All we left behind

GeschichteFantasy / P18 Slash
Hawke (männlich)
06.05.2016
20.05.2016
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A/N Hallo, und willkommen! Falls du hier draufgeklickt hast, erlebst du den Versuch, eine Afterstory für Inquisition zu erschaffen, in der unser lieber Garrett lebt und sich aufmacht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen.  Doch Hawke wäre natürlich nicht Hawke, wenn er dabei nicht in große Schwierigkeiten geraten würde. Diese FF wird von mir gemeinsam mit meinem liebsten Stanford Pines verfasst. Wir hoffen, es gefällt und sind dankbar für jede noch so kleine Anregung. Enjoy!
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Es war die kalte Brise des eisigen Windes, die ihn dazu brachte, seine schweren Augenlider zu öffnen und somit wieder Herr über seinen erschöpften Körper zu werden. Nach und nach kam das Gefühl in seinen bleiernen Beinen zurück. Seine Arme, die sich noch wie Pudding anfühlten, begannen sich zu revitalisieren und sein Kopf, der sich matschig und unfähig anfühlte auch nur einen einzigen, klaren Gedanken fassen zu können, fing langsam an, wieder zu arbeiten. Doch erst, als er den frostigen Wind durch das Laub der Bäume wehen hörte, begann er, seine Umgebung wahrzunehmen.  Er lag auf dem unnachgiebigen Boden, vermutlich auf einer Wurzel oder einem Ast, denn er spürte etwas schmerzhaft gegen seinen Rücken drücken, irgendwo im Wald. Er war umringt von Bäumen, die so hoch waren und so dichtes Laub trugen, dass es ihm bis auf die einzelnen Sonnenstrahlen, die durch das dichte Geäst fielen, nicht möglich war, den Himmel zu sehen. Bis auf das fröhliche Gezwitscher der Vögel und seinen eigenen, schweren Atem war nichts zu hören. Kein Gerede, keine Schritte, keine Schreie, nichts. Wo war er? War dies ein Traum? Eine weitere, tückische Illusion, von denen er in der letzten Zeit so viele hatte durchleben müssen? Illusionen, in denen er mit seiner Familie gemeinsam fröhlich lebte, in denen er Seite an Seite mit seinen fähigen Gefährten Thedas von seiner wohl größten Bedrohung befreite oder in denen er mit dem Mann, den er liebte, friedlich zurückgezogen irgendwo sein Dasein fristete. Anfangs war es ihm schwer gefallen, diesen Illusionen zu widerstehen. Etwas in ihm hatte sich ihnen einfach hingeben wollen, hatte sie akzeptieren wollen, ja fast schon darum gebettelt, dass sie wahr seien, doch jedes Mal hatte er sich daran erinnert, dass keine einzige davon real war und sich schweren Herzens davon losgerissen. Denn wie jeder wusste gab es an dem Ort, an dem er sichseiner Erinnerung nach gerade noch befunden hatte, keine Realität. Das Nichts war an und für sich eine einzige Illusion.
Hawke richtete sich unter Schmerzen und Gestöhne auf, ehe er sich über den Boden zu einem Baum hin robbte, um sich dort gegen den Stamm zu lehnen. Es ging ihm nicht gut. Sein Magen fühlte sich flau an, so als müsse er sich jeden Moment von seinem Inhalt entleeren, was eigentlich gar nicht möglich sein dürfte. Im Nichts hatte er noch nie Hunger, geschweige denn irgendwelche körperlichen Beschwerden verspürt, und doch wollte Hawke sich am liebsten übergeben und danach seinen derzeit unbrauchbaren Kopf betten, um zu schlafen. Am besten für eine sehr lange Zeit. Kurz blickte er an sich herunter und stellte fest, dass er noch dieselbe Kleidung trug, die er getragen hatte, als er ins Nichts gekommen war: Die Robe des Champions von Kirkwall. Lediglich sein Stab fehlte und somit seine einzige Waffe, mit der er sich gegen mögliche angreifende Ungeheuer behaupten konnte. Ob dieser sich noch irgendwo in der Nähe befand?  Sicher, im Notfall könnte er versuchen, ohne seinen Stab zu kämpfen, doch magische Energie im Kampf einzusetzen ohne sie mithilfe eines Stabs zu bündeln, konnte gefährlich werden. Ganz besonders für ihn selbst.
