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Überlebenskampf

von Hobbit91
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Horror / P18 / Gen
08.05.2016
08.05.2016
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3.301
 
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Meine einzige Sorge an dem Tag, an dem all das Grauen begann, war der Mathe-Test, auf den ich nicht sonderlich gut vorbereitet war. Ich verstand diesen ganzen Mist einfach nicht, da konnte ich machen, was ich wollte. Kakashi, mit dem ich schon seit der Grundschule befreundet war und der auch in der Oberschule in dieselbe Klasse wie ich ging, hat am Tag zuvor noch einmal versucht, mir diese Dinge zu erklären. Ohne Erfolg.

Wenn ich in Mathe wieder eine schlechte Note bekomme, dann werde ich mir von meinem Vater was anhören können, dachte ich missmutig und ließ meinen Blick gedankenverloren durch das Klassenzimmer wandern. Wir hatten gerade Pause. Nur noch wenige Minuten und der Mathe-Kurs würde beginnen.

„Na, Ronsuke, altes Haus! Wie geht’s?“ Kakashis Hand klatschte auf meine Schulter. Ich sah ihn an und er grinste breit.

„Was glaubst du denn, wie es mir geht?“, erwiderte ich ärgerlich und sah in eine andere Richtung.

Mina, eine Schülerin mit langen schwarzen Haaren war gerade von ihrem Platz aufgestanden und ging zur Tür. Vermutlich war sie auf dem Weg zur Toilette. Fast jeder in der Klasse stand auf sie, so auch Satoru, ein Junge mit blauen Haaren und einem unglaublich breitem Gesicht. Der Blick Satorus war genau auf Minas Hintern gerichtet. Satorus Zunge glitt über seine Lippen. Wahrscheinlich stellte er sich gerade vor, wie er sie flachlegte.

„So schlimm wie letztes Mal wird der Test schon nicht werden, Ronsuke. Mach dir also keine Sorgen, okay?“, versuchte Kakashi mich aufzubauen.

Ich war weniger optimistisch und sah wieder nach vorne. Genau vor mir saß Akane, ein wirklich hübsches Mädchen mit pinken Haaren. Sie kannte ich noch nicht so lange wie Kakashi. Ihre Eltern waren vor einigen Jahren umgezogen und sie war damals völlig neu in unsere Klasse gekommen. Kakashi und ich haben uns mit ihr schnell angefreundet und schon bald waren wir drei kaum noch von einander zu trennen gewesen. Bis zu diesem Tag bereute ich es, dass ich ihr nicht schon viel früher meine Gefühle gestanden habe. Ich hatte mich einfach nicht getraut, weil ich von Natur aus schüchtern bin. Dann war es irgendwann zu spät und Akane hatte ich in Wataru verknallt, der schließlich unser Klassensprecher wurde.

Wataru saß neben ihr und sein Arm lag um ihren Schultern. Er flüsterte ihr etwas zu, was sie zum Kichern brachte. Irgendwie war es schon verständlich, dass sie lieber mit Wataru zusammen sein wollte, als mit mir. Er war ein großgewachsener, gutaussehender Typ und hatte immer einen coolen Spruch parat. Ich dagegen war wesentlich kleiner, musste eine Brille tragen und war eher langweilig.

„Hey, Ronsuke! Hörst du mir überhaupt noch zu?“, rief Kakashi und holte mich ins Hier und Jetzt zurück.

Ich fuhr zu ihm herum. Ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass ich einfach abgeschaltet hatte. „Hm? Was?“, fragte ich.

„Mann!“ Kakashi fuhr sich durch seine lila Haare. „Ich sagte gerade, dass....“

„Hey!“, wurde mein bester Freund von unserem Lehrer unterbrochen, der gerade das Klassenzimmer betreten hatte. Geräuschvoll schloss er die Tür hinter sich. „Dein Platz ist in der ersten Reihe, falls du das vergessen haben solltest.“

Da mit unserem Mathe-Lehrer wirklich nicht zu spaßen war, gehorchte Kakashi augenblicklich und huschte auf seinen Platz.

