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Farbenspiel der Rukh

von Maruda
GeschichteAllgemein / P12
08.05.2016
16.10.2016
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67.437
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08.05.2016 4.629
 
Wie immer: Rechtlich betrachtet gehören Magi und die Figuren nicht uns. etc. pp. ;)

Alibaba hatte schon immer davon geträumt, eine feste Freundin zu haben. Ein Mädchen, das er eroberte und dessen Herz in seiner Nähe schneller schlüge.  Obgleich seine bisherigen Versuche, solch eine Auserwählte zu finden, meinst von Misserfolg gekrönt wurden, bieten sich ihm während seiner Zeit in Reim aussichtsreiche Möglichkeiten. Doch vielleicht nicht unbedingt in dem Sinne, wie Alibaba es sich vorgestellt hatte...
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Konzentriert schloss Alibaba die Augen, führte die Übungen aus, deren präzise Abläufe er längst verinnerlicht hatte. Mittlerweile war nicht einmal mehr ein Gedanke dafür notwenig, sein Körper reagierte bereits auf die kleinste Abweichung seines Umfeldes, ob nun in dem entscheidenden Sekundenbruchteil eines hitzigen Gefechts oder in bloßen Trainingsstunden. Obgleich es seinen Bewegungen zum Teil noch an einer routinierten Flüssigkeit mangelte, sodass er gelegentlich den inkompetenten Eindruck vermittelte, unbeholfen vor sich hinzustolpern, war Alibaba zufrieden. Er hatte deutliche Fortschritte gemacht. Außerdem machte nur Übung den Meister.
Er vernahm das charakteristische Zischen der zerschnittenen Luft, als er eine schnelle Drehung mit seinem Schwert vollführte, spürte den von der Mittagssonne weiterhin erwärmten Sand, den er mit seiner Schwertspitze aufgewirbelt hatte. Doch als er soeben seinen Schwertarm wieder völlig durchstreckte, um den vertrauten Ablauf nochmals zu wiederholen, durchfuhr diesen ein schmerzvolles Brennen.
Ein wenig verstimmt schlug er wieder die Augen auf, bevor er seinen Oberarm kritisch musterte, den ein frischer Verband zierte. Die Wunde würde leider noch einige Zeit lang von sich hören lassen und ihn sowohl im Kampf deutliche Nachteile bereiten, als auch im Training behindern. Zu seinem Bedauern war sie tiefer gewesen, als zunächst angenommen. Und auch wenn Alibaba nicht vorhatte, sich ihretwegen übermäßig zu schonen, sollte er Vorsicht walten lassen. Schließlich wollte er sich keinen Ärger mit Toto einhandeln, die so freundlich gewesen war, ihn zu verarzten und ihm dabei noch tunlichst eingeschärft hatte, es zumindest für heute bei diesem einen selbstverschuldeten Missgeschick beruhen zu lassen.
Glücklicherweise war die Wunde nicht aufgegangen. Trotzdem sollte er vielleicht kurz innehalten, nur solange, bis der Schmerz erneut verebbte.
Alibaba nutzte die Gelegenheit, um seinen Blick gedankenverloren durch die verwaisten Zuschauerreihen des Kolosseums schweifen zu lassen. Obgleich nun mehr eine nahezu gespenstische Stille über der Arena lag und nichts mehr auf das Spektakel verwies, das noch vor wenigen Stunden eine riesige Menschenmasse pausenlos in Atem gehalten hatte, hallten die blanken Mauern unaufhörlich wieder von dem Toben der Menge.
Fortwährend glaubte er das Echo des ohrenbetäubenden Lärms zu hören, das die Luft hatte vibrieren lassen. Dieser allgemeine Aufruhr war wie ein undurchdringlicher Sumpf aus Gebrüll, begeisterten Schreien und tosendem Applaus, der alles übertönte, sodass er jeden klaren Gedanken unverzüglich im Keim erstickte.
Der metallische Hauch vom Blut, das heute hier vergossen worden und ungeachtet im Sand versickert war, lag noch in der Luft; vermischte sich mit den letzten Noten der kostspieligen Duftöle der Schaulustigen.
Bei seinem ersten Kampf war Alibaba überwältigt gewesen von der gewaltigen Macht des Publikums, gleichzeitig voller Entsetzen angesichts der Grausamkeit dieses blutrünstigen Schauspiels.
Doch nach einigen Monaten in Remano glaubte er die einzigartige Anziehungskraft des Kolosseums verstanden zu haben. Genau genommen war es wie das Spiel mit einem zweischneidigen Schwert, ein gefährliches und deswegen jedoch umso reizvolleres Spiel.
