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Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
13.05.2016
05.06.2019
74
85.227
20
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
12.11.2018 1.031
 
Jan





„Für mich kein Dessert, danke.“

Wir sitzen vor unseren Kaffees, schweigend. Leni hat sich seit dem Verlassen des Weihnachtsmarktes um die Stimmung bemüht. Vergebens. Und ich muss mir eingestehen, dass die drei nicht ohne Klaas funktionieren. Das System ist auf Vier ausgelegt. Ein Zahnrad ist entfernt worden. Leni sagt, dass sie glücklich ist, aber ich habe ihren Blick gesehen, als Felix sagte, er vermisse Klaas. Sie schlägt sich gut. Redet selten von ihm. Schlimmer als ihr stetes Bemühen um die Überbrückung dieser Lücke ist nur Ollis Miene. Als er sich auf eine Zigarette nach draußen verabschiedet, warte ich zwei Minuten, dann entschuldige ich mich und folge ihm nach draußen.

„Hat Leni dich auf mich angesetzt?“, fragt er, ehe ich etwas sagen kann, „sollst du die glückliche Ehe promoten?“

„Rede mit deiner Frau“, ich gehe über den bissigen Kommentar hinweg.

„Und das ausgerechnet von dir?“

„Ja, das habe ich verdient“, gebe ich zu, „Waffenstillstand, richtig?“

„Richtig“, brummt er.

Leni liegt viel an Ollis Ehe. Paulina und er sind eine Art Vorbild für sie. Also stecke ich ein bisschen mehr Mühe als üblich in die Rettung einer Ehe, die nicht meine ist. Olli scheint skeptisch. Obwohl er in der ersten Glühweinlaune schon zum Handy gegriffen hat, hat er Paulina nicht erreicht und das ganze Essen über mit einer finsteren Miene neben Leni gesessen, die unruhig in ihrem Gemüse gestochert hat.

„Rede mit ihr“, wiederhole ich.

„Und was soll ich ihr sagen?“, fragt er. Er bezieht mich mehr in die Sache ein als ich erwartet hatte.

„Kommt drauf an“, sage ich, „was du willst.“

„Ich will Kinder“, sagt Olli, „adoptiert oder in Pflege, wie auch immer, aber es fehlt etwas in meinem Leben. Du solltest das am besten verstehen.“

Ich seufze. Setze mich neben ihn auf die Bank.

„Und sie nicht?“

„Sie nicht“, antwortet er niedergeschlagen, „sie glaubt, es hat einen Grund, dass wir keine Kinder bekommen haben. Was für ein beschissener Grund soll das sein? Sind wir keine guten Menschen? Wären wir keine guten Eltern? Wir wären verdammt gute Eltern!“

Ich muss mich auf ihn konzentrieren, während meine Gedanken immer wieder zu Leonard schweifen.

„Auf was läuft das hinaus?“, frage ich.

„Ich kann das so nicht mehr. Ich liebe sie, aber ich wollte immer Kinder. Immer. Du hast verdammt großes Glück, weißt du das?“

„Oh ja. Glaub mir, das weiß ich“, keine Frage, „ruf sie an. Vielleicht hat sie es sich anders überlegt oder sie verlässt dich, aber du weißt es erst, wenn du mit ihr sprichst. Willst du für immer in dieser Schwebe hängen? Deine Freunde machen sich Sorgen um mich. Dir geht’s nicht gut, das hat selbst Meike sofort gesehen und die hat dich heute erst kennengelernt.“

„Das wird mir hier jetzt etwas zu sehr Jürgen Domian“, Olli drückt seine halb gerauchte Zigarette an der Hauswand hinter sich aus.

„Normalerweise ist Leni für solche Dinge zuständig, aber sie hat versprochen sich rauszuhalten“, sage ich.

„Ja“, mehr sagt er nicht.

