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Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
13.05.2016
05.06.2019
74
82.801
20
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93 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
09.10.2018 1.228
 
Leni





„Guten Morgen!“

Ich öffne die Vorhänge und lasse die Sonne in das Kinderzimmer, in dem jetzt Bäume die frisch gestrichenen Wände zieren. Über den Fußleisten sprießen bunte Pilze in unterschiedlichen Größen und Farben. Gemalt von einer Kita-Mutter, die hauptberuflich Künstlerin ist, was ich erfuhr, als ich auf meinen Termin beim Sprechtag wartete. Wir saßen zusammen in der Garderobe, auf den winzigen Holzbänken, und unterhielten uns über unsere Kinder. Und unsere Jobs. Nach meinen fünfzehn Minuten wartete sie im Flur und wir gingen etwas trinken.

„Ich male Maja ein Waldzimmer“, schlug sie, Louise, beim zweiten Glas Wein vor, „und du hilfst mir bei einer Rede für diese Hochzeit, zu der ich muss. Ich kann nicht mit Worten. Frag mich nicht, weshalb sie mich ausgewählt haben.“

„Deal“, wir schlugen ein. Am darauffolgenden Wochenende saß ich am Küchentisch und arbeitete an einer Rede, während der Geruch nach frischer Farbe durch die Wohnung wehte. Jan und Fiona verbrachten die Zeit mit den Kindern beim Minigolf und als sie nach Hause kamen, gab es Begeisterungsschreie und strahlende Kinderaugen.

„Pfannkuchen?“, Maja reckt mir die Arme entgegen. Ich ziehe sie aus dem Bett. Noch ist sie klein genug, dass das funktioniert.

„Richtig geraten“, sage ich, „ab in die Küche, bevor sie alle weg sind.“

Im Haushalts-Ein-mal-Eins haben Jan und ich beide keine Bestnoten, aber wir lassen das hier unter dem Motto „Hippie-Haushalt“ laufen. Funktioniert. Sonntag gibt es Pfannkuchen und Rührei und das Geschirr bleibt bis nachmittags auf dem Tisch stehen. Zwischen Kakao, der auf die Tischplatte tropft und Felix, der mit einer Hand die Gabel und mit der anderen ein Buch hält, sitzt Jan und liest Zeitung. Ich wusste es nicht, als ich jünger und dümmer war, aber so habe ich mir mein Familienleben ausgemalt. Ich lehne im Türrahmen und sehe Maja dabei zu, wie sie Marmelade auf ihrem Pfannkuchen verteilt und ihn mit konzentrierter Miene zusammenrollt.

„Was liest du da?“, frage ich Felix.

„Was über Grönland“, antwortet er, ohne aufzusehen. Der Bissen, den er aufgespießt hat, verfehlt seinen Mund und landet auf seinem Schoss. Ich schenke mir einen Kaffee ein und esse den Rest von Jans in Sirup ertränktem Frühstück.

Es klingelt.

„Sonntags?“, mit gehobenen Augenbrauen sehe ich Jan an.

„Erwartest du jemanden?“, fragt er.

„Nein“, sage ich, „ich geh schon.“

Mit dem Kaffeebecher in der Hand gehe ich zur Tür und drücke auf. Zu vertrauensselig. Am unteren Ende der Treppe erscheint ein bekanntes Gesicht.

„Fiona“, sage ich, „hey.“

Ich schenke ihr ein fröhliches Lächeln.

„Leni“, sie sieht an mir herab und mir dann ins Gesicht.

„Kann ich dir helfen?“

„Ich würde gerne zu Jan“, sagt sie höflich, „ist er da?“

„Ähm. Ja. Er frühstückt gerade“, sage ich, „komm … rein.“

Sie tritt an mir vorbei in unsere Wohnung. Ich weigere mich, mich für das Chaos zu entschuldigen.

„Worum geht’s denn?“, frage ich so lässig wie möglich. Sie regeln sonst alles, das außerhalb der Reihe anfällt, per Mail, „damit ich es im Notfall einem Anwalt vorlegen kann“, wie sie zu sagen pflegt.

„Ich muss etwas mit ihm besprechen“, sagt sie bloß.

„Gut, dann geh am besten ins Arbeitszimmer“, ich deute auf die Tür zu ihrer rechten, „er ist sofort da.“

Ich gehe in die Küche und mache eine auffordernde Kopfbewegung in Richtung Flur. Seufzend faltet Jan die Zeitung zusammen und erhebt sich. Im Vorbeigehen küsst er mich und verdreht die Augen.

„Was will sie hier?“, zische ich, „hätte es nicht gereicht anzurufen?“

„In ein paar Minuten wissen wir mehr“, sagt er, „lass mir noch einen Kaffee übrig.“

Ich geselle mich zu den Kindern, die sich fragen, warum „Leonards Mutter“ ohne ihren Bruder auftaucht. Ich antworte mit einem Achselzucken. Ich habe keinen blassen Schimmer, was sie hier will. Diese Wohnung liegt normalerweise in der roten Zone.


