Sturm und Traum und Wirklichkeit

GeschichteSchmerz/Trost / P12 Slash
Adam Parrish Ronan Lynch
15.05.2016
15.05.2016
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Titel: Sturm und Traum und Wirklichkeit

Autorin: Vive La Nuit

Disclaimer: Die Rechte an den Figuren liegen bei Maggie Stiefvater, mir gehören sie nicht und ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld.

Inhalt: Für Adam Parrish ist es an der Zeit, ehrlich zu sein. Und Ehrlichkeit bedeutet Staunen in dunklen blauen Augen, wispernde Stille über den Schobern und Träume, deren Magie man nicht nur spürt, wenn man schläft.


-*-

Was soll ich sagen? Die Raven Boys haben mich seit dem ersten Buch fest in ihren Klauen, besonders Ronan und Adam. Ich habe selten komplexere Charaktere kennenlernen dürfen als Maggie Stiefvaters vier Jungs (und ein Mädchen) und nachdem ich gestern mit dem Raven King fertig wurde, musste ich diese kleine Geschichte loswerden.

Sie setzt direkt nach dem Ende des Buches an und ich wiederhole es jetzt noch ein letztes Mal


ES FOLGEN DEUTLICHE SPOILER FÜR „THE RAVEN KING“!!!!


Wer trotzdem lesen möchte bezw. den vierten Band ebenfalls schon gelesen hat: Viel Spaß :)


-*-


Sturm und Traum und Wirklichkeit



Sie ließen Gansey, Blue und Henry im 300 Fox Way zurück, wo Maura und Calla so perplex darüber gewesen waren, dass Gansey noch lebte, dass es Adam schwer zu ertragen gefunden hatte. Er konnte es ja selbst nicht wirklich glauben. Gansey war tot gewesen. Er hatte nicht mehr geatmet. Und trotzdem war er jetzt wieder auf den Beinen, gestützt von Blue und mit diesem entrückten Ausdruck auf dem Gesicht, den Adam ebenfalls kaum aushalten konnte.

Was war, wenn etwas von Gansey unwiederbringlich verloren gegangen war, wenn er etwas … Essentielles zurückgelassen hatte, dort, wo er gewesen war?

Schon als Gansey wieder aufgewacht war, hatte Adam gedacht, sie hätten ihn trotz allem verloren. Da war so viel Wunder in seinen Augen gewesen, so viel nicht von dieser Welt. Seine Augen hatten ausgesehen, wie Adam sich fühlte, wenn Cabeswater summend seine Magie in ihm verströmte.

Verströmt hatte.

Dann hatte Gansey geblinzelt, im nächsten Moment hatte er gelächelt und Gansey war wieder Gansey gewesen. Doch das Meiste von dem, was ihn zu Gansey machte, schien auf dem Weg zu 300 Fox Way erneut verloren gegangen zu sein.

Adam wusste nicht, was sie tun sollten. Was er denken sollte. Was er von einem Jungen halten sollte, der zwei Mal dem Tod entkommen war und lebte, weil ein magischer Wald für ihn gestorben war. Er wusste nicht, was er tun sollte, um Gansey dabei zu helfen, sich selbst wiederzufinden, wenn er sich tatsächlich verloren hatte. Adam war nicht mehr … da war nichts mehr von Cabeswater in ihm übrig. Da war keine Magie mehr.

Er schreckte aus seinen Gedanken auf, als das Auto anhielt. Ronan hatte sich nicht mal die Mühe gemacht so zu tun, als würde er Adam zurück nach St. Agnes bringen. Keiner von ihnen wollte in dieser Nacht allein sein. Keiner von ihnen wollte in St. Agnes sein.

Für einen Moment saßen sie in Schweigen gehüllt da und schauten durch die Windschutzscheibe in die Nacht, die hier draußen immer so viel dunkler zu sein schien. Und gleichzeitig so viel lebendiger, erfüllt vom Wispern unzähliger Geheimnisse, unzähliger Verheißungen. Adam liebte die Nächte in den Schobern. In einem Winkel seiner Gedanken gestand er sich ein, dass es zumindest teilweise daran lag, wie sehr die Nächte in den Schobern Ronan waren.

