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Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
13.05.2016
05.06.2019
74
82.759
20
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Dieses Kapitel
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29.04.2018 1.103
 
Leni





Frieden ist zerbrechlich. Fragil. Ich bin zu müde, um ihnen richtig zuzuhören und verpasse den einen Moment, in dem ich aufstehen und sagen sollte „wir gehen jetzt aufs Zimmer, wir sind müde, gute Nacht“. Wir sitzen an der Bar und gönnen uns eine Verschnaufpause, während die Kinder oben erschöpft und träumend in ihren überdimensionalen Betten liegen.

„Was machst du hier?“, fragt Olli Jan unverwandt. Ich rutsche auf meinem Hocker nach vorne und stütze mich auf die Bar.

„Ich wollte meine Frau und meine Kinder sehen“, antwortet er gelassen. Ich nuckle an meinem Strohhalm.

„So spontan?“

„Was dagegen?“

„Ich wundere mich nur“, Olli lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch von meinem Blick nicht, den er sehr wohl wahr nimmt, aber entschieden ignoriert.

„Worüber genau?“, fragt Jan.

„Vielleicht ist das nur dein schlechtes Gewissen? Wer weiß, wo du die letzten Tage verbracht hast. Oder mit wem.“

Ich schnaube. Statt dazwischenzugehen, springt Joko Olli unnötigerweise bei.

„Du hast nicht wirklich gedacht, dass du hier mit offenen Armen empfangen wirst“, sagt er.

„Eure Arme sind mir ehrlich gesagt ziemlich egal“, erwidert Jan.

„Klaas verschwindet genau an dem Abend, an dem du hier auftauchst“, sinniert Joko, „seid ihr euch zufällig über den Weg gelaufen?“

„Zufällig nicht“, antwortet Jan.

„Er hat sich verabschiedet!“, mische ich mich ein, „Jan hat mich überrascht und Klaas hat von Anfang an nur von ein paar Tagen gesprochen! Ist das was, was wir ignorieren?“

Ich erhebe mich ruckartig.

„Lass uns schlafen gehen“, dränge ich, „es ist schon spät.“

Er ignoriert mich. Sie alle ignorieren mich, obwohl es um mich geht. Um mein Leben.

„Bildest du dir echt ein, dass du auftauchen und ein bisschen Zeit mit deiner Familie verbringen kannst und wir vergessen, was war?“

„Wow“, Jan pustet einen Schwall Luft aus.

„So funktioniert eine Pause nicht“, sagt Olli.

„Du musst es ja wissen“, erwidert Jan, „wo ist denn Paulina? Nicht hier?“

„Hey!“, ich bin viel zu laut. Viel lauter als sie. Entschlossen greife ich seinen Arm und ziehe ihn von seinem Platz.

„Wir reden morgen früh“, sage ich zu Joko und Olli. Hand in Hand verlassen wir die Bar. Ich drehe mich nicht mehr um. Wir schweigen, bis wir im Zimmer sind. Dort kann Jan seine Wut nicht mehr zurückhalten.


„Diese verdammten Mistkerle!“

„Hey“, fahre ich ihn an, „ja, sie sind anstrengend, aber sie sind keine Mistkerle.“

„Ach und wie reden sie über mich?“

„Ich verstehe, dass du sauer bist, aber -“

„Aber sie sind deine besten Freunde, sie sind deine Familie, das Wichtigste in deinem Leben, sie wollen nur das Beste für dich, sie haben es verdammt nochmal nie so gemeint!“

„Nein!“, erwidere ich, „nein, die Kinder und du seid das Wichtigste in meinem Leben. Und ja, sie sind meine Familie. Deshalb müssen wir nicht immer einer Meinung sein.“

„Schon gut, okay“, winkt er ab und reibt sich die Fingerknöchel, „wenn Klaas so viel besser für dich wäre, wenn ihr das Paar seid, wieso ist er dann nicht hier?“

Weil ich ihm das Herz gebrochen habe. Nicht nur einmal. Weil er es nicht aushält, in meiner Nähe zu sein. Weil wir es nicht hinkriegen. Weil unsere Freundschaft nicht mehr existiert. Ich schweige. Er sieht mich an, wütend, dreht sich von mir weg und bedeckt sein Gesicht mit seinen Händen.