Wer die Arena betrat, warf im selben Augenblick sein eigenes Leben in die Wagschale und musste bereit sein, alles zu riskieren. Über das eigene Schicksal entschieden nicht nur die eigenen Fähigkeiten, sondern ebenso das Wohlwollen des Publikums; um es also auf seine Seite zu ziehen, war es angemessen, zu aller Erst eine gute Show abzuliefern.
All die überschäumenden Emotionen, die kaum auszuhaltende Spannung verbunden mit der nervenaufreibenden Ungewissheit verschmolzen zu einem betörenden Bann, dem man sich nur schwerlich entziehen konnte; sowohl als Zuschauer, als auch als Gladiator.
Viele – vor allem Neulinge -  ließen sich davon mitreißen, wurden, bestärkt durch den lauten Zuspruch des Publikums, übermütig und ließen sich dadurch zu Fehltritten verleiten. Dabei handelte es sich meist um einmalige Irrtümer, die einem auf diesem todesbringenden Boden niemand verzieh. Mitleidlos und wankelmütig wie das Schicksal selbst wurde so manch vielversprechender Kandidat schneller fallen gelassen, als er überhaupt aufgestiegen war.
Heute war er an der Reihe gewesen. Zwar war er nicht überheblich geworden, doch da er schnell die Oberhand im Kampf über seinen Gegner erlangt hatte, hatte er sich in Sicherheit wiegend zu wagemutigen Attacken hinreißen lassen, die ihm den tiefen Schnitt quer über seinen Oberarm beschert hatten.
Für gewöhnlich gab es bei dem Anblick von Blut kein Halten mehr auf den überfüllten Rängen. Somit hatte Alibaba eher ungewollt gleich zum Auftakt die Stimmung zum Kochen gebracht. Allen nachfolgenden Kämpfern war die undankbare Aufgabe zu Teil geworden, diese zu halten und bestenfalls noch zu steigern, was bei der verwöhnten Belegschaft kein sonderlich leichtes Unterfangen gewesen war.
Letztendlich hatte Alibaba trotz alle dem gesiegt, aber die Wunde würde ihn stets daran erinnern, dass er noch viel zu lernen hatte; über die Schwertkunst und über sich selbst.
„Alibaba! Wusste ich es doch, dass ich dich hier finden würde.“, riss ihn eine tiefe Stimme aus seinen Gedanken, deren rasche Wortwahl die Eile seines Besitzes verriet. Augenblicklich sah Alibaba auf und entdeckte nur wenige Schritte von sich entfernt einen Kameraden, der heute ebenfalls in der Arena gekämpft hatte und erfolgreich daraus hervorgegangen war.
Es war ein offenes Geheimnis, dass Alibaba selbst die wenigen Stunden, die die Arena völlig verlassen war, nutzte, um seine Fähigkeiten zu verbessern.
„Magnus, du noch hier?“, fragte Alibaba erstaunt, während er sein Schwert mit einer flüssigen Bewegung zurück in seine Scheide steckte. Da die Gladiatoren nach einem Spiel, wie man diesen blutigen Wettbewerb in Reim gern so harmlos betitelte, den restlichen Tag zur freien Verfügung hatten, nutzten viele trotz Verletzungen die rare Gelegenheit, kräftig einen zu heben und das bestenfalls in der liebreizenden Gesellschaft weiblicher Rundungen. Von Zeit zu Zeit zog Alibaba mit ihnen um die Häuser, doch in den meisten Fällen schlug er das freundliche Angebot dankend aus.
Er wusste, dass viele der anderen Gladiatoren ihn deswegen belächelten, aber er hatte sein Ziel klar vor Augen und war nicht gewillt, unnötig Zeit auf dem Weg dorthin zu verschwenden. Des Weiteren konnte er hier in aller Seelenruhe an seiner Magoimanipulation feilen und die Möglichkeiten seiner endlich gemeisterten Dschinnausstattung ausprobieren, ohne in die Gefahr zu laufen, dabei versehentlich etwas in Brand zu stecken. (Abgesehen von Toto und ihrem Meister wusste eigentlich niemand, dass es sich bei seinem Schwert in Wahrheit um ein Dschinngefäß handelte. Er hatte auch nicht vor, es an die große Glocke zu hängen, damit er nicht ungewollt die Aufmerksamkeit der hiesigen Magi auf sich zog.)
„Keine Sorge, ich bin gleich weg.“, versicherte ihm Magnus gut gelaunt, auch wenn das scheinheilige Grinsen, das urplötzlich auf seinem vernarbten Gesicht erschien, Alibaba ein wenig misstrauisch stimmte. Hoffentlich hatte er nicht vor, ihn gegen seinen Willen mit zum Saufgelage mitzuschleifen, denn Alibaba hätte Magnus selbst in tadelloser Verfassung nicht das Geringste entgegenzusetzen.