„Komm“, meinte Ronan schließlich.

Er stieg aus dem BMW, öffnete die Hintertür und streckte dem Waisenmädchen die Hand entgegen. Adam sah zu, wie sie sie ergriff. Träumer und Traum. Ein Wunder von einem Jungen und wirklich gewordene Magie.

Adam folgte Ronan und dem Waisenmädchen ins Farmhaus, wo die Kleine sofort nach oben verschwand. Auf den Speicher, vermutete Adam. Sie schien den Geruch von Staub, altem Holz und Heu zu mögen, der dort in der Luft hing.

Ronan war im Flur stehen geblieben, ihm den Rücken zugewandt. Seine Schultern waren angespannt. Adams Blick blieb an der Linie seines Tattoos hängen, die über seinen Nacken kroch. Er erinnerte sich daran, wie er diese Linien mit seinen Fingern nachgezeichnet hatte. Er erinnerte sich an Ronans leise Laute, das Staunen in Ronans Augen, das Beben von Ronans Fingern, als sie nach Adams Hand gegriffen hatten. Er erinnerte sich an das Gefühl von Lippen auf seiner Haut, an das Gefühl, von innen heraus zu verbrennen, an das mehr mehr mehr, das durch seine Adern pulsiert war. Adam erinnerte sich daran, wie schwer es gewesen war, aufzuhören.

Es war ein Traum gewesen. Unwirklich und losgelöst von allem, was um sie herum zusammenbrach. So echt, so roh und unverstellt, wie Adam noch nie etwas gefühlt hatte. Es schien völlig unmöglich zu sein, dass es erst gestern gewesen war. Es fühlte sich an, als läge eine Ewigkeit zwischen dieser Wärme und jetzt.

Sei ehrlich zu dir selbst.

Adam wollte die Wärme wiederhaben. Er war es leid, nichts zu wissen.

Er überbrückte den Abstand zwischen ihnen und fuhr mit den Fingerspitzen die schwarze Tinte in Ronans Nacken nach. Ronan erschauerte unter seiner Berührung, aber seine Schultern entspannten sich. Als Adam um ihn herum ging sah er, dass Ronan die Augen geschlossen hatte, dass sein Atem unregelmäßig ging.

Und er sah die Druckstellen an Ronans Hals, die von einem zornigen Rot langsam in ein anklagendes Blau übergingen.

„Nicht.“

Adam Blick flackerte nach oben, fand Ronans.

„Tu das nicht“, fügte Ronan hinzu.

Der logische Teil in Adam wusste, dass Ronan Recht hatte. Dass es nicht Adams Schuld war. Der andere Teil aber erinnerte sich zu genau an die Panik in Ronans blauen Augen. An das Gefühl des rasenden Pulses unter seinen zudrückenden Fingern. Ronan hob die Hand und legte sie an Adams Wange. Dorthin, wo sie aufgekratzt war und brannte. Er sagte nichts, doch die Berührung war Worte genug.

Schweigend gingen sie nach oben und schweigend drückte Ronan Adam ein Handtuch, ein Shirt und eine Hose in die Hand.

Adams Gedanken hörten jedoch nicht auf, sich zu drehen. Auch nicht, als er unter dem heißen Wasserstrahl der Dusche stand und sich Schweiß und Schmutz vom Körper wusch. Glendower war tot. Gansey war gestorben. Sie hatten einen Dämon vernichtet. Cabeswater war verschwunden. Er war kein Magier mehr. Von all den unglaublichen Dingen, die geschehen waren, war das Letzte am schwersten zu ertragen. Adam hatte es gespürt. Den Moment, als Cabeswater sich von ihm gelöst hatte, als er wieder ganz sich selbst gehört hatte. Ihm war nicht bewusst gewesen, wie tröstend Cabeswaters stille Präsenz war, bis sie plötzlich verschwand.