Wir setzen uns wieder zu den anderen und ich überlege, wie ich Jokos Freundin davon überzeugen kann, dass ich weniger schlimm bin als er mich vermutlich verkauft hat und dass diese Gruppe im Grunde jeder x-beliebigen Familie ähnlich ist. Sie streiten sich, sie vertragen sich. Leni ist dieser Abend genauso wichtig wie Joko. Ich sehe zu den Kindern, die Tischsets ausmalen und ihr Eis schmelzen lassen um es wie Suppe zu löffeln.

„Was machst du eigentlich so, Meike?“, frage ich. Smalltalk. Leni wirft mir einen vielsagenden Blick zu und nippt an ihrem Milchkaffee. Sie findet Jobgespräche uninteressant. „Das Uninteressanteste an einem Menschen ist seine Arbeit“, sagt sie immer. Olli spielt mit seinem Feuerzeug und Joko ist verliebt. Er hat sich dazu entschieden, es auszusitzen. Keine Gespräche, keine Konflikte.

„Ich bin Familientherapeutin“, antwortet sie in aller Seelenruhe. Leni knallt ihre Tasse geräuschvoll auf den Unterteller. Ich zucke zusammen.

„Interessant“, sagt sie. Ich sehe, wie ihre Nasenflügel zittern. Sie ist gestresst.

„Keine Sorge, dass hier ist meine Freizeit. In der therapiere ich grundsätzlich nicht“, sagt Meike lachend. Der Witz verfehlt das Ziel.

„Gäbe es denn viel an uns, das du analysieren könntest?“, gibt Leni lauernd zurück. Olli lässt das Feuerzeug zuschnappen und sieht von einem zum anderen. Bei mir bleibt sein Blick am längsten hängen. Ich deute ein Lächeln an.

„Die Frage stellst du nicht im Ernst“, sagt Joko unter hochgezogenen Augenbrauen, „wir sind ein wahrgewordener Traum für jede Therapeutin.“

Falsch liegt er nicht. Meike ist zu höflich, um es zuzugeben, aber sie sind erstklassiges Material für Bachelor- und Doktorarbeiten. Dieses Abhängigkeitsverhältnis bewegt sich Wahnsinn und Wunder. Vielleicht fragt sie sich auch, ob es für sie überhaupt einen Platz gibt in diesem engen Gespann. Ein Mehrheitsentscheid würde zu ihren Gunsten ausfallen, damit ist sie drin. Nach all den Jahren habe ich das System durchschaut. Nur nicht durchdrungen.

„Ach komm“, Meike stößt Joko verschüchtert an, „so ist das nicht.“

„Wir haben alle unsere Probleme“, nuschelt Olli, „ich bin für jede Hilfe dankbar, also wenn du mich zwischen meinem nächsten Kaffee und der Heimfahrt ein bisschen therapieren willst, bitte.“

„Was? Ich versuche, dir zu helfen, Olli!“, regt sich Leni mit gedämpfter Stimme auf, „ich tue seit Wochen nichts anderes. Aber wir hatten uns darauf geeinigt, uns nicht mehr in die Beziehungen der anderen einzumischen. Oder nicht?“

Olli reagiert nicht auf sie, sondern lobt ein Bild, das Paul ihm vor die Nase hält. Leni läuft rot an und rührt wütend in ihrem Kaffee.

„Wenn ich euch das vorher erzählt hätte, hättet ihr euch verstellt“, sagt Joko entschuldigend.

„Und das ist absolut nicht notwendig“, ergänzt Maike, „es ist nur mein Job. Ich bin nicht zum Arbeiten hier.“

Ich finde, die passen die beiden zusammen. Und sie gut zu uns, auch wenn Leni das anders sieht. Sie will nicht durchschaut werden. Sie will nicht, dass es überhaupt jemand versucht. In ihr liegt so viel verborgen, dass sie streng verschlossen hält. Nicht einmal ich kenne alle Teile. Ich weiß bis heute nicht in allen Einzelheiten, was zwischen Klaas und ihr passiert ist und ob es jemals enden wird. Ich weiß bis heute nicht immer, was sie umtreibt. Ich werde auch nicht danach graben. Jeder Mensch braucht seine Geheimnisse. Und Leni braucht ganz sicher ihren Freiraum.
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