Bei seiner Namensgebung mussten seine Eltern eine wahrlich prophetische Eingebung gehabt haben, denn Magnus war ein regelrechter Riese und dazu noch ein Bär von einem Mann, sodass Alibaba sich neben ihm immer wie ein mickriger laufender Meter vorkam. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er angenommen, dass sich unter seinen Vorfahren hatten Fanalis befinden müssen. Ansonsten wusste er sich diese immense körperliche Stärke nicht zu erklären. Manchmal versuchte er sich auszumalen, wie er sich wohl im Kampf gegen Morgiana schlüge…
„Ja…ähm, also, was wolltest du von mir?“, erkundigte sich Alibaba mit einem nervösen Lächeln.
„Komm mal mit.“ Bevor sich Alibaba versah, hatte Magnus bereits einen muskulösen Arm um seine Schultern gelegt, unter dessen überraschendem Gewicht Alibaba zusammenzuknicken drohte wie ein brüchiger Ast, bevor er ihn vorsichtig, aber mit unverkennbarer Bestimmtheit mit sich fort zog.
„A-aber wohin denn?!“
„Du wirst schon sehen“, war Magnus´ einzige und ziemlich aussagelose Antwort. Er war noch nie ein Mann großer Worte gewesen.
Jeglicher von Alibabas halbherzigen Befreiungsversuchen blieb erfolglos, führten eher noch dazu, dass Magnus den Griff spürbar verstärkte.
„Zapple nicht so rum, sonst geht deine Wunde noch auf.“
Alibaba wollte sich gar nicht vorstellen, wie Magnus´ Gegner sich fühlen mussten, wenn dieser sie mit seinen eisernen Fäusten so richtig in die Mangel nahm und nahm sich vor, ihn besser auf schützende Distanz zu halten und ihn lediglich mit flinken Attacken außer Gefecht zu setzten, falls sie jemals gegeneinander antreten sollten. Andernfalls würde er ihn mühelos zerquetschen wie eine reife Weintraube zwischen seinen Fingern.
„Hey, ich bekomme keine Luft!“, beschwerte sich Alibaba nach Atem ringend, wobei seine letzten Worte in einem unverständlichen Röcheln untergingen, allerdings erntete er dafür bei seinem Kameraden nur unbeeindrucktes Gelächter.
„Stell dich nicht so an. Ich bin doch ganz sanft.“
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, in der Alibaba schon befürchtet hatte, wirklich ersticken zu müssen, löste Magnus den Schwitzkasten, sodass er erst einmal befreit nach Luft schnappte.
Prüfend fuhr sich Alibaba über den Hals. Zu seinem Erstaunen befanden sie sich weiterhin in der Arena.
„Was wolltest du nun?“, wollte er in Erfahrung bringen, als Magnus ihm unerwartet einen kurzen Stoß in Richtung Ausgang versetzte, sodass Alibaba nur in letzter Sekunde seinen Sturz verhindern konnte. „Was soll das?!“
Magnus schüttelte in steigender Ungeduld seinen Kopf.
„Siehst du sie immer noch nicht?“
„Wie?“
Erstmals wagte Alibaba einen Blick zum Ausgang. Im leichten Schatten der massiven Kolumnen standen zwei Mädchen, vor allem eines von ihnen war so eng an den Stein gedrängt, dass man es leicht übersehen konnte; besonders wenn Magnus imposante Erscheinung einem nahezu das gesamte Blickfeld verdeckte.
Überrascht sah Alibaba direkt in ihre Richtung, worauf es sich sogleich schüchtern hinter der breiten Säule verschanzte, als sie sich seiner Aufmerksamkeit bewusst wurde.
„Wer sind sie?“
„Fans von dir, die sich extra die Mühe gemacht haben, solange auf dich zu warten.“, entgegnete Magnus, für den solche privaten Treffen jenseits der Arena mit seinen zahlreichen Verehrerinnen zur Tagesordnung gehörten, aber für Alibaba war es noch regelrecht unerforschtes Neuland. Er war nicht sonderlich beliebt.
Zu verdanken hatte er diesen unglückseligen Umstand zweierlei Gründen und zumindest auf einen von ihnen hatte er aktiv Einfluss genommen. Zwar hatte er sich im Laufe der Zeit mit vielen, wenn auch manchmal äußerst merkwürdigen Marotten in Reim vertraut gemacht, hatte sich sogar mit ihnen zu arrangieren versucht, mochten sie noch so absonderlich gewesen sein. Doch ganz gleich, wie viel Zeit noch vergehen, an wie vielen Kämpfen er noch teilnehmen sollte, an eines würde er sich nie gewöhnen: An die Leichtfertigkeit, mit der hier mit Menschenleben umgesprungen wurde.
