Lektion des Lebens ► 3. Teil ◄

von Byna
GeschichteRomanze / P18
06.05.2016
04.12.2017
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Seiya

Sollte sie nicht eigentlich schon hier sein? Habe ich vielleicht  den Tag verwechselt oder ist sie einfach geflohen, als er vor der Silver Peach parkte? Er, der sie aufgefangen hat, als ich sie so feige verlassen habe, sie zerstört habe.. Er, der der Vater ihres Kindes ist und das Leben lebt, das eigentlich meins sein sollte. Die letzten Jahre habe ich mich selbst gehasst für das, was ich ihr angetan habe, aber es war das Beste für sie. Mein Schätzchen hätte es nicht verdient neben mir zu leiden.
Vielleicht ist es egoistisch von mir, mich wieder in ihr Leben einzuschleichen, aufzutauchen und alles auf dem Kopf zu stellen, doch ich kann nicht anders. Der Wunsch sie zu sehen, ist größer als der Schmerz, der mein Inneres durchzieht bei dem Gedanken, jemand anderes neben ihr zu sehen. Jemanden, der sie so glücklich macht, wie ich es nie könnte.

Meinen inneren Monolog weiterführend, bemerke ich nur am Rande, dass mich jemand ankündigt und zu der großen Bühne bittet. Wie jede Nacht, in der Zeit, die ich schon in Japan bin, trete ich in dieser Bar auf und lasse meinen Gefühlen in herzzerreißenden Balladen ihren freien Lauf. So befreie ich meine Seele von der Trauer, die mich immer wieder einnimmt.
Mit großen Schritten laufe ich nach vorne, immer darauf bedacht das Lächeln auf meinem Gesicht zu behalten und schnappe mir im Gehen die Gitarre, die neben der Bühnentreppe steht, bevor ich diese betrete und mich den Gästen des Lokals umdrehen. Die unzähligen Frauen, die jubelnd meinen Namen rufen, haben keine Bedeutung für mich, denn sie ist nicht unter ihnen und immer wenn ich hier stehe, kommen Erinnerungen in mir hoch, wie sie an der Bartheke saß und mich mit ihren großen Kristallen musterte. Sie sah mich so endlos tief an, voller Liebe und ich schmolz unter ihren Blick, doch jetzt schaut sie bestimmt den anderen so an.. ihren Ehemann. Ich weiß nicht was mehr wehtut, die Gewissheit, dass er neben ihr ist oder dass sie mir nie wieder diesen Blick schenken wird. Ich wollte das es für immer bleibt, doch meine Pläne fielen ins Wasser, nach dem Anruf an diesem regnerischen Morgen.
Die ersten Takte der Melodie setzen an und ich fange an zu spielen, während sich meine Stimme für die erste Strophe vorbereitet.

I've been travelling but I don't know where
I've been missing you but you just don't care
And I've been wandering, I've seen Greece and Rome
Lost in the wilderness, so far from home
Yeah, yeah


Noch bevor ich meine Augen öffne, spüre ich die Wärme, die mich umgibt. Als würde sich ein warmer Lufthauch um meinen Körper liegen und meine Haut streicheln, spüre ich ihre Präsenz in dem Raum und schaue sofort zum Eingang, an dem die hübsche Blondine, der mein Herz schon seit Jahren gehört, steht. Als ob ich Angst in ihren Seelenfenstern erkennen könnte, ein inneres Unbehagen, das zeigt dass ihr nicht wohl ist, an diesem Platz mit ihm  zu sein, dreht sie ihren Kopf weg und lässt ihre Lider fallen. Stumm zucken meine Mundwinkel zur Seite, ich scheine ihr doch nicht so egal zu sein, wie ich dachte.

I've been to Africa, looking for my soul
And I feel like an actor looking for a role
I've been in Arabia, I've seen a million stars
Been sipping champagne on the boulevards - Yes


Er führt sie durch den Raum und ich kann die Eifersucht in mir spüren, als er seine Hand auf ihren Unterrücken legt und sie zum Tisch geleitet. Auch wenn ich weiß, dass er einer der guten ist, ich ihn in den letzten Tagen besser kennengelernt habe, stört es mich, dass er neben ihr ist. Ich bin mir im Klaren dass ich kein Anrecht auf mein Schätzchen mehr habe, ich kann ihr nichts vorwerfen und muss meinen Zorn zügeln. Jedoch will ich, dass sie weiß, dass ich nur für sie singe, ich will, dass sie meine Gefühle spürt und mich ansieht. Doch das macht sie nicht, sie beachtet mich nicht und wendet ihren Blick von mir ab.

