hat er mir stolz seinen neuesten Entwurf präsentiert, einen Vergnügungspark, den er „Marron Dome“ getauft hat. Ich habe Rotz und Wasser geheult und Papa war angesichts meiner Tränen völlig überfordert, sodass Mama ihm helfen musste. Anscheinend haben auch meine Eltern noch so einige Schwierigkeiten damit, plötzlich wieder mit ihrer Tochter zusammen zu leben, die zudem um die acht Jahre älter ist als früher und sich nicht mehr für Puppen interessiert.
Wir setzen uns an den Tisch, als die Wohnungstüre sich erneut öffnet und Papa hereinkommt.
„Hallo, ich habe noch Besuch mitgebracht.“
Er tritt zur Seite und hinter ihm steht –
„Chiaki!“ Miyako steht sofort auf und stürmt auf meinen Nachbarn zu. „Wie schön!“
Papa lacht laut. „Wir haben uns gerade im Aufzug getroffen und da habe ich ihn spontan eingeladen. Korron kocht eh immer zu viel, also macht ein Esser mehr oder weniger auch keinen Unterschied, oder?“
„Vielen Dank für die Einladung“, erwidert Chiaki höflich. „Ich hoffe, ich mache Ihnen keine Umstände.“
„Natürlich nicht“, sagt Mama. „Und bitte, nenn‘ mich Korron. Meinen Mann Takumi kennst du ja offensichtlich schon.“
Chiaki lächelt und setzt sich neben mich. Innerlich fluche ich, da ich nun garantiert weniger Sushi abbekomme. Es gibt zwar kein Gratin, aber Chiakis Magen ist eindeutig zu groß! Vielleicht sage ich Miyako später, dass Chiaki so gerne Gratin isst, dann fällt es ihr bestimmt leichter…  
„Was ist? Warum guckst du so abwesend durch die Gegend?“
„Wie? Was?“
Chiaki sieht mich besorgt an. Muss er mich so ansehen? Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll… Prompt steigt mir wieder Hitze ins Gesicht.
„Nichts ist los! Kümmere dich um deinen eigenen Kram!“
Ich beschließe, Chiaki für den Rest des Abends zu ignorieren und beginne ein Gespräch mit Sakura, das mich sofort wieder auf bessere Gedanken bringt.
Es ist so schön, dass wieder Gelächter in meiner Wohnung erklingt. Die Stille hat hier lange genug geherrscht. Chiaki wird mir das nicht kaputt machen. Auch wenn ich doch ein schlechtes Gewissen habe, ihn so zu ignorieren… Er will mir doch eigentlich nur helfen!
Aber die neue Marron braucht keine Hilfe! Irgendwann wird Chiaki das auch verstehen.
Das Sushi schmeckt köstlich. Ich weiß nicht mehr, ob Mama auch früher schon so lecker gekocht hat, aber es schmeckt definitiv besser als alles, was ich jemals gegessen habe.
Nach einer Weile sind tatsächlich nur noch wenige Häppchen übrig, aber keiner am Tisch kann noch einen Bissen zu sich nehmen.
„Korron, du hast dich selbst übertroffen“, stöhnt Himuro und hängt quasi nur noch auf seinem Stuhl. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so viel leckeres Sushi auf einmal gegessen habe.“
Mama wirft ihm nur ein dankbares Lächeln zu. Sie ist völlig hinüber.
„Ich räume dann schon mal den Tisch ab, ja?“
Niemand sagt etwas dagegen, daher stehe ich auf und schnappe mir ein paar Teller, um sie in die Küche zu bringen.
„Warte, ich helfe dir.“
„Chiaki, ich schaffe das schon –"
„Nein, keine Widerrede. Ich lasse doch nicht die Dame alles alleine machen.“
Er zwinkert mir auf eine derart unverschämte Art und Weise zu, dass ich schon im Begriff bin, lautstark zu protestieren, doch er drückt mir einfach eine Hand auf den Mund und schiebt mich in die Küche.
Dort angekommen, stelle ich klappernd die Teller auf die Arbeitsplatte und knalle die Tür zu.
„Kannst du mir mal erklären, was das soll, Chiaki? Du kannst mich doch nicht einfach so vor meinen Eltern bloßstellen!“
Chiaki sieht mich nur nachdenklich an.
„Was ist, fällt dir jetzt nicht mal mehr eine Ausrede ein?“
„Marron, ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber…“ Er seufzt und rauft sich die Haare. Als ob sie es nötig hätten, noch verwuschelter auszusehen. Ich  merke, wie ich mit meinen Gedanken abschweife und ärgere mich, dass Chiaki aufgrund einer einfachen Bewegung so viel Einfluss auf mich hat.
„Chiaki, bitte… Du bist meinem Vater bestimmt nicht zufällig im Aufzug begegnet. Sag mir, was los ist.“
„Da hast du Recht. Marron, irgendetwas stimmt hier nicht.“
Ich sehe ihn verwirrt an. „Was soll denn nicht stimmen? Es ist endlich alles so, wie es sein soll!“
„Und was ist mit Fynn?“
Seine blauen Augen durchbohren mich und ich erstarre.
Fynn…
„Was ist mit Fynn?“ erwidere ich forsch und versuche, so selbstbewusst wie möglich auszusehen.
„Ich glaube, dass Fynn ein böses Spiel mit dir treibt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass deine Eltern so mir nichts, dir nichts, hier auftauchen und plötzlich ist alles wieder in Ordnung. Sie wollten sich vor zwei Monaten erst scheiden lassen, erinnerst du dich? Und jetzt ist alles wieder gut?“
„Sie haben sich eben wieder vertragen, manchmal passiert so etwas!“
„Natürlich passiert so etwas. Aber es ist doch ein sehr großer Zufall, dass es ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt passiert, meinst du nicht auch?“
Chiaki sieht mich wieder mit diesem besorgten Blick an. Ich halte das nicht aus. Er soll damit aufhören. Ich fühle mich so schwach…
„Warum gönnst du mir mein Glück nicht? Willst du, dass ich einsam und alleine sterbe? Ist es das, was du willst?“
Chiaki seufzt erneut und ergreift meine Hände.
„Ich will dich nicht verletzen, Marron, ich will dich nur beschützen!“
„Du verstehst mich einfach nicht, Chiaki.“ Ich ziehe meine Hände wieder zu mir und bereue es umgehend. Seine Wärme fehlt mir. „Außerdem hat mein Amulett nicht einmal reagiert, seitdem meine Eltern wieder da sind. Also kann weder ein Dämon noch Fynn etwas damit zu tun haben.“
Chiaki ist anscheinend immer noch nicht überzeugt. Wie kann er bloß so stur sein? Wieso muss er immer das Haar in der Suppe suchen?
„Wenn du dich nicht mit mir freuen kannst, Chiaki, dann haben wir uns nichts mehr zu sagen.“
Mit diesen Worten öffne ich die Türe und lasse ihn mitten in der Küche, die Hände erhoben, stehen. Wieder kämpfe ich mit mir selbst, kämpfe um meine Fassung, die mir nach und nach aus den Händen rutscht.
Als ich zurück ins Wohnzimmer komme, begegne ich den neugierigen Blicken von meinen Eltern, Miyako, Sakura und Himuro. Natürlich sind sie neugierig, schließlich wurde ich soeben von meinem viel zu attraktiven Nachbarn und Klassenkameraden in meine eigene Küche entführt.
„Was ist los mit euch?“, frage ich kichernd in die Runde.
„Du warst ganz schön lange weg“, argwöhnt Miyako in ihrer typischen Ich-will-die-beste-Polizistin-aller-Zeiten-werden-Art.
„Na und? Bist du jetzt mein Bodyguard oder was?“
„Wo ist eigentlich Chiaki?“, fragt Miyako erwartungsvoll. Was die sich wieder denkt!
„Was weiß ich de-"
„Es tut mir sehr leid“, fällt Chiaki mir ins Wort, „aber ich habe gerade einen Anruf von meinem Vater bekommen und muss noch etwas erledigen. Takumi, vielen Dank für die Einladung. Korron, das Sushi war köstlich.“
Er verneigt sich kurz vor meinen Eltern, winkt uns anderen zu und schon hat Chiaki die Wohnung verlassen.
Miyako hilft mir beim Abräumen des restlichen Geschirrs, wahrscheinlich hofft sie, dass ich mich auf die eine oder andere Art und Weise verrate, denn andauernd guckt sie mich komisch an. Aber ich bin stark. Mich bringt nichts so leicht aus der Fassung.
An diesem Abend schlafe ich zum ersten Mal seit einer Woche mit Tränen in den Augen ein.