Alibaba weigerte sich schlichtweg zu töten, ob es sich bei seinem Gegner um einen Menschen oder bloß ein wildes Tier handelte. Er war nicht einmal zu dem Kompromiss bereit, ihnen nur zu Showzwecken möglichst bluttriefende Wunden zuzufügen, die sie tödlich verwunden konnten. Viele Bewohner Reims legten ihm seine moralischen Prinzipien daher als mangelnde Entschlossenheit und unnötige Weichherzigkeit aus, weswegen er wohl ihrerseits nicht auf Rücksicht hoffen durfte, falls ein Kampf einmal nicht zu seinen Gunsten verlief und das Publikum nach dem Todesstoß gelüstete.
Glücklicherweise hatte er es nicht nötig, sich dem Willen der Menge zu beugen, denn auch wenn er als Gladiator auftrat, war er weiterhin ein freier Mann und damit weder von der Gnade der Menge, noch irgendwelchen Sponsoren abhängig. Solange er gewann, erhielt er einen Teil des Preisgeldes ausgehändigt, mit dem er sich gut über Wasser halten konnte.
Schelmisch grinste Magnus ihn an, als ihm Alibabas plötzliches Zögern auffiel, bevor er den beiden Mädchen seine Aufwartung in Form eines kurzen Kopfnickens machte.
„Traust du dich etwa nicht?“, begann der Hüne triezend, worauf Alibaba nicht verhindern konnte, kurz verräterisch zusammenzuzucken, beschämt, dass er so leicht durchschaut worden war.
„Red keinen Quatsch!“, bestritt er dennoch unverdrossen, den Blick verlegen abgewandt.
Magnus´ kurzes, dafür umso dröhnenderes Lachen, das er darauf ausstieß, reichte vollkommen aus, um mühelos die gesamte Arena auszufüllen. Gleichzeitig schien es jeden Knochen in Alibabas Körper zum Schwingen zu bringen.
„Nur keine falsche Bescheidenheit“
Zum Abschied schlug Magnus ihm noch kameradschaftlich auf die Schulter und auch wenn es sicherlich eine ermutigende Geste sein sollte, hatte Alibaba eher das Gefühl, als wolle er ihn lebendig in Grund und Boden stampfen. Vielleicht aus Rache, dass er seinetwegen kostbare Minuten vergeudet hatte, die er mit einem betäubenden Drink in der Hand und in den Armen einer betörenden Schönheit hätte verbringen können.
„Hoffentlich lassen sie dich in einem Stück.“
Obgleich Alibaba äußerlich stets darum bemüht war, völlig abgebrüht zu erscheinen, brachten ihn solche zweideutigen Anspielungen tatsächlich ziemlich in Verlegenheit, da er diesbezüglich doch noch recht unschuldig war. Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die von Zeit zu Zeit unmoralische Angebote einiger verwöhnter Matronen erhielten, die sich in ihren zumeist arrangierten Ehen mit weitaus älteren Herren langweilten und auf der Suche nach einem kurzweiligen Abenteuer waren.
Alibaba nahm einen letzten tiefen Atemzug, nachdem er sich verstohlen umgesehen hatte, um zu überprüfen, ob die Luft wirklich rein war. Jetzt, wo die beiden ohnehin schon einmal da waren, kam er nicht darum herum, sich auch mit ihnen zu treffen, vor allem, da sie ihn zu Gesicht bekommen hatten.
Beherzt und doch mit einem aufgeregten Kribbeln im Bauch machte sich Alibaba schließlich auf den Weg zu den zwei Mädchen, die weiterhin unverändert gewartet hatten und ihm nun zuvorkommend einige Schritte entgegenkamen.
„Guten Abend“, grüßte er die beiden, während er eine leichte Verbeugung vollführte, da allein der prächtige Anblick der teuren Stoffe ihrer Kleider und ihres sicher nicht minder bei der Herstellung hochwertigen Schmucks ihm verriet, dass sie den höheren Schichten entstammen; vielleicht sogar einer der Adelsfamilien, mit denen man es sich möglichst nie verspielen sollte.
Eher verschlossen fiel die Begrüßung der Mädchen aus, die sich auf ein formelles Knicksen beschränkten, besonders die kleinere von beiden traute es sich offensichtlich nicht einmal zu, ihm in die Augen zu sehen, da ihr Blick fortwährend unruhig auf den Boden gerichtet war.
