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Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
13.05.2016
05.06.2019
74
82.771
20
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Dieses Kapitel
1 Review
 
02.05.2018 1.178
 
Leni





Ich verlasse Ollis Zimmer. Ich will nicht weiter darüber sprechen. Als ich die Tür öffne, steht Jan am halb geöffneten Fenster und raucht.

„Du rauchst doch gar nicht.“

„Habe ich in deinem Rucksack gefunden“, er hält die Packung hoch.

„Für Notfälle“, gebe ich zähneknirschend zu, „du durchsuchst meine Sachen?“

Er pustet den Rauch durch den schmalen Schlitz nach draußen und schnipst die Zigarette hinterher.

„Ich habe nachgedacht“, sagt er, „ich rede mit den beiden. Morgen früh.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob das was bringt“, erwidere ich schwach. Ich schließe mich im Bad ein und wasche mir das Gesicht. Beim Zähneputzen laufen mir die Tränen über die glühenden Wangen. Ich klatsche mir eine zweite Ladung Wasser ins Gesicht und gehe zu Bett. Jan hat sich bereits hingelegt, doch ich weiß, dass er genauso wach ist wie ich.

Ich drehe ihm den Rücken zu. Mit jeder Sekunde, in der du es nicht sagst, wird es nur schlimmer. Er muss es von dir erfahren und nicht von Olli, der sich im Streit nicht zusammenreißen kann.

„Jan?“

„Hm?“

Ich setze mich ruckartig auf. Die Dunkelheit macht es leichter, aber nicht einfach. Die Wahrheit zu sagen wird wohl nie etwas sein, dass man ohne Bauchschmerzen erledigen kann. Nicht, wenn man es schon ewig vor sich herschiebt.

„Als du weg warst, war ich mit Joko und Klaas unterwegs und -“

„Hör auf!“, er setzt sich ebenfalls auf.

„Lass mich ausreden! Wir waren feiern, ich war so betrunken -“

„Hör auf, Leni!“, seine Hand schließt sich um meine Schulter.

„Ich weiß es.“

„Was?“

„Ich weiß es“, wiederholt er starr, „von Klaas.“

„Was?“, stammle ich verständnislos. Er hätte es ihm niemals erzählt. Nicht hinter meinem Rücken. Aber woher sollte er es sonst wissen?

„Er hats mir vorgestern erzählt“, Jan schaltet sein Nachtlicht ein, „wir sind uns über den Weg gelaufen.“
Ich bin immer noch wie erstarrt.

„Ich -“, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Für eine Entschuldigung ist es längst zu spät. Eine Frage kommt mir unangemessen vor. Warum bist du hier? Warum hast du nichts gesagt? Wie zum Teufel hat Klaas es fertig gebracht, es dir beim Verlassen des Hotels zu sagen?

„Schon gut“, er legt mir eine Hand auf den Rücken, was mir falsch vorkommt. Doch ich rühre mich nicht. Ich lehne mich gegen seine warme Handfläche, als könne es das letzte Mal sein, dass ich sie spüre. Ich will den Moment auskosten, ehe ich den Mund aufmache und ihn ruinieren werde, denn das kann nicht wirklich passieren. Das kann nicht echt sein.

„Es ist nicht gut. Warum hast du nichts gesagt?“

„Ich wusste, dass dus mir erzählst. Ich kenne dich schon verdammt lange. Und verdammt gut.“

Besser als ich mich selbst augenscheinlich, denn bis gerade eben war ich mir nicht sicher, ob ich es ihm überhaupt je hätte erzählen wollen. Ich lege meine Stirn auf meine angezogenen Knie.

„Wie hat er es dir gesagt?“

Jan lacht trocken auf.

„Wie ein Arsch.“

Ach scheiße, Klaas. Du hättest mir die Pistole auf die Brust setzen können, aber stattdessen wählst du diesen Weg? Wirklich?

„Lass es mich bitte erklären.“

„Du musst es nicht erklären“, erwidert er, „ich weiß, wie das funktioniert.“

Er will es nicht hören und Gott weiß, ich möchte es nicht erläutern. Sex ist Sex. Das, was dahinter steckt, ist das, worum es letztlich geht. Auch jetzt. Besonders jetzt.

„Ich weiß nicht, wie ich es so weit kommen lassen konnte. Schon wieder.“

„Wir waren beide unzufrieden.“

Stell uns bitte nicht auf eine gemeinsame Stufe. Du hast geredet. Mit Fiona. Über mich. Ich habe mit Klaas geschlafen. Ich wollte es und habe es getan, habe es in die Weg geleitet, den ersten Schritt gemacht.