Duschen fühlte sich im Vergleich zu allem, mit dem sie in den letzten Stunden konfrontiert worden waren, so profan an, dass Adam ein hysterisches Lachen unterdrücken musste.

Ronan hob den Kopf, als Adam schließlich wieder zurück ins Zimmer kam. Das Leuchten der magischen Lichter tauchte sein Gesicht halb in Schatten, machte die scharf geschnittenen Konturen seines Gesichts noch kantiger. In seinen Augen schien es zu brennen.

Plötzlich erinnerte Adam sich wieder daran, dass Aurora tot war. Und es löste stechende Schuld in ihm aus, dass er es für einen Moment tatsächlich vergessen hatte; dass ihr Tod von allem anderen überlagert worden war.

Ronan hatte so viel mehr verloren.

„Hier“, riss Ronans Stimme ihn aus seinen Selbstvorwürfen. „Für deine Handgelenke.“

Adam griff nach der kleinen Tube, die Ronan ihm entgegen hielt.

Manibus.

Das hier schien eine normale Heilcreme zu sein, trotzdem erinnerte sie Adam an Ronans Geschenk. Daran, wie Adam in seinem Auto gesessen hatte und sein Bild von Ronan Lynch völlig neu hatte zusammensetzen müssen. Wieder.

„Danke“, sagte er mit einem Lächeln, das sich wie das erste echte Lächeln seit unzähligen Stunden anfühlte.

Ronan nickte, dann verschwand auch er im Badezimmer. Adam drückte etwas von der Creme auf seine Finger und rieb sie anschließend auf die gereizte und gerötete Haut seiner Handgelenke. Er erschauerte. Das Gefühl, bei völligem Bewusstsein zu sein und dennoch keine Kontrolle über seine Hände und Augen zu haben, war keines, das er je wieder vergessen würde. Warum hatte der Dämon ihn ausgesucht? Weil er von Adams Handel mit Cabeswater gewusst hatte? Weil er glaubte, Adam sei mächtig genug, um ihn mit Ronan gemeinsam aufzuhalten? Oder einfach, weil er erkannt hatte, dass Adam die größte Dunkelheit von ihnen allen in sich trug und am leichtesten zu überwältigen sein würde?

Es hat Persephone gebraucht, um Adam daran zu erinnern, wem er seine Hände und Augen versprochen hatte. Adam wagte nicht sich vorzustellen, was passiert wäre, wäre sie nicht dagewesen, um ihm beizustehen. Er bezweifelte, dass ihm allein gelungen wäre, wozu ihre kryptischen Ratschläge ihn schließlich gebracht hatten.

Wieder war es Ronan, der Adam aus seinen Gedanken riss. Er stand in der Tür, trug eine Jogginghose, die ihm tief auf den Hüften saß, und ein schwarzes Muskelshirt. Er machte keine Anstalten, näher zu kommen.

Adam schluckte.

Sei ehrlich zu dir selbst.

Ronans Kuss war wie ein Sturm über ihn hinweg gefegt. Die Nacht auf dem Sofa war ein Traum gewesen.  Seitdem war keine Zeit gewesen, sie waren von Grauen zu Grauen gestolpert, ohne wirklich zu wissen, was sie taten. Gansey war gestorben.

Aber jetzt, das hier, das war anders. Es war real. Beängstigend. Aufregend. Es war etwas, von dem es kein Zurück mehr gab, von dem Adam nicht würde weglaufen können.

Sei ehrlich zu dir selbst.

Adam streckte die Hand aus. Und etwas, von dem Adam nicht bemerkt hatte, dass es da gewesen war, löste sich in Ronans Gesicht. Er kam die paar Schritte auf Adam zu und verschränkte ihre Finger miteinander, ließ sich von Adam näher ziehen.

