Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
13.05.2016
05.06.2019
74
85.227
20
Alle Kapitel
93 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
11.10.2018 1.761
 
Leni





Der bevorstehende Umzug seines Sohnes weckt in Jan umso mehr den Wunsch nach einem dritten Kind. Ich versuche, das Thema zu umschiffen. Und verbringe sogar eine ganze schlaflose Nacht damit, in mich hineinzuhören. Vielleicht ist da ja doch was? Nein, ich sehe es nicht. Ich sehe mich nicht mit Babybauch, nicht mit umgeschnallter Trage, nicht mit Kinderwagen. Ich sehe mich keine Wehen veratmen oder die Kiste mit der Umstandsmode aus dem Keller holen. Ich fand die Schwangerschaft nicht magisch. Ich war froh, als sie vorbei war und ich war noch froher, als die ersten Monate vorbei waren, mein Körper sich langsam wieder normal anfühlte. Ich bin froh über alles, was einem klärenden Gespräch in den Weg kommt. Ich bin noch nicht bereit für eine endgültige Absage. Nicht, weil ich mir nicht sicher bin, sondern weil er so euphorisch ist.

„Morgen treffen wir Jokos neue Freundin“, erinnere ich die versammelte Familie beim freitäglichen Abendessen, „und wir zeigen uns von unserer besten Seite. Alle. Wir wollen, dass sie sich Willkommen fühlt. Als Teil der Familie.“

„Wie heißt sie?“, steigt Felix mit einer grundlegenden Frage ein.

„Maike“, antworte ich.

„Wie ist sie so?“, will er wissen.

„Das weiß ich nicht. Ich kenne sie auch noch nicht. Aber ich denke, sie ist nett. Immerhin ist sie mit Onkel Joko zusammen und er würde uns niemanden vorstellen, der nicht nett ist.“

„Und was machen wir morgen?“, will Maja wissen. Wichtiger als das Kennenlernen einer neuen Frau an der Seite ihres Onkels ist, dass das Rahmenprogramm stimmt. Kinder auspowern und Essen gehen.

„Wir gehen auf den Weihnachtsmarkt“, sage ich mit einem breiten Grinsen in Richtung Jan, „wo ihr unsere Hände nicht loslasst, damit ihr im Gedränge nicht verloren geht. Und falls das passiert –“

„Gibst du mir dein Handy und ich rufe euch an und wir treffen uns am Stand mit den Bienenwachskerzen.“
„Genau“, bestätige ich, „alles klar?“

„Alles klar“, antworten sie im Chor. Gut. Wo wir das geklärt hätten, bleibt jetzt nur noch, auf Olli zu warten, der verschwitzt hat, sich ein Hotel zu buchen. Offiziell. Inoffiziell möchte er bei uns sein und ich will ihn hier haben. Paulina lebt seit Monaten in der Wohnung einer Freundin, die für ein Jahr nach Australien gereist ist. Sie reden kaum miteinander und wenn, dann geht es um das Haus oder gemeinsame Weihnachtsgeschenke.

„Stört es dich, wenn Olli auf unserer Couch schläft?“, habe ich Jan vorsichtig gefragt.

„Kommt er, um mich zu überwachen?“

„Quatsch. Der hat ganz andere Sorgen.“

„Sie haben sich noch nicht ausgesprochen?“

„Nein“, ich habe das Gesicht in meine Hände gestützt und ihn traurig angelächelt. Kann es wirklich sein, dass wir es schaffen und sie schaffen es nicht?


„Hast du drüber nachgedacht?“

Jan erwischt mich trotz meines taktischen Ausweichens und der permanenten Anwesenheit mindestens eines Kindes, als ich mir im Bad die Wimpern tusche.

„Worüber?“, frage ich unschuldig. Seine Hände legen sich von hinten auf meinen Bauch. Alleine die Geste lässt die Erinnerung an Morgenübelkeit zurückkehren. Die ständige Angst davor, dass etwas nicht stimmt. Davor, beim nächsten Pinkeln Blut zu sehen. Die Panik, als Maja sich ein paar Tage nicht bewegt hat. Die vielen Tränen, weil ich es nicht mehr aushielt, weil ich endlich den Bauch loswerden wollte. Hochschwanger im Hochsommer.

„Ja“, sage ich, weil ich es nicht mehr aushalte, ihn zu vertrösten, „ja, habe ich.“

Ich schließe die Wimperntusche und drehe mich zu ihm um.

„Ich finde, wir sind ein gutes Team“, ich halte seinem Blick stand, „zu viert.“

Er ist schlecht darin, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

„Gerade weil es so gut läuft“, sagt er.