I'm so sick and tired
Trying to turn the tide, yeah
So I'll say my goodbye
Laugh, laugh
I nearly died


Sie lacht, er flüstert ihr etwas ins Ohr wovon ihr schönes Gesicht leicht errötet und sie den Kopf verlegen zur Seite neigt. Was würde ich nur dafür geben, an seiner Stelle zu sein.. Derjenige zu sein, der sie zum Lachen bringt. In diesem Moment sterbe ich fast, mit dem letzten Gedanken an Usagi Tsukino und der Frage, was wäre wenn..?

I've been down to India, but it froze my bones
I'm living for the city, but I'm all alone
I've been travelling, but I don't know where
I've been wandering, but I just don't care


Was wäre wenn es den Streit mit Taiki nicht gegeben hätte? Was, wenn sie es nicht gehört hätte und ich sie nicht anlügen musste, sie einfach so ohne ihr alles zu erklären verlassen musste? Was wäre wenn ich ihr die Wahrheit gesagt hätte, würde sie dann auf mich warten? Würde sie neben mir sein, wenn ich erwache? Wäre ihr Gesicht das erste, was ich in diesem sterilen Raum erblickt hätte?

Living in a fantasy but it's way too far
But this kind of loneliness is way too hard
I've been wandering, feeling all alone
I lost my direction and I lost my home...Well ...


Aber es gibt kein Zurück mehr, ich habe mich für diesen Weg entschieden und muss ihn gehen. Ich muss mit diesen quälenden Fragen leben, denn der Zeiger der Zeit kann nicht auf Null gesetzt werden. Es ist hoffnungslos und es wäre naiv von mir zu sagen, dass ich noch an uns glaube, denn ich bin ihre Vergangenheit und er ihre Zukunft. Ich bin stolz auf mein Schätzchen, in Gegensatz zu mir hat sie ihr Versprächen gehalten und ich habe meins gebrochen. Ich konnte nicht für immer an ihre Seite bleiben, doch sie hat weitergemacht!

I'm so sick and tired
Now I'm on the side
Feeling so despised
When you laugh, laugh
I almost died


Die letzten Worte des Liedes verlassen meine Lippen und ich suche krampfhaft den Augenkontakt mit ihr, doch sie meidet mich. Was würde ich geben, nur noch einmal in ihre Augen blicken zu können, doch anstatt die glänzenden Kristalle zu mustern, muss ich beobachten wie er ihre Wange küsst und sie leise kichert. „Lache, lache.. denn ich bin längst schon gestorben“, flüstere ich ins Mikrophon, als die Musik verstummt und bemerke wie sie sich verspannt. Ob sie vielleicht erkannt hat, dass ich nur für sie gesungen habe? Ich weiß es nicht, aber sie scheint emotional mitgenommen zu sein, jedoch gibt sie sich stark und der Mann neben ihr bemerkt ihre Stimmungswechsel nicht einmal. Bitter lache ich auf, er bemerkt es nicht obwohl er die letzten fünf Jahre an ihrer Seite war... er kennt sie nicht so gut wie ich.

Gespielt lächelt sie ihn an, bevor sie etwas leise zu dem Weißhaarigen sagt und dann aufsteht. Einen letzten Blick legt sie auf mich und ich erkenne die Tränen in ihren leuchtenden, blauen Augen. Ein schmerzlicher Stich nach dem anderen bohrt sich in meiner Brust ein und ich spüre das dumme Ding in ihr schneller schlagen. Nach all der Zeit ist die Liebe nicht verblasst.

Schnell verabschiede ich mich von der Bühne und lege das Instrument ab, bevor ich mich durch die Masse kämpfe und die Toiletten ansteuere. Ich muss mit ihr sprechen, ich bin ihr eine Erklärung schuldig.
Vor der verschlossenen Tür stehend, höre ich ihr Schluchzen und wenn es anfängliche Zweifel gab, ob ich mich in die Damentoilette wagen soll oder nicht, sind sie verschwunden, nach dem ich den Schmerz in ihrer Stimme gehört habe. Leise, ohne sie zu erschrecken, betrete ich den Raum und sehe sie, wie sie sich kaltes Wasser ins Gesicht spritzt und es dann über ihren Hals verteilt.

„Schätzchen...“, es ist nur ein Wort, kaum hörbar ausgesprochen, das über meine Lippen gleitet und ihren Körper in denselben Moment paralysiert. Sie steht einfach da, guckt mein Bild im Spiegel an und scheint noch immer nicht ganz bei Sinnen zu sein. Ist es wirklich so ein Schock für sie, dass sie mich sieht? Wie viel Zeit vergeht, kann ich nicht sagen und ich befürchte sie auch nicht, in der wir uns einfach nur anstarren... ich ihren Rücken und sie mein Spiegelbild. Was würde ich nur alles geben, wenn sie sich umdrehen würde, doch sie tut es nicht. Wir schauen uns nur an, als ob wir fremde wären, als ob uns nichts verbinden würde... so als ob wir warten würden, das sich alles von selbst klärt und einer von uns sich in nichts auflöst.