o.O.o.O.o


Langsam, aber sicher, verblassen Chiakis Worte.
Ich fühle mich so entspannt wie seit einer halben Ewigkeit nicht mehr.
Selbst in der rhythmischen Sportgymnastik erziele ich auf einmal so große Fortschritte, dass Frau Pakkyaramao Tränen in den Augen hat, als sie mir zusieht, wie ich leichtfüßig mit meinem Lieblingsband durch die Turnhalle fliege.
Leichtfüßig… Das beschreibt mein derzeitiges Leben ziemlich gut.
Die Rückkehr meiner Eltern hat mir die Last von den Schultern genommen, die mich für lange Zeit so gehemmt hat. Jetzt habe ich das Gefühl, ich kann alles schaffen.
Vor allem helfen sie mir, nicht andauernd an Fynn zu denken. Natürlich wissen sie nichts von meinem Doppelleben, und mit Chiaki habe ich seit der Auseinandersetzung in der Küche nicht mehr gesprochen als nötig.
In Wahrheit möchte ich nicht an Fynn erinnert werden. Die Erinnerung an Fynn lässt mich traurig werden, und Traurigkeit ist das Letzte, was ich gebrauchen kann. Ich bin glücklich!
Lediglich, wenn ich mit Miyako unterwegs bin und sie mir ihr Leid klagt, weil Jeanne seit über drei Wochen keine Warnung mehr geschickt hat und sie sich zu Tode langweile, überkommt mich ein Hauch von Wehmut.  
Sosehr ich mich auch über die Rückkehr und Versöhnung meiner Eltern freue – ich kann es nicht länger leugnen.
Ich vermisse es, mich in Jeanne zu verwandeln.
Und vor allem vermisse ich meinen kleinen, tollpatschigen, nervigen Engel.  
Die Erkenntnis trifft mich eines Abends so plötzlich, dass ich anfange, zu weinen. Ich sitze mit meinen Eltern im Wohnzimmer, wir sehen uns eine romantische Komödie im Fernsehen an. Ich habe der Stimmung halber zwei Kerzen auf dem Wohnzimmertisch angezündet und eigentlich ist alles wunderbar. Glücklicherweise nehmen meine Eltern an, dass ich wegen der rührseligen Stelle im Film weine.
Sie selbst sitzen nebeneinander auf der Couch und essen die Chips, die ich vom Supermarkt mitgebracht habe.
Ich wische mir die Tränen aus den Augen und versuche, mir den Grund für meine Trauer nicht anmerken zu lassen. Wie passend, dass in dem Film gerade von Verrat die Rede ist… Ich möchte diesen Film nicht mehr sehen. Er erinnert mich nur an Fynn. Ich will nicht an Fynn denken.
Prompt taucht Chiakis Gesicht vor meinen Augen auf.
Ich will dich nicht verletzen, Marron, ich will dich nur beschützen!“
Aber wovor denn? Es ist doch, seitdem Fynn verschwunden ist, überhaupt nichts passiert!
Warum eigentlich nicht…?
Meine Finger wandern zu der Kette mit dem Kreuz, die Chiaki mir bei unserem Ausflug vor ein paar Wochen geschenkt hat und die ich, aus einer Laune heraus, heute früh angezogen habe.
Mit geweiteten Augen starre ich in die Flammen der Kerzen und frage mich, ob das tatsächlich sein kann.
Müsste Fynn nicht alles in Bewegung setzen, um mich, die Reinkarnation Jeanne d’Arcs, zu vernichten? Schließlich kann ich doch Dämonen bannen und somit die Macht Gottes stärken? Oder denkt sie, weil sie mich verraten hat, kann ich Satan nicht mehr gefährlich werden? Ich kann mich zwar nicht mehr in Jeanne verwandeln, aber ich trage doch weiterhin Jeanne d’Arcs Seele in mir… Oder nicht?
Ich wende den Blick von den Kerzen ab, hin zu meinen Eltern, die wie gebannt auf den Fernseher starren und völlig abwesend immer abwechselnd in die Chipstüte greifen. Das Licht der Kerzen wirft flackernde Schatten auf ihre Gesichter und ich habe Mühe, angesichts der wechselnden Lichtverhältnisse des Fernsehers und des Kerzenscheins die Augen offen zu halten.
Meinen Eltern scheint das überhaupt nichts auszumachen.
Sie blinzeln nicht einmal, als die Szenerie im Film vom Dunkeln ins Helle wechselt. Ich muss selbst die Augen zusammenkneifen, obwohl ich nicht direkt auf den Fernseher gucke.
Etwas stimmt nicht… Oder bilde ich mir das ein, weil ich gerade über vergangene Zeiten grüble und wieder anfange, überall Dämonen zu sehen? Das sind doch meine Eltern!
Sie haben noch immer nicht geblinzelt. Inzwischen ist die Chipstüte leer.
Papa knüllt sie zusammen und wirft sie hinter sich auf den Boden. Ich will Papa sagen, dass er sie doch direkt in den Müll bringen könne, doch ich kann nicht.
Ich spüre, wie ich falle, immer weiter falle, wie die ganze Fassade, die ich mir innerhalb der letzten drei Wochen aufgebaut habe, zusammenbricht und mich klein und unbedeutend zurücklässt.
An der Wand hinter der Couch, auf der wir sitzen, sind keine Schatten. Beziehungsweise, dort ist nur ein Schatten. Mein eigener.
