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Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
13.05.2016
05.06.2019
74
85.227
20
Alle Kapitel
93 Reviews
Dieses Kapitel
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14.05.2019 1.447
 
Leni





Familientherapeutin. Klar. Mit wem wenn nicht mit einer Frau dieser Berufsgruppe sollte Joko zusammenkommen? Er ist das perfekte Testobjekt für alle möglichen Therapieansätze. Dank seiner Zeit mit Klaas wäre er für die Erforschung der Elektroschocktherapie geradezu prädestiniert. Aber wir? Wir? Ich gebe zu, wir sind nicht perfekt. Aber niemand ist das. Wir haben unsere Macken, wir haben unsere Kanten. Das macht uns doch gerade liebenswert. Bei „Bares für Rares“ wären wir unterschätzte Geldbringer, die bislang hinter den alten Winterreifen in der Garage verstaubt sind. Wir sind nicht wunderschön und nicht von allen verstanden, aber wir brauchen sicher niemanden, der uns analysiert. Das ist immer noch meine Aufgabe, wenn nicht meine Berufung.

Familien, die eine Therapie brauchen, sind beispielsweise Öko-Hipster, die sich ein Tiny House zugelegt und währenddessen Kind Nummer Drei gezeugt haben. Niemand, wirklich niemand!, kann mir glaubhaft versichern, es mache einen Menschen dauerhaft glücklich, sein Geschäft im Ess/Wohn/Schlafzimmer zu verrichten, während der Nachwuchs Gemüse schnitzt und die Frau über ihrer Bachelorarbeit zum Thema „Feminismus in Männerdomänen“ sitzt und dabei Kamillentee trinkt, den sie selbst auf dem Dach züchtet. Es macht nicht glücklich, zwei weiße Shirts und eine Jeans aus dem Rote-Kreuz-Laden zu besitzen und wer etwas anderes behauptet, lügt. Tiny Houses und ihre Bewohner sollten einen eigenen Staat gründen und sehen, was sie draus machen. Zahlreiche Reportagen haben bewiesen, dass selbst in Kommunen Nachbarschaftsstreit wegen nicht fristgerecht entsorgtem Sperrmüll stattfindet. Egal, wie liberal und „peace, love and life is beautiful“ sie sind, wie bereit sie sind, alles zu teilen und ihre Kinder selbst zu unterrichten (nicht in Mathe, dafür aber in Nächstenliebe!), sie finden es zum kotzen, wenn nach 22 Uhr noch laut Musik gemacht wird oder der Grasgeruch in den frisch handgewaschenen Bettlaken hängen bleibt. Niemand freut sich darüber, wenn der Nachbar nackt Gemüse erntet und wenn ich noch einmal das Wort Jurte höre, kotze ich.

Diese Menschen sollten eine Familientherapie in Erwägung ziehen, zumindest, nachdem ihr Sozialexperiment so glorreich gescheitert ist. All die Jörns, Philipps, Annes und Peers. Setzt euch in Meikes heimelige Praxis und lasst euch berieseln von ihrer Zeitrafferstimme. Spielt mit Figuren Beziehungen nach, reißt Papiertaschentücher aus bunten Boxen.

Ich brauche mich nicht beobachten zu lassen, um zu wissen, dass ich Probleme habe. Dass wir alle Probleme haben. Aber sie sind meine Familie. Mit all diesen Problemen, mit unseren Auseinandersetzungen und Fehlern. Immerhin können wir aufeinander zählen. Alle für alle.

„Ich weiß, bei uns läuft einiges anders als bei anderen“, höre ich mich über den erkalteten Milchkaffee hinweg sagen. Die Aufmerksamkeit ist mir sicher.

„Eine späte Erkenntnis“, findet Joko als erster seine Sprache wieder. Meike stößt ihm strafend in die Seite. Er verdreht die Augen. Ich unterdrücke ein Lachen, genau wie Olli, weil er mich kennt und weiß, dass ich das alles so ärgerlich wie amüsant finde.

„Es muss nicht laufen wie bei allen anderen. Es gibt nicht den einen richtigen Weg.“

„Nein, ich weiß. Aber wir haben viele falsche Wege genommen“, wiederhole ich, „und das war vielleicht unser Glück.“

„Jetzt klingst du wirklich ein bisschen verrückt“, wirft Olli ein.

„Ach, halt die Klappe“, fahre ich ihn an, „seit Wochen versuche ich, dich dazu zu bringen, mit Paulina zu sprechen, ohne mich zu sehr einzumischen. Aber du bist so verdammt stur, Schulz, du würdest schweigend ins Grab gehen. Ist es das wirklich wert? Weißt du eigentlich, was für ein verdammtes Glück du hast, diese Frau gefunden zu haben? Wenn du das wegwirfst, wirfst du auch meine Vorstellungen von einer glücklichen Beziehung weg, also bitte tu es nicht. Nicht so. Vielleicht bleibt ihr nicht zusammen und das ist scheiße, aber okay, aber nicht miteinander zu reden ist schwach.“

„Ach?“, fragt Olli.