Der Lehrer legte seine Aktentasche auf dem Lehrerpult ab und holte einen Stapel Blätter, bei denen es sich nur um den angekündigten Test handeln konnte, aus dieser heraus. Mein Magen krampfte sich zusammen.

„Nun denn...“ Der Lehrer begann die Blätter an die Schüler zu verteilen. Schon als ich den Test vor mir liegen sah, wusste ich, dass ich jämmerlich versagen würden. Wahrscheinlich würde ich nur in der Lage sein, ein weißes Blatt abzugeben, auf dem nichts weiter stand, als mein Name.

Der Lehrer teilte uns noch mit, wie viel Zeit wir zur Verfügung hatten. Außerdem sagte er uns, dass er uns genau im Auge behalten werde. Jeder, der versuchte zu schummeln, konnte sich auf etwas gefasst machen.

Ich seufzte und begann mir die Aufgaben durchzulesen. Wie lange ich so dasaß weiß ich nicht mehr. Irgendwann jedoch begannen die Schreie. Verwirrt blickten einige von uns auf. Natürlich hatte unser Lehrer es auch gehört und hatte sich erhoben. „Was geht da vor, zum Teufel?“, rief er, als auch schon die Tür aufgerissen wurde und unser Hausmeister mit wildem Blick in die Klasse taumelte.

„Wir müssen sofort raus hier! Da draußen ist die Hölle los!“, rief er entsetzt.

Weitere Schreie folgten.

„Ich verlange zu wissen, was hier vor sich geht!“, schrie der Lehrer, als sich plötzlich eine Gestalt mit grauem Gesicht hinter dem Hausmeister aufbaute und ihm in die Schulter biss.

Schreiend ging der Mann zu Boden und das monströse Wesen mit ihm. Dieses begann solang weiter zu beißen und zu reißen, bis der abgetrennte Kopf des Hausmeisters in den Raum kullerte.

Ich wusste gar nicht, was ich tun sollte. Das alles wirkte so unnatürlich. Es war, als würde ich mir einen Horrorfilm anschauen.

Panisch sprangen die ersten Schüler auf. Doch wo sollten sie hin? Der Zombie stand schließlich mitten in der Tür.

Plötzlich erschien eine weitere Gestalt mit einem Baseballschläger in der Hand. Es folgten mehrere schnelle Schläge auf dem Kopf des Zombies, bis dieser zerschmettert war.

Ich kannte den Kerl mit dem Baseballschläger. Sein Name war Rikushige, ein Junge mit orange-roten Haaren, der ein Jahr älter war als ich und den ich eigentlich gar nicht leiden konnte. Dieses Mal aber war ich froh, ihn zu sehen.

„Wir müssen von hier verschwinden!“, rief Rikushige. „Diese Dinger sind überall.“

„Was sind das für Wesen?“, fragte Akane ängstlich.

„Kreaturen wie aus einem Horrorfilm. Und wenn du von einem gebissen wirst, dann wirst du auch einer. Ich hab's mit eigenen Augen gesehen.“

„Was? Aber...“

„Uns läuft die Zeit davon, also beeilt euch, verdammt!“ Rikushige ließ seinen Blick durch den Klassenraum wandern, ehe er den Jungen erblickte, den er gesucht hatte: seinen jüngeren Bruder. „Toru, komm her!“

Sofort setzte sich Toru in Bewegung und gesellte sich zu seinem Bruder.

„Du wirst nicht von meiner Seite weichen, ist das klar?“, rief Rikushige und Toru nickte. „Ihr anderen solltet uns besser auch folgen.“

„Tun wir, was er sagt!“, entschied Wataru, stand auf und ging mit Akane, die sich an ihm festhielt, den beiden Brüdern hinterher.

Wir folgten ihnen sofort, wobei wir aufpassten, nicht in die Blutlache zu treten. Im Korridor angekommen sahen wir weitere Zombies liegen, denen ebenfalls der Schädel eingeschlagen worden war. Doch verglichen mit dem, was uns noch erwartete, war dieser Anblick noch einigermaßen erträglich. Man muss nämlich wissen, dass sich unser Klassenraum im obersten Stock unserer Schule befand. Soweit waren die Zombies noch nicht vorgestoßen. In den unteren Etagen sah es dagegen anders aus. Dort lagen Leichen – größtenteils von Schülern – und Blut war an die Wände gespritzt.