„Olli kommt gleich“, sage ich, „können wir das heute Abend besprechen?“

„Und was sagt er dazu?“

Ein kleiner Seitenhieb.

„Das geht nur uns beide was an“, antworte ich, „wir besprechen das heute Abend, ja?“

Er hebt ergeben die Hände.

„Bist du denn unglücklich?“, frage ich.

„Nein.“

„Ich auch nicht“, ich küsse ihn. Er erwidert ihn.


Olli sieht aus, als habe er die letzten Nächte durchgemacht und zu viel getrunken. Er riecht nach altem Qualm und Verzweiflung. Ich koche Kaffee und verordne Jan, der längst mit den Hufen gescharrt hat, ein bisschen Spielplatzzeit mit den Kindern.

„Olli, bitte, lass dich nicht so hängen“, sage ich streng, „was willst du damit erreichen?“

„Ich weiß was ich tue.“

„Sieht nicht so aus“, erwidere ich zweifelnd.

Er trinkt den Kaffee ohne Zucker und Milch. Ich widerstehe dem Drang, am Küchenfenster zu rauchen und genehmige mir stattdessen einen Erdbeerjoghurt.

„Okay, ich halte mich raus“, sage ich milder, „ihr haltet euch aus meiner Beziehung raus und ich mich aus euren. Ich will nur, dass du weißt, dass ihr mir beide wichtig seid und es schwer ist, dich so zu sehen.“

„Ich freue mich für Joko“, er lehnt sich zurück und starrt aus dem Fenster.

„Ich mich auch“, ich lächle, „er hat es verdient.“

Er hat beschlossen, sie uns als Gruppe vorzustellen, obwohl ich eigentlich die Erste sein sollte, auf die sie trifft. Ist wahrscheinlich besser, das Pflaster mit einem Ruck abzureißen.

„Ihr seid meine Familie“, hat er gesagt und den morgigen Abend damit besiegelt. Ich habe mich dazu überwunden, vorzuschlagen, auch Klaas einzuladen, aber Joko hielt das für keine gute Idee.

„Er würde sowieso nicht kommen“, hat er gesagt.

„Er wird sich ausgeschlossen fühlen“, habe ich zu bedenken gegeben, „als hätte ich … euch bekommen und er ist alleine.“

„Aber so ist es nicht.“

„Ich weiß. Aber stell sie ihm auch vor, ja?“

„Natürlich.“


Wir entscheiden uns für den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt am Schokoladenmuseum. Ein kleiner, übersichtlicher Markt, der selten überfüllt ist. Es gibt Flammlachs und Crepes und Datteltee, den ich jedes Jahr kaufe. Wir drehen eine Runde und holen dann Glühwein und Kinderpunsch, mit dem wir uns auf die Stufen des Museums setzen. Maike sitzt zwischen Joko und mir. Sie ist in meinem Alter, hat keine Kinder, kann aber mit ihnen umgehen.

„Schade, dass Klaas nicht kommen konnte“, bedauert sie, „Joko hat nicht aufgehört, mir von euch zu erzählen.“

Joko hat sich wahrscheinlich die Highlights rausgepickt. Geburtstagsnächte am Nordseestrand, Burger auf Bordsteinkanten, unzählige rührselige Versöhnungen und sonstige, freundinnentaugliche Momente. Das wer mit wem, die erbitterten Kämpfe, die Fehltritte, die ungeplanten Schwangerschaften, die Dramen, die hat er wohlweislich verschwiegen.

„Die Freundschaft hat gerade ein wenig Schlagseite“, Olli kann sich nicht zurückhalten, „aber die Geschichten heben wir uns lieber für den Nachttisch auf.“

Die Kinder sind zu beschäftigt mit ihren Crepes, als dass sie sich für das interessieren würden, was wir sagen. Ich werfe Olli einen mahnenden Blick zu. Ich habe Joko versprochen, dass wir es ruhig angehen. Keine komplette Offenlegung. Man lernt uns besser häppchenweise kennen.

„Klaas hat viel zu tun“, sage ich, „wir holen das nach. Vielleicht zu Ostern?“

„Ich vermisse Onkel Klaas“, sagt Felix plötzlich und sieht von einem zum anderen. Ich sehe zu Joko, der entschuldigend mit den Achseln zuckt.

„Kommt er zu Weihnachten?“, fragt Paul, „wir feiern Weihnachten doch immer zusammen.“

Ich stelle meine Tasse zur Seite. Niemand sagt etwas.

