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Ende gut, alles gut.

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
13.05.2016
05.06.2019
74
84.461
19
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Dieses Kapitel
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13.05.2016 1.253
 
Hallo hallo,
ich habe mich, auch aufgrund vieler, vieler Nachfragen, für eine dritte und letzte Leni-Geschichte entschieden. Ich hoffe, ich lese viel von euch ;-)
Alles Liebe,
Anna



Leni Ravend-Bahl.



Klaas steht so unvermittelt vor mir, das ich mir reflexartig ans Herz greife. Ich greife mir eher an die linke Brust, dahin, wo ich mein Herz vermute, und starre ihn an als müsse ich mich von seiner Existenz überzeugen.
''Kla -''
Ich weiß nicht, wo der Rest seines Namens geblieben ist. Irgendwo zwischen Zunge und Schock verloren gegangen. Er ist braun gebrannt, sieht erholt aus. Nach einem halben Jahr Urlaub eben. Ich habe keine Ahnung, wann er zurück gekommen ist. Und wieso er hier ist und nicht in Berlin. Ich weiß nicht, wen er nach unserer Adresse gefragt hat und warum er am ersten schön sonnigen Nachmittag des Jahres unangekündigt vor der Tür steht.
Ich erinnere mich an unser letztes Gespräch, als sei es gestern gewesen. Ich kann ihn hören, wie er fragt "macht dich das sauer?", und es ärgert mich immernoch, das es mich sauer gemacht hat. Ich kann mir selbst noch ewig vorlügen, es sei nicht so gewesen, aber das er mit dieser ... dieser ihm vollkommen fremden Frau durch die Weltgeschichte gereist ist, ist mir nicht egal gewesen. Und es wird mir sicher nie egal sein.
Er dachte, ich würde mich umbringen, hätte er sie mir vorgestellt. Vielleicht ein wenig drastisch, aber was hätte ich getan? Ich wäre mit Sicherheit ausgerastet. Still und heimlich. Später. In mir. Oder laut. Und vor versammelter Mannschaft. Ich würde nicht mal mehr ausschließen, das ich ihr eine Ohrfeige verpasst hätte. Und ihm.
"Hallo", sagt er. Wo ist deine Freundin? Warum bist du hier?
"Hallo", erwidere ich, "ich  ... willst ... willst du reinkommen?"
Er ist einer deiner besten Freunde, Leni, deine Nervosität ist lächerlich. Aber ist er das wirklich noch? Ein Freund? Einer deiner engsten Vertrauten? Ihr habt seither kein Wort mehr gewechselt, er hat dir keine Postkarten geschrieben. Ein Ritual, das ihr sonst akribisch gepflegt habt. Ihr habt euch voneinander entfernt und je eher du dir das eingestehst, desto besser. Desto schmerzloser.
Er tritt in die Wohnung und ich schließe die Tür hinter ihm. Einen Moment verharre ich so. Mein Blut pulsiert bis in meine Fingerspitzen. Als ich mich zu ihm umdrehe, lächelt er.
Macht dich das sauer?
"Du siehst gut aus", sage ich, "richtig erholt."
"Du auch", sagt er, "scheinbar hat dir die Auszeit von mir gut getan."
Es soll offensichtlich ein Scherz sein, der jedoch vollkommen an mir vorbei geht. Ich zucke nicht mit den Mundwinkeln, sondern gehe ins Wohnzimmer. Er folgt mir. Ich biete ihm aus Höflichkeit etwas zu trinken an, schiele aber unauffällig in Richtung Uhr. In einer Stunde kommt Jan nach hause. Und Jan möchte Klaas sicher nicht in seinem Wohnzimmer vorfinden, wie er von seiner tollen Reise erzählt.
"Die Kinder sind nicht da?", fragt Klaas.
"Maja ist im Kindergarten und Felix ist in der Schule", erkläre ich, dankbar über seine banale Frage, "ähm, seit wann bist du wieder da? Und was machst du in Köln?"
"Ich dachte, ich meld mich mal bei dir", ein Hauch von Vorwurf schwingt in seiner Stimme mit, "bin vorgestern angekommen."
"Und deine Reisebegleitung?"
"Tourt noch irgendwo durch Mexiko."
Ich kämpfe gegen die Erleichterung, die sich bemerkbar macht. Nein, ich bin nicht erleichtert. Warum sollte ich? Es interessiert mich nicht. Selbst wenn sie unten im Auto auf ihn warten würde. Die Füße aufs Amaturenbrett gelegt und das Radio aufgedreht, weil gerade ein Lied von  AnnenMayKantereit läuft.