Als wir dies sahen, brach unter meinen Klassenkameraden endgültig Panik aus. Sie begannen planlos davonzurennen und schlagartig verlor ich die meisten von ihnen aus den Augen. Kakashi war mir zum Glück nicht von der Seite gewichen. Auch Rikushige und sein Bruder Toru waren noch ganz in der Nähe. Weiter vorne liefen Wataru und Akane. Diese hatten wir aber schon bald wieder eingeholt. Ich gab ihnen zu verstehen, dass es nicht gut sei, sich in dieser Situation zu trennen. Das sahen sie auch ein, weshalb wir das nächste Stück gemeinsam weitergingen.

Doch dann geschah es. Kurz bevor wir die Treppe erreichten, die uns weiter nach unten führen sollte, kamen zwei Zombies aus einer geöffneten Tür gelaufen. Wir alle nahmen die Beine in die Hand und rannten los. Die beiden Brüder, Kakashi und ich überholten Wataru und Akane. Ich drehte mich erst zu meiner Freundin und unserem Klassensprecher um, als ich ihren Schrei hörte. Akane war auf einer Blutlache ausgerutscht und hingeschlagen. Sie streckte eine Hand nach ihrem Freund aus, damit der ihr aufhelfen konnte, doch der dachte gar nicht daran, als er sah, dass die Zombies sie schon fast erreicht hatten. Stattdessen ließ er sie zurück, rannte an uns vorbei – wobei er noch Toru zur Seite stieß – und verschwand Richtung Treppe. Diese wollte er natürlich schnell hinab. Die Schüler, die sich noch auf der Treppe befanden kümmerten ihm wenig. Er schien auch keine Gewissensbisse zu haben, ein Mädchen so heftig zu stoßen, dass dieses die Treppe hinunterstürzte, wobei es sich mehrmals überschlug.

„Diese feige Ratte!“, schrie ich, entriss Rikushige, der gar nicht zu begreifen schien, wie ihm geschah, den Baseballschläger und rannte zurück auf die Zombies zu, die meine Freundin bedrohten. Wild schlug ich auf die beiden ein, bis sie sich nicht mehr rührten.

„Ronsuke?“, rief Akane erstaunt.

„Komm!“, rief ich und half ihr beim Aufstehen. „Wir müssen hier weg!“

Auch Kakashi schien seine Starre überwunden zu haben, denn nun kam er ebenfalls angelaufen. „Alles in Ordnung bei euch?“, fragte er atemlos und wir nickten bestätigend.

Gemeinsam liefen wir die Treppe hinab, vorbei an der Leiche des Mädchens, das sich bei dem Sturz das Genick gebrochen hatte. Hier trafen wir nun auch auf einen weiteren Klassenkameraden von uns. Satoru. Und eine weitere Schreckensszene spielte sich vor unseren Augen ab.

„Mina? Bist du das?“, fragte Satoru gerade und sah das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren an, das ihm den Rücken zugedreht hatte. Der Junge ging auf seine Angebetete zu und berührte ihre Schultern.

Da drehte sie sich um. Ihre toten Augen waren weit aufgerissen und ihr Gesicht hatte eine graue Farbe. Blitzschnell biss sie Satoru ein Stück aus seinem Oberarm. Der Junge schrie auf und sah Mina entsetzt an. Dann wurde er von ihr umgestoßen. Mit einem Aufschrei landete der Junge mit dem breiten Gesicht auf dem Rücken. Mina stürzte sich auf ihn, um ihre Zähne in den Bauch ihres Opfers zu schlagen. Als sie sich wieder aufrichtete, hing ihr ein großer Fleischfetzen mit Gedärmen aus dem Mund.

„Weg hier, schnell!“, kreischte Kakashi. Ich wusste gar nicht, dass er eine so schrille Stimme haben konnte.

Sofort rannten wir weiter, denn Satoru war ohnehin nicht mehr zu helfen.