„Was kann ich für euch tun?“, fragte Alibaba letztendlich nach einigen unangenehmen Minuten des Schweigens höflich, in denen die größere und obendrein deutlich selbstbewusstere der beiden ihrer Freundin ein paar Mal unauffällig in den Arm gekniffen hatte. Doch diese rührte sich keinen Zentimeter, als wäre sie in Alibabas Gegenwart regelrecht versteinert. Alibaba wusste, dass laut den Mythen und Sagen in Reim ein solches monströses Wesen durchaus existierte, das allein durch einen seiner starren Blicke einen Menschen in Stein verwandeln konnte und ganz offenbar war ihr diese Kreatur kurz zuvor über den Weg gelaufen.
„Los jetzt, Livia!“, zischte ihre Freundin herrisch, unübersehbar mit der letzten Beherrschung, die sie aufbringen konnte, bevor sie diese einfach vorwärts schupste, ähnlich wie Magnus es vor wenigen Minuten bei Alibaba getan hatte, jedoch wesentlich brachialer.
Obwohl sie immer noch nicht den Blick hob, kam Livia scheu näher, allerdings in einer Geschwindigkeit als trete sie vor einen ehrfurchtsgebietenden Herrscher und nicht einen einfachen Gladiatoren, der sein täglich Brot im Schweiße seines Angesichts und Seite an Seite mit Sklaven verdiente. Irgendwie hatte er sich das anders vorgestellt…
Trotzdem gelang es ihr problemlos, ihm den prächtigen Blumenkranz zu überreichen, an den sie sich die gesamte Zeit über so hilfesuchend geklammert hatte und von dem Alibaba bereits geahnt hatte, dass er für ihn bestimmt war.
Kränze waren das Symbol schlechthin für Ehre sowie Verehrung, die man vortrefflichen Schwertkämpfern überreichte, die sich im Kampf besonders durch ihre Tapferkeit und ihr Können hervorgetan hatten und auch wenn Alibaba die Würdigung seiner Künste durchaus schmeichelte, empfand er es als etwas befremdlich, dafür Blumen zu erhalten. Denn nach seinem Empfinden waren diese zarten und farbenprächtigen Pflanzen eher dazu gedacht, eine Frau zu erfreuen.
Alibaba konnte den würzigen Rosmarinduft ihrer Hände riechen, der angenehm dezent über den der Blumen aufstieg, als er den Kranz behutsam in Empfang nahm, auch wenn er keinen blassen Schimmer hatte, was er mit ihm anfangen sollte. Nichtsdestotrotz konnte er sich nicht davon abhalten, dessen technische Herstellung zu überprüfen, musste jedoch kritisch feststellen, dass er an einigen Stellen, die auf den ersten Blick nicht zu sehen waren, äußerst mangelhaft verarbeitet worden war. Das hätte sogar Kougyoku besser hinbekommen, die nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten und zig Übungsstunden später ein wahres Händchen fürs Blumenflechten entwickelt hatte.
„Danke…Livia, nicht wahr?“
Bei der Erwähnung ihres Namens sah sie erstmals zu ihm auf, im aufrichtigen Erstaunen darüber, dass er ihren Namen aufgeschnappt und sich sogar die Mühe gemacht hatte, sich ihn zu merken. Ihre strahlend blauen Augen glänzten voller Begeisterung, auch wenn ein letzter unsicherer Funke in ihren tanzte, den Alibaba sogleich zu zerstreuen versuchte, indem er sie freundlich anlächelte. Tatsächlich schien es ihm zu gelingen, denn sie erwiderte es zunächst sanft, während sie befangen mit einer ihrer blonden Locken spielte. Sie war wirklich süß und wahrscheinlich sogar in seinem Alter, vielleicht etwas jünger. Trotzdem huschte ihr Blick nochmals verunsichert umher, als wüsste sie nichts darauf zu entgegnen, sodass sie ihrer Freundin einen raschen Seitenblick zuwarf, die aber keine Absicht hatte, sich noch länger mit ihr aufzuhalten.
Gut, er hatte den ersten Schritt gemacht; jetzt durfte er es nur nicht vermasseln, aber ihm schwebte schon eine gewisse Idee vor, die er unverzüglich in die Tat umsetzte.
Ganz gleich, wie zartbeseitet und zurückhaltend eine Frau aus Reim auch erscheinen mochte, kam die Sprache erst einmal auf die Gladiatorenspiele, legten sie alle auf den ersten Blick so unüberwindbaren Hemmungen ab; entbrannte in ihnen ein regelrechtes Feuer der Überschwänglichkeit. Urplötzlich konnte es ihnen sichtlich nicht blutig genug zugehen. Obgleich Livia kurzzeitig ihr Gesicht schockiert in ihren Händen verbarg, als sie seinen heutigen Kampf detailliert Revue passieren ließen und den Punkt erreichten, in dem er die Verletzung zugefügt bekommen hatte.
