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dimension-Der Schattenkrieg

MitmachgeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Fox McCloud Mario OC (Own Character) Pit
06.05.2016
06.06.2017
29
66.527
 
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06.06.2017 4.384
 


Hey, da bin ich wieder nach langer Zeit!

Hector: Was hast du nur getrieben?

Keine Zeit. Aber jetzt mache ich mir welche! Also wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen, und wenn ihr mir ein nettes Review schreibt könnt ihr mir auch verraten, wer aus Sheenas Team als erster "verschwindet".  

Hector: Was soll das heißen?

Mein Mund ist versiegelt. Aber ich glaube, dass die meisten dich als erstes "Verschwinden lassen wollen...

Hector: ?!

Ich wollte euch eigentlich kühle Getränke hinstellen, aber es ist ja nicht mehr so warm draußen, deshalb: *leckeren Kuchen hinstellen*

Hector: *irgendwelche Getränke hinstellen*

Damit steigt deine Beliebtheitskurve auch nicht...

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Scherbenklare Schatten:



Suzhou, China. 24:00 Uhr (17:00 Uhr).

Leicht wippte sie im Takt der aus dem Ohrknopf dröhnenden Bässe, während sie ruhig ihren Blick über die tausend roten Augenpaare schweifen ließ. Sanft fuhr die kühle Luft der Nacht unter  ihre Kleidung und strich über ihre Haut. Doch sie fror nicht. Im Gegenteil bebte ihr Körper vor brennender Hitze, die ihre Laune wie Brennholz in einem meterhohen Feuer bekräftigte. Im Augenwinkel konnte sie ihren Partner erblicken, der ebenso wenig beunruhigt von der Umzingelung durch die Feinde zur Musik auf den Griff seiner Axt tippte.
Er schien ihren Blick offenbar bemerkt zu haben, denn er drehte seinen Kopf so, dass er ihr ins Gesicht sehen konnte. „Also, Sheena, dieses… wie nennt man dieses Zauberdings nochmal?“
Die Angesprochene gab ein ersticktes Kichern von sich. „Das ist kein >Zauberdings<“, meinte sie, wobei sie den anderen verhöhnend anlächelte, „Das ist ein MP3 – Player.“
„Ja, mein ich doch.“ Der Blauhaarige warf ihr einen bösen Blick zu, bevor er hinzufügte: „Ich finde die Musik gut.“
„Freut mich.“ Sheena trat einen Schritt zurück, sodass ihr Rücken Hectors berührte. „Ich hoffe“, flüsterte die Grünhaarige ihm ins Ohr, „ es lässt deinen Kampfgeist mehr erstarken, als es eigentlich noch möglich wäre.“
„Das wird es“, entgegnete der Hüne, während er eine Reihe schattenhafter Wesen ins Visier nahm. „Denn wenn ich mehr von diesen finsteren Schwächlingen dem Erdboden gleich mache als du, gehört dieses kleine Zauberdings mir.“
„MP3 – Player“, korrigierte ihn Sheena, bevor sie ihren Zweihänder aus der breiten Schwertscheide zog, „Aber wenn du es unbedingt haben willst…Na, ja, du wirst ohnehin niemals gewinnen.“
Hinter sich konnte die Kriegerin Hector leise schnauben hören. „Das werden wir noch früh genug sehen“, murmelte er leise. Sheena holte mit ihrem Ellenbogen aus, um dem Blauhaarigen einen freundschaftlichen, jedoch nicht minder festen Stoß in die Seite zu verpassen, doch der Hüne war bereits in die dunkle Masse hineingestürzt. Verbissen zerschlug er jegliche Dunkelheit, die in seinem Umkreis war, wobei er nicht ein einziges Mal einen Gegentreffer kassierte. Aber das konnte er sich auch nicht leisten.
Sheena stürze sich nun ebenfalls in den Kampf. Die Grünhaarige sprang hoch in die Luft und ließ in ihrer Hand eine große Feuerkugel erscheinen. Diese warf sie in die nächstgelegene Ansammlung Kreaturen, die daraufhin in einem Feuerorkan verschwanden. Mit gezücktem Schwert landete sie inmitten einer weiteren Menge. Sie schlug sich ihren Weg durch das dunkle Meer, aus welchem sie rote Punkte mordslustig beäugten. Doch die Grünhaarige wusste sich mit Klinge und Knauf zu verteidigen. Sie preschte nach vorne, wobei sie den ausgefahrenen Krallen eines finsteren Wesens auswich und zustach. Das getroffene Wesen gab ein leises Ächzen von sich, bevor es auf die Knie sank und im Fall zu schwarzen Fetzen verendete. Sheena wandte sich um. Erneut war sie von den Kreaturen der Dunkelheit umzingelt. Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie die gigantische Zahl an Gegnern, während sie leise in einer alten Sprache flüsterte. Urplötzlich erhob sich ein gewaltiger Wind, der die schmächtigen Kreaturen in die Luft katapultierte. Mit einem einzigen Fingerschnippen schließlich entledigte sie sich jener lästigen Legion und am sternenlosen Nachthimmel leuchteten für einen kurzen Augenblick Feuer auf, die wie kleine Sonnen alles unter sich erhellten.
Die junge Frau ballte ihre linke Hand zu einer Faust, während sie weiterschritt. Wer konnte bloß so skrupellos sein, dass er eine Horde seelenloser Monster in eine belebte Stadt schickte? Die Kriegerin wusste darauf keine Antwort. Nicht einmal den Schaden konnte sie sich ausmalen, den diese Wesen womöglich verursacht hätten, hätte sie nicht von dem Angriff gewusst.