Bald schon stießen wir auf die nächste Leiche, die unserem Sportlehrer gehörte. Seine Tasche lag gleich daneben und das brachte Kakashi auf eine Idee. Er kniete sich hin und begann die Tasche zu durchsuchen. Schon bald hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte und hielt triumphierend einen Autoschlüssel in die Höhe.

„Eine neue Fluchtmöglichkeit, Leute!“, rief er freudestrahlend aus. „Wir gehen jetzt alle zum Lehrerparkplatz und schnappen uns die protzige Karre von unserem Lehrer.“

„Ist das dein Ernst?“, fragte ich.

„Hast du eine bessere Idee?“, erwiderte er.

Die hatte ich nicht. Außerdem war diese Idee wirklich nicht schlecht. Kakashi hatte zwar noch keinen Führerschein, aber sein Vater hatte ihm das Autofahren schon mal beigebracht. Das machte Kakashi zwar noch nicht zu einem besonders guten Fahrer, aber das war schon in Ordnung. Schließlich hatten wir hier mit größeren Problemen zu kämpfen.

Wir liefen weiter und stießen im Erdgeschoss wieder auf Rikushige und Toru, die gerade gegen weitere Zombies kämpften. Als diese bald darauf besiegt waren, weihten wir die beiden in unseren Plan ein und nachdem sie sich einverstanden erklärt hatten, uns zu begleiten, rannten wir gemeinsam durch den Ausgang, über den Hof und zum Lehrerparkplatz, wo sich auch der rote Porsche unseres Sportlehrers befand.

„Dann mal alle einsteigen!“, rief Kakashi fröhlich, als Toru plötzlich zu husten anfing.

„Alles in Ordnung, kleiner Bruder?“, fragte Rikushige beunruhigt.

Toru hustete noch einmal und ein Schwall Blut schoss aus seinem Mund.

„Toru?“, rief Rikushige. „Was ist mit dir, Mann?“

„Seht doch! Er wurde gebissen!“, rief ich und deutete auf seinen rechten Unterarm.

„Was? Aber wann ist denn das passiert?“

„Vorhin“, antwortete Toru. „Ich war wohl nicht schnell genug.“

„Verdammte Scheiße!“

„Hör mir zu, Rikushige! Du musst mich jetzt hier zurücklassen. Ich werde sonst eine Gefahr für euch.“

„Nein, das geht nicht!“

„Uh!“, machte Toru und begann zu röcheln. Schließlich richtete er sich wieder auf und wir sahen in seine toten Augen. Sein Gesicht hatte eine gräuliche Farbe angenommen.

„Ins Auto, schnell!“, schrie ich.

Kakashi riss die Türen des Wagens auf und schob Rikushige, Akane und mich auf die Rückbank. Rikushige leistete jedoch Widerstand und befahl ihm, ihn auf der Stelle loszulassen, da er sich um Toru kümmern müsse.

Meinem Freund fiel nichts besseres ein, als Rikushige ins Gesicht zu schlagen. „Du kannst ihm jetzt nicht mehr helfen!“, schrie er. „Und wenn du hierbleibst, dann wirst du nur draufgehen. Willst du das?“ Diese Aktion zeigte Wirkung und der Widerstand endete. Er selbst setzte sich hinters Steuer, schlug die Tür zu, startete den Motor und brauste davon. Toru blieb auf dem Schulgelände zurück und sein Bruder, der sich mit uns im Auto befand schlug sich die Hände vors Gesicht.

Kakashi bretterte durch die Straßen, auf denen es von Zombies nur so wimmelte. Keiner von uns hatte eine Ahnung, was hier passiert war. Aber was brachte es schon, darüber nachzudenken? Wichtig war jetzt nur noch, dass wir einen sicheren Ort für uns fanden.

„Ich dachte, dieser Kerl liebt mich!“, schluchzte Akane plötzlich. „Und was hat er gemacht? Er hätte mich geopfert! Einfach so. Nur um seine Haut zu retten.“

Tröstend legte ich ihr einen Arm um die Schultern. Kakashi drehte sich zu uns um und wollte wohl gerade etwas sagen. Doch dazu kam er nicht mehr.