Drei Minuten später streiten sich die beiden lautstark. Ich schließe die Küchentür, schalte das Radio ein und beginne damit, das Geschirr zu spülen.

„Mama?“, Felix faltet die Hände wie ein Erwachsener auf dem Tisch, „warum streiten Fiona und Papa sich immer?“

„Manche Menschen mögen einander eben nicht besonders. So wie du … Erik nicht magst.“

Ein anstrengender Junge aus seiner Klasse, den ich genauso wenig leiden kann wie mein Sohn, aber natürlich zeige ich ihm das nicht, denn ich bin eine verantwortungsvolle Erwachsene.

„Aber sie mochten sich mal“, sagt Felix.

„Ja, sie mochten sich mal“, sage ich, „deshalb haben sie Leonard.“

„Streiten sie sich wegen ihm?“, fragt er weiter.

„Nein. Das hat nichts mit eurem Bruder zu tun“, versichere ich ihnen lächelnd.

„Und mit dir?“, hakt Maja nach.

„Vielleicht ein bisschen“, ich deute mit Zeigefinger und Daumen den minimalen Prozentsatz an, der mich für diese Fehde verantwortlich macht.

„Wieso?“, fragt Maja.

„Weil Fiona Mama nicht mag“, antwortet Felix an meiner Stelle und widmet sich dann wieder seinem Buch. Ich höre, dass die Wohnungstür ins Schloss knallt.

„Lasst mir noch einen Pfannkuchen übrig“, weise ich die Kinder an und verlasse die Küche. Jan steht, die Hände hintern Kopf verschränkt, im Flur.

„Was ist passiert?“, frage ich.

„Sie ziehen weg!“, sagt er aufgebracht.

„Oh“, mache ich, „sie … ziehen weg? Und das konnte sie dir nicht letztes Wochenende sagen?“

„Nach Barcelona.“

„Wow“, mache ich, „sie ziehen nach Spanien? Wieso?“

„Wieso glaubst du, zieht eine alleinerziehende Mutter nach Spanien?“, erwidert er.

„Okay, ich weiß, du bist sauer, aber es gibt die verschiedensten Gründe, weshalb sie sich für einen Umzug entschieden haben könnte“, sage ich, „beispielsweise für einen Job. Aber ich gehe davon aus, dass sie keinen neuen Job hat?“

„Sie hat einen Mann kennengelernt. Vor einem halben Jahr. Er lebt in Spanien und hat nicht vor, nach Deutschland zu ziehen, deshalb ziehen sie zu ihm“, erklärt er mir.

„Okay“, ich atme tief durch und lege meine Hände auf seine Seiten, „aber Barcelona ist nicht aus der Welt, oder?“

Natürlich ist es nicht das, was ich sagen soll. Ich soll mich aufregen. Ich soll ihre Entscheidungsfähigkeit in Frage stellen. Ich soll mich auf seine Seite schlagen, als könne ich auf ihrer sein.

„Soll ich jedes zweite Wochenende rüber fliegen und mit ihm Sandburgen bauen?“, fragt er, „ich kriege so schon kaum etwas von seinem Leben mit, wie soll das werden, wenn er in einem anderen Land lebt?“

„Ist das überhaupt schon beschlossene Sache? Ihr findet eine Lösung“, ich bleibe bei meinem Optimismus, „es läuft doch alles über eure Anwälte, oder nicht?“

„Natürlich ist das alles schon beschlossene Sache! Er darf die Hälfte aller Ferien bei mir verbringen. Behauptet sie. Ich glaube nichts, was nicht vertraglich festgehalten worden ist.“

Er nimmt die Arme runter, nimmt meine Hände in seine.

„Spiel nach den Regeln“, sage ich, „auch wenn sie dir nicht gefallen. Du weißt, wie die Lage ist.“

„Ja“, er seufzt, legt den Kopf auf meine Schulter. Ich lege ihm beide Hände in den Nacken.

„Wir kriegen das hin. Wann soll es denn soweit sein?“, frage ich.

„In den Winterferien“, sagt er.

„In drei Wochen schon?“

„Sie hat es lange genug herausgezögert, um mir keine Reaktionszeit einzuräumen“, sagt er.

„Wir kriegen das hin. Wir könnten zusammen mit ihr reden oder ihr trefft euch mit euren Anwälten, aber vor allem“, ich drücke ihm einen Kuss auf die unrasierte Wange, „solltest du mit Leonard reden und ihn fragen, wie er das findet.“

„Wahrscheinlich hast du recht.“

„Und Jan?“, ich löse mich von ihm, um ihn anzusehen, „ich will nicht nach Barcelona ziehen. Bitte.“

„Keine Sorge“, sagt er, „das wird nicht passieren.“
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