Magie ist Macht

GeschichteAllgemein / P16
14.05.2016
20.08.2017
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Der Raum war dunkel und stickig. Die abgestandene Luft und die Maske erschwerten ihr das Atmen, doch sie nahm es in Kauf. Sie kannte dieses Gefühl nur allzu gut, immerhin schnürten Korsett und Mieder ihr ständig die Rippen zusammen. In einem gewissen Maß hatte sie den anderen in diesem Raum wohl etwas voraus. Sie wusste zwar nicht genau wer sich alles hinter den Masken verbarg, doch sie war sich sicher, dass sie die einzige Frau in diesem Raum war.
Die eigentliche Besprechung war vorbei, doch einige der Zauberer wurden noch zu einem persönlichen Gespräch mit dem Dunklen Lord bestellt. Bellatrix wartete ungeduldig, denn ihre Chance selbst ein solches Gespräch zu erhaschen war gering. Sie war erst seit wenigen Wochen dabei und an diesem Tisch zu sitzen, hatte sie nur ihrer Hochzeit mit Rodolphus Lestrange zu verdanken.
Seitdem war sie öfters in diesem Raum, der ihr mittlerweile so vertraut vorkam, obwohl sie nicht genau wusste wie er aussah. Schwaches Kerzenlicht erhellte lediglich die glatte Oberfläche des Mahagonienholzes, aus welchem der Tisch gefertigt war. Der Rest des Raums hüllte sich in vollkommene Dunkelheit, aus der die Gestalten der Todesser wuchsen.
Bellatrix sah ihnen mit der Maske und dem weiten Umhang zum Verwechseln ähnlich. Doch ihre Mieder zwang sie dazu, viel aufrechter zu sitzen als die anderen. Der Stoff fühlte sich rau an ihrem Ausschnitt an, wenn er diesen streifte, und sie versteckte die viel zu zarten Hände unter den weiten Ärmeln. Sie hatte sich für ein ärmelloses Kleid entschieden um zu vermeiden, dass etwas von ihrer Kleidung die Ärmel des Umhangs seltsam ausbeulte. Vielleicht engte sie der gemusterte Rock auch etwas mehr ein, als die anderen, aber ihr war es gleich. Sie wollte gut aussehen wenn sie gerufen wurde, auch wenn sie diese Chance bisher nicht bekommen hatte.
Ihr Mann hingegen war nun schon zum zweiten Mal in dieser Woche von dem obersten Schwarzmagier zu sich gerufen worden, was sie mit tiefem Neid erfüllte. Sie konnte ihn sehen, am anderen Ende des Raums, wie er neben dem großen Sessel kniete. Wie sehr wünschte sie sich, selbst diese Position einnehmen zu dürfen…
Sie biss sich so stark auf die Unterlippe, dass sie den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge wahrnahm. Dann erhob sich ihr Ehemann und kam langsam zu ihnen gelaufen, während der nächste in der Rangfolge sich erhob. Bellatrix war wieder einmal nicht an der Reihe. Wie üblich sagte sie nichts und war froh dass die Maske ihre Enttäuschung verbarg.
Ihre Kleider raschelten leise als sie sich ebenfalls erhob und ihrem Mann nach draußen folgte, so wie es von ihr verlangt wurde. Sie war eine starke Frau, doch sie ehrte die Traditionen, obgleich sie sich oft hinter ihrem Ehemann einordnete. Auch wenn sie noch immer ihr Gesicht hinter der Maske verbarg und im Halbdunkeln kaum etwas von dem Flur wahrnahm, spürte sie die abwertenden Blicke der Zaubererportraits auf sich.
Rodolphus hatte seit ihrer Hochzeit eine andere Position eingenommen, das hatte er ihr selbst mitgeteilt. Sein Vater war ein alter Schulfreund und damit einer der längsten Gefolgsleute des Dunklen Lords und als sein Sohn und Erbe gebührte Rodolphus ein gewisser Stand. Doch auch Rodolphus selbst war ein guter Duellant und Schwarzmagier, was Bellatrix sich eingestehen musste. Wie die meisten alten Familien verstand es auch die Familie Black hinter dem Rücken der Regierung einige schwarzmagische Artefakte und Aufzeichnungen zu verstecken, doch leider war der jungen Frau bei weitem nicht eine derart gründliche Ausbildung zu Gute gekommen.