"Hm", mache ich, "und du willst echt nichts trinken?"
"Subtil, Leni."
War noch nie meine Stärke.
"Hätte ich gewusst, das du zurück kommst, hätte ich deine Hochzeitseinladung da", bedauere ich. Natürlich will ich ihm einen Stich versetzen. Das ich Jan heirate, ist in etwa mit einem festen Schlag gegen den Kehlkopf zu vergleichen. Ich wette, meine Freunde glauben immernoch nicht, das wir das tatsächlich durchziehen. Der Bund fürs Leben. Bis das der Tod euch scheidet und das ganze Zeug. Immernoch noch nicht mein Ding. Immernoch irgendwie absurd. Aber durchaus im Rahmen des Machbaren. Denke ich.
"Macht nichts. Ich komm auch ohne Einladung. Das lass ich mir nicht entgehen."
Ich weiß nicht, worauf er hinaus will. Und eigentlich weiß ich es doch.
Das Wohnzimmer ist fast durchgehend weiß eingerichtet. Jans Idee. Das wir zwei kleine Kinder haben, hat er bei der Planung der Inneneinrichtung wohl vergessen. Überhaupt ist Weiß die vorherrschende Farbe der Wohnung. Ich muss ständig etwas abwischen, säubern oder schrubben. Als der erste Ring einer Teetasse auf dem weißen Couchtisch zurückblieb, verdrückte ich beinahe eine Träne.
"Wie lange dauerts denn noch?", fragt Klaas.
"Drei Wochen."
Drei Wochen Zeit, um durchzudrehen und sich wieder zu fangen. Und das wir diesen Prozess beide durchmachen werden steht fest.
"Wie war denn die Reise?", lenke ich ab.
"Erholsam. Schön. Ich habs auf jeden Fall gebraucht."
Und ich brauche eine Erklärung und einen Kaffee. Ich bewundere seine gesunde Bräune. Eine Sonnenbrille baumelt am Kragen seines Hemdes. Die unbehagliche Stille breitet sich unbarmherzig im Raum aus. Sie wird abrupt beendet, als die Haustür aufgeschlossen wird.
"Mama?", Felix schlittert wenig später auf Socken ins Wohnzimmer und stoppt überrascht, als er Klaas sieht.
"Na, Großer?", ich sehe Klaas an, das er sich wirklich freut, ihn zu sehen. Aber ich sehe auch etwas anderes.
"Klaas!", Felix fällt ihm um den Hals und Jan erscheint im Türrahmen. Er ist früh dran. Als hätte er etwas geahnt. Er hat Maja auf dem Arm, die offenbar Schokolade gegessen hat, und breit grinst.
"Hey", ich lächle ihn entschuldigend an, "na?"
"Hallo", sagt er trocken, "wieder im Lande?"
Klaas nickt verhalten. Ich habe das Gefühl, die Beziehung der beiden hat sich zurückentwickelt. Als hätten sie im letzten halben Jahr vergessen, warum sie sich nicht leiden können, sogar vergessen, wie der andere aussieht, und jetzt, wo sie sich wieder gegenüber stehen ist alles wieder da.  Ich sehe meinem Sohn dabei zu, wie er auf Klaas herumturnt, der das bereitwillig mit sich machen lässt. Jan setzt Maja ab und geht in die Küche. Ich erhebe mich, streiche meiner Tochter über den Kopf und folge ihm.
"Was ist los?", frage ich. Obwohl ich es weiß.
"Was macht er hier?"
"Ich wusste nicht, das er wieder da ist. Und uns besucht ..."
"Mhm."
Ich verkneife mir ein Grinsen. Er ist ein Idiot. Zumindest, wenn es um dieses leidige Thema geht. Ich greife nach seinem Oberarm und drücke ihn sanft.
"Soll ich ihn rausschmeißen?", biete ich versöhnlich an.
"Nein", erwidert er, "Felix wollte unbedingt noch auf den Spielplatz. Wir nehmen Maja mit und ihr könnt euch in Ruhe unterhalten."
"Hm", ich drücke ihm einen feuchten Kuss auf die Wange.  Jan greift nach einer Wasserflasche und ich ignoriere sein Augenverdrehen. Maja zerrt am Saum meines Kleides und ich sehe zu ihr hinunter.
"Ich hab Hunger!", jammert sie. Hätte ich gewusst, das Papa euch heute eine Stunde eher nach hause schleppt, hätte ich längst gekocht.
"Wir essen unterwegs was", schlägt Jan vor, "wir gehen auf den Spielplatz."
Diese Information besänftigt Maja.
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