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Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
13.05.2016
05.06.2019
74
85.227
20
Alle Kapitel
93 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
28.04.2018 840
 
Leni





Ich kann ihn nicht auf dem Flur stehen lassen, also lasse ich ihn ins Zimmer. Es ist eine Reise in die Vergangenheit. Nur wir und dieser Raum. Wie damals. Ein anderes Hotel. Eine andere Stadt. Dieselben Menschen, dieselbe Liebe. Nur, dass wir keinen Seelenstriptease hinlegen werden. Nicht heute Nacht.

„Woher hast du eigentlich die Zimmernummer?“, frage ich, nachdem ich die Tür geschlossen habe.

„Ich habe meinen Charme spielen lassen“, sagt er.

„Mhm“, mache ich, „da fühlt man sich doch sicher.“

„Derselbe Nachname“, erinnert er mich.

„Ja, das erklärts“, ich grinse knapp.

Ich rechne es ihm an, dass er sich nicht verstellt. Nicht krampfhaft darum bemüht ist, ernst zu bleiben. Erwachsen zu sein. Wir sollten wahrscheinlich ein vernünftiges Gespräch führen. So vernünftig, wie es um halb drei morgens sein kann. Er setzt sich auf die Kante des Bettes. Auf die unberührte Seite. Seine Seite.

„Wie lange bist du schon hier?“

„Ich habe Klaas in ein Taxi steigen sehen“, antwortet er achselzuckend, „er konnte es kaum erwarten zu verschwinden.“

„Die Sendung“, sage ich achselzuckend.

Ich setze mich auf einen der beiden Ledersessel und schlage die Beine aufeinander. Ich rieche nach Hotelduschgel. Bergamotte?

„Er ist vor Stunden weg“, ich runzle verwirrt die Stirn, „du warst die ganze Zeit hier?“

„Ja. Das Essen ist bestenfalls durchschnittlich.“

„Hey, die Dinonuggets sind hervorragend“, widerspreche ich, „wieso hast du so lange gewartet?“

„Weil ich nicht wusste, ob du mich reinlässt“, sagt er.

Ich lehne mich zurück, drücke meinen Hinterkopf gegen die raue Wand und genieße die Stille. Es ist eine andere als die, die ich in den letzten Tagen mit mir rumgeschleppt habe. Eine geteilte Stille.

„Und jetzt?“

„Jetzt weiß ich immerhin, was du anhast“, erwidert er triumphierend.

„Zufrieden?“

„Weniger ist mehr.“

Ich verdrehe die Augen. Er hat die Hemdärmel bis zu den Ellenbogen hochgerollt, wofür ich eine Schwäche habe, was nur er weiß. Er reibt sich die Handgelenke. Es gibt vieles, das ich jetzt sagen könnte. Dass er nicht hier sein sollte. Schließlich haben wir uns auf diese Pause geeinigt. Abstand. Telefonate, mehr nicht.

„Schon gut, ich weiß“, sagt er, „das ist gegen die Spielregeln. Ich wollte dich sehen.“

Ich setze mich neben ihn. Betrachte unsere matte Spiegelung im Fernseher. Er tut es ebenfalls. Unsere Blicke greifen ineinander wie Zahnräder. Sind längst weiter, als wir es sind. Ein Moment, der zu schade ist, um ihn auch nur mit einer falschen Bewegung zu zerstören.

Jede wäre es. Selbst Atmen wäre zu viel. Es ist, als würde man langsam Benzin in ein Feuer gießen. Tropfen um Tropfen. Und die Flammen lodern höher. Es beginnt langsam und dann sind wir plötzlich mittendrin.

Ich rittlings auf seinem Schoss. Seine Jeans reibt an der Innenseite meiner Oberschenkel. Empfindliche Haut. Mein pochendes Herz in jeder Faser meines Körpers. Es hallt in meinem Mund wieder. Ich spüre die Vibration auf meiner Zunge. Oder ist das seine? Eine nicht enden wollende Welle. Warm. Mein Shirt ist nur eine lästige Barriere, so wie alles zwischen uns. Niemand braucht Stoff. Ein blaugraues Bündel zu unseren Füßen, mehr nicht. Er sagt etwas. Ich verstehe ihn nicht. Die Worte verschwinden in meinem Haar. Mein Nacken ist bereits nass geschwitzt. Er lässt sich zurückfallen, ich klettere über ihn. Schalte das Licht aus. Wir brauchen kein Licht. Wir verlassen uns auf unsere Hände.

Er dreht mich auf den Rücken. Grob, nicht brutal. Er war noch nie zimperlich und ich hasse es, mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Schweiß und Spucke. Hitze. Hände rutschen ab und greifen ineinander. Halten sich fest. Hält mir den Mund zu.

„Denkst du, der Zimmerservice ist noch erreichbar?“, fragt er schwer atmend in die Dunkelheit.

„Wahrscheinlich gibt’s hier gar keinen Zimmerservice“, antworte ich bedauernd, „dafür eine gut sortierte Minibar.“

„Zu geizig.“

„Tja“, ich rolle mich vom Bett, tape zum Schrank und öffne die Minibar. Ich muss die Augen zusammenkneifen, weil ich geblendet bin, und taste nach einem brauchbaren Schokoriegel. Dann lege ich mich wieder neben ihn. Ganz dicht.

„Das war gut“, sagt er.

„Ja. War es.“

Gott sei Dank, denke ich, hat einer von uns die Eier, das Richtige zu tun. Wer weiß, ob ich es je wieder nach Hause geschafft hätte. Und jetzt ist mein Zuhause hier.

„Willst du bleiben?“, frage ich vorsichtig.

„Ein paar Tage?“, schlägt er vor.

„Ein paar Tage“, das ist nicht gegen die Regeln. Was ist überhaupt gegen die Regeln? Wir machen sie. Wir entscheiden. Hier geht’s nicht um Olli und Joko, es geht nicht um Klaas oder Fiona, es geht um ihn und mich.

„Die Kinder werden sich freuen“, ich lege meine Hand auf seine Brust, „du wirst überall drauf gehen müssen. Die Peppa-Themenwelt erfordert starke Nerven. Das schaffe ich kein zweites Mal.“

„Kanns kaum erwarten“, sagt er zufrieden. Ich esse meinen Schokoriegel, genauso zufrieden wie er. Den anbrechenden Tag schiebe ich weit von mir.

„Jetzt nimm dir schon was aus der Minibar“, fordere ich, „ich geb was aus.“

„Großzügig“, er setzt sich auf.

„Ich finds gut, dass du hier bist“, sage ich. Er sieht auf mich hinunter.

„Ja?“

„Ja“, versichere ich ihm, „ja, sehr.“
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