„Schätzchen.. ich..“, setze ich wieder an und ihre Spiegel füllen sich mit Tränen, als sie sich zu mir umdreht. Ich weiß nicht was für eine Reaktion ich erwarten soll, denn sie ist wie versteinert und guckt mich nur mit einem traurigen Ausdruck an. „.. Ich glaube, wir sollten reden“, sage ich etwas unsicher zu ihr und sie antwortet nichts darauf, schaut mich nur weiter an und kommt mit langsamen Schritten auf mich zu. „Ich weiß, ich habe dich verletzt aber ich musste es tun.. Ich..“, stottere ich und verliere komplett den Satz aus dem Sinn, den ich mir zuvor zurechtgelegt habe, als sie vor mir stehen bleibt. „Es tut mir leid“, richte ich meinen Blick genau auf den Ihren und im nächsten Moment spüre ich ihre Handfläche auf meiner Wange und kann das darauffolgende Geräusch, dass diese Ohrfeige hinterlässt, hören. Geschlagen senke ich meinen Kopf, ich habe es verdient.

„Du“, vor Wut schäumend fixieren mich ihre Augen und ich kann in ihnen ihre Stärke erkennen. „Wie kannst du es wagen wieder hier aufzutauchen!?“, schreit Bunny mich an und ich kann sie verstehen, aber... „Warum machst du das immer? Hast du vielleicht einen Radar im Kopf der anzeigt, "Guck Bunny ist glücklich, ich gehe mal schnell ihr Leben ruinieren" ?"
„Schätzchen, ich..“, ich versuche es ihr zu erklären, doch sie lässt mich nicht zu Wort kommen. Dieses Mal, auch wenn meine Ziele aufrichtig sind, habe ich es wieder einmal verbockt und sie verletzt.
„Hör auf damit! Nenne mich nicht so, denn das Recht darauf hast du längst verloren!“
„Ich..“
„Nein!“, sagt sie streng und hebt ihre Hand vor meinem Gesicht, deutet mir so an, dass sie von mir nichts hören will.
„Lass es mich erklären“
„Kein Interesse. Ich will dich nie wieder sehen, deine Zeit in meinem Leben ist abgelaufen, ich habe dich längst vergessen, weiß nicht einmal mehr wie du heißt und was du hier machst“, auf einmal spüre ich die Kälte, die aus ihrem Wesen kommt. Was in den letzten Jahren mit ihr passiert ist, kann ich mir nicht erklären, aber dass vor mir ist nicht mein Schätzchen... diese Frau ist anders, diese Frau hat in ihrem Inneren eine Mauer errichtet und keiner kann da durch.. ihr Blick ist kalt und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich sie definitiv verloren hab. Diese Verachtung in ihrem Blick, ist schlimmer als jede Folter und dieser eisige Ausdruck in ihrem Gesicht bricht mir das Herz. Wenn ich früher die Hoffnung hatte, ihr wieder so nahe zu sein wie damals, ist diese Hoffnung jetzt zerplatzt. „Und glaub ja nicht, dass ich es zulassen werde, dass du und Diamond weiterhin Freunde bleibt, also...“, atmet sie tief durch, bevor sie sich einen Schritt von mir entfernt und sich ihr Bild im Spiegel ansieht, „würde ich dich bitten irgendwo anders zu investieren und meinen Ehemann in Ruhe zu lassen“, ohne weitere Zeit mit mir zu verschwenden, geht sie an mir vorbei und verlässt die Toilette und ich bleibe alleine.

Wut steigt in mir auf, vermischt sich mit der Eifersucht, die bereits in mir kocht und der Gewissheit dass sie wieder neben ihm ist. Ich kann dieses Gefühl in mir nicht beschreiben, diesen Wall aufkommender Kraft die mich zwingt meine Fäuste zu ballen und gegen die geflieste Wand zu hämmern. Aus meiner Kehle befreit sich ein zorniger Schrei und ich fühle wie Bunny ein Teil von mir, mit ihren Worten umgebracht hat. Das wild klopfende Etwas in meiner Brust stirbt mit jeder Sekunde, in der ich an ihre Worte denke und der Schmerz benebelt meinen Kopf. Wofür dann all die Qual der letzten Jahre, wenn ich sie nicht an meiner Seite haben darf?






Laugh I Nearly Died - Rolling Stones
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