Der Wind wurde stärker und zwang den Dunkelhaarigen unwillkürlich, seine Beine näher an seinen Körper zu ziehen, in der Hoffnung, er könne sich so wärmen. Zitternd hob er seine Hände zu seinem Mund und hauchte in diese hinein, ehe er sie gegeneinander rieb, um es ein klein wenig wärmer zu haben. Verwundert die Augenbrauen erhoben fragte er sich, was all diese Empfindungen plötzlich zu bedeuten hatten. Kälte? Unwohlsein? Kopfschmerzen? Und all das im Nichts? Dem Ort ohne Struktur, ohne Zeit, ohne logische Zusammenhänge? Dem mit Dämonen, Geistern und Monstern verseuchten Ort, an den die Leute gingen, wenn sie träumten? Zugegeben, das Nichts mochte ein respekteinflößender Ort sein, und Hawke hatte sich beileibe länger dort aufgehalten als ihm lieb war, doch hatte er in all dieser Zeit keine körperlichen oder psychischen Beschwerden gehabt, wenn man von den düsteren Gedanken, die ihn widerwillig heimgesucht und somit auch allerlei Dämonen angezogen hatten, einmal absah. Er fühlte sich... fast schon wieder lebendig. Er genoss es, den Wind auf seiner Haut zu spüren, die Erde unter ihm zu riechen, sogar die Gänsehaut, die er eben noch als unangenehm und störend empfunden hatte, begrüßte er nun als ein willkommenes Gefühl, als ein Zeichen, dass er lebte. Oder er bildete sich nur ein, dass er in einem Wald saß, bildete sich ein, dass der frostige Wind durch seine Kleidung hindurch seine Haut erkalten ließ, bildete sich ein, dass sein Magen sich so schlecht wie schon lange nicht mehr anfühlte. Entweder das…. Oder er befand sich überhaupt nicht mehr im Nichts.
Ein Schmunzeln, gefolgt von einem erstickten Kichern entfuhr dem Schwarzhaarigen, der nun seinen Kopf gegen den Stamm hinter sich lehnte und erschöpft die Augen schloss. Endlich. Endlich schien alles funktioniert zu haben. Endlich hatte er es geschafft, dem Nichts zu entkommen, nach so  vielen Fehlversuchen.
"Da bin ich also wieder", dachte er sich im Stillen, "Zurück in der Welt voller Liebe, Freude und Sonnenschein. Wann wohl der erste fanatische Räuber ankommt, um mich gleich wieder dahin zurückzuschicken, wo ich hergekommen bin?"
Er musste einräumen, dass er so, wie er momentan hier saß, verwirrt, ungeschützt und ohne Chance, sich zu verteidigen, eine nur allzu leichte Beute abgeben würde für jeden trunkenen Barbaren, der gerade vorbeikam, deshalb beschloss er, auch, wenn sein gesamter Körper sich dagegen wehrte und am liebsten noch eine lange Weile dagesessen und Kraft getankt hätte, sich aufzurichten und einen Unterschlupf zu suchen, wo er sein weiteres Vorgehen planen konnte. Etwas wackelig fühlte er sich schon auf seinen Beinen und zunächst musste er sich erst einmal am Baum abstützen, um wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, auf festem Boden zu stehen. Im Nichts hatte sich alles so… so unwirklich angefühlt. Natürlich hatte er nicht nur an Ort und Stelle gesessen, sondern war durchaus umhergewandert, ohne jegliches Ziel zwar, aber dennoch voller Neugierde und Abenteuerlust. Trotzdem hatte er nie festen Boden unter seinen Füßen gespürt. Vielmehr hatte es sich bei jedem Schritt, den er getan hatte, so angefühlt, als sei er ins Leere getreten. Anfangs war dieses Gefühl angsteinflößend gewesen und Hawke hatte jedes Mal damit gerechnet, zu fallen und in die Tiefe herabzustürzen, doch mit der Zeit hatte er sich daran gewöhnt. Jetzt aber, wo er die Erde unter sich spürte, fragte er sich, wie er sich überhaupt hatte jemals daran gewöhnen können.
