0 - Argus' Aufstieg

von Emares
GeschichteAllgemein / P16
Argus
07.05.2016
07.05.2016
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Er hatte es getan! Dieser Verrückte hatte es tatsächlich getan!
     „Was fällt diesem Rufus nur ein, einfach loszulassen?“, fragte sich  Argus, als er sich an der Wand des Rotors festkrallte, damit dieser sich nicht wieder drehte. Sie waren eingeklemmt, Rufus, Cletus und er, Argus – alle drei zwischen Propeller und Flügelwand des Hochbootes. Als sie noch versucht hatten, aus dieser Zwangslage zu fliehen, als sich keiner von ihnen so richtig festgehalten hatte, da drehten die Propellerflügel sich jedes Mal, wenn einer von ihnen sich bewegte. Aber jetzt hielt er sich fest. Es war zunächst mehr ein automatischer Reflex gewesen, ein sich Wehren, wieder im Kreis geschleudert zu werden. Nachdem Rufus losgelassen hatte, war diese Instinkthandlung wohl stärker geworden... Wie dem auch war, jetzt klammerte er sich fest und nur deswegen konnte er beobachten, wie Goal, die junge, rothaarige Elysianerin, nun seinem Nebenbuhler, Cletus, der sich für ihren Geliebten, Rufus, ausgab, in die sichere Freiheit half.
     „Das soll eine Heldentat sein!?“ Er konnte nur denken, er musste die Luft anhalten bei diesem Kraftakt.
     „Heldentum erwächst aus Pflichterfüllung“, biss er die Zähne zusammen, während seine Muskeln langsam übersäuerten und wie Feuer brannten; von dem unangenehmen Druck auf seinen Brustkorb ganz zu schweigen,
     „Ich werde euch zeigen, was ein wahrer Held macht. Ich rette euch alle und das“, er schluckte,
     „obwohl es keine Menschenseele erfahren wird!
Eigentlich hätte er Besseres denken können, er wollte sich mental auf sein Ziel fokussieren, aber der Anblick, wie sie diesem verfluchten Fatzke hoch half und ihn selbst dagegen völlig ignorierte... wie offensichtlich niemand sich um ihn kümmerte... er war so einsam.
War er denn kein menschliches Wesen? Hatte er nicht das Recht, gerettet zu werden? Warum war er nicht einmal einen Gedanken, ein „Tut mir leid!“ wert? Er hing doch auch in diesem Drecksding.
Warum war er allen egal?!
     „Hmpf“, stöhnte er unter der Pein, „Könnt ihr euch nicht wenigstens beeilen!?
Langsam rutschte er ab; Millimeter um Millimeter setzte er sich in Bewegung und er konnte das Quietschen unter seinen Fingern hören. Er musste sich ablenken, bemerkte er und schüttelte mit dem Kopf. Ein Szenario musste her, etwas Angenehmes.
Was hätte er gemacht?
Er versuchte, sich zu trösten, indem er darüber nachdachte, was er gemacht hätte, wenn sie ihn hier herausholen wollte. Was hätte er gemacht, wenn er sie retten wollte und nur noch hätte loslassen können? Er hätte womöglich ebenfalls aufgegeben, er hätte sie auch gezwungen, zu gehen und er hätte sich dafür gehasst, aber sie hätten es beide gewusst: es wäre das Beste gewesen.

Er hätte es in ihren Augen abgelesen; dass sie sich nicht entschieden hätte, bevor sie alle gestürzt wären. Er hätte es gewusst, er hätte geahnt, dass sie alle stürben, zwänge er sie nicht, sich in Sicherheit zu bringen. Selbst wenn er sich ausgewiesen hätte, die anderen Prototypen würden losgelassen und die Karten neu gemischt haben .
     „Ich bin der Echte. Ich bin der Mann, der dich liebt!“, hätte er ihr mit einem tiefen Blick in ihre Augen gesagt,
     „Aber ich kann es dir nicht beweisen, ohne dass die Anderen loslassen und wenn du hier
     bleibst, wirst du auch sterben...“, hätte er bedeutungsschwanger auf den Propeller geblickt. Er hätte sich auf die Lippen gebissen, sie wieder angesehen und dabei wäre Salzwasser aus seinen Augen getropft, direkt in die kalte Leere der Stratosphäre,
     „ich kann das nicht zulassen, es ist meine Pflicht, dich zu retten!“ und ja, dann wäre er wahrscheinlich emotional geworden,
     „Bitte hasse mich nicht dafür, ich liebe dich!“
Er hätte nur noch tief eingeatmet, die Augen geschlossen, die Luft angehalten, die Brauen zusammengepresst und losgelassen. Sie wäre vorgestürmt, hätte noch versucht, ihn zu packen, doch es wäre zu spät gewesen, er wäre schon mit offenen Armen dem sicheren Tod entgegen gefallen, schneller und schneller und schneller.
     „Schwachkopf!“, hätte sie ihm wahrscheinlich noch nach geschrien, aber direkt darauf voller Tränen geflüstert:
     „Ich liebe dich auch!“
Ein letztes Mal hätte er ihr zugezwinkert, bevor er verschwunden wäre.
Und so hätte er glücklich sterben können, weil er gewusst hätte, dass sie sich in Sicherheit bringen würde, kein Nebenbuhler bei ihr, niemand, der, wie er jetzt, den Rotor festhalten musste, damit der Plan aufging, kein Garnichts. Nur ein letzter, großer und einsamer Sieg.
Diese Gedanken waren nicht zielführend, aber sie trösteten ihn zumindest, was ihn lächeln ließ, als sie Cletus endlich hochgehoben hatte, diesen formlosen Hundesohn.