„Das kanns doch nicht sein“, ich seufze, „was hab' ich falsch gemacht?“

Eine weitläufige und falsch formulierte Frage. Aber ich will es wissen. Denn ich weiß, was mich an Jan stört. Ich denke nicht oft darüber nach und wenn ich es tue, dann gehe ich nicht zu tief. Ich habe Angst davor, nicht zurückzufinden, keine Lösung zu sehen, zu einem Schluss zu kommen, der mir nicht gefällt. Jan scheint auch mit sich zu hadern. Dem Gegenüber seine Fehler aufzuzeigen ist nie leicht. Besonders dann nicht, wenn man selbst  sämtliche Fehler begangen hat.

„Ähm“, er runzelt die Stirn, „wir haben uns auseinandergelebt. Ich wollte mit dir reden, ständig, aber es gibt Themen, auf die du immer gleich reagierst.“

„Zum Beispiel?“

Ich kenne die Antwort schon.

„Leonard?“

Ich habs versucht. Wir haben ein Bild von ihm am Kühlschrank, nur dieses eine in der ganzen Wohnung, in der er noch nie ohne seine Mutter gewesen ist, und ich kann es nicht ansehen, ohne einen Stich zu spüren. Er sieht Jan ähnlich, ein süßer Junge.

„Er ist mein Sohn“, sagt Jan, „unabhängig von Fiona, von dir oder von irgendetwas anderem sind Felix, Maja und Leonard meine Kinder.“

„Er verbindet euch. Für immer.“

„Sie ist seine Mutter, ja, aber ich habe keine Gefühle mehr für sie.“

Er sagt es mir nicht zum ersten Mal. Gebetsartig hat er diesen Satz wiederholt. Ich kann mich einfach nicht darauf eingelassen.

„Und weil die nie darüber sprechen willst, versuchst du es mit Sex zu überbrücken.“

„Worauf du nie eingehst!“

Es macht mich wahnsinnig. Lässt mich an mir zweifeln. Dieses sich immer wiederholende Muster bringt mich dazu, daran zu zweifeln, ob sie wirklich nur geredet haben.

„Leni, ich arbeite den ganzen Tag und ich komme nach hause, verpasse die Kinder, wir sprechen über das Nötigste ...“

„Aber für Fiona hattest du Zeit“, murmle ich.

„Ja“, räumt er ein. Wir schweigen. Der Alltag hat uns längst eingeholt und überrumpelt. Wir existieren nicht mehr zusammen, sondern nur noch als Familie. Als Eltern.

„Du hast mit Klaas …, weil ich nicht ...“

„Es fehlt mir, okay?“, ich streiche mir die Haare zurück, „wir leben einfach nebeneinander her. Ich will mit dir über mehr reden als den Stundenplan und die Hausaufgaben und die Arzttermine. Du bist nie zuhause, hast immer neue Projekte, verwirklichst das, was du dir vornimmst und ich bin … Mutter.“

Ich liebe meine Kinder über alles. Aber ich will mehr sein als das. Ist es vermessen, so zu denken? Frauenzeitschriften reden es uns seit Jahren ein. Frau bleiben. Sexy sein. Den Spagat zwischen einer aufregenden Ehe und einer hingebungsvollen Mutter. Ein Kampf. Vor allem mit mir selbst, unabhängig von Jan.

„Du bist doch nicht nur Mutter!“, widerspricht er mir überzeugt, „du arbeitest, du bist meine Frau und eine wirklich wertgeschätzte Freundin.“

Ich zucke mit den Schultern.

„Ich wollte nicht ...“, endlich überwinde ich mich und sehe ihn an, „es tut mir alles so leid.“

Angefangen damit, dass ich es vorziehe, wütend zu sein, bevor ich Probleme anspreche. Ich kann es einfach nicht. Ich habe es nie gelernt. Man sollte meinen, dass Reden meine Stärke ist, weil ich es oft und gerne tue, aber ich bin weit davon entfernt, die wirklich wichtigen Dinge zu thematisieren. Außer es geht um die Kinder. Oder um meine Freunde. Sobald es um etwas geht, dass nur ich spüre, das nur in mir passiert, bin ich stumm.

„Mir auch“, er lächelt mich an.

„Und jetzt?“

„Ich bin hier, oder?“
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