Vorerst schwankenden Schrittes, doch dann immer sicherer werdend, verließ der Champion Kirkwalls den Ort seines Erwachsens und setzte sich in Bewegung. Noch immer hatte er keine Ahnung, wo er sich befand. Wie auch, schließlich hatte er bisher nichts getan, außer sich an einen Baum zu schmiegen und wie ein Kind, das gerade seine ersten Schritte wagte, herumzutapsen. Demnach wusste er nicht, wohin ihn die Richtung, die er eingeschlagen hatte, ihn führen würde. Hawke betete nur zum Erbauer, dass er nicht gleich blind irgendeine Klippe hinabstürzen und so seiner Wiederankunft ein jähes Ende setzen würde.
Immer weiter schleppte er sich voran, durch dichtes Geäst, über umgefallene Bäume, durch enge Passagen hindurch, doch der Wald schien immer dichter zu werden und sich nicht lichten zu wollen. Der Wind hatte nicht nachgelassen und das Sonnenlicht, welches er vorhin noch so wohlwollend begrüßt hatte, wurde immer schwächer und kündigte die herannahende Nacht an. Missmutig verzog Hawke das Gesicht. So sehr es ihn freute, dem Nichts entkommen zu sein, gegen eine Höhle, ein Erdloch oder ein verlassenes Haus, wo er sich erst einmal niederlassen und sein weiteres Vorgehen planen konnte, hätte er nichts einzuwenden gehabt. Auch, wenn ihn bisher nichts angegriffen hatte, so wollte er sein unverschämtes Glück nicht länger herausfordern als sowieso schon, zumindest nicht, solange er noch ohne Waffe auskommen musste. Seinen Stab hatte Hawke leider nicht gefunden, sodass es selbst für ihn vermutlich sehr brenzlig hätte werden können, sollte etwas, oder jemand, ihn entdecken. Hawke umschlang sich mit seinen Armen und versuchte, sich somit ein wenig zu wärmen. Er empfand es schon fast als unnatürlich, wie sehr es in diesem Wald zog, fast so, als würde ein verrückter Magier ohne Ende Eisige Umarmungen abfeuern und die gesamte Gegend einfrieren wollen.
Während er seiner Wege zog, konnte der Magier die Fragen, die in seinem Kopf herumschwirrten, nicht abstellen. Sie vermischten sich mit den Erinnerungsfetzen seiner vergangenen Tage in Kirkwall und Skyhold, die nun begannen, nach und nach zurückzukehren, sodass in seinem Hirn ein regelrechtes Chaos herrschte, das er mit aller Kraft versuchte, zu bändigen. Er fragte sich, wie viel Zeit wohl vergangen war, seit er von dem Inquisitor, dessen Name ihm gerade nicht einfallen wollte, im Nichts zurückgelassen worden war, wollte wissen, wie es um Thedas stand und ob Corypheus es geschafft hatte, dieses ins unendliche Chaos zu stürzen, wollte sich vergewissern, wie es um seine Freunde und Bekannten stand, die er seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte. Ob es ihnen gut ging? Ob sie noch an ihn dachten? Oder hatten sie ihn vergessen? Ob sie überhaupt noch lebten? Diese Ungewissheit machte Hawke nahezu verrückt. Musste er sich jeden Moment auf einen Angriff der Dunklen Brut vorbereiten? Kam gleich en Oger um die Ecke geschossen, der ihm dasselbe Ende bereiten würde wie seiner seeligen Schwester damals? Er wusste es einfach nicht.
"Nun, eines ist schon mal sicher", schoss es dem dunkelhaarigen Magier durch den Kopf, während er mit seinen Händen auf seinen Armen herumrieb, um mehr Wärme zu erzeugen, "In Antiva werde ich mich eher nicht befinden. Keine Weinberge und kein maritimes Klima weit und breit. Dabei hätte ich gegen ein Gläschen Wein wirklich nichts einzu-"
Abrupt wurde Hawke aus seinen Gedanken gerissen, als er ziemlich deutlich eine helle Frauenstimme ziemlich aufgebraust „Gütiger Erbauer“ rufen hörte. Sie durchschnitt die Stille des Waldes scharf wie ein Schwertstreich und Hawke blieb unweigerlich stehen. Erschrocken wandte er seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme vernommen hatte, und ging unweigerlich hinter dem Gestrüpp, von dem es beileibe genügend gab, in Deckung. Mit gerunzelter Stirn und wachem Blick in Richtung potentielle Gefahr gerichtet fragte er sich, wer da gerufen hatte und vor allem, ob die scheinbar erboste Frau feindlich gesonnen war. Natürlich konnte es sich um eine Hausfrau handeln, die gerade ihren Mann ausschimpfte, aber genauso gut konnte es ein Mitglied einer Plündererbande handeln, das sich über die dürftige heutige Ausbeute ausließ. Vermutlich lag es daran, dass Hawke noch geschwächt war und sich noch nicht wirklich mit der neuen Situation abgefunden hatte, aber ihm war, als kenne er diese Stimme. Als habe er sie schon einmal gehört, vor sehr langer Zeit. Es mochte sein, dass seine Sinne ihm einen Streich spielten, aber der Stimme zu folgen war definitiv der einzige Anhaltspunkt, den er momentan hatte, weshalb er sich so klein machte wie nur irgend möglich und begann, sich seinen Weg durch das Gestrüpp zu bahnen. Dabei achtete er darauf, dass ihn die Büsche noch verbargen, sodass er im Notfall untertauchen und sich verstecken konnte. Er war vermutlich nicht der beste im Schleichen und er hatte die Befürchtung, mit jedem Rascheln der Blätter und jedem Ast, auf den er trat, bei Weitem zu viel Lärm zu machen und somit seine Position zu verraten, aber wahrscheinlich trug sein Gewand einiges dazu bei. Mit den schweren Silberitplatten auf seiner Schulter und an seinen Beinen war es nahezu unmöglich, sich ungehört zu bewegen.
Dem Erbauer sei Dank schien sich die Frau, die er gehört hatte, sich gerade in einem Gespräch zu befinden, sodass er ihrer Stimme ganz leicht folgen konnte. Je länger er ihr lauschte, desto stärker wurde das Gefühl in ihm, sie zu kennen, doch Hawke konnte sie beim besten Willen nicht zuordnen, egal, wie sehr er es versuchte. Möglicherweise würde es ihm wie Schuppen von den Augen fallen, wenn er die Person erst einmal sah, so meinte er.
Und genau so war es.
Hinter einem Busch versteckt, erblickte er ziemlich bald zwei Personen, welche sich eingehend miteinander unterhielten. Worum es ging konnte Hawke nicht sagen, da ihn der Anblick der Frau in Schwesternkluft zu sehr erleichtert und überwältigt hatte. Ihr Haar war flammend rot und gerade einmal schulterlang, ihre blauen Augen funkelten den Mann, der gerade wild auf sie einredete, fast schon zornig an, während sie ihre Hände in die Hüfte gestemmt hatte, vermutlich, um etwas autoritär zu wirken. Groß war die Dame bei Weitem nicht, ihr Gegenüber überragte sie um mindestens einen Kopf, doch aus Erfahrung wusste Hawke, dass man sich in ihr nicht täuschen sollte, wenn einem sein Leben lieb war.