„Ich war richtig in Sorge…“, bekannte Livia betroffen und schenkte ihm ein liebliches Lächeln, das Alibabas Herz ungewollt höher schlagen ließ. Auch ihre Freundin, die sich als Julia vorstellte, stimmte nickend zu.
„Ich auch, immerhin hatte ich mein Geld auf dich gesetzt.“
Das ist ja beruhigend, dachte Alibaba ein bisschen zerknirscht, aber so war nun einmal das harte Geschäft, dem er sich wohl oder übel fügen musste, wenn er seine Kampftechnik verbessern wollte.
„Woher kommst du eigentlich? Einige sagen, du wärst schon ziemlich viel herumgekommen.“
„Es geht. Ich habe eine Zeit lang für einen Weinhändler gearbeitet und bin mit seiner Karawane durch einige Oasen gezogen. Bevor ich nach Remano kam, lebte ich eine Weile in Sindria, doch ursprünglich komme ich aus Balbadd“, erklärte Alibaba schulterzuckend, da er nicht der Ansicht war, sonderlich viel von der Welt gesehen zu haben, aber dies lag eher an der Tatsache, dass er größtenteils mit Menschen verkehrte, die bereits die Sieben Meere umsegelt hatten. Doch für zwei Mädchen, denen es nie gelungen war, sich außerhalb von Reims weitläufigen Grenzen fortzubewegen, stellten seine zahlreichen Erfahrungen eine beeindruckende Vielfalt dar.
Neugierig kamen sie ihm einen Schritt näher, während ihre Augen ihn entzückt anfunkelten, in denen eine stille Bitte verborgen lag, die Alibaba ihnen jedoch gerne erfüllte. Denn im Zuge seines zeitaufwendigen Trainings kam er nicht oft in den Genuss weiblicher Gesellschaft, daher kostete er diese raren Momente aus.
„Soll ich euch ein wenig von meinen Reisen erzählen?“
„Natürlich!“, rief Julia sogleich angetan und sogar Livia überwand sich dazu, ihm kurz bittend die Hand auf den Arm zu legen, um ihm zum Sprechen aufzufordern. So berichtete er ihnen von den endlosen Gefahren, die die Wüste für einen bereit hielt, bis hin zu den schillernden Festen, die er in Sindria miterlebt hatte. Natürlich ließ er seine wirklichen Abenteuer und Herausforderungen, denen er in seinem noch recht kurzen Leben hatte die Stirn bieten müssen, aus, aber Livia und Julia schienen diese Erzählungen vollends zu genügen.
Verzaubert verfolgten sie jedes seiner Worte mit großer Aufmerksamkeit, hielten gelegentlich gespannt den Atem an und ließen sich in völlig andere Länder entführen, deren exotische Fremde ihre Fantasie beflügelte.
„Wow, du bist wirklich toll!“, stieß Julia hingerissen aus und klatschte euphorisch in die Hände, als Alibaba schließlich endete, und obgleich Livia schwieg, reichte ihr schmachtender Blick aus, der seinen Magen zugegeben nervös aufflattern ließ, um ihm zu verdeutlichen, dass sie sich dieser Aussage wohl fraglos anschloss.
Verlegen fuhr er sich über den Hinterkopf, während er spürte, wie ihm unweigerlich ein wenig Röte in die Wangen stieg. Er war es nicht gewohnt, dermaßen unverblümt angehimmelt zu werden; nun gut, ehrlich gesagt, kannte er es gar nicht. Im Grunde war es natürlich töricht, sich mehr mit Livia vorzustellen, die wahrscheinlich nicht viel mehr in ihm sah als einen gewöhnlichen Schwertkämpfer, zu dem sie zwar im Augenblick aufsah, der allerdings ohne große Mühe durch den nächst Besten ersetzt werden konnte.
Aber er wünschte sich schon lange eine feste Freundin und vielleicht würde es ihm in Reim endlich gelingen, die Richtige zu finden…
Kaum war ihm dieser vage Wunschgedanke durch den Kopf geschossen, als der dumpfe Widerhall schwerer Schritte, die den Boden zu seinen Füßen leicht erbeben ließen, ihn unbarmherzig daran erinnerten, dass es wohl für immer ein unerfüllter Traum bleiben sollte.
Es war auch zu schön gewesen.
Gerade noch rechtzeitig streckte Alibaba seinen Arm gebieterisch von sich, sodass sie gezwungen wurde, innezuhalten und hinter ihm stehen zu bleiben. Doch hinderte es sie nicht daran, unnötig viel Sand aufzuwirbeln, der nun eines kleinen Sandsturms ähnlich über Alibaba und die zwei Mädchen hereinbrach und ihnen kurzzeitig ihre gesamte Sicht stahl.