     „Schrott verdamms!“, entfuhr ihm, als der Rotor sich wieder in Bewegung setzte und ihn aus seinen Gedanken riss. Er erbrach sich wie ein Rasensprenger kreisrund in das Nichts des Weltraums. Er konnte nichts mehr erkennen, nur wie die atemberaubende Landschaft an ihm vorbeirauschte. Das einzige, was er klar zu sehen vermochte, waren die drei Flügel des Propellers, an dem er hier festhing. Er verursachte eine enorme Unwucht, die den Motor stark beanspruchte und die Metallteile schwanken ließ, weshalb sie funkensprühend an ihr Gehäuse prallten.
Bald würde die ganze Konstruktion ihren Dienst versagen. Wenn er sich doch wenigstens orientieren konnte...
Da kam ihm eine Idee; als er klein war, zeigte Ulysses ihm einmal eine Art Daumenkino – einige Bilder waren auf einen Autoreifen geklebt und dieser drehte sich, sodass ein Ritter über eine grüne Wiese ritt.
Während er nachdachte, leerte sein Magen sich vollends – seine Kehle brannte.
     „Also gut“, sagte er sich und begann, immer schneller zu blinzeln. Es funktionierte: wie ein Film breitete sich vor seinen Augen ein immer klareres Bild ab, je schneller er die Augen schloss und wieder öffnete. Zunächst bewegte es sich noch im Kreis, dann stabilisierte er es.
Goal und Cletus waren bereits nahe der unteren Schleusen angekommen, von wo mittlerweile Seile herunterhingen, an denen die Insassen der Fähre in die Sicherheit des Paradieses kletterten. Die beiden stießen zu einer Gruppe Deponianer, welche sich ihrerseits auf die Flucht nach vorne machten.
Sein Blick fiel auf eine junge, blonde Rebellin, die die ersten Stufen der provisorischen Leiter erklomm. Er wusste nicht wieso, aber die schlanke Taille, die den recht üppigen Rest verband, kam ihm irgendwie bekannt vor. Als sich das Bild einer Dusche in seiner Erinnerung breit machte, zwang er sich Beherrschung ab.
     „Hauptsache, meine Männer schaffen es nach Elysium“, dachte er sich, da durchfuhr ihn ein erneuter, dieses Mal trockener Brechreiz.
     „Diese Rotation soll zur Hölle fahren!“, gurgelte er mehr statt zu brüllen, als die Umdrehungen seiner persönlichen Hölle sich verlangsamten. Für einen Augenblick war es zwar angenehmer, jedoch hing er immer noch hier fest. Hilflos blickte er auf das Gefährt. Es stand still, beherbergte nur noch zwei Insassen; ihn und Ulysses.
     „Sie haben mich einfach meinem Schicksal überlassen!“, haderte er wieder mit sich und schlug die geballte Faust auf das Wolframcarbid vor sich. Erneut wollte er herausklettern, rutschte aber nur hilflos am glatten Rand ab.
     „Was für ein erbärmliches Ende!“, resignierte er abermals.
Es musste sich um Sekunden handeln, der hektische Schlag seines Herzens machte daraus Minuten, dann zerbrach das stählerne Luftfahrzeug. Für den Anfang kam ihm die Schwerelosigkeit fast schön vor, aber die Alternative zum maschinellen Kreislauf stellte sich mit zunehmender Potenz der Geschwindigkeit des freien Falles als noch schlechter heraus.
Mit relativ stabilen 200 km/h begann der kalte Zugwind, in seinem Gesicht zu schmerzen wie Rasierklingen, sodass er sich zu Elysium umdrehte.
Jetzt hätte er hinausklettern können... aber was sollte er draußen machen?
Nein, seine letzten Gedanken sollten seinen Organon gelten – immerhin musste er noch eine knappe Minute haben und die wollte er nicht mehr mit düsteren Gedanken verschwenden.
     „Meine Organon! Ich werde zu euch zurückkehren. Dann nehmen wir Elysium ein und
     nehmen uns, was uns gebührt“, ballte er die Faust zur fliegenden Stadt und lächelte böse,
     „ Und wenn ich den ganzen Planeten in Schutt und Asche legen muss; ich werde das
     vollbringen! Denn ich bin –“, harsch unterbrach ihn das Ende seiner Reise. Der Flügel prallte auf festem Untergrund auf, wodurch er gegen die Innenwand geschleudert wurde, daran herabrutschte und im Dreck liegen blieb. Das war die Realität: kein letztes Aufbäumen, nur das Geräusch, wie dutzende seiner Knochen brachen, sowie die Schwärze seiner geschlossenen Augenlider.
     „Das war es also!“, dachte er sich, „So ende ich also...
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