Leliana machte eine abfällige Bewegung, sobald der Mann aufgehört hatte, zu sprechen, und rief aufgebracht: „Beim Erbauer! Seid Ihr denn wirklich so resistent gegen jegliche Vorschläge, Messere? Ihr müsst doch einsehen, dass die Asche behütet werden und weitere Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen!“
Ihr Gegenüber schüttelte nur weiter den Kopf und meinte, es sei in Zeiten des Friedens keinesfalls notwendig, eine solches Fass um ein wenig Staub aufzumachen, was Leliana dazu brachte, ungläubig ihre Augenbrauen zu heben und ihren Mund zu einem kleinen O zu formen.
„Ein wenig Staub?! Ihr wagt es, die Asche der heiligen Andraste Staub zu nennen?! Seid Ihr denn so verblendet, dass Ihr…“
Hawke hörte nicht weiter zu, sondern erlaubte es sich das erste Mal an diesem Tag, sich ein wenig zu entspannen. Er hatte ein bekanntes Gesicht gefunden, das war schon weitaus mehr, als er sich zu träumen erhofft hatte, und auch, wenn Schwester Leliana gerade aussah, als würde sie jeden Moment vor Wut explodieren, hatte er die Hoffnung, sie könne ihm helfen und ein paar Antworten liefern. Erleichtert seufzte Hawke. Wenn sie jetzt noch schnell das Gespräch mit dem unbekannten Mann beenden würde und Hawke aufstehen und somit aus dieser doch sehr unbequemen Position entkommen konnte, wäre dieser Tag der beste seit langem.
Und tatsächlich entfernte sich der Gesprächspartner schneller als erwartet, nachdem die Geistliche ihm noch einmal an den Kopf geworfen hatte, wie verantwortungslos er sich benahm. Hawke erhob sich aus der Hocke und blieb an einen Baum gelehnt stehen, um sich erst einmal ein Bild zu machen. Die erboste Dame vor ihm war Schwester Leliana, oder Schwester Nightingale, wie immer man sie auch nennen mochte, daran bestand kein Zweifel. Und wenn sie von der heiligen Asche Andrastes redete, dann waren sie vermutlich… nahe einer Kirche? Hawke wusste nicht genau, was er sich darunter vorstellen sollte, doch er fand, dass es sich wie ein kircheninternes Objekt anhörte, etwa wie Weihwasser oder ein Gebetsbuch, wovon er natürlich keine Ahnung haben konnte. Dennoch, sollte sich hier irgendwo eine Kirche befinden, wäre das nicht gerade ein Grund für Luftsprünge. Kirche bedeutete Templer, Templer bedeuteten…. Templer. Und Hawke als Magier wollte an seinem ersten Tag in neugewonnener Freiheit nicht sofort gefangen und in den Zirkel gesperrt werden.
„Welch sturer Zeitgenosse“ hörte er Leliana mit ihrem orlaisianischen Akzent leise schimpfen, „Seine Ignoranz wird ihn eines Tages bestimmt teuer zu stehen kommen. Hmpf…“
„Sieht so aus, als hättet Ihr in diesen Tagen ziemlich viel Stress, Schwester Leliana“, gab Hawke sich mit seiner kräftigen Stimme nun zu erkennen. Er konnte den verwunderten Blick der Schwester, die sich nun zu ihm wandte, gut nachvollziehen. Vermutlich dachte sie, genau wie er noch vor kurzer Zeit, dass sie diese Stimme irgendwoher kenne und konnte sie nicht zuordnen. Oder wollte sie nicht zuordnen können. Dennoch... Seine eigene Stimme kam Hawke fremd vor. Im Nichts hatte er kaum geredet. Wozu auch? Es war niemand da gewesen, mit dem er sich hätte unterhalten können, mal abgesehen von den Dämonen, die er jedes Mal hatte abwimmeln müssen. „Wer…“, begann Leliana erneut ihre Stimme zu erheben, doch sie brach unverzüglich ab, als ihre hellblauen Augen Hawkes haselnussbraune trafen. Und erneut formte ihr Mund sich zu ungläubig zu einem O. Sie schien ihren Augen nicht trauen zu können und blinzelte ein paar Male ziemlich heftig, als wolle sie sicher gehen, dass sie sie nicht täuschten. Hawke entfuhr ein Kichern. Er konnte es ja selbst kaum glauben, dass er tatsächlich hier war.
„Ich… Ihr…“, begann die blass gewordene Geistliche zu stammeln, während sie einige zögerliche Schritte auf Hawke zukam. Auch der Champion stieß sich vom Baum ab und setzte sich in Bewegung. Mit einem nervösen Lächeln sah er ihr dabei zu, wie sie deutlich hin und her gerissen zwischen Unglaube, Verblüffung und Begeisterung beinahe schon auf ihn zustolperte.
„…Serah Hawke? Seid… Seid Ihr das wirklich?“, stotterte sie mit heiserer Stimme, als wolle ihr Hals trotz großer Anstrengung gerade keine lautere zulassen. Hawke nickte.
„Wahrhaftig und in voller Pracht“, teilte er ihr mit, als sie schließlich vor ihm zum Stehen kam und zu ihm hochblickte. Nein, vielmehr starrte sie ihn geradezu an, als sei er eine Erscheinung oder ein Geist.
„Aber… Aber das ist nicht möglich. Ihr seid tot! Ihr seid doch während der Inquisition mit Inquisitor Trevelyan… Ihr… Ihr seid doch im Nichts und…“
Ihre Stimme brach ab und sie rang deutlich um ihre Fassung. Hawke musste sich unwillkürlich fragen, was er wohl an ihrer Stelle tun würde. Zweifelsohne würde er sich fragen, ob er betrunken war oder träumte, würde sich die Augen reiben und an seinem ohnehin schon geschädigten Verstand zweifeln.
„Die Inquisition ist also vorbei?“, fragte er sie. Leliana nickte abgehackt.
„Und… Und wie ist sie ausgegangen?“, hakte er nun nach und konnte nicht verhindern, dass sein Puls sich beschleunigte Vor dieser Frage hatte Hawke sich vermutlich am meisten gefürchtet. Er bangte darum, dass sein Opfer umsonst gewesen und der Kampf gegen Corypheus gescheitert war, dass, während er im Nichts saß, seine Freunde und der Rest von Thedas brutal abgeschlachtet worden waren, dass das eingetreten war, wovor er die meiste Angst gehabt hatte. Einer Welt voller Dunkelheit und Zerstörung. Und das aufgrund seiner eigenen Unfähigkeit.
Schwester Leliana runzelte die Stirn, so als könne sie nicht verstehen, was seine Frage überhaupt sollte. Verwunderter, als sie sowieso schon war, schüttelte sie erneut den Kopf und hielt Hawkes Blick stand.
„Die Inquisition war erfolgreich, Serah. Inquisitor Trevelyan hat Corypheus erschlagen… Sagt, wie …Wie seid Ihr aus dem Nichts überhaupt entkommen?“
Deutlich war Neugierde in ihrer Stimme zu vernehmen, was nicht weiter verwunderlich war, wenn man bedachte, dass sie mit einem totgeglaubten Mann redete, der mehr oder weniger zufällig zu ihr gestoßen war. Dennoch wünschte Hawke sich, sie würde sich zurückhalten und ihn die Fragen stellen lassen, immerhin gab es so unendlich vieles, was er wissen wollte und sie war derzeit seine einzige Möglichkeit an Informationen zu kommen. Trotzdem blieb er natürlich höflich.
„…Ich habe so meine Mittel und Wege. Von den Toten aufzuerstehen, was ist das schon für eine Aufgabe für einen Garrett Hawke?“, meinte er scherzhaft und hoffte, Leliana würde sich damit zufrieden geben, zumindest fürs Erste.
