Der letzte Atemzug

von scota
OneshotDrama, Schmerz/Trost / P16 Slash
Jacob Wells / Will Wilson Paul Torres / Billy Thomas
13.05.2016
13.05.2016
1
2015
 
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Der letzte Atemzug

'Es ist Glück, Freunde zu haben, Menschen zu kennen, die einen mögen, die zu einem kommen, zu denen wir gehen können. Das gibt uns so viel Sicherheit.' - Unbekannt

Beitrag zum Wettbewerb „Das Glück“ von KarateChaotenforever



Jacob strich sich über die Stirn, raufte sich die braunen Haare. Unruhig wippte er mit seinem Bein. Er spürte die Wut – die Hoffnungslosigkeit, in sich aufsteigen. Er konnte nicht stillsitzen. Das Telefon lag vor ihm. Die Nummer von Emma eingespeichert, obwohl Jacob sie schon lange auswendig konnte. Tausende Male hatte er die Zahlenkombination abgetippt. Immer wenn das Licht des Bildschirmes erlosch, die Nummer nicht mehr zu erkennen war, tippte Jacob auf eine der Tasten. Ließ die Beleuchtung wieder angehen. Er kontrollierte den Akku – er wollte nicht wegen einer Kleinigkeit den Kontakt verlieren, verpassen, wenn sie anrief. Sich erklärte - ihm erklärte, warum. Warum sie Paul und ihn zurückgelassen hatte. Zugelassen hatte, dass sie Paul durchschossen wie einen Schweizer Käse. Sie war einfach verschwunden, hatte nicht einen Blick zurückgeworfen.
Tränen stiegen ihm in die Augen – er verachtete sich für seine eigene Schwäche. Immer wieder fielen einzelne, salzige Tropfen auf den Holztisch. Er wischte sie weg; ließ keine Zeugen seiner Schwäche überleben. Er verachtete sich. Er verachtete Emma.
Er war schwach und lächerlich. Er schaffte es nicht. Er schaffte nichts. Jämmerliches Husten riss Jacob aus seinen Gedanken – aus der Wut, die sich immer weiter in seinen Körper ausbreitete - ihm zu überwältigen drohte. Er sprang auf, warf den teuren Stuhl um. Er beeilte sich, lief zur Couch. Ein Stück, auf das seine Mutter immer stolz war. Früher, durfte er nie auf den teuren Polstermöbeln spielen, durfte nicht in die Nähe ihres teuren Teppichs. Ein verächtliches Schnauben glitt über seine Lippen. Besorgt strich er Paul über die verschwitzte Stirn. Sanft liebkoste er die Wange. Das Fieber hielt ihn in der Bewusstlosigkeit gefangen.
„Paul...“, brüchig glitt der Namen über seine Lippen. Jahre hatten sie zusammen gelebt, zusammen gelogen. Paul war sein Freund – ein Mensch, den er zuvor nie in seinem Leben gehabt hatte. Er hasste sie. Er hasste Emma für das, was sie ihm angetan hatte. Er wischte Paul den Schweiß von der Stirn. Jacob zog seine Hand zurück, blickte auf die verfärbte Haut. Blut. Überall. Er zuckte zusammen, zog sich zurück. Er wollte – nein! - er konnte Paul nicht gehen lassen. Hektisch richtete er sich auf, versuchte, das eingetrocknete Blut an seiner dreckigen Hose abzuschmieren.
Er rannte ins Bad, besorgte den Verbandskasten unter dem Waschbecken. Seine Mutter war Krankenschwester – sie hatte ihn solche Dinge gezeigt. Er leerte den Inhalt, die Pflaster, die Kompressen, die Handschuhe und die Binden auf den kleinen Wohnzimmertisch. Er durchsuchte die Auswahl, konnte sein eigenes Blut im Körper pulsieren hören. Er griff nach den Verbänden, deckte Pauls erhitzten Körper auf. Die schwarze Decke war durchtränkt mit Blut. Er schmiss sie auf den Boden unterdrückte weitere Tränen, die sich an die Oberfläche kämpfen wollten. „Paul“, sagte er mit rauer Stimme. Es beruhigte ihn, diesen Namen auszusprechen.
Seine Kehle war trocken – als hätte er tagelang keinen Schluck zu sich genommen. Jacob versuchte, Paul wach zu halten. Er brauchte Paul. Er durfte ihn nicht verlassen. Das Fieber zerrte an seinen Nerven. Deuteten auf die Entzündung hin, die ihm dazu bringen wollten, ins Krankenhaus zu fahren. Sie durften nicht – sie konnten nicht. Das ganze verdammte Land suchte nach ihnen. Was konnte er nur tun? Was konnte er überhaupt gegen eine Schusswunde tun? Er schob das zerstörte Oberteil nach oben. Legte die Wunde frei, tauschte die vollgesogenen Kompressen gegen die Frischen aus. Er übte Druck auf die Wunde aus, um den Blutfluss zu stoppen, der begonnen hatte, als er das alte Wundtuch entfernt hatte.
Seine Hände zitterten. Er schluckte den Kloß hinunter, der sich in seiner Kehle gebildet hatte. Er drohte daran zu ersticken. Ein unterdrücktes Schluchzen glitt über die spröden Lippen. Seine Kehle war trocken, mit jedem weiteren Schluck wurde sie trockener. Hatte er tagelang nichts getrunken? Die letzten Tage verschwammen immer weiter – verschoben sich in die Vergangenheit. Sie wirkten, wie ein dunkler Schatten. Er sah auf, blickte in tränengefüllte braune Augen. „Hey...“, er räusperte sich, bedeckte die verbundene Verletzung mit dem Stoff des T-Shirts. Er würde im Schrank seines Vaters nach sauberen Kleidungsstücken suchen.
Paul würde es helfen. „...He..ey“, schwach glitten die Worte über Pauls Lippen und dennoch erfüllte das Wort Jacobs Körper mit Euphorie. Ein Lachen kroch aus seiner Kehle, erleichtert strich er ihm über die Wange – störte sich nicht an den Stoppeln, die zuvor gestört hatten. Bei ihren Küssen, bei ihrer Show. 'Antibiotika', schoss es ihm durch den Kopf. Er richtete sich auf, lief zum Schrank, durchsuchte die Schubladen. Seine Mutter war Hypochonder. Überall lagen Mittelchen herum. Er konnte – er durfte Paul nicht verlieren! Er würde es nicht ertragen, ihn zu verlieren.