Sie lief neben Rodolphus her und anders als üblich bot er ihr nicht den Arm an. Sie war froh darüber, denn sie wollte nicht als schwach gelten. Auf einem Ball war es eine Frage der Optik und oft war sie ganz froh darüber sich an jemandem abstützen zu können, doch es passte nicht zu diesem Ort. Vollkommen bewusst hatte sie niedrige Schuhe gewählt, damit es nicht auffiel, wer sich unter dem Umhang verbarg.
Als sie den Garten betraten, apperierte Rodolphus ohne ein weiteres Wort nach Hause. Einen Augenblick sah Bellatrix auf das Haus zurück, sah die schwach erleuchteten Fenster hinter denen der Tisch stand, an dem sie gesessen hatte und an der ihr Schwiegervater auf eine Besprechung wartete. Eine Besprechung, an der sie wohl nie teilnehmen würde. Mit einem Seufzten apperierte sie zurück.

Sie ließ die Maske verschwinden und sah sich um. Der Garten war durch einige Fackeln erleuchtet, die auf magische Art brannten und selbst dem Teich eine gemütliche Atmosphäre gaben. Rodolphus wartete einige Schritte entfernt auf sie, blickte jedoch zu dem Haus, in dem noch Lichter brannten. Um ihren Garten herum waren Muggelhäuser, deren Anblick auf ebenfalls magische Weise retuschiert wurde, ebenso wie der Lärm den sie machten.
Leichtfüßig trat sie zu ihrem Mann und griff nach dessen ausgestrecktem Arm. „Etwas unnötig für den kurzen Weg“, kommentierte sie dennoch und sah auf die Pflastersteine, die vollkommen frei von Moos und Flechten waren.
„Es ist eine Frage der Etikette“, bemerkte Rodolphus, als hätte er diese Worte auswendig gelernt. Dabei führte er sie vorbei an den sorgsam angelegten Beeten. In dem schwachen Schein der Fackeln, konnte Bellatrix nicht einmal mehr sagen was in ihnen wuchs. Immerhin beherbergte der Garten nicht nur Blumen sondern auch ein paar Heilkräuter und immer wieder dazwischen versteckt einige giftige Gewächse.
„Was hat er dir gesagt?“, fragte sie frei heraus und wandte ihren Blick von einer hüfthohen Staude ab. Sie hatte nicht länger an sich halten können und die Wahrscheinlichkeit hier belauscht zu werden war verschwindend gering. Doch sie musste gestehen, dass sie letzteres nur wenig interessierte. Viel zu sehr brannte ihr die Neugier unter den Nägeln.
„Nichts, dass dich interessierten sollte“, erwiderte Rodolphus augenblicklich und mit einem scharfen Zischen. Sie spürte wie sich die Muskeln in seinem Arm anspannten und obwohl es dunkel war, glaubte sie erkennen zu können wie sich seine Gesichtsmuskeln verhärteten.
„Ich bin deine Ehefrau! Ich habe ein Recht darauf es zu erfahren!“, zischte sie zurück. Ärgerlich zog sie die Brauen zusammen und ihre rissigen Lippen begannen zu beben. Sie griff mit der freien Hand nach seinem Arm und blieb stehen, wie ein bockiges Kind. Es war ein Reflex, denn wenn es um Körperkraft ging war ihr Rodolphus um einiges überlegen.
Doch er blieb tatsächlich stehen und drehte sich ihr zu. „Wenn er es dir nicht sagt, dann geht es dich auch nichts an! Glaubst du, dass meine Mutter weiß was wir tun?“, fragte er leise, jedoch mit bedrohlichem Ton. Seine Körperhaltung war steif und stolz, vermutlich würde er damit jede andere Frau einschüchtern, doch Bellatrix sah es eher als Provokation.