„Bei den Göttern…“, japste Julia erschrocken, die sich vorsichtshalber ein paar Schritte zurückgezogen hatte, als sie der mächtigen Kreatur in Alibabas Rücken gewahr wurde, deren gewaltige Ausmaße ausreichten, um sie alle in ihren Schatten zu tauchen. „Was ist das?!“
Alibaba versuchte sich nichts von seiner Nervosität anmerken zu lassen, dabei galt seine Besorgnis nicht einmal sich selbst.
„Das ist Garuda, ein maurenischer Pavian. Sie trat auch hier auf“, erklärte er bereitwillig, auch wenn er lieber das kleine Detail unterschlug, dass sie bereits mehr als hundert Männern das Leben genommen hatte. Obwohl Julia und Livia, als regelmässige Kolosseumsgänger, durchaus mit Garudas steiler Karriere vertraut sein sollten.
Plötzlich stieß Livia einen erstickten Schrei aus, bevor sie sich ängstlich an Julias Arm klammerte, als Garuda ihr breites Gesicht über Alibabas im Vergleich zu ihr kümmerlichen Arm streckte, um sie genauer in Augenschein zu nehmen.
„Keine Sorge, sie wird euch nichts tun“, versicherte Alibaba sogleich, während er dem Riesenaffen einen zurechtweisenden Blick zuwarf, welcher sich darauf sogar gehorsam zurückzog und ihn durch seine wässrigen, kleinen Augen dermaßen unschuldig anblinzelte, als habe er gar keine bösen Absichten.
„Was macht sie hier?“, verlangte Julia augenblicklich abfällig zu wissen, traute sich aber immer noch nicht einen Schritt näher heran. „Seit wann laufen diese Bestien hier frei herum?“
„Nun ja…“, begann Alibaba langsam, nachdem er seinen Arm hatte sinken lassen, da Garuda brav auf ihrem Platz verharrte und zumindest bis jetzt keinerlei bedrohlichen Anzeichen darauf zu erkennen gab, dass sie gleich wieder einen ihrer furchteinflössenden Anfälle haben würde. „Im Grunde gehört sie mir, da ich sie freigekauft habe und seitdem ist sie ein wenig anhänglich geworden.“
„Hast du gar keine Angst?“, frage Livia kleinlaut.
„Nein. Sie hat nur gekämpft, weil man sie dazu gezwungen hat. An sich ist sie sehr lieb.“
Abgesehen davon, dass sie einem sämtliche Knochen im Leib brechen kann, wenn man sie verärgert.
Als habe Garuda seine liebenswürdigen Worte verstanden, ließ sie eine Art tiefes Gurgeln erklingen, von dem er mittlerweile wusste, dass es von Zufriedenheit zeugte.
Doch gerade, als er glaubte, dass Livia und Julia sich wieder einigermaßen zu entspannen begannen, schloss sich Garudas riesige Hand, die ungefähr Alibabas Größe entsprach, besitzergreifend um seinen Rumpf. Bereits im nächsten Moment befand er sich handlungsunfähig gut einen Meter in der Luft, während Garuda kurzen Prozess mit Livias Blumenkranz machte, indem sie diesen vor ihren Augen in Fetzen riss und den kläglichen Rest vor ihre Füße spuckte.
Weit riss Garuda ihr Maul auf, mit dem sie Livias zierliche Gestalt ohne große Anstrengung in einem Stück hätte verschlingen können und fletschte bedrohlich die spitzen Zähne.
Selbst Alibaba überkam gelegentlich noch ungewollt das Grauen, wenn er Garudas messerscharfe Fänge zu sehen bekam; besonders, wenn er sich daran erinnerte, wie sie sich mühelos in seinen Arm verbissen hatten und deren Spuren weiterhin gut sichtbar waren. Und als hätten diese deutlichen Warnsignale noch nicht ausgereicht, um ihr Territorium zu markieren, stieß sie einen ohrenbetäubend schrillen Schrei aus, während sie sich aggressiv vor ihnen aufbäumte, als wolle sie jeden Augenblick in den Angriff übergehen.
Panisch schreiend ergriffen die beiden Mädchen darauf die Flucht, bevor sie noch nähere Bekanntschaft mit dem Innenleben von Garudas Maul hätten schließen können.
Alibaba sah ihnen verzweifelt hinterher.