Meine Eltern blinzeln nicht.
Meine Eltern haben keinen Schatten.
Meine Eltern sind nicht zu mir zurückgekehrt.
Ich bin immer noch alleine.
Ich – ich –
„Marron, was ist los?“
Ich sehe meine Mutter an, oder das Etwas, das sich als meine Mutter ausgibt und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.
Sie – es – sieht aus wie meine Mutter. Es spricht wie meine Mutter.
„Ich – Entschuldigung, ich muss kurz rüber zu Miyako, ich bin gleich wieder da.“
„Hat das nicht Zeit, bis der Film zu Ende ist?“, fragt ‚Papa‘. Ein leicht genervter Unterton schwingt in seiner Stimme mit.
„Miyako geht immer früh schlafen, ich muss das noch heute machen. Schaut ruhig den Film weiter.“
Ungestüm stehe ich von der Couch auf und renne zur Türe, spüre, wie ihre misstrauischen Blicke mich verfolgen. Hauptsache raus aus der Wohnung, fort von den Scherben meiner zerbrochenen Illusion. Zitternd schließe ich die Türe.
Es gibt nur eine Möglichkeit, und es erstaunt mich selbst, wie klar sich diese Möglichkeit in meinem Kopf herauskristallisiert.
Doch meine Beine tragen mich kaum noch. Es sind doch nur fünf Meter bis zu Chiakis Wohnung, verdammt!
„Ich schaffe das… Ich bin stark… ich… bin…“
Ich merke gerade noch, wie meine Beine unter mir nachgeben und auf dem harten Treppenhausboden aufkommen, als sich Chiakis Türe öffnet.
Alles ist wie in Nebel getaucht. Ich höre, wie Chiaki meinen Namen sagt, aber ich habe verlernt, zu sprechen.
Hilf mir, Chiaki… Hilf mir…
Er rüttelt an mir, ich spüre, wie mein zerbrochenes Herz in mir scheppert. Aber es dringt nicht durch den dichten Nebel, der mich umgibt.
Dann wird alles dunkel.
Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich auf Chiakis Couch liege. Access hockt direkt vor meiner Nase und fliegt, kaum habe ich die Augen geöffnet, zu Chiaki, der umgehend an meiner Seite ist.
„Marron, was ist passiert?“
„Chi-Chiaki…“
Er nimmt meine Hand und es ist bezeichnend für meine Situation, dass ich ihn gewähren lasse.
„Chiaki… es – es tut mir so leid…“
Tränen kullern über meine Wangen, weil der Schmerz endlich hinaus möchte und ich ihn nicht länger einsperren kann. Ich habe keine Kraft mehr.
Wieso habe ich Chiaki nicht geglaubt? War ich wirklich so blind?
„Meine Eltern… Sie – sie sind –"
Chiakis Blick verdunkelt sich. Ich brauche gar nicht weiter zu reden. Ich kann auch nicht weiter reden.
Dann bleibt mir kurzzeitig die Luft weg, als Chiaki mich in seine Arme zieht. Sanft streichelt er mir über die Haare und drückt mich fest an sich, während ich meinen Kopf in seiner Schulter vergrabe.
Ich fühle mich so schlecht. Chiaki ist so freundlich zu mir und tröstet mich sogar, obwohl ich ihn mit meinem ignoranten Verhalten in der letzten Woche so verletzt habe.
„Wie lange… bin ich schon hier?“
Ich habe Angst vor seiner Antwort.
„Etwa zehn Minuten. Was ist passiert?“
Ich erzähle ihm alles und merke, wie ich mich langsam beruhige. In Chiakis Armen fühlt sich alles so viel leichter an. Ich weine immer noch, aber irgendwie fühle ich mich so geborgen…
Als ob ich nach Hause käme.
Ich beende meine Erzählung und löse mich vorsichtig von Chiaki. Ich will ihn nicht ausnutzen.
„Access, kannst du jetzt etwas spüren?“
Der Engel schüttelt den Kopf.
„Nichts. Es müssen neuartige Dämonen sein, wenn weder Marrons Amulett reagiert noch ich eine dämonische Aura spüren kann.“
„Ich muss mich in Sindbad verwandeln. Das ist unsere einzige Chance. Access, schick‘ eine Warnung.“
Access und ich starren Chiaki perplex an. Meint er das ernst?
„Aber Chiaki, wie willst du die Dämonen denn bannen?“
Chiaki ballt die Fäuste.
„Naja, so wie immer.“
Das erscheint mir doch etwas zu simpel.
„Access hat doch gerade gesagt, es müssen neuartige Dämonen sein. Was ist, wenn das ‚alte‘ Schachmatt nicht mehr ausreicht?“
„Marron.“ Er sieht mich mit diesem durchdringenden Blick an. „Ich bitte dich. Es ist unsere einzige Chance. Vertrau mir.“  
Chiaki… ich möchte dir vertrauen.
Wenn ich schon einsam und allein bin, so möchte ich doch zumindest dir vertrauen dürfen.
Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und nicke entschlossen.
Die Zeit, um sich Sorgen zu machen, ist vorbei. Jetzt ist es Zeit, zu handeln.
Ein gewitztes Lächeln umspielt Chiakis Lippen. Ein kurzer Seitenblick zu Access genügt, und schon erscheint aus dem Nichts eine Warnung, die in meinen Händen landet.