„Deine Mutter hat auch kein Dunkles Mal und alles was sie tut ist den ganzen Tag ihren Hintern platt zu drücken“, entgegnete Bellatrix ihm nun wirklich verärgert. Sie hasste es als ein schwächliches Weib behandelt zu werden. Sie hasste es immer wieder zu spüren, dass sie nicht ernst genommen wurde. Und vor allem hasste sie die Tatsache nicht zum engsten Kreis zu gehören.
„Rede nicht so von ihr!“, befahl Rodolphus. Bevor Bellatrix antworten konnte, drehte er sich wieder um und mit schnellen, zornigen Schritten betrat er die Terrasse, ohne sich auch nur einmal zu ihr umzudrehen. Verloren stand sie auf dem Weg, der sich nicht nach Heimat anfühlte. Die Wut kochte weiterhin in ihr, doch sie zwang sich zur Ruhe.

Sie hatte kein Problem mit den langen Sitzungen. Immerhin verbrachte sie den ganzen Tag zu Hause, selten traf sie sich mit ihrer jüngeren Schwester oder besuchte ihre Eltern. Rodolphus hingegen hatte eine feste Stelle im Ministerium, ironischerweise als Fluchbrecher. Zwar brachte sein Beruf einige Vorteile mit sich, wie den freien Zugriff auf allerlei verbotene Literatur, aber es bedeutete auch, dass er dort regelmäßig auftauchen musste um keinen Verdacht zu erregen. Ihr Schwiegervater war ebenfalls oft unterwegs und würde es kaum wertschätzen wenn sie die Tür hinter sich zu knallen würde. Von ihrer Schwiegermutter ganz zu schweigen. Wenn man ihren Schönheitsschlaf störte wurde sie regelrecht zum Drachen.
Dementsprechend leise betrat sie das Haus und schlich die Treppe hinauf. Ihre Fingernägel gruben sich schmerzhaft tief in ihre zarten Handflächen, doch das störte sie wenig. Ganz im Gegenteil, der Schmerz schien ihre Wut etwas zu lindern.
Im Bad sah Bellatrix Licht brennen und entschied sich daher ins Schlafzimmer zu gehen. Sie hatte keine Lust erneut mit ihrem Mann aneinander zu geraten und hoffte darauf ein zweites Gespräch umgehen zu können. Rasch befreite sie sich von dem zu enggeschnürten Mieder und schlüpfte aus ihrem Kleid. Der kalte Stoff des Nachthemds glitt wie Seide über ihren Körper. Mit einem routinierten Handgriff warf sie ihre langen Locken über die Schulter und griff zur Haarbürste, welche auf einer kleinen Kommode lag.
Unsanft fuhr sie damit durch ihr langes, lockiges Haar und rupfte sich so viel zu viele Haare aus, was wohl einige andere Frauen zum Weinen bringen würde. Es schürte ihre Wut zusätzlich, doch sie spürte wie das Zentrum ihres Ärgers langsam von Rodophus wegrückte und auf sich auf sie selbst richtete.
Ihr wurde bewusst, wie leichtsinnig sie ihre Chancen auf ein paar Informationen verspielt hatte. Rodolphus war simpel gestrickt und sie hätte sicher einiges aus ihm heraus bekommen, wenn sie sich mehr angestrengt und nicht ihren Gefühlen freien Lauf gelassen hätte. Zwar war ihre Beziehung nicht auf Liebe aufgebaut, dennoch war er ein einfacher Mann, dem es gefiel wenn er bewundert wurde.
Sie legte die Bürste beiseite und betrachtete ihr Spiegelbild, als es klopfte. Sie zuckte zusammen. Ihr Mann klopfte nie und es war absolut nicht üblich, dass jemand um diese Uhrzeit noch etwas von ihr wollte. Rasch fasste sie sich wieder und straffte die Schultern. Dann sagte sie möglichst entspannt: „Herein.“

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Schwiegervater sie noch zu so später Stunde aufsuchen würde. Es bedrückte sie etwas. Hatte sich der dunkle Lord bei ihm über ihre Dienste beschwert? Oder hatte sich gar Rodolphus bei ihm ausgeweint? Wieder spürte sie wie der Ärger in ihr aufkeimte.