„Und… Und wieso taucht Ihr dann jetzt erst auf?“, löcherte sie ihn weiter, „Wir hätten Eure Hilfe vor drei Jahren bei der Inquisition gut brauchen können. Wo habt Ihr-„
„Moment, wie war das gerade?“, unterbrach er sie barsch und mochte seinen Ohren nicht trauen, „Drei… Drei Jahre? So lange war ich im Nichts…?“
Leliana presste die Lippen aufeinander und nickte zögerlich, was Hawke nun sämtliche Gesichtszüge entgleiten ließ. Drei Jahre… So lange hatte er dort verbracht? Gut, dass es im Nichts nicht so etwas wie Zeit gab, war allgemein bekannt, aber nie im Leben hätte Hawke erwartet, dass er tatsächlich so lange als tot gegolten hatte. Drei Jahre, in denen er hätte so vieles wiedergutmachen können, die er hätte nutzen können, um beim Wideraufbau zu helfen. So lange Zeit, einfach verschwendet.
„Ihr wirkt verwirrt, Messere“, meinte Leliana dann mit sanfter Stimme, „Kommt, Ihr müsst hungrig sein und viele Fragen haben. Lasst und in die Taverne gehen, dort werden wir in Ruhe reden können.“
Sie nahm ihn behutsam am Arm und begann, ihn mit leichtem Druck gegen diesen zum Gehen zu bewegen. Wäre Hawke nicht gerade so geschockt gewesen, wäre er ihr vermutlich sehr dankbar dafür gewesen, dass sie ihn nicht in die Kirche schleppte, wo sie vermutlich noch viel ungestörter hätten sein können. Doch für ihn als Magier war es eben schwierig, aus einer Kirche noch einmal als freier Mann rauszukommen. Immer wieder hallten die Worte „Drei Jahre“ in seinem Kopf wie ein nicht zu unterbrechendes Echo. Er hörte sie, aber er konnte sie nicht verarbeiten, konnte sie nicht erfassen und begreifen. Es war doch unmöglich, dass er so lange nur rumgesessen und Däumchen gedreht hatte, während Thedas draußen jede Hilfe gebrauchen konnte, die es bekam. Nein, das durfte und konnte nicht sein. Er selbst müsste doch demnach auch gealtert sein, oder nicht? Im Nichts mochte das nichts bedeuten, aber hier, in der realen Welt, mussten die Spuren der Jahre doch auch ihn gezeichnet haben? Leliana hatte älter ausgesehen, als er sie in Erinnerung behalten hatte, aber … Da fiel ihm ein, dass er sich ja noch überhaupt nicht gesehen hatte. Weder sein Spiegelbild noch sich selbst auf der Oberfläche des Wassers. Gütige Andraste, wie mochte er aussehen? Schrumpelig? Verfallen? Alt? Verbraucht? Drei verdammte Jahre, beim Erbauer…
„Sagt, Schwester“, erhob der Magier wieder seine Stimme, nachdem er sich von dem ersten Schock erholt hatte, „Wo… Wo sind wir überhaupt?“
Leliana öffnete die Tür der Taverne und trat hinein, dicht gefolgt von dem verwirrten Hawke. Drinnen war es heiß, stickig und übelriechend, aber Hawke war dermaßen durchgefroren, dass es ihm ziemlich egal war, wo er sich aufwärmen konnte. Seinetwegen hätte er sogar in einem Schweinestall gesessen, wenn es dort nur ein wärmendes Feuer gab. Es waren nicht viele Gäste da, lediglich ein deutlich betrunkener, alter Mann, der alleine an seinem Tisch saß und schon gar nicht mehr mitzubekommen schien, dass jemand hereingekommen war, und der Wirt mit seiner vollbusigen Kellnerin, der die Neuankömmlinge kritisch beäugte. Eine Geistliche zu sehen war für ihn bestimmt ein seltener Anblick, denn die Taverne mit ihrem dunklen, deutlich abgenutzten und schmutzigen Holzboden, dem Geruch nach Erbrochenem und Urin und der schlechten Luft war wahrlich kein Ort, an dem man eine Schwester vermuten würde.