Suzhou schien in einen tiefen Schlaf versunken zu sei. In keinem Gebäude brannte Licht und auch der Himmel war von grauen Wolken bedeckt, die sich keinen Millimeter von ihrem Platz bewegten. Die Stadt lag ruhig da, trotz der kreischenden Kampfgeräusche. Sheena schloss ihre Augen. Nun konnte sie die knisternde Magie des Feldes spüren, welches sie über ganz Suzhou und Umgebung gelegt hatte. Dieser Zauber ließ alles im Augenblick der Mitternachtsstunde erstarren und schützte die Betroffenen vor äußeren Einwirkungen. Dies war die einzige Vorsichtsmaßnahme, die Sheena der Bevölkerung geben konnte.
Die Grünhaarige zuckte mit einem Mal zusammen. Ein starkes Stechen durchfuhr sie, woraufhin sie ungläubig die Augen aufriss. Mit angehaltenem Atem reckte sie ihren Kopf dem Nachthimmel entgegen. Sie konnte es nicht glauben. Die grauen Gewitterwolken zogen mit zunehmendem Tempo über ihr hinweg und vermengten sich in der Nähe eines Wolkenkratzers zu einem Unheil verkündenden Schlund.

„Verdammt.“ Sheenas Stimme war nicht lauter als ein ersticktes Keuchen, dennoch wandte der Axtkämpfer verwundert seinen Blick über hunderte schattenhaften Köpfe ihr zu. Im selben Moment verstummte die hämmernde Rockmusik in ihrem Ohrknopf und die Stimme eines aufgebrachten I. Gidds erklang. „Sheena“, schrie er so laut, dass die junge Frau sich am liebsten das kleine Gerät aus dem Ohr gerissen hätte, „ ich empfange seltsame Wellen aus dem Zhongnan Center. Sie scheinen zwar nicht so stark zu sein, um dein Magiefeld zu stören oder gar zu blockieren, dennoch scheinen sie überaus machtvoll. Was genau lässt sich bei euch beobachten?“
„Bewegung“, gab die junge Frau tonlos von sich, „Der Himmel scheint an einer Stelle aufzureißen. Vermutlich eine Art…Beschwörung.“ Ihr wurde plötzlich der Atem genommen, als weitere Schmerzen durch ihre Brust tanzten. Während ihr Herz immer schneller zu pochen begann, als würde es um die letzten Sekunden Leben kämpfen, betrachtete die Kriegerin den von dem Professor genannten Wolkenkratzer, aus welchem die fremde Magie zu strömen schien. Mit jedem verstreichenden Augenblick hüllte sich das Gebäude mehr in dunklen Schleiern und war bereits nur schwer zu erkennen.