„Ich hoffe ich störe dich nicht“, sagte Lestrange Senior, als würde er wissen wie angespannt sein Gegenüber war. Andererseits klang es sehr beiläufig, wie eine höffliche Floskel. Sie verneinte daher artig und machte sich auch keine Gedanken darüber, ob es nun angebracht war in einem leichten Nachthemd vor ihm zu sitzen oder nicht.
„Ich hatte das Gefühl, dass… deine Erwartungen nicht erfüllt wurden“, stellte er fest und es klang wie eine Anschuldigung. „Es ist mir wichtig, dass du dich hier wohl fühlst.“
Bellatrix war unschlüssig darüber wie sie mit seinen Worten umgehen sollte. Zum einen wollte sie ihrem Ärger Luft machen, eine bessere Position einfordern, doch zum anderen wusste sie auch, dass ihr Schwiegervater kein gütiger Mann war und es ihm wohl mehr daran lag keinen Streit im Haus zu haben als eine glückliche Bellatrix.
„Ich habe alles was ich brauche“, sagte sie daher lieber. Bellatrix bemerkte dabei, dass sie bei weitem nicht so unterwürfig klang wie sie sollte.
Ein knappes und unverschämt falsches Lächeln umspielte für einen Moment seine Lippen, als hätte sie einen schlechten Witz gemacht. Es wäre unhöflich nicht wenigstens das Lächeln zu erwiedern. „Das freut mich zu hören“, sagte ihr Schwiegervater mit eher gleichgültigem Ton, „gilt das auch für die Ehe?“
Am liebsten hätte sich Bellatrix auf die Zunge gebissen, doch sie versuchte möglichst gelassen zu bleiben. Sie konnte nicht glauben, dass Rodolphus sie wirklich verpetzt hatte, noch dazu so schnell. Sie stritten zwar in letzter Zeit immer häufiger, aber eventuell fragte Lestrange Senior tatsächlich aus reiner Höflichkeit. „Ich denke, jedes Paar hat ab und an unterschiedliche Meinungen“, erklärte sie, „noch dazu wenn man an der… selben Stelle… tätig ist.“
Die Augen des Älteren verengten sich etwas. Sie wusste, dass er nicht sonderlich begeistert davon war wie sie sich auch in ihren Kampf um das reine Blut einbrachte. Viel mehr wünschte er sich sie würde bereits einen Erben unter ihrem Herzen tragen. Doch er hatte ihre Entscheidung akzeptiert und darüber konnte sie mehr als glücklich sein.
„Das versteh ich sehr gut“, log Lestrange Senior. Er war ein Mann, der keine Wiederworte duldete, ausgenommen sie kamen vom dunklen Lord persönlich. „Aber du musst den Konkurrenzkampf vergessen. Der Einzelne ist nicht wichtig, es geht um das große Ganze. Deine Wut macht dich nur unnötig blind.“ Er wusste sicherlich selbst wie verlogen seine Worte waren, denn jeder einzelne Todesser lechzte nach einem höheren Rang, höheren Ehrungen und mehr Macht.
„Du bist keine Black mehr“, fuhr er fort, „du musst deinen Wert nicht mehr beweisen. Wir sind weit oben in der Hierarchie und du mit uns.“ Bellatrix nickte schwach und wagte es nicht noch einen weiteren Konflikt mit ihrem Schwiegervater einzugehen.
Seine Haltung entspannte sich. „Rodolphus meinte du musst noch einiges lernen. Wenn du nicht gut genug bist, stellst du eine Gefahr für die Todesser dar.“ Und eine Schande für ihn, doch das erwähnte er nicht. „Ich rate dir also zu üben.“
Sie reckte ihr Kinn und für einen Moment grinste sie, hoffentlich nicht zu feindselig.
„Natürlich. Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater.“ Denn wenn sie scheitern würde, wäre ihr Traum vorbei. Sie brannte darauf beweisen zu können was in ihr steckte. Allerdings ahnte sie nicht dass sie schon sehr bald Gelegenheit dazu haben würde.

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