Wie aus dem Nichts kam plötzlich ein Radfahrer über die Straße gefahren. Ich brüllte Kakashi noch eine Warnung zu, doch es war schon zu spät. Der Radfahrer wurde vom Auto erfasst, segelte durch die Luft und schlug auf der Straße auf.

„Scheiße!“, rief Kakashi und trat auf die Bremse. Wir alle stiegen aus, um zu sehen, was wir angerichtet hatten.

„Da ist wohl nichts mehr zu machen“, stellte Rikushige fest, während er auf die Blutlache starrte.

„Scheiße, das ist doch Wataru!“, schrie Kakashi entsetzt. „Was zum Henker...?“

Schreiend brach Akane auf der Straße zusammen. Später erzählte sie mir unter Tränen, dass Wataru hier wohnte. Er war wohl mit dem Fahrrad nach Hause gefahren und hatte dort wohl eine Entdeckung gemacht, die so schrecklich gewesen war, dass er gleich wieder geflohen war. Unglücklicherweise war er uns dann genau vors Auto gefahren. Obwohl ich gesehen habe, was dieser Kerl getan hatte, tat er mir doch irgendwie Leid.

„Wir sollten hier nicht zu lange bleiben“, ermahnte uns Rikushige nach einer Weile. „Sonst werden diese Dinger noch auf uns aufmerksam.“

Ich sah mich um und erkannte, dass er Recht hatte. Ein paar Zombies näherten sich uns bereits.

Also beförderten wir Akane wieder zurück ins Auto und fuhren weiter.



Die erste Nacht verbrachten wir im Auto. Wir drei Jungs waren noch wach. Akane dagegen hatte sich in den Schlaf geweint und nun ruhte ihr Kopf auf meiner Schulter. Wir hatten in den letzten Stunden unsere Häuser und Wohnungen aufgesucht, um nach unseren Familien zu sehen. Keine Chance. Für sie alle war es bereits zu spät gewesen.

Kakashi kramte im Handschuhfach des Porsches herum und förderte schließlich eine Packung Zigaretten zu Tage.

„Auch eine?“, fragte er mich.

„Ich rauche nicht“, erwiderte ich.

„Ich doch auch nicht, du Idiot, aber ich habe das Gefühl, diesen Scheiß jetzt zu brauchen“, meinte mein Freund und zündete sich eine an. Nach ein paar Zügen fragte er mich, was wir nun machen sollten.

Ich dachte nach. „Vielleicht nach weiteren Überlebenden suchen, oder so?“, schlug ich schließlich vor. Eine bessere Idee hatte ich nämlich nicht.

Kakashi nickte. „Ja“, meinte er. „Das sollten wir vielleicht wirklich.“



Dies war vor einem Jahr und ein paar Monaten passiert. In dieser Zeit hat sich für uns einiges verändert. In dieser Zeit waren wir ständig auf der Suche nach Überlebenden und hatten dabei große Teile des Landes bereist. Übernachtet hatten wir manchmal im Auto, oftmals aber in einen der leeren Hotels, die heutzutage sehr zahlreich sind.

Vor einigen Monaten musste ich einen weiteren schweren Verlust erleiden. Eines Abends sah ich, wie Kakashi auf dem Absatz einer Treppe eines der Hotels stand, in dem wir gerade vorübergehend wohnten. Ich fragte ihn, ob alles in Ordnung sei, was er mir auch bestätigte.

„Es ist alles in Ordnung, Ronsuke“, sagte er. „Ich will nur kurz allein sein, okay?“

„Okay“, sagte ich, ahnungslos wie ich war und verließ Kakashi. Ich glaubte seinen Worten. Schließlich haben wir uns noch nie angelogen. Bis heute wünsche ich mir, ich hätte es nicht getan, denn mein bester Freund stieg auf das Dach des Hotels und sprang in die Tiefe. In einem Abschiedsbrief, den ich am nächsten Morgen fand stand, dass er das alles nicht mehr aushalten würde. Er schrieb, dass es ihm leidtäte, uns zurückzulassen, aber er könne einfach nicht mehr.