An Marron Kusakabe:

Heute Abend werde ich deinen Eltern ihre Schönheit stehlen.

Gezeichnet, Sindbad der Dieb“


o.O.o.O.o


Du schaffst das, Marron.
Du schaffst das.
Sei stark. Sei bereit, unbesiegbar, schön, entschlossen und mutig.
Ich kann mich zwar nicht mehr in Jeanne verwandeln, doch auch Marron ist dieser Herausforderung gewachsen.
Trotzdem bebt meine Hand ein wenig, als ich die Türe zu meiner Wohnung wieder öffne.
Meine Eltern… Die beiden Dämonen sitzen weiter auf meiner Couch und sehen sich die letzten Minuten des Filmes an.
„Mama? Papa?“ Es fällt mir nicht schwer, auch meine Stimme beben zu lassen.
„Gleich, Schatz“, ruft ‚Papa‘, „der Film dauert nur noch ein paar Minuten.“
Ich gehe ins Wohnzimmer und mein Herz springt mir fast aus der Brust. Wie wahnsinnig bin ich, mich zwei Dämonen zu nähern, obwohl ich nichts gegen sie ausrichten kann? Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich ganze zwei Wochen mit Dämonen in meiner Wohnung gelebt habe, ohne etwas zu merken…
„Das hier lag gerade vor der Türe“, sage ich mit erstickter Stimme und halte den beiden die Warnung vor die Nase.
Ich muss meine Rolle spielen. Chiaki verlässt sich auf mich.
‚Mama‘ nimmt die Fernbedienung und schaltet den Fernseher aus. Es ist unheimlich still in der Wohnung. Die beiden lesen die Warnung und gucken sich gegenseitig an.  
Dann lachen sie so laut auf, dass ich erschrocken zurückweiche. Alle Zweifel verfliegen, als ich dieses Gelächter höre, das so grausam in meinen Ohren widerhallt, dass ich die Warnung fallen lasse und auf die Knie sinke.
Obwohl meine Hände versuchen, meine Ohren zu verdecken, dröhnen ihre Stimmen in meinem Kopf und lachen immer weiter. Ich kann es nicht mehr mit ansehen und kneife die Augen zusammen.
Bitte lass es aufhören, lass es aufhören…
„Du brauchst doch nicht zu schreien, Marron… Wir sind doch da, wir kümmern uns jetzt um dich…“
Habe ich geschrien? Ich öffne die Augen wieder ein wenig. Die Körper meiner Eltern sind verschwunden. An ihrer Stelle stehen dort… ich weiß nicht, was dort steht.
Es sind eindeutig ‚neue‘ Dämonen, denn sie besitzen einen eigenen Körper, auch wenn dieser irgendwie verzerrt wirkt. Offensichtlich sind sie nicht mehr darauf angewiesen, Gegenstände in Beschlag zu nehmen, denn sie bewegen sich frei in meiner Wohnung mit ihren verzerrten Körpern. Nun spüre ich auch ganz deutlich die bösen Energien, die ihre unförmigen Gestalten ausströmen. Mir wird ganz schwindelig angesichts der Kraft, die sie ausstrahlen.
Doch ich stehe auf.
Ich laufe nicht davon.
„Ich brauche niemanden, der sich um mich kümmert. Die letzten Jahre bin ich gut alleine zurechtgekommen!“, verkünde ich selbstsicher. Es klingt zumindest selbstsicherer, als ich mich tatsächlich fühle.
Aber ich muss Zeit gewinnen, zumindest so viel Zeit, bis Sindbad kommt, um die Dämonen zu bannen. Da ist wieder dieser Stich in meinem Herzen. Ich wünschte, ich wäre nicht so schwach und nutzlos.
Doch das Rosenkreuz ist seit Fynns Enttarnung versteinert.
„Marron… gib es doch zu“, flüstert der eine Dämon mit beschwörender Stimme, die mir die Nackenhaare zu Berge stehen lässt. „Du bist und bleibst einsam und allein.“
Was mache ich mir eigentlich vor? Sie haben doch Recht. Meine Eltern sind nicht zurückgekehrt. Wieder ist mein Briefkasten leer.
Wieder bleibt das Lämpchen meines Anrufbeantworters dunkel.
„Und das alles hast du unserer Königin zu verdanken!“ Die Dämonen lachen erneut. Und ich schwanke.
„Ist Fynn eure Königin?“, frage ich zitternd. Ich kenne die Antwort sowieso schon, auch wenn ich sie nicht kennen will.
Plötzlich liegt eine Hand auf meiner Schulter und ich drehe mich erschrocken um.
„Sindbad, der Dieb ist hier.“
Erleichterung durchströmt mich, als ich in Sindbads Augen sehe, die so viel Zuversicht und Stärke ausstrahlen. Er ist wirklich fest entschlossen, mich zu beschützen.
Ich spüre, wie er seine Hand von meiner Schulter nimmt (nicht, ohne sie kurz zuvor noch einmal zu drücken) und er seinen Bumerang aus dem Umhang zieht.
„Access, bitte beschütze Marron. Game start!
Ich habe kaum Zeit, um zu realisieren, dass Sindbad und die Dämonen mitten in meinem Wohnzimmer den Kampf begonnen haben. Schnell folge ich Access in den hinteren Bereich der Wohnung, in mein Zimmer.
Dort angekommen, schließe ich die Tür und Access legt ein göttliches Siegel auf das Schloss, damit die Dämonen nicht eindringen können.
„Und jetzt?“
Access sieht mich finster an.
„Wir warten.“
„Wie bitte? Wir warten? Ich dachte, wir denken uns hier einen Plan aus!“
„Du bist ihm keine Hilfe, Marron. Du würdest ihm nur im Weg stehen.“
„Kann ich denn wirklich gar nichts ausrichten? Sindbad riskiert gerade sein Leben, wegen mir!“
„Was willst du denn machen? Du kannst dich nicht mehr in Jeanne verwandeln, also kannst du auch kein Schachmatt setzen!“