„Das ist etwas anderes“, erinnere ich ihn, „das wir nicht miteinander sprechen ist notwendig.“

„Ja“, er lehnt sich zurück, „ich weiß.“

Ich weiß nicht, was genau mich an Meike so aufregt. Sie ist nett. Sie therapiert uns nicht. Vielleicht die Tatsache, dass sie ausgeglichen wirkt und ich nicht den blassesten Schimmer habe, wie sich das anfühlt. In Balance sein – für mich ist das eine Teesorte und kein Zustand. Sie strahlt Zufriedenheit aus. Zufriedenheit. Wenn ich mich beschreiben müsste, käme das Wort auch nach hundert Seiten noch nicht vor. Ich bin nicht zufrieden. Manchmal denke ich, ich war es nie. Ist mein Leben so verlaufen, wie ich wollte? Ich habe tolle Kinder. Einen ewig jungen Mann, der sich die Welt vorstellen kann, während ich kaum außerhalb meiner eigenen vier Wände denke. Es ist verrückt, dass wir uns noch immer haben. Nach allem, was passiert ist. Und wie immer weiß ich nicht, ob es die richtige endliche Entscheidung war oder was noch kommt. Aber Fakt ist, dass man das nie tut. Ich könnte nächste Woche ungeplant schwanger werden. Oder von einer Straßenbahn überrollt. Meike könnte Joko verlassen, Paulina könnte in der Zwischenzeit die Scheidung eingereicht haben. Oder Adoptionsunterlagen. Das Leben ist voller Möglichkeiten. Es klingt abgedroschen, ja, aber wir leben in einer Welt, die manchmal gerade dann endlos erscheint, wenn man sich Grenzen wünscht.

„Geht’s dir gut?“, fragt Jan mich leise. Ich lächle.

„Wir haben im Moment alle unsere Probleme und ich würde sie so gerne für euch lösen, weil ich es hasse, euch leiden zu sehen“, sage ich, „ihr seid meine Familie. Ihr alle. Und ich habe mich noch nicht bei euch dafür entschuldigt, dass Klaas nicht hier ist. Obwohl es meine Schuld ist. Ich habe eine Reihe schlechter Entscheidungen getroffen und es tut mir leid. Er fehlt mir. Er fehlt euch. Ich habe keine Ahnung, ob es je wieder gut wird, aber ich hoffe es.“

„Es ist nicht deine Schuld“, sagt Olli, „dafür kann keiner was. Sowas passiert.“

„wie viel Glühwein habt ihr getrunken?“, fragt Joko amüsiert.

„Nein, mir geht’s gut. Und ich bin nicht betrunken. Es ist nur, dass ich gerade erkannt habe, dass wir oft gegeneinander arbeiten, in dem Glauben, dem anderen zu helfen. Wir müssen endlich anfangen, an einem Strang zu ziehen.“

„Und wie stellst du dir das vor?“, fragt Jan verwirrt.

„Bedingungslose Unterstützung“, sage ich, „ich habe noch nie jemanden bedingungslos unterstützt.“

„Das ist nicht wahr“, widerspricht mit Joko, „ich kenne niemanden, der so bedingungslos für uns da ist wie du.“

„Das stimmt nicht. Es war nie bedingungslos. Und das weißt du auch.“

„Nichts ist je wirklich bedingungslos.“

„Ja, vielleicht hast du Recht. Aber ich wills wenigstens versuchen“, ich sehe zu Olli, „bitte ruf sie an. Bitte. Du wirst weiter leiden, wenn du es nicht tust. Ich habe kein Recht, dir Beziehungstipps zu geben, aber lerne wenigstens aus meinen Fehlern. Unseren Fehlern. Das Jan und ich noch zusammen sind, ist kein Wunder, sondern Arbeit. Aber weil wir es noch sind, soll es so sein. Und ich glaube an Paulina und dich, das habe ich immer getan. Bitte, Olli, ich ertrage es nicht mehr, dich so zu sehen. Du bist mein großes Vorbild.“

„Das tut mir leid“, er grinst, „bitte denk nochmal drüber nach, wen du dir zum Vorbild nimmst.“

„Dich. Nur dich.“

Und das wird auch immer so bleiben. Olli Schulz verkörpert alles, was ich mir von meinem Leben erhoffe. Einen Standpunkt und eine Meinung, die Größe, Fehler einzuräumen und sich zu entschuldigen, wenn es nötig wird. Da zu sein, aber nicht immer erreichbar, Prioritäten habend und vertretend, so voller Leidenschaft sein, dass es ab und an schmerzt. Alles, was er ist, strebe ich an. Niemals aufhören, sich zu bilden, niemals aufhören, die Stimme zu erheben und einzustehen für das, an das man glaubt. Und ich glaube an ihn und Jan, Joko und Klaas. Ich glaube an diese Konstellation und das es gut wird.

„Du rührst mich“, Olli überspielt es, doch er ist es tatsächlich, „ich sehe, was ich tun kann, okay?“

„Okay“, ich nicke, „und noch etwas. Was Klaas angeht –“

Künstlerische Pause für allgemeines Ausatmen.

„Immer, wenn ich etwas sehe und an ihn denken muss, will ich mich bei ihm melden. Ich will wichtige Themen mit ihm besprechen und Fotos von den Kindern schicken. Ich will wissen, was in seinem Leben passiert und ob es ihm gut geht. Das wird sich vielleicht nie ändern und ich kann deshalb nicht immer ein schlechtes Gewissen haben.“

„Ich hab mich längst damit abgefunden“, sagt Jan und lächelt mich an. Ich erwidere es erleichtert.

„Wow“, Meike, die lange nichts mehr gesagt hat, nickt mehrmals, „wow.“

„Ich habe dich gewarnt“, erinnert sie Joko mit einem breiten Grinsen, „das ist meine Familie. Das solltest du wissen.“

„Ihr seid eine Familie“, sie grinst.

„Willkommen in meiner Welt“, murrt Olli augenverdrehend, „weißt du, wie viele Jahre mich diese Menschen gekostet haben? Ganz abgesehen von den Nerven. Ich hatte mal volles schwarzes Haar.“

Er greift sich in seine grauen Haare. Die Kinder lachen. Wir alle lachen.
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