„Sheena, zur Seite!“ Der Ausruf kam so plötzlich, dass die junge Kriegerin statt auszuweichen in jene Richtung blickte, aus welcher sie den Rufenden vermutete, und sah sich einem Schattenwesen gegenüber. Sie taumelte nach hinten, wissend, dass sie dem kommenden Angriff nicht ausweichen konnte. Sie schloss ihre Augen. Sie spürte die Unruhe in ihrem Körper stärker als jeher: Das unkontrollierte Pochen ihres Herzens, ihr erschöpfter Atem, ihre vom Kampf nie ermüdende Seele. Sie wäre nach hinten gestürzt, hätte nicht jemand ihre Hand ergriffen und sich schützend vor sie gestellt. Ein Zischen wie das Geräusch von verdampfendem Wasser auf einer Herdplatte erklang; erst danach öffnete sie ihre Augenlieder und besah ihren Retter mit einem überraschten Blick. Diesen erwiderte der Andere mit einem besorgten Lächeln.
„Alles in Ordnung?“, fragte Luigi, während er der Grünhaarigen aufhalf. Sheena antwortete mit einem Nicken und lächelte nun ebenfalls. „Danke“, sagte sie, bevor sie dem Klempner anerkennend ihre Hand auf die Schulter legte. Dann jedoch wandte sie ihren Blick dem im Schatten verschwindenden Gebäude zu.                                                                                                                                  
„Der Wolkenkratzer ist wohl der zentrale Punkt.“ Luigi blickte nun ebenfalls in die Ferne. Dabei schimmerte in seinen blauen Augen Furcht. „Du könntest“, stotterte er in die plötzlich zwischen ihnen entstandene Stille, „…also, wenn es dir keine Umstände bereitet, könntest du doch…“ Grübelnd, wie er sein Anliegen formulieren sollte, fuhr er sich mit der behandschuhten Hand über seinen Nacken. „Ich halte hier deine Position“, meinte er schließlich leise.                                                  
Sheena nickte verstehend. „Ich werde diesen Magieanwender schneller besiegt als du dir eine Bitte darüber überlegen könntest“, lachte sie und drehte sich um. Die Kriegerin war schließlich so schnell in die nächste Menge schattenhafter Gegner geprescht, dass Luigi keine Zeit fand, ihr etwas Aufmunterndes hinterherzurufen.



Ein  warmer Sommerwind hatte sich erhoben und strich ihm sanft durch seine Haarsträhnen, während er leicht aus dem Turmfenster gebeugt hinab in den Schlosshof blickte. Dort trainierten erfahrene Ritter Alteas und bildeten zugleich junge Rekruten aus, die seit wenigen Tagen im Schloss gastierten und ihren Fähigkeiten entsprechend in ihrem Wissensbereich gelehrt wurden, um später am Schloss oder in den Stützpunkten des Königreichs zu dienen. Eingehend betrachtete er bei seiner Beobachtung eine Gruppe von Neulingen, von denen zwei ihrem Lehrmeister Kain nacheifernd mit ihren Lanzen herumschlugen. Er beugte sich weiter vor, hoffend, dass er ihre Gesichter mit einem Mal besser erkennen könnte, doch es waren bloß Schemen, welche er erahnen konnte. Es war eigenartig, fast als wären seine Augen getrübt, wenn er versuchte, seinen Blick auf jene zu fokussiere.
Eine vollkommene Ruhe lag über dem Schloss, welche die dort Lebenden in ihrem Bann hatte. Selbst wenn er sich nun aus dem Fenster geworfen hätte, wusste er, wäre jener Frieden nicht gebrochen worden. Ein mildes Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als der Prinz über die blauen Turmdächer hinweg über sein Königreich sah, und er wünschte sich, dass diese Ruhe ewig währen würde.
Einige Sekunden verstrichen bis er sich von diesem idyllischen Anblick losriss und sich umwandte. Seinen dunkelblauen Umhang richtend schritt Prinz Marth durch einen langen Korridor, dessen Ende von den Strahlen der am Horizont hoch stehenden Sonne, welche durch die breiten Fenster lugte, in ein solch glänzendes Weiß getaucht war, dass der dahinterliegende Gang nicht zu erkennen war. Im Gehen ließ er seine linke Hand über das Gestein der Schlossmauer fahren, einem guten Bekannten gleich, dem er freundschaftlich die Hand gab. Hier fühlte der alteische Prinz sich geborgen, sicher vor all jenen Schatten, die ihn in der Vergangenheit verfolgt und sein Herz weiterhin umfassten. Nun jedoch konnte er vergessen. Alles, was geschehen war. Jedes Unrecht, jeden Verlust. Alles schien plötzlich in weiter Ferne zu sein.