Ich hasse Access. Am liebsten würde ich ihm eine mit meiner Stehlampe überziehen. Er soll mich zwar in Sindbads Auftrag beschützen, aber wie kann er einfach ruhig in meinem Zimmer umher fliegen und zulassen, dass Sindbad etwas passiert?
Ich reiße meine Nachttischschublade auf und hole unter einigen Tüchern mein Amulett hervor. Es leuchtet immer noch nicht, obwohl die Dämonen sich nun offenbart haben.
„Damit wirst du die Dämonen nicht bannen können“, versucht Access, mich zu belehren.
Ein lauter Schrei, gefolgt von einem dumpfen Knall, ertönt aus dem Wohnzimmer und ich erstarre.
„Access, bitte“, flehe ich ihn an. „Wir müssen Sindbad helfen.“
„Nein.“ Access‘ Miene ist hart wie Stein.
„Das ist doch –"
„Es ist mein Auftrag, dich zu beschützen, und das kann ich nicht, wenn du mitten im Getümmel steckst.“
Access‘ Worte ergeben durchaus Sinn, doch ich kann sie nicht akzeptieren. Ich will nicht akzeptieren, dass ich in meinem Zimmer sitze und Sindbad alleine kämpft. Wir haben immer gemeinsam den Dämonen die Stirn geboten. Wenn auch aus unterschiedlichen Motiven.
„Mir ist egal, was mit mir passiert. Ich werde Sindbad helfen.“
Ich gehe zur Tür und rüttele daran, doch durch das Siegel bleibt sie auch für mich verschlossen.
„Access, löse das Siegel.“
„Sehe ich so aus?“ Der Engel starrt mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Vielleicht habe ich das tatsächlich.
Das Amulett in meiner Hand leuchtet…
„Es tut mir Leid. Aber ich muss Chiaki helfen.“  
Instinktiv richte ich das Amulett auf das Siegel, welches sich unter dem Licht augenblicklich in Luft auflöst. Just in dem Moment, in dem ich die Türe aufreiße, ertönt ein weiterer langgezogener Schrei aus meinem Wohnzimmer, gefolgt von einem hellen Lachen, das eindeutig nicht von den beiden Dämonen stammen kann. Hinter mir höre ich Access laut fluchen.
„Sindbad!“
Das Wohnzimmer gleicht einem Schlachtfeld, doch das Einzige, das ich sehe, ist, wie sich Sindbad, arg zugerichtet, an der Wand abstützt und offensichtlich am Ende seiner Kräfte ist.
„Warte, ich helfe dir!“
Ich greife mit meinem Arm unter seine Schulter und versuche, ihn aufzurichten, doch ich bin nicht stark genug. Lange kann ich ihn nicht halten.
„Ma.. Marron…“
„Alles wird gut, Chiaki.“
„Sie.. ist viel… stärker… als… ich dachte…“
„Na sieh mal an. Fräulein Kusakabe gibt sich auch die Ehre.“
Mist.
Langsam drehe ich den Kopf Richtung Balkontüre.
Dort steht Fynn, thront beinahe auf der kleinen Stufe, die zum Balkon führt, und bedenkt mich mit einem solch höhnischen Grinsen, dass mir ein Schauer über den Rücken läuft.
„Lass dich nicht auf... ihr Spiel ein“, stöhnt Chiaki neben mir. Seine Atmung wird flacher. Ich muss etwas unternehmen. Aber was? Ich kann mich doch nicht mehr verwandeln...
Fynn amüsiert sich köstlich angesichts meiner Verzweiflung und lacht spöttisch.
„Arme Marron... Mein Plan ist doch glatt aufgegangen! Du kennst doch meinen wahren Auftrag: Zerstöre die Seele von Marron Kusakabe!“
Sie muss nicht weiter reden. Es war tatsächlich von Anfang an eine Lüge.
„Du warst wirklich so naiv, zu glauben, dass deine lieben Eltern zu dir zurückgekehrt sind. Wie dämlich kann man eigentlich sein?“
Mein Herz pocht wie verrückt. Verzweifelt klammere ich mich an Chiaki fest, der kaum noch in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Inzwischen zittern auch meine Beine heftig, mein ganzer Körper zittert angesichts der Worte, die mir Fynn entgegenschleudert. All die Wahrheiten, die ich nicht hören will.
„Fynn... bitte...“
„Ich bin noch nicht fertig, kleine Marron. Sag... Hast du dich nicht all die Zeit gefragt, warum du nicht schon längst tot bist?“
Die Stille dröhnt in meinen Ohren. Was meint sie damit?
„Ich verstehe nicht -“
„Natürlich nicht. Warum haben dich meine beiden Helfer, die so treu an meiner Seite stehen, nie  angegriffen? Es wäre doch ein Leichtes gewesen, dich zu vernichten, während du seelenruhig und nichtsahnend im Bett liegst. Nein, du musstest selbst erkennen, dass wir dich die ganze Zeit hinters Licht geführt haben. Nur durch die eigene Erkenntnis können wir dein Herz und die Macht Gottes weiter schwächen, und wenn ich mir ansehe, wie mickrig dein ach so toller Schutzschild inzwischen ist, würde ich sagen, Satan wird sehr zufrieden mit mir sein!“
Es ist vorbei. Der Boden unter meinen Knien fühlt sich kaum noch hart an, als ich auf den Boden sacke und Chiaki mit mir fällt.
Mein Schutzschild flackert kurz und erlischt dann endgültig.
Es ist vorbei.
Vorbei.
Grässliches Gelächter ist alles, was ich noch höre.
Alles ist nur ein Spiel.
Ich habe verloren.
„Und nun“, flüstert Fynn genüsslich in meinem Kopf, „bringen wir es zu Ende.“
Schachmatt.
Ich sehe drei tiefschwarze Blitze, die auf mich zurasen und schließe die Augen für ein letztes Stoßgebet.
Gott, ich bitte dich... rette Fynn...
Dann ist es endlich, wirklich, vorbei und die Welt vergeht in einem hellen Licht.


