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Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Jan Böhmermann Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf OC (Own Character) Olli Schulz
13.05.2016
05.06.2019
74
85.227
20
Alle Kapitel
93 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
27.04.2018 835
 
Leni



Zieh mich an und zieh mich aus
Trag mich rum und reib mich auf
Zieh mich an und zieh mich aus
Wirf mich weg wenn du mich nicht mehr brauchst

Die Höchste Eisenbahn - Zieh Mich An



Die Kinder schlafen zusammen in einem seperaten Zimmer. Einem Dschungelzimmer. Es gab große Diskussionen, wer welchen Raum bekommt, aber am Ende war jeder zufrieden. Meines ist ein Standartzimmer. Ich brauche weiß Gott keine Fake-Pflanzen und andere lustige Einfälle, die an den Urwald erinnern sollen, ich trage das Gefühl, im dichten Gestrüpp umherzuirren, die ganze Zeit in meinem Kopf mit mir herum.

Ich genehmige mir ein Bad und kuschle mich dann ins riesige Doppelbett. Als mein Handy vibriert, muss ich gar nicht richtig hinsehen.

„Ich muss dir ja wirklich sehr fehlen“, sage ich.

„Was macht der Freizeitpark?“

„Die Kinder müde.“

„Und dich nicht?“

„Mir ist immer noch schlecht“, nicht nur von den Achterbahnen. Der Tag ist mir auf den Magen geschlagen. Heulende Kinder, fettiges Essen, eine schauspielerische Höchstleistung.

„Hattest du Spaß?“

„Ja“, sage ich, „hat Maja dich heute bei etwas Wichtigem gestört? Sie wollte dich unbedingt -“

„Es gibt nichts Wichtigeres“, unterbricht er mich entschlossen.

„Joko hat mich fast vollgekotzt“, erzähle ich, „wir sind hier nicht bei „wenn ich du wäre“, niemand zwingt ihn, auf alles draufzugehen.“

„Macht der Gewohnheit“, scherzt Jan.

„Ich weiß, du machst dir Sorgen wegen Klaas und das ich gestern einfach aufgelegt habe …“

„Was hast du an?“

Er lenkt ab. Nicht geschickt. Er gibt sich nicht mal Mühe, es zu verschleiern.

„Komm schon.“

„Schon gut, schon gut“, wiegelt er ab, „war einen Versuch wert.“

Ich könnte ihm sagen, dass Klaas und ich ab jetzt getrennte Wege gehen. Doch ich tue es nicht. Nicht, weil ich ihm die Erleichterung nicht zugestehen will und auch nicht, weil ich der Sache nicht traue. Wenn ich es ihm sage, ist es real. Endgültig.

„Ich will dich sehen.“

„Wird schwierig.“

„Wär' ja sonst auch langweilig“, gibt er zurück, „du warst schon immer eine Herausforderung.“

„Soll das ein Kompliment sein?“, frage ich. Er lacht. Oh Gott, wieso liebe ich dieses heisere Lachen so? Es bringt mich aus dem Konzept und zurück zu seiner Frage, die ich trotzdem nicht beantworten werde. Ich habe nichts Aufregendes an. Ein altes Shirt von Joko, das ich bei einer meiner Übernachtungsbesuche vor vielen Jahren habe mitgehen lassen, und Unterwäsche, von der ich nicht mehr weiß, wann ich sie gekauft habe. Mutti-Unterwäsche. Auch wenn es Jan egal wäre. Es war ihm immer egal. Oder?

„Worüber denkst du nach?“, will er wissen. Er kennt mich zu gut.

„Über uns. Über … darüber, ob du mich noch gut findest. Attraktiv“, ich schüttle mich, „ich hasse dieses Wort.“

„Darüber denkst du ernsthaft nach?“, er ist hörbar überrascht, „wenn das was mit Fiona zu tun hat, dann -“

„Bitte!“, es ist an mir, ihn zu unterbrechen, „ich will jetzt nicht über sie reden. Ich rede über uns. Über mich. Es lief in letzter Zeit nicht ...“

Gut. Ganz allgemein. Und es mag albern sein, sich darüber aufzuregen, sich daran aufzuhängen, aber er hat mich kaum noch angefasst. Er ist nicht auf meine Annäherungsversuche eingegangen und wenn, dann nur, weil wir etwas anderem aus dem Weg gehen mussten. Es war reine Verzögerungstaktik.

„Ich bin gestresst, ich habe viel zu tun und wir haben uns oft gestritten, aber ich bin zu keiner anderen Frau gegangen. Nicht dafür.“

Du bist zu Fiona gegangen. Nicht nur einmal. Vielleicht nicht für körperliche, aber für seelische Nähe. Ist das nicht mindestens genauso schlimm? Wieso konntest du nicht mit mir reden? Wieso nicht? Ich war da. Ich war zuhause, habe auf dich gewartet. Die Kinder haben auf dich gewartet. Hätte ich es jemals von dir erfahren? Und wann? Wie lange hättest du mich noch belügen können?

„Ich habe nie mit Fiona geschlafen.“

„Es ist mir egal!“

„Ich will nur, dass du es weißt“, versichert er sich, „und das du mir glaubst.“

Ich glaube ihm. Aber ich glaube, dass es noch hätte dazu kommen können, hätte Olli ihn nicht ertappt.

„Tue ich.“

Ich will immer noch eine Antwort auf meine Frage. Eine klare Antwort. Ich rolle mich auf den Rücken und seufze.

„Wir sollten jetzt auflegen. Es ist schon spät.“

„Nicht wirklich.“

„Ich bin müde.“

Aber ich werde nie wieder schlafen können. Irgendjemand hält mich immer wach. Klaas ist weg. Und ich ignoriere diesen Fakt fleißig. Joko und Olli haben nicht gemerkt, dass wir uns aus dem Weg gehen und falls sie es doch gemerkt haben, waren sie erstaunlich diskret. Es kann nicht lange dauern, bis ich es erfahre.

„Noch fünf Minuten“, antwortet er.

Es klopft. Dieses Mal kann es nicht Klaas sein. Er ist längst unterwegs Richtung Berlin. Es gab keinen Abschied. Es gab nichts. Ob Joko und Olli jetzt schon eine Intervention abhalten wollen?

Ich strample mich unter der aufgeplusterten Bettdecke frei und gehe zur Tür.

„Sekunde“, sage ich ins Handy und öffne.

„Oh Jan“, er steht im schwach beleuchteten Flur, sein Handy in der Hand, und sieht mich an, „was machst du hier?“

„Das Richtige.“
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