Marth hielt inne.

Der Stein, welchen seine Fingerkuppen berührten, war, anders als Sandstein, robust und schwer. Ein Gestein der Ewigkeit, unvergänglich,  in seiner Konstruktion verankert würde es dieses Schloss Jahrhunderte lang halten, bildete sich der Blauhaarige ein. Immer höher fuhr seine Hand, immer weiter wollte er greifen, bis er beinahe erschrocken die Malereien auf der Steinwand berührte. Ihre Farben waren so unscheinbar, gar verblichen, und schienen langsam von dem Gestein eingesogen zu werden. Sie strahlten eine merkwürdige Aura aus, sodass dem alteischen Prinzen das Atmen verwehrt blieb. Er glaubte jene kleinen Bilder, welche die Malerei beinhaltete, nie zuvor gesehen zu haben, jedoch war ihm ebenso wenig die Lust es entfernen zu lassen. Er trat näher an die seltsamen Zeichnungen. Vertrautheit mischte sich in das mulmige Gefühl und Interesse, welches in ihm zu erwachen begann. Seine Hand bebte leicht, als er abermals über die gezeichneten Köpfe der Personen fuhr, die von links nach rechts in einer Reihe stehend ein golden leuchtendes Schwert ihrem Nächsten reichten. Marth kniff seine Augen zusammen, als er meinend von einer Täuschung seiner Sinne beeinflusst zu seiend Bewegungen in den kleinen Bildern wahrnahm. Die Gesichter jener Gestalten waren bloß grob gezeichnet, doch stach die Farbe ihres Haars, schien diese noch zuvor verblichen, deutlich hervor, als wäre diese erst vor kurzem aufgetragen. Bei vielen war es ein starkes Nachtblau und, wie der Prinz an der Länge des Haars urteilte, überwiegend männliche Personen. Langsam begannen sich Namen vor seinem inneren Auge zu formen, wie länger er die Malerei musterte. Namen, die dem Prinzen so vertraut waren, dass das Aussprechen jener ihm einen Stich in sein Herz trieb. Marth dachte an seine Vergangenheit. An seine Zukunft. Unruhige Bilder flammten in seinem Geiste auf und zerrten an ihm, zerrten ihn zurück in jene Dunkelheit, der er zuvor gewichen war, seinem Albtraum.
Mit einem Mal wurde der Atem des alteischen Prinzen unruhig. Eine dunkle Kälte umfasste ihn, die er nicht versuchte abzustreifen. Er konnte es nicht. Es war als wäre er zu Eis erstarrt.
Er hörte das tiefe Ausstoßen von Luft hinter sich. Diese war voller Schwärze, Hass und dunkler Magie getränkt, sodass Marth befürchtete, sein Herz und seine Sinne zu vergiften, würde er jene Luft zu atmen gebrauchen. Er wagte es nicht sich umzuwenden. Denn er wusste bereit, wer hinter ihm verweilen musste. Und dennoch gegen allen Wiederwillen blickte er hinter sich und sah in die boshaft aufgerissene Fratze des älteren Mannes. Er hatte die dunkelgrüne Kapuze tief ins Gesicht gezogen, welche sein spärliches Haar bedeckte und auf seinem Gesicht eine unheilvolle Finsternis warf. Sein Gesicht zeigte Erschöpfung, hätte Marth es nicht besser gewusst, Kraftlosigkeit. Lange Falten zogen sich wie Narben durch seine gräuliche Haut, so tief, dass sich schlangenartige Schatten bildeten, die wie kleine Dämonen über sein Gesicht huschten. Störend in jenem Bild der Alterung waren die glühenden Augen des Mannes, die wie schwarzes Feuer aufloderten. Verächtlich und trügerisch schienen sie den alteischen Prinzen verhohlen zu betrachten und seine Gedanken zu erahnen.

„Was wollt Ihr hier?“, fragte Marth nach schier minutenlangem Schweigen heiser. Der Thronerbe Alteas spürte, dass er sich nicht konzentrieren und seine Stimme nicht vor dem Zittern bewahren konnte, welches bei jedem gesprochenen Wort leise mitschwang.
„Was ich hier möchte sollte Euch eigentlich bekannt sein, edler Sternenlord“, hauchte der andere bedrohlich als Antwort, „Oder sollte ich Euch einen Kriegsgott nennen, den Bezwinger meines Meisters?“

„Ich glaubte, ich hätte Euch bezwungen“, kam es tonlos von dem Prinzen. Furcht glomm in seinen dunkelblauen Augen auf, was sein Gegenüber heiser auflachen ließ.
„Ihr dachtet, ich wäre nicht mehr.“ Seine trockenen Lippen verzogen sich zu einem verzerrten Grinsen. „ Doch erblickt die kalte Wahrheit meiner Rückkehr. Ich lebe und mein Meister wird mir folgen, sobald das elendige Blut seines Mörders vergossen ist.“
Seinen Blick weiterhin auf dem Magier ruhend, fuhr Marths Hand unruhig über seinen Gürtel bis zur Hülle seines Schwertes. Er konnte nicht damit rechnen, dass ihm jemand zu Hilfe eilen würde, noch, ob er die Zeit hätte, nach jener zu rufen. Doch könnte er alleine den Mann besiegen, der ihm seinen Vater genommen hatte? Ohne die Macht des Zaubers Sternenlicht, bloß mit einem Schwert? Konnte Marth jene Tat vollbringen, die seinen Vater scheitern ließ?
„Wohl kaum“, hörte der Prinz sich leise wispern. Seine Hand hatte das Ende der Hülle erreicht und mit einem letzten abschätzenden Blick, der die Brust des Anderen unsicher anstrebte, ergriff der Thronerbe Alteas
Luft. Da war nichts, kein goldener Griff, keine beruhigende Wärme, welche vom Material des Schwertes ausging. Verwirrt blickte Marth an sich hinab und musterte verwundert die leere Schwertscheide an seinem Gürtel.
Das trockene Lachen des alten Mannes drang wie das Rasseln einer Klapperschlange an sein Ohr. „Sucht Ihr etwa dies hier?“ Der Verhüllte hob belustigt das heilige Schwert in seiner dürren Hand. „Nun seid Ihr mir schutzlos ausgeliefert, kleiner Prinz.“ Mit einer schnellen Bewegung, die sein älteres Erscheinungsbild nicht von ihm schließen lassen könnte, schleuderte der Magier Falchion den langen Korridor entlang, bis es in der aufgekommenen Dunkelheit verschwand. Erst jetzt bemerkte Marth die schwarzen Fäden, die von allen Seiten schleichend über den Boden krochen und die Decke wie dicke Spinnenweben überzogen. Immer mehr wurde von Schwärze überdeckt und das Licht erlosch ohne jeglichen Laut, als hätte es nie existiert.
Der Blauhaarige drückte sich gegen die Steinmauer hinter sich, wissend, dass er bloß wenige Atemzüge hatte, bis auch er vom Schatten verschlungen wurde. Sein Herz raste in jenem Überlebenswunsch, der in jedem viel zu früh sterbenden Wesen aufglomm. Marths Gedanken rasten wild, suchten nach irgendeiner Möglichkeit, einem Ausweg aus der finsteren Hölle.
„Ihr sollt sterben“, hauchte der Magier bedrohlich, als er näher trat und mit seinen spitzen Fingern das Kinn des erstarrten Prinzen anhob, um ihm den Blickkontakt mit seinen abgrundtief schwarzen Augen aufzuzwingen. „Qualvoll werdet Ihr zerrfressen werden von der Macht Imhullus!“ Marth schauderte, zuckte zusammen durch die bloße Erwähnung jener Magie und der Last jener Erinnerung, die ihn mit einem Mal überwältigte. Genau diese Zeit brauchte der Verhüllte um ein schlicht verziertes Buch aus seinem langen Ärmel hervorzuholen und seine offene Hand dem alteischen Prinzen entgegenzurichten. Leise flüsterte er Worte einer fremden Sprache, woraufhin das Buch in seiner rechten Hand zu beben begann.

Marth war nicht mehr als ein stiller Beobachter. Es war fast, als würde er außerhalb jener Szenerie stehen, unfähig einzugreifen. Doch ebenso wenig wollte er handeln. Es war wie ein Film. Lediglich gespielt.

Erst als ihn die schattenhaften Kugeln, deren Schweif sich wie  Würmer aus dem magischen Buch zogen, erfassten, verspürte er den brennenden Schmerz in seinem Brustkorb und wurde von ihm in die Knie gezwungen. Panisch griff er sich an die Kehle und rang nach Luft, doch wie mehr er sich an seinen verzweifelten Versuch klammerte, umso mehr Dunkelheit durchströmte ihn und vernichtete jedes Leben in ihm. Die Finsternis nahm mit jedem Atemzug mehr von ihm, zog Marth immer tiefer. Er versuchte sich zu wehren, versuchte sich aufzubäumen und gegen die zischenden Schmerzen zu kämpfen, die mittlerweile hunderten Schwertern glichen, die ihn durchbohrten.
Die Schwärze kam von allen Seiten, umringte ihn schließlich und blies sein Leben wie die Flamme einer Kerze plötzlich aus.


Mit einem erstickten Schrei fuhr der alteische Prinz  hoch. Tiefe Finsternis umgab ihn und legte sich wie ein undurchsichtiger Schleier über seine Umgebung. In der Stille der Nacht hörte er das rasende Klopfen seines Herzens wie Paukenschlägen in seinen Ohren widerhallen. Sein Atem war unregelmäßig und flach, als er sich mit seinem Handrücken über die verschwitzte Stirn fuhr. Krampfhaft bohrten sich seine Fingernägel in die kühle Decke, so als bräuchte er Halt, irgendetwas, woran er sich klammern konnte, um nicht abermals zu fallen. Die klaren Bilder flammten vor seinen Augen auf und erneut spürte er den Schweiß auf seine Stirn treten. Kälte und Hitze ließen Marth gleichermaßen erzittern und gaben ihm das Gefühl an heftigem Fieber zu leiden. Immer noch benommen von der Konfrontation mit dem Dunkelmagier Gharnef befreite er sich von der schweren Decke, die wie jene Schatten auf ihm geruht hatten.  
Es war nur ein Traum gewesen. Lediglich eine boshafte Illusion. Auch wenn diese Nachricht sich aufatmend durch seine Gedanken zog durchfuhr den Thronerben Alteas weiterhin jener Schock und die panische Angst von Finsternis zerfressen zu werden. Unruhig tasteten seine  Finger über den kleinen Nachtisch neben seinem Bett, bis sie die dicke Kerze umfassten und die Schachtel mit den Streichhölzern fanden. Obwohl seine Unterkunft über elektrische Lampen verfügte griff der Prinz lieber nach den altbewehrten Kerzen, welche er in seinem Königreich einzig als Lichtquelle in der Dunkelheit besessen hatte. Und genau das brauchte er nun: ein Stück vertrauter Heimat.