o.O.o.O.o


„Marron? Marron!“
Ein leiser Windhauch streicht über mein Gesicht. Er fühlt sich so herrlich warm an.
Bin ich tot...?
Wenn ich es mir recht überlege, muss ich tot sein. Jedenfalls bin ich nicht mehr in meiner Wohnung, dafür ist es zu hell. Obwohl ich die Augen weiterhin geschlossen halte, dringt dieses warme Licht bis in mein Herz hinein und ich fühle mich so leicht und frei wie der Wind selbst.
„Marron, wach auf!“
Ich möchte nicht aufwachen. Wenn ich die Augen öffne, wird die Wärme mich verlassen, wird alles wieder so sein wie zuvor.
Gott, hast du meinen letzten Wunsch vernommen...?
Hast du Fynn gerettet?
Es ist mir egal, was mit mir passiert, aber bitte... bitte rette Fynn...
Plötzlich bekomme ich keine Luft mehr. Meine Arme schlagen wild um sich und treffen tatsächlich etwas, das knapp vor meinem Gesicht gewesen sein muss.
Nun habe ich angesichts des Schocks doch die Augen geöffnet, aber die Wärme ist noch da. Ich atme tief durch und versuche mich zu beruhigen, als ich sehe, dass das Etwas, das ich getroffen habe, Access ist, denn er liegt benommen auf dem weißen Boden, auf dem auch ich sitze. Chiaki liegt bewusstlos neben mir, er hatte keine Energie mehr, um die Verwandlung zu Sindbad aufrecht zu erhalten. Seine Kleidung hängt nur noch in Fetzen an ihm herab und überall an seinem Körper sind die Spuren des Kampfes mit Fynn und den beiden Dämonen zu erkennen. Vorsichtig nehme ich Chiakis Hand in meine, doch er reagiert nicht.
Ist Chiaki auch tot? Wieso sollte er sonst hier sein, an diesem wunderlichen Ort?
Überhaupt sieht das Zimmer, in dem ich mich befinde, so hell und angenehm aus. So friedlich.
Als wäre er nicht von dieser Welt.
Ohne es zu merken, laufen mir salzige Tränen die Wangen hinunter und fallen in meinen Schoß.
Ich habe nie gewollt, dass Chiaki stirbt. Dass Chiaki wegen mir stirbt.
„Du brauchst nicht zu weinen, Marron. Weder du, noch Chiaki, seid tot.“
Verwirrt blicke ich mich um, doch niemand außer Access, Chiaki und mir ist zu sehen.
Das Zimmer ist leer.
Leicht schwankend stehe ich auf und gehe zu dem einzigen Fenster des Raumes.
Gleißendes Licht, noch heller als das im unbekannten Zimmer, strömt mir entgegen, nur durchbrochen von einem einzigen dunklen Fleck, etwa so groß wie eine Murmel.
„Ist die Erde nicht wunderschön?“
Ein plötzlicher Windstoß durchfährt meine Haare, sodass sie mir von hinten ins Gesicht wehen.
„Gott...?“
Ich drehe mich um und – ich kann es nicht genau erklären – Gottes Präsenz füllt den Raum mit so viel Wärme und Licht. Ich weiß einfach, dass er sich, in diesem Moment, in diesem Raum befindet.
„Es tut mir leid, dass ich dir nicht schon früher geholfen habe, doch ich musste darauf achten, Fynn nicht allzu sehr vor Satan bloßzustellen.“
Access kommt allmählich wieder zu sich. Kaum hat er sich aufgerichtet, fliegt er zu Chiaki, der weiterhin regungslos am Boden liegt.
„Wie – wie sind wir hierhergekommen? Wo sind wir hier?“
„Ich habe Access für einen kurzen Moment etwas von meiner Kraft verliehen, sodass ich euch hierher, in Sicherheit, bringen konnte. Ihr seid im Himmelreich, auf das Satan keinen Einfluss hat.“
Access hebt den Kopf, als sein Name fällt und starrt ungläubig ins Licht. Anscheinend kann der kleine Schwarzengel kaum glauben, was er gerade eben gehört hat.
„Du hast mir mehr Kraft gegeben? Heißt das, ich kann endlich ein Grundengel werden?“ Ein Strahlen breitet sich auf Access' Gesicht aus.
„Ja, du darfst demnächst die Prüfung ablegen, Access. Außerdem hat Sindbad dich gebeten, Marron zu beschützen, und dafür kannst du alle Kraft brauchen, die ich dir geben kann.“
Mein Blick wandert wieder zu Chiaki. Obwohl es so sehr schmerzt, kann ich meine Augen nicht von ihm lösen.
Wie konnte es nur so weit kommen? Chiaki hat beinahe sein Leben für mich gelassen!
Nur, weil ich mit meinen Sorgen zu ihm gekrochen bin? Weil ich vor seiner Türschwelle zusammengebrochen bin? Weil ich letzten Endes doch zugestimmt habe, dass er mir eine Warnung schickt und der unbekannten Gefahr ganz allein gegenübertritt?
Im Endeffekt ist es doch alles meine Schuld.
Meine Schuld, dass meine Eltern sich getrennt haben und die beiden Dämonen mich nur deswegen so leicht täuschen konnten.
Meine Schuld, weil ich mein eigenes Wohl über das meiner Freunde gestellt habe. Ein einziges Mal habe ich meine Sorgen nicht für mich behalten, ein einziges Mal war ich nicht stark, nein, sondern habe es mir sogar erlaubt, schwach zu sein.
Ich habe dieser trügerischen Hoffnung nachgegeben und damit alle ins Unglück gestürzt!
„Du darfst nicht aufgeben, Marron!“, flüstert Gottes Präsenz. „Versinke nicht in deinem Unglück. Weißt du, was das Besondere an Jeanne d'Arc, deren Seele und Kraft du in dir trägst, war?“
Nein, ich weiß es nicht. Stumm schüttele ich den Kopf.
„Auch Jeanne d'Arc war nicht immer so stark, wie es den Anschein hatte. Zumindest war auch sie ein Mensch mit Schwächen und Fehlern, wie jeder andere auch, genau wie du. Doch es gab etwas, das sie so besonders machte und von den anderen starken Persönlichkeiten ihrer Zeit unterschied... So schlecht es ihr auch ging, sie sorgte sich immer zuerst um ihre Mitmenschen.“
Ich sehe auf, mitten in das vibrierende Licht Gottes.
„Aber –"
Ich weiß nicht, wie ich den Satz zu Ende bringen soll.
Ich bin doch nur Marron...!
„Du trägst Jeannes Kraft und Seele in dir, also kannst du ihr nicht so unähnlich sein, wie du glauben magst. Sowohl Jeanne, als auch du, ihr gehört zu den Starken auf dieser Welt.“
„Das kann ich kaum glauben“, sage ich und schäme mich, dass meine Stimme zittert. „Ich war immer nur dann stark, wenn ich mich in Jeanne verwandelt habe. Marron hingegen ist schwach.“
„Marron, du bist alles andere als schwach. Du bist eine der stärksten Seelen, die auf Erden wandeln. Denn die wirklich Starken sind es, die unter Tränen lachen, eigene Sorgen verbergen und andere glücklich machen.“
Tausende Szenen ziehen vor meinem inneren Auge vorbei.
Ich schiebe Miyako vor mir her in ihre Wohnung, lachend, obwohl ich wenige Sekunden vorher noch bitterlich geweint habe.
Miyako und ich liegen in ihrem Zimmer und ich überrede sie, Chiaki über ihre Gefühle aufzuklären, obwohl ich mich doch selbst kaum traue, mir meine eigenen Gefühle für ihn einzugestehen.
Nach dem Streit mit Chiaki, als Miyako mir in der Küche hilft und darauf wartet, dass ich mich öffne und ich meine Sorgen doch vor ihr verstecke.
„Ich... Bin ich tatsächlich stark?“
„Klar bist du das!“, mischt sich Access ein und ich werfe ihm einen bösen Blick zu.
„Er hat Recht, Marron. Es gibt viele verschiedene Arten von Stärke, einige sind nur nicht sofort als Stärke zu erkennen. Mit der Kraft, die du in dir trägst, kannst du sowohl dein eigenes Glück beeinflussen, als auch das deiner Mitmenschen, und sogar das Schicksal eines kleinen Engels, der in seiner Verzweiflung eine folgenschwere Entscheidung getroffen hat.“
Ich kann förmlich spüren, wie Gottes Wärme in mein Herz eindringt. Sogar meine Tränen versiegen angesichts dieser Worte, die mich so ergreifen.
„Also kann ich Fynn retten?“
„Natürlich kannst du das. Bitte, strecke deine Hände aus.“
Ich gehorche.
Wenige Sekunden später halte ich ein Rosenkreuz sowie ein Amulett in den Händen. Das neue Rosenkreuz sieht genauso aus wie der Anhänger, den Chiaki mir geschenkt hat... Ich taste nach der Kette, doch sie ist verschwunden.
„Heißt das, ich kann mich jetzt auch ohne Fynn in Jeanne verwandeln?“
„Sofern du fest an dich und an die Menschen, die du liebst, glaubst, kannst du alles erreichen.“
Access nickt eifrig.
„Wirst du kämpfen?“
Natürlich werde ich kämpfen.
Entschlossen umfasse ich das Rosenkreuz und hebe es in die Höhe.