„Hey“, ich bin in zwei Schritten bei ihm und schlinge meine Arme um seinen bebenden Oberkörper. Ich presse mein Gesicht an seinen Rücken. Er zittert.

„Du bist hier“, sage ich. Es ist nicht wichtig, wo Klaas ist. Es ist nicht wichtig, was er macht oder was er denkt. Es war längst an der Zeit, loszulassen.

„Ich bin wegen dir hier und nicht, um mir ihren Segen abzuholen.“

„Es ist nicht wichtig, was sie sagen!“

„Dir ist es wichtig.“

Ich lasse Jan los und setze mich aufs Bett. Er sieht auf mich hinunter.

„Ich kümmere mich darum“, verspreche ich, „ich rede mit ihnen.“

„Ich fahre morgen zurück“, sagt er. Ich schließe die Augen.

„Es ist besser so. Du wolltest eine Pause –“

„Dass du hergekommen bist, ist das beste, was seit langem passiert ist.“

„Immerhin das.“

„Leg dich hin“, sage ich, „die Kinder werden verdammt früh wach sein.“

Sie sind immerhin um achtzehn Uhr totmüde in die Betten gefallen. Er setzt sich neben mich und legt seinen Kopf an meine Schulter. Eine unübliche Geste. Ich will den Moment auskosten und gleichzeitig will ich an Ollis Tür klopfen und ihn anschreien.

„Du solltest schlafen“, sage ich leise.

„Und du?“

„Ich muss noch was erledigen. Bin sofort wieder da“, ich küsse ihn. Er hält mich nicht fest. Ich weiß, dass Olli noch wach ist. Dass er sich was aus der Minibar genommen hat und lustlos durch die Kanäle zappt. Ich klopfe.

„Ich wusste, du kommst.“

Olli lässt mich rein. Auf dem schmalen Schreibtisch stehen zwei Gläser Whiskey.

„Jan fährt morgen wieder nach Hause.“

„Eine wahre Kämpfernatur.“

„Lass es“, ich fahre herum, „wieso könnt ihr euch nicht einmal zusammenreißen?“

„Er ist hier, weil er dir nicht traut, Leni. Er ist hier, weil du ihm erzählt hast, dass Klaas es auch ist. Nur ist er längst weg, also gibt es keinen Grund, hier zu bleiben.“

„Olli!“, ich nehme mir ein Glas und stürze die Flüssigkeit herunter.

„Du wolltest die Zeit zum Nachdenken und er respektiert es nicht. Das ist keine Pause. Alles läuft nach seinen Regeln“, erwidert er.

„Er ist hier, weil er mich liebt!“

„Er liebt dich immer so lange wie es nach seinen Vorstellungen läuft.“

„Das ist nicht wahr!“

„Du hast mit Kl –“

„Nein, hör auf! Ich weiß, was ich getan habe. Ich werde es ihm erzählen. Das ist meine Sache! Ich habe es dir nicht erzählt damit du es gegen mich verwendest.“

„Ich verwende es nicht gegen dich. Solche Dinge passieren, aber sie passieren nicht ohne Grund!“

„Wieso willst du mich unbedingt verletzen?“, schreie ich.

„Ich will dich nicht verletzen“, sagt er, „du bist wie eine Tochter für mich, auch wenn das altersmäßig vorne und hinten nicht passt, aber so ist es. Ich will auf dich aufpassen, ich will, dass es dich gut geht.“

„So geht es mir aber nicht gut!“, schreie ich.

„Und an wem liegt das?“, schreit er zurück.

„An mir!“

Es liegt nur an mir.

„Ich rede nie mit ihm, ich rede immer nur mit euch! Ich habe ihn nicht geheiratet, weil es so gut zur Geschichte passt, sondern weil ich es wollte. Ich will nicht Klaas zusammen sein!“

„Vielleicht solltest du mit niemandem von ihnen zusammen sein?“, fragt er zweifelnd.

„Falls ihr vorhabt, mich zu einer Entscheidung zu zwingen, entscheide ich mich für Jan.“

„Niemand will das, Leni.“

„Ich redet nie wieder so mit ihm. Oder das wars.“
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