Als der Docht der Kerze entzündet war und er die kleine Flamme bei ihrem gemächlichen Tanz betrachtete, begann Marth sich allmählich zu beruhigen. Endgültig zog er die Decke von sich und  stand mit unsicherer Balance auf, um sich vor sein Bett zu knien. Seine Hand brauchte nicht lange unter dem hölzernen Gestell zu verschwinden, als der alteische Prinz wenige Augenblicke später die vertraute Wärme verspürte und einen in blauer Seide gehüllten Gegenstand ins flackernde Kerzenlicht zog. Vorsichtig den Stoff abnehmend betrachtete er wie sich das Licht  auf der edlen Klinge brach und ebenso den am goldenen Griff befestigten roten Stein zum Glühen brachten. Langsam ließ sich Marth auf die Kante seines Betts nieder, immer noch gefesselt von dem Anblick des heiligen Schwertes Falchion, bevor er nach einem Tuch aus dem Nachtisch griff und die Stichwaffe zu polieren begann.

Es war als würde eine unbekannte Magie von Falchion ausgehen, sobald Marth es berührte. Eine so starke Kraft, die ihn mit einem Mal zur Ruhe kommen ließ, und der Albtraum schien plötzlich vergessen.
Ein mildes Lächeln schlich sich auf seine Lippen, während seine Augen entspannt den Kurven und Verzierungen des Schwertgriffs folgten. Doch, obwohl der Traum ihn für einen Moment losgelassen hatte, rumorten weiterhin stille Fragen durch seinen Geist. Marth empfand es als äußerst seltsam, dass er seit geraumer Zeit Träume hatte, die so klar und detailreich waren, dass er glaubte, sie in der Realität wirklich erlebt zu haben. Und es bereitete ihm Unbehagen für diese Art der nächtlichen Illusion keine genaue Antwort gefunden zu haben. Seine wenigen Bücher über dieses Thema verwiesen auf die Vision von Wahrsagern und anderem Unglaubwürdigen. Deshalb hatte Marth es als Nichtverarbeitung der Schrecken, welche er im Krieg erlebt hatte, abgetan. Er hatte damals gehofft, dass jene Furcht mit der Bezwingung Medeus´ endlich ein Ende finden würde, aber er musste nicht nur dem Anblick seines verwüsteten Königreichs und der Leere verlorener Menschen standhalten, sondern erblickte in seinen Träumen auch, welchen Schaden er psychisch erlitten hatte. Aber er kam damit klar. Das musste er, denn der Prinz hatte ein Reich zu regieren und Soldaten zu betreuen. Eine Schwäche seinerseits würde auch alle Menschen unter ihm zum Wanken bringen.

Ein leises Seufzen entwich seiner Kehle. Wieso stellte er sich so dermaßen an. Es war bloß ein Scherz seiner Psyche. Nichts, wovor man sich fürchten musste. Und trotz dieser Erkenntnis verspürte der Prinz ein eigenartiges Ziehen in seiner Magengegend, ein warnendes Gefühl, welches ihn forderte, weiterhin aufmerksam zu bleiben.
Schließlich legte der Thronerbe Alteas behutsam die meerblaue Seide über sein geliebtes Schwert, das Einzige, was ihm von seinem Vater König Cornelius geblieben war, bevor er Falchion wieder im Schatten seines Bettes versteckte. Dann blies er die Kerze aus und schloss seine Augen. Doch er konnte in dieser Nacht keine Ruhe mehr finden.



Ein fast geräuschloses Schaben war zu hören, als seine Schuhe auf dem Dach aufkamen und er durch die Glätte jener roten Dachziegel erschrocken mit ausgestreckten Armen versuchte seinen Absturz zu vermeiden. Mit einem wagemutigen Satz nach vorne rettete sich der schmale Schatten und verharrte auf seinen zitternden Knien sitzend auf dem Dach.
„Was machst du da?“, fragte plötzlich ein zweiter Schatten, der mit einem Mal hinter ihm aufragte.