„Leonard sollte bei uns leben“, sagt Jan völlig unvermittelt, „sie reißt ihm aus seinem gewohnten Umfeld. Er geht hier zur Schule, seine Freunde leben hier, seine Geschwister.“

Ich starre ihn an. Olli erhebt sich ruckartig.

„Ich muss Paulina anrufen“, er bahnt sich einen Weg durch die umstehenden Grüppchen und Sekunden später sehe ich ihn nicht mehr.

„Wir sind nicht immer so“, sage ich zu Meike.

„Wie wär‘s, wenn ich mit den Kindern zum Karussell gehe und ihr macht euch ein wenig … Luft?“, schlägt sie gelassen vor.

„Das wäre sehr hilfreich.“

Ich beuge mich zu den Kindern herunter und schärfe ihnen ein, auf Maike zu hören und sich, anders als ihre Eltern, vorbildlich zu benehmen.

„Was zum Teufel soll das?“, tief durchatmen, „wir hatten das doch besprochen. Du solltest mit Leonard reden und ihn fragen, was er will.“

„Ich sehe ihn jetzt schon kaum. Ich verpasse alle wichtigen Momente. Wir entfremden uns, ich kann ihn nicht einfach so in ein anderes Land ziehen lassen.“

„Ich weiß, dass es schwer ist, aber du solltest wirklich mit ihm reden. Und wenn er nach Barcelona will, solltest du ihn lassen. Wenn er älter ist, entscheidet er sich vielleicht um und dann kann er selbstverständlich bei uns leben, aber bis dahin musst du ihn selbst entscheiden lassen.“

„Er ist mein Sohn.“

„Und er bleibt dein Sohn, auch wenn er in einem anderen Land lebt“, schaltet sich Joko ein.

„Halt dich da raus, Winterscheidt“, knurrt Jan.

Aber er hat Recht“, sage ich, „er bleibt dein Sohn. Sie will ihn dir nicht wegnehmen, Jan, wahrscheinlich ist ihr die Entscheidung auch nicht gerade leicht gefallen.“

„Nimmst du jetzt Fiona in Schutz?“

„Ich rede von ihr als Mutter, so wie ich eine bin“, sage ich, „sie will das Beste für ihn.“

„Und das ist, mich von ihm fernzuhalten?“

„Das hat sie nicht gesagt, oder?“

„Können wir das vielleicht nicht jetzt besprechen?“, fragt er scharf. Ich nicke.

„Ich bin bei den Kindern“, sagt er, erhebt sich und geht.

Joko und ich bleiben zurück.

„Es tut mir leid“, sage ich, „es ist komisch, dass er nicht hier ist.“

„Ich habs versucht, aber er war der Meinung, dass das nicht gut und wir wissen alle, dass da stimmt. Ich tue mich noch schwer damit.“

„Es tut mir leid“, ich wiederhole mich, „das ihr darunter leiden müsst.“

Er zuckt mit den Schultern.

„Sie ist sehr nett“, wechsle ich zu einem angenehmeren Thema, „ich hoffe, sie hält uns nicht für zu verrückt.“

„Ich habe sie ausführlich darauf vorbereitet“, winkt er ab, „sollten wir Olli suchen? Ich mache mir Sorgen um ihn.“

„Nein, wir müssen uns raushalten“, erinnere ich ihn, „er ruft sie an. Das ist ein Anfang, oder?“

„Hoffentlich kriegen sie es wieder hin.“

„Ja, hoffentlich“, nuschle ich.

„Das mit Fiona ist scheiße“, sagt Joko, „ich kann ihn verstehen.“

„Ich kann ihn auch verstehen“, gebe ich zu, „aber ich kann sie auch verstehen.“

Wir wechseln einen Blick. Ich bin so froh, dass ich sie nicht alle verloren habe.

„Ich hole Olli zurück, du holst du anderen und dann gehen wir was essen“, schlägt Joko vor.

„Klingt nach einem Plan.“

Ich schlage mich durch die Menge zu Jan und schmiege mich von hinten an ihn. Gute Miene zu bösem Spiel, oder einfach Frieden stiften, wo Frieden hingehört. Paul, Felix und Maja haben Spaß auf ihren Feuerwehrautos, Pferden und Polizeiwagen und winken mir zu, als sie vorbeifahren. Ich winke zurück. Meike lächelt mich freundlich an.

„Ich bin auf deiner Seite“, erinnere ich Jan leise, „und wir kriegen das hin.“

Wange an Wange reiben, einen Kuss auf die zusammengepressten Lippen drücken. Er legt den Kopf in den Nacken. Nachgiebig.

„Ich weiß“, sagt er, „ich weiß.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast