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Once in a lifetime

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Lady Lucille Sharpe Sir Thomas Sharpe
07.05.2016
07.05.2016
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Ich habe keinerlei Rechte an sämtlichen vorkommenden Charakteren des Originals


* * *

Chronologisch ist die Geschichte kurz nach Lucille und Thomas' Rückkehr nach Allerdale Hall einzuordnen, nachdem sie beide als Kinder von dort fort mussten. Die Geschichte schließt (ohne direkten Bezug) an meine Kurzgeschichte „Demon Love“ an.



Titel: von ASP & Chamber

* * *


Once in a lifetime



„Lucille, wach auf!“

Schläfrig blinzelte die Angesprochene, strich sich eine dunkle Haarlocke aus dem Gesicht und musste trotz aller Müdigkeit lächeln, als sie den fast schon kindlichen Eifer sah, der in den blauen Augen ihres Gegenübers leuchtete, obwohl diese zugleich von dunklen Ringen geziert wurden, die auf einen eindeutigen Schlafmangel hinwiesen.

„Wie spät ist es?“ Die einzige Uhr im Haus war die alte Standuhr weit entfernt von hier, unten im Salon, aber auch ohne einen Blick darauf zu werfen war sie sich sicher, dass es noch mitten in der Nacht sein musste, noch längst nicht Zeit zum Aufstehen.

„Ich weiß es nicht“, er legte sich neben sie, stützte den Kopf auf den Arm, sah sie ungeduldig an; er brannte regelrecht darauf ihr seinen Plan zu offenbaren – er hätte es gar nicht aussprechen müssen, Lucille wusste es auch so, doch fast genoss sie es ein wenig, ihn zu ärgern und auf die Folter zu spannen, auch wenn sie seinem Eifer nicht widerstehen konnte, das wusste sie auch jetzt schon.

„Kann das nicht bis morgen warten, Thomas?“, sie schlang den Arm um ihn, schmiegte sich an ihn, machte Anstalten, weiter zu schlafen – er genoss für einen Augenblick nur die Nähe, ihre Wärme, die im Gegensatz zur eisigen Kälte des Raums so angenehm schien und ja, einfach das Gefühl, dass sie real war, wirklich hier bei ihm und er nicht mehr allein. Doch dann erinnerte er sich wieder an seinen eigentlichen Plan.
„Nein, weil ich denke, ich habe etwas gefunden. Einen Ausweg, Lucille!“ Er brannte geradezu darauf, ihr davon zu erzählen, hoffte, dass sie ihn alles erklären lassen würde; in seiner Fantasie hatte er sich vorgestellt, wie sie ihm begeistert lauschen und wenig später alles gut werden würde -

„Ja?“, sie runzelte nachdenklich die Stirn, setzte sich auf, lehnte sich gegen ihr Kissen, „Und was genau soll das sein?“ Ihr Tonfall ließ klar verheißen, dass sie nicht daran glaubte, dass es etwas Ernsthaftes sein konnte, um das es hier ging, nichts, das ihnen wirklich aus der Misere helfen würde, sondern höchstens eine Grille, die Spinnerei eines Jungen, nicht der Plan eines Manns.

„Es ist eine ziemlich komplizierte technische Angelegenheit und ich will dich nicht mit den Details langweilen“, sie verzog das Gesicht. Normalerweise war Thomas nicht so, aber gerade jetzt hasste sie ihn doch ein wenig dafür, dass er sich so verhielt wie alle anderen Männer, offenbar davon ausging, dass sie dummes kleines Frauchen ohnehin nicht verstehen würde, wovon er sprach und sich doch lieber auf Dinge wie Haushalt, Gesellschaftsleben und Kinder, bestenfalls Teeparties und Gesellschaftstanz konzentrieren solle.

„Ach, denken Sir etwa, ich könne seine großen Pläne etwa nicht begreifen?“, spottete sie angegriffen, gab ihm einen Schubs, sodass er nun, hatte er das doch nicht erwartet, völlig wehrlos vor ihr auf dem Rücken auf dem Bett lag. „Denkst du etwa, dass ich dir unterlegen sein müsste, nur weil ich eine Frau bin?“ Sie kauerte über ihm, hielt seine Arme fest, sodass er sich nicht wehren konnte. Ihre Blicke trafen sich: Ihrer spiegelte Zorn und Verdruss wieder, Entschlossenheit zu allem, seiner nur … Erstaunen und ja, war das tatsächlich ein Hauch von Furcht?

„Nein, ich meinte nur, weil es nicht unbedingt so relevant ist ...“, stammelte er verlegen, biss sich auf die Lippe, „Ich meine, ja, natürlich ist es schon relevant, aber ich dachte, dich würde das Ergebnis vielleicht mehr interessieren, als ein Maschinenbauplan, Lucille.“

„Ja?“, sie legte den Kopf schief, betrachtete ihn nachdenklich, so wie vielleicht einen mit Nadeln auf einem Brett festgesteckten Schmetterling, wie er mit leichtem Schaudern dachte. Er hatte immer geglaubt, genau zu wissen, was sie dachte, aber jetzt war er sich nicht sicher – alles konnte möglich sein. Sie konnte ihn küssen – oder ihm die Kehle aufschlitzen.
„Ich weiß nicht so recht.“

„Wenn alles so funktioniert, dann wird es all unsere Probleme lösen!“, sprudelte Thomas in noch immer ungebrochenem Enthusiasmus hervor, sah sie dann so hoffnungsvoll an, als sei er ein kleiner Hund, der einen Trick gelernt habe und nun eine Belohnung erwartete – und … Lucille zögerte, aber sie konnte ihm einfach nicht böse sein, wenn er sie so ansah, das hatte sie schon nicht gekonnt, als er noch ein Kind gewesen war.
„Ja?“, sie küsste ihn flüchtig, strich ihm eine Haarsträhne aus den Augen, deren Farbe der ihrigen ähnelte, machte jedoch keine Anstalten, ihn wieder frei zu lassen, „Dann erzähl mir mehr davon!“

„Ich ...“, Thomas sah sie nun doch ein wenig verblüfft an; er sah die erwachende Neugierde in ihrem Blick, dennoch wusste er, dass er sich noch immer metaphorisch auf der Anklagebank befand und sie eine überzeugende Erklärung erwartete.
„Erzähl mir davon“, raunte sie ihm zu, voller Sehnsucht und fast schon verführerisch, so als meine sie eigentlich etwas ganz anderes, ließ ihn dabei für keine Sekunde aus den Augen, so als sei er ihre Beute, die jederzeit entkommen könne und die sie mit Haut und Haaren zu fressen gedachte.

„Ich … nun gut ...“, es war, als fehlten ihm plötzlich die Worte, die er sich so sorgsam zurechtgelegt hatte. Er konnte ihr Haar riechen, die Wärme ihrer Hände fühlen und ihren Atem auf seiner Haut. Ihm fiel das Denken in dieser Situation gerade nicht sonderlich leicht, hatte er sich diese Gespräch doch ganz anders vorgestellt; vor allem die Nähe zu ihr war es, die ihn durcheinander brachte.
Dennoch gab er sich Mühe, ihr seine Pläne zu schildern, auch wenn ihm sein Mund dabei langsam trocken wurde, konnte er doch ihre Hände sich recht deutlich bewegen fühlen, so als beziehe ihre Neugierde sich gar nicht so sehr auf seine Erfindung, sondern vielmehr auf ihn selbst, den sie doch in- und auswendig kannte, hatten sie ihr gesamtes Leben zusammen verbracht.

„Du versuchst doch nur, mich abzulenken“, beschwerte er sich schließlich, woraufhin sie erstaunt den Kopf hob, so als habe sie das noch gar nicht bedacht.
„Ja?“, sie überlegte, seufzte. „Nein, es ist nur ...“, sie streichelte seinen Kopf, beugte sich zu seinem Ohr, „Ich glaube nicht, dass es funktionieren wird.“
„Aber ...“, er runzelte die Stirn; er wollte ihr keinesfalls Unwissen unterstellen, aber doch kannte sie sich mit Ingenieurswissenschaften recht wenig aus, da war er sich sicher. Vielleicht erfasste sie gar nicht die Tragweite seiner Idee? Vielleicht ahnte sie gar nicht, was sie da abtat?
Oder vielleicht war es auch wirklich der falsche Zeitpunkt und er hätte bis zum Tageslicht warten sollen?

„Nicht die Maschine. Sie wird ein Wunder sein, weil du sie dir ausgedacht hast“, sie küsste liebevoll seine Stirn, seufzte, so als habe sie selbst gerne in den Plan vertrauen wollen, könne es es aus Vernunftsgründen jedoch nicht, „Aber die Umsetzung wird sicherlich Jahre dauern und wir können nicht so lange warten, Thomas.“

„Aber -“, sein Blick war wieder der traurige, fassungslose eines Welpen, auch wenn er selbst wusste, dass sie Recht hatte. Das Haus konnte praktisch jederzeit über ihnen zusammenbrechen, es war stets eisig kalt, der Schimmel fraß an den Wänden während sie selbst vermutlich irgendwann verhungern würden, gab es doch keine Ersparnisse sondern eben nur das Haus als einziges Vermächtnis ihrer Eltern.

„Heiraten könnte eine Lösung sein“, grübelte Lucille indes – es klang dabei nicht so, als habe sie diesen Plan erst jetzt gefasst, sondern so, als habe sie sich zeitgleich mit ihm Gedanken gemacht, aber sei auf eine Idee gekommen. Sie sprach das einfach so aus, während Thomas sich wie vor den Kopf geschlagen fühlte.
„Nein“, war alles, was er hervorbrachte – und das so entschieden wie möglich. „Das kommt nicht in Frage, er räusperte sich, versuchte sich etwas zu fassen, sich nicht völlig von seinen Gefühlen davontraugen zu lassen, „Ich werde das nicht zulassen, dass du dich ...“, er schluckte, fiel es ihm doch schwer, dies überhaupt auszusprechen, erschien ihm doch der Gedanke so unsagbar schmutzig und widerwärtig, „praktisch verkaufst!“ Schon alleine die bloße Vorstellung kam ihm unsagbar schrecklich vor, nicht nur für sie, auch für sich; die Aussicht, sie teilen zu müssen, erschien fast schon widerlich, noch schlimmer der Gedanke, sie könne jemanden finden, den sie nicht des Geldes wegen ehelichte, sondern mit dem sie lieber ihre Zeit verbrachte als mit ihm.

„Was?“, Lucille lachte erstaunt auf, so als habe er einen Scherz gemacht, „Aber nein, mach dir keine Sorgen“, sie küsste ihn liebevoll auf den Mund, streichelte ihm übers Haar. „Wer sollte mich denn schon wollen?“, das klang nicht verbittert, sondern sie sagte es, so als sei es eine Tatsache und sie eine so abstoßende Kreatur, dass allein der Gedanke schon absurd schien. „Ich dachte mehr an dich, Thomas.“
„Was?“, er erwachte aus seiner Trance, fuhr erschrocken hoch, hätte sie um ein Haar vom Bett gestoßen, als er sich ruckartig aufsetze.

„Wieso erschreckt dich der Gedanke so?“, sie legte sich neben ihn, bettete ihren Kopf an seine Schulter, streichelte beruhigend seinen Arm, „Du weißt, ich liebe dich über alles. Wieso sollte es jemand anderes denn nicht tun? Es ist doch nichts Schlimmes daran.“

„Weil ...“, ihm fehlten die Worte, konnte er doch kaum glauben, was er da hörte. Sie musste scherzen, eindeutig, auch wenn es ein reichlich schlechter Witz war. „Weil … das kannst du doch nicht ernst meinen! Ich meine, du verlangst von mir praktisch, dass ich dich hintergehe!“ Er schlang die Decke um sich, als friere er, was trotz ihrer Nähe tatsächlich der Fall war „Das kommt nicht in Frage! Wir werden einen anderen Weg finden.“

„Sh, so meinte ich das doch gar nicht ...“, sie fuhr die Kontur seiner Lippen mit dem Zeigefinger nach, „Du sollst doch gar nichts tun, das du nicht möchtest, Thomas. Und“, sie zwinkerte ihm zu, wisperte in sein Ohr, „ich könnte am Ende dann ohnehin noch eifersüchtig werden.“ Sie beugte sich über ihn. „Weil … denkst du wirklich, ich möchte dich für immer teilen?“

„Das wird sich dann wohl ändern“, erwiderte er schroff in fast schon spöttischem Tonfall, glaubte er noch immer, dass sie scherzte. Wenn sie es nicht tat, dann würde sie vielleicht so begreifen, was sie da eigentlich redete.

„Nein“, Lucille funkelte ihm wütend an, so als habe er ihr gerade gedroht, umklammerte seine Hand, krallte regelrecht ihre Finger darum, so als fürchte sie, er könne sie gleich verlassen, „Niemals!“

„Aber -“, er versuchte, sich seine Irritation nicht anmerken zu lassen – in diesem Moment machte sie ihm eine höllische Angst, mehr nicht, egal wie sehr er sie liebte.

„Wir gehören zusammen und wir werden uns nie trennen“, sie wirkte jetzt fast schon den Tränen nahe, „Und du wirst nie eine andere lieben – niemals, versprich mir das, Thomas!“
Er zögerte für keine Sekunde, schien es ihm doch völlig unmöglich, dass er jemals für eine andere so wie für sie fühlen könne. „Ich verspreche es. Nur du und ich“, er streichelte ihre Hand, lockerte behutsam ihren Klammergriff um seine, der mittlerweile schmerzte, „niemand anderes.“
Lucille lächelte versöhnt und er zog sie in seine Arme, hielt sie fest, während sie sich an ihn schmiegte, die Augen schloss und dann wieder einschlief, während er in dieser Nacht kein Auge mehr zutat, geisterte ihr Vorschlag doch noch immer in seinem Verstand herum.

Alles in ihm sträubte sich gegen ihre Idee, auch wenn er zugeben musste, dass der Plan natürlich in gewisser Weise Sinn ergab und vermutlich sogar kurzfristiger war als seiner.

Und doch …

Er war noch nie ein guter Lügner gewesen, geschweige denn ein Schauspieler – und mehr als das würde es doch nicht sein, worum es dabei ging.
Die wenigsten Ehen wurden aus Liebe geschlossen, das wusste er selbst, dennoch erschien ihm das alles so falsch, so … einfach wie etwas, das er nicht tun konnte.

Und doch wusste er, wie die Alternative aussah, wenn er nicht auf den Vorschlag einging:
Sie würden entweder auf der Straße landen, besaß doch dank Ihrer adeligen Herkunft keiner von ihnen praktische Fähigkeiten.
Oder aber -

Nein, er wollte es sich gar nicht vorstellen, wie Lucille irgendeinen widerlichen alten Kerl mit Geld heiratete, sie jeden Tag seine Launen mit einem aufgesetzten, unterwürfigen Lächeln ertrug – oder noch schlimmer, wie sie jemanden fand, dem es wirklich gelang, ihr Herz zu erobern. Vielleicht, so dachte er, würde der ihr einen neuen Konzertflügel kaufen, mit ihr ins Theater gehen, die Oper, all die Konzerthäuser der Welt besuchen, statt sie in einem vermoderten alten Herrenhaus, das täglich mehr im Boden versank. verrotten zu lassen …

Bei dem Gedanken, sie auf diese Art zu verlieren, krampfte sich sein Herz zusammen.
Wenn er nicht mitspielte, nicht ja sagte, dann würde sie einen anderen Weg suchen, das wusste er – Lucille gab nie auf bis sie bekam, was sie wollte. Und die Option, die hier bestand, wenn er sich weigerte, war um Unlängen schlimmer – sie würde ihn für immer verlassen, er würde allein zurück bleiben. Ohne sie war er doch nichts, er würde es gar nicht schaffen, zu existieren, da war sich sicher.
Im Umkehrschluss hätte er für sie doch alles getan, ja, so dachte er versonnen bei sich, vielleicht hätte er sogar für sie gemordet, aber darum ging es hier nicht …

Vielleicht, so dachte er bei sich, würde alles gar nicht so schlimm werden, wie er glaubte; letztendlich ging es hier doch nur um eine weitere Zweckehe, wie sie durchaus üblich war, auch wenn sich in ihm alles dagegen sträubte.

Und ...

Bedeutete das in gewisser Weise letztendlich nicht auch wieder, Lucille zu verlieren?
Ja, er hatte ihr versprochen, dass sie sich nie trennen und seine Liebe nur ihr gehören würde, doch ließ sich das wohl kaum umsetzen, wenn er verheiratet war. Selbst wenn er seine Frau nicht liebte, so war er ihr doch in gewisser Weise gegenüber verpflichtet …

Er fühlte sich alles andere als wohl bei dem Gedanken, dennoch gab es ohnehin keinen anderen Ausweg, wenn er nicht alles noch schlimmer machen wollte.
Er schluckte, nahm all seinen Mut zusammen.
„Ich werde es tun“, wisperte er der friedlich neben ihm Schlafenden zu; sie reagierte nicht, schien jedoch im Schlaf die sonst glatte, makellose Porzellanstirn zu runzeln, so als sei sie sich nicht sicher, ob sie ihm trauen konnte.
„Für dich würde ich alles tun“, fuhr er fort, streichelte ihre Hand, hielt sie in seiner – die Geste erinnerte an Lucilles von vorhin, wenn auch weniger panisch. „Wirklich alles.“
Vielleicht, so dachte er bei sich, auch wenn er nicht wirklich daran glauben mochte, hatte sie ihren Einfall auch morgen wieder vergessen und würde ihm eine zweite Chance geben.
Vielleicht.

Er blinzelte, so als müsse er einen absurden Traum verscheuchen, dann schlang er die Arme um sie, zog sie an sich.
„Ich liebe dich“, murmelte er, dann schloss er ebenfalls die Augen.


- ENDE -







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