„Der Sprung hätte mir fast mehr gekostet, als mir lieb ist“, entgegnete der Andere leise.

„Soll ich dich tragen, oder was?“ Er lachte spöttisch, bevor er sich abwandte und sich lässig auf dem Dach niederlegte. Der schmale Schatten erhob sich, wissend, dass er keine helfende Hand von seinem Kumpan erwarten konnte. Während er über das Dach balancierte war es einzig der Mond, der ihm seinen Weg erhellte. Ebenso beschien er seine helle Haut, die durch das fahle Licht des Mondes unwirklich zu glänzen schien, und seine hellblauen Augen intensiver leuchten ließ. Langsam fuhr seine lange, schmale Hand über die dicke Jacke, unter  welcher er einen schwarzen Pullover trug, und zog die nicht zugeknöpften Enden aneinander. Mit jeder weiteren Minute, die er dort draußen verbrachte, zog die Kälte tiefer durch seinen Körper und ließ ihn erschaudern. Insgesamt war er nicht zufrieden mit seiner jetzigen Situation, doch sein Handeln würde seine Zukunft begünstigen, das war ihm gewiss.

„Wir sollten nicht ewig rasten“, meinte er, während er desinteressiert zu den Sternen hochblickte, „Oder hat sich das Spiegelkind dazu entschieden, ein Schläfchen zu halten?“
Sofort erntete er einen bösen Blick des Anderen, dessen rote Augen in der Nacht einem brennenden Feuer gleich zu sein war. Tiefe Schatten verdunkelten sein Gesicht als er sich von seiner liegenden Position erhob und sich seine nachtschwarzen Flügel drohend erhoben. Doch anstatt einen Schritt Abstand zu nehmen betrachtete ihn der Junge in dem langen Mantel belustigt.
„Was, habe ich dich mit dieser Bezeichnung etwa getroffen?“, streute der Junge noch Salz in die Wunde, „Spiegelkind?“

„Ich schmeiß dich vom Dach, so wie du es verdienst“, brach der Geflügelte wütend hervor, „Von einem Schwächling wie dir lasse ich mich nicht beleidigen!“

„Ach.“ Er musterte ihn mit seinen hellblauen Augen, während er die Arme hinter dem Kopf verschränkte. „Wieso machst du dann nichts?“, fragte er herausfordernd.                                                            

Sein Gegenüber knirschte verbittert mit den Zähnen. „Das ist doch Teil der Abmachung“, murmelte er und es wirkte fast, als wäre dies nicht der eigentliche Grund, weshalb er diesen Störenfried noch nicht in die Tiefe gestürzt hatte. Mit einem Mal wandte sich der Schatten um und fokussierte das Meer von bunten Hausdächern vor sich. „Und jetzt? Kommst du oder soll ich dich hier stehen lassen?“, meinte der Geflügelte nach einem Blick über die Schulter. Der Junge im Mantel sah unschlüssig dem nächstgelegenen Dach entgegen.                                                                                              
„Wieso springen wir eigentlich von Dach zu Dach, wenn wir auch genauso gut die Straße benutzen könnten“, meinte er schließlich zögerlich.                                                                                                                    

„Weil kein Dieb der Welt den einfachen Weg wählt“, entgegnete der Andere kühl, „Zumindest wäre es für mich sonst zu einfach.“

„Du kannst aber fliegen! Ich nicht!“

„Na und?“ Er warf dem Jungen ein freches Grinsen entgegen. „Dann musst du dich halt einer sportlichen Herausforderung stellen.“ Und damit machte er einen Satz nach vorne und landete auf dunkelgrünen Ziegeln.                                                                                                                                            
„Verdammt“, murrte der Blauäugige vor sich hin und trat an die Kante des Daches. Er hatte wohl keine andere Wahl als zu folgen. Auch wenn er ein hohes Risiko eingehen musste, glaubte er fest an das Licht am Ende seines beschwerlichen Weges.
„Wartet auf mich, ihr glitzernden Diamanten.“




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