*~*~*


Jacob hielt die Augen geschlossen. Er spürte die warmen – fremden Fingern, die sich unter den dünnen Stoff des Pullovers schoben. Sich nicht daran störten - sich nicht aufhalten ließen. Jacob spürte den Alkohol, er stieg ihn zu Kopf, hinterließ ein Schweregefühl. Unsicher, vorsichtig bewegte er seine Lippen.
Das ganze Spiel setzte ihm zu. Die Lügen – Sarah.
Emmas Gesicht schob sich vor seine Augen. Ihre blassen Wangen, die dunklen Haare. Er konnte...er durfte nicht an sie denken. Seine Hand schob sich in die kurzen braunen Haare. Er verdrängte die Gedanken. Es war zu spät - es gab kein Zurück. Er wollte das, er wollte Paul.

„Bitte...“ Jacob schluckte. Die Worte hallten in dem Raum aus. Seine Augen glitten über den Körper. Paul zitterte, der Körper bebte unter den Fieberschüben. Besorgt richtete er sich auf, er spürte die Müdigkeit. Seine Augen drohten zuzufallen. Tagelang hielt er seinen Körper wach. Er war schwach, gab nach. Sein Blick fiel auf das hellbraune Kissen. Ein Mittel zum Zweck – wie ein Messer. Wie die Kugeln, die sich in Pauls Brust gebohrt hatten. Er kannte die Theorie.

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Nervös knetete Jacob seine Hände. Er hörte die unterdrückten Laute – das unterdrückte Stöhnen, die Hilferufe. Es ließ seinen Stresspegel ansteigen. Schweiß trat auf seine Stirn. Er konnte nicht! Er hatte noch nie-.
„Du hast noch nie?“, ein Lachen mischte sich unter die Stimme des Mannes, den Joe für ihre Aufgabe ausgewählt hatte. Er sollte perfekt zu ihnen passen. Zu Emma und ihm.
„Nie“, gestand er leise – flüsternd.

Unaufhörlich liefen die Tränen über Jacobs Wange. Sie wollten nicht versiegen, benetzten den Stoff des Kissens. Das letzte Zucken des Körpers unter ihm hatte gestoppt. Die Hände, die sich verzweifelt festgekrallt hatten, waren erschlafft. Jacob warf das Kissen weg, entsetzt von seiner eigenen Handlung. Er hatte... - Paul war sein erstes Mal. Zittern drückte er seine Lippen auf die schweißnasse Stirn.
„Ich liebe dich...“, hörte er die vertraute Stimme noch immer in seinem Kopf. Sie hallte in ihm nach. Gebrochen hatte Paul die Worte über seine rissigen Lippen gebracht. Als hätte er nur noch dieses eine Geständnis gebraucht um diese Welt zu verlassen um Jacob zu verlassen.

*~*~*


Er griff nach seiner Jacke, zog sie über. Der Anruf lag einige Zeit zurück. Jacob spürte noch immer sein Glück zerrinnen, wie Sand in seiner Hand. Er hatte das Glück, Freunde gehabt zu haben, Menschen zu kennen, die ihn mochten, zu denen er gehen konnte. Er hatte alles innerhalb von wenigen Stunden verloren. Wie eine Feder im Windzug. Die alte Sicherheit war verschwunden. Seine Gedanken galten Emma – seiner Rache und Paul.

~*~*~*~


Vorgaben:
Spruch: „Es ist Glück, Freunde zu haben, Menschen zu kennen, die einen mögen, die zu einem kommen, zu denen wir gehen können. Das gibt uns so viel Sicherheit.“ (Unbekannt)
Extra-Vorgabe: Ein Charakter soll Probleme haben, die sein gesamtes Verhalten beeinflussen.

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