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Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
13.05.2016
05.06.2019
74
85.227
20
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Dieses Kapitel
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03.05.2018 1.185
 
Jan





„Wer hat Lust auf den Pool?“, Leni klatscht in die Hände und sechs leuchtende Kinderaugen strahlen ihr entgegen. Paul, Felix und Maja lassen ihr halb gegessenes Frühstück stehen und folgen ihr bereitwillig aus dem Saal, um ihre Badesachen zu holen und Leni drückt mir einen Kuss auf die Wange, ehe sie, ohne die anderen eines Blickes zu würdigen, ebenfalls aus dem Saal rauscht.

„Kluger Schachzug“, Joko prostet mit seinem Kaffee in die kleine Runde, „war das ihre Idee?“

„Meine“, erwidere ich. Sie wollte mit ihnen reden, ohne mich, aber wenn wir alles machen wie wir es immer gemacht haben, wird sich niemals etwas ändern.

„Na gut“, Olli lehnt sich zurück, „dann lass mal hören.“

„Wir wissen alle, was passiert ist ehe ihr zu diesem kleinen Urlaub aufgebrochen seid“, sage ich, „aber zwischen Fiona und mir ist nichts passiert. Wir haben geredet. Ich habe es Leni nicht erzählt. Und ich habe mich dafür entschuldigt. Das ist nicht der Hauptgrund für die Pause. Wir haben ganz grundsätzliche Probleme, an denen wir arbeiten müssen, aber damit wir das können, müsst ihr endlich aufhören, euch einzumischen.“

Sie tauschen einen skeptischen Blick.

„Klaas hat mir erzählt, dass er sie ge -“, ich unterbreche mich selbst, „das sie Sex hatten.“

„Das ist Jahre her“, sagt Joko gelangweilt, „ist das immer noch ein Ding?“

„Wohl eher Wochen“, sage ich. Joko sieht Olli an, der es vermeidet, den Blick aufzufangen und stattdessen geschäftig nach der Kaffeekanne greift.

„Was? Nein! Nein!“, Joko fällt es wie Schuppen von den Augen. Es wundert mich, dass er keine Wanzen in unserer Wohnung angebracht hat, nur damit ihm kein Detail aus unserem Leben entgeht. Das ist das erste Mal, und wahrscheinlich auch das letzte, dass Joko etwas von mir erfährt und nicht von den drei Musketieren.

„Es stimmt“, murmelt Olli widerwillig, „nachdem ihr feiern gewesen seid.“

„Ich wusste es!“, Jokos geballte Faust landet geräuschvoll zwischen Käseteller und Müslischüssel.

„Und Klaas hat es dir erzählt?“, kommt Olli auf mich zurück, „wann?“

„Vorgestern. Wir sind uns unten über den Weg gelaufen“, kläre ich sie auf, „war ein tolles Gespräch.“

„Und du hast ihr nichts davon gesagt?“, hakt er nach.

„Doch, gestern. Als sie es mir erzählen wollte.“

„Okay“, Joko hat sich offenbar wieder gesammelt, „wow. Das sind … viele Informationen.“

Er schenkt sich einen weiteren Kaffee ein und versenkt einige gehäufte Löffel Zucker darin.

„Du bist noch hier“, stellt Olli fest, „bedeutet das, dass du ihr verzeihst?“

Ich hätte nicht klopfen müssen. Ich hätte ihr nie sagen müssen, dass ich hergekommen bin um sie zu sehen. Aber wir wollen es anders machen. Wir müssen es anders machen. Und ich liebe sie.

„Ja.“

„Einfach so? Ohne Kindesentführung, Scheidung oder einer Retourkutsche?“, fragt er nach.

„Ja. Ohne … das alles.“

Ich werde nicht sauer. Ihre Skepsis ist berechtigt. Die Begegnung mit Klaas hat keine fünf Minuten gedauert. Ich habe kein Wort gesagt. Er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er sie liebt, aber auch nicht daran, dass sie es nicht tut. Und er es weiß. Die Seiten sind klar. Er wird nicht wiederkommen, er wird es nicht wieder versuchen, aber noch wichtiger ist, dass Leni mich liebt. Egal, ob ihr das gerade erst klar geworden ist oder ob sie es schon immer wusste.

„Leni liebt euch. Und ich liebe sie“, sage ich, „also bewertet, was ihr seht, nicht was ihr sehen wollt. Wenn ihr unbedingt etwas bewerten müsst.“

„Du nimmst das so hin?“, versichert sich Joko erneut.