In Wirklichkeit war sie der ausschlaggebende Grund, warum er dermaßen unbeliebt war, denn Garuda ließ es nicht zu, dass sich ihm ein auch nur ansatzweise weibliches Wesen näherte – abgesehen von ihr selbst; und Toto vielleicht. Meistens genügte ihre bloße Anwesenheit, um alle potentiellen Anwärterinnen zu vergraulen. Als er sie befreit hatte, hätte er nie vermutet, dass Riesenaffen dermaßen eifersüchtig werden konnten.
Doch jetzt reichte es; das brachte das Fass wirklich zum Überlaufen! Er hatte nicht vor, ein ums andere Mal eine Enttäuschung hinnehmen zu müssen (und irgendwann allein und einsam einzugehen), weil irgendein Tier ihn versehentlich zu einer Art Anführer oder Ersatzpartner auserkoren hatte. Er hatte schon wesentlich Schlimmeres durchgestanden. Im Vergleich zu all den unvorstellbaren Monstern und Ungeheuern, die einem in einem Dungeon auflauern konnten, war Garuda doch nur ein harmloser Schmuseaffe; zumindest versuchte er sich dies hartnäckig einzureden.
So nahm er allen Mut zusammen und sah entschlossen zu Garuda auf. Genug war genug.

Die gellenden Schreie waren markerschütternd, schienen gar die festen Mauern des Kolosseums zu erschüttern.
Alarmiert und von einem unguten Gefühl beseelt stürzte Toto in die Arena in der Befürchtung, dass sich ihren Augen gleich ein Blutbad ungekannten Ausmaßes eröffnen würde, doch stattdessen schlurfte nur ein sichtlich geknickter Alibaba auf sie zu, wobei er sich seine Rechte Seite hielt, als bereite sie ihm Schmerzen. Auch sein Gang war ein wenig humpelnd.
Zunächst glaubte Toto, er hätte sich beim Training verletzt, aber als sie Garuda erblickte, ging ihr ein Licht auf. Freudig hüpfte sie hinter ihm her mit der Leichtfüßigkeit eines liebestollen Mädchens und nicht des tonnenschweren Ungetüms, das sie war.
Er hatte also erneut den Kürzeren gezogen, als er versucht hatte, Garudas Eifersuchtsszenen Einhalt zu gebieten und ihr ihre Grenzen aufzuzeigen.
„Soll Toto sich deine Rippen ansehen?“
„Nein, es geht schon…“
Seine Stimme klang ungerührt, nahezu monoton, doch Toto war sich ziemlich sicher, dass er im Moment am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre und insgeheim nur darauf wartete, sich in seine Kammer zurückziehen zu können.
„Sicher?“
„Lass mich!“
Sie hatte Recht, denn obgleich er es beharrlich zu unterdrücken versucht hatte, war ihr der weinerliche Schwung in seinem Tonfall nicht entgangen.
Kopfschüttelnd sah Toto mit an, wie die beiden im letzten Licht des Tages in den unterirdischen Gängen der Arena verschwanden.
Manchmal war Alibaba echt ein Weichei…

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Hallo!
Erst einmal zum offiziellen Teil: Da Mleko und ich uns schon seit einigen Jahren hier auf FF immer wieder über den Weg laufen und letztens festgestellt haben, dass wir beide aus verschiedenen Gründen momentan im Magi Fandom unterwegs sind, haben wir kurzerhand beschlossen, gemeinsam ein kleines Projekt ins Leben zu rufen. Außerdem hatten wir keine Lust, unsere Ideen alle einzeln auszustellen. ;)
Wir haben so etwas in der Art noch nie gemacht und sind gespannt, was wir so zustande bringen werden. Inhaltlich nehmen wir keinen Einfluss aufeinander, aber die einzelnen Geschichten entstehen in enger Zusammenarbeit und werden jeweils von der anderen abgesegnet. Wir werden absichtlich nicht schreiben, wer welche Geschichte verfasst hat, sodass man selbst raten kann.  :D Des Weiteren werden wir nicht abwechselnd ausstellen, weswegen mehrere, aufeinander folgende Geschichten durchaus aus der Feder derselben Autorin stammen können. Falls Spoiler auftauchen, wird dies durch ein * im Titel des Kapitels kenntlich gemacht und zu Beginn des Kapitels wird der benötige Kenntnisstand angegeben. (Spoiler umfassen alles, was den bisherigen Stand des deutschen Mangas voraus ist.) Zum Schluss sei noch erwähnt, dass die im Titel angegebene Figur der Hauptakteur der jeweiligen Kurzgeschichte ist, dies aber natürlich nicht bedeutet, dass keine weiteren auftauchen. Inhaltlich können alle Themen (Alltag, Drama, Thriller Etc.), wie auch Pairings enthalten sein.
So, das war ein langes Schlusswort. Wir wünschen euch viel Spaß und würden uns über Rückmeldung freuen,
Maruda und Mleko
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