Stark!

Bereit!

Unbesiegbar!

Schön!

Entschlossen!

Mutig!


Engel tragen mich, während ich mich in Jeanne verwandle.
Sie begleiten mich auf meinem Weg.
Ihre sanften Flügel werden mich beschützen.
Ich weiß, sie werden nicht von meiner Seite weichen, solange ich meine gottgegebene Stärke nicht verliere.
Es ist vollbracht.
„Access, bitte sorge dafür, dass Chiaki nach Hause kommt, ja? Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn er noch schlimmer verwundet wird.“
Der Engel sieht mich so ehrfurchtsvoll an, dass es mir schon fast unangenehm ist. Doch auch ich selbst spüre, dass hier eine ganz andere Jeanne steht. Marron und Jeanne haben endlich erkannt, dass sie ein und dieselbe Person sind, und dass keine stärker oder schwächer ist als die andere.
Zum ersten Mal fühle ich mich tatsächlich unbesiegbar.
Access nickt und leicht wehmütig beobachte ich, wie Gott die beiden wieder zurück zur Erde schickt.
Hoffentlich geht es Chiaki gut.
„Ich wünsche dir viel Erfolg, Jeanne. Ich werde immer über dich wachen, vergiss das nicht.“
„Vielen Dank...“
Dann werde ich emporgehoben und ich habe gerade noch Zeit, einen letzten Blick auf diese Lichtquelle voller Hoffnung zu werfen.
Schon umgibt mich wieder Dunkelheit.
Doch das Licht in meinem Herzen können sie mir nicht nehmen.