„Wir sind in Haven, Serah“, erklärte Leliana, nachdem sie sich in die hinterste Ecke der Taverne verzogen hatten, „Nahe des Frostgipfelgebirges in Ferelden. Ich helfe hier seit der Inquisition, die Asche der heiligen Andraste zu schützen. Der Tempel, in dem sie sich befindet, ist ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden und muss dringend restauriert werden, aber….“
Sie seufzte nur herzerweichend und ließ ihren Satz unbeendet. So, wie es schien, war sie wohl die einzige hier, die das so sah.
„Ferelden also?“, wiederholte Hawke, woraufhin die Schwester nickte.
„So ist es, Serah. Nachdem Corypheus besiegt worden war, hat sich die Inquisition aufgelöst. Ich bin nach Haven gegangen, um die Asche vor Wilderern und Kirchenhassern zu schützen. Sie ist immerhin ein heiliger Schatz, welch andere Mission könnte wichtiger sein. Euer Freund Varric ist nach Kirkwall zurückgekehrt und wurde dort zum Vicomte ernannt, Commander Cullen müsste sich ebenfalls irgendwo in Ferelden herumtreiben und-„
„Verzeiht, wie war das?“, unterbrach Hawke sie erneut und starrte sie ungläubig an, Er bemerkte gar nicht, wie die Kellnerin ihnen einen Laib Brot hinstellte.
„Sprechen wir von demselben Varric? Varric Tethras? Oberflächenzwerg, ziemlich charmant, beeindruckendes Brusthaar…“
Schwester Leliana nickte erneut, dieses Mal, ohne eine Miene zu verziehen.
„Ja. Und wie ich hörte ist er gut dabei, Kirkwall wieder aufzubauen. Es schien eine lange Zeit nahezu im Chaos versunken zu sein, nachdem… Nun ja, Ihr wisst schon.“
Hawke entfuhr ein langgezogenes Seufzen, ehe er seinen Kopf in seinen Händen vergrub. Das war alles zu viel auf einmal für ihn. Erst erfuhr er, dass er es geschafft hatte, dem Nichts zu entkommen, dann, dass er drei Jahre seines Lebens vergeudet hatte und dann war auch noch der seltsamste Zwerg, den er kannte, zum Vicomte der Stadt ernannt worden, die Hawke so erfolgreich ins Verderben gestürzt hatte. Dieser Tag mochte in seinem ganz persönlichen Buch der Rekorde einen besonderen Platz einnehmen, fürwahr.
„Wie seltsam das alles ist…“, murmelte er in seine Hände und sah erst auf, als er Lelianas Stimme vernahm.
„Ich verstehe, dass Ihr verwirrt sein müsst, Serah Hawke“, sagte sie, „Und glaubt mir, auch ich bin es. Ich hätte niemals gedacht, Euch wiederzusehen. Aber dennoch freue ich mich natürlich zu sehen, dass es Euch gut geht. Eure Freunde und Familie werden sicherlich überglücklich sein, von Eurer Rückkehr zu erfahren.“
Sie legte ihm beschwichtigend einen Arm auf die Schulter und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.
„Ich schlage vor, Ihr stärkt Euch erst einmal und ruht Euch aus. Falls Ihr Fragen habt, stehe ich Euch natürlich zur Verfügung. Gibt es etwas, das ich noch für Euch tun kann, Champion?“
Champion. Es war ewig her, seit Hawke das letzte Mal so genannt worden war. Er war schon lange kein Champion mehr und auch nicht mehr der Mann, der damals Kirkwall verlassen hatte, nachdem es im Chaos versunken war. Er war nur noch Hawke, abtrünniger Magier, Wiedergänger, hungriger Mann.
„Ja“, meinte Hawke schließlich nach einer Weile des Schweigens und griff nach dem Brot, dass auf dem Tisch lag, „Es gäbe wirklich etwas, was Ihr für mich erledigen könntet, Schwester.“
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