Ich mache mir selbst Vorwürfe. Ständig frage ich mich, wieso ich nichts mitbekommen habe. Sicher hätte ich seinen Selbstmord verhindern können, wenn ich rechtzeitig etwas gemerkt hätte. Jedenfalls rede ich mir ein, dass ich ihn hätte retten können...

Während unserer Reise schlossen sich uns immer wieder einige Leute an. Manche blieben länger, manche verließen uns kurze Zeit später wieder und manche fanden den Tod. Momentan ist bei uns ein älterer Mann, der gut mit Gewehren umgehen kann. Er hat versucht mir das Schießen beizubringen und ich muss sagen, dass ich immer besser werde. Außerdem sind da noch ein fünfzehnjähriges Mädchen mit einer achtjährigen Schwester und ein junger Büroangestellter mit Brille.

Rikushige ist auch noch bei uns. Und Akane? Nun, auch in dieser Hinsicht hat sich einiges für mich geändert. Eines Nachts erwachte ich in meinem Hotelzimmer und sah, dass sie vor meinem Bett stand. Sie war gut zu erkennen, denn seit dem Ausbruch der Zombieapokalypse hasse ich dunkle Räume. Aus diesem Grund ziehe ich die schweren Vorhänge vor den Fenstern nicht mehr zu.

Ich sah, dass Akane geweint hatte. Offenbar hatte sie aber keine Probleme damit, sich mir so zu zeigen. Es ist ja auch nicht so, dass ich sie für eine Heulsuse halten würde, denn das war sie nicht. In den letzten Monaten hatte sie ja bewiesen, wie stark sie sein konnte.

Akane zog meine Decke zurück und legte sich zu mir ins Bett. Sie schmiegte sich an mich und erklärte mir dann, dass sie einfach nicht richtig schlafen könne, wenn sie alleine war, da sie ständig Alpträume bekäme.

„Findest du das... albern?“, flüsterte sie.

„Kein bisschen“, sagte ich und legte meine Arme um sie, drückte sie an mich. Akane lächelte glücklich und schloss die Augen. Für einen Augenblick vergaß ich all die schrecklichen Ereignisse und genoss es einfach nur, sie in meiner Nähe zu wisse.

Nun kommt sie fast jede Nacht zu mir und manchmal liege ich stundenlang wach und beobachte sie einfach nur, sehe mir ihr Gesicht an.

Wie schön sie doch ist. Und wie friedlich, denke ich dann und hoffe, dass ich auch in der Lage sein werde, sie zu beschützen. Ich möchte für sie da sein, wenn sie mich braucht. Weil ich sie über Alles liebe.

Bald darauf liegt mein Blick meistens auf der Pistole, die auf meinem Nachttisch liegt. Nur für alle Fälle. Man weiß ja nie... Auf jeden Fall ist diese Pistole unsere letzte Rettung. Wenn es allerdings
dazu kommen sollte, dass unsere Lage vollkommen aussichtslos wird, dann werde ich nicht zögern. Sollten wir beide in die Ecke gedrängt werden, ohne Hoffnung auf Rettung, dann werde ich Akane erschießen, um zu verhindern, dass sie leiden muss. Ich werde dafür sorgen, dass mindestens zwei Kugeln übrig bleiben. Eine für sie und eine für mich. Ja, Akane, ich werde dir folgen. Und dann werden wir beide wieder zusammen sein. Hoffentlich in einer besseren Welt. Doch soweit sind wir noch nicht, stimmt's? Nein, soweit sind wir noch nicht.

Ich sehe zum Fenster. Eine Sternschnuppe zieht über den Nachthimmel.

„Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung“, flüstere ich.

„Die gibt es“, sagt Akane. Ich wusste nicht, dass sie wach ist.

Das Mädchen meines Herzens rollt sich auf mich und unsere Lippen begegnen einander. Es ist nicht die Art und Weise, auf die ein Mädchen einfach nur einen guten Freund küssen würde. Dieser Kuss hier ist innig und leidenschaftlich. Ich erwidere ihn und genieße diesen Augenblick.
 
 
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