o.O.o.O.o


Sanft lande ich wieder auf meinem Wohnzimmerteppich, beziehungsweise an der Stelle, an der einmal mein Wohnzimmerteppich gelegen hat. Eigentlich stehe ich in einem Haufen aus Schutt und Asche.
Chiaki und ich müssen uns eine gute Geschichte ausdenken, um das vor Miyako zu rechtfertigen.
Es kann nicht viel Zeit vergangen sein. Sowohl Fynn, als auch die Dämonen, liegen auf dem Boden und versuchen, sich wieder aufzurappeln, Fynn etwas schneller als meine falschen Eltern.
Es versetzt mir immer noch einen kleinen Stich, doch das ist unwichtig. Nun stehe ich über den Ereignissen, die in den letzten Wochen mein Leben verändert haben.
Ich muss sofort handeln, bevor sie wieder mit voller Kraft angreifen können.
Entschlossen hebe ich mein Amulett.
„Im Namen des Herrn fange ich die Ausgeburten der Finsternis und mache sie unschädlich!“
Nichts.
Warum kommt kein Pin aus dem Amulett? Wie soll ich die Dämonen bannen, ohne einen Pin?
„Jeanne...“, keucht Fynn. Sie sieht etwas angeschlagen aus, doch sonst unversehrt. Ich will nicht, dass Fynn leidet, auch wenn sie auf der Seite Satans steht. „Du hast also einen anderen Weg gefunden, dich zu verwandeln.“
Ich wage es nicht, etwas darauf zu erwidern. Ich bin noch zu schockiert. Wieso um alles in der Welt kann das neue Amulett keinen Pin erzeugen? Es muss eine andere Möglichkeit geben, die beiden neuartigen Dämonen zu bannen. Und Fynn aus den Fängen Satans zu befreien. Aber welchen?
Inzwischen stehen auch die beiden Dämonen wieder.
Chance vertan.
Fynns Selbstsicherheit ist angesichts meines entsetzten Gesichtsausdrucks zurückgekehrt.
„Hat dein lieber Gott dir etwa nicht beigebracht, wie du meine Dämonen bannen kannst?“
Sie lacht affektiert auf und die beiden Dämonen stimmen ein.
Das läuft alles in eine ganz falsche Richtung.
Ruhig, Marron... Vertraue auf deine Kraft!
Ich vertraue auf meine Kraft!
Ein zweites Mal am heutigen Tage schleudern drei tiefschwarze Blitze auf mich zu, doch dieses Mal bleibt mein göttlicher Schutzschild intakt. Mehr noch, er wirft die Blitze zu Fynn und den zwei Dämonen zurück, die durch den Druck gegen die Wohnzimmerwand prallen und unter Schmerzen und Schreien zu Boden fallen. Leichter Putz bröckelt von der Decke und belegt sie mit einer feinen Staubschicht.
Entschuldigung, Fynn. Es ging nicht anders.
„Marron!“
Access fliegt durch die zerborstene Balkontüre und hält Zentimeter vor meiner Nase an.
„Access, ist Chiaki -“
„Jaja, Chiaki ist in Ordnung“, entgegnet Access unwirsch. „Du musst dein Rosenkreuz benutzen.“
„Mein Rosenkreuz?“
„Ja, damit kannst du die Dämonen bannen.“
Noch während Access spricht, beginnt das Rosenkreuz auf meiner Brust zu pulsieren und löst sich schließlich von meiner Kleidung.
„Das ist das Zeichen, auf das ich gewartet habe“, wispert Access.
Ich ergreife den Rosenkranz.
Sofort spüre ich es.
Ein frischer Wind zieht auf, als ich das Rosenkreuz in die Höhe halte. Kurze Zeit später hat sich das Rosenkreuz in ein Schwert verwandelt.
Natürlich. Jeanne d'Arc hat während des Heiligen Krieges mithilfe eines Schwertes gekämpft und so die Dämonen vernichtet, die sich ihrer Feinde bemächtigt haben.
Jeanne ist Marron. Marron ist Jeanne.
Und Jeanne kämpft. Jeanne gibt niemals auf.
Das Schwert ist nichts anderes als ein Ausdruck meiner neu gewonnenen Stärke.
„Im Namen des Herrn banne ich die Ausgeburten der Finsternis und mache sie unschädlich!“
Die Klinge des Schwertes wird umrahmt von göttlichem Wind, als ich auf die beiden Dämonen zustürze und sie mit einem Hieb vernichte.
„Schachmatt!“
Die Dämonen sind verschwunden. Stattdessen liegen auf dem Boden zwei Schachfiguren.
Ich hebe sie auf und stelle verwundert fest, dass es sich, im Gegensatz zu früher, nicht um Bauern, sondern um Läufer handelt. Eine weitere Bestätigung, dass diese Dämonen nichts mehr mit den früheren gemeinsam haben.
Nur noch Fynn liegt am Boden. Sie hat Mühe sich aufzurichten. Ihre eigene, reflektierte Attacke hat sie arg getroffen.
„Fynn...“
„Fass mich nicht an!“, faucht der gefallene Engel, als ich ihr die Hand reiche. Schnell ziehe ich sie zurück. Ihr abweisendes Verhalten verletzt mich, doch das werde ich ihr nicht zeigen.
„Ich werde um dich kämpfen“, verkünde ich stattdessen. „Ich werde nicht akzeptieren, dass du unter Satans Fittiche stehst. Du wirst zu mir zurückkehren. Und dann bist du wieder meine kleine, süße Fynn.“
Fynns Gesicht läuft unterdessen dunkelrot an. Meine Worte erzürnen sie nur noch mehr.
„Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich diene Satan und niemandem sonst!“
Mit großer Schwierigkeit stützt sie sich an der Wand ab und steht schließlich wieder.
„Wir haben uns nicht das letzte Mal gesehen, Jeanne“, speit sie mir noch entgegen, dann breitet sie ihre lädierten Flügel aus und fliegt davon in die Nacht.
Access und ich verbleiben allein in dem Trümmerhaufen, der einmal meine Wohnung war.
„Das hoffe ich doch.“


o.O.o.O.o


In dieser Nacht schlafe ich bei Chiaki.
Auf seiner Couch, wohlgemerkt. Ich möchte in seiner Nähe sein, falls es ihm von jetzt auf gleich schlechter geht. Doch er schläft tief und fest.
Bevor ich mich schlafen lege (auf der Couch), sehe ich noch einmal nach ihm.
Wie er so in seinem Bett liegt, sein Körper zerschunden von den vielen gerade erst verheilenden Wunden und Blutergüssen, fühle ich mich so sehr zu ihm hingezogen wie noch nie.  Es ist ungewohnt, dass plötzlich ich die Starke bin und er der Schwache, zumindest körperlich.
Zärtlich streiche ich ihm einige Strähnen aus der Stirn und ziehe ihm die Decke bis an die Brust, damit er es schön warm hat.
Bevor ich gehe und Chiaki seinem gerechten Heilschlaf überlasse, hauche ich ihm einen sanften Kuss auf die Stirn und verlasse das Zimmer, um mein Nachtlager auf der Couch aufzuschlagen.
Auch wenn meine Eltern nicht wieder zu mir zurückgekehrt sind und ich nun wieder täglich vor meinem Briefkasten stehen, täglich auf meinen Anrufbeantworter schauen werde, ganz davon abgesehen, dass ich mir wahrscheinlich eine neue Wohnung suchen muss – ich könnte nicht glücklicher sein.
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