Alles was Adam fühlte, war die Wärme von Ronans Fingern zwischen seinen, das Gefühl von Haut, die sich gegen seine presste.

Er konnte nicht genau sagen woran es lag, dass ihm die Ehrlichkeit plötzlich so viel leichter fiel. Vielleicht an der Unglaublichkeit, an dem Wunder, das Ronan Lynch war. Vielleicht an dem Grauen, das Adam noch immer erfüllte wenn er daran dachte, wie nahe daran er gewesen war, Ronan zu verlieren, durch seine eigenen Hände. Vielleicht lag es an der Erinnerung an diese Nacht voller Staunen und Sehnsucht nach mehr, die sie vor noch nicht einmal 48 Stunden miteinander verbracht hatten.

Was Adam aber wusste war, dass die Zeit des Nicht-Wissens vorbei war.

Er hob den Kopf, sah noch die leise Unsicherheit in Ronans Gesicht, und dann waren Ronans Lippen auf seinen. Warm und noch immer weicher, als Adam es sich je hätte vorstellen können. Es war kein Sturm, kein Traum. Es fühlte sich an wie ein erstes Mal und als hätten sie nie etwas anderes getan. Es fühlte sich an wie etwas, das keine Worte brauchte, um verstanden zu werden. Es war, was Adam gewollt hatte, ohne es überhaupt zu wissen.

Nach Atem ringend lösten sie sich voneinander. Als Adam Ronan wieder ansah, war die Unsicherheit verschwunden, stattdessen war dieses Staunen in Ronans Augen zurückgekehrt. Staunen und wildes Glück und Hunger und Hoffnung. Alles, was Adam auch in sich selbst spürte.

„Tun wir das wirklich?“, fragte Ronan leise. Seine raue Stimme und sein Atem, der über Adams Haut strich, jagten eine Gänsehaut über Adams Rücken.

„Tun wir?“, fragte Adam zurück. Seine Finger fanden den Saum von Ronans Shirt und die weiche Haut darunter. Er brauchte die Wärme. Er brauchte mehr.

„Spiel nicht, Adam.“

Adam suchte Ronans Blick.

Zerstör ihn nicht.

Sei ehrlich zu dir selbst.

„Mach ich nicht.“

Es war kein Spiel. Kein Experiment. Kein Streicheln seines Egos. Adam wusste nicht, wann es etwas anderes geworden war. Er wusste nur, dass das in seinem Inneren, was möglichst schnell, möglichst weit und möglichst für immer aus Henrietta verschwinden wollte, an einen anderen Platz rückte, wenn er mit Ronan zusammen war. An einen Platz, der aus Magie und Liebe gemacht war und über dessen wilde Schönheit das weiche Sonnenlicht Virginias floss. An einen Platz voller Flüche, voller Zärtlichkeit für alles, das Schutz brauchte, voll vom Krächzen eines Raben und eines Rabenmädchens. An einen Platz, an dem Adam nie das Gefühl hatte, etwas anderes sein zu müssen als er war.

Ronan hatte seinen Blick gehalten. Prüfend, beinahe misstrauisch. Was sagte es über diesen Jungen, dass er eher einem Sturm und einem Traum glaubte, als der Wirklichkeit? Doch dann schien er zu finden, was er gesucht hatte, denn auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Ein echtes, unbefangenes, eines, das Adams Herz schneller schlagen ließ.  

Ronan zog ihn zum Bett, zog ihn auf die weichen Laken und Adam gab einfach nach.

Und so lagen sie einander gegenüber, schweigend, ohne den Blick voneinander abzuwenden, sich unablässig berührend mit Fingerspitzen, Lippen, Nasen, Atem. Als könnten sie sonst nicht glauben, dass es echt war.

Sie waren Träumer und Magier. Ein Träumer ohne seinen Traumort, ein Magier ohne seine Magie. Sie waren Träumer und Magier, die beides nicht brauchen, um aus Sturm und Traum eine Wirklichkeit für sich selbst zu schaffen.

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