„Ich kann nicht versprechen, dass ich ihm keine reinhaue“, sage ich, „aber es hat ihr nichts bedeutet. Nicht das, was ihr euch erhofft.“

Es ist wahrscheinlich einfacher, sich um Leni zu kümmern, als sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Man muss kein Genie sein, um das zu wissen. Aber Leni kann sich um sich selbst kümmern. Das konnte sie vor zehn Jahren genauso wie heute.

„Sie liebt dich auch“, sagt Olli.

„Danke?“, nuschle ich.

„Und das mit Fiona ist wirklich nichts?“, fragt Joko. Gut, wir sollten gründlich sein.

„Wir haben ein Kind“, sage ich, „da wird niemals nichts sein. Aber wir haben nur geredet. Mehr ist da nicht.“

„Machs einfach nicht hinter Lenis Rücken“, erwidert Joko schroff, „is' immer 'ne miese Idee.“

„Ihr wollt sie nicht verlieren, oder? Dann wäre ein bisschen Vertrauen angebracht. Sie hasst es, sich mit euch zu streiten. Unterstützt sie in dem, was sie will, nicht nur in dem, was ihr für richtig haltet. Ja, ihr könnt mich nicht leiden. Ich bin auch nicht euer größter Fan. Aber ihr mischt euch zu sehr ein.“

Sie öffnen beide gleichzeitig den Mund. Wollen beide gleichzeitig ihre Gegenargumente loswerden, doch ich stoppe sie.

„Würdest ihr mal einen Moment in euch gehen und euch ernsthaft die Frage stellen, wie eine Beziehung zwischen ihr und Klaas aussähe? Ob das wirklich funktionieren würde?“

Selbst, wenn das Leben anders gespielt und sie sich für ihn entschieden hätte, vor Felix, vor Maja, vor mir. Klaas, der aufgeräumte, ordentliche, vorhersehbar lustige Kerl mit Bart und sie, so wie sie ist. Leni kann während eines Abendessens eine ganze Palette an Emotionen durchleben. Sie kann Menschen in zwei Sätzen aufbauen und sie zerstören. Klaas ist um Harmonie bedacht. Um geordnete Bahnen. Leni kreist in ihrer eigenen Umlaufbahn jeden verdammten Tag, wirft Meinungen und sich selbst stündlich über den Haufen, ist ungefestigt. Sie hängt an ihren Freunden und am seidenen Faden, weiß oft selbst nicht, was sie von sich oder vom Leben will. Klaas würde das anfangs gerne übernehmen, ihr Leben regeln, ihr jeden Tag ein anderes Verhalten antrainieren. Das würde ein paar Monate gut gehen, aber dann würden sie immer wieder aufeinanderprallen. Sie würden sich streiten. Aber nicht so, wie wir uns streiten. Nicht so, wie Leni es braucht. Er würde ihr Recht geben und versuchen, sich zu ändern. Sie beide würden sich ändern und wann ist das jemals gut gegangen? Er will ein ruhiges Leben. Sie will keine Langeweile.

„Vermutlich nicht“, sagt Joko. Olli und ich sehen ihn überrascht an. Unterstützung aus einer unerwarteten Ecke.

„Sie liebt dich und nicht ihn“, sagt er, „sie liebt ihn als Freund, aber selbst das … funktioniert nicht. Zumindest im Moment nicht.“

„Werft ihr nicht vor, dass er weg ist“, verlange ich.

„Es ist besser so“, sagt Olli, „der Junge wäre noch durchgedreht.“

Er sieht mich an.

„Ja, kann sein“, ich zucke mit den Schultern. Vielleicht hat er es mir erzählt, weil mein Reingehen der Beweis gewesen ist, den er gebraucht hat.

„Sie wird ihn vermissen“, sagt Joko, „kannst du damit umgehen? Sie wird dich brachen, weil sie überwiegend so tun wird als würde es ihr nichts ausmachen. Aber fünfzehn Jahre machen einem nicht nichts aus.“

„Ich bin, auch wenn das bei euch bisher noch nicht angekommen ist, ein Mensch. Und ich verstehe, dass ihr das nicht nichts ausmachen wird. Wir sind nicht erst seit gestern zusammen. Was ist mit euch? Könnt ihr das? Ohne permanent zu versuchen sie wieder zusammen in ein Restaurant zu locken?“, frage ich. Sie nicken.

„Gut. Wir werden sehen wie es läuft“, sage ich.

„Geben wir uns jetzt die Hand?“, fragt Joko irritiert.

„Nein“, erwidere ich, „das geht doch ein bisschen weit.“

„Wir reißen uns zusammen